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Vom Sein, Essay

SEIN

Und immer wieder staune ich, wie unbewusst ich lebe.

Das Verb SEIN gebrauche ich seit Kindheit, habe es tausendmal in allen Formen konjugiert, habe es millionenfach vielleicht verwendet, beim Sprechen, beim Schreiben, in mehreren Sprachen.

Erst vor einigen Tagen ist mir aufgefallen, dass das Wort SEIN bei jedem Gebrauch entweder die Polarität zementiert, dass es aber anderseits für das verwendet wird, was jenseits der Polarität liegt, wo das liegt, wofür jede sprachliche Beschreibung versagt, versagen muss.

Klar war mir das irgendwie selbstverständlich bewusst. Aber noch nie bin ich so darüber gestolpert wie die letzten Tage.

Und es ist ganz und gar extrem.

Ein Beispiel für die Zementierung der Polarität:

Ich BIN in Bali. Das heisst:

Ja, ich bin in Bali.

Nein, ich bin nicht in Deutschland, nicht in der Schweiz, nicht in einem anderen Land.

Mit der Wendung: Ich BIN in Bali zementiere ich das Ja / Nein. Ja Bali, Nein ein anderes Land.

Noch ein Beispiel:

Ich WAR begeistert.  Das heisst:

Ja, ich war begeistert.

Nein, ich war nicht enttäuscht, nicht traurig, nicht entgeistert, ich war alles Andere nicht.

Mit der Wendung: Ich WAR begeistert, zementiere ich das Ja/Nein. Ja begeistert, nein, eine andere Regung nicht.

Noch ein Beispiel:

Dieses Mädchen IST hübsch.

Ein ganz krasses Beispiel, welches am deutlichsten zeigt, was ich meine.

Ja, das Mädchen ist hübsch. Nein, das Mädchen ist nicht hässlich.

Ich zementiere die Polarität. Ja hübsch, nein hässlich.

Was mir auffällt:

Tausendmal am Tag verwenden wir das Wort SEIN an exakt der Stelle, da unsere Persönlichkeit etwas in eine bestimmte Schublade steckt, etwas eintütet, etwas  aussagt und alles Andere damit ausschliesst, und, ganz krass, etwas BEWERTET.

Das erste Beispiel geht ja noch.  Auch ein anderer Mensch, der sich in Bali aufhält, wird sagen: Ich BIN in Bali.  Es ist also noch keine besondere Persönlichkeitsleistung von ihm, das auszusagen.

Immerhin benötigt aber der Mensch einen Teil seiner Persönlichkeit, um erkennen zu können, dass er in Bali ist. Ein Hund und eine Giraffe haben diese Art von Persönlichkeitsintelligenz nicht. Ein Hund wedelt und bellt hier genau so glücklich oder unglücklich, er denkt nicht, aha, weil ich in Bali bin, ist es zu heiss. Oder aha, ich muss zum Ueberleben auf der Strasse anders aufpassen, WEIL ich in Bali bin. Er tütet die Umstände nicht ein. Mit „Ich BIN“ in Bali, tüte ich ein. Und das bin nicht ich, der das macht, sondern der Menschenteil, nämlich meine Persönlichkeit.

Das zweite Beispiel schon zeigt, dass das Verb dann gebraucht wird, wenn ich zeigen will, was mein PERSÖNLICHKEITSFILTER mit einem Anlass gemacht hat. Mein Filter hat mich veranlasst, begeistert zu sein. Eine andere Person wäre vielleicht entsetzt oder schockiert oder angeekelt gewesen.

Ich bewerte, ich bewerte zwar nicht mit Ja und Nein, aber ich bewerte gröber als subtil. Und es ist die Persönlichkeit, welche dauernd bewerten tut.

Dass dritte Beispiel zeigt es am deutlichsten. Ich sage, dass das Mädchen hübsch SEI, lasse also den optischen Sinneseindruck durch meinen Ego- oder Persönlichkeitsfilter passieren und als Output kommt eine BEWERTUNG, in diesem Falle POSITIV.

Der Weise, der im SEIN lebt, findet das Mädchen natürlich auch hübsch. Aber er sieht etwas Anderes. Ebenso würde er ein Mädchen mit Krätze als hübsch bezeichnen können, denn er sieht das Göttliche, er sieht, dass auch das Mädchen mit Krätze aus dem Stoff gemacht ist, der nur als Liebe bezeichnet werden kann, und so sagt er „hübsch“, weil er, wenn er sich auf die sprachliche Ebene begibt, eben auf dieser Ebene sich ausdrückt, sich auch nicht erhaben auszudrücken in der Lage ist.

Kannst du es? Kannst du ein Mädchen mit Krätze ebenso als hübsch sehen wie das Mädchen mit der feinen Haut, den grossen Augen, dem grossen Mund, der kleinen Nase und so weiter? Wenn nicht, dann hat deine Persönlichkeit GEWERTET.

Nun.

Anderseits haben wir dann die schöne Sache der Substantivierung.

Das unendliche SEIN.

Im SEIN ist alles Nichts und nichts ist Alles.

Du wirst im SEIN aufgehen.

Da wird also das gleiche Wort für zwei Dinge verwendet, welche auf unterschiedlichen Ebenen liegen.

Wenn man mal davon absieht, dass das SEIN wohl die Polarität auch in sich birgt, so ist es doch sprachlich bedenkenswert, finde ich, wie ein und dasselbe Wort, in der Regel gedankenlos, mal so und mal so verwendet wird.

Ich gehe davon aus, dass wir „sein“ mit zunehmender Bewusstheit mit zunehmend dem zweiten Sinne füllen werden.

Ich denke, wenn wir in 10 Jahren sagen werden: „Ich bin in Bali“, werden wir darin nicht nur mehr die örtliche Definition, viel mehr die ganze Befindlichkeit meinen.

thom ram voe  Nov.2013


5 Kommentare

  1. […] Sein, Essay […]

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  2. muktananda13 sagt:

    Das wahre Sein geht über die Form hinaus- das ist der Schlüssel des Verstehens dieses Zustands , welcher nicht nur ein Begriff ist. Es verbirgt alles in sich , doch ist weder das dem Verstand bekannte Sein, noch das von ihm erfundene Nicht-Sein.

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  3. muktananda13 sagt:

    Was der Verstand nicht zu verstehen vermag und kaum daran glaubt ist es, dass dieses Absolute Sein über dem Persönliche Sein wohnt.

    Solange das Sein nur in der Kapsel der Persönlichkeit und des Verstandes der Persönlichkeit eingeschossen wird und dort mühsam künstlich atmet, wird kaum möglich, die Herrlichkeit der Absolutheit zu entdecken und diese Frische der Ewigkeit atmen zu können.

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  4. thomram sagt:

    @muki
    Was du sagst, schätze ich.
    Ich habe mir erlaubt, deinen Text – gemäss meinem Verständnis desselbigen – in mir verständlicher scheinende Sprache zu fassen.
    Er lautet dann so:

    Das wahre Sein geht über die  Form hinaus.
    Das zu erkennen ist der Schlüssel zum Verständnis des Sein- Zustandes.

    Das wahre Sein birgt alles in sich, doch ist es weder das dem Verstand bekannte Sein, noch das von  ihm erfundene  Nicht-Sein.
    Der Verstand vermag weder zu erfassen noch zu glauben, dass dieses absolute Sein über dem persönlichen Sein wohnt.

    Solange das Sein in der   Kapsel der Persönlichkeit und deren Verstand eingeschossen wird, ist die Herrlichkeit der Absolutheit fern, und unmöglich ist es, die Frische der Ewigkeit zu atmen.

    Wenn meine Form deinen gedachten Inhalt wiedergibt, möchte ich diesen Text unter Muktananda sagt einstellen.

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  5. muktananda13 sagt:

    Danke sehr , absolut richtig, Thomram .
    Ganz wie du magst.

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