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Eltern, Kind und Kinderstube, 26. von 144: Impfen mit „Vitamin B“?

„In Dank verschlingt sich alles Sein“ (Goethe)

von Eckehard

B? Das hat mit Beziehung zu tun. Gemeint ist aber eigentlich D, D wie Dankbarkeit oder Diplomatie. Oder P wie Patenschaft. Aber nun mal eins nach dem andern. Außer „Talent“ ist noch was anderes wichtig, um Karriere machen zu können. Etwas, das mit Dankbarkeit zu tun hat. Zuerst aber wollte ich schreiben: Mit Beziehung, besser gesagt mit Beziehungen! Das nennt man im Volksmund „Vitamin B“. Mal ehrlich: Was nützen die besten Beziehungen, wenn dafür die Fundamente fehlen? Und was ist denn dabei Fundament?

Wenn da zum Beispiel jemand Bürgermeister einer Kreisstadt ist und plötzlich von dir Besuch bekommt, und du sagst: Hör mal, mein Sohn, der braucht einen Posten als Oberarzt, du hast doch nicht gerade so was in eurem Krankenhaus frei? Was glaubst du, wie da die Antwort ausfällt? Ich sag’s dir ehrlich: Je nach dem. Und das hängt nämlich nicht von B, sondern von D ab, deshalb sage ich dir: dein Sohn oder deine Tochter braucht D wie Dankbarkeit. Der Bürgermeister sollte nämlich für irgendetwas dir ein Leben lang dankbar sein, zum Beispiel im Gedenken an glückliche mit dir erlebte Zeiten, sonst erinnert er sich nicht an den zu vergebenden Posten. Sonst kennt er nämlich nur die Vorschrift und die besagt, so eine Stelle gehört ausgeschrieben.

So weit die Geschichte aus einem x-beliebigen Drehbuch. Statt Bürgermeister können wir auch „Pate“ setzen; es geht nur um das Prinzip, wie Karrieren zu starten sind. Es beruht auf der als Schmiermittel oft denunzierten Fähigkeit „seine Beziehungen spielen zu lassen“. Beziehungen-haben plus Karriere-machen ist aber eine der menschlichsten Angelegenheiten überhaupt. Demokratie, die heilige Kuh eines Staates, oder dessen Verfassung, sind dagegen kümmerliche Nebensachen. Schert ein Hund sich um Karriere? Nein, aber ein Schweinehund schon, und gerade das macht ihn zum Menschen. So verdreht kann unsere Welt sein. Mögen die Betroffenen sittlich daran reifen. Das Unvorstellbare an einer erfreulichen Laufbahn ist aber wohl doch, daß Dankbarkeit an ihrem Ende zur Sprache kommt.: In einer Denkmalsenthüllung für jene Leute, die angeregt, informiert, finanziert, korrigiert, Zeit geopfert und am Anfang Pate gestanden haben. Warum geschieht so was? Und warum freiwillig?

Schon wahr, daß in manchen Fällen Geld, Nötigung oder sogar Erpressung mitspielt. Aber solche Karrieren haben weder eine begründete Genese noch eine dauergründende Prognose. Die auf „Beziehungen“ gebauten Berufserfolge können nur auf echter Währung fußen. Das „Vitamin“ darf nicht angeklatscht sondern muß lebendig wirksam sein. In 23. von 144 hatten wir gesehen, daß Verzeihen im kindlichen „ehernen Zeitalter“ zu Weisheit wird und diplomatisches Können begründen hilft. Dankbarkeit und Verzeihen-können sind auch eng und miteinander verknüpft. Verzeihen konnte ein Kind nur einem Freund, dem es sich zart verbunden gefühlt hat. Eine durch „Beziehungen“ vermittelte Verbindung partizipiert an „Zärtlichkeiten“, die du mit dem „alten Freund“ einst ausgetauscht haben könntest. Dein Kind wird sich darüber im Klaren sein: Die Zärtlichkeit, die zwischen euch, den „alten Freunden“, herrschte, geht auf es über. Es wird sich klugerweise die Tatsache verzeihen, durch deine „Patenschaft“ (oder Protektion) einen Posten erhalten zu haben. Der „Pate“ wird weise genug sein, den neuen „Sohn“ (der auch ein Fräulein sein könnte) dies nicht aufdringlich spüren zu lassen. Der Umgang zwischen beiden beruht auf Diplomatie. Hätte dein Nachwuchs seine „Vitamine“ nicht schon als Kind von seinen Eltern bekommen, so würde es seinen Posten bald verlieren, den es auf diplomatischem Wege erhalten hat. Es besäße nicht die Weisheit, die vorgeschaltete Macht der Beziehungsvermittlung anzuerkennen, wenn es nicht schon als Kind mit Dankbarkeit „geimpft“ worden wäre, wie einst auch du und dein Freund, der „Pate“. Und dennoch: Der Erhalt des Platzes muß durch das erwachsene Kind selbst, seine eigenen Fähig- und Fertigkeiten erhalten und gesichert werden. Auch hierzu nochmals Goethe: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.

© 1998 und 2020


6 Kommentare

  1. Thom Ram sagt:

    Hervorragend. Danke, Eckehard.

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  2. Wolf sagt:

    Sehr geehrter Eckehard,

    sehr gerne wäre ich als Kind bei Ihnen zur Schule gegangen. Obwohl sich unsere Weltbilder unterscheiden, sind sie ein Mensch, dem ich vertraue.

    Daß ich meine Hochachtung an dieser Stelle ausdrücke, ist reiner Zufall. Ich hätte diese Zeilen auch bei einem anderen Artikel schreiben können.

    Merkwürdigerweise assoziiere ich Ihr Kürzel „eckehardnyk“ stets mit dem flämischen Künstler Antoon van Dyck.

    Hoogachtend,

    Wolf

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  3. eckehardnyk sagt:

    Es ist mir eine Ehre, lieber Wolf. Als Lehrer hatte ich das von meinen Kollegen belächelte Vergüngen, für jedes Individuum in der Klasse etwas im Unterricht dabei zu haben. Man kann sich denken, das die anderen auch mal etwas anderes taten, als nur zu warten, bis jeder seine Perle im Heuhaufen gefunden hatte. – Das NYK hat mir mal ein „Problematologe“, der sich auf die Nummern und Buchstaben astrologisch eingerichtet hatte, ans Herz gelegt. – Das Weltbild eines jeden Erdenmenschen muss sich in Details unterscheiden, da sich jeder an einer anderen Stelle befindet. Doch in der Ansicht des Großen Wagens oder Ähnlichem werden die Bilder wieder geeint.

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  4. Thom Ram sagt:

    Komm mir wieder ma ploet for.
    Was ist NYK?
    New York Kamin?
    Now you krepier?

    Denkend komme man zu Erkenntnis. Eben viel mir tzu. Du meinst Nick. Nickneem. Nickname.

    Ueberfluessiges Geschreibe von mir. Doch als Chefe sach ich och ma Ploetes und man happe das zu akzebdieren.

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  5. Wolf sagt:

    Sehr geehrter Eckehard,

    „Das Weltbild eines jeden Erdenmenschen muss sich in Details unterscheiden, da sich jeder an einer anderen Stelle befindet.“

    Das ist für mich eine erstaunliche, stimmige neue Erkenntnis, die mir direkt einleuchtet. Ein Teil des Rätsels wird für mich dadurch gelöst.

    Liebe Grüße,

    Wolf

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  6. Wolf sagt:

    „Das Weltbild eines jeden Erdenmenschen muss sich in Details unterscheiden, da sich jeder an einer anderen Stelle befindet.“

    Dies ist eine erstaunliche Offensichtlichkeit, die ich bisher übersehen hatte.

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