bumi bahagia / Glückliche Erde

Wir hatten zwei Gespräche mit dem Hirnforscher Gerald Hüther nachverfolgt, um seinen Vorschlag für eine Lösung der heutigen Probleme unserer Gesellschaft zu betrachten.
Wenn wir diesen Vorschlag ernst nehmen, dann sollen wir uns von jeglicher Bewertung und Beurteilung fernhalten, weil ja schon damit wir den Autor zum Objekt unserer Bewertung machen würden.
Ist das tatsächlich so?
Es ist wohl schwerlich zu vermeiden, etwas Gegenständliches (wie auch einen Vorschlag oder eine Ansicht) als Objekt zu betrachten, wenn man es wahrnehmen will.
Natürlich wird es hier nicht um die Person des Autors gehen, sondern um seine Ansichten, die wir diskutieren wollen.
Luckyhans, 12. Juni 2017
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Der Lösungs-Vorschlag des Professors liegt in vielem grundsätzlich ähnlich den hier schon öfter geäußerten Ideen. Wie zum Beispiel:

Daß jeder sein Leben selbst gestaltet.
Daß jeder jederzeit dazu übergehen kann, dies auch bewußt zu tun.
Daß es keinerlei Alters- oder sonstige Begrenzungen gibt, sein Leben neu und ganz anders zu gestalten.
Daß man die Veränderung auch schrittweise angehen kann und sich dabei nicht gegen das ganze existierende Gesellschafts- und Wirtschaftssystem stellen muß.
Und daß man dafür entsprechendes Wissen benötigt.

Was ist Energie?

Auffällig ist der streng materialistisch-energetische Ansatz des Hn. H., ohne daß es eine allgemeingültige Definition von „Energie“ gäbe, die wirklich über die Beschreibung der zu beobachtenden Wirkungen hinausgehen würde.
Falls dieser Ansatz bereits Fehler hat, wären die nachfolgenden Schlüsse dann automatisch fraglich, insofern ist jeder
Denkansatz stets besonders gründlich zu hinterfragen.
Wir sehen uns ja am Beispiel der bürgerlichen Ökonomie gerade so ein Geschehen an, wo nicht diskutierte falsche Grundlagen zu einer völlig lebensfremden „Witz-chenschaft“ führen.

Das Gehirn ist nicht so sehr zum Denken da“ ist – nicht nur für einen Hirnforscher – schon eine etwas seltsam anmutende Aussage.
Genauso wie man nicht alles strikt durch die „ökonomische Brille“ betrachten kann – zum Beispiel wenn es um ein Gemeinwesen oder die lebenswichtigen Infrastrukturen geht -, genauso läßt sich nicht alles auf Energieeffizienz und ähnliches reduzieren.
De Mensch ist bekanntlich ein lebender Gegenbeweis für den Energieerhaltungssatz, denn er ist in der Lage, mehr Arbeit zu verrichten als er an Energie in Form von Essenskalorien aufgenommen hat – und das sogar ohne einen Kalorien-Verbrauch für die Verarbeitung des Essens zu berücksichtigen.

Auch die Aussage „das Gehirn ist nicht so wie ein Muskel, der nur immer bewegt werden muß, damit er stärker wird“ liest man bei anderen (z.B. Rüdi Steiner) ganz anders, wenn es um Meditation, d.h. die Erreichung des höchstkohärenten Hirnzustands geht, der NUR durch regelmäßiges Training erreicht werden kann.

Insofern sind bei mir so einige Fragezeichen zu diesem Ansatz offen geblieben – nebst mehreren Widersprüchen, die weiter unten genannt werden.
Aber bleiben wir erstmal bei den nützlichen Hinweisen, die wir bekommen.

Wie bekomme ich nun mein Leben wirklich selbst in die Hand?

Interessant ist, daß die dem Vorschlag Hüthers zugrundeliegende zutiefst grobstofflich- materialistische Betrachtungsweise zu ähnlichen Folgerungen führt wie „esoterische“ oder „heidnische“ Ansichten.
So laufen alle Ideen irgendwie darauf hinaus, sein Leben selbst gestalten zu wollen – Gestalter oder Schöpfer desselben zu sein – auch im WIE? gibt es nur wenige Unterschiede.

So ist die Frage nach dem Sinn des Daseins (Zielorientierung) logisch, denn nur wer diese grundsätzlich negiert, kann alles so lassen wollen, wie es ist.
Wobei dann das eigene Tun geradezu zwangsläufig mit dem Wollen der Gemeinschaft in Konflikt gerät.
Was aber auch sonst nicht ausgeschlossen ist.
Der Kantsche ethische Gedanke fehlt allerdings in der hirnforschenden Betrachtung…

Dagegen setzt die Frage nach der „Würde“ schon voraus zu klären, was damit gemeint sein soll, denn die damit angezielte Selbstzufriedenheit kann durchaus sehr „weit“ interpretiert werden.
Und man tut sich leicht, darauf zu verweisen, daß „Würde“ nirgends definiert wird, obwohl man selbst auch keinen Versuch unternimmt, dies zu tun.
Selbstverständlich steht es jedem frei, hier für sich selbst ganz eigen zu definieren, was für ihn da wichtig ist, aber einen Rahmen oder ein paar Hinweise zu möglichen Kriterien wären gewiß hilfreich gewesen.
So bleibt es jedem selbst überlassen, was er unter dieser ominösen Würde verstehen möchte – auch eine elegante Art, sich aus der Affäre zu ziehen, ohne die inhärente Zweischneidigkeit dieses Lösungs-Vorschlags erörtern zu müssen…

Nicht so recht schlau geworden bin ich aus der „Akademie für Potentialentfaltung in der Gemeinschaft“ – man suche dort nach „Modellen, wie Menschen künftig zusammenleben könnten“, nach „Wachstumsgemeinschaften für jeden Einzelnen“.
Kommt dann aber eine konkrete Frage, was man zu bieten habe (Seminare usw.), wird gesagt: macht mal erstmal selbst und bringt uns dann eure Erfahrungen…
Also entweder hat man selbst noch nichts, oder man mag es (noch?) nicht weitergeben, oder nur gegen Bezahlung?… wer weiß.

Kommen wir zum dialektischen Teil.
Denn da wissen wir, daß es nicht nur den Gegensatz gibt – das „entweder – oder“ -, sondern auch die Vereinigung der
Widersprüche zu einem Ganzen: das „sowohl als auch“.
Wobei das nur für polare Gegensätze zutrifft.

1.
Denn es fällt auf, daß die Betrachtung
keine konkreten Verantwortlichen für die heutigen Mißstände benennt, sondern daß – über die „wir selbst“-Manipulation – die Verantwortung auf alle verbreitet wird.
Und so tauchen dann Umstände, immanente Zwänge und „Mechanismen“ auf, die „automatisch“ zu den unmenschlichen Verhältnissen führen.

Einerseits wird gesagt, daß der Mensch seine Lebenswelt/-umstände heute komplett selbst geschaffen hat, andererseits fehlt jedoch der Gestalter selbiger – es ist das imaginäre und unfaßbare „wir“ – also niemand konkret.
Sollte niemand diese „Systemzwänge“, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, bewußt erschaffen haben?

Wirklich? Ging alles von allein? Selbstorganisation?
Statt Eigenverantwortung – allgemeine Verantwortungslosigkeit?
Paßt wohl nicht ganz zu den anderen Komponenten desselben Vorschlags…

Zugespitzt:
Entweder jeder Mensch schafft (als Schöpfer, Gestalter oder wie auch immer) sein eigenes Leben – dann ist er auch dafür weitgehend verantwortlich und kann nicht auf „Automatismen“ abstellen, wenn was dem entgegen läuft, was man wünscht.
Oder es gibt tatsächlich „Mechanismen“, „kosmische Prinzipien“, „System-Antworten“, auf die der Mensch als Schöpfer keinen Einfluß hat und die dazu führen, daß bestimmte Dinge eben so sind, wie sie sind – dann kann aber auch die Eigenverantwortung nur begrenzt sein.

Also: Wer lenkt die Entwicklungs-Prozesse?

2.
„es hat sich alles umgekehrt“ – das Verhältnis Mensch-Wirtschaft, das Verhältnis Realwirtschaft-Finanzbereich – durchaus richtige Beobachtungen.
Aber:
erneut ohne Handelnde? Von allein? Selbstorganisiert?

Natürlich gibt es Entwicklungen, die – einmal angestoßen – ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, gar keine Frage.
Aber die sog. Randbedingungen, welche den weiteren Verlauf dieser Entwicklungen von Anfang an vorherbestimmten, wurden ja mal von konkreten Akteuren festgelegt.

Anderenfalls würden alle Entwicklungen chaotisch ablaufen, d.h. in ihrem Verlauf nicht vorhersehbar. Das wird ein Wissenschaftler wohl kaum befürworten wollen.

Also: Wer legt die Randbedingungen der Entwicklungen fest?

3.
Betrachten wir die beiden genannten Methoden, wie man eine Veränderung seines Lebens angehen kann, oder die Orientierungsmöglichkeiten, die dabei zu Gebote stehen. Diese sind in beiden Gesprächen klar herausgearbeitet – es geht um die Fragen WER bin ich? und: WOZU bin ich hier?

Der Mensch wird also tatsächlich erst dadurch zum Menschen, d.h. zum Gestalter seines Lebens, daß er sich mit diesen Fragen auseinandersetzt.

Andererseits wird gesagt:
„Der Wert eines Menschen entsteht schon allein dadurch, daß er DA IST.“

Ja was denn nun?
Entweder jeder ist schon allein dadurch „bedeutsam“ und damit „Mensch“, daß er da ist.
Oder er wird erst zum Menschen, wenn er sich mit mindestens einer der beiden Fragen auseinandersetzt.
Dahinter steht die uralte Definitionsfrage: was ist ein Mensch?

4.
Zitat: „Man kann Menschen nur das an Möglichkeiten bieten, was sie auch ergreifen können.“ – bitte: ist das keine Bevormundung?

Wer will denn bestimmen, was Menschen „ergreifen können“?
Einerseits sollen alle „spielerisch“ lernen und unbegrenzt in ihren Möglichkeiten bleiben, andererseits soll ihnen nur das als Möglichkeit geboten werden, was sie – nach wessen Ansicht? – auch benutzen können.

Wer will Möglichkeiten begrenzen und nach welchen Kriterien?

Hätte man gesagt: Menschen können nur das als Möglicheiten wahrnehmen, was sie auch bewältigen können, so wäre die „Subjekthaftigkeit“ gewahrt…
– – – –

Die genannten 4 Widersprüche bleiben offen – Aufforderung, selbst nach Vereinigung der Gegensätze zu suchen.
Denn die Überlegungen sind durchaus anregend und enthalten viele Denk-Stupser.

So gibt es jedenfalls vielfältige Ansätze, sich mit dem Gesagten zu beschäftigen und nach Antworten zu suchen – auf das Geäußerte wie auf die deutlich gewordenen Differenzen.

LH, 12. Juni 2017


3 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. earthlove10 sagt:

    „Wie bekomme ich nun mein Leben wirklich selbst in die Hand?“

    M-eine Antwort dazu ist, das man erkennt, daß man es schon selbst in der Hand hat, und weil man es nicht erkennt, geschieht es, daß es einem von wem oder was auch immer aus der Hand genommen wird.

    Seht bei passender Gelegenheit meine Ausführungen dazu folgend als Antwort auf diese Geschichte von stevenblack hier: https://stevenblack.wordpress.com/2016/11/28/die-clinton-podesta-dmonisierung/#comment-78094

    und hier: https://stevenblack.wordpress.com/2016/11/28/die-clinton-podesta-dmonisierung/#comment-78097
    und hier: https://stevenblack.wordpress.com/2016/11/28/die-clinton-podesta-dmonisierung/#comment-78098

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  3. earthlove10 sagt:

    Zur „Würde“ ist es m-eine An-Sicht, deß der Mensch – also auch ich – nur so würdig ist, als er sich erkennt und bekennt zu dem, was er erkennt ohne Hehl und Tadel.

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