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Die Flucht – ein Zeitdokument des "Kalten Krieges" / Teil 5 / Verhaftung

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18. November 1971: Verhaftung

Am Donnerstag dem 18. November wurde ich durch langes Klingeln aus dem Bett geworfen. Erst gegen morgen war ich eingeschlafen und so tapste ich mit noch fast geschlossenen Augen zur Tür. Als hätte mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf ausgeschüttet, war ich beim Öffnen der Tür in wenigen Sekunden hell wach. Schneller als ich gucken konnte, standen drei große‚ starke Männer mit Ledermänteln in der Wohnung und fragten nach „Herrn Thobias“. Als ich ihnen sagte, dass ich dieser gesuchte Herr sei, trat der eine dicht vor mich hin und sprach in befehlendem Ton:

“Ministerium für Staatssicherheit! Herr Thobias‚ gegen sie liegt ein Haftbefehl vor! Ziehen Sie sich sofort an und kommen sie mit zwecks Klärung eines Sachverhaltes. Beeilen Sie sich, denn je schneller wir wegkommen‚ desto eher können Sie auch wieder nach Hause.”

Ich brachte kein Wort hervor. Zwar hatte ich im Stillen schon länger mit so etwas gerechnet‚ doch jetzt war ich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Ich zog mich also an und wusch mich, während die Drei schon in meinem Zimmer herumschnüffelten. Während ich mich mit dem Waschen einige Zeit aufhielt, sammelten sich in meinem Kopf wieder einigermaßen die Gedanken. Werde ich nun eingesperrt oder wollen die mich bloß befragen? Hatte der Stasi-Mann nicht von „Haftbefehl“ gesprochen? Warum sagte er dann aber, ich solle mich beeilen, um schnell wieder nach Hause zu können?

Also fragte ich einfach ganz naiv:

“Was wollen Sie denn eigentlich von mir‚ was habe ich denn getan? Können Sie mir mal den Haftbefehl zeigen? Wann kann ich wieder zurück, ich muss schließlich heute noch zur Vorlesung an die TU.“

Als ob die Stasi-Leute auf diese Fragen gewartet hätten, hielt mir einer von ihnen blitzschnell seine Stasi-Kennkarte unter die Nase und schnarrte in seinem herrischen Ton:

“Wir sind vom Ministerium für Staatssicherheit und Sie haben uns Folge zu leisten! Wir haben den Befehl‚ sie zu holen. Wenn sich der Sachverhalt geklärt hat, sind Sie heute Nachmittag wieder zurück. Aber machen Sie jetzt endlich schnell‚ wir haben keine Zeit.“

Albert, der durch diesen Besuch inzwischen auch wach geworden war, kam in mein Zimmer und fragte mich völlig erstaunt, was nun los sei. Doch ich konnte ihm vor lauter Verwirrung und Aufregung kaum antworten.

Etwa eine halbe Stunde nach dem unsanften Wecken saß ich im Wartburg vom Staatssicherheitsdienst und ab ging die Fahrt. Auf dem Weg von meinem Zimmer bis ins Auto konnte ich noch erkennen, dass außer den Dreien, die in meine Wohnung eingedrungen waren, noch mehrere Stasi-Leute im Treppenhaus und auf dem Hof postiert waren‚ die anscheinend alle aufpassen sollten‚ dass ich nicht durchbrenne. Bei strömendem Regenwetter ging es quer durch Dresden, und ich überlegte, was jetzt auf mich zu kommt. Werden die mir glauben‚ dass die Berlin-Treffs mit Regina, Dirk‚ Gabi‚ Konrad und Mali völlig harmlos waren? Was wissen die Leute überhaupt über diese Treffs? Bin ich nun verhaftet worden oder wollen die mich bloß befragen? Wann werde ich wieder zurückkommen? Vor Aufregung und innerlicher Erregung konnte ich kaum noch mein Zittern und Zähneklappern verbergen.

Internet-Foto: Stasi-Gebäude in der Bauzener Strasse
Internet-Foto: Einfahrt zur Stasi-Untersuchungshaft in der Bauzener Strasse

Der Fahrer des Wartburg steuerte den Stasi-Wagen inzwischen aus Dresden heraus in Richtung Bautzen. Plötzlich fuhr er scharf rechts in ein Grundstück hinein, die Stasi-Leute zeigten ihre Kennkarten, und ich fand mich hinter hohen Mauern wieder. Diesen Gebäudekomplex kenne ich doch‚ dachte ich, hier war ich doch erst vor einem Monat mit Sabine spazieren gegangen und ich hatte mich damals über die kläffenden, zähnefletschenden Bestien gewundert, nie um das Grundstück herumliefen. Das ist also das Stasi-Gelände! Doch zu weiteren Überlegungen kam ich gar nicht mehr, denn schon wurde ich angebrüllt und zur Eile angetrieben:

„Kommen Sie, kommen Sie! Hier herein! Ein bisschen Beeilung!“

Umsäumt von Stasi-Leuten wurde ich in das nächste Gebäude geführt, das schon von außen einen unangenehmen Eindruck auf mich machte wegen seiner vergitterten Fenster. Drinnen empfingen mich mehrere uniformierte Posten, die mich zum Ausziehen aufforderten. Ich wusste überhaupt nicht mehr‚ wie mir geschah. Splitternackt wurde ich von einem Uniformierten abgesucht, während sich ein Anderer über meine Sachen her machte und sie von vorne bis hinten durch krempelte. Nachdem diese Prozedur abgeschlossen war, warf mir einer lange‚ blau-weiß gestreifte Unterwäsche, zwei unterschiedliche Wollsocken, die nur noch aus Stopf-Stellen bestanden und ein Paar ausgelatschte Hausschuhe zu und befahl:

”Anziehen!“

Meine Hose und meinen Pullover durfte ich dann über diese Unterwäsche überziehen und wenige Minuten später führte mich einer der uniformierten Posten in ein riesiges, hohes Treppenhaus. Viel konnte ich vor Aufregung und Eile nicht erkennen, doch ich sah deutlich die vergitterten Laufgänge und viele nummerierte Türen ohne Türklinken, dafür mit riesigen Riegeln und Schlössern.

Internet-Foto: Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Dresden

Kurz darauf hörte ich nur noch lautes Türzuknallen, Riegel schieben und Schlüsselklappern, und allein fand ich mich in einer etwa 2 mal 3 Quadratmeter großen Zelle wieder. Gleich links stand ein Klosett, dann folgte bis zur Hinterwand eine Holzpritsche aus einfachen Brettern, auf der zwei abgelegene Matratzen lagen. Rechts war die Heizung, darüber in der Wand mehrere Glasziegel, durch die man bemerken konnte, ob draußen Tag oder Nacht war, und hinter der Heizung war noch eine Pritsche mit ebenfalls zwei Matratzen. Zwischen den beiden Pritschen war ein etwa 30 cm schmaler Gang, der an der Hinterwand von einem rohen, waagerechten Holzbrett abgeschlossen wurde, das als Tisch dienen sollte. Über diesem “Tisch” hing dann noch ein Regal aus Holzlatten und Presspappe, und das war die ganze “Einrichtung”. An der Wand blätterte überall die Farbe ab und beleuchtet wurde die ganze Zelle von einer vergitterten, schwach funzelnden Glühbirne.

Völlig ratlos und fertig setzte ich mich auf den Rand der einen Pritsche und lehnte mich etwas an die gestapelten Matratzen an‚ um endlich in Ruhe nachzudenken. Doch sofort klopfte draußen einer mit furchtbarer Wucht gegen die dicke Holztür und brüllte:

“Setzen Sie sich gefälligst vernünftig hin! An die Matratzen wird sich nicht angelehnt! Machen Sie uns ja keine Schwierigkeiten, sonst lernen Sie uns noch kennen.“

Völlig eingeschüchtert, durch die letzten Eindrücke und dieses Gebrüll, schreckte ich in die Höhe. Mich musste also einer von draußen beobachten! An der glatten Tür befand sich in der Mitte eine Klappe und darüber war noch ein kleines Loch‚ in dem ich jetzt auch ein Auge erblickte, das mich anstarrte.

Nach etwa einer halben Stunde ging plötzlich die Tür auf mit lautem Getöse und schon wieder wurde ich angebrüllt:

“Stehen Sie gefälligst auf‚ wenn die Tür aufgeht! Ich sage es Ihnen noch mal im Guten‚ machen Sie uns keine Schwierigkeiten! Wir können auch anders… “

Internet-Foto: Stasi-Untersuchungshaftanstalt

In der Hand hielt der Posten einen Kunststoff-Teller mit zwei Scheiben Schwarzbrot, etwas Marmelade, etwa eine Messerspitze voll Butter und einen Topf mit lauwarmem Malzkaffee. Außerdem gab er mir einen Löffel aus Kunststoff und ein Plastik-Messer.

“Hier essen Sie erst einmal. Wenn Sie fertig sind, drücken sie auf den Knopf neben der Tür. Auch wenn sie mal die Toilette benutzen, drücken Sie auf diesen Knopf und sagen Bescheid‚ damit wir von draußen spülen. Haben Sie das verstanden?“

Krach – und die Tür wurde von außen wieder verriegelt und verrammelt. Nur mühsam quälte ich mir etwas Essen hinein, denn viel zu schwer beschäftigten mich meine Gedanken, die sich vor Aufregung einfach nicht ordnen ließen. Was würde nun werden?  Wann komme ich aus dieser Hölle wieder raus? Werde ich den Stasi-Leuten weismachen können‚ dass ich mir nichts zu Schulden kommen ließ? Wie wird die Befragung aussehen? Vom Staatssicherheitsdienst hatte man ja so manches, nicht gerade Mut zusprechendem, gehört. So zergrübelte ich mir den Kopf, bis nach einigen endlosen Stunden plötzlich die Klappe an der Tür aufging und das Mittagessen hereingereicht wurde. In einer hohen Plastik-Schüssel gab es irgendeinen undefinierbaren Eintopf, den ich nach wenigen Löffeln wieder beiseiteschob. Ich konnte in meinem Zustand einfach nichts zu mir nehmen.

Erste Verhöre

Anschließend wurde ich von einem Posten geholt. Vor der Zelle bekam ich eine Blechmarke mit einer eingedruckten Zellennummer „9“ in die Hand gedrückt und damit musste ich mich in der obersten Gefängnisetage wieder bei einem anderen Posten melden. Mit Herzklopfen und weichen Knien erklomm ich die drei Etagen des Gefängnisbaues und ging oben auf den Posten zu. Dieser brüllte aber schon von weitem:

“Beeilung‚ Beeilung!”

Dann, bei diesem Posten angekommen, sagte er zu mir:

„Warten Sie hier einen Augenblick“, und er telefonierte mit irgend jemandem. Ich wollte diese Gelegenheit benutzen, um mir das Gefängnis anzusehen, doch schon wieder schrie ein Posten aus einer anderen Richtung:

”Stellen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand hin und gucken Sie hier nicht rum.”

Vom Posten, der eben telefoniert hatte, wurde ich dann durch mehrere vergitterten Türen und Gänge noch eine Treppe höher geführt und dort erwarteten mich in einem Zimmer zwei Männer mittleren Alters‚ der eine mit Uniform, der andere in Zivil. Der Uniformierte, ein Hauptmann, fragte gleich zynisch:

“Na‚ Thobias? Wie gefällt es Ihnen denn bei uns ? Haben Sie sich schon eingelebt? Sie können sich doch sicher denken, warum wir sie geholt haben.“

Natürlich stellte ich mich völlig unwissend und fragte einfach den Hauptmann, was er überhaupt von mir wolle‚ was ich denn getan hatte.

„Hören Sie mal, Thobias, Sie studieren doch an der TU und Sie haben dort sicher schon mal was von Logik und Mathematik gehört. Dann können Sie sich doch bestimmt auch ausrechnen, warum wir Sie holen ließen, nicht wahr?”

Was sollte ich darauf schon antworte? Ich schüttelte einfach den Kopf und meinte, nicht zu wissen‚ was er von mir wolle.

“Na ja, das ist ganz normal, dass Sie nicht wissen‚ warum Sie hier sind und dass Sie auch völlig unschuldig sind. Was anderes zu hören haben wir auch gar nicht von Ihnen erwartet. Aber, Thobias, glauben Sie mir, wir kriegen alles raus. Wir haben Zeit. Und das Eine kann ich Ihnen schon jetzt sagen: Wir haben noch nie einen verhaftet, bei dem wir uns nicht hundertprozentig sicher waren, dass er was auf dem Kerbholz hat. Und Sie werden auch bald reden!“

Danach ging der Hauptmann in einen anderen Raum und ich blieb mit dem Zivilisten allein. Dieser machte einen sympathischeren Eindruck auf mich als der Hauptmann, denn er bot mir erst mal an, mich auf einen Hocker mitten im Zimmer hinzusetzen, fragte mich, ob ich rauchen möchte und redete auch in einem freundlicheren Ton mit mir. Natürlich fing auch er wieder mit der Fragerei an‚ ob ich mir nicht denken könne‚ warum ich hierhergeholt worden war. Ich blieb jedoch hartnäckig dabei‚ angeblich absolut nichts zu wissen, was man von mir wolle, und er tat so‚ als würde er meine Aussage akzeptieren. Er bekräftigte meine aufkeimenden Hoffnungsschimmer sogar noch‚ als er sagte:

“Na ja, wenn das so ist, dass Sie sich keiner Straftat schuldig gemacht haben, dann haben Sie auch nichts zu befürchten. Natürlich müssen wir Ihre Aussagen bis ins Kleinste überprüfen und das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Doch wenn sich rausstellt, dass Sie nichts Straffälliges getan haben‚ dann lassen wir Sie auch wieder laufen.“

Wenn das so ist, so dachte ich mir‚ werde ich natürlich weiterhin dabeibleiben‚ dass ich völlig unschuldig sei und mir nicht das Geringste zu schulde kommen ließ. Wenn er mich befragt‚ werde ich also alle Treffs mit Regina und den Anderen erzählen‚ und sie dann natürlich völlig harmlos hinstellen‚ so wie wir es mit Gabi und Dirk ausgemacht hatte.

Und dann wollte der Zivilist die letzten Monate bis in alle Einzelheiten geschildert haben, was mir wegen meiner Aufregung und der langen Zeit, die dazwischen lag, äußerst schwerfiel. Daten und Termine haute ich durcheinander, einige Berlin-Fahrten vergaß ich völlig und die Treffs in Berlin schilderte ich total durcheinander. Mein Gesprächspartner notierte alles aufmerksam, und gegen Abend musste ich dann Blatt für Blatt durchlesen und unterschreiben. Anschließend telefonierte er mit jemandem und kurz darauf erschien ein uniformierter Posten, der mich wieder nach unten brachte und in meine Zelle einschloss.

Etwa eine halbe Stunde darauf‚ es muss so gegen 18.00 Uhr gewesen sein (genau weiß ich es nicht, denn meine Uhr hatte man mir abgenommen), holte mich der Posten dann wieder aus der Zelle heraus und führte mich nach oben. Dort erwartete mich schon der Zivilist von vorhin und empfing mich mit den Worten:

“So, Thobias, was Sie mir heute Nachmittag erzählt haben, stimmt ja überhaupt nicht. Ich mache Sie darauf aufmerksam‚ dass ab jetzt die offiziellen Vernehmungen beginnen. Alles, was Sie jetzt sagen, kommt zu Protokoll und wird dem Staatsanwalt‚ der Sie verhaften ließ‚ zugeleitet. Wie Sie sich jetzt verhalten‚ danach wird sich auch richten‚ was mit Ihnen weiterhin geschieht. Überlegen Sie sich also genau, was Sie sagen. Jeder auch noch so kleinste Widerspruch in Ihren Aussagen wird von uns aufgedeckt und so lange untersucht, bis wir die Wahrheit herausgefunden haben. Es liegt also an Ihnen‚ wie lange wir uns mit Ihrem Fall beschäftigen müssen. Sie sind doch sicher daran interessiert‚ hier bald rauszukommen, nicht wahr? Also machen Sie uns keine Schwierigkeiten.” 

Als Erstes verlas er mir die gesetzlichen Bestimmungen über die Vernehmung, die ungefähr besagten‚ dass ich als “Beschuldigter“ so gut wie keine Rechte habe, der Vernehmer dagegen alles von mir erfragen kann und ich stets zu antworten habe.

“Haben Sie dazu noch Fragen?” 

“Was Sie mir eben vorgelesen haben bedeutet also‚ dass ich bei dem Verhör auf jede Frage antworten muss, oder kann ich auch die Aussage verweigern?”

“Hören Sie mal‚ Thobias‚ in unserer sozialistischen Gesellschaft gibt es keine Verhöre mehr‚ was wir hier durchführen ist eine ‘Vernehmung‘. Und im Übrigen haben Sie, schon in Ihrem eigenen Interesse‚ stets zu antworten. Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass sich der Staatsanwalt sehr für Ihr Verhalten hier bei uns interessiert.“ 

Dann las er mir den Haftbefehl des Staatsanwaltes vor, der forderte, dass ich wegen „versuchter Republikflucht” (Paragraph 215) und “staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ (Paragraph 100) festgenommen werden sollte. Befragt‚ was ich zu diesem Haftbefehl zu sagen hätte‚ behauptete ich weiterhin, nie etwas in der erwähnten Richtung getan zu haben und mich völlig unschuldig zu fühlen. Ich sagte, ich könne mir nicht vorstellen, wie der Staatsanwalt auf so etwas überhaupt käme. Als würde mein Vernehmen mir diese Beteuerungen abnehmen, notierte er alles scheinbar gelassen auf.

Mit Hilfe eines Kalenders musste ich dann vom September an jede Fahrt‚ von Dresden oder Molkenberg‚ jede Person, mit der ich mich traf‚ also fast jeden Tag bis ins kleinste Detail erzählen. Etwa gegen 24.00  Uhr bekam ich eine Tasse Kaffee‚ gegen 3.00 Uhr dann noch eine‚ und als der Vernehmer schon über 150 Seiten geschrieben hatte und mir die Augenlieder schwer wie Bleigewichte wurden, wurde ich endlich gegen 5.00 Uhr wieder zurück in meine Zelle geführt. Allerdings nicht, bevor ich das ganze Protokoll noch einmal durchgelesen hatte und jede Seite einzeln unterschrieben hatte.

Die Treffs mit Regina, Dirk‚ Mali‚ Gabi und Konrad waren von mir so geschildert worden‚ wie sie etwa verlaufen waren, nur dass ich die Absichten dieser Treffs verschwieg‚ unsere Bekanntschaften rein zufällig hinstellte und die Fahrten nach Michendorf und Magdeburg völlig überging. Als ich mich in meiner Zelle endlich hingelegt hatte und vor Übermüdung lange nicht einschlafen konnte, zeigten mir die aufleuchtenden Glasziegel in der Wand den draußen beginnenden Tag an.

Endlich hatte ich einen unruhigen Schlaf gefunden‚ als ich durch lautes an die Tür Klopfen wieder hochgescheucht wurde. Auf der Armbanduhr des Postens, der mich kurz darauf aus der Zelle holte, erkannte ich, dass es ungefähr 8.00 Uhr war. Diesmal musste ich zum Arzt‚ der mich nach meinen Krankheiten befragte, mich dann noch röntgte und dann wieder in meine Zelle entließ. Zum Umfallen müde legte ich mich auf die Pritsche, doch schon nach wenigen Sekunden wurde ich mit lautem Klopfen gegen die Tür und Brüllen aufgescheucht.

Schlafen durfte ich nicht mehr, also untersuchte ich erst mal die Zelle. Nach genauem Hinsehen konnte ich an vielen versteckten Stellen Inschriften‚ wie zum Beispiel “Erhebt Euch gegen die DDR“ oder „250 Tage”‚ entdecken. Gerade die letzte Inschrift jagte mir einen ganz schönen Schreck ein. Sollte das bedeuten, dass die Untersuchungshaft bei dem Verfasser dieser Inschrift so lange gedauert hatte? Jetzt begann ich mir Gedanken darüber zu machen, was wohl aus mir werden wird. Wie lange wird meine Untersuchungshaft dauern? Werde ich die ganze Zeit hier in der Zelle allein sitzen müssen, ohne jede Beschäftigung? Werden die Stasi-Leute mir meine Unschuldsbeteuerungen abnehmen? Wenn nicht, zu wieviel Monaten wird man mich verurteilen? Oder wird es besser sein, alles ehrlich zu gestehen? Wird man mir dann meinen guten Willen anerkennen und mich nicht so hoch bestrafen? Mit welcher Strafe musste ich denn überhaupt rechnen? Von Bekannten hatte ich erfahren, dass man wegen „Republikflucht“ ungefähr mit einem Jahr Gefängnis rechnen kann. Also  werde ich sicher auch so viel bekommen! Was wird aber danach, wenn ich wieder rauskomme? Weiterstudieren kann ich dann doch bestimmt nicht mehr.

Mit solchen Gedanken lief ich den ganzen Vormittag in der Zelle hin und her; vier Schritte vor, Drehen auf der Stelle, und vier Schritte zurück. Je länger ich über meine Lage nachdachte, desto  erbärmlicher und hilfloser kam ich mir vor. Das Gefühl, völlig den Stasi-Leuten ausgeliefert zu sein‚ brachte mich bald an den  Rand der Verzweiflung.

Als sich nach dem Mittagessen dann immer noch nichts ereignete, spitzte sich die Lage für mich weiter zu. Das Gefühl‚ hier eingesperrt und vielleicht vergessen worden zu sein, machte mich immer verzweifelter. Und mehr und mehr überlegte ich, ob es nicht besser wäre‚ meine Fluchtabsichten beim Vernehmer zuzugeben. Sicher würden sie jetzt auch Dirk und Gabi verhaften und deren Aussagen werden bestimmt nicht mit meinen Aussagen übereinstimmen. Also war doch meine ganze Lügenkonstruktion der vergangenen Nacht umsonst gewesen. Ist es dann nicht doch das Beste, ich erzähle alles genauso‚ wie es war? Vielleicht kann ich so dann wenigstens noch meinen guten Willen demonstrieren, schließlich will ich ja nicht wegen dieser sinnlosen Lügerei noch mehr Strafe aufgebrummt bekommen.

Aber warum war es denn erst so weit gekommen‚ dass ich abhauen wollte? Warum hat man mich in der DDR dauernd diskriminiert? Warum durfte ich nicht, wie meine Freunde, ins Ausland fahren? Warum musste ich meinen Studienplatz an der Uni verlieren und stattdessen zur Armee, und dort den blödesten Posten bekommen, nur weil ich einen Bruder im Westen hatte? Das Alles musste ich erst meinem Vernehmen erklären. Und wenn er dann einsieht‚ wie ungerecht ich behandelt wurde‚ dann kann er auch wissen, dass ich fest entschlossen war, abzuhauen.

Ich gebe auf

Ich hatte mich gerade bis dahin durchgerungen, als die Zellentür aufging und ich wieder zum Vernehmer geholt wurde. Inzwischen war es auch schon Abend geworden. Aufgeregt und mit Herzklopfen ging ich die Treppe hinauf. In den nächsten Minuten würde es sich für mich entscheiden, ob ich alles gestehe oder ob ich weiter bei meinen Lügen bleibe.

Oben empfingen mich wieder mein Vernehmer und der Hauptmann von gestern. Ich war noch gar nicht richtig ins Vernehmer-Zimmer eingetreten, da brüllte mich schon der Hauptmann an:

“Für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Sie spinnen wohl, die ganze Nacht solchen Mist zu erzählen. Dass Sie nicht in den Westen wollen, das können Sie Ihrer Großmutter weismachen‚ aber nicht uns. Heute Nacht erzählen Sie Ihrem Vernehmer noch mal alles von vorne, aber wehe Ihnen‚ wenn ich morgen wieder solchen Quatsch zu lesen bekomme. Thobias, ich sage Ihnen noch mal das Eine: Wir haben noch nie einen  verhaftet, bei dem wir uns nicht völlig sicher waren, dass er was auf  dem Kerbholz hat. Und da sind Sie keine Ausnahme. Doch wenn Sie  nicht wollen, wir haben Zeit. Auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt es uns nicht an. Sie wollen ja hier raus, nicht wir? Also wie ist es? Haben Sie es sich inzwischen überlegt?”

“Ja.“ 

“Wollten Sie also doch in den Westen abbauen?”

“Ja.“

“Na endlich! Das wurde auch höchste Zeit. Wenn Sie diesmal wieder nicht gewollt hätten, hätten wir andere Mittel anwenden müssen.“ 

Darauf ergriff er seinen Mantel, nahm seine Aktentasche und verschwand.

Ohne eine Miene zu verziehen, legte mein Vernehmer wieder Papier  und Schreibzeug vor sich hin und notierte meine Aussage. Nachdem ich unterschrieben hatte, führte er mich in ein anderes Zimmer, wo eine ältere Frau und eine furchtbar aufgedonnerte Stasi-Sekretärin saßen. Dort musste ich noch mal zu Protokoll geben, dass ich die Absicht hatte, „Republikflucht“ zu begehen, und anschließend wurde ich gefragt, wie die Anschrift meiner Eltern lautete, damit man sie von meiner Verhaftung unterrichten könne.

Nachdem ich also schon fast zwei Tage verhaftet war, wurden erst meine Eltern benachrichtigt. Und wenn ich meine „Straftaten“ nicht  zugegeben hätte‚ hätte man sie wahrscheinlich noch viel später davon in Kenntnis gesetzt. 

Nach diesen Formalitäten wurde ich dann wieder vom Vernehmer in sein Zimmer geholt und dort begann das Gleiche wie am Abend vorher. Wieder musste ich jeden Tag der letzten Monate bis ins Kleinste schildern, diesmal jedoch auch die Gespräche zwischen mir und den anderen Personen genau wiedergeben, die irgend etwas mit der geplanten Flucht zu tun hatten. Auch ließ ich nicht die Tage in Michendorf und Magdeburg aus; ich wollte einfach alles loswerden.

Große Augen macht mein Vernehmer, als er von der geglückten Sache mit „Muck“ in Michendorf hörte. Anscheinend hatte er davon noch nichts gewusst; das Abschütteln der Stasi-Leute hatte damals also tatsächlich geklappt. Hinterher ärgerte ich mich über meine Gesprächigkeit, denn wenn ich diese Fahrt nach Michendorf wieder ausgelassen hatte‚ wäre mir vielleicht viel Ärger erspart geblieben. Nur das Gespräch mit „Fritz“ über die Durchführung der Flucht ließ ich auch diesmal wieder aus. Als uns „Fritz“ damals erzählt hatte, wie wir rüber geholt werden sollten, hatten wir uns fest vorgenommen, niemals mit Jemandem darüber zu sprechen. Also würden sicher, so nahm ich an‚ Dirk und Gabi auch hier bei der Vernehmung dieses Geheimnis bewahren.

Ungefähr um 2.00 Uhr nachts war dann alles erzählt und ich wurde wieder, todmüde‚ in meine Zelle abgeführt. Ich empfand jetzt eine große Erleichterung; meine innere Spannung war gelöst, denn ich hatte mich nach vielen Wochen der Lüge und Geheimniskrämerei endlich ausgesprochen. Am nächsten Morgen empfing mich auch der Hauptmann schon viel freundlicher. Er teilte mir mit, dass Dirk inzwischen auch verhaftet worden sei und ebenfalls gestanden habe. Auch Gabi würde man bald hier in Dresden haben‚ dann müssten nur noch die Aussagen verglichen werden und wenn alles geklärt sei, würden die Protokolle dem Staatsanwalt übergeben werden. Der würde dann darüber entscheiden, was weiterhin mit uns geschieht.

Verbindung mit anderen Häftlingen

Als ich wieder in der Zelle eingeschlossen war‚ hörte ich dauernd Jemanden von der Nebenzelle gegen die Wand klopfen….

Fortsezung folgt

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4 Kommentare

  1. mkarazzipuzz sagt:

    Hallo,
    was soll dieses Spektakel hier? Ich komme ja auch aus der Zone und weiß, wovon hier geredet wird. Mein Kumpel saß auch im Knast.
    Merkt ihr aber wirklich nicht, dass dieses unwürdige Spektakel nur dazu da ist, die aktuellen Unrechtsurteile zu rechtfertigen?
    Mich packt der Ekel. Ich bin wieder zurück in diesem Landstrich und muss dererlei Belanglosigkeiten lesen.
    Das was der da schildert, ist mir in dieser „Republik“ schon mindestens 2 mal passiert. Ich wurde wegen weniger eingesperrt und die Zellen waren fast so, wie die Beschriebenen.
    Das da ekelt mich an.
    krazzi

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  2. Thom Ram sagt:

    07:31

    Krazzi, Krazzi, Krazzilein,
    kommst heut daher als nicht sehr fein,
    schmollen tut der alte Bub,
    sein Wut gewinnt an Hub.

    Maenniglich indes wird dir
    verzeihen deine Extrakuer,
    weil du naemlich ein ganz Feiner bist,
    der meist diskret nur pisst.

    Krazzi, ich meine besser zu verstehen, warum du so ablehnend reagierst, besser zu verstehen als du selber.
    Ich bitte dich als Freund in dein stilles Inneres zu gehen und dort leise rumzuhorchen was es wirklich ist, was dich verdriesst.

    Aeusserlich moechte ich doch auch was sagen. Mir und den Meisten hier, ich denke gar allen hier ist klar, welch Schlingen, dem FAZ Leser verborgen, ausgelegt und permanent enger gezogen werden.

    Es steht fuer mich hier nicht zur Diskussion, ob „es“ nun in der DDR schlimmer oder besser gewesen sei als heute in der BRD. Ich wuerde sybillinisch sagen, dass „es“ in der DDR schlimmer war, und dass „es“ in der BRD heute schlimmer ist.

    Ich erinnere daran, dass auf bb Vieles der DDR schon klar dargestellt wurde, Vieles, was wirklich gut war. Die Bildung. Die schier abwesende Kriminalitaet (auf Ebene des Volkes). Jeder hatte Brot und Dach. Die menschliche Naehe untereinander.

    Fuer mich ist Ullis Geschichte hochwillkommen, ein Zeitdokument.

    Dass andere, so du, so ich, so so Einige bb Leser auch schon im Hotel gewesen sind, dass ich wir sie aus Gruenden dorthin verfrachtet wurden, welche der Menschlichkeit spotten, das ist uns allen bewusst.

    bb ist eben das, was bb ist. Ein Wiesenblumenstrauss. Ullis Geschichte ist eine dessen Blueten.

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  3. mkarazzipuzz sagt:

    Lieber Thom,
    wenn man ab und an mal die ARD oder das ZDF schaut, dann weiß man, dass dererlei Berichte geschundener DDR Bürger zum guten Ton gehören. Sie dienen einzig und allein der „Anhebung“ unserer „großartigen Demokratie“ als Vorzeigemonument.
    Wenn ich also Berichte, wie diesen hier haben will, schalte ich die ÖR ein. Ob wahr oder nicht ist dabei egal. Es gibt zwei Themen, die immer wiederholt werden:
    1. Drittes Reich
    2. geschundene DDR-Bürger und die Stasi.
    Ich habe damals opponiert und saß dortens trotzdem nicht im Knast. Dennoch hatte ich eine erhebliche Stasiakte.
    Also bitte. Ich kann ja drüber weg lesen. Aber gleich als Serie?
    krazzi

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  4. Thom Ram sagt:

    Krazzischatzi 22:50, bitte lehne dich entspannt zurueck.

    Schau, nicht nur ich Holzkopf, auch eine wahrlich sehr gut informierte Palina bezeugt, den Bericht mit Interesse zu lesen.

    Bitteschoen….erzaehlt von einem, in dessen Augen ich schon habe sehen duerfen, das macht fuer mich das Besondere dran aus!

    Liken

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