bumi bahagia / Glückliche Erde

Archiv der Kategorie: Deutschland

Roger G. Dommergue Polacco de Ménasce / Das Schweigen Heideggers / Kleine Einzelheiten

Indes dieser Tage und Wochen das Menschengeschehen kraftvoll und mit gewaltigem Accelerando vorwärts, hin zu einer friedensvolleren Erde drängt, halte ich kurz inne, mache eine auf 31 Seiten festgehaltene gewichtige Retrospektive enthaltende Klammer.
Zeittypisches betrifft die 80er Jahre, bitte die Erscheinungsdaten beachten.
Nebenbei…die Formatierung war mal wieder eine Heidenarbeit.
Eingereicht von Gernotina
Thom Ram, 16.03.NZ8 (Neues Zeitalter, Jahr acht)
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Roger G. Dommergue Polacco de Ménasce

Docteur de l’université de Paris (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 10 / Amnestie und Nachwort

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Amnestie

Am 7. Oktober, dem „Tag der Republik“, mußten alle Häftlinge aus den Zellen raustreten und in den Kinosaal marschieren‚ wo eine Feierstunde abgehalten werden sollte. Auf dem Weg dorthin witzelten noch einige Häftlinge: „Vielleicht gibt es eine Amnestie“‚ doch keiner nahm das ernst, denn eine Amnestie hatte es ja in der DDR noch nie gegeben. Schläfrig saßen wir in den Banken im Kinosaal und dachten noch, hoffentlich ist bald die Feierstunde vorbei und die „Bullen“ lassen  uns zurück in die Zellen, wo man wenigstens etwas schlafen kann.

Der Chef des Zuchthauses Brandenburg, Oberst Ackermann, trat dann ans Rednerpult und begann:

„Aus Anlass des 23. Jahrestages der DDR wurde heute vom Ministerrat eine Amnestie beschlossen. Ich verlese den Wortlaut.“ 

Ich glaube, so interessierte Zuhörer hatte noch nie dieser Redner. Es war einfach unfassbar‚ was er dort vorlas. (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 9 / Arbeitskomando und Zuchthaus Brandenburg

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Arbeitskommando

Nach zwei Wochen „Zugangszelle“ kam ich dann in das Arbeitskommando „Entgraterei“. Meine neuen Zimmergenossen waren alles prima Kerle, bei denen ich mich wieder wohler fühlte. Es waren der Theologe Theo, Robert aus Dresden‚ den ich ja schon vom Klo-Sprechen kannte und der damals mein Schach-Gegner war, der Arzt Janosch‚ der in Dresden kurze Zeit neben mir auf der Zelle lag und dessen Verurteilung ich in den ersten Wochen noch mitbekommen hatte, „Schnacki“, der wegen „Verherrlichung des Faschismus“ saß und ab und zu witzige Einlagen machte, und noch ein paar andere Häftlinge‚ mit denen man gut auskommen konnte. Auch Carsten‚ den ich in der Transportzelle kennengelernt hatte, war in der gleichen Station‚ nur in der Nebenzelle. So konnte ich auch die Arbeitszeit ganz gut rumbringen, indem ich mich fast nur mit Carsten unterhielt, mit dem ich mich am besten verstand. (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 8 / U-Haftanstant Schiessgasse und Zuchthaus Cottbus

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Abtransport in die „Schießgasse“

Drei Tage darauf, am Freitag‚ wurde ich dann geholt‚ musste meine Bettwäsche zusammenpacken, das Besteck abgeben, und nach einer genauesten Leibesvisitation, bei der ich mich wieder völlig nackt absuchen lassen musste‚ wurde ich in eine andere Zelle gesperrt‚ in der ich auf den Abtransport in die Kripo-U-Haft „Schießgasse“ warten musste. Von dort, so hatten mir andere Häftlinge erzählt‚ würde es dann in wenigen Tagen weiter in ein Zuchthaus gehen, wo ich dann meine Strafe absitzen müsste. (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 7 / Menschenhändler, Einzelhaft und Gerichtsprozess

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Anklage als Menschenhändler

Als ich wieder mal zur Vernehmung geholt wurde, legte mir mein Vernehmer ein Schreiben auf den Tisch, das ich unterzeichnen sollte. Total schockiert war ich, als ich darin las, dass ich neben den Paragraphen 100 und 213 nun auch noch wegen „staatsfeindlichem Menschenhandels“ (Paragraphen 105) beschuldigt wurde. Was, so dachte ich, habe ich denn mit Fluchthilfe, oder, wie es offiziell heißt, „Menschenhandel“, zu tun? Ich wollte doch selber in den Westen und habe doch nicht Leute gegen Geld nach drüben befördert! Wie kommt denn der Staatsanwalt nur auf so etwas?

„Ja Thobias, nun tuen Sie doch nicht so unschuldig“, sagte mein Vernehmer, „oder wollen Sie jetzt etwa abstreiten, dass Sie damals, ich glaube es war am 15. Oktober, mit dem VW die Effi und das Ehepaar nach Michendorf befördert haben, diese dem ”Muck‘ übergaben und dann das Fluchtmittel VW zurück nach Berlin brachten. Das ist doch eindeutig ‘staatsfeindlicher Menschenhandel‘.“

„Aber nach Michendorf bin ich doch nur gefahren, um den VW am nächsten Tag für meine Flucht zur Verfügung zu haben. Wenn ich den VW nicht gebraucht hätte, wäre ich doch nie mit der Effi und dem Ehepaar zusammengekommen. Die hätten doch auch ganz allein nach Michendorf fahren können.“

„Hören Sie mal, Thobias, wir sind hier kein Spekulanten-Verein, sondern ein Untersuchungsorgan! Wir ermitteln die Wahrheit und leiten diese dann weiter an den Staatsanwalt. Was der dann daraus macht, ist nicht unsere Sache. Erzählen Sie diese Ausreden Ihrem Staatsanwalt. Der wird Sie sowieso in der nächsten Zeit aufsuchen. Ob der Ihnen dann Ihre Ausreden abkauft, bezweifle ich allerdings.“

Völlig fix und fertig wurde ich wieder in meine Zelle abgeführt. Jetzt ärgerte ich mich über meine Dummheit, damals alles ehrlich erzählt zu haben. Hätte ich doch bloß die Sache mit Michendorf ausgelassen! Dass die Stasi-Leute davon nichts gewusst hatten, ging ja aus der Tatsache hervor, dass die Flucht von Effi und dem Ehepaar geklappt hatte und dass von ‘staatsfeindlichem Menschenhandel‘ in meinem Haftbefehl nichts vermerkt war. Also hätte ich mir doch bei der Vernehmung irgend etwas Anderes für den Tag in Michendorf und die Herkunft des VW, den ich ja für die Fahrt nach Michendorf gebraucht hatte, ausdenken können. Auch Gabi und Dirk hatten nichts gewusst von der Aktion in Michendorf, so dass auch ihre Aussagen mich nicht hätten belasten können. Aber jetzt war es zu spät. Damals war ich zu fertig gewesen, mir so klare Gedanken zu machen, und jetzt konnte ich meine Aussagen nicht mehr widerrufen. Ich musste mich also damit abfinden, dass sich mein Strafmaß um mindestens ein Jahr, also auf drei Jahre, erhöhte. Hoffentlich, so sagte ich mir, klappt es mit der Ausweisung. Das ist der einzige Hoffnungsschimmer aus dem ganzen Schlamassel, und dann brauche ich ja wahrscheinlich auch nicht die ganze Strafe voll abzusitzen.

Inzwischen machte ich mir aber wegen einer anderen Sache furchtbare Sorgen. Bei meinem Geständnis am Anfang meiner Haft, es war in der zweiten Nacht, hatte ich doch nicht erwähnt, wie wir rüber geschleust werden sollten. Und jetzt wollte mein Vernehmer dauernd etwas darüber erfahren, doch ich blieb hartnackig dabei, es nicht zu wissen. Hoffentlich, so dachte ich, plaudern Gabi und Dirk auch nichts darüber aus. Wenn erstmal einer von den Beiden etwas darüber zugibt, bin ich bei den Stasi-Leuten als Lügner verschrieben, und dann kann ich mich auf eine andere Vernehmungsart gefasst machen. Bis jetzt verliefen die Vernehmungen immer noch ganz ruhig, aber das konnte sich schnell ändern. Einen kleinen Einblick erhielt ich ja am Anfang, als ich fast nur angeschrienen wurde. Auch die Autonummer des VW vom „Muck‘ in Michendorf hatte ich verschwiegen, mit der Begründung, sie vergessen zu haben. Doch einmal löcherte mich mein Vernehmer plötzlich, doch endlich die Autonummer zu sagen, ich blieb aber dabei, sie nicht zu wissen.

„Na, nun sagen sie uns schon die Nummer. Oder soll ich ein bisschen nachhelfen?“

„Ich weiß die Autonummer wirklich nicht mehr“, erwiderte ich.

„War es nicht eine Autonummer mit der Zahl 555?“

Nanu, staunte ich. Woher weiß der denn die Nummer, die wirklich stimmt! Aber da erinnerte ich mich, diese Zahl Dirk und Gabi genannt zu haben, als wir in Magdeburg auf „Muck“ warteten und sie auch mit Ausschau halten sollten. Also musste einer ausgeplaudert haben, und ich hatte jetzt zu tun, weiterhin zu beteuern, dass ich diese Nummer vergessen hatte. Doch die Buchstaben der Autonummer, die der Vernehmer jetzt auch noch wissen wollte, konnte ich wirklich nicht sagen, denn die hatte ich mir nie gemerkt. So musste ich jetzt Einiges über mich ergehen lassen, bis der Vernehmer und der Hauptmann endlich einsahen, dass ich die Buchstaben wirklich nicht wusste. Wie leicht konnten also auch Gabi und Dirk über die Art und Weise, wie wir rüber geschmuggelt werden sollten, Auskunft gegeben haben, da wir das ja alle wussten!

Da ich von zu Hause immer noch keinen konkreten Hinweis hatte, dass für meine Ausweisung alles eingeleitet war, und mir Raimund durchs Klo aber sagte, dass die Ausweisung nur klappt, wenn der Rechtsanwalt Bescheid bekommt, direkt oder über Umwege, dass man rüber will, schrieb ich an Dr. Vogel einen Brief, damit er mich hier in Dresden aufsucht und ich ihm dann meinen Entschluss selber mitteilen konnte. Ich erhielt jedoch keine Antwort und versuchte es darum ein paar Wochen später noch mal. Diesmal antwortete mir Dr. Vogel, dass er seinen Vertreter aus Dresden, den Rechtsanwalt Völzke, zu mir schicken würde. Ich malte mir daraufhin schon in Gedanken aus, was ich ihm sagen würde. Ein paar Tage darauf kam er dann auch in die U-Haft, doch sein Besuch ergab sich für mich als völlig sinnlos. Über meinen Fall durfte ich nicht sprechen, da er noch nicht abgeschlossen war und der Rechtsanwalt darum noch nichts über meine „Straftat“ wusste, und über die Ausweisung reden ging auch nicht, denn mein Vernehmer saß daneben und der durfte ja nicht wissen, wie ich wirklich dachte. Dass beim Besuch des Rechtsanwaltes mein Vernehmer dabeisitzen würde, hatte mir vorher keiner gesagt, so dass ich darüber total erstaunt war. So konnte der Rechtsanwalt gerade fragen, ob ich genug zu Essen hätte und wie ich mich gesundheitlich fühle. Auch in der Frage der Einzelhaft konnte er mir nicht helfen.

Eines Tages erzählte mir mein Vernehmer so ganz nebenbei, dass auch Konrad aus West-Deutschland hier in der U-Haft wäre. Ich dachte, meinen Ohren nicht trauen zu können, als ich das erfuhr. Konrad war also‚ wie er uns damals gesagt hatte, drei Wochen nach dem letzten missglückten Fluchtversuch, wieder nach Ost-Berlin gekommen, um sich mit Gabi zu treffen. Dabei hatte man dann die Beiden verhaftet. Einerseits gab mir das natürlich einen ganz schönen Schock. Doch andererseits nahm mir das auch wieder eine große Sorge ab, denn ich sagte mir: Wenn Konrad gleich zwei Tage nach meiner Verhaftung nicht mehr nach West-Berlin zurückkam‚ dann können die sich drüben auch ausrechnen, dass ich ebenfalls verhaftet sei. Also hatte man Regina auf keinen Fall in den Osten locken können‚ um sie auch noch  zu ergreifen. Dann hatte mein Bruder Dieter also bestimmt auch so schnell nach meiner Verhaftung veranlasst, dass ich Dr. Vogel als Verteidiger bekam und meine Ausweisung war beantragt. Auch von meinen Eltern erhielt ich einen Bescheid in dieser Richtung. Mein Vater teilte mir in einem Brief ungefähr sinngemäß mit, dass „die Sache mit den roten Cord-Jeans geregelt sei‚ ich würde sie wiederbekommen“.

Weiterhin in Einzelhaft

Inzwischen war schon Februar und ich hatte immer noch mehrmals in der Woche Vernehmungen. Ich staunte nur über mich selbst, was mir im Laufe der Zeit doch alles für Einzelheiten einfielen‚ und die wollten die Stasi-Leute wissen. Auch zeigte mir mein Vernehmer einmal Fotos, auf denen ich mit Dirk und Mali zu sehen war. Im gleichen Atemzug jedoch stritt mein Vernehmer dann wieder ab, dass ich jemals beschattet worden war. Ich war aber schon so weit abgestumpft, dass ich mir darüber nur noch meine Gedanken machte, ihm aber immer Recht gab. 

Da die Stasi-Leute unbedingt rauskriegen wollten, wer sich hinter dem Namen „Muck“ verbarg, legten sie mir Fotografien von sämtlichen Bundespässen vor, die am 14. Oktober, als „Muck“ mir die Anweisungen für Michendorf gab, die Grenze nach Ost-Berlin passierten. Inzwischen war aber schon zu viel Zeit vergangen‚ und ich konnte ihn wirklich nicht mehr herausfinden.


Anmerkung von heute: Oft ist in den Medien die Rede von physischer Folter in der Haft, um ein Geständnis zu erpressen. Ich bin der Meinung, dass eine physische Folter überhaupt nicht nötig ist, um einen Häftling zum Sprechen zu bringen. Eine langzeitige Einzelhaft, bei der man nur mit einer bestimmten Bezugsperson (Vernehmer) sprechen darf, reicht völlig aus, um ein ausführliches Geständnis zu bekommen. Der Mensch hat ein wahnsinnig starkes Bedürfnis danach sich mitzuteilen. Nach einer langen Einzelhaft wird man nicht nur gesprächig, sondern man kann das Mitteilungsbedürfnis nur noch mit grösster Anstrengung zurück halten. Damit will ich die Grausamkeit der Einzelhaft nicht herunterspielen. Die Folgen von so einer langen Isolation sind langfristig und psychisch. Für den Vernehmer hat die Einzelhaft den grossen Vorteil, dass im Allgemeinen keinen offensichtlichen Beweisen für eine Folter vorliegen. Wenn also von physischer Folter in Gefängnissen die Rede ist, ist das nur das Resultat sadistischer Eigenschaften der Peiniger, oder die Ermittler stehen unter einem extremen Zeitdruck.


Durch die lange Einzelhaft war es für mich ein großes Bedürfnis, mich irgend jemandem mitzuteilen. Die Klo-Gespräche wurden aber immer seltener und so blieb mir nur der Vernehmer‚ der ja immer korrekt und manchmal sogar freundlich zu mir war. Natürlich war ich mir darüber im Klaren, dass das seine Taktik war, doch ich wurde bei ihm immer gesprächiger.

lm März erschien mein Staatsanwalt in der U-Haft‚ der sich mit dem Namen Zöllner vorstellte. Nicht nur sein äußerst fieses Aussehen ließ ihn mir gleich unsympathisch erscheinen. Auch seine Art, mich ständig spüren zu lassen‚ wie sehr er mich hasste, und dass er in mir den größten Verbrecher sah, machte ihn auch mir verhasst. Trotzdem fragte ich ihn‚ warum ich immer noch in Einzelhaft sei, und darauf antwortete er mir:

„Machen Sie sich keine Hoffnungen, mit jemandem zusammen in eine Zelle zu kommen. Ihre Einzelhaft habe ich angeordnet und sie wird auch bis zum Gerichtsprozeß beibehalten.“

Da hatte mich also mein Vernehmer ständig angelogen‚ als er sich bei mir dauernd mit der Ausrede von „keinem entsprechenden Fall für mich“ herausredete. Aber inzwischen hatte ich mich schon an die Einzelhaft gewöhnt, so dass mich die Auskunft des Staatsanwaltes Zöllner gar nicht mehr so beeindruckte. Ich hatte einige Beschäftigungen gefunden, mit denen ich die Zeit ganz gut über die Runden bringen konnte. So zeichnete ich mit einem Nagel auf Schokoladen-Silberpapier (Papier und Bleistift waren in der Zelle streng verboten), entwarf eine komplette Modelleisenbahn-Anlage bis in die kleinsten Einzelheiten, konstruierte Häuser und malte noch vielen anderen Blödsinn. So verging die Zeit eigentlich recht schnell und ich konnte es kaum fassen, dass ich nun schon über vier Monate in Einzelhaft eingesperrt war.

Die lange Einzelhaft wirkte sich allmählich auch auf meine Sinnesorgane aus. Da ich schon seit Monaten nicht mehr in die Ferne schauen konnte (die weiteste Entfernung zum Gucken war von einem Ende der Zelle zum anderen Ende, also nicht mehr als 3 Meter), versuchte mein visueller Sinn diese Einschränkung zu kompensieren. Wenn ich in der Zelle auf und ab lief und dabei auf die ungepflegten Wände schaute, erschienen diese Wände, als wenn sie weit entfernt waren. Die fleckigen Wände gaben mir das Gefühl, als wenn ich mit einem Flugzeug über einer Landschaft flog.

Ein anderes Phänomen erlebte ich mit der Musik, oder besser gesagt, mit der nicht vorhandenen Musik. Da ich schon monatelang keine Musik mehr gehört hatte, versuchte mein Gehirn auch diesen Zustand zu kompensieren. Bei jedem anhaltendem Geräusch in der Ferne hörte ich irgendeine Musik darin. Ich erinnere mich, zum Beispiel, dass irgendwo in der Ferne jemand mit einem Presslufthammer viel Lärm machte. In meinem Gehirn wurde aus diesem Lärm Musik. Ich hörte im Geräusch des Presslufthammers Melodien. Auch hatte ich während dieser Zeit viele Ideen für neue Melodien. Leider konnte ich davon nichts aufschreiben, denn ich kann keine Noten schreiben, und Papier und Bleistift waren ja verboten.

Inzwischen war Raimund in eine andere Zelle verlegt worden, doch die Klo-Verbindung blieb weiterhin bestehen. Wir waren inzwischen schon regelrecht Vertraute geworden, denn mit ihm hatte ich von allen Häftlingen die längste Zeit Verbindung. Ich kannte seinen Nachnamen Kolansky, unsere Adressen hatten wir ausgetauscht und ein Treffen im Westen war auch schon ausgemacht. Auch andere Leute hatte ich inzwischen kennengelernt, zum Beispiel zwei Zellen neben mir einen Andreas‚ schräg über mir Rudi, dann noch Olaf, Titus, Bernd, Wilhelm, Christine, Heidi und den 17-jährigen „Caro“. Dieser „Caro“ war ein furchtbarer Spinner und ich dachte mir, dass ich doch lieber in Einzelhaft sei, als mit so Einem zusammen in einer Zelle.

Gerichtsprozess

Als man mir im April sagte, dass die Ermittlungen abgeschlossen seien und in den nächsten vier Wochen mit dem Prozess zu rechnen sei, verging die Zeit wieder so langsam wie in den ersten Tagen. Jetzt fühlte ich mich dauernd krank, mal hatte ich Durchfall und Bauchschmerzen, dann wieder Verstopfung, und auch das Alleinsein nahm mich mächtig mit. Da keine Vernehmungen mehr waren, kam ich kaum noch aus meinen vier Wänden raus und die Zelle wurde mir immer kleiner. Abends bildete ich mir manchmal sogar schon Gespenster ein, das heißt‚ Lichtreflexe und Schatten sah ich um mich rum huschen, für die ich bei genauem Hinsehen keine Erklärung fand. Diese Wochen waren keine angenehme Zeit und ich hoffte nur, dass der Prozess bald beginnt und ich in eine andere Umgebung komme.

Ende April, nach ungefähr 6 Monaten Einzelhaft und Vernehmungen, erhielt ich dann endlich die Anklageschrift‚ das bedeutete, in der nächsten Woche war der Prozess. Als ich mir diese Anklageschrift durchlas dachte ich, mich trifft der Schlag. Nach den Worten des Staatsanwaltes war ich der schlimmste Verbrecher, den es jemals gab, und ein Mörder war in seinen Augen bestimmt besser angesehen. Andererseits nahm ich die Anklageschrift aber gelassen hin, denn ich wusste ja, dass Alles für meine Ausweisung veranlasst war und mich jetzt das Urteil sowieso nichts anging; ich musste nur noch auf den Abtransport gen Westen warten.

Jetzt durfte ich auch mit einem Rechtsanwalt, der inzwischen meinen Fall übernommen hatte‚ unter vier Augen sprechen. Dr. Vogel‚ der sich selber nicht mit der Verteidigung seiner Klienten abgab, hatte meinen Fall an Rechtsanwalt Völzke aus Dresden übergeben. Der musste jedoch für mich noch einen anderen Rechtsanwalt besorgen, den Rechtsanwalt Hamann, da er schon Gabi und Konrad zu verteidigen hatte. Diesem Rechtsanwalt Hamann, der einen recht sympathischen Eindruck auf mich machte, beauftragte ich, um ganz sicher zu gehen, Dr. Vogel unbedingt mitzuteilen, dass ich weiterhin in die Bundesrepublik möchte und er alles für meine Ausweisung tun soll. Mein Rechtsanwalt versicherte mir, dieses Dr. Vogel auszurichten, doch selber tat er so, als wüsste er nichts über die Ausweisungsmöglichkeit. Seinem lächelnden Gesicht konnte ich aber ansehen, dass alles für mich getan wurde.

Vom Dienstag dem 24. April bis zum Donnerstag dem 26.4. erstreckte sich dann der Prozess gegen Konrad‚ Gabi‚ Dirk und mich. Zum Gericht wurden wir in einem Spezialauto hin transportiert‚ das außen wie ein normaler Lieferwagen aussah und innen in kleine Zellen unterteilt war. Während der Fahrt wurde mir furchtbar schlecht‚ denn nach einem halben Jahr in der Zelle sitzen machten mir das Autofahren und die Auspuffgase sehr zu schaffen. Dazu kam noch, dass ich rückwärts sitzen musste und die Zelle so klein war, dass ich gerade hineinpasste, mich aber nicht mehr bewegen konnte. Nicht viel hatte gefehlt, und ich hätte mich übergeben müssen; doch da hielt das Auto Gott-Sei-Dank wieder an und wir Vier wurden‚ jeder von einem Posten an einer „Knebelkette“ gehalten, ins Gerichtsgebäude abgeführt.

An den Prozess kann ich mich, wegen der Fülle der neuen Eindrücke nach der langen Einzelhaft, nur noch sehr schwach erinnern. Alles kam mir wie ein Alptraum vor. Gabi, Konrad und Dirk konnte ich jetzt auch wiedersehen‚ wobei ich Konrad kaum erkannte. Ihn hatte die Einzelhaft wohl am meisten von uns Vieren mitgenommen. Obwohl wir nicht miteinander sprechen durften – ein Posten stand ständig daneben – konnte ich mir doch durch Flüstern Gewissheit schaffen, dass die Anderen nicht über die Durchführung der Flucht gesprochen hatten. Diese Sache konnte also nicht vor Gericht besprochen werden. Damit war eine große Sorge von mir genommen‚ denn ich hatte mir schon in allen Farben ausgemalt, wie ich dastehen würde, wenn mir der Richter plötzlich vorhält, dass ich der Einzige sei, der sich noch immer „gegen unseren Staat und unsere Gesellschaft stellt und den Aufklärungsorganen bis zum Schluss Schwierigkeiten macht, indem er weiterhin der Schleuser-Organisation Vorschub leistet und nicht darüber spricht, wie er geschleust werden sollte“. Doch soweit konnte es also nicht kommen, da alle dichtgehalten hatten.

Der Prozess verlief dann wie eine perfekte Theatervorstellung‚ natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Den Vorsitz führte eine Richterin und neben ihr saßen zwei Rentner als Schöffen. Dann waren noch von Dirk‚ Gabi und mir je ein „gesellschaftlicher Ankläger“ und ein „Gesellschaftlicher Beobachter“ anwesend‚ die Anklage führte der Staatsanwalt Zöllner und zur Verteidigung waren mein Rechtsanwalt Hamann, für Gabi und Konrad Rechtsanwalt Völzke und für Dirk noch ein unbenannter Rechtsanwalt mit Parteiabzeichen bestimmt worden.

Es begann mit der „Beweisaufnahme“‚ bei der jeder von uns vier Angeklagten noch mal alles erzählen musste‚ wie die letzten Monate vor der Verhaftung verliefen. Dabei stellten die Richterin und die beiden senilen Schöffen ab und zu solche Fragen wie zum Beispiel:

„Angeklagter Thobias, haben Sie sich denn auch mal Gedanken darüber gemacht, dass in dem VW, mit dem Sie die Schleusung in Michendorf durchführten, von der Schleuserorganisation eine Bombe eingebaut sein konnte, mit der man Sie töten wollte? Aus Rundfunk, Presse und Fernsehen sind Ihnen doch sicher die Praktiken solcher Verbrecher-Organisationen bekannt.“

Einmal wurde ich auch ermahnt, das Gericht nicht für dumm zu verkaufen. Ich wollte doch unbedingt noch mal versuchen‚ den „Menschenhandel“-Paragraphen los zu werden. Darum brachte ich wieder meine Ausrede an, die Fahrt nach Michendorf nur gemacht zu haben‚ um für meine eigene Flucht ein Auto zu haben. Doch damit verärgerte ich die Richterin nur noch mehr und sie ermahnte mich mehrmals zur Disziplin.

Während dieser „Beweisaufnahme“ sagten die Verteidiger fast kein Wort, denn sie wussten ja, dass sie das schon längst feststehende Urteil doch nicht mehr ändern konnten. Und den Mund wollte sich von den Anwälten ja auch keiner verbrennen.

Am dritten Tag wurden dann die Schlussreden der Ankläger und der Verteidiger gehalten. Während die Rechtsanwälte lediglich unsere ‘“makellose, sozialistische Lebensweise vor Beginn der Straftat“ hervorheben konnten, die Staatsanwalt Zöllner jedoch gleich als „geschickte Tarnung der Angeklagten“ auslegte, tobten sich die „gesellschaftlichen Ankläger“ so richtig ihre Aggression an uns aus. Mein gesellschaftlicher Ankläger“‚ ein Dr. Backmeister von der TU Dresden, forderte für mich sogar die Höchststrafe‚ wobei für den Paragraphen 105 („Menschenhandel“) nach dem Strafgesetzbuch kein Höchstmaß angegeben ist; „lebenslänglich“ wäre ihm also noch zu wenig gewesen.

Staatsanwalt Zöllner hatte dann die Gelegenheit, eine mehrstündige Rede zu halten‚ die von Gestik und Mimik unterstrichen‚ kein Schauspieler hätte nachmachen können. Ungefähr drei Viertel seiner „Anklagerede“ bezogen sich auf den „Unruheherd West-Berlin“, „Die Bonner Brandt-, Strauß- und Barzel-Clique“ und der „Imperialismus als Hauptfeind“, während er im restlichen Viertel dann auf uns Angeklagte wetterte. 

Der Strafantrag des Staatsanwaltes gab uns dann einen mächtigen Schock, denn mit so hohen Strafen hatte keiner – auch nicht in den schlimmsten Vermutungen – gerechnet. Für mich beantragte er 4 Jahre und 3 Monate, für Konrad sogar 4 Jahre und 8 Monate, Dirk sollte 3 Jahre und 4 Monate bekommen und Gabi 2 Jahre und 6 Monate.

Nachdem für den 2. Mai die Urteilsverkündung vereinbart war‚ wurden wir dann wieder‚ eingepfercht in das Spezial-Stasi-Auto, in die U-Haft zurückgebracht.

Dass ich zu über vier Jahren verurteilt werden sollte‚ konnte ich einfach nicht fassen. Erhofft sich denn der Staatsanwalt, so fragte ich mich, dass ich nach vier Jahren anders denke und ein „sozialistischer Staatsbürger“ werde? Weiß denn der Staatsanwalt überhaupt‚ was vier Jahre für eine lange Zeit sind? Wenn ich mir vorstellte, dass ich zum Beispiel vier Jahre lang zur Oberschule gegangen war, und an die Länge dieser Zeit dachte‚ war es einfach unfassbar, dass ich jetzt zu so einer Strafe verurteilt werden sollte. Das mußten auch die Richterin und die Schöffen einsehen, und sicher würden sie das Urteil‚ so hoffte ich, doch nicht ganz so hoch festlegen.

Am 2. Mai war dann die Urteilsverkündung. Gespannt lauschten Konrad‚ Gabi‚ Dirk und ich auf das Urteil des Gerichtes. Doch alle Illusionen wurden zerschlagen‚ als nach endlosem Gesülze, ähnlich dem des Staatsanwaltes, „im Namen des Volkes“ verlesen wurde:

„Das Hohe Gericht verurteilt die Angeklagten

      Dr. Konrad Engelhard zu 4 Jahren 8 Monaten,

      Uwe Thobias zu 4 Jahren 3 Monaten,

      Dirk Polski zu 3 Jahren 4 Monaten und

       Dr. Gabi Krätschmar zu 2 Jahren 4 Monaten

strengen Strafvollzug.

Außerdem werden als Tatwerkzeuge eingezogen:

        1 PKW VW der Eveline Lading (nicht anwesend)

        1 PKW BMW (Mietwagen vom Dr. Konrad Engelhard aus West-Berlin)

         1 PKW Trabant vom Angeklagten Thobias

         Bargeld in Höhe von 2900 Mark, ebenfalls vom Angeklagten Thobias.“

Das Gericht hatte also alle Anträge, bis auf den von Gabi‚ der um zwei Monate herabgesetzt wurde, angenommen. Meinen Trabant hatten sie mir als „Tatwerkzeug“ weggenommen, weil ich im Juni damit mal nach Berlin fuhr, als ich mich dort mit Regina traf, und der BMW, mit dem Konrad aus West-Berlin am Tage seiner Verhaftung in den Osten kam, war auch „Tatwerkzeug“‚ da Konrad bei dem Treff mit Gabi noch mal mit ihr über die geplatzte Flucht sprach.

Über dieses hohe Urteil waren natürlich auch alle Häftlinge erstaunt, die ich durchs Klo davon unterrichtete; damit hatte keiner gerechnet‚ wobei die Leute allerdings auch nicht genau wussten‚ was ich eigentlich gemacht hatte. Über Einzelheiten der „Straftaten“ unterhielten wir uns dort doch lieber nicht, da ja die Stasi-Leute leicht unsere Gespräche abhören konnten und das auch schon oft vorgekommen sein soll. Berufung gegen dieses Urteil einzulegen rieten mir alle ab, da sonst  die Ausweisung nur verzögert würde. Auch der Rechtsanwalt meinte, dass es sinnlos wäre. Das Gericht würde den Berufungsantrag ganz bestimmt ablehnen oder meine Strafe nur noch erhöhen. So wurde das Urteil nach sieben Tagen Berufungsfrist rechtskräftig und ich musste täglich mit dem Abtransport in eine Strafvollzugsanstalt (Zuchthaus) rechnen.

Abtransport in die „Schießgasse“

Drei Tage darauf, am Freitag‚ wurde ich dann geholt‚ musste meine Bettwäsche zusammenpacken…..

Fortsezung folgt

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Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 6 / Kontakt mit Häftlingen, Hoffnung, Weihnachten und Vaters Besuch

Hier geht es zum Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4 und Teil 5.

Verbindung mit anderen Häftlingen

Als ich wieder in der Zelle eingeschlossen war‚ hörte ich dauernd Jemanden von der Nebenzelle gegen die Wand klopfen. Schon gestern war mir dieses Klopfen aufgefallen‚ doch da hatte ich keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Jetzt konnte ich mich aber genau darauf konzentrieren. Dieses Klopfen musste irgend etwas bedeuten, denn ich erkannte in den Klopfzeichen etwas Regelmäßiges. Noch einmal suchte ich ausführlich die Zelle ab. Vielleicht, so dachte ich, finde ich irgendwo eingeritzt den Kode für die Klopfzeichen. Aber mein Suchen war vergebens, ich fand nichts. Inzwischen wurde das Klopfen mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit fortgesetzt. Nach einer Pause zählte ich die Klopfzeichen mal mit und es ergaben sich die Zahlen 14,1,13‚ 5. Was hat das bloß zu bedeuten, dachte ich. Wenn ich doch den Kode zum Entschlüsseln der Zeichen hätte! Vielleicht könnte ich dann Verbindung zu anderen Gefangenen aufnehmen. Ich musste unbedingt rauskriegen‚ was die Zahlen 14, 1‚13, 5 bedeuteten, die immer noch geklopft wurden. (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 4 / Breschnews Besuch und Beschattung

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29. Oktober 1971: Nächster Fluchtversuch – Breschnews Besuch

Ohne noch großartige Erklärungen abzugeben, fuhr ich dann am Freitag den 29. Oktober wieder nach Berlin. Auch diesmal empfing Mali wieder Dirk und mich auf dem Ostbahnhof und wir fuhren zusammen in ihre Treffwohnung. Vorher schauten wir noch mal zu unserem zurückgelassenen VW vor dem Ostbahnhof‚ doch der stand nach wie vor unverändert an seinem Platz. Diesmal hatte ich schon in Dresden versucht, die Stasi-Leute loszuwerden, bevor ich zum Bahnhof gefahren war. Ob ich dabei wirklich Erfolg gehabt hatte, weiß ich nicht, jedenfalls zeigte sich dann im Zug nach Berlin nichts Verdächtiges. Mali war recht guter Stimmung, denn sie meinte, das „Scheiß-Spiel“ wäre nun endlich bald vorbei, morgen würden sie uns rüber holen.

Am nächsten Morgen traf ich mich mit Dirk um 10.00 Uhr vor einer Buchhandlung am Alexander-Platz wieder mit Mali. Diese führte uns gleich darauf zum “Neptun-Brunnen“, wo schon Konrad und Gabi auf uns warteten, und verschwand dann wieder nach West-Berlin. Konrad, der wusste, wie es weiter ginge, sollte jetzt die Führung übernehmen. Mit Konrads BMW fuhren wir zuerst zum Treptower Park. Dort setzten wir uns an der Bulgarischen Straße in eine Gaststätte, um auf eine weitere Person zu warten. Konrad musste alle halbe Stunde raus auf die Straße gucken, denn es war keine feste Treffzeit ausgemacht, sondern nur, dass zu jeder vollen halben Stunde mit dieser Person gerechnet werden konnte. Das war wieder eine der Sicherheitsmaßnahmen der Fluchthelfer, die kein Risiko eingehen wollten. Konrad war diesem Mann am Vormittag in West-Berlin gegenübergestellt worden, so dass er ihn wiedererkennen konnte. Uns beschrieb er ihn als einen Ausländer mit schwarzen Haaren, der nur gebrochenes Deutsch spräche und den Decknamen “Fritz“ hätte. Wenn dieser „Fritz“ von Konrad gesehen würde, sollte er ihn uns zeigen, so dass wir ihm nachgehen könnten, und Konrad musste dann schleunigst nach West-Berlin verschwinden.

Als der „Fritz“ um 13.00 Uhr immer noch nicht erschienen war, entschlossen wir uns, die ungemütliche Gaststätte zu verlassen und im Park spazieren zu gehen. Wir hielten uns in der Nähe der Bulgarischen Straße auf, so dass Konrad weiterhin schnell alle halbe Stunde dort nach dem Ausländer „Fritz“ Ausschau halten konnte. Natürlich waren wir alle sehr aufgeregt. Nur noch wenige Stunden, und wir sollten alle im Westen sein! Keiner konnte es sich so richtig vorstellen; hatten wir doch bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht. Und dann wussten wir ja noch nicht einmal, auf welche Art und Weise wir überhaupt rüber geholt werden sollten. Konrad war wieder mal zur Bulgarischen Straße gegangen, um Ausschau nach dem Ausländer zu halten, als er noch aufgeregter zurückkam. “Da vorn steht überall Polizei, jetzt ist alles aus!“

Ratlos schauten wir uns an. Dass die Polizei nicht wegen uns dort stand, war klar. Aber sollte heute etwa wieder die gleiche Panne passieren, wie in Magdeburg? Also gingen wir erstmal alle zur Straße vor und überzeugten uns selber davon, wie die Lage ausschaute.

Doch Konrad hatte sich nicht getäuscht: Mehrere Polizeiautos und etwa alle 10 Meter ein paar Polizisten, die auf irgendwas zu warten schienen. Was hatte das bloß zu bedeuten? Ein Polizist, den wir einfach befragten, gab uns keine Auskunft. Inzwischen bemerkten wir auch, dass jetzt gar kein Auto mehr auf der Straße fuhr; die Straße musste abgesperrt worden sein. Um endlich Klarheit zu erlangen, gingen wir ein Stückchen die abgesperrte Straße entlang. Etwas weiter vorn standen einige Fußgänger, und als wir die befragten, was das riesige Polizeiaufgebot und die Straßensperrung zu bedeuten hätten, erfuhren wir folgendes: Heute Nachmittag sollte der sowjetische Parteichef Breschnew zu einem inoffiziellen Besuch nach Berlin kommen. Aus diesem Grund wurde die Straße gesperrt, denn wir befanden uns auf der Strecke, die vom Flughafen Schönefeld zum Ost-Berliner Regierungsbezirk führte. Aus diesem Grund auch die viele Polizei. Jetzt wussten wir also, was hier vor sich ging. Doch ein Trost war das auch nicht, denn es war zu befürchten, dass jetzt der Kontakt mit dem Fluchthelfer „Fritz“ nicht klappen würde.

Wir liefen also weiterhin in der Nähe der Bulgarischen Straße herum und Konrad, der immer aufgeregter wurde, sah sich nach dem Ausländer um. Inzwischen war noch mehr Polizei entlang der Straße aufgebaut und wir entdeckten auch einige zivile Autos vom Staatssicherheitsdienst. Die hatten uns jetzt gerade noch gefehlt! Als es gegen 14.00 Uhr wurde, ging Konrad wieder zur Bulgarischen Straße vor. Nach wenigen Minuten kam er aufgeregt gestikulierend zurück. Konrad war so aufgeregt, dass er kein Wort mehr herausbrachte. Nur mit größter Mühe stammelte er den Namen „Fritz“, wies dabei in eine Richtung, und ohne noch etwas zu sagen entfernte er sich schnell von uns.

Wir gingen also in die von Konrad bezeichnete Richtung vor, doch dort sahen wir neben der Polizei viele Fußgänger. Welcher sollte nun der „Fritz“ sein? Keiner von uns konnte einen typischen Ausländer entdecken. Was nun? Konrad war auch schon verschwunden. Wem sollten wir bloß nachlaufen? Ein Stückchen weiter stand ein Mann mit schwarzen Haaren etwas abgesondert von den anderen Passanten. War das „Fritz“? Wie ein Ausländer sah er ja nicht aus, aber er trug schwarze Haare und ging jetzt auch langsam in der Richtung weiter, die uns Konrad gezeigt hatte. Also verfolgten wir diesen Mann in einem gewissen Abstand. Irgendwann, so hatte Konrad uns gesagt, würde „Fritz“ uns dann ein Zeichen geben.

Unser „Fritz” führte uns immer weiter von der Bulgarischen Straße weg, und uns kam die Sache nun doch etwas sonderbar vor. Obwohl wir uns diesem Mann einige Male sehr näherten, hatte er uns noch immer kein Zeichen gegeben. Sollten wir doch einem Verkehrten nachlaufen? Aber in der von Konrad gezeigten Richtung war doch dieser Mann der Einzige gewesen, der nach Konrads spärlicher Beschreibung in Frage kam. Er musste es doch sein, denn er ging ja immer weiter und jetzt drehte er sich auch manchmal nach uns um. Oder sollten wir doch einem Falschen verzweifelt nachlaufen? Ungefähr eine halbe Stunde liefen wir nun schon diesem „Fritz“ hinterher, als wir die Verfolgung aufgaben. Er konnte unmöglich unser Ausländer sein, denn sonst hätte er uns bestimmt schon ein Zeichen gegeben.

Völlig niedergeschlagen, denn nun war die Flucht-Aktion also wieder fehlgeschlagen, gingen wir zur Bulgarischen Straße zurück. Dort bot sich uns das gleiche Bild wie vor einer halben Stunde: Überall Polizei und viele neugierige Zuschauer. Total verzweifelt setzten wir uns auf eine Bank beim Treptower Park. Was sollte nun werden? Keiner wusste eine Antwort. Mit dieser Panne hatte keiner gerechnet. Wer konnte auch schon vorherahnen, dass gerade am Tage unserer Flucht Breschnew zu einem inoffiziellen Besuch kommen würde, und ausgerechnet die Straße, auf der der Kontakt zwischen uns und den Fluchthelfern stattfinden sollte, darum abgesperrt wird.

Ganz nebenbei erzählte jetzt Dirk, dass er vorhin, als Konrad uns aufgeregt die Richtung des Ausländers zeigte, einen Asiaten gesehen hatte. Der war jedoch in die völlig entgegengesetzte Richtung als die von Konrad gewiesene weggegangen, so dass er ihm keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Jetzt war dieser Ausländer allerdings nicht mehr zu sehen, es war ja seitdem schon fast eine Stunde vergangen.

Gabi hatte sich mit Konrad für den Fall, dass es heute wieder nicht mit der Flucht klappen würde, für morgen früh in Ost-Berlin verabredet. Auch Dirk erwartete am nächsten Tag wieder seine Mali. Also gingen wir zum S-Bahnhof „Treptower Park“, um in die Innenstadt zu fahren und irgendwie die Zeit bis morgen abzuwarten. Kurz vor dem S-Bahnhof zeigte Dirk plötzlich auf einen Parkplatz und meinte: 

“Dort ist der Ausländer, den ich vorhin schon mal sah!“ 

Dabei wies er auf einen großen, schwarzhaarigen Asiaten. Dieser schien uns bemerkt zu haben, und als wir auf ihn zu gingen, trat er uns lächelnd entgegen mit den Worten:

“Ich bin Fritz. Wo wart ihr so lange?“

Kurz erzählten wir „Fritz“, wie alles gekommen war, und er erklärte uns, wie wir uns jetzt verhalten müssten. Er würde sich mit Gabi zusammen wie ein Paar hinstellen, und Dirk und ich sollten in ungefähr 10 Meter Abstand ihn genau beobachten und ihm nachlaufen. So wollten wir die Regierungskolonne mit Breschnew abwarten.

Inzwischen hatte sich auf dem Fußweg eine Menge Menschen angesammelt, die alle neugierig warteten. Kurz darauf erschienen dann die Staatslimousinen, und Breschnew, der Beherrscher des Ostblocks‚ ließ sich sogar herab, hinter seiner Scheibe hervor zu grinsen und würdevoll seine Hand zu heben, worauf ihm auch einige Zuschauer vom Straßenrand zuwinkten. Falls er mich gesehen haben sollte, wird ihm bestimmt aufgefallen sein, dass ich nicht zu den Zuschauern gehörte, die hier zum Hurra-Rufen Spalier standen.

Kurz darauf zerstreuten sich die Fußgänger schnell wieder, und am Parkplatz war es fast menschenleer. Die Straße war für den Verkehr wieder freigegeben worden, die Polizei war verschwunden. Auf dem Parkplatz standen nur noch ein Wartburg und ein Mercedes. Dieser Wartburg erregte jedoch unsere Aufmerksamkeit, denn er stand schon, bevor Breschnew vorbeikam‚ an der Parkplatzausfahrt. Drinnen saß ein Liebespaar, das anscheinend sehr mit sich beschäftigt war. Als nun der Regierungs-Konvoi vorbeigefahren war und danach die Straße wieder freigegeben wurde, fuhr dieser Wartburg jedoch immer noch nicht los. Wir schauten mehrere Male zu diesem PKW herüber, und darauf stieg der Fahrer aus und baute an den Zündkerzen herum. Dann stieg er wieder ein und fuhr immer noch nicht los. Wie kam der Fahrer also darauf, so fragten wir uns, die Zündkerzen heraus zu bauen, wenn er vorher gar nicht den Motor ausprobiert hatte und auch hinterher nicht den Motor startete? Irgendwas stimmte mit diesem Wartburg nicht! Inzwischen gingen wir mit „Fritz“ auf dem Parkplatz ein Stück auf und ab und dabei erklärte er uns in seinem gebrochenen Deutsch, dass wir auf sein Zeichen in den Kofferraum des „Mercedes“ steigen sollten. In diesem Auto würden wir dann nach drüben befördert werden.

Darüber waren wir natürlich sehr erstaunt, denn mit so einer billigen Flucht hatten wir nicht gerechnet. Was sollte denn werden, wenn man das Auto kontrollieren würde? Doch „Fritz“ versicherte uns immer wieder, dass wir Vertrauen haben müssten und dass das eine hundertprozentig sichere Sache sei. Dieses Auto würde man nicht kontrollieren und somit könnte nichts passieren. Und dann war es doch aber gar nicht möglich, zwischen den vereinzelten Sonnabendnachmittag-Spaziergängern in einen Kofferraum zu steigen. Das würde doch auf jeden Fall auffallen! 

Plötzlich sah ich auch noch hinter ein paar Büschen meinen Rathenower Schulfreund Peter, der inzwischen in Berlin wohnte, auf mich zu kommen. Er musste mich schon längere Zeit gesehen haben, denn er begrüßte mich schon von weitem freudestrahlend.  So gern ich auch sonst immer mit Peter zusammen war, heute passte mir das Zusammentreffen mit ihm gar nicht. Er wird sicher erstaunt gewesen sein über die schroffe Art, mit der ich ihn abfertigte, doch was sollte ich machen. Später, so dachte ich, wenn ich erst mal drüben wäre, könnte ich ihm alles erklären. Nachdem ich Peter so abgewiesen hatte, ging ich wieder zu Gabi, Dirk und „Fritz“ herüber. Der „Wartburg“ war inzwischen doch abgefahren,

„Fritz“ sah jedoch inzwischen ein, dass wir an dieser Stelle unmöglich in den Kofferraum des Mercedes steigen konnten. Aber „Fritz“ meinte, dass das nicht so schlimm sei, denn ein Stückchen weiter entfernt sei noch ein Parkplatz, zu dem wir gehen könnten, der Mercedes würde dann dort stehen.  Also begaben wir uns zu diesem Parkplatz und siehe da: der „Mercedes“ war auch schon dort, ohne dass ein Fahrer zu sehen war. Bald mußten wir jedoch feststellen, dass es auch hier nicht möglich war, in den Kofferraum zu klettern, denn ganz in der Nähe stand ein Bus, dessen Fahrer uns aufmerksam beobachtete. Da wir einige Male auf dem Parkplatz auf und ab gegangen waren, musste der Fahrer wohl auf uns aufmerksam geworden sein – oder sollte das wieder einer von den Stasi-Leuten sein? Inzwischen schlossen auch Dirk und Gabi eine Beschattung nicht aus, wobei sie Beide jedoch annahmen, dass wir uns vor der Polizei verdächtig gemacht hatten, als wir vorhin auf der Bulgarischen Straße dauernd hin und her gelaufen waren. Stasi-Spitzel standen dort ja genug herum.

Doch „Fritz“, der inzwischen auch schon etwas ungeduldig wurde, weil es nicht klappen wollte, meinte, jetzt hätten wir noch einen  Parkplatz, dort muss es funktionieren. Da dieser Parkplatz am gegenüberliegenden Ende des Treptower Parks lag, mußten wir uns beeilen, um noch vor der Dunkelheit dort anzukommen. Unterwegs erzählte uns „Fritz“, nachdem wir ihm klargemacht hatten, dass uns dieses „in den Kofferraum steigen“ gar nicht so recht passte, wie alles funktionieren sollte. Gespannt lauschten wir „Fritz“, der uns jetzt endlich genauer erklärte, wie die eigentliche Flucht über die Grenze verlaufen würde. Was er uns mitteilte, hörte sich alles ganz einfach und doch sicher an – es war eine tolle Idee. Wir mußten nur erst mal im Kofferraum des Mercedes stecken, dann konnte eigentlich nichts mehr passieren. Wenn das doch endlich gelingen würde!

Dass die Parkplätze zum ins Auto steigen sehr ungünstig waren, sah „Fritz“ inzwischen selber ein. Er erklärte uns dazu, dass er diese Parkplätze selbst vor ein paar Tagen ausgesucht hatte, doch da war Alltag gewesen und der Treptower Park war wie ausgestorben. Mit den vielen Spaziergängern heute hatte er nicht gerechnet. Doch auf dem Parkplatz, zu dem wir jetzt gingen, meinte “Fritz“, würde es bestimmt klappen. Dieser sei von einer Hecke umgeben und außerdem läge er noch etwas geschützt im Wald.

Unsere Spannung hatte sich nach diesen Auskünften etwas gelöst und wir waren nach den vielen Misserfolgen doch wieder zuversichtlicher. Kurz vor dem gesuchten Parkplatz musste „Fritz“ noch mal schnell hinter einem Baum verschwinden, während Dirk, Gabi und ich weitergingen. Als wir ungefähr 50 Meter vor dem Parkplatz waren, sahen wir plötzlich zwei Autoscheinwerfer aufleuchten, und unser Mercedes fuhr in größter Eile davon. Völlig bestürzt und ratlos kam „Fritz“ angelaufen. Das war auch für ihn unerklärlich, jetzt wusste auch er nicht weiter. Was war jetzt bloß wieder dazwischengekommen? Vorsichtig näherten wir uns der Stelle, wo vorher der Mercedes gestanden hatte, doch es war nichts Verdächtiges zu erkennen. Kein Mensch weit und breit.

Inzwischen war es auch schon dunkel geworden. Warum war bloß der Mercedes plötzlich abgefahren? Auf diesem Parkplatz hätten wir bestimmt einsteigen können, zumal uns jetzt auch noch die Dunkelheit geschützt hätte. Was hatte den Fahrer des Mercedes bloß veranlasst‚ so plötzlich davon zu fahren? Völlig ratlos und verzweifelt setzten wir uns auf eine Bank und “Fritz“ gab sich die größte Mühe, uns Mut zuzusprechen. Doch damit war uns jetzt auch nicht geholfen. Das konnte einfach nicht wahr sein, dass es heute wieder nicht geklappt hatte.

Damit wir nicht völlig resignierten, versprach uns „Fritz“, mit den anderen Fluchthelfern zu reden, damit die Aktion am nächsten Tag wiederholt würde. Irgendwann müsste es ja endlich mal gelingen! Wir einigten uns auf diesem Parkplatz als Treffpunkt, und „Fritz“ wollte morgen, am Sonntag, hier um 17.00 Uhr wiedererscheinen, denn um diese Zeit würde es schon etwas dunkler sein und dieser Parkplatz erschien uns am günstigsten.

Da „Fritz“ meinte, dass es zwecklos sei, noch länger auf den Mercedes zu warten, fuhren wir zusammen mit der S-Bahn ins Zentrum hinein und setzten uns im „Haus des Lehrers“ am Alexander-Platz in ein Restaurant. Hier erzählte uns „Fritz“ einiges über seine Heimat Madagaskar, warum er jetzt hier in Berlin sei, und wie er an die Fluchthelfer herangekommen sei.

Gegen 20.00 Uhr verabschiedete sich dann „Fritz“ von uns in der Hoffnung, dass es morgen um 17.00 Uhr klappen würde, und fuhr wie- der nach West-Berlin zurück. Gabi, Dirk und ich gingen noch, um auf andere Gedanken zu kommen, in ein Kino, wo wir uns den Krimi „Die weiße Spinne“ anschauten. Doch von dem Film hat wohl keiner von uns viel mitbekommen.

Anschließend fuhren wir Drei in Didis Treffwohnung, um dort zu übernachten. Da der Besitzer der Wohnung verreist war und Dirk einen Wohnungsschlüssel besaß, konnten Gabi und ich dorthin ohne Weiteres mitkommen. Lange zergrübelten wir uns noch den Kopf, warum der Mercedes so plötzlich davon gefahren war. Sollte unsere Vermutungen über die Beschattung richtig gewesen sein und war das Liebespaar im Wartburg heute Nachmittag wirklich vom Staatssicherheitsdienst gewesen? Oder war sogar der Busfahrer, der uns nachher beobachtet hatte, einer von den Stasi-Spitzeln? Hatte der Mercedes-Fahrer vielleicht auch gemerkt, dass wir beobachtet wurden, und war er darum so plötzlich davongefahren? Fragen, auf die wir nie eine Antwort bekamen.

Für den Fall, dass es heute wieder nicht mit der Flucht klappen würde, womit aber wirklich keiner gerechnet hatte, war Gabi mit Konrad für den nächsten Tag um 11.00 Uhr am „Neptunbrunnen“ verabredet, und Dirk erwartete seine Mali zur gleichen Zeit am Eingang zur Gemäldegalerie. In der Hoffnung, dass wir morgen doch noch den Westen erreichen würden, schliefen wir spät nachts endlich ein.Am nächsten Morgen fuhren wir, ohne gefrühstückt zu haben – in unserem Quartier war nichts Essbares zu finden gewesen – Richtung Alexander-Platz. Dirk hatte seinen Fotoapparat, den er in den Westen mitnehmen wollte, bei sich, und während Gabi zum „Neptun-Brunnen“ ging, um sich mit Konrad zu treffen, machte er zwischen Gemäldegalerie und Alexander-Platz einige Bilder. Konrad war auch wieder pünktlich mit einem PKW erschienen, doch Mali war nicht zu sehen. Als ich mich mit Gabi zu Konrad ins Auto gesetzt hatte, während Dirk noch nach Mali Ausschau hielt, erzählte uns Konrad, dass Dirk umsonst wartete. Nachdem die Flucht-Aktion gestern wieder nicht geklappt hatte, war Mali mit den Nerven so fertig gewesen, dass ihr alle abgeraten hatten, in den Osten zu fahren. Dirk sollte das aber nicht wissen, und so riefen wir ihn zurück und Konrad erzählte ihm, dass Mali schon wieder nach Hamburg abgeflogen sei.

Sehr erstaunt waren Gabi, Dirk und ich, als Konrad uns auf unser Befragen sagte, dass er vom Treffen um 17.00 Uhr mit „Fritz“ überhaupt nichts wüsste. Er sollte uns im Gegenteil vom Chef der Fluchthelfer mitteilen, dass die Flucht dieses Wochenende nicht mehr durchgeführt würde, und aus diesem Grund sollte er einen für uns günstigen Termin in der nächsten Zeit ausmachen, an dem die Aktion dann noch mal wiederholt werden könnte. Auf unsere Frage, warum der Mercedes gestern so plötzlich verschwunden war, wusste Konrad auch keine Antwort.

Das war wieder ein harter Schlag für uns, denn wir hatten alle Hoffnungen auf den heutigen Tag gesetzt. „Fritz“ hatte uns doch aber fest versprochen, heute wieder um 17.00 Uhr auf dem Parkplatz zu erscheinen! Da Konrad und Gabi noch Bekannte besuchen wollten, einigten wir uns, dass wir uns trotz Konrads Auskunft um 17.00 Uhr wieder auf dem Parkplatz am Treptower Park treffen würden. Jetzt mußten wir aber erst einmal etwas frühstücken, und wir fuhren darum in Konrads BMW zum Alexander-Platz. Dort setzten wir uns in eine Selbstbedienungs-Gaststätte. Nach dem Frühstück verabschiedeten sich dann Gabi und Konrad von mir und Dirk bis heute Abend. Ich wollte am Nachmittag bei meinem Freund Carsten, den ich gestern im Treptower Park so schroff abgewiesen hatte, vorbeigehen, und Dirk wollte nachmittags auch einen Freund besuchen. Bis dahin gingen wir noch ein bisschen spazieren, während dessen Dirk seinen Film, der noch im Fotoapparat war, vollknipste.

Wir werden beschattet

Als wir uns beim Pergamon Museum befanden, fielen Dirk beim Betrachten eines Fotoobjekts zwei Männer auf, die ständig in einem bestimmten Abstand hinter uns her liefen. Wir gingen darauf ein paar Straßen kreuz und quer, doch es gab keinen Zweifel: die Beiden verfolgten uns auf Schritt und Tritt. Jetzt erkannte Dirk auch den einen der Männer wieder; er hatte vorhin in der Selbstbedienungs-Gaststätte ganz dicht neben uns am Tisch mit einer Zeitung gesessen. Auch mir fiel jetzt wieder ein gelber Wartburg ein, der während unseres Treffens mit Konrad in der Nähe des „Neptun-Brunnens“ stand, und von dem aus uns ein Mann mit dem Fernglas beobachtete. Während des Treffs mit Konrad hatte ich in der Aufregung diesem Wartburg keine weitere Bedeutung beigemessen, doch jetzt erinnerte ich mich genau, zumal derselbe Wartburg uns verfolgte, als wir vom „Neptun-Brunnen“ zum Alexander-Platz fuhren und er mir wegen seines Dresdner Nummernschildes auffiel. Und tatsächlich: ein Stück weiter stand ein gelber Wartburg mit dem Dresdner Kennzeichen  “RX 79-14″  

Wir durchliefen noch einige Straßen und die Spitzel blieben uns ständig auf der Spur. Als wir bei der Staatsoper wieder den gelben Wartburg „RX 79-14“ erblickten, meinte ich zu Dirk, wir schauen uns das Auto mal aus der Nähe an. Nicht wenig staunten wir, als wir sahen, dass das Auto vorn keine Nummer mehr hatte. Offensichtlich mußten wir gerade beim Auto aufgetaucht sein, als die Stasi-Leute damit beschäftigt waren, die Nummernschilder auszutauschen.

Photo aus meiner Stasi-Akte: Dirk beim Verlassen eines Ladens

Um ganz sicher zu gehen, wer uns beschattete und wieviel Leute  es waren, gingen wir zur S-Bahn und fuhren damit ein Stück in Richtung Treptower Park. Die Beiden, die uns schon aufgefallen waren, standen wieder im S-Bahn-Wagen. Als wir zwischendurch an einem Bahnhof mal ausstiegen, stürzten beide Stasi-Leute natürlich auch heraus, und als wir dann in denselben Zug nach wenigen Sekunden einstiegen, rannten auch die Spitzel Hals-über-Kopf in unseren S-Bahn-Wagen. Während der Fahrt konnten wir dann sogar manchmal den gelben Wartburg erblicken, der uns, immer parallel zur S-Bahn, begleitete. 

Foto aus meiner Stasi-Akte: Ich im Treptower Park

Auch wenn sich die Stasi-Leute blöd anstellten, diese Beschattung war eine äußerst dumme Sache. Jetzt wussten wir, dass wir gestern bestimmt auch beobachtet worden waren und unsere Vermutung, dass wir beschattet würden, nicht Einbildung gewesen war. Wie sollten wir uns jetzt verhalten? Sollten wir den Fluchthelfern die Beschattung verschweigen, oder sollten wir es ihnen mitteilen und die Flucht-Aktion erstmal auf einen späteren Zeitpunkt verschieben? Sicher würde, so nahmen wir an, bald Gras über die Sache wachsen, wenn wir uns in den nächsten Wochen nicht mehr in Berlin träfen. Also war es doch besser, Konrad die Sache heute Abend mitzuteilen, damit er es den Leuten drüben erzählte.

Um die Stasi-Spitzel vielleicht doch noch irre zu führen, setzte ich mich mit Dirk an einer Haltestelle ganz dicht neben den einen Stasi-Mann und wir unterhielten uns ganz offen über das Treffen mit Gabi und Konrad, wobei wir natürlich alles ganz harmlos hinstellten. Die Spitzel sollten den Eindruck bekommen, dass unsere Treffs wirklich nur rein private Besuche waren und mit einer Flucht überhaupt nichts zu tun hätten.

Dann trennte ich mich von Dirk und ging, natürlich weiterhin vom Staatssicherheitsdienst beobachtetet, zu Carsten. Ihm musste ich irgendeine Lüge auftischen, mit der ich mein sonderbares Verhalten von gestern erklären konnte, und er nahm sie mir wahrscheinlich auch ab. Bei Carsten gab es wieder viel zu erzählen, und so verging die Zeit bis halb fünf Uhr sehr schnell, als ich mich wieder von ihm verabschiedete.

Mit Dirk hatte ich mich bald wieder getroffen, wobei wir Beide jetzt unsere Beschatter nicht mehr entdecken konnten. Sollten sie uns etwa inzwischen wieder aufgegeben haben? Aber wahrscheinlicher war wohl, dass die uns schon bekannten Gesichter inzwischen von anderen abgelöst waren. Konrad und Gabi warteten schon auf dem Parkplatz, als ich mit Dirk dort ankam. Von „Fritz“ war natürlich keine Spur, doch wir warteten noch eine viertel Stunde. Inzwischen erzählten wir Konrad, welche Entdeckung wir heute gemacht hatten, doch Konrad konnte das nicht fassen. Dass wir beschattet würden, fand er völlig unmöglich, und er meinte darum, wir würden uns das alles sicher nur einbilden. Seiner Meinung nach – als naiver Bundesbürger – gäbe es doch so etwas überhaupt nicht, dass wir „friedlichen Bürger“ aus heiterem Himmel plötzlich beschattet würden. Als wir ihm dann bis ins Kleinste alles genau erklärt hatten, wie wir zu dieser Behauptung kämen, musste er uns mit Kopfschütteln doch Recht geben. Wir vereinbarten dann, dass er unsere Beobachtungen den Leuten drüben mitteilen sollte, und wir für die nächste Zeit keinen weiteren Flucht-Termin planten. Sollte erstmal Gras über die Sache wachsen! Vielleicht würde der Staatssicherheitsdienst das Interesse an uns verlieren, wenn wir uns vorläufig nicht treffen würden. In einem halben Jahr würde die Sache bestimmt wieder anders aussehen.

Ob das richtig war, weiß ich nicht. Vielleicht hätten wir damals mit einer Blitz-Aktion noch davonkommen können, aber diese Möglichkeit hatte keiner von uns in Erwägung gezogen, zumal nach unseren Erfahrungen nicht damit zu rechnen war, dass sich die Fluchthelfer auf so etwas eingelassen hätten.

Konrad, der den Ernst der Lage anscheinend immer noch nicht einsehen wollte, deutete an, dass er sich trotzdem in drei Wochen wieder mit Gabi in Ost-Berlin treffen würde. Dirk und ich rieten ihm davon ab, aber er meinte, dass sei alles nicht so ernst, wie wir das sehen würden, und bei einem völlig harmlosen Besuch könne ihm ja nichts passieren. Bevor wir uns trennten, einigten wir uns noch, falls wir doch vom Staatssicherheitsdienst befragt würden, die Treffs in Berlin völlig harmlos hinzustellen. Es sollten rein zufällige Begegnungen gewesen sein, bei denen wir uns dann kennengelernt hatten. Kurz darauf saß ich dann wieder im Zug Richtung Dresden, diesmal mit Dirk zusammen.

In Dresden angekommen, hatte ich noch keine Lust, in mein Zimmer zu fahren, wo mich sicher Albert und Sabine schon erwarteten und mit Fragen bombardieren würden. Also setzte ich mich mit Dirk in eine Bahnhofskneipe, und dort tranken wir noch einige Biere. Dabei vereinbarten wir, uns in den nächsten Tagen mal zu treffen, denn wir hatten uns in Berlin ganz gut kennen gelernt und prima verstanden, also wollten wir die Bekanntschaft jetzt nicht einschlafen lassen. Außerdem konnten wir bei diesem Treffen unsere Beobachtungen über die Beschattung austauschen.

Der Alltag geht weiter

In den folgenden Tagen fielen mir sofort wieder meine Beschatter auf, ich erkannte die bekannten Gesichter wieder und ihr PKW stand auch noch hinter dem Jugendklubhaus. Trotzdem hoffte ich immer noch, dass die Sache mit dem Staatssicherheitsdienst irgendwie im Sande verlaufen würde. In der Seminargruppe an der Uni entwickelte ich jetzt eine nie gekannte Energie für die „gesellschaftliche Arbeit“. Im Fach „Wissenschaftlicher Sozialismus“ meldete ich mich sogar freiwillig zu Vorträgen, und für die Seminargruppe organisierte ich mit einer Mädchengruppe eine Feier.  Zwischendurch traf ich mich dann auch wieder mit Dirk. Er hatte keine Beschatter mehr beobachtet und war schon sehr beruhigt darüber, bis ich ihm erzählte, dass ich auf Schritt und Tritt verfolgt würde. 

Am 7. November hatte meine Freundin Sabine Geburtstag, den sie in Rathenow bei  ihren Eltern feiern wollte, und außerdem war mein „Trabant“ in Molkenberg inzwischen repariert. Molkenberg hat keinen eigenen Bahnhof, und so fuhr ich zusammen mit Sabine bis Rathenow, wo mich dann meine Eltern mit dem Auto abholen konnten. Auf dem Dorf angekommen, fielen mir sofort zwei Wartburgs auf. Der eine stand  etwas entfernt vor unserem Haus und der andere auf der Straße hinter unserem Grundstück. Als ich mit unserem Hund einen Spaziergang machte, habe ich mir die Leute darinnen natürlich gleich genau angesehen und mir auch die Nummern der Autos gemerkt. Sie lauteten „HB 32-83“ und „HB 33-83“. 

Abends sollte ich meinen Vater, einem begeisterten Freizeit-Jäger, aus dem Wald abholen. Ich startete meinen Trabant, schaltete  das Licht ein, und kurz darauf erstrahlten auch die Scheinwerfer der beiden Wartburgs. Unterwegs zum Wald machte ich mir einen Spaß daraus, die Stasi-Leute abzuhängen, was mir als Ortskundigen auch ohne  Weiteres gelang. Als ich dann nach einer Stunde mit meinem Vater wieder zu Hause ankam, standen beide Autos auch wieder auf ihrem Beobachtungsposten. 

Natürlich war die Beschattung auch meinen Eltern aufgefallen und sie waren sehr bestürzt darüber. Aber was sollte ich ihnen schon dazu erklären? Von meinen Fluchtabsichten durften sie nichts wissen, also konnte ich ihnen auch nicht sagen, warum der Staatssicherheitsdienst hinter mir her war. Am Sonnabend machte ich mit unserem Hund dann wieder einen Spaziergang, bei dem ich mir die Stasi-Autos genau betrachtete. Beide  Wartburgs, das konnte man an ihren unterschiedlichen Farben leicht  erkennen, hatten die Plätze getauscht, und die Autonummern lauteten jetzt „HW 32-83″ und “HW 33-83“. 

Abends fuhr ich dann nach Rathenow, um mit Sabine ihren Geburtstag zu feiern. Natürlich verfolgten mich die beiden Wartburgs wieder, doch ohne Schwierigkeiten konnte ich als Ortskundiger – ich  war diese Strecke jahrelang täglich zur Schule gefahren – die Stasi-Leute abhängen. In Rathenow fuhr ich so schnell wie möglich  auf Sabines Hof hinter dem Wohnhaus, lief durch das Haus zum Straßeneingang und konnte gerade noch sehen, wie die beiden Stasi-Autos vorbeischossen. Natürlich waren solche Abhänge Manöver sinnlos, denn früher oder später fand ich mich ja doch wieder in meinem Zimmer in Dresden oder zu Hause in Molkenberg ein, doch es befriedigte mich wenigstens etwas, den Stasi-Idioten ab und zu mal zu zeigen, dass ich sie trotz ihres riesigen Aufgebots – in jedem Auto saßen immerhin drei bis vier Mann – austricksen und loswerden konnte.

Die Feier mit der Seminargruppe in Dresden klappte dann auch einwandfrei, doch sogar dort erkannte ich meine „Begleiter“ wieder. Es war damals ein eigenartiges Gefühl: an die Stasi-Leute hatte ich mich fast gewöhnt, so dass sie mich kaum noch aufregten, und trotzdem habe ich doch immer noch mit einem guten Ende gerechnet, obwohl ich im Stillen schon ahnte, was auf mich zu kam.

Das nächste Wochenende wollte ich mit Albert in Leipzig verbringen und dort ein paar Bekannte besuchen. Am Donnerstag nach der Uni wollten wir mit meinem Trabant starten. In der Woche vorher hatten wir eine Party gefeiert, und die Mädchen davon waren am Mittwochabend noch mal bei uns zu Besuch vorbeigekommen. Lange konnte ich jedoch nicht in dieser lustigen Gesellschaft bleiben, denn ich wollte noch bei einem Bekannten eine West-Langspielplatte auf mein Tonband überspielen. Also fuhr ich mit meinem Trabant los, schüttelte nach kurzer Zeit das Stasi-Auto ab – ich hatte darin ja schon einige Übung – und fuhr gemütlich zu diesem Bekannten. Spät abends kam ich erst zurück, als Albert die Mädchen schon längst nach Hause geschickt hatte und er schon schlief. Vor dem Haus hatten mich natürlich wieder die bekannten Gesichter erwartet. Als wenn ich das kommende Unheil geahnt hätte, legte ich mich mit ziemlichem Herzklopfen zu Bett und verbrachte dort eine unruhige, fast schlaflose Nacht.

18. November 1971: Verhaftung

Am Donnerstag dem 10. November wurde ich durch langes Klingeln aus dem Bett geworfen. Erst gegen morgen war ich eingeschlafen und so tapste ich mit noch fast geschlossenen Augen zur Tür….

Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2 und Teil 3

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 3 / Jetzt soll es wirklich losgehen und wieder warten

Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2

Jetzt soll es wirklich losgehen

Am 14. Oktober empfing mich Regina abends um 20.00 Uhr schon auf dem Ostbahnhof in Berlin. Wir unternahmen wieder, wie beim letzten Mal, unsere U-Bahn-Fahrten, um die Spitzel abzuschütteln. Dabei erzählte mir Regina, dass meine Flucht doch stattfinden würde (ohne mein Auto, trotz Beschattung), denn diese sichere Fluchtmöglichkeit gäbe es für mich nie wieder. Selbstverständlich durften die Fluchthelfer von meiner Beschattung nichts wissen, denn sonst würden sie mich aus ihrer Liste sofort streichen; ein Risiko würden sie nie eingehen. Auch die Frage mit dem Auto war geklärt worden: ich würde ein anderes Auto zur Verfügung gestellt bekommen. Wozu ich das Auto brauchen sollte, und wie die eigentliche Flucht vonstatten gehen sollte, war mir bis dahin noch nicht bekannt. (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 2 / Erste Enttäuschung und Beschattung

Hier geht es zum Teil 1

Es geht los

Im Juni 1971 traf ich mich dann wieder mit Regina. Wir fuhren mit meinem „Trabant“ ein Stückchen raus aus der Innenstadt, und sie erzählte mir, dass es nun endlich bald losgehen würde. Dieter kenne irgendwelche Leute, die mich nach West-Berlin rüber holen würden. Den genauen Termin konnte sie mir noch nicht sagen, aber dafür gab sie mir schon einige Verhaltensregeln, damit nichts schief ginge. Ich sollte ständig zu erreichen sein, d.h. ich durfte nicht verreisen. Dann durfte ich natürlich mit niemandem darüber sprechen und auch sollte ich mich völlig unauffällig verhalten. Ich durfte beispielsweise nicht mein altes Auto verkaufen, das ich erst ein halbes Jahr vorher von meinen Eltern geschenkt bekam. Alle Forderungen waren leicht einzuhalten, auch, dass ich ständig erreichbar sein musste. Ging es mir doch in diesem Sommer genauso wie im vorigen Jahr: (mehr …)

Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 1 / Hintergrund und Entschluss zur Flucht

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

Dieser Bericht ist ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ zwischen Ost und West. Ich beschreibe hier meine eigenen Erlebnisse von 1970 bis 1971: meine Fluchtversuche aus der DDR und meine Erfahrungen während der Haft in DDR-Gefängnissen, bis zu meiner Entlassung nach West-Deutschland. Ich war damals ein Student an der Technischen Universität Dresden. Die Vorgeschichte zu meiner Haft, die Beschreibung der Fluchtversuche, ist spannend, tragisch und manchmal auch lustig. Ich habe nichts erfunden oder künstlerisch beschönigt. So habe ich das erlebt!

Als ich im Dezember 1971 aus dem DDR-Gefängnis entlassen wurde und im Westen ankam, wollte ich den „Albtraum“ der Haft so schnell wie möglich weit wegschieben. Ich wollte aber auch nicht, dass dieses schreckliche Erlebnis völlig vergessen wird. (mehr …)

75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 5 / Bombenangriff auf Virchow-Krankenhaus, Tunesien, Italien, Hochzeit

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt.

Der vorliegende Bericht wurde von meinem Vater in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert geschrieben, als vieles noch nicht vergessen war. (mehr …)

75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 4 / Unternehmen Barbarossa

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt. (mehr …)

Genschers, Kohls, Adenauers Hochverrat

Vor vier Jahren schrieb ich zu diesem Video: „Konzentrierteste Aufklärungskost, geliefert von Holger Strohm.“

Heute hörte ich mir die Rede nochmals an und fiel platt auf die Nase. Ein bombastisches „Detail“ war mir damals wohl nicht so recht aufgefallen.

Minute 04:20

Stalin bot dem US Spion Kanzler Konrad Adenauer die Wiedervereinigung an, zudem die Rückgabe der Kriegsgefangenen, zudem die Ausweitung Deutschlands auf die Grenzen von 1937. Unter einer einzigen Bedingung: Deutschland müsse neutral sein und dürfe keinem westlichen Militärbündnis beitreten.

Herr Konrad Adenauer lehnte ab. Adenauer lehnte ab.
(mehr …)

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