Ein Kind verunfallt schwer oder stirbt. Mutter weint, Tränen fließen.
Ein Kind erfüllt seiner Mutter einen von ihr heimlich gehegten Wunsch. Mutter weint, Tränen fließen.
Sind das dieselben Tränen?
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Ich erzähle von mir. Ich erzähle so genau, wie es mein Gedächtis hergibt. Möge es Dir als Anregung dienen.
Bis zum alter von sieben Jahren kam es vor, daß mir Tränen kamen. Sie quillten unwiderstehlich, wenn ich mich nicht verstanden fühlte oder wenn ich hart bestraft wurde.
Was für Tränen waren das?
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Ab sieben änderte sich das, wesentlich.
Wurde ich ungerecht behandelt oder bewusst bestraft, dann bockte ich, es kamen keine Tränen.
Hatte ich Unfall, da waren keine Tränen, und brannte die Wunde noch so sehr.
Dies zog sich durch bis dreißig. Von sieben bis dreißig kann ich mir nur der drei Anläße erinnern, da mir Tränen kamen.
Ich war 15 Jähriger Internatsschüler am Lehrerseminar Wettingen. Jeden Mittwochnachmittag fuhr ich nach Zürich, mit der Retina II meines verehrten Onkels Rich, fühlte mich großartig, allein, frei, selbständig, „erwachsen“.
Stand ich vor der Auslage eines Reisebüros, den ausgestellten Passagierjet bewundernd. Tja, gesellte sich ein Mann, Mitte zwanzig, zu mir, wechselte ein paar freundliche Worte.
Selbigen Abends saß ich, es war schon dunkel, auf einem Bänkchen am Limmatquai. Kam doch wahrhaftig derselbe Mann und setzte sich zu mir. Ich fand das natürlich und gut.
Nun. Er legte seine linke Hand auf meinen rechten Oberschenkel. Ich begriff augenblicks. Ein Meer von Emotionen überfiel mich. Ich brach augenblicks in Tränen aus. Es war dem guten Kerl nirgends recht, er bat um Verzeihung, er wolle mir bestimmt nichts Böses. Das war ehrlich. Und es half nicht. Ich brachte kaum ein Wort heraus, ging weg, fuhr nach Wettingen, heulte krampfartig und unentwegt, duschte, fragende Blicke konsternierter Kameraden…und heulte die ganze Zeit, vom Bänkchen bis hin im Bett.
Was waren das für Tränen?
Hochzeit. Ich dachte nichts Böses, hatte eben noch mit einem Onkel gescherzt. Einzug in die Klosterkirche Muri. Die Orgel hub zu spielen an. Der Boden wurde mir unter den Füßen weggezogen. Ich heulte während der ganzen Zeremonie, konnte danach kaum die Gratulationen mit halbwegs ordentlichen Gesichtszügen entgegennehmen.
Was waren das für Tränen?
Wandern in den Cinque Terre. Herrliches Wetter, alles wunderbar, betörend die Düfte von Thymian und Basilikum. Meine Gedanken schweiften zu dem unerreichbaren Mädel. Tränen waren nicht zu bremsen.
Welcher Art waren sie?
Oh, da war doch noch etwas, ein Viertes. Mit 9 las ich den Winnetou. Bei seinem Tode, da heulte ich.
Was war das?
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Ab dreißig kamen mir Tränen vergleichsweise häufig.
Erstmals ging ein Mädel auf mein Liebeswerben ein. Wir trafen uns drei Male. Kein Sex, Umarmung schon. Ich heulte Rotz und Asche.
Art der Tränen?
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Bei der Geburt meiner Kinder. Erblickten sie das Licht dieser Erde, da überkam es mich.
Was transportierten die Tränen?
Heute nun überfällt mich mit schöner Regelmäßigkeit eine überbordende innere Regung, welche mich unwiderstehlich tränen läßt, wenn ich eine kleine Zeremonie leite. Ich bereite mich jeweils vor, weiß, was ich sagen bzw. anregen werde, lasse mir aber immer offen, alles ganz anders zu machen.
Im Moment, da ich zu sprechen anfangen will, da kommt „es“. Jedesmal ist es so. „Es“ übermannt mich unwiderstehlich. Ich bringe kaum ein Wort heraus. Tränen fließen in Strömen. Sitzen da meine Leut, alle innerlich ganz dabei.
Und welcher Art Tränen nun sind dies?
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So Du bis hierher durchgehalten hast, danke ich Dir für die Begleitung auf dem Exkurs, und es würde mich freuen, wollte er Dich Deinerseits zu Wanderschaft in Dein Inneres anregen. Was geht in Dir vor, wenn Tränen quillen?
Ich habe oft und viel darüber nachgedacht. Ich meine, es ist ersprießlicher, wenn ich keine Antworten liefere.
Jeder finde seine Antworten, darum geht es, so meine Überzeugung.
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Tränenfreier Gruß aus 28 Grad Celsius bei tropisch tränendem Himmel 🙂
Euer Thom Ram Voe, 08.01.NZ14 (für Sturköppe 2026 🙂 🙂
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Gerade vor ein paar Minuten: tränende Augen beim Schneewegschieben durch den kalten Ostwind, minus 4 Grad.
Manchmal Tränen beim Anschauen von sentimentalen Geschichten oder bei Tierfilmen im I-Net.
Freudentränen, tränende Augen vor Lachen, tränende Augen bei Müdigkeit, bei Traurigkeit, bei Ergriffenheit, bei Mitgefühl, bei Glückseligkeit. Ein kleines Sprudeln der Seele?
Mir fällt ein alter Spruch ein. Früher sagte manfru zu kleinen oder größeren Menschen, wenn sie weinten: Das, waste weinst, brauchst net zu pinkeln.
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Liebe Bettina, dieser von Dir zitierte Spruch hat es in sich, wahrlich. Er vereint Wahrheit mit kaltem Zynismus…und dies regt zu Weiterdenken an 🙂
Mir fällt ein alter Spruch ein. Früher sagte manfru zu kleinen oder größeren Menschen, wenn sie weinten: Das, waste weinst, brauchst net zu pinkeln.
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Lieber THOM! Die Tränen sind für mich der Ausdruck überfließender Gefühle. Die Gefühle können ganz verschieden sein, wobei die Glücks- und Freudentränen natürlich die schönsten sind… Wenn die Menschen ihre Gefühle nicht frei fließen lassen (können), bleiben Gefühle „stecken“… Und von Dr. JOE (Dispenza) weiß ich, daß man in der Tränenflüssigkeit vieles findet, was genau zeigt, welches Gefühl aufgelöst wurde (das Aufgelöst habe ich mir so gedacht). Jedenfalls ist es auch sehr gut (anscheinend), die Tränen nicht wegzuwischen, sondern wieder in den Körper aufzunehmen über die Haut oder den Mund… Leider hab`‘ ich vergessen, warum, aber das DAß ist in guter Erinnerung.
Meine Ama (die Mama meiner Mama) sagte immer „Mir hend halt älle nah am Wassr baut“, was heißt, daß wir oft Tränen der Rührung fließen ließen. Sie selbst weinte immer, wenn wir heimgefahren sind, und sie dann wieder alleine. Eine Tante ging nie mehr in die Kirche, weil sie immer so heulen mußte, wenn es ans Singen ging. Die Schminke ist zerflossen, welch‘ ein Ärger.
Ich selbst – manchmal auch bei einer Traueransprache – nehme mir die Zeit, die Gefühle zu fühlen und die Tränen auch fließen zu lassen. Das zeigt, daß wir fühlende Wesen sind, und es ist noch nie schlecht „angekommen“. Freudvol
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Wenn persönliche Regungen zum Weltproblem erklärt werden, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und neu zu fokussieren.
Der Mensch – jenseits des bloßen Personenbewusstseins – weiß, dass Natur Gefühl setzt; Tränen sind dessen möglicher Durchbruch, nicht dessen Bedeutung.
Der natürliche Mensch gerät dabei nicht in Gefühle. In Konfliktsituationen klärt sein Verstand das Feld voraus, noch bevor ein Gefühlsimpuls einen Auslöser, ein Objekt oder eine Richtung gefunden hat. Gefühl ist dann nicht Reaktion, sondern Folge einer bereits erkannten Lage.
Nicht das Gefühl ist zu schnell.
Die „Person“ ist zu ungeklärt.
Der geklärte Mensch denkt nicht nach –
er denkt voraus.
Im Diskurs mit den gegebenen Rahmenbedingungen erkennt der Mensch durch den Verstand, welcher Art die Triebkraft des jeweiligen Augenblicksgefühls ist:
Bestätigung und Ebnung des individuellen Lebensweges,
Hinweis, die eingeschlagene Richtung konsequent zu ändern,
oder extreme Bewährungsprobe der eigenen Wahrhaftigkeit – auch als „Erstverschlechterung“ zu bezeichnen.
Letzteres prüft Konsistenz, Konsequenz und Durchsetzungskraft angesichts von Widerständen und extremen Schwierigkeiten. Gerade in individuellen Krisensituationen – wie derzeit in globaler Zuspitzung – ist es zur Konfliktlösung unumgänglich, dass der Verstand führt und das Gefühl folgt.
Andernfalls kippt ungeklärtes Erleben in eine selbstverstärkende Spirale aus Affekt, Angst, Resignation und Depression.
Der natürliche Mensch gerät nicht in Gefühle.
Er lässt sie entstehen, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Liebe Grüße aus Dresden
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