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Die Flucht – ein Zeitdokument des "Kalten Krieges" / Teil 8 / U-Haftanstant Schiessgasse und Zuchthaus Cottbus

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Abtransport in die „Schießgasse“

Drei Tage darauf, am Freitag‚ wurde ich dann geholt‚ musste meine Bettwäsche zusammenpacken, das Besteck abgeben, und nach einer genauesten Leibesvisitation, bei der ich mich wieder völlig nackt absuchen lassen musste‚ wurde ich in eine andere Zelle gesperrt‚ in der ich auf den Abtransport in die Kripo-U-Haft „Schießgasse“ warten musste. Von dort, so hatten mir andere Häftlinge erzählt‚ würde es dann in wenigen Tagen weiter in ein Zuchthaus gehen, wo ich dann meine Strafe absitzen müsste.

Nach einigen Stunden warten holte mich dann auch der Posten, drückte mir ein Paket mit Schmalzstullen in die Hand, und ich musste wieder im bekannten Spezialtransporter vom Staatssicherheitsdienst Platz nehmen. Beim Einsteigen hörte ich, dass noch andere Häftlinge mit mir in die „Schießgasse“ transportiert wurden, und während der Fahrt versuchte der Mann in meiner Nebenzelle gleich, Kontakt aufzunehmen. In der „Schießgasse“, die ihren Namen nach der dresdener Straße vor der U-Haft bekommen hatte, habe ich dann erst mal einen richtigen Knast kennengelernt. Schon nach wenigen Stunden sehnte ich mich zurück in meine Stasi-Einzelzelle. Während in der Stasi-U-Haft, abgesehen von den ersten Tagen, eigentlich immer ruhig mit mir gesprochen wurde, hörte ich hier in der Kripo-U-Haft nur noch Geschrei. Ich war noch gar nicht richtig aus dem Transporter ausgestiegen, da wurde ich schon angebrüllt und rumgeschubst.

Foto vom Internet: Untersuchungshaftanstalt „Schiessgasse“ in Dresden

Außer mir war von der Stasi-U-Haft noch Wilhelm und „Caro“‚ von dem ich noch vor kurzem dachte, dass ich mit ihm nie in eine Zelle zusammenkommen möchte, hierhergebracht worden. Wir Drei wurden dann auch gleich in eine Zelle zusammengesperrt.

Als ich nach einiger Zeit einmal rausgeholt wurde aus der Zelle, erkannte ein Wachposten auf meinem Anorak (wir hatten zum Transport unsere eigene Zivilkleidung an) mein „Great Britain“-Wappen auf dem Ärmel, das mir Karli mal aus Polen mitgebracht hatte. Blitzschnell war eine Schere geholt, und, damit mir der Posten den Ärmel nicht zerreißt, musste ich das Abzeichen entfernen.

Wie schon erwähnt‚ habe ich mich bald nach meiner Einzelhaft im Stasi-Knast zurückgesehnt. Hier in der „Schiessgasse“ wurde ich nur angebrüllt‚ dann zum Duschen in den Keller gejagt, dort wieder lautstark zur Eile angetrieben und wieder in die Zelle gesperrt. Vor allem machte mir die Umstellung zu schaffen: Ich hatte jetzt ungefähr ein halbes Jahr Einzelhaft hinter mir, konnte in dieser Zeit und besonders zuletzt kaum noch mit Jemandem ein normales Gespräch führen und hatte mir in meiner Zelle den Tag so eingeteilt, wie es mir gefiel. Jetzt war ich auf einmal wieder mit anderen Häftlingen zusammen, alle wollten ihre in der Einzelhaft angestauten Gespräche loswerden, und so meldeten sich bei mir nach kurzer Zeit die Kopfschmerzen.

Auch das Stasi-Essen lernte ich jetzt schätzen. So einen Fraß, wie wir ihn hier bekamen, hatte ich noch nie gesehen. Morgens gab es für jeden abgezählt vier Scheiben trockenes Brot und Marmelade für etwa eine Scheibe‚ zu Mittag einen undefinierbaren Eintopf‚ wobei der oft nur aus lauwarmem Wasser mit ein paar wenigen Weißkohlblättern bestand‚ die vereinzelt darin rumschwammen, und abends dann wieder vier Scheiben Brot mit entweder Margarine für eine Schnitte oder Sülze‚ aber nie beides zusammen.

Natürlich wurde hier auch gleich wieder durchs Klo gesprochen‚ zumal sich unter uns die Frauenabteilung befand. Doch schon nach wenigen Minuten hatte uns der „Graue Wolf“, so wurde der Stationsleiter genannt, erwischt. „Caro“ bekam gleich einen Schlag vorgesetzt, der ihn quer durch die Zelle fliegen ließ‚ und Wilhelm wurde an den Ohren in die “Steh-Zelle“ geschleppt, wo er den restlichen Tag verbringen musste. Ich hatte Gott-Sei-Dank ziemlich weit hinten in der Zelle gestanden‚ so dass die Wut des „Grauen Wolfes“ an den beiden Anderen verpuffte. Mein einziger Trost war hier, dass der Aufenthalt in der „Schießgasse“ in wenigen Tagen beendet sein würde‚ denn bald‚ so hatten mir die anderen Häftlinge erzählt, würde es ins Zuchthaus abgehen, wo es wieder ruhiger zugehen sollte.

In der nächsten Woche wurde ich eines Tages am Nachmittag völlig unerwartet aus der Zelle geholt und durch mehrere Gänge, Gitter und Schleusen in einen Raum geführt, wo meine Eltern saßen. Nachdem ich im Januar einmal meinen Vater gesehen hatte, saß jetzt auch meine Mutter vor mir. Beide Eltern machten einen sehr niedergeschlagenen Eindruck; sie hatten inzwischen von meiner Verurteilung zu 4 Jahren, 3 Monaten gehört. Jetzt wollten sie natürlich wissen, wie es zu so einer hohen Strafe kam, denn sie wussten ja noch nicht einmal so richtig, warum ich überhaupt verhaftet worden war. Doch gleich machte mich der „Graue Wolf“, der mit am Tisch saß, darauf aufmerksam, dass ich über meine „Straftat“ nicht sprechen dürfte. Auch ein Netz voller Äpfel und Apfelsinen hatten mir meine Eltern mitgebracht, doch das konnte ich mir nur angucken. Jeder Empfang von Geschenken war verboten. Nach 20 Minuten war dann auch schon wieder die Sprechzeit zu Ende, und damit sah ich meine Eltern zum letzten Mal.

Ein paar Tage darauf wurde ich wieder aus meiner Zelle geholt. Diesmal musste ich die Bettwäsche mitnehmen und ich dachte schon, dass die Zeit in der „Schießgasse“ überstanden sei. Doch eine Etage tiefer musste ich schon wieder in eine Zelle eintreten. Wenige Minuten danach wurde aufs Neue die Zellentür aufgeschlossen und ein anderer Häftling betrat die Zelle mit den Worten:

„Guten Tag‚ mein Name ist Kolansky.“ 

„Nanu“ dachte ich, „Den Namen kenne ich doch. Hieß nicht Raimund aus dem Stasi-Knast auch so?“ Also fragte ich:

„Ich bin aus der Stasi-U-Haft. Kommst Du auch von dort?“

„Ja, ich war in Zelle 52.“ 

“Mensch, dann bist Du ja der Raimund, mit dem ich ein halbes Jahr durchs Klo geredet habe. Ich bin Uwe.“ 

Natürlich erinnerte sich Raimund an mich; ich war ja erst ein paar Tage raus aus dem Stasi-Knast. Beide mußten wir feststellen, dass sich jeder den Anderen nach unseren langen Klo-Gesprächen völlig anders vorgestellt hatte. Auch die Stimme klang durch die Klosettrohre ganz anders, doch nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, konnte man eine Ähnlichkeit mit der Stimme aus dem Klo feststellen. Jetzt konnten wir uns endlich mal richtig unterhalten‚ denn vorher durchs Klo musste ja immer ein unerwünschter dritter Hörer einkalkuliert werden. Raimund sagte mir noch mal genau alles, was er über die Ausweisung wusste‚ berichtete von seiner „Republikflucht“ und wie er in der CSSR geschnappt wurde, und ich erzählte ihm etwas über meine „Straftat“. 

Bald wurde unsere angeregte Unterhaltung aber schon wieder gestört, denn es ging die Zellentür auf und ein dritter Häftling wurde zu uns hineingesteckt. Dieser Häftling, so stellte es sich heraus, war hier wegen „Sitte“, das heißt‚ er hatte seine Tochter vergewaltigt und bekam dafür eine Strafe von zwei Jahren. Sein Rechtsanwalt hatte ihm aber schon versichert, dass er spätestens nach einem Jahr wieder draußen sein würde.

So etwas zu hören war für uns „Politische“ ziemlich bitter‚ denn das war kein Einzelfall. Während die Leute mit „Sitte“ fast immer vorzeitig entlassen wurden, gab es das für „politische“ Häftlinge so gut wie nie. Für uns blieb nur die Hoffnung, auf die Ausweisung‚ von der jedoch die meisten Häftlinge nichts Genaues wussten, und somit auch kaum einer damit rechnete.

Nach zwei Tagen wurden Raimund und der andere Häftling wieder raus aus meiner Zelle geholt und statt ihrer kamen richtige „Berufsverbrecher“ oder BVer, wie sie hier auch genannt wurden‚ zu mir. Der eine saß auch wegen „Sitte“. Er hatte ein 8-jähriges Mädchen vergewaltigt und saß wegen dieses Deliktes inzwischen zum vierten Mal. Der andere war wegen Diebstahl hier‚ allerdings auch bereits zum dritten Mal. Mit diesen beiden konnte ich so gut wie kein vernünftiges Wort sprechen. Meistens zankten sie sich gegenseitig, und mir gegenüber behaupteten sie natürlich, dass sie „unschuldig“ seien und völlig zu Unrecht hier im Knast saßen. Um zu vermeiden, dass beide ihre Zankereien an mir auslassen, gab ich ihnen immer Recht und schimpfte mit ihnen auf die Ungerechtigkeit heutzutage.

Inzwischen war ich schon zwei Wochen hier in der Kripo-U-Haft und es gab noch kein Anzeichen, dass ich bald auf Transport gehen würde. Von verschiedenen Häftlingen hörte ich, dass es mit dem Transport wahrscheinlich noch lange dauern würde‚ denn sämtliche Zuchthäuser seien total überfüllt. Überall‚ so berichteten die Häftlinge aus verschiedenen Zuchthäusern, die während ihres „Strafvollzuges“ vorübergehend hier in der „Schießgasse“ waren, sei in den Gefängnissen der ganzen DDR ein totales Chaos wegen Platzmangel.

Zwei Wochen waren die BVer jetzt schon in meiner Zelle, da wurden sie zum Transport abgeholt. Ich war auch diesmal nicht dabei. Noch am selben Tag kamen zwei andere Häftlinge zu mir in die Zelle, wieder richtige „Berufsverbrecher“. Ihre einzigen Gesprächsthemen  waren „Knacken“ und Saufen. Beide hatten auch schon öfter gesessen und natürlich waren sie auch wieder völlig „zu Unrecht“ bestraft. Im gleichen Atemzug redeten sie aber, was sie beim letzten Mal falsch  gemacht hatten und was sie beim nächsten „Knack“ anders machen müssten.

Auch hier in der „Schießgasse“ hatten wir täglich „Rundgang“. Draußen im Gefängnishof mußten alle Häftlinge einer Station hintereinander mit zwei Metern Abstand im Kreis herumlaufen. Dabei traf  ich Dirk wieder‚ der auch auf den Abtransport in ein Zuchthaus wartete. Wenn die Wachposten mal wegschauten‚ konnten wir uns etwas unterhalten, doch eigentlich gab es nichts mehr zu bereden. Beide warteten wir auf die Ausweisung, alles Andere war nebensächlich.

Abtransport ins Zuchthaus in Cottbus

Nach fünf Wochen sollte ich dann endlich auf Transport gehen, das Ziel war jedoch weiterhin unbekannt. Nachmittags musste ich meine Sachen packen und anschließend ging es in die Effekten-Kammer, wo meine Privatsachen überprüft wurden.

Unterwegs dorthin kam ich an einem zwar vergitterten‚ jedoch geöffneten Fenster vorbei und dort bot sich mir ein unvergessliches Bild: Nachdem ich jetzt über ein halbes Jahr nur noch graue Zellenwände‚ matt schimmernde Glasziegel und trostlose Gefängnishöfe gesehen hatte, konnte ich jetzt einen Blick auf das Dresdner Stadtgetümmel werfen. Die Kripo-U-Haft „Schießgasse“ befindet sich nämlich mitten im Zentrum von Dresden. Ich sah die Hauptstraße mit den Menschen und den Autos‚ die Leute waren sommerlich bekleidet‚ die Sonne schien und überall waren Grünanlagen. Schon nach wenigen Sekunden wurde ich vom Fenster weggejagt‚ doch noch viele Stunden danach beeindruckte mich dieses Bild.

Abends wurde ich dann in die Transportzelle gesperrt‚ wo ich mit noch anderen Häftlingen auf die Abfahrt warten musste. Wir sollten‚ so erzählten andere Häftlinge, mit dem „Grotewohl-Express“ (Otto Grotewohl war der Ministerpräsident der DDR) Richtung Norden, also Richtung Bautzen-Cottbus-Berlin fahren. Dieser „Grotewohl-Express“ war ein Spezialwagon zum Transport von Häftlingen, der von außen wie ein Eisenbahnwagen der Post aussah, und angehängt an D-Züge ständig zwischen allen größeren Orten der DDR pendelte. Innen war er in kleine Zellen unterteilt. 

Abends‚ wir hatten schon über fünf Stunden gewartet‚ wurde ich wieder in meine Zelle zurückgeführt. Der Transport fiel aus, da der „Grotewohl-Express“ schon überfüllt war.

Also wartete ich wieder auf den nächsten Transporttermin‚ der endlich nach einer weiteren Woche dran war. Wieder saß ich stundenlang in der Transportzelle, und gegen 22.00 Uhr stellte sich dann raus, dass auch dieser Transport schon überfüllt war. Inzwischen hatte ich schon über zwei Wochen Tag und Nacht die gleiche Unterwäsche an‚ denn da ich auf Transport gehen sollte, bekam ich keine neue mehr. Auch zum Essen konnte ich mir nichts mehr dazu kaufen, denn mein Geld war schon längst abgerechnet und für mich nicht mehr zugänglich. 

Zwei Tage nach dem letzten Transport-Versuch wurde ich dann endlich mit noch drei anderen Häftlingen in ein Spezial-Auto‚ das ähnlich dem vom Staatssicherheitsdienst war, gesperrt. In einer Zelle‚ in die ich zusammengekrümmt geradeso hineinpasste, kam ich nach etwa fünfstündiger Fahrt im Zuchthaus Cottbus an.

Zuchthaus Cottbus

In Cottbus empfing mich ein furchtbar trostloser Anblick. Durch mehrere Schleusen mit riesigen, mittelalterlichen Toren wurde ich auf einen mit Kopfsteinen bepflasterten Innenhof geführt. Umgeben war dieser Innenhof von roten‚ unverputzten Häusern mit vergitterten und undurchsichtig gemachten Fenstern.

Fotos vom Internet: Zuchthaus Cottbus

Mit den Häftlingen, die mit mir aus Dresden gekommen waren‚ wurde ich dann in eines der abstoßenden Gebäude gebracht. Hier war unser Erstaunen vollkommen. Der Anblick der „Transportzelle“ in Cottbus, in die man uns gesperrt hatte, übertraf alles was wir bisher gesehen hatten. In einer Zelle von 6 mal 10 Metern waren ungefähr 50 Häftlinge untergebracht. Zum Teil in zerlumpter Häftlingskleidung‚ zum Teil in Zivil saßen und lagen die Häftlinge auf Tischen, Bänken‚ unter den Tischen‚ auf dem Fußboden oder auf dem einen Fensterbrett. Dieses Bild erinnerte mich an einen nächtlichen russischen Bahnhof‚ wie er in Filmen über die Revolution immer dargestellt wird. Ein paar Häftlinge schliefen auf dem Fußboden‚ andere würfelten, und wieder andere diskutierten angeregt. Für die 50 Häftlinge stand eine kleine Toilette zur Verfügung, die verstopft war und wo auf dem Fußboden die Scheiße regelrecht rumschwamm.

Fotos vom Internet: Im Erdgeschoss befand sich die „Transportzelle“ vom Zuchthaus Cottbus

Die ersten Fragen, die man uns stellte‚ waren:

„Wo kommt ihr her? Wieviel habt Ihr mitgebracht?“ (Gemeint war damit die Höhe des Strafmaßes)

Uns dagegen interessierte, wie lange wir in dieser dreckigen, überfüllten Zelle bleiben müssten. Nicht wenig staunten wir, als wir erfuhren, dass Viele schon über drei Wochen hier in dieser Zelle warteten. Das Zuchthaus, so berichteten uns die Anderen, sei total überfüllt. Nur ganz vereinzelt würden manchmal Häftlinge von dieser Transportzelle auf die Zugangsstation geholt werden, wo es dann schon etwas angenehmer sei.

Etwas Positives stellte sich aber bei diesem Gespräch auch heraus: Hier in Cottbus saßen nur „politische“ Häftlinge‚ also keine „Kriminellen“. Das war mir ein großer Trost‚ denn von den BVern hatte ich noch von der „Schießgasse“ genug, vor denen hatte ich mich im „Strafvollzug“ am meisten gefürchtet.

Dann kam die erst Nacht in Cottbus. Viele Häftlinge‚ zu denen auch ich gehörte, mußten auf dem Fußboden schlafen, denn die Betten im abgesonderten Schlafraum reichten längst nicht mehr aus. Übrigens stand der Schlafraum am Tage abgesperrt und leer‚ während wir uns in der Transportzelle fast tottrampelten.

Schnell war Kontakt zu den anderen Häftlingen gefunden‚ denn es herrschte‚ wie ich es schon in der Stasi-U-Haft kennengelernt hatte, bis auf wenige Rabaukentypen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und Kameradschaftssinn. So erfuhr ich auch von anderen Häftlingen Genaueres über die Ausweisungen in den Westen und vor allem, wie ich mich verhalten müsste‚ damit es auch bei mir klappt. Wie mir schon damals Robert und Raimund erzählt hatten, betonten auch hier alle, dass ich jetzt stets zu erkennen geben müsste, dass ich immer noch in die Bundesrepublik will. Bei dem Aufnahmegespräch, das mit jedem Häftling geführt wird‚ der im Zuchthaus ankommt, äußerte ich mich dann auch in diesem Sinne.

In der Transportzelle lernte ich viele prima Leute kennen‚ mit denen ich mich gut verstanden habe, zum Beispiel den Arzt Friedhelm, den Chemiker Wolfgang, den Archäologen Sigfried, Uwe aus West-Berlin und Carsten, ein Student aus Halle.

Was mich übrigens auch sehr verwunderte, war der Ton, in dem hier die Gefangenen mit den Wärtern redeten. Die Posten wurden von den Häftlingen frech angebrüllt und oft mit „Eierköppe“‚ „Bullen“ oder „Scheißköppe“ betitelt‚ doch darauf reagierten die Wachposten kaum. Was es in einem Knast mit „Kriminellen“ nie geben würde war hier möglich. So erfuhr ich sogar von einem einwöchigen Hungerstreik, der vor einigen Wochen hier wegen des katastrophalen Essens erfolgreich durchgeführt worden war. Ich hatte vorher nie gedacht, dass es so etwas auch in der DDR gibt. Auch war vor kurzer Zeit eine Gruppe hochgegangen (erwischt worden), die einen Tunnel nach draußen gebaut hatte. Nur noch wenige Meter sollten gefehlt haben, als er von den Wachposten entdeckt wurde.

Nach drei Wochen Transportzelle kam ich dann endlich auf die Zugangsstation. Jetzt‚ so hoffte ich‚ würde man mich bald zur Arbeit einteilen und dann könnte ich mich mal wieder etwas freier bewegen. Auch hier im Zuchthaus waren wir ja ständig eingeschlossen, doch bei der Arbeit konnte man dann wenigstens in der Werkhalle herumlaufen.

Auch Raimund aus der U-Haft traf ich hier auf der Zugangsstation wieder, doch er kam gleich am nächsten Tag auf ein Arbeitskommando, so dass ich ihn von da an nicht mehr sprechen konnte. 

Inzwischen war es schon Juli geworden und wir bekamen die Hitze furchtbar zu spüren. In der Zugangszelle‚ die nur ein vergittertes und mit durchscheinendem Drahtglas verdecktes Fenster hatte‚ brüteten wir wie in der Sauna. Die einzige Kühlung, die es noch gab, war die Wasserleitung, doch dadurch wurde die Luft nur noch feuchter und unerträglicher. In diesem Zustand verbrachte ich dann auch meinen 24. Geburtstag. In diesen Tagen nahm ich mir damals fest vor, das ganze Erlebte einmal, wenn alles überstanden ist, aufzuschreiben.

Am meisten hatten die Raucher unter der Arbeitslosigkeit zu leiden. Wir verdienten ja noch kein Geld und hatten somit keine Einkaufsmöglichkeit. Das Geld‚ das die Häftlinge aus ihrer U-Haft mitgebracht hatten‚ durfte hier nicht mehr angerührt werden. So wurden den Rauchern die Zigaretten immer knapper, ihre Laune immer unerträglicher und jeden Tag gab es mehr Streitereien. In ihrer Sucht stopften einige dann sogar das Seegras der Matratzen in die Pfeifen, und andere versuchten es mit getrocknetem Kaffeesatz.

Als Erleichterung empfand ich es jetzt, wenn ich manchmal zum Kartoffelschälen eingeteilt wurde‚ für das es natürlich nichts gab. Allein die Tatsache, endlich nach einem halben Jahr mal wieder einen Handschlag zu tun, war eine Befriedigung, und außerdem konnte ich bei solchen Gelegenheiten aus der Zelle verschwinden, wo sich die bald schon wahnsinnigen Raucher gegenseitig das Leben schwer machten.

Arbeitskommando

Nach zwei Wochen Zugangszelle kam ich dann in das Arbeitskommando „Entgraterei“. Meine neuen Zimmergenossen waren alles prima Kerle….

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