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ELTERN KIND UND KINDERSTUBE – 78. von 144 Leute

Volk und Sprache

Eckehardnyk, 4. November NZ8

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Eine beliebte Sendung morgens im Radio des deutschen SDR 3 ließ Prominente zwischen Musiktiteln per Interview ganz locker zu Wort kommen. Das war so beliebt, daß auch die Rationalisierungsstrategen im fusionierten Südwestradio (bis heute auf SWR 1) diese Sendung weiter laufen lassen mußten. Was ist der Unterschied zwischen Leuten und Menschen? Ein ganz erstaunlicher: Leute gibt es nur in der Mehrzahl, mindestens zwei müssen es sein. Trotzdem kann man im Deutschen „viele Leute“ sagen, ohne ausgelacht zu werden. Im Russischen, wo es das verwandte und inhaltlich selbe Wort ljudi gibt, könnte man diese Form nicht noch einmal vervielfachen; da müßte man „viel an Leuten“ sagen. Im Deutschen jedoch wird aus „vielen Leuten“ ein Volk. Das Volk besteht zwar auch aus „vielen Menschen“, aber viele Menschen ergeben noch lange kein Volk, allenfalls eine Bevölkerung. Was bedeutet das für unsere Kinder und für uns Eltern, daß viele Leute ein Volk ergeben?

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Unter Leuten scheint man wohl etwas verstanden zu haben, das jedes angehörige Individuum mit einem Bündel von gleichen Merkmalen ausgestattet sein läßt, die einen Volkscharakter ausmachen. Innerhalb eines Volkes kann ein Individuum zu der jeweils größtmöglichen Einzigartigkeit und Freiheit gelangen, die ihm nur als „Mensch“ möglich ist. Es kann sich aber auch vollkommen darin verstecken, wer immer das will. Das Volk und seine Leute sind ein vollkommener Schutz für den Einzelnen. Über das Volk hinaus gab es schon seit ein paar Jahrtausenden Zusammenschlüsse von Völkern (nicht zu verwechseln mit den „Vereinten Nationen“, in denen nur Staaten versammelt sind). Wo mehrere Völker wie ein Mann auftraten, beispielsweise verkörpert in Attila, der nicht nur Hunnen, sondern verschiedene Germanenvölker und Sarmaten unter seiner Herrschaft vereinigt hatte, entstand ein Reich, das sich dann auch mehr oder weniger staatliche Organe zulegt. Ein klassisches, noch existentes Beispiel ist die Schweiz (ein Minireich aus römischer Vergangenheit). Andere Staaten haben größere Schwierigkeiten mit den in ihnen beheimateten Völkern einig zu werden, beispielsweise überall dort, wo rebellische „Befreiungsarmeen“ Unabhängigkeit für ihre Volksgruppe erkämpfen wollen. Auch der Vielvölkerstaat Indien ist als Gesamtreich gescheitert, wofür Gandhis Tod symbolisch stehen mag (er starb nicht durch die von ihm aus dem Land gedrängten Briten sondern durch einen fanatisierten Einheimischen.)

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Es gibt keine unsinnigere Parole als die von den Nazis ausgegebene: Ein Volk, ein Reich, ein Führer; da ein Reich immer aus Völkern bestehen muss. Das bedeutet: Aus Kulturen; aus Sprachen, Bräuchen, Traditionen mit distinktiven, von einander unterscheidbaren, aber die Einheit nicht bedrohenden Merkmalen. So wird es dereinst wieder ein Reich Europa geben, wo schon die römische Zivilisation mit der unter Karl dem Großen versuchten „karolingischen Renaissance“ dem Einzelnen Rechte auf sein individuelles Menschsein angefangen hat zuzusichern. So wird hoffentlich die Planung der politischen Europäer in der neueren Geschichte diesen Weg weiter führen.[1]

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Gehen wir zu unseren Kindern zurück. Auch sie sind „Leute“, unsere Leute, wenn auch kleine; sie gehören mit uns, ihrer Familie, Sippe, Stamm zu einem Volk und mit diesem zu einem Reich. Sie werden viel davon gar nicht bewußt wahrnehmen, solange sie Kinder sind. Aber sie werden sofort spüren, wenn etwas „anders“ ist. Das Tolerieren von diesem Anderen, von dem, was nicht „zu uns“ gehört, ist für Kinder durchaus nicht selbstverständlich. Das Gegenteil ist normalerweise eher der Fall, was bei Unachtsamkeit auf ein nicht Raus-Wollen aus dem eigenen Hüttenduft hinausläuft. Und wenn das so ins Erwachsenenleben hineinwächst, kann es schlimmsten Falls zu manipulierbaren Pogromen führen, wie einst nicht nur in Rußland gegen Juden, woher dieser Ausdruck im 19. Jahrhundert seine unselige Bedeutung bekam (pogròm bedeutet eigentlich „Donnerwetter“). Deshalb ist es wichtig, daß Kinder sowohl das Eigene innerhalb der Gruppe ihrer Leute, ihrer Mundart, ihrer Sitten und Geschichte(n) kennen und schätzen lernen und auch selbstsicher anwenden können; aber auch nach und nach das Übergreifende als zu sich gehörig empfinden und die darin verborgenen Vorteile nutzen. Weise ist es daher, Mundart in der Familie zu reden, doch im Verkehr mit dem „Reich“ die Hoch- oder Standardsprache zu können, um sich mit den anders gearteten Wortgebilden der lingua franca, der Reichssprache, bereits im eigenen Mund vertraut zu machen. Umso leichter werden Hand-(also „Mund-„)habung und Verständigung in echt fremden Sprachen und der Umgang mit den anderen Völkern gelingen.

© (eah) 9. Januar 1999 und 4. November 2020

[1](Dieser Weg gehört eigentlich mit den modernen Mitteln fortgesetzt, aber im Moment sieht es von staatlicher Seite nicht danach aus.)

Die Englischfassung (Encounter Education 13/40) zu dieser Seite beschäftigt sich mit der in 77. von 144 behandelten Sprach- und Ausdruckspflege und bekommt eine Extraseite (mit Übersetzung).


5 Kommentare

  1. HansL sagt:

    Als gesamttoitsche Sprachmischung, Muttern aus’m Norden, Kamenz(Preußen, die Omama-der Opapa Dresden, Thüringen), und spricht Hochdeutsch, vor allem in Erregung:stolpat sie üban spitten Stain, Vatern als Schwäbisch-badischer Alemane schwätzt net viel und trinkt keinen Württemberger.
    Somit habe ich die Gunst in gesamt-D recht gut zu verstehen, ebenso in den Alpenländern, natürlich mit einigen Schwierigkeiten vor allem im Rheinland,…ob ich nun verstanden werde?
    Doch wollte ich auf das Sprachgefühl hinaus, welches mir gegeben, immer wieder stößt mir so Manches auf (es tut förmlich weh), als da wären:
    das Wort im Singular_die Worte im Plural (nicht Wörter!); Staub ist schon Plural, Stäube gibt es nicht, es gibt allenfalls verschiedene Arten von Staub, ebenso bei Wasser ist schon Mehrzahl, das Adjektiv macht’s aus z.B. verschiedene Wasser (mit, oder ohne dies und das) — in einer Anzeige las ich vor Kurzem: fünfzig verschiedene Mineralwässer auf Lager (tut mir leid doch dabei dreht sich mir alles rum). Mein Sprachgefühl ist entsetzt, wenn der Zahnarzt seine Mundwässer anpreist—niks wie raus hier, am Besten aus’m Fenster solange noch Einzahl und kein Artikel rumlungert.
    Da ich vermute, das Du Beschajd weißt stelle ich zudem bescheiden die Frage: woher kommt das Präfix „ver-“ in älteren Schriften, Sütterlin geschriebenes, taucht es so gut wie nie auf

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  2. Thom Ram sagt:

    HansL

    Jo, die liebe Sprache. Als ich von einem Freund, es war vor 18 Jahren, erstmals „in keinster Weise“ hörte, lachte ich mich kapott, meinte, es sei als Sprachwitz gemeint. Nö. Nix Sprachwitz. Mittlerweile steigert Jedermann in den Superlativ das „kein“, wo es nun mal nix zu steigern gibt.
    Auch so ein schröcklich Dingn ist „die Akzeptanz“. Völlige Verdrehung. Es muss heissen „das Mass der / der Grad an Bereitschaft, einen Sachverhalt zu akzeptieren“. „Akzeptieren“ ist eine Tätigkeit. Eine Tätigkeit in eine passive Funktion zu wandeln, das ist schon ein Zauberkunststück. Keiner scheint es zu merken, keinen scheint es zu stören.

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  3. Thom Ram sagt:

    Ecki,

    dick fett unterschreibe ich den Passus

    …..Deshalb ist es wichtig, daß Kinder sowohl das Eigene innerhalb der Gruppe ihrer Leute, ihrer Mundart, ihrer Sitten und Geschichte(n) kennen und schätzen lernen und auch selbstsicher anwenden können; aber auch nach und nach das Übergreifende als zu sich gehörig empfinden und die darin verborgenen Vorteile nutzen…….

    Der Begriff „Multikulti“, als ich ihn in Berlin vor 20 Jahren als Greenhorn las, war ich begeistert, denn exakt das, was du hier formuliert hast, verstand ich darunter, wusste nicht, von welchen Geistern er lanciert worden war, wusste nicht, dass unter ihm Verwässerungen der Kulturen gemeint waren.

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  4. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  5. eckehardnyk sagt:

    „Multikulti“ist freilich das Gegenteil von dem im Artikel Gemeinten. Und richtig: es veroberflächlicht das in jeder Kultur zutiefst und zu höchst angelegte geistige Gut. Ich möchte noch den englischen Part zu dieser Nummer als eigenen Aufsatz hinzufügen. Er gipfelt in der am Ende ausgedrückten Forderung, uns für die multiplen Versammlungen von verschiedenen Mutterprachlern auf die bewusste Schaffung einer „Reichssprache“ zu vereinigen. Mein Doktorvater (Norbert Reiter, gestorben 2009) hat dazu durch seine Eurolinguistik beigetragen, indem er die unbewusst zuwege gebrachten Gemeinsamkeiten der Balkansprachen als praktikablen Grundsatz dafür erkannt hat. Und das Schriftchinesisch (Kandji) bietet eine massive Grundlage für die weltweit schriftliche Verständigung, wie seine Verwendung in Japan schon gezeigt hat. Auf etwas Merkwürdiges hat mich während des Studiums in einer Vorlesung eine Professor der mittelalterlichen Geschichte aufmerksam werden lassen: Bei den hochmittelalterlichen Reichstagen brauchten die Angehörigen der verschiedenen deutschen Stämme, die jeder einen anderen „Dialekt“ (aber kein Latein!) sprachen, keine Dolmetscher, obgleich zwischen den Idiomen die ungefähr gleichen Unterschiede bestanden wie zwischen den Dialekten heute. Dennoch verstanden sich die Leute, was heute auch möglich wäre, wenn Dialekt als Muttersprache erst gelernt, und die Verkehrsprache oben drauf käme. Heute kommt die Verkehrssprache (Standarddeutsch) als Muttersprache zuerst. Folglich sind Dialekte danach für solche Kinder „Fremdsprachen“, die sie nicht mehr verstehen.

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