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Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 9 / Arbeitskomando und Zuchthaus Brandenburg

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Arbeitskommando

Nach zwei Wochen „Zugangszelle“ kam ich dann in das Arbeitskommando „Entgraterei“. Meine neuen Zimmergenossen waren alles prima Kerle, bei denen ich mich wieder wohler fühlte. Es waren der Theologe Theo, Robert aus Dresden‚ den ich ja schon vom Klo-Sprechen kannte und der damals mein Schach-Gegner war, der Arzt Janosch‚ der in Dresden kurze Zeit neben mir auf der Zelle lag und dessen Verurteilung ich in den ersten Wochen noch mitbekommen hatte, „Schnacki“, der wegen „Verherrlichung des Faschismus“ saß und ab und zu witzige Einlagen machte, und noch ein paar andere Häftlinge‚ mit denen man gut auskommen konnte. Auch Carsten‚ den ich in der Transportzelle kennengelernt hatte, war in der gleichen Station‚ nur in der Nebenzelle. So konnte ich auch die Arbeitszeit ganz gut rumbringen, indem ich mich fast nur mit Carsten unterhielt, mit dem ich mich am besten verstand.

Die Arbeit erinnerte mich sehr an mittelalterliche Sträflingsarbeit. Im 3-Schicht-System mußten wir gestanzte, scharfkantige Teile für Fotoapparate der Firma „Pentacon“ mit einem Schaber entgraten (Pentacon-Fotoapparate wurden damals in den Westen exportiert). Jede Woche wechselte die 8-Stunden-Schicht, so dass man eine Woche tagsüber, die nächste Woche abends und die folgende Woche nachts arbeiten musste. Dabei gab es‚ obwohl ich die Norm nur ungefähr mit 30% erfüllte, Narben über Narben an beiden Händen. Beim Rundgang, den wir auch hier täglich hatten‚ und der nicht mehr ganz so streng war wie in der U-Haft‚ sah ich auch einmal meinen „Mittäter“ Dirk‚ der ebenfalls in der „Entgraterei“ arbeitete‚ jedoch in einer anderen Schicht. Glücklich rief Dirk mir zu, dass auch seine Ausweisung inzwischen beantragt war.

In Cottbus erfuhr ich davon, dass man als Häftling auch selber die Ausweisung‚ über die ja offiziell nicht gesprochen werden durfte, beantragen konnte. Man musste einfach den Rechtsanwalt Dr. Vogel oder einen seiner Vertreter anschreiben und ihn dann bitten, dass er nach Cottbus käme. Hier konnte man ihm dann zu erkennen geben, dass er alles zur Ausweisung veranlassen solle. Jedoch hatte das hier im Zuchthaus für den betreffenden Häftling seine Folgen. Wenn man vorher eine erträglichere Arbeit oder einen guten Posten hatte, wie zum Beispiel Sanitäter, Koch‚ Hausarbeiter oder ähnliches, so war das mit Beantragung der Ausweisung vorbei, man wurde auf irgendein normales Arbeitskommando eingeteilt. Pakete empfangen war dann völlig ausgeschlossen, und auch Fernsehen gab es dann nicht mehr. Doch auch trotz dieser Schikanen schrieben die Häftlinge immer wieder an die Rechtsanwälte.

Obwohl das Zuchthaus Cottbus äußerlich einen sehr trostlosen Eindruck machte, fühlte ich mich dort von der gesamten Haftzeit am wohlsten. Das Gelände bestand eigentlich nur aus verwahrlosten, roten Backsteingebäuden‚ war von einer mindestens 8 Meter hohen Mauer umgeben, an der ständig jaulende Wachhunde hinter einem Drahtzaun umherliefen, und die Arbeit war auch nicht Mut zusprechend. Doch das alles wiegten die Mithäftlinge auf‚ unter denen ich sehr viele gute Kameraden fand. 

Nachdem ich jetzt endlich eine Woche auf einem Arbeitskommando war, hieß es an einem Sonntag plötzlich:

„Strafgefangener Thobias, Sachen packen, Sie werden verlegt.“ 

Das war mir natürlich gar nicht recht‚ denn gerade hatte ich mich in meiner Zelle eingelebt, da sollte ich schon wieder weg. Wo würde man mich jetzt bloß wieder hinstecken? Aber bald hatten wir erfahren, dass dieser Umzug nur ein Wechsel in eine andere Zelle bedeutete; ich würde also auf der gleichen Station bleiben‚ der Kontakt zu meinen Freunden konnte bestehen bleiben. Als ich dann mit meinem Bündel in der Nebenzelle ankam, war ich sogar angenehm überrascht‚ denn auch Carsten‚ mit dem ich dauernd während der Arbeitszeit zusammenhockte‚ war hier. Natürlich wunderten wir uns alle, die inzwischen auf diese Zelle verlegt worden waren, was das zu bedeuten hätte. Einige waren gleich optimistisch, dass wir nach Karli-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) kämen, was letzten Endes Freiheit bedeutete, denn von dort wurden die Ausweisungstransporte zusammengestellt, die in die Bundesrepublik gingen. Doch dagegen sprach die Tatsache, dass einige unter uns waren‚ die gar nicht rüber wollten. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich‚ nachdem ich gerade aus der U-Haft kam, schon nach Drüben abgeschoben werden sollte. Wir stellten jedoch bald fest, dass alle, die auf unsere Zelle verlegt werden waren, eine Strafe von mindestens vier Jahren hatten. Sollte das bedeuten, dass man uns „Langstrafer“ auf eine Zelle konzentrieren wollte?

In der Nacht, so gegen 2.00 Uhr‚ wurde plötzlich in unserer Zelle Licht gemacht und wieder hieß es: „Sachen packen!“ Mit verschlafenen, fragenden Gesichtern schauten wir uns an. Sollten doch die Recht behalten‚ die behauptet hatten, wir kämen nach Karli-Marx-Stadt? Aber warum sollten wir nicht auch in irgendein anderes Zuchthaus kommen? Fest stand, dass das Zuchthaus Cottbus total überfüllt war. Hier musste einfach Platz gemacht werden. Wie ich erfahren hatte, lagen jetzt in der Transportzelle‚ die‚ als ich ankam, mit 50 Häftlingen belegt war, schon über 60 Häftlinge, denn täglich kamen neue dazu und entlassen wurden längst nicht so viele. Auch die Transporte in den Westen‚ die im vergangenen Jahr fast jeden Monat stattgefunden haben sollten‚ und bei denen immer so ungefähr 30 Häftlinge auf „Nimmer-Wiedersehen“ verschwanden‚ waren in diesem Jahr ausgeblieben. Wo würden wir also hinkommen?

Dass wir von Cottbus wegkämen‚ stand bald fest, denn kurz nach dem Wecken holte man uns. Wir mußten alle Sachen abgeben und jeder wurde von oben bis unten genauestens gefilzt. Anschließend steckten Sie uns dann wieder in unsere Zelle und dort begannen dann die größten Spekulationen. Einige sahen sich schon im Westen und andere träumten vom Stasi-Knast „Lager X“ in Berlin, wo es entschieden besser sein sollte, als hier in Cottbus. Dass wir nicht in irgendeinen anderen Knast kämen‚ darin waren wir uns eigentlich alle einig, denn uns „Politische“ würden sie doch bestimmt nicht mit den „Kriminellen“ zusammenstecken.

Gegen Morgen sollten wir dann alle raustreten‚ jeder bekam ein Stullenpaket und dann mußten wir in die „Grüne Minna“ (Gefangenen-Transporter, als Lieferwagen getarnt) steigen. Dabei konnten wir feststellen, dass ungefähr 80 Häftlinge auf Transport gingen. Carsten saß auch wieder neben mir. 

Unterwegs konnten wir durch das Fahrerhaus erkennen, dass wir uns auf der Autobahn befanden. Also ging es in Richtung Berlin‚ wo ganz bestimmt „Lager X“ auf uns wartete. Für die Meisten war die Ungewissheit damit aufgehoben. Was hatte es aber zu bedeuten, als wir kurz vor Berlin Richtung Magdeburg abbogen? Aber schon wüssten Einige wieder Bescheid: Auch in Magdeburg sollte sich ein Stasi-Knast, ähnlich dem „Lager X“, befinden. Also kämen wir dort hin. Ganz Schlaue meinten sogar, dass ab und zu auch von dort mal ein Transport nach Drüben abginge und wir diesmal dabei seien.

Ganz nebenbei bemerkte ich, als Ortskundiger, dass es auf dieser Strecke auch nach Brandenburg ginge, wo sich ja auch ein großes Zuchthaus befindet. Doch nur vernichtende Blicke und kurze abtuende Sätze der anderen Häftlinge waren die Antwort. Brandenburg käme  für uns auf keinen Fall in Frage. Dort befinden sich nur kriminelle „Langstrafer“‚ also Mörder und „Berufsverbrecher, die mehr als fünf Jahre abzusitzen hätten.

Dann kam die Autobahnabfahrt Brandenburg und tatsächlich schwenkte unsere „Grüne Minna“ in diese Richtung. Was hat das bloß zu bedeuten? Die können uns doch nicht in den „Langstrafer“-Knast stecken, in dem es nur Mörder und Sexualverbrecher gibt. Was kursierten in den Gefängnissen nicht alles für Gerüchte über Brandenburg. Dort sollte es fast nur Schwule geben‚ als Neuankömmling musste man auf jeden Fall mit einer Vergewaltigung rechnen und die Mörder mit ihren lebenslänglichen Strafen würden dort manchmal sogar regelrechte Hochzeiten feiern. Was sollten wir „Politischen“ mit unseren verhältnismäßig kurzen Strafen dort? Unser Aufenthalt konnte also nur vorübergehend in Brandenburg sein. Schon in wenigen Tagen, wenn nicht sogar nach wenigen Stunden, würden wir weitertransportiert werden und dann ginge es bestimmt in einen Stasi-Knast.

Zuchthaus Brandenburg

Mein erster Eindruck vom Zuchthaus Brandenburg war: Brutales Anbrüllen, im Gleichschritt Marschieren und Blumen. Überall, wo man  hinschaute, waren gepflegte Beete mit Blumen.

„Hier müssen ja Viele auch ihr ganzes Leben verbringen“ erklärten wir uns den völlig ungewohnten Anblick, doch die Blumen konnten uns nicht darüber hinwegtrösten, dass wir jetzt im berüchtigten Zuchthaus Brandenburg gelandet waren.

„Gott-Sei-Dank bleiben wir hier nicht länger“‚ redeten sich die meisten Trost zu.

Nach dem Duschen wurden wir dann in die Zugangszellen eingeteilt und ich kam mit zwei äußerst unsympathischen Typen zusammen. Zwar waren Beide auch wegen „Republikflucht“ eingesperrt, sie nannten sich also „Politische“, doch ich hätte sie lieber als „Kriminelle“ bezeichnet. Der Eine saß jetzt schon das dritte Mal wegen irgendwelcher Eigentumsdelikte und beim letzten Mal war dazu noch der Republikflucht“-Paragraph gekommen, und der Andere redete nur von „alles Abknallen“‚ „Scheisse“ usw.

Nach zwei Tagen wurden wir plötzlich auf die Arbeitskommandos eingeteilt. „Warum denn das?“, fragten wir uns, „Bleiben wir denn etwa doch länger hier in Brandenburg? Stecken die uns doch mit den Mördern und Verbrechern zusammen?“

Alles deutete darauf hin und gleich war eine neue „Vermutung“ in Umlauf: Wenn wir doch hier bleiben, dann  lassen die uns 80 „Cottbuser“ bestimmt zusammen‚ isoliert von den Brandenburger „Langstrafern“‚ denn wir „Politischen“ würden doch sonst nur die Brandenburger Häftlinge verderben.

Doch völlig niedergeschlagen und fix-und-fertig musste ich feststellen, dass sich auch hier diese Spekulationen überhaupt nicht bewahrheiteten. Wie ein Alptraum kam mir alles vor, als ich mit etwa noch 10 anderen „Cottbusern“ in das Arbeitskommando „IFA“ (LKW-Hersteller in der DDR) kommandiert wurde. Auch Carsten war wieder dabei, was mein einziger Trost war. In „Haus 4″‚ wo das „IFA“-Kommando untergebracht war, empfing uns der Stationsleiter mit grollenden Augen.

„Sie sind jetzt in Brandenburg und hier weht ein anderer Wind als in Cottbus. Wir fackeln nicht lange. Und sollte mir eine Beschwerde über Sie zu Ohren kommen, dann können Sie Leutnant Briese kennenlernen. Und dieser Leutnant Briese bin ich!“

Zuerst kamen wir in die Anlerner-Zellen und ich lernte die ersten „Brandenburger“ kennen. Sollte es wirklich stimmen, was ich über Brandenburg gehört hatte? Drei Häftlinge waren schon in dieser Zelle: der eine hatte eine alte Frau‚ seine ehemalige Wirtin‚ bei der er gewohnt hatte‚ erwürgt und die Leiche sexuell missbraucht, der Nächste saß wegen Totschlag und der Dritte sprach zwar nicht über seine Straftat, doch sehr schnell bemerkten wir, dass es sich um einen Schwulen handelte, der wegen irgend eine sexuelle Straftat im Gefängnis saß.

Meine Stimmung in diesen Tagen lässt sich heute nicht mehr beschreiben; das Ganze kam mir wie ein grausiger Traum vor.

Am nächsten Montag begann dann die Anlernzeit im Betrieb und ich musste mir von einem anderen Häftling die Drehbank erklären lassen. Auch hier musste ich nach kurzer Zeit feststellen, dass es sich bei diesem Häftling wieder um einen Schwulen handelte. Ich war aber anscheinend nicht sein Typ, denn er redete nur in einem muffeligen Ton mit mir. Wenn er nicht gerade davon erzählte, wie er die Arbeitsnorm übererfüllte‚ damit er viel zu Rauchen kaufen konnte‚ und wie gut es ihm hier in Brandenburg ginge, gegenüber den anderen Knasts, die er  schon kennengelernt hatte, dann berichtete er von seinen „Knackereien“ (Einbrüchen) draußen oder er schimpfte auf die „eingebildete Intelligenz“. Die vielen Zigaretten, die er sich für seinen relativ hohen Verdienst von 40 Mark kaufte, verschacherte er übrigens am Monatsende an die Häftlinge‚ die nichts mehr zu Rauchen hatten. Dabei verlangte er dann aber den vierfachen Preis zurück, wenn die Betreffenden wieder etwas verdient hatten, oder die anderen Häftlinge mußten ihm ihr letztes Essen geben.

Die „Kriminellen“ traten uns nur sehr misstrauisch gegenüber und bald hörten wir ab und zu auch abfällige Bemerkungen über die „eingebildeten Studenten“. Ein paar „Brandenburger“ hatten irgendwie erfahren, dass einige von uns „Cottbusern“ mal studiert hatten‚ und schon waren wir alle für die „Brandenburger“ die „Studenten“.

Natürlich haben wir „Cottbuser“ mit den politischen Häftlingen aus  Brandenburg, die es dort auch gab, zusammengehalten. In der Frühstückspause und auch während der Arbeitszeit hockten wir oft zusammen und sprachen über alle Probleme. Das führte jedoch zu weiteren Spannungen, denn die „Brandenburger“ Kriminellen fühlten sich immer mehr übergangen und das bekräftigte nur ihre Meinung über die „eingebildeten Studenten“. Bemerkungen wie „und so etwas will in den Westen“, „die bilden sich ein‚ was Besseres zu sein“ oder „paar auf die Schnauze sollten sie kriegen“ mußten wir uns jetzt oft anhören. Dabei wollten wir einzig und allein, nach dem Schock, den uns der Transport nach Brandenburg eingebracht hatte‚ unsere Ruhe haben; und Gespräche über „Knacken“ oder Saufen konnten uns in unserer Stimmung den „Kriminellen“ auch nicht näherbringen. Doch andere Themen kannten die wirklich nicht.

Einmal, als ich an der Drehbank stand‚ musste ich zugucken, wie zwei Schwule sich gegenseitig streichelten und abknutschten. Ich war total schockiert darüber, wie offen sie das machten, aber an solch einen Anblick musste ich mich hier in Brandenburg langsam gewöhnen.

Nach zwei Wochen wurde ich dann von der Anlerner-Zelle verlegt in das richtige Arbeitskommando, dem ich schon zugeteilt war. Im „Haus 5“ wurde ich nachmittags in eine 3-Mann-Zelle gesteckt, die schon mit zwei „Brandenburgern“ belegt war. Das Arbeitskommando war gerade in der Werkhalle, und so wartete ich gespannt, wer nach Feierabend in meine Zelle kommen wird.

Abends ging dann die Zellentür auf und herein trat der eine Schwule, den ich schon einmal beim Knutschen beobachtet hatte‚ und noch ein anderer Häftling. Beide waren, wie sich bald herausstellte‚ totale „Berufs-Verbrecher“. Der Schwule hatte inzwischen die ‚Laufbahn“ Jugendwerkhof (Knast für Kinder)‚ Jugendhaus (Knast für Jugendliche) und zweimal normalen Knast hinter sich, und der Andere saß auch schon das dritte Mal wegen Betrug und Diebstahl.

Inzwischen war schon September, doch wir „Cottbuser“ konnten noch immer keine stichhaltige Erklärung für unsere Verlegung von Cottbus nach Brandenburg finden. In der Frühstückspause wurde immer wieder über dieses Thema und natürlich auch über die Ausweisung diskutiert. Mir hingen langsam diese Themen zum Halse raus‚ genauso wie Carsten und Gunnar‚ ein Physiker aus Leipzig, der wegen der gleichen Sache wie ich zu fünf Jahren verurteilt war und gleich nach der Verurteilung nach Brandenburg kam. Wir sagten uns: dauernd dem Zuchthaus Cottbus, wo es zwar besser war, nachzutrauern und ständig an die Ausweisung denken, reibt die schon genug strapazierten Nerven nur noch mehr auf. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in Brandenburg sind und müssen das Beste daraus machen.

Also lenkten wir uns damit ab, dass Gunnar mir und Carsten Aufgaben aus der Mathematik und Physik stellte‚ die wir nach Feierabend in der Zelle auf Verpackungspapier rechneten, und Gunnar korrigierte sie dann am nächsten Tag. Auch stellten wir uns gegenseitig Quiz-Fragen aus allen Gebieten, die viel Spaß bereiteten. Zu Lesen bekam ich jetzt genug und auch ganz gute Bücher, denn wir Cottbuser“ waren beim „Bücherwart“, einem West-Berliner, gut angesehen. Fernsehen gab es für uns „Politische“ allerdings so gut wie nie‚ das heißt‚ ich wurde in meiner gesamten Knast-Zeit nur ein einziges Mal dazu eingeteilt.

Mit Carsten und Gunnar bemühte ich mich, dass wir zusammen auf eine 3-Mann-Zelle gelegt wurden‚ doch das wurde wegen unserer Delikte natürlich auch nicht genehmigt. So konnten wir nur in der Arbeitszeit zusammen hocken‚ nach Feierabend rechnete jeder allein in seiner Zelle die neuesten Aufgaben.

Inzwischen machte ich mir natürlich viele Gedanken darüber‚ wann wohl meine Ausweisung dran wäre. In der U-Haft hieß es immer, nach Absitzen der Hälfte der Strafe, bzw. ungefähr ein halbes Jahr nach der Gerichtsverhandlung‚ sei man in der Regel dran. Doch hier in Brandenburg lernte ich viele „politische“ Häftlinge kennen, die schon jahrelang auf ihre Ausweisung warteten. Andererseits kam es mir merkwürdig vor, dass plötzlich viele „Politische“ von ihren Angehörigen Nachricht bekamen‚ es würde noch vor Weihnachten bei ihnen klappen. Darum schrieb auch ich nach Hause und fragte meine Eltern‚ was aus dem „Unfall vom Neffen meiner Tante geworden sei, wann er wieder gesund wird“. Und dieser Brief ging sogar, trotz Kontrolle‚ unbeanstandet hinaus.

Bei der Arbeit hatte ich dauernd Auseinandersetzungen mit meinem Vorgesetzten, der natürlich auch ein krimineller „Berufsverbrecher“ war. Da ihm zu Ohren kam, dass ich Student gewesen war‚ war das Grund genug für ihn, mir nur die schlechtesten Arbeiten zu geben‚ mich vor den anderen „Kriminellen“ zu schikanieren und mich ständig anzubrüllen. Oft ging das fast bis zur Verzweiflung‚ dagegen tun konnte ich jedoch nichts, da er durch seine Art die Aufpasser auf seiner Seite hatte und ich ja ein „Politischer“ war.

Mein einziger Trost war dann wieder Carsten, mit dem ich mich immer besser verstand. Wir unterhielten uns praktisch über Alles und bei ihm konnte ich ab und zu die Sorgen und den Ärger vergessen. Einmal hatten wir das Thema „Beat“ (Popmusik-Stil der 60er Jahre) im Gespräch. Ich wollte ihm einen Titel der Beach-Boys vorsingen und geriet dabei so in Stimmung (endlich konnte ich mal die Umgebung vergessen), dass ich mit einem Schraubenschlüssel um mich wirbelte und dabei die Lampe über seiner Dreh-Maschine streifte. Ich guckte auch noch hoch, was da so gekracht hatte und da kam mir die mindestens fünf Zentimeter dicke Gusseisen-Ruß-Schicht entgegen‚ die sich vorher friedlich auf dem Lampenschirm in Jahren angesammelt hatte. Ich war von oben  bis unten total schwarz.

Im Oktober konnte ich dann zum ersten Mal nach der U-Haft wieder einkaufen. Ich hatte nach über zwei Monaten Arbeit Einkaufsmarken im Wert von 20 Mark verdient. Endlich konnte ich mal wieder Weißbrot essen, endlich mal wieder Apfelsaft trinken, billige Schokolade essen, Milch trinken, und ich hatte auch mal etwas Wurst zum Abendessen. Da Carsten wieder nichts bekommen hatte – er war mit seiner Ausschuss Rate zu hoch gekommen, was ihm dann vom Einkauf abgezogen wurde – teilte ich mit ihm.

Nach drei Tagen war dann jedoch wieder alles aufgegessen und vorbei und ich musste mittags Weißkohl mit verfaulten Pell-Kartoffeln essen, abends gab es Brot mit Margarine für etwa drei Schnitten und Blutwurst oder Sülze zum Belegen einer Stulle, morgens trocken Brot mit etwas Marmelade. Und das musste reichen, obwohl wir im 3-Schicht-System arbeiteten und kaum ein freies Wochenende hatten.

Inzwischen hatten auch meine Eltern auf meinen Brief geantwortet und ich war froh über die erhaltene Nachricht. Sie schrieben etwa sinngemäß:

„Vom Neffen deiner Tante, der den Unfall hatte‚ haben wir auch neue Nachricht. Die Ärzte tuen Alles in ihren Kräften Stehende, dass er bald wieder gesund wird. Vielleicht‚ so meinen die Ärzte, wird er schon dieses Jahr genesen‚ ganz bestimmt aber bis zum nächsten Sommer.“ 

Das war eine positive Nachricht‚ und ich konnte wieder einigermaßen Mut schöpfen, dass ich bald aus der „Hölle Brandenburg“ rauskommen würde. Abends musste ich oft Diskussionen mit meinen beiden Zellen-Genossen über mich ergehen lassen. Der eine „Kriminelle“ wollte mir unbedingt klar machen, dass meine Strafe eigentlich viel zu niedrig war. Er hatte wegen eines Diebstahls an einer Person über zwei Jahre bekommen‚ ich dagegen hatte den Staat und die Gesellschaft mit meiner Straftat geschädigt, also auch ihn, und somit verdiente ich noch viel mehr als meine vier Jahre und drei Monate. Und das kam aus dem Mund von Einem, der schon das dritte Mal wegen Diebstahl saß, draußen drei uneheliche Kinder zu versorgen hatte und, nebenbei bemerkt, auch schon mal ein paar Jahre im Westen war und dann aber, als ihm die Luft dort wieder zu dick wurde, zurück in die DDR abhauen musste. Das war furchtbar Nerven aufreibend für mich‚ denn ihn einfach stehen lassen und raus aus der Zelle gehen konnte ich ja nicht. Ihm die Meinung sagen ging aber auch nicht. Darauf hatte er nur gewartet, und ein unüberlegtes Wort von mir hätte für ihn vielleicht sogar eine vorzeitige Entlassung bedeuten können, für mich aber „Nachschlag“ (Haftverlängerung). Der andere Häftling in meiner Zelle, der Schwule‚ war natürlich auch gegen mich.

Amnestie

Am 7. Oktober, dem „Tag der Republik“, mußten alle Häftlinge aus den Zellen raustreten und in den Kinosaal marschieren‚ wo eine Feierstunde abgehalten werden sollte…..

Fortsetung folgt

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