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Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 3 / Jetzt soll es wirklich losgehen und wieder warten

Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2

Jetzt soll es wirklich losgehen

Am 14. Oktober empfing mich Regina abends um 20.00 Uhr schon auf dem Ostbahnhof in Berlin. Wir unternahmen wieder, wie beim letzten Mal, unsere U-Bahn-Fahrten, um die Spitzel abzuschütteln. Dabei erzählte mir Regina, dass meine Flucht doch stattfinden würde (ohne mein Auto, trotz Beschattung), denn diese sichere Fluchtmöglichkeit gäbe es für mich nie wieder. Selbstverständlich durften die Fluchthelfer von meiner Beschattung nichts wissen, denn sonst würden sie mich aus ihrer Liste sofort streichen; ein Risiko würden sie nie eingehen. Auch die Frage mit dem Auto war geklärt worden: ich würde ein anderes Auto zur Verfügung gestellt bekommen. Wozu ich das Auto brauchen sollte, und wie die eigentliche Flucht vonstatten gehen sollte, war mir bis dahin noch nicht bekannt.

Um 21.00 Uhr trafen wir uns dann an der „Rathaus-Passage“ beim Alexander-Platz mit einer älteren Frau, die Regina an ihrer schwarzen Kleidung und an ihrem Hut mit einer Feder wiedererkannte. Diese Frau ging dann in das nahegelegene Kaffee, aus dem sie noch eine Frau mit herausbrachte, die sie als ihre Tochter Effi vorstellte. Anschließend verschwand die ältere Frau wieder, der Kontakt zu ihrer Tochter war hergestellt. Diese Effi, so stellte es sich im Gespräch heraus, war eine Frau, die ursprünglich im Westen lebte, die wegen eines Mannes in die DDR übergesiedelt war, und bald diesen Fehler wieder schwer bereute. Sie sollte auch rüber geholt werden‚ und hatte dazu ihren VW mitgebracht, den ich dann für meine Flucht irgendwie brauchen sollte. Erstaunt und verständnislos blickte ich Regina und an, als die Effi uns stolz den Kraftfahrzeugbrief von ihrem „VW“ zeigte. Es sah so aus, als ob sie damit rechnete, dass sie ihr Auto mit in den Westen nehmen konnte.

Eine halbe Stunde später erschien ein Mann mit dem Decknamen „Muck“, der zu den Fluchthelfern gehörte. Dieser „Muck“ nahm mich ein Stück beiseite von Regina und Effi und erklärte mir in einem ausländischen Akzent, was ich morgen tun müsste. Er sagte sinngemäß:

“Morgen früh triffst du dich wieder mit Effi‚ die noch zwei andere Personen mitbringt. Mit diesen Dreien fährst du dann im VW der Effi raus auf den Berliner Ring bis zur Raststätte Michendorf. Dort werde ich mit meinem PKW um 13.30 Uhr an der Tankstelle sein. Wenn du mich erkannt hast, lasse dir das nicht anmerken. Du weißt ja, dort laufen viele Stasi-Beobachter herum. Wenn ich dann weiterfahre, verfolgt ihr mich, bis ich euch ein Zeichen zum Halten gebe. Dort steigen dann Effi und die beiden Anderen in mein Auto um, und ich fahre weiter. Du kannst dann einen Augenblick später zurück nach Berlin fahren. Hast Du alles verstanden, oder gibt es noch Fragen?“

“Verstanden habe ich schon“, erwiderte ich erstaunt, “aber wann komme ich denn dran?“

“Du bist dann am nächsten Tag an der Reihe, aber das erklärt dir Regina morgen Abend, wenn alles soweit gelaufen ist.“

Und mit dieser knappen Auskunft war er auch schon wieder im S-Bahnhof verschwunden.

Ich ging zurück zu Regina und Effi, vereinbarte mit Effi noch einen Treffpunkt und die Uhrzeit für morgen früh und verabschiedete mich von ihr. Mit Regina ging ich noch ein Stückchen durch das menschenleere Ost-Berliner Zentrum spazieren und wir unterhielten uns über alle möglichen Probleme aus Ost und West. Dabei erzählte mir Regina über die „linken Scheißer“ an den westlichen Hochschulen, die alles im Osten gut fänden, im Grunde genommen aber überhaupt nicht wussten, wie es dort wirklich sei, und ich machte mir Luft über die Zustände an der Dresdner Uni. Anschließend vereinbarten wir noch für morgen Abend 18.00 Uhr ein Treffen vor der Staatsoper, bei dem ich dann Näheres über den weiteren Verlauf der Fluchtaktion hören sollte, und Regina fuhr wieder nach drüben.

Ich wollte bei meinem Freund Karli die Nacht verbringen und begab mich zur U-Bahn, um in Richtung Pankow zu fahren, wo er ein Zimmer hatte. Unterwegs testete ich noch mal, ob mir wieder Spitzel auf der Spur waren, aber es schien die Luft rein zu sein. Die Abschüttel-Taktik musste Erfolg gehabt haben, und ich war beruhigt darüber. Karli hatte ich ein paar Tage vorher eine Karte geschickt, in der ich ihm meinen Besuch angekündigt hatte, die Karte war aber, wie sich später herausstellte, noch nicht eingetroffen. So war er schon längst schlafen gegangen, als ich kam.

Erstaunt, wer da um halb zwölf Uhr nachts noch klingelte, öffnete mir seine brummige, unfreundliche Wirtin, und Karli war auch nicht wenig verwundert, als er geweckt wurde. Übernachten konnte ich aber doch, und Karli freute sich sogar, als er seine Schläfrigkeit überwunden hatte, über meinen Besuch. Obwohl er am nächsten Tag früh um 6.00 Uhr raus zur Arbeit musste, erzählten wir noch fast die ganze Nacht. Meinen plötzlichen Berlin-Besuch erklärte ich Karli als eines der üblichen Treffen mit Regina. Vielleicht würde sie morgen sogar noch mal kommen, daher wüsste ich noch nicht, wann ich morgen wieder zu ihm kommen würde. Auch morgen wollte ich dann bei ihm übernachten.

15. Oktober 1971: Die Flucht der Anderen klappt

Am nächsten Morgen konnte ich mich nicht mal rasieren und mir Kaffee kochen, denn vor Wut über mein nächtliches Klingeln hatte Karlis Wirtin den Strom abgeschaltet.

Der Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus

Aber das war mir an diesem Tag auch egal und so erschien ich pünktlich am „Neptunbrunnen“, dem vereinbarten Treffpunkt, wo schon Effi wartete. Wenig später kam auch noch ein jüngeres Ehepaar, dessen Namen ich inzwischen vergessen habe. Zusammen fuhren wir Richtung Autobahn, und Effi erklärte mir kurz, wie der VW bedient und gefahren wird. Dann wurde er noch mal vollgetankt und ab ging die Fahrt nach Michendorf. Unterwegs schmissen Effi und die beiden Anderen ihr Kleingeld zum Autofenster heraus – was sollten sie auch noch damit anfangen.  Unterwegs achteten wir wieder genau darauf, ob auch keine Stasi-Leute hinterherfahren, aber wir hatten Glück. Die Stasi-Leute  mußten mich aus den Augen verloren haben. 

In der Raststätte Michendorf kamen wir gegen 13.00 Uhr an, wir  hatten also noch eine halbe Stunde Zeit. Während Effi und das Ehepaar in den „Intershop“ (Ladenkette in der DDR, wo man nur mit Westgeld kaufen konnte) gingen, um vom Westen einen kleinen Vorgeschmack zu bekommen, quälte ich mir trotz Appetitlosigkeit etwas  zu Essen und zu Trinken hinein. Den Rest der Zeit saßen wir dann im Auto, knabberten ein paar Kekse und warteten auf „Muck“. Genau wie mich „Muck“ gestern gewarnt hatte, erkannten wir vor der Raststätte einen Stasi-Spitzel. Wir konnten vom Auto aus deutlich sehen, wie er zwischen den Autos herumschlich, sich die Autos genau betrachtete und alle Leute, die kamen und gingen, genau  beobachtete, ohne dass diese Leute etwas davon bemerkten.

Pünktlich um 13.30 Uhr erschien „Muck“ mit einem hellblauen VW an der Tankstelle, und wenige Minuten später fuhren wir ihm auf der Autobahn nach. Es war nicht leicht, ihn nicht aus den Augen  zu verlieren, denn es herrschte ein ganz schön dichter Verkehr. Plötzlich, hinter einer Kurve, entdeckten wir sein Auto auf einem versteckten Parkplatz, und mir gelang es gerade noch im letzten Augenblick, unseren VW auf diesen Parkplatz zu lenken. Schnell waren Effi und das Ehepaar in „Muck’s“ Auto gestiegen und  davongefahren, während ich, eine Panne vortäuschend, am Motor  herumhantierte.

Kurz danach bin ich dann wieder nach Berlin zurückgefahren, wo  ich ungeduldig auf das Treffen mit Regina wartete.  Wie verabredet fand ich mich pünktlich um 18.00 Uhr vor der Staatsoper ein. Viele Leute liefen vor dem Eingang auf und ab, und so fiel ich in dem Gewimmel nicht auf. Nach 10 Minuten begann ich jedoch ungeduldig zu werden, denn Regina war immer noch nicht zu sehen. Sollte etwa was schief gegangen sein? Ist „Muck“ mit den Dreien erwischt worden? Oder hat man vielleicht Regina festgehalten?

Mittlerweile wurde es schon halb Sieben, Regina kam jedoch immer  noch nicht. Jetzt wurde es auch noch dunkel und die vielen Leute  am Eingang der Staatsoper waren verschwunden, denn die Vorstellung hatte inzwischen begonnen. Ich überlegte, ob es noch einen Sinn hätte, weiter zu warten. Weggehen wollte ich aber auch nicht, denn Regina konnte ja immer noch kommen.

Um 19.00 Uhr endlich kam Regina angelaufen. Total durchgefroren hörte ich ihre Entschuldigung wegen der Verspätung an – der Anruf aus Westdeutschland, dass „Muck“ mit den Dreien gut angekommen sei, kam erst so spät – und wir eilten in den Ratskeller, damit ich mich mit einem Grog wieder auftauen konnte.

Dabei erzählte mir Regina, dass wir uns nachher wieder mit anderen Personen treffen müssten, die auch rüber geholt werden sollten. Mit diesen Leuten müsste ich am nächsten Tag mit dem VW nach Magdeburg fahren, dort irgendwo in der Stadt das Auto abstellen und dann zu Fuß wieder zur Autobahnauffahrt gehen, wo um 14.00 Uhr „Muck“ vorbeikäme und uns mitnehmen würde. Das hörte sich alles einleuchtend an, und so gab es keine weiteren Fragen.

Um 21.00 Uhr gingen wir dann zum Alexander-Platz, wo wir am Fußgängertunnel mit Konrad, Gabi und Dirk zusammentrafen. Konrad war ein Arzt aus Westdeutschland, der seine Verlobte, die Gabi, rüber holen lassen wollte, und Dirk auch ein Fluchtkandidat aus der DDR wie ich, der eine Freundin im Westen hatte, die er heiraten wollte. Nachdem einige Worte ausgetauscht waren, stellte sich heraus, dass Gabi und Dirk für die Nacht kein Quartier in Berlin hatten.

Dazu meinte Konrad: “Mir haben sie drüben gesagt, der Uwe weiß Bescheid, wie es weitergeht und der hätte auch für die Beiden eine Schlafmöglichkeit.“

Erstaunt darüber, was plötzlich von mir erwartet wurde, antwortete ich: “Ich weiß zwar, wie es morgen weitergeht, aber für die Beiden habe ich kein Quartier. Ich bin froh, dass ich selber bei einem Bekannten heute Nacht schlafen kann, aber noch jemand kann ich da unmöglich mitbringen.“ Also blieb nichts weiter übrig, als dass die Beiden sich im Hotel ein Zimmer nahmen. Regina und Konrad verabschiedeten sich und fuhren wieder nach West-Berlin, und Gabi, Dirk und ich gingen zum Hotel „Stadt Berlin“, wo sich die Beiden ein Zimmer mieteten. Nachdem die Quartier-Frage geklärt war, verabredeten wir uns noch für morgen früh 8.00 Uhr in der Hotel-Eingangshalle, und ich fuhr wieder zu Karli. 

16. Oktober 1971: Nächster Fluchtversuch in Magdeburg

Am nächsten Morgen, inzwischen war Sonnabend und Karli musste nicht zur Arbeit, staunte er sehr, als ich mich plötzlich von ihm verabschiedete. Ich sagte, ich hätte es mir inzwischen anders überlegt und ich würde schon jetzt wieder zurück nach Dresden fahren. Da um diese Zeit aber gar kein Zug nach Dresden fuhr, gab mir Karli noch Tipps, wo ich mich, um nach Dresden zu trampen, am besten hinstellen sollte. Ich dachte nur: wenn du wüsstest, wo ich heute hinfahre… Sabines Schirm, den sie mir am Donnerstag noch wegen des schlechten Wetters mitgegeben hatte, musste ich dann bei Karli auch noch „vergessen“.

Um 8.00 Uhr holte ich Gabi und Dirk vom Hotel ab, und dann ging es mit dem VW ab nach Magdeburg. Während der Fahrt von Karli zum Hotel hatte ich wieder auf Stasi-Leute geachtet, doch ich konnte keine entdecken. Um auf andere Gedanken zu kommen – wir waren alle Drei sehr aufgeregt – unterhielten wir uns über alle möglichen Sachen und lernten uns dabei kennen. Von Gabi erfuhr ich, dass sie Ärztin sei, und Dirk entpuppte sich als Chemiker aus Dresden.

Ungefähr um 10.00 Uhr trafen wir in Magdeburg ein und stellten den VW mitten in der Stadt auf einer Seitenstraße ab. Da wir noch viel Zeit hatten, setzten wir uns in eine Gaststätte, wo wir noch mal ausgiebig frühstückten. Wer wusste denn, wann wir wieder etwas zu Essen bekommen würden? Keiner von uns wusste ja, wie die eigentliche Flucht vonstatten gehen sollte und wann wir drüben wären. Dass es klappen würde, darin waren wir uns alle ziemlich sicher. Schließlich mußten ja für Gabi und Dirk je 20.000 DM bei den Fluchthelfern bezahlt werden, und für diesen Preis konnte man schon eine sichere Sache verlangen. Für mich sollte die Flucht allerdings, wie mir Regina mal erzählt hatte, dank irgendwelcher Beziehungen‚ die mein Bruder Dieter hatte, nicht so teuer sein – aber immer noch teuer genug.

Um 14.00 Uhr sollten wir an der Autobahnauffahrt stehen, also gingen wir ungefähr um Eins zu Fuß los. Als wir uns der Autobahn näherten, sahen wir schon von weitem, dass genau an der Stelle, wo wir stehen sollten, ein PKW parkte. Und bei noch näherem Betrachten stellten wir zu unserem großen Entsetzen fest, dass dieser PKW ein Polizeiauto war. Damit hatte keiner von uns gerechnet, und wir grübelten herum, was das zu bedeuten hätte. Vor allem fragten wir uns, ob das Polizeiauto wegen uns dort stünde, oder ob es nur zufällig dort war. Aber wegen uns konnte es eigentlich nicht dort sein, denn wenn wirklich unsere Flucht bekannt geworden wäre, und die Polizei uns nun verhaften wollte, hätte sie sicher dort nicht so auffällig, sondern versteckt oder in Zivil gestanden, um auch noch die Fluchthelfer zu erwischen. Doch trotz aller Logik, ein unangenehmes Gefühl blieb.

Um nicht aufzufallen, gingen wir am Polizeiauto vorbei und über die Autobahnbrücke drüber weg. Beim Vorbeigehen musterten uns die Polizisten zwar, aber sie machten keinen verdächtigen Eindruck. Sie hatten es sich im Gegenteil ganz gemütlich in ihrem Auto gemacht und es sah so aus, als wenn sie sich auf eine längere Schlummerpause eingestellt hätten. Hinter der Brücke bogen wir ins Gebüsch neben der Autobahn ein, und dort berieten wir, was nun werden sollte. Von unserem Standort konnten wir das Polizeiauto weiterhin beobachten, und so mußten wir sehen, wie zwei andere Männer, die sich an die Autobahn stellen wollten, um mitgenommen zu werden, von der Polizei wieder verjagt wurden. Wir konnten also nur hoffen, dass die Polizei noch rechtzeitig wegfahren würde, damit wir uns um 14.00 Uhr an der Autobahn hinstellen konnten, wo uns dann „Muck“ in sein Auto aufnehmen wollte.

Als zehn Minuten vor Zwei die Polizei immer noch keine Anstalten machte, weiter zu fahren, entschloss ich mich, durch das Gebüsch an die Autobahn heran zu schleichen, wo mich dann „Muck“ hätte sehen können und er mir vielleicht ein Zeichen geben könnte. Von der Autobahn, so stellte ich fest, musste „Muck“ das Polizeiauto schon von weitem sehen können. Während ich im Schutze des Gebüsches auf den hellblauen „Käfer“ von „Muck“ wartete, schlichen sich Gabi und Dirk inzwischen unter die Autobahnbrücke, wo sie von der Polizei nicht gesehen werden konnten, selber aber dicht an der Autobahn standen. Vielleicht, so rechneten sie, würde „Muck“ unter der Brücke halten.

Inzwischen war es 14.00 Uhr, die Polizei stand immer noch auf ihrem Beobachtungsposten, und „Muck“ raste, ohne sich etwas anmerken zu lassen, an mir vorbei. Nicht das geringste Zeichen, dass er mich bemerkt hatte, gab er mir. Hinterher fielen mir wieder Reginas Worte ein, die einmal sagte: “Die Leute, die dich rüber holen, lassen sich auf kein Risiko ein. Wenn mal die kleinste Kleinigkeit nicht klappen sollte, brechen sie die ganze Flucht-Aktion sofort ab.“ Inzwischen war ich wieder zurück zu Dirk und Gabi geschlichen, und erklärte ihnen die neue Lage, denn die Beiden kannten „Muck“ ja noch gar nicht und wussten auch nicht, dass er eben gerade vorbeigefahren war. Wir waren alle total ratlos, denn mit dieser Panne hatte keiner gerechnet. Alle waren wir uns vorher so sicher gewesen, dass es diesmal mit der Flucht klappen würde, und so hatte sich auch keiner für den Fall, dass etwas dazwischenkäme, mit Jemandem von drüben verabredet. Wir wussten wirklich nicht, wie es weitergehen sollte.

Eineinhalb Stunden warteten wir noch an der Autobahnauffahrt, in der Hoffnung, dass die Polizei wegfahren würde und „Muck“ noch mal vorbeikäme, dann gingen wir noch ein Stück entlang der Autobahn, doch das Polizeiauto stand immer noch da, und “Muck“ ließ sich nicht mehr blicken. Ein strahlend klarer, blauer Himmel wölbte sich an diesem Herbstnachmittag über uns, doch für solche Naturschönheiten hatten wir in unserer Stimmung nichts übrig. Ratlos gingen wir zurück nach Magdeburg, setzten uns in das Auto und fuhren zurück nach Berlin. Auf dieser Fahrt redete keiner ein Wort, jeder hatte mit seinen Gedanken zu tun.

In Berlin angekommen, stellten wir den VW auf dem Parkplatz vor dem Ostbahnhof ab, Gabi setzte sich gleich in die Bahn und fuhr zurück in ihren Heimatort, während ich mit Dirk noch nach Berlin reinfuhr. Auch ich wollte gleich nach Dresden zurückfahren, doch mein Zug ging erst in ein paar Stunden ab. Da fiel mir wieder ein, dass ich ja Sabines Schirm bei Karli liegen gelassen hatte und diesen aber unbedingt nach Dresden mitbringen musste. Also fuhr ich zusammen mit Dirk, der den gleichen Weg hatte, noch mal zu Karli und klingelte bei ihm. Karli muss wohl gedacht haben, er spinnt, als er mich plötzlich wieder in der Tür sah. Ich ließ mich aber gar nicht erst in ein Gespräch ein, schnappte schnell den Schirm, sagte „Tschüss“ und war auch schon wieder verschwunden.

Dirk meinte‚ dass seine Freundin aus Hamburg vielleicht morgen wieder rüber nach Ost-Berlin kommen würde, um ihm zu sagen, wie es nun weitergehen solle, wann wieder ein Fluchttermin angesetzt wäre. Also verblieben wir so, dass ich ihn in Dresden bei seiner Arbeitsstelle in der nächsten Woche anrufen sollte, und er mir dann mitteilen könnte, was beim Treffen mit seiner Freundin herausgekommen war. Mir war das so ganz recht, denn dann brauchte Regina, die jetzt so oft hintereinander herüberkam, nicht mehr in den Osten zu fahren.

In Dresden staunte Albert auch nicht wenig, als ich plötzlich am Sonnabendabend wieder aufkreuzte. Um mir nicht meine miese Stimmung anmerken zu lassen, legte ich mich gleich schlafen. Am nächsten Tag fanden sich auch wieder meine Stasi-Leute vor dem Haus ein, doch damit hatte ich gerechnet. Ich beachtete sie kaum noch, wusste ich doch jetzt, wie ich sie, wenn es darauf ankam, loswerden konnte. Allerdings machte ich mich jetzt auch mit dem Gedanken vertraut, dass sie eines Tages bestimmt mal bei mir aufkreuzten und mir ein paar „peinliche Fragen“ stellen könnten. Dann müsste ich das Treffen mit Regina in Berlin eben völlig harmlos darstellen und die Fahrten nach Michendorf und Magdeburg verschweigen. Denn dass man mich bei diesen Fahrten beschattet hatte, war höchst unwahrscheinlich.

Am Mittwoch rief ich dann Dirk an, und er berichtete mir, dass seine Vermutung richtig gewesen war und seine Freundin nach Ost-Berlin gekommen war. Er hatte dort eine Wohnung von einem Freund, in der sie sich immer trafen, so dass auch diesmal wegen eines Treffpunktes bei ihnen keine Schwierigkeiten bestanden. Seine Freundin, so erzählte Dirk, ließ uns ausrichten, dass wir uns am kommenden Freitag wieder um 20.00 Uhr auf dem Ostbahnhof in Berlin einfinden sollten, damit an diesem Wochenende die Fluchtaktion wiederholt werden könnte. Außerdem ließ sie durchblicken, dass es von uns ein großer Fehler gewesen war, nach dem missglückten Fluchtversuch am Sonnabend gleich nach Hause zu fahren. Die Fluchthelfer hätten nämlich sonst die Aktion gleich am Sonntag wiederholt und wir könnten jetzt schon drüben sein. Aber wer konnte das von uns ahnen; sonst mußten wir, Dirk und Gabi genauso wie ich, doch immer wochenlang von einem Fluchttermin zum anderen warten. Mit Dirk einigte ich mich so, dass wir am Freitag im Zug von Dresden nach Berlin getrennt fahren würden, und wir uns dann erst auf dem Ostbahnhof träfen, wo uns auch seine Freundin aus Hamburg erwartete. Also musste ich mir wieder eine neue Lüge ausdenken, mit der ich meinen Freunden und Sabine meine schon wieder erfolgende Berlin-Fahrt erklären konnte, und das fiel mir nicht leicht.

23. Oktober 1971: Wieder warten

Die Fahrt am Freitag den 23. Oktober nach Berlin verlief wie geplant, wobei ich bei dieser Fahrt nicht genau wusste, ob ich noch beschattet wurde. In Berlin stellte mir Dirk seine Freundin Mali vor. Doch Mali musste uns gleich eine enttäuschende Nachricht präsentieren: Die Flucht-Aktion fände an diesem Wochenende nicht statt, sondern erst nächste Woche, alles war eine Fehlinformation bzw. ein Missverständnis gewesen. Das war wieder ein harter Schlag! Damit ich nicht gleich wieder nach Dresden fahren müsste, bot mir Dirk an, dass ich in seiner Treff-Wohnung mit übernachten könnte. Vielleicht, so dachten wir, würde sich am Sonntag doch noch was Neues ergeben. Der VW, den wir vor dem Ostbahnhof in der vorigen Woche abgestellt hatten, stand übrigens immer noch an seinem Platz.

Da die Stasi-Spitzel mich vielleicht noch beobachteten, fühlte ich mich gar nicht wohl in meiner Haut, zumal ich diesmal die bewährte Abschüttel-Taktik in der U-Bahn nicht durchführen konnte. Mali und Dirk durften ja nichts von der Beschattung wissen. Das Dumme war, dass wir uns schon am Ostbahnhof getroffen hatten. Bei einem anderen Treffpunkt, zu dem jeder getrennt hingegangen wäre, hätte ich sicher die Möglichkeit gehabt, die Stasi-Leute sicher loszuwerden. So konnte jedoch höchstwahrscheinlich der Staatssicherheitsdienst meine Beziehungen zu Dirk und Mali registrieren, und die Treffwohnung von den Beiden wurde auch bekannt.

Foto aus meiner Stasi-Akte: Ich, Mali und Dirk

Am Sonnabendvormittag kam dann wieder Mali aus West-Berlin zurück, doch sie hatte nichts Neues zu berichten. Alles blieb beim Alten: die Aktion sollte am nächsten Wochenende stattfinden, am kommenden Freitag müsste ich wieder auf dem Ostbahnhof um 20.00 Uhr stehen. Unterwegs zergrübelte ich mir den Kopf, was ich bloß Sabine und Albert erzählen könnte, wenn ich am nächsten Freitag schon wieder nach Berlin fahren müsste. Langsam kamen den Beiden meine Fahrten nach Berlin bestimmt auch schon verdächtig vor.

In Dresden war gerade Fasching im Studentenclub “Bärenzwinger“‚ und Sabine und Albert machten große Augen, als ich dort plötzlich abends auftauchte. Die Beiden wussten nämlich nie, wann ich von meinen Berlin-Fahrten zurückkommen würde, ich legte mich da nie fest. So hatten Sie mich an diesem Sonnabend eigentlich noch nicht erwartet.

Mein Verhältnis mit Sabine machte mir zunehmend Sorgen. Ich wusste, dass sie große Schwierigkeiten bekommen würde, wenn meine Flucht endlich klappt. “Mitwisserschaft” von einer sogenannten “Republik-Flucht” war ein krimineller Akt in der DDR. Wenn ich ihr also meine Absicht, in den Westen abzuhauen, erzählt hätte, und sie das nicht umgehend bei der Polizei gemeldet hätte, dann hätte sie sich nach DDR-Gesetz strafbar gemacht. Gott-Sei-Dank hat Sabine auch diesmal nicht gefragt, was ich in Berlin gemacht hatte und warum ich schon zurückkam, denn ich hätte diesmal bestimmt keine glaubhafte Ausrede gefunden. Irgendwie muss sie den Grund meiner vielen Berlin-Fahrten aber geahnt haben, denn sie wurde jetzt sehr verschlossen mir gegenüber. Als es dann doch einmal zu einer Aussprache zwischen uns beiden kommen sollte – ich war diesem Thema nach Möglichkeit immer ausgewichen – , und sie mir ihre Ängste mitteilte, nämlich dass ich sie bald verlassen würde, flehte sie mich an, sie doch mitzunehmen. Ich konnte aber nichts versprechen, und so blieb dieses Problem zwischen uns weiterhin offen. Ich fühlte mich extrem elend in meiner Haut, war mir aber darüber im Klaren, dass ich sie nicht in den Westen mitnehmen konnte. Ich sagte mir: die Stasi-Leute beobachten sicher nicht nur, wo ich überall hingehe, die interessieren sich bestimmt auch für mein Privatleben. Und wenn ich jetzt in dieser Situation plötzlich mit meiner Freundin, mit der ich schon über ein Jahr zusammen war, Schluss machte, würde  ich mich bei meinen Beobachtern nur noch verdächtiger machen. Und das musste ich ja unbedingt vermeiden. Und vielleicht konnte ich sie später rüberholen, wenn ich erst mal im Westen war.

29. Oktober 1971: Nächster Fluchtversuch – Breschnews Besuch

Ohne noch großartige Erklärungen abzugeben, fuhr ich dann am Freitag den 29. Oktober wieder nach Berlin….

Fortsetzung folgt

Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2


1 Kommentar

  1. Thom Ram sagt:

    Kirre, kirre, kirre. Spannung und Druck müssen kaum auszuhalten gewesen sein. Die Lieben verlassen. Am Ziel mittellos. Die Gefahr, geschnappt zu werden als Gewürz.

    Liken

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