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Erzählungen und Bekenntnisse eines Freigeistigen / Kapitel 2 / Wie es damals war

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Ein Zeitdokument, obschon aus zweiter Hand.

Der Freigeistige breitet uns die Geschichte seiner unmittelbaren Vorfahren, vor allem die Geschichte seines Vaters, aus. Du betrachtest das Geschehen, halb mit den Augen des Aussenstehenden, halb mit den Augen des erzählenden Vaters. Du tauchst ein in den zweiten Weltkrieg, erlebst ein Einzelschicksal so.

Der Autor lässt Bezüge zur heutigen Zeit einfliessen, in wohl angemessener Form.

Nachkriegsgenerationen fragen stets das Gleiche: Warum haben die Eltern, die Grosseltern nichts erzählt?

Ich wage eine Interpretation. 

Erstens erzählt kein Mensch leicht von tieftraumatischen Erlebnissen.

Zweitens wären die Erzählungen im Kontrast zu der ab 1945 aufgezogenen Umerziehung des deutschen Volkes und im Widerspruch zu der ab 1945 aufgezogenen, verlogenen Geschichtsschreibung gestanden.

Die offizielle Geschichte sagt: Die Deutschen wollten das Weltreich. Sie waren kalt. Sie waren brutal, bestialisch brutal. Sie waren verblendet. Sie waren Unmenschen. Die Deutschen waren Verursacher des 2.WK.

Was wollte der Einzelne Deutsche, der seine „kleine“ eigene Geschichte nur zum Besten geben konnte und kann, gegen die Gewalt der mit grenzenlosen Geldmitteln gespiesenen,  gewaltigen, bis und mit heute laufenden Indoktrination ausrichten? Genau darüber werde ich demnächst was sagen in bb.

Ich gebe dem Freigeistigen das Wort, lasse ihn erzählen, was er von der unglaublich dramatischen Geschichte seiner Herkunft weiss.

thom ram, 27.08.0004 (Für später aufwachen Wollende 2016)

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Erzählungen und Bekenntnisse eines Freigeistigen / Kapitel 2 / Wie es damals war

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Woher kommt der Freigeistige?

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Wo kommt ER also her? Eigentlich verdankt ER sein Leben einem Pferd. ER verehrt diese Tiere, die durch ihre artspezifischen Eigenschaften, Gehorsam zu leisten und ihre Kraft zur Verfügung zu stellen, dem Menschen zu seiner Größe verholfen haben. Dass der Mensch mit seiner erlangten Größe nicht umzugehen weiß, liegt jedenfalls nicht in der Verantwortung des Pferdes. Ja, es war ein Pferd, ein ukrainisches Panjepferd, das mit seinem Gehorsam und seiner Menschenfreundlichkeit dazu beigetragen hat, dass es ihn heute gibt. Da war eine ganze Reihe unglaublicher Geschicke, die die Frage seines Seins oder Nichtseins beeinflusst haben, aber die Geschichte um dieses Pferd hat sich besonders tief in seine Seele eingegraben. Es liegt ihm fern in der Art eines Groschenromans Kriegsabenteuer erzählen zu wollen, aber die folgenden Schilderungen, die sich ihm nach den Erlebnisberichten seines Vaters eingebrannt haben, gehören einfach zum Bild, das man sich machen muss, um zu verstehen, was ihn unter anderem geprägt hat.

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Der Vater des Freigeistigen

Sein Vater, aufgewachsen im Ort Rohnstock in der Nähe des Riesengebirges, hatte als Soldat den Zweiten Weltkrieg vom Anfang bis zum bitteren Ende miterlebt. Im Jahre 1912 geboren, verlor er schon im Alter von siebzehn Jahren beide Elternteile, erhielt aber seinen Halt in der Familiengemeinschaft dreier älterer Schwestern. Alle sechs Geschwister waren Kriegskinder des Ersten Weltkriegs und hatten Hunger und Not am eigenen Leib verspürt, eine Erfahrung, die die jüngeren Generationen nicht machen mussten. Vieles, was die Geschicke des deutschen Volkes und damit der ganzen Völkergemeinschaft ausmacht, ist mit diesen Erfahrungen untrennbar verbunden. Aber der Zeitgeist blendet diese Zusammenhänge aus und verhindert damit ein wirkliches Lernen aus der Geschichte. Das liegt zu einem Teil daran, dass die Geschichte weitgehend allein von den Siegern aufgeschrieben wird, und daran, dass es Gruppierungen gibt, die aus den Auswirkungen der Geschichte Kapital schlagen.

Der Vater erlernte das Handwerk des Hufbeschlagschmiedes und erfuhr in den Jahren von 1930 an die Not der Arbeitslosigkeit.

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Deshalb wählte er den aktiven Dienst auf Zeit beim Militär und wurde beim Infanterie-Regiment 318 zum Waffenmeister ausgebildet. Das Regiment zählte zur berittenen Infanterie, und so kam ihm seine erlernte Fähigkeit, mit Pferden umzugehen, zugute.

Die nach dem ersten Weltkrieg konstituierte Demokratie war unter der Last der Kriegsfolgen nicht in der Lage, stabile wirtschaftliche und politische Verhältnisse herzustellen. Die Folgen des ersten Weltkriegs empfand der Vater als junger Mann wie viele Deutsche, die sich mit der Geschichte auseinandersetzten, als Demütigung, nicht nur als Demütigung ihres Volkes, sondern durch die erlittene Not als eine ganz persönliche. Wenn sich eine Gesellschaft in einer solchen Gemengelage wiederfindet, wird sie anfällig für die Suche nach einem einfachen und unverzüglichen Ausweg aus der Misere. Diesen Ausweg versprach ein aus heutiger Sicht skurriler Mann namens Adolf Hitler. Die nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die dieser anführte, war weder sozialistisch, noch war sie eine Arbeiterpartei, aber sie versprach eine baldige Befreiung aus der Gefangenheit in den Folgen des verlorenen Krieges und ein Ende der wirtschaftlichen Not. So kam das deutsche Volk zu seinem Führer, der später in sarkastischer Form mit dem Titel „größter Feldherr aller Zeiten“ (Gröfaz) belegt wurde.

Das nationalsozialistische System war ein ausgesprochen kapitalistisches, und ohne jegliche Bedenken setzten alle Kapitalkräfte, vor allem die nichtjüdischen, in der Erwartung reichlicher Profite für ihren Führer die Wirtschaft in Gang, denn im Kapitalismus lenkt das Kapital alle wirtschaftliche Aktivität. Ein „zweiter Arbeitsmarkt“ namens Reichsarbeitsdienst holte die Arbeitslosen aus den Stempelstuben (Arbeitsagentur anno 1933), und das Volk fasste wieder Tritt.

Der Vater arbeitete nach Abschluss des Militärdienstes in seinem Beruf als Schmied und Schlosser und konnte mit dem verdienten Geld neben seinem Lebensunterhalt das von den verstorbenen Eltern und den Geschwistern übernommene Haus herrichten, um ein Zuhause für eine spätere Familie zu schaffen. So war die gesamte Gesellschaft im Aufbruch und wähnte sich auf dem

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Weg in eine viel versprechende Zukunft. Dass diese Renaissance all zu bald im gleichen Schritt und Tritt enden würde, hat die überwiegende Mehrheit nicht gewusst, nicht geahnt und vor allem nicht gewollt.

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Der „Gröfaz“ und sein Kampf

Sie hätten nur Hitlers Pamphlet „Mein Kampf“ lesen müssen, dann hätten sie es gewusst, erklärten die Selbstgerechten, die den Zeitgeist späterer Generationen vertraten, so auch der Freigeistige in seinen jungen Jahren. Heute bedauert ER zutiefst, dass ER, vom Zeitgeist indoktriniert, die Versuche der Eltern, ihm zu erklären, wie sie damals gedacht haben und warum sie so gedacht haben, immer mit einem Abwinken quittiert hatte. Damals war ihm noch nicht bewusst gewesen, dass ER an dem, was ER die Eltern nicht aussprechen lassen wollte, länger tragen würde als sie. Die noch Selbstgerechteren unterstellten einfach, sie hätten damals doch Hitlers „Mein Kampf“ gelesen, also hätten sie doch gewusst, was da kommen würde, aber sie hatten nicht, nicht einmal, wenn in jedem Haushalt ein solches Pamphlet vorhanden gewesen wäre. Wer hat denn schon die fast in jedem Haushalt vorhandene Bibel gelesen?

ER hat dieses Werk Hitlers gelesen und gemischte Eindrücke gewonnen. Lieber wäre es ihm gewesen, er hätte nur Unsinn gelesen. Das Fatale war aber, dass dieses Pamphlet zu allem ideologischen, deutsch-nationalistischen und rassistischen Unrat auch immer wieder die Beschreibung von Wirklichkeiten enthielt, die aus Hitlers ideologisch getrübter Sicht gemeinschädlich für das deutsche Volk waren, bei rein sachlicher Betrachtung aber fundamental schädlich für die gesamte Menschheit sind. Es gestattete zudem einen Blick in die latent allgegenwärtigen tiefen Abgründe des menschlichen Intellektes. In der Summe hinterließ es bei ihm Verwunderung, Kopfschütteln und Erschaudern, und es war so langweilig, dass ein Leser, der nicht den Anspruch erhoben hätte, über den Inhalt informiert zu sein, es nach wenigen Seiten des Lesens in der Kommode versenkt hätte.

So kamen die Eltern und mit ihnen die Kinder und Kindeskinder deutscher Herkunft für alle Zeit zu ihrer Kollektivschuld, denn am 1. September 1939 um 4:45 Uhr ließ Adolf Hitler erstmals „zurückschießen“.

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Dass dort, wohin er „zurückschießen“ ließ, eine seit vielen Monaten mobilgemachte polnische Armee stand, die es mit unverantwortlicher chauvinistischer Selbstüberschätzung ihres Offizierscorps den Deutschen mit Rückendeckung der Briten einmal so richtig zeigen und sich die Freie Stadt Danzig endgültig unterwerfen wollte, ist aus den offiziellen Geschichtsbüchern gestrichen worden.

„Zurückschießen“ steht hier in Anführungszeichen, weil die deutsche politische Korrektheit das fordert und damit zum Ausdruck bringen muss, dass ein argloses, friedliches Polen von Hitlerdeutschland heimtückisch überfallen wurde. Die polnische Literatur steht dagegen weniger unter Zensur. Dort hält man mit patriotisch geschwellter Brust unbefangen fest, dass es die polnischen Heroen waren, die von der Westernplatte aus zuerst auf das Linienschiff Schleswig-Holstein gefeuert haben wie David auf Goliath und damit den Riesen zur Antwort provoziert haben. Die politische Korrektheit verbietet es einem Deutschen, diese Tatsache zu wissen. Zwar wurde ein solches Zurückschießen während des „Kalten Krieges“ im Begriffsschatz der westlichen Verbündeten – so auch in der deutschen Bundeswehr – als „Vorwärtsverteidigung“ gehandelt, aber ungeachtet dessen war das Zurückschießen Hitlers ein irreversibler Fehler.

Für die deutsche Nation wäre dieser Konflikt mit großer Sicherheit glimpflicher ausgegangen, wenn er die Polen hätte bis an die Tore Berlins vordringen lassen. Niemand außer Hitler selbst wusste damals oder weiß heute, was genau er im Schilde führte. Wahrscheinlich aber kam ihm die Kriegslust der Polen, die sich beharrlich – von den Briten bestärkt – einer Verhandlungslösung verweigerten, gerade recht, denn militärische Gewalt passte in sein Konzept. Aus diesem Zurückschießen entwickelte sich dann eine fast sechs Jahre andauernde Schießerei, die als der Zweite Weltkrieg – in Zerstörungskraft und an Leid und Tod ohne Beispiel – in die Geschichte einging. Die deutsche Bevölkerung war nicht euphorisch angesichts des ausgebrochenen Krieges. Furcht und Beklommenheit machten sich am Anfang breit; die Furcht, dass die in der Zwischenzeit erlangte Hoffnung, in der Zukunft ein Leben in gutem Auskommen führen zu können, sich nicht erfüllen könnte.

Der Vater, von Anfang an eingezogen, sah den Krieg spätestens mit Beginn des Russlandfeldzuges, wie der Überfall auf die Sowjetunion bezeichnet wurde, als verloren an, wie er später

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versicherte. „Schauen Sie sich die Landkarte an“, habe er seinen Vorgesetzten bei Gelegenheit gesagt, „da verlaufen wir uns doch“. Es war so etwas wie gesunder Menschenverstand, der ihn da bewegte. Er konnte von Glück reden, dass der Regimentskommandeur sein früherer Schullehrer war, der so hinreichend besonnener Mensch war, dass er ihn nicht wegen „Wehrkraftzersetzung“ anzeigte.

Der Kriegsverlauf brachte das Grenadier-Regiment 318 in die Ukraine, wo es in der Nähe von Charkow zu Sicherungsaufgaben im Fronthinterbereich eingesetzt wurde. Die ukrainische Bevölkerung war in dieser ersten Zeit den deutschen Besatzern gegenüber freundlich eingestellt. Die Menschen, die unter dem Stalinterror gelitten hatten, glaubten, die Deutsche Wehrmacht würde sie von Stalin befreien und ihnen eine Zukunft in Freiheit sichern. Der Vater hatte sein Quartier im Hause von zwei Frauen, Mutter und Tochter, bezogen, die ihn sehr herzlich aufgenommen hatten. Sie wussten da noch nicht, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen waren, dass sie entsprechend Hitlers Rassenideologie als „Untermenschen“ galten, denn die überwiegende Mehrheit der deutschen Soldaten waren keine Rassisten und konnten diese Verachtung nicht vermitteln. Deshalb lebten sie in dieser ersten Zeit mit der ukrainischen Bevölkerung in gutem Einvernehmen. Die Tochter im Hause, eine junge Frau von vielleicht dreißig Jahren, zeigte sich beschämt wegen ihrer nach ihrem Empfinden unattraktiven Kleidung. Der Vater als Waffenmeister mit den besten persönlichen Beziehungen zum Chef der Kleiderkammer der Kompanie, einem Schneidermeister, wusste um Abhilfe. In seinem Arsenal führte er so genannte Fliegertücher mit. Das waren mehrere Quadratmeter große Tücher aus einem seidenartigen roten Stoff mit einem Hakenkreuz in der Mitte. Im Falle von Kampfhandlungen sollten diese Tücher, im freien Gelände ausgelegt, verhindern, dass Kampfflieger die eigenen Truppen beschießen. Zwei solcher Tücher sollten doch wohl zweckentfremdet ein schönes rotes Kleid, ohne Hakenkreuz, abgeben, und so gab der Vater unter der Hand die Tücher heraus und der Schneidermeister, der spätere Taufpate der Schwester des Freigeistigen, verarbeitete diese zu einem in den Augen der jungen Ukrainerin traumhaft schönen Kleid. Welchen Lustgewinn hatten die beiden Kerle bei den Anproben und wie traurig, dass sich die verschämte junge Frau wahrscheinlich in den schneidigen

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Waffenmeister verliebt hatte. Sie deutete ihm mehrfach an, dass sie sich wünschte, er würde bei ihnen bleiben, indem sie ihn bei der Hand nahm und mit dem Wort Doma (Zuhause) ihre Wohngelegenheit zeigte. Welche Bedeutung dieses Wort Doma, das er dabei verinnerlicht und intuitiv richtig gedeutet hatte, für sein Soldatenschicksal noch bekommen sollte, werden wir später erfahren. Für die beiden Gönner, den Waffenmeister und den Schneider jedenfalls, gab es in der Zeit, welche sie dort Quartier bezogen hatten, die am liebevollsten angerichtete Verpflegung. Wenn der Vater diese Episode des Krieges erzählte, konnte man spüren, wie es ihm Leid tat, dass er die beiden Frauen nach einigen Wochen allein lassen musste und nie um ihr Schicksal erfahren konnte, denn der Krieg ging unerbittlich weiter.

Nach einigen weiteren militärischen Erfolgen, an denen das Grenadier-Regiment 318 beteiligt war, die mit der Eroberung der Festung Sewastopol auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer gipfelten, erfüllten sich seine Vorahnungen bezüglich der Siegesaussichten. Am 17. 12. 1942 wurde das Grenadier-Regiment 318 südwestlich des Ortes Werchnij-Mamon im Donbogen von feindlichen Truppen eingeschlossen und nahezu aufgerieben. So steht es am 18. 12. 1942 lapidar geschrieben im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Aufgerieben bedeutete in diesem Fall, dass die Mannschaften des Regiments bis auf einen kleinen Rest gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren, die für die meisten am Ende auch den Tod nach sich ziehen sollte.

Der Freigeistige, der als Junge diese Geschichte hörte, wenn der Vater und die anderen überlebenden Kriegskameraden über die Kriegsereignisse sprachen, stellte sich vor, wie ER sich fühlen würde, wenn von seinen dreißig Schulkameraden fünfundzwanzig plötzlich nicht mehr am Leben wären, und fragte sich, woher der Vater und die anderen Überlebenden unter diesen Umständen die Kraft genommen haben, weiter um das nackte Leben zu kämpfen, was die Voraussetzung dafür war, dass ER auf der Welt ist.

Angesichts der aussichtslosen Lage hatte der Regimentskommandeur die Formel ausgegeben: „Rette sich, wer

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kann“. Dieser ultimative Befehl löste alle festgelegten Befehlsstrukturen auf und legalisierte das selbständige Handeln des einzelnen Soldaten, um sein Leben zu retten und nach eventuellem Überleben wieder zur Verfügung zu sein. Der Vater, der als Waffenmeister den Rang eines Oberfeldwebels inne hatte, übernahm auf Wunsch der übrig gebliebenen 22 Männer der dritten Kompanie, die mit 69 Mann ins Gefecht gegangen war, die Leitung für einen Versuch, sich aus der tödlichen Einkesselung durch sowjetische Truppen zu befreien. Sie hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der einfachere Weg, dem mörderischen Einschluss zu entrinnen, wäre ein Durchstoßen von leichteren Infanterieverbänden der Sowjets nach Osten in Richtung Stalingrad gewesen. Aber die Intuition des Vaters war, dass die „glorreiche“ 6. Armee, die noch die „Festung Stalingrad“ hielt, zum Untergang verurteilt war. Dass seine Einschätzung richtig war, belegte später die Geschichte. Im Kessel von Stalingrad starben an Kälte, Hunger und Verwundung 170 000 Soldaten, 40 000, darunter auch sein Bruder, wurden verwundet ausgeflogen, und der Rest von ungefähr 91 000 Mann ging den Leidensweg in die Gefangenschaft, von denen am Ende nur 6 000 zurückkehrten.

Also setzten sie alles auf eine Karte und beschlossen zu versuchen, den aus sowjetischen Panzer- und Artillerieverbänden gebildeten westlichen Einschlussring zu durchbrechen. Sie ließen schweres Material wie Geschütze und Geschützmunition zurück und setzten sie in Brand. Die zur Explosion kommende Munition sollte die feindlichen Kräfte ablenken, während sie mit einigen noch intakten Fahrzeugen und Treibstoffvorräten auf Gedeih und Verderb Richtung Westen fuhren. Unter heftigem Artilleriebeschuss aus feindlichen Batterien gelang es ihnen unter schmerzlichen Verlusten ins westliche Fronthinterland zu kommen. Als sie der Hölle des Beschusses entronnen waren und sie sich am 24. 12. auf einer Sammelstelle für Versprengte einfanden, zählten sie noch dreizehn Mann. Vier waren nachweislich gefallen und fünf wurden vermisst. Wie zynisch der Krieg ist, wird deutlich, wenn man feststellt, dass es im Vergleich mit den Aussichten, die sie in Stalingrad gehabt hätten, eine gute Bilanz war – und an der Heeressammelstelle herrschte Weihnachtsstimmung. Im Quartier war ein Tannenbaum mit einigen Lichtern aufgestellt. An

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diesem Abend schwor sich der Vater, an Heiligabend niemals mehr aus dem Haus zu gehen, wenn er diesen irrsinnigen Krieg überleben und seine Frau wieder sehen sollte, einen Schwur, den er nie gebrochen hat.

Die dreizehn Letzten der dritten Kompanie Grenadier- Regiment 318 wurden im Abwehrkampf anderen Truppenteilen zugewiesen, denn ihre Einheit, das Grenadier-Regiment 318 war im Kessel von Werchnij-Mamon untergegangen und wurde nicht wieder aufgestellt. In den folgenden Monaten kam es immer wieder zu Einschlussbewegungen durch die Sowjetstreitkräfte und immer wieder zu den damit verbundenen verlustreichen Rückzugsgefechten, die in der Pressesprache „Frontbegradigung“ genannt wurden. So hätte nach Befehl im Zuge einer solchen Frontbegradigung die schon stark von Verlusten heimgesuchte Kompanie, in der der Vater mit anderen Männern aus der früheren Einheit jetzt diente, in westlicher Richtung den Dnjepr überqueren sollen. Es war schon fast Dunkel, als die Marschkolonne am späten Abend das Vorland des Dnjepr erreichte. Die vorgesehene militärische Behelfsbrücke bei Nacht mit Fahrzeugen zu befahren, erschien dem Kompaniechef zu gefährlich; es ging ihm dabei um das Wohl der Männer, für die er sich verantwortlich fühlte. Und so ging die Einheit einen guten Kilometer östlich vom Fluss in einem zerstörten, menschenleeren Dorf in Deckung. Dort wartete man, den fernen Lärm der Front im Rücken, die Nacht über ab, um bei Morgengrauen, alle gleichzeitig, zügig loszufahren. Es gab seit dem Abmarsch keine Verbindung zu anderen Truppenteilen, und so hoffte man, an der Brücke einen Brückensicherungszug anzutreffen und wieder Anschluss an andere Verbände zu bekommen. Aber von einer Brückensicherung durch freundliche Kräfte war bei der Annäherung keine Spur zu sehen. Das erste Fahrzeug war weniger als hundert Meter von der Brückenauffahrt entfernt, als es von einer Miene in die Luft gesprengt liegen blieb. Das folgende Fahrzeug fuhr auf und für die weiteren gab es kein Durchkommen. Dann setzte ein erbarmungsloses Maschinengewehrfeuer ein und mit Werfergeschossen wurden in Minuten sämtliche Fahrzeuge in einem Flammeninferno zerstört. Über Nacht hatten sowjetische Kräfte einen Einkesselungsring geschlossen, und die Ostseite der Brücke war von der eigenen Truppe wohl kampflos aufgegeben worden. Die Mannschaften, die noch absitzen konnten, fanden keine Deckung im

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flachen Gelände des Flusslaufes und fanden keine Gelegenheit zu wirksamer Gegenwehr. In solch einer Lage half auch kein Heben der Hände. Alles was sich bewegte wurde zusammengeschossen, bis nach vielleicht fünf bis zehn Minuten plötzlich Stille herrschte.

Der Vater, der noch rechtzeitig vom zweiten Fahrzeug heruntergekommen war, hatte auf der Flucht vor den explodierenden Fahrzeugen etwa zwanzig Schritte vom Ufer entfernt Deckung in einem Erdloch, wahrscheinlich einem alten Granattrichter, gefunden. Als dann plötzlich Ruhe herrschte, empfand er keine Erleichterung, denn er war sich sicher, dass nun der Traum, die Heimat noch einmal wieder zu sehen, zu Ende war. Erstens hatte er nie richtig Schwimmen gelernt, und zweitens würde er, wenn er den Kopf über den Rand des Loches höbe, einfach erschossen werden; und sollte er nur gefangen genommen werden, wäre das wahrscheinlich nur ein hinausgeschobenes Ende.

Als er dann den Kopf hob, sah er keinen Meter entfernt die ungepflegten Vorderhufe eines Pferdes und zweifelte an seinem Geisteszustand. Wie um alles in der Welt und woher kam an dieses Loch angesichts des Infernos, das sich gerade hier abgespielt hat, ein Pferd, fragte er sich. Sein Pferdeverstand sagte ihm, dass dieses Traumwesen ein Panjepferd ist, eines dieser robusten, folgsamen Tiere, die furchtlos mit ihrem Herrn durch Dick und Dünn gehen. Eine der Situation völlig unangemessene Heiterkeit habe ihn beim Anblick des Pferdes überfallen, und alles, was er dann tat, lief ab, als hätte er es hunderte Male einstudiert. Er kroch aus dem Loch, tastete sich mit den Händen an den Vorderbeinen des Pferdes hoch, legte sie ihm auf den Widerrist und griff ihm dann in die Mähne. Wie er über das Pferd schaute, stand vielleicht dreißig Schritt entfernt ein Rotarmist an der Brückenauffahrt, das Gewehr schussbereit in den Händen. Sie sahen sich sekundenlang in die Augen. Er handelte, als wäre er durch eine fremde Kraft gesteuert, und führte das stoische Pferd, hinter dem er eine gewisse Deckung hatte, langsam ans Ufer. Er konnte nicht verstehen, dass jetzt keine Schüsse fielen und wandte den Blick schräg zurück zum Rotarmisten; der stand reglos an gleicher Stelle, den Blick zu ihm gerichtet. Wie auf einen Befehl von irgendwo führte der Vater das Pferd ins Wasser, krallte sich in dessen Mähne fest und wies es an, mit ihm über den Fluss zu schwimmen. Kaum einige Meter vom Ufer entfernt wurde die gespenstische Ruhe von Stimmen von Rotarmisten unterbrochen. Er hörte einige Wortwechsel

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in der fremden Sprache und glaubte am Ende Worte gehört zu haben wie „Hitler kaputt“. Dann war wieder Ruhe und das Pferd schwamm mit ihm, der sich in seiner Stirnmähne festkrallte, über den Dnjepr, während die Ausrüstungsreste der Kompanie langsam ausbrannten.

Selbst im Bereich der Behelfsbrücke war der Fluss nicht besonders schmal und wurde stromabwärts wesentlich breiter. Die Strömung trieb Pferd und Mann in den breiteren Lauf, der dort fast die Form eines lang gestreckten Sees hatte. Ihm habe jegliches Gefühl für die Zeit gefehlt, die die Durchquerung gedauert hatte, als das Pferd sichtlich erschöpft mit ihm das andere, zum Glück der beiden, feste und flache Ufer erreichte. Alles, was er noch bei sich trug, außer seiner durchnässten Kleidung, waren die Pistole, die er als Waffenmeister trug, die Feldflasche und seine eiserne Ration. Die eiserne Ration war ein kleiner Leinenbeutel mit daumennagelgroßen Hartbrotplätzchen, die für wenige Tage das Überleben in der Abgeschiedenheit sichern sollten. Was er jetzt tat, war sicher ein Stück weit Ritual, nämlich ein Pferd für eine gute Arbeit zu belohnen. Dass das aufgeweichte Brot eher hätte sein Leben retten können, als dem Pferd wieder zu Kräften zu verhelfen, war nicht Gegenstand seiner Überlegung. Angesichts des zitternden Tieres gab er ihm diese Belohnung, ohne zu wissen, wo und wann er wieder etwas zu essen bekommen könnte. Das Pferd honorierte die Geste auf seine Weise und ging einfach mit ihm. Ein alter Kahn am Ufer gab einen verschlissenen Strick her, mit dem er es provisorisch halftern konnte, damit sie sich erst einmal nicht verlören.

Der Tag verlief ruhig und den Zweien begegnete keine Menschenseele. Es gab keinen richtungweisenden Weg, und er versuchte, über offenes Feld dem Gefühl nach die nördlich vermutete Rollbahn zu erreichen. An diesem Tag kamen sie nicht weit, weil die nasse Kleidung am Leib sehr hinderlich war und er sich immer wieder am Pferd wärmte. Als die Kleidung dann am Leib einigermaßen getrocknet war, brach schon bald die Nacht herein und er richtete sich am Rande eines Gehölzes auf die Übernachtung ein. Nach vielleicht zwei Stunden erschreckte ihn ein Licht, es war das Licht einer Taschenlampe, die in einer Entfernung von vielleicht fünfzig Metern zur Erde gerichtet war. Er nahm seine Pistole zur Hand, fasste sich

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Mut und rief die Formel „wer da“. Die Taschenlampe verlosch augenblicklich, aber unmittelbar kam eine Antwort, und es meldete sich ein Leutnant mit Namen und Einheit. Mit großer Erleichterung, mit einer gewissen Freude meldete sich der Vater mit Dienstgrad, Namen und Einheit. Die Taschenlampe leuchtete wieder auf und bewegte sich auf ihn zu, und so trafen sich, vom Schicksal und Zufall bestimmt, ein junger Offizier und der Oberfeldwebel im ukrainischen Niemandsland. Nun waren sie zu dritt, ein Pferd und zwei versprengte Soldaten auf der Suche nach dem Anschluss an irgendeine Einheit. Der Leutnant hatte eine Landkarte bei sich, die er mit der Taschenlampe hatte einsehen wollen. Er war ein Versprengter, ein Übriggebliebener einer anderen Einheit, und hatte vom Stab noch die Pläne für die Rückzugbewegungen am Dnjepr erfahren. Danach erwartete er einen Truppenrückzug am nächsten frühen Morgen über die Rollbahn, die nach der Karte und seiner Einschätzung zehn bis zwanzig Kilometer nördlich verlaufen sollte. Er hoffte, dass die Rollbahn vor Tagesanbruch erreichbar sein würde, wenn sie die Nacht durchmarschieren würden; und so machten sie sich mit dem Gefühl, gemeinsam stärker zu sein, querfeldein auf den Marsch. Das immer wieder aufblitzende Feuer entlang der Front am Dnjepr wies ihnen die grobe Richtung in der Nacht. Im Bereich der Rollbahn wollten sie Anschluss an die sich zurückziehenden Verbände bekommen. Der Vater ging mit dem Pferd am Führstrick voran, und der junge Offizier folgte unmittelbar dahinter. Das Pferd war in dieser Situation ein Geschenk, denn ein Pferd tritt auch bei Nacht nicht in ein Loch, fällt nicht in einen Abgrund und stolpert nicht über ein Hindernis, und so kamen sie trotz Dunkelheit gut voran. Es war aber wohl nicht nur der Offizier, der Kenntnis bezüglich der bevorstehenden Truppenbewegung im freien Gelände hatte. Sie waren vielleicht zwei bis drei Stunden unterwegs, als ringsum erste Einschläge erfolgten und von Osten her schwere Artillerieabschüsse zu hören waren. Jetzt wussten sie genau, dass die geplanten Truppenbewegungen begonnen hatten. Es war die nachvollziehbare Taktik der sowjetischen Militärführung, jeden geordneten Rückzug zu stören oder zu vereiteln, mit dem Ziel, den Feind zu zermürben und zur Aufgabe zu zwingen oder restlos zu vernichten. Sie hatten gut gelernt beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht. Der Flächenbeschuss wurde immer dichter, und es gab keine Deckung im offenen Gelände. Die beiden

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Bedrängten konnten sich nicht vorstellen, wem dieser Beschuss in diesem Gefilde gelten sollte. Die Russen hatten wohl reichlich Munition, um Stärke zu zeigen. Vielleicht hätten sie sich einfach im flachen Gelände auf den Boden legen sollen und ausharren, bis dieses Trommelfeuer zu Ende war, aber sie gingen einfach weiter, denn Sicherheit gab es so oder so nicht. Eines dieser nur zum Zwecke der Zermürbung blind in die Nacht gefeuerten Artilleriegeschosse suchte sich schicksalsträchtig seine Flugbahn zu diesen drei einsamen Wesen. Es war ein Zufallstreffer, denn da war kein Mensch gewesen, der dieses einsame Trio im Visier gehabt hätte, und da war auch kein Gott gewesen, der diese Flugbahn lenkte. Der Vater spürte einen heftigen Schlag am linken Oberschenkel, gleichzeitig den dumpfen, schweren Einschlag und einen kurzen Schrei hinter sich. Er war zu Boden gegangen und für eine kurze Zeit orientierungslos. Als er sich dann wieder gefasst hatte, rief er nach dem Kameraden. Der junge Offizier war bei vollem Bewusstsein und rief zurück: „Ich kann nicht hoch, mein Bein“. Gott sei Dank, er lebt, war der Gedanke. Der Vater, selbst verwundet am Oberschenkel, spürte kaum Schmerz in diesem Moment und kroch in die Richtung, aus der die Stimme kam. Er fand den Kameraden am Boden liegend, rappelte sich auf und versuchte, ihm unter die Arme greifend auf die Beine zu helfen, als er feststellen musste, dass dieser nur noch ein Bein hatte; von seinem rechten Bein gab es nicht eine Spur. Er wusste nicht, ob sich der Mann des Verlustes seines Beines bewusst war und sagte ihm nicht, was er da festgestellt hatte. Er redete ihm gut zu und versprach ihm, Hilfe zu holen, ohne daran zu glauben, dass er solche irgendwie bekommen könnte. Der Führstrick wurde ihm wohl schon beim Einschlag aus der Hand gerissen und nun musste er auch noch niedergeschlagen feststellen, dass das Pferd nicht mehr in der Nähe war; es war jedenfalls, so weit im Dunklen das Auge reichte, nicht mehr zu sehen. Sollte er das Pferd suchen? War es auch verwundet und verdiente den Gnadenschuss? Sollte er an der Seite des schwer verwundeten Kameraden bleiben? Nein, er hatte doch versprochen, Hilfe zu holen, also musste er doch weitergehen. Jetzt war er allein mit allen Zweifeln, so einsam und allein wie niemals zuvor in seinem Leben, so viel auf einmal verloren wie nie vorher. Das Artilleriefeuer verlagerte sich nach Norden und schlief dann ein.

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Mit langsam zunehmenden, starken Schmerzen im linken Bein schleppte er sich weiter und gelangte erst nach einem weiteren Tag und einer weiteren Nacht im Morgengrauen an die Rollbahn und wurde dort von einer Patrouille „Kettenhunden“ (Militärpolizei) aufgelesen. Er kam ins Lazarett für einen mehrwöchigen Genesungsaufenthalt; zwei Granatsplitter waren tief in den Oberschenkel eingedrungen, ohne den Knochen zu verletzen, und mussten zusammen mit kleinen Hosenstoffpartikeln operativ entfernt werden. Nach seiner Genesung musste er ohne Umwege wieder an die Front. Von dieser Verwundung an war sein linkes Bein seine eigene Wetterstation. Immer wenn sich schlechtes Wetter ankündigte, verspürte er einen Schmerz im Oberschenkel.

Der Vater berichtete seine Erlebnisse über weite Strecken ohne sichtbare Emotionen; er gehörte zu den Menschen dieser Generation, die nicht mehr weinen konnten, aber an der Stelle, wo es um das Schicksal des jungen Offiziers ging, merkte man ihm an, dass ihm das Sprechen schwer fiel. Umso mehr wühlten die Schilderungen den damals jugendlichen Freigeistigen auf. Es tat ihm unendlich weh, dass dieser junge Offizier dort einsam und allein fern der Heimat sterben musste, obwohl es nur ein Schicksal von Zigmillionen war. Es war durch das Schicksal seines Vaters zu seinem persönlichen Fall geworden. Und der Gedanke, dass der Vater dieses Pferd einfach sich selbst überlassen musste, stürzte den jungen Zuhörer in eine tiefe Traurigkeit. ER hätte alles gegeben, was ER besaß, wenn ER das weitergehende Schicksal dieses Pferdes hätte erfahren können; ER hätte es zu sich geholt und ihm ein gutes Leben gesichert. Das mag eine infantile Reaktion gewesen sein, aber sie wirkte fort in seiner Haltung gegenüber der Kreatur. Alle Kreaturen, die ihm anvertraut waren, profitierten von dieser Prägung in der Weise, dass ER sich um die Erfüllung ihrer vitalen Bedürfnisse bemühte, sie nicht vermenschlichte, aber ihnen Gleichrangigkeit mit der „Krone der Schöpfung“, dem Menschen, einräumte.

Auch seine Einstellung gegenüber Menschen, die je nach Zeitgeist seine Feinde oder Freunde hätten sein sollen, wurde durch die Geschichte des Vaters maßgeblich beeinflusst. Jahrzehnte über das Ende des Krieges hinaus war „der Russe“ der erklärte Feind. Die

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anderen früheren Feinde, die viel mehr zur Entstehung des zweiten Weltkrieges beigesteuert haben als „der Russe“, waren derweil unsere Freunde, eine wundersame Wandlung, die insofern noch wundersamer war, als dass sich das deutsche Volk ganz plötzlich in zwei Lager geteilt hatte. Im östlichen Deutschland hatten sich nun die Deutschen angesiedelt, denen unsere Freunde Feinde waren, und was noch mehr verwunderte, denen unser Feind der Freund war. Kein Mensch konnte ihm erklären, wie sich die richtigen, guten Deutschen ohne nachgewiesene Wanderungsbewegungen im Westen eingefunden und die verkehrten, schlechten Deutschen sich im Osten angesiedelt hatten. Denn mit Verachtung schauten die im Westen beheimateten auf die „Brüder und Schwestern“ im Osten, die sich mit dem dort herrschenden System arrangiert hatten. Nur solche, die dort mit der Staatsmacht in Konflikt gerieten oder die Flucht wagten, waren im Westen hoch geachtet. Das begründete in ihm ein tiefes Misstrauen allem gegenüber, was sich politische Führung nennt, da die politischen Führer, also ganz wenige unverantwortliche, skrupellose Menschen am, Ende immer für die unbeschreiblichen Unglücke der Völker verantwortlich waren.

Besonders schwer wiegt, dass der einzelne Mensch das eigene Schicksal nur noch in dem engen Rahmen, den das herrschende System bildet, selbst bestimmen darf und er sich den verrücktesten ideologischen Anforderungen der Machthaber unterwerfen muss. Da unterscheiden sich bezüglich ihrer Auswirkungen Diktatur und Demokratie nur marginal, denn es werden allen voran Demokratien derzeitiger Form sein, die durch ihr führendes Handeln die Grenzen der Belastbarkeit unseres globalen Lebensraumes durchbrechen, und obwohl kein Mensch das erklärte Ziel verfolgt, seinen Lebensraum zu zerstören, werden fast alle Menschen auch hierbei im Rahmen des Systems zu Mittätern. Er hat, wie schon festgestellt, keine wirkliche Wahl, denn auch Adolf Hitler und sein Regime wurden – verursacht durch das Handeln westlicher Demokratien – direkt von einer Demokratie geboren, und auch in der Demokratie mussten und müssen wehrpflichtige Männer und Beamte einen Eid leisten, mit dem sie sich den jeweils herrschenden Machthabern unterwerfen. Unter dem Druck des Eides leisteten sie dann zu allen Zeiten ganze Arbeit, im positiven, wie leider auch im negativen Sinne. Der Satz, von einem

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Demokraten geprägt: „Die Freiheit Deutschlands wird am Hindukusch verteidigt“, ist gleichermaßen unsinnig wie der: „Wir halten die Festung Stalingrad für Volk und Vaterland“, sie unterscheiden sich nur in ihren Dimensionen. So entschieden sich im Falle Stalingrad drei Herren für unbeschreibliches Leiden und am Ende für den Tod von mehr als einer Million Menschen, die Opfer auf sowjetischer Seite eingeschlossen: ein fanatischer „Führer“ Hitler, ein drogenabhängiger „Reichsmarschall“ Göring und ein kadavergehorsamer oder um seine Karriere besorgter General Paulus, der am Ende in den Augen seines „Führers“ trotz seiner Führertreue ein treuloser Hund war. Alle drei hätten jeweils aus ihrer Position heraus, ohne ihr eigenes Leben zu gefährden, diesen Massentod vermeiden oder verhindern können. Und nun wird die Tragweite des Satzes von Lord Arthur George Weidenfeld: „Hitler wäre ungeheuer vermeidbar gewesen“ deutlich, denn es gab auch geschichtliche Zusammenhänge und dort wieder vergleichbar wenige Personen, die Hitler und seinem Regime zur Macht verholfen haben. Dieser Satz von Lord Weidenfeld muss vom Zuhörer interpretiert werden, denn der Urheber hat ihn nicht explizit erläutert. Die Interpretation ist vor dem vorherrschenden Zeitgeist ungeheuer schwierig und wird Empörung hervorrufen; aber darüber zu schweigen, wäre unverantwortlich und der Freigeistige wird sich später in Teufels Küche begeben.

ER jedenfalls wollte sich nicht mehr vorschreiben lassen, wer sein Feind und wer sein Freund zu sein hat. ER würde nie erfahren, warum der Rotarmist an der Brückenauffahrt am Dnjepr den deutschen Soldaten, der einmal sein Vater werden sollte, nicht auf der Flucht erschossen hat; ER würde nie herausfinden, ob er nur ein Pferdefreund oder Tierfreund überhaupt oder Angesicht in Angesicht mit dem Bedrängten einfach nur menschenfreundlich war. Fest stand nur, dass er nicht geschossen hat, obwohl er es hätte können, und was noch höher zählt, dass er es aus Sicht seiner Führung wohl hätte müssen. Der Vater jedenfalls hat sich nie schmähend über „den Russen“ geäußert, so wie es weit verbreitet immer wieder zu hören war, aber er hatte eine gewisse Furcht oder einen gehörigen Respekt, denn er hatte den Kampfeswillen der Rotarmisten bis zum bitteren Ende kennen gelernt. Dass er nie Verachtung geäußert hat, mag auch

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daran liegen, dass da am Ende noch zwei weitere von ihnen waren, die nicht geschossen hatten. Der erste von ihnen hatte ihm den Tod oder den Leidensmarsch in die Kriegsgefangenschaft erspart, und der zweite hatte ihm ermöglicht, zurück in seine Heimat zu gelangen.

Nach der schicksalsbestimmenden Durchquerung des Dnjepr dauerte dieser Krieg für ihn noch fast zwei Jahre bis zum bitteren Ende. Die Truppe, der er zuletzt angehörte, kapitulierte am 08. Mai 1945 in Böhmen vor der Roten Armee, sechs Tage nach seinem 33. Geburtstag. Es folgten Gefangennahme und Misshandlungen durch tschechische Milizionäre und ohnmächtiges Zusehen bei Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen durch Milizionäre und sowjetische Soldaten. Er berichtete auch diese Erlebnisse ohne sichtbare Emotionen. Es erschien so, als hielt er all die Leiden für Posten einer Rechnung, die jeder für einen Krieg wie diesen zu zahlen hatte, ganz unabhängig von persönlicher Schuld.

Die von den Tschechen gefangen genommenen Wehrmachtssoldaten wurden zu Trecks zusammengestellt und von Rotarmisten bewacht in die sowjetische Gefangenschaft geführt. Während einer Marschpause auf einem Dorfplatz hatte er sich an den Rand am hinteren Ende der Gefangenengruppe begeben und bekam Augenkontakt mit einem Bewacher. Die Hand auf die Brust gepresst und heftig hustend deutete er dem Rotarmisten, dass er krank sei. Der Rotarmist, dem die Situation sichtlich unangenehm war, wandte sich erst einmal von ihm ab. Da kein anderer Bewacher in unmittelbarer Nähe war, wagte der Vater ihn noch einmal anzusprechen und stammelte unterwürfig, mit dem Finger in Richtung einiger Häuser zeigend, die Worte: „Kamerad, da mein Doma“, was soviel bedeuten sollte wie: Da ist mein Zuhause. Der Rotarmist reagierte völlig konsterniert und er tat dem Vater geradezu leid ob dem, was er ihm da zumutete, nämlich eine Entscheidung zu treffen, die zu treffen er nicht befugt war oder, augenscheinlich gegen seine Natur, mit der Maschinenpistole im Anschlag seine Macht auszuüben. Dieser hatte offenbar keine Lust daran, in dieser Situation Macht auszuüben, denn er drehte sich um und ging langsam mit kurzen Schritten, den Blick auf seine Stiefel gesenkt, in Marschrichtung vom Ende des Trupps nach vorn. Der Vater und spontan mit ihm zwei weitere Gefangene

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flüchteten in diesem Augenblick zwischen die Gebäude und versteckten sich dort, bis der Gefangenentreck weit abgerückt war.

Er schlug sich viele Tage hungernd zu Fuß nach Görlitz an der Neiße durch, wo inzwischen eine Grenzlinie gezogen war, deren Überschreiten in östlicher Richtung durch Zivilisten, erst recht, wenn sie in Wehrmachtsuniform daher kamen, unmöglich war. Ihn begleitete das Gefühl, als wäre ihm der Tod ganz nahe auf den Fersen und hatte nur noch den Wunsch, noch einmal in sein Heimatdorf zu gelangen. Er wusste nicht, dass dort niemand mehr auf ihn warten würde und wollte um jeden Preis die achtzig Kilometer, die ihn von Zuhause trennten, bewältigen. Während seines hinter ihm liegenden Hungermarsches hatte er einige Kartoffeln auf einem Acker gefunden und diese roh verzehrt. Danach fühlte er sich sterbenskrank. Zudem litt er unter einem Schub des Wolhynischen Fiebers, einer Art von Malaria, die er sich beim Aufenthalt auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer zugezogen hatte. Krank und völlig erschöpft sah er keine Chance für sich, die Neiße auf illegalem Wege irgendwie zu überqueren und wandte sich in seiner Not an die Stadtverwaltung in Görlitz. Im Stadtamt Görlitz stellte man ihm aus Mitleid ein Papier mit Vordruck in deutscher und kyrillischer Schrift aus. Es sollte ihm ein „Passieren der Grenze zwecks Rückkehr in die Heimat“ ermöglichen, wobei niemand im Amt daran glaubte, dass ihm damit wirklich ein Grenzübertritt ermöglicht würde. Er begab sich mit seinem „Passierschein“ an die Brücke über die Görlitzer Neiße. Der Brückenposten, ein Rotarmist älteren Jahrgangs, musterte ungläubig diese vollbärtige, herunter gekommene Gestalt und hielt sein Gewehr schussbereit in den Händen. Der Vater reichte ihm wortlos das Papier, das noch heute existiert. Das Gewehr zwischen die Beine geklemmt, studierte der Posten scheinbar angestrengt diesen Zettel vielleicht eine halbe Minute lang und konstatierte abschließend den Wert des Papiers mit den unmissverständlichen Worten: „Dokument Scheiße“ und wies ihm den Weg Richtung Westen. Unterwürfig und flehentlich wies der Vater mit dem Finger auf das östliche Ufer und stammelte wieder die Worte: „Kamerad, da mein Doma, mein Doma, da mein Doma…“, wie er schon einmal glücklich damit gefahren war. Der Posten verharrte einen Augenblick, reichte ihm dann das Papier zurück und machte wortlos eine unwirsche, abwinkende Armbewegung in Richtung der Brücke, nahm sein Gewehr in die Hände und richtete

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den Lauf gegen die Erde. Der Vater hatte die Geste richtig verstanden, denn er überquerte die Brücke unbeschadet, während der Rotarmist den Blick nach Westen gerichtet keine Notiz mehr von ihm nahm.

Nach einigen weiteren Tagen Odyssee, immer auf der Hut vor polnischen Milizionären nur nachts unterwegs, sich tagsüber versteckend, erreichte er endlich sein Haus im Heimatort Rohnstock in Niederschlesien. Wie niederschlagend muss es für ihn gewesen sein, dass er das Haus verlassen vorfand. Die drei Schwestern, die, nachdem deren Männer im Krieg gefallen bzw. gestorben waren, dort zusammen gewohnt hatten, und seine Frau waren vor dem Einmarsch der Roten Armee nach Bayern geflüchtet. Er konnte aber bei im Ort verbliebenen Nachbarn in Erfahrung bringen, dass die älteste Schwester, die mit ihrer Familie den Krieg unbeschadet überstanden hatte, noch in der kleinen Stadt Kupferberg wohnte. Beim Anblick des „Fremden“, der in Kupferberg an die Haustür der Schwester geklopft hatte, erschraken sie und die drei Kinder im Alter von drei bis acht Jahren, die noch nie zuvor einen Menschen in einem so erbärmlichen Zustand vor Augen gehabt hatten. Erst als der „Fremde“ fragte, ob sie nicht wüssten, wer er sei, habe die Schwester ihn an den Augen erkannt. Schwester und Schwager nahmen ihn in ihrem Haus auf und konnten ihn Dank der Lebensmittel, die der Bauernhof der Eltern des Schwagers erzeugte, auch mit ernähren. So verging eine Zeit des Versteckens aus Angst, doch noch in die Gefangenschaft ausgeliefert zu werden.

Die Bevölkerung Schlesiens, Pommerns und West- und Ostpreußens lebte in diesen Tagen zwischen Bangen und Hoffen und manche, die vor den Kriegshandlungen ins westliche Reichsgebiet geflohen waren, kehrten zurück, um wieder ein geregeltes Leben in ihrer Heimat, in ihren Heimen aufnehmen zu wollen. Aber die neuen Herren in diesen Gebieten ließen keine Normalität zu und nahmen vielfach Rache an der einfachen Bevölkerung für das, was sie ihrerseits nach Ausbruch des Krieges hatten erleiden müssen. Mit Zustimmung der alliierten Kriegsmächte bereiteten polnische Verwalter die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den deutschen Gebieten östlich der Flüsse Oder und Görlitzer Neiße vor.

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Der Vater gelangte Dank der Zuwendung seiner Schwester und seines Schwagers langsam wieder zu Kräften und fing an, sich mit seinen beruflichen Fähigkeiten nützlich zu machen. Ging es darum, ein Pferd zu beschlagen, ein Fahrrad oder ein Motorrad zu reparieren oder ein Wasserrohr oder eine Pumpe instand zu setzen, war er zur Stelle. Die Polen, die jetzt sukzessive die leer stehenden Gebäude in Besitz nahmen, wussten seine Dienste, für die sie mit Speise und Trank zahlten, sehr zu schätzen und verliehen ihm den Status eines „Spezialisten“, was sich auf den ersten Blick als Vorteil darstellte. Die Umstände der Nachkriegsverhältnisse ließen dieses aber zum Nachteil werden.

Die deutsche Bevölkerung in den besetzten und am Ende von Polen, Russen und Tschechen annektierten deutschen Ostgebieten war praktisch rechtlos. Im Frühsommer 1946 wiesen die polnischen Organe die verbliebenen und zurückgekehrten Deutschen Ort für Ort an, innerhalb von acht Stunden ihre Häuser zu verlassen. Es wurde ihnen erlaubt, einige persönliche Sachen mitzunehmen, in der Form, dass jede erwachsene Person einen Koffer packen durfte und diesen tragen musste. Die deutschen Einwohner Kupferbergs wurden zu Fuß zum Bahnhof nach Jannowitz getrieben und dort in Eisenbahnwaggons verladen. Zwar war der allgemeine Wissensstand, dass sie in den Westen gebracht werden sollten, aber wohin der Zug wirklich ging, wusste niemand, es war eine Reise ins Ungewisse mit unbekanntem Ziel. Manche fürchteten, der Transport könnte nach Sibirien gehen, denn auch solche Verschleppungen sind vorgekommen. Alles Unheil, welches das Hitlerregime über die Nachbarvölker gebracht hatte, rächte sich jetzt bitter für die deutsche Bevölkerung. Besonders zynisch war, dass die Vertriebenen eine „Ausreisegenehmigung“ erhielten. Wer keine „Ausreisegenehmigung“ hatte, wurde nicht vertrieben, sondern war ein Gefangener der polnischen Organe.

Der Vater als „Spezialist“ war verurteilt, sich der polnischen Verwaltung zu unterwerfen, während seine Angehörigen vertrieben wurden. Er hatte nur wenige Stunden Zeit, sich für einen Fluchtversuch zu entscheiden, und setzte alles daran, nicht allein bei den Polen zurückbleiben zu müssen. Auf Nebenwegen begab er sich,

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von der Miliz unentdeckt, zum Bahnhof nach Jannowitz und traf dort in der Menge der zusammengetriebenen Menschen auf eine mutige junge Frau. Sie begriff sofort seine Situation und nahm ihn an ihre Seite, spielte mit ihm Ehepaar und versteckte ihn Dank leichten Nieselregens hinter einem Regenschirm vor den Blicken von Milizionären, die den Vater möglicherweise hätten erkennen können. In einem unbeobachteten Augenblick kletterte er, ausgerüstet mit einer Scheibe Brot und einer Feldflasche, auf einen dieser Güterwaggons, in welche die Vertriebenen geladen wurden, und presste sich so flach, wie er nur konnte, auf die vom Bahnsteig abgewandte Seite des gewölbten Waggondaches.

Eine Ewigkeit habe es seinem Zeitempfinden nach gedauert, bis das Treiben auf dem Bahnsteig und an den darüber hinausgehenden Gleisen ruhiger wurde. Der Zug war so lang gewesen, dass er beiderseits bis weit über den Bahnsteig hinausreichte. Dann endlich ertönte ein Pfiff der Lokomotive und ein Rucken ging durch den Zug. Es war so ein Augenblick, in dem alle Last der Angst und Ungewissheit von einem Menschen fällt, um im nächsten Augenblick mit doppelter Wucht zurückzukehren. Der Zug hatte sich vielleicht zwei, drei Meter vorwärts bewegt, als durch das Fauchen der Lokomotive hindurch ein markdurchdringendes, vielstimmiges Geschrei in unmittelbarer Nähe des Waggons, auf dem er lag, vom Bahnsteig zu ihm heraufdrang. Die Fahrt mochte ganze zehn Sekunden gedauert haben – der Zug bewegte sich noch im Schneckentempo –, als dieser mit einem heftigen kurzen Stoß nach wenigen Metern wieder zum Stehen kam und die Lokomotive laut den überschüssigen Dampf in die Luft blies. Er konnte dem Stimmengewirr von einigen Männern in polnischer Sprache nichts entnehmen, aber es gab für ihn keinen anderen Gedanken als den: Jetzt haben sie mich doch erwischt. Noch blieb er vor Angst und Enttäuschung wie gelähmt liegen. Derweil schob sich der Zug langsam ein Stück zurück und hielt wieder. Es lag wohl in seiner Natur, zu erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem man aufgeben muss, wenn man sein nacktes Leben retten möchte. Er hatte schon einmal die Erfahrung gemacht, dass die polnischen Milizionäre in Ausübung ihrer Macht nicht zögerten, auch auf Wehrlose zu schießen. Der Tod war eben nicht nur ein Meister aus Deutschland. Die Stimmen drangen nun direkt zwischen dem voran rollenden und dem Waggon, auf dem er lag, zu ihm herauf, und er

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wollte den bewaffneten Wärtern, bevor sie hochstiegen und ihn mit Gewalt hinunterbeförderten, signalisieren, dass er sich stellen wolle. Als er sich dann niedergeschlagen, den Kopf voran, zu der Lücke zwischen den beiden Waggons schob, in der man über Eisengriffe auf die Puffer absteigen konnte, und hinab sah, stellte er zu seiner Verwunderung fest, dass die Aufmerksamkeit der Handvoll Männer unten nicht ihm da oben galt. Das einzige, was ihn anstarrte, waren die weit aufgerissenen Augen eines Kopfes, der direkt neben der linken Schiene lag. Zwischen den Schienen unter den Puffern und der Wagenkupplung lag ein enthaupteter Körper mit der Kleidung eines Milizionärs und einige andere Milizionäre palaverten wohl uneinig darüber herum, was jetzt am besten zu tun sei. Nun wurde er da oben langsam gewahr, dass er wohl von denen, die da palaverten, nicht entdeckt worden war und drückte sich noch flacher auf das Dach, als er ohnehin schon lag. Den Milizionären erschien die Bergung der sterblichen Überreste ihres Kameraden unter dem Zug wohl zu schwierig, und sie kommandierten dann unverzüglich zur endgültigen Abfahrt. Endlich setzte sich der Zug aus vierzig Waggons langsam, von der Güterzuglokomotive nur mühsam gezogen, in Bewegung.

Er glaubte nicht an eine höhere Gerechtigkeit. Aber ihm ging nicht die Vermutung aus dem Kopf, dass der so plötzlich zu Tode gekommene Milizionär ihn im letzten Moment entdeckt und in blindem Eifer versucht haben könnte, seine Flucht zu vereiteln. Möglicherweise war es auch nur ein Missgeschick seitens des Verunglückten gewesen, das mit ihm und seiner Flucht gar nicht in Zusammenhang stand. Zutiefst bedauert hätte er diesen Todesfall, wenn der Verunglückte ein verantwortungsvoller Mensch gewesen wäre, der nur den Versuch hatte unternehmen wollen, den Menschen da oben auf dem Waggondach vor seiner eigenen Courage zu bewahren. Es war zwar müßig, darüber Spekulationen anzustellen, denn der Milizionär hatte seine Beweggründe mit in den plötzlichen Tod genommen, aber diese Gedanken bewegten den Vater angesichts dieses Todes noch nach vielen Jahren.

Der Zug quälte sich durch die Ausläufer des Riesengebirges. Bedrohlich erschien es ihm oben auf dem Waggondach, wenn der Zug in einen Tunnel einfuhr. Der Abstand zwischen Tunneldecke und

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Waggon erschien ihm von weitem nicht mehr als eine Hand breit. Die Angst, in einem Tunnel zerquetscht zu werden oder bei irgendeiner Kontrolle doch noch entdeckt und als Geflohener gefasst und zurückgebracht oder einfach erschossen zu werden, fuhr drei Tage und zwei Nächte mit. Es gab nämlich das Gerücht, dass sogar die Westalliierten aus den Ostgebieten geflüchtete ehemalige Wehrmachtssoldaten wieder dorthin ausliefern würden. Die Fahrt war zur Erleichterung aller wirklich nach Westen gegangen. Für ihn wurde das zur Gewissheit, als er von seiner rollenden Aussichtsplattform das völlig zerstörte Dresden sah.

Während eines Zwischenhaltes an der Demarkationslinie, welche die westlichen Besatzungszonen von der sowjetischen Zone trennte, getraute er sich vom Dach des Waggons zu klettern und gelangte dort in den Wagon zu den Angehörigen und der jungen Frau, die sich für ihn als Fluchthelferin verdient gemacht hatte, wo sie ihn zur Sicherheit weiterhin zwischen Koffern und anderen Gepäckstücken versteckten. Nach einer langen Odyssee über westliche Kontrollstellen mit der obligatorischen Entlausungsorgie mittels DDT-Pulver, das jeder Person zwischen Leib und Unterkleidung geblasen wurde, hielt dieser Zug endgültig in der kleinen Gemeinde Sandkrug im Oldenburger Land, wo die Vertriebenen entladen wurden. Nun wurde auch er als Geflohener ohne gültige Papiere wie die anderen Vertriebenen einem Quartier zugeteilt. Die junge Frau, die ihm bei der Flucht zur Seite gestanden hatte, wurde später die Taufpatin seines Sohnes, des Freigeistigen, und ihre sowie seine Familie blieben bis in die folgende Generation eng verbunden.

Dass dieser Sohn überhaut geboren wurde, erscheint bei dem Schicksal des Vaters wie ein Wunder, denn 1,3 Millionen Schicksale von Menschen deutscher Herkunft, die innerhalb der Reichsgrenzen gelebt hatten, blieben infolge des Zweiten Weltkrieges ungeklärt und weltweit fehlt seit dieser Zeit von fast drei Millionen Deutschstämmigen jede Spur. So oft hing sein Leben an einem seidenen Faden; hier auf der letzten Flucht, in einem Tunnel zerquetscht oder bei Nacht einfach vom Waggondach gefallen und tödlich verletzt, wäre er einer dieser 1,3 Millionen namenlosen Toten gewesen, nach denen Angehörige noch nach Jahrzehnten gesucht haben.

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Die Vertriebenen mit „Ausreisegenehmigung“ hatten wenigstens einige persönliche Dinge und ihre wichtigsten Dokumente mit sich nehmen können, wenn sie nicht „beschlagnahmt“ wurden, was nicht selten geschah. Der Vater aber bezog sein Quartier bei einem Kleinbauern nur mit dem, was er am Leibe trug. Das Einzige, was ihm aus seinem Leben vor dieser Zeit geblieben war, waren ein paar Fotos, der „Passierschein“ für die Neißebrücke in Görlitz und ein Silberreichstaler geprägt anno 1890. Seine Geschwister hatten diese Erinnerungsstücke für ihn durch die Wirren der Zeit gerettet.

Da er dem Bauern wegen seiner Fertigkeiten gut zu Diensten sein konnte, war er bei ihm wohlgelitten, was nicht für alle einquartierten Vertriebenen und Flüchtlinge galt. Auch die Familie der ältesten Schwester hatte das große Glück, dass sie nach ihrer Ankunft in Sandkrug ohne Umwege in eine Laube im Nachbarort einziehen konnte. Es war ein winzig kleines, aber wenigstens „eigenes“ Reich. Millionen andere wurden der Not gehorchend zu Familien in deren Wohnungen oder Häuser einquartiert, was verständlicherweise nicht immer zu Wohlgefallen bei den ansässigen Bewohnern führte. Die Flüchtlinge und Vertriebenen wurden so auch oft als „Rucksackdeutsche“ geschmäht. Durch ihre Bescheidenheit, ihren Fleiß und ihre Kultiviertheit haben sie sich später aber im Allgemeinen Respekt und Anerkennung erworben. Im Grunde gab es wohl einen gesellschaftlichen Konsens darin, dass die Millionen Deutschen, die infolge des Krieges ihr Hab und Gut und ihre Heimat verloren hatten, nicht allein für dieses Schicksal verantwortlich waren. Am Ende war die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den verlorenen deutschen Ostgebieten in die verbliebenen Gebiete eine großartige soziale Leistung des deutschen Volkes der frühen Nachkriegsjahre.

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Die Mutter des Freigeistigen

Der Vater hatte während des Krieges im April 1941 geheiratet. Seine Frau, die Mutter des Freigeistigen, wurde 1920 in Bodenstadt in Mähren, Sudetenland geboren. Auch die Familie der Mutter litt sehr unter den Folgen des ersten Weltkriegs. Die damaligen Siegermächte bestimmten einfach, dass die Deutschen dort Tschechen sein müssten. Sie schufen über den Willen von Millionen Deutschen hinweg eine „tschechoslowakische Nation“, eine Nation, die es in der Geschichte vorher niemals gegeben hatte; und die Tatsache, dass sich die Slowaken mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges den Deutschen anschlossen, lässt darauf schließen, dass auch sie nicht von Tschechen regiert werden wollten. Was die „Sieger“ geritten hat, als sie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Mitteleuropa neu aufteilten, mögen vielfältige Interessen gewesen sein, sicher ist aber, dass es der GMV nicht war.

Die Amtssprache war nun Tschechisch, eine Sprache, die nur eine Minderheit in der neuen Nation Tschechoslowakei sprach, waren doch große Gebiete über Jahrhunderte deutsch geprägt. Der dokumentierte Stammbaum der Familie reichte bis ins siebzehnte Jahrhundert zurück, und die Namen der Vorfahren wie auch die Namen der Orte waren so deutsch, wie sie deutscher nicht sein konnten. Die tschechischen „Herren“ führten sich wie Herren auf und drangsalierten und benachteiligten die deutschstämmige Bevölkerung, deren Kinder in der Schule nun Tschechisch lernen mussten. Überdies waren die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr schlecht.

Die Großmutter ernährte die Familie mühsam als Schneiderin, während der Großvater ohne Arbeit war. Im Jahre 1924 folgte er einem Aufruf und wanderte allein nach Brasilien aus, weil er hoffte, dort ein besseres Leben für seine Familie aufbauen zu können. Er hatte einträgliche Arbeit gefunden und nach drei Jahren Land erworben, wo er sich mit seiner Familie ansiedeln wollte. Die Pakete, die er heimschickte, mit allerlei schönen Dingen, von denen Frau und die vier Kinder sonst nur hätten träumen können, nährten die Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Unterdrückung und ohne ständige Sorge um das tägliche Brot. Die brasilianische Gesellschaft war weltoffen und Deutschen freundlich gesonnen, und lieber wollten sie Portugiesisch lernen und sprechen als gezwungenermaßen Tschechisch. Dann im Jahr 1928 blieb die erwartete Post vom Großvater aus. Nach langer Zeit der Ungewissheit bekam die Großmutter die Nachricht, dass er nach ganz kurzer Krankheit verstorben war und in seinem dortigen, letzten Wohnort begraben sei. Sie und die vier Kinder hatten damals nicht die Mittel und auch später nicht die Möglichkeit, von Mann und Vater Abschied zu nehmen. Alles, was ihnen von ihm blieb, war das Foto eines sympathischen Mannes. Die Mutter des Freigeistigen hatte es ihr Leben lang auf ihrem Nachtschrank aufgestellt. Wie gern hätte ER diesen Großvater kennen gelernt.

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Auch das Leben und das Schicksal der anderen 2,5 Millionen Deutschen in der „tschechoslowakischen Nation“ wurden durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse dieser Zeit bestimmt. So fällt es nicht schwer zu verstehen, dass diese Volksgruppe ihre Begeisterung nicht verhehlen konnte, als Adolf Hitler sie 1938 mit den Münchener Verträgen „heim ins Reich“ holte und damit von der so schmerzlich empfundenen Fremdherrschaft der Tschechen befreite. Sogar der britische Premier Chamberlain rechtfertigte vor Kritikern die Zustimmung zu den Münchner Verträgen mit der Erklärung, er könne von 2,5 Millionen Deutschen nicht verlangen, Tschechen zu sein. Von einem neutralen Betrachter der Geschichte müssen sich die Tschechen den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ein besonders feindseliges Verhältnis gegenüber Deutschen gepflegt haben, obwohl die Geschichte keine einschlägige Ursache dafür ausweist. Es war ein reiner Chauvinismus einer kleinen Volksgruppe. Die Tschechen hatten unter dem ersten Weltkrieg so gut wie gar nicht und unter der Besetzung und unter dem zweiten Weltkrieg weniger gelitten als die meisten anderen Völker. Trotzdem sind sie nach dem Krieg mit beispielloser Brutalität gegen die deutsche Bevölkerung vorgegangen. Es ist den Tschechen zu wünschen, dass sie ihren eigenen Beitrag zur Geschichte unverfälscht und ohne Verdrängung aufarbeiten, denn Versöhnung kann nicht auf aufgezwungener Schuldanerkenntnis des Unterworfenen aufgebaut werden, sondern sie bedarf der Einsicht der Fehler, die alle Beteiligten gemacht haben. In dieser Zeit gibt es einige Zeichen seitens tschechischer Medienschaffender, die diesen Weg aufgezeigt haben, aber der Zeitgeist der tschechischen Öffentlichkeit lässt eine Neuausrichtung noch nicht zu.

Der Vater und die Mutter hatten sich im schlesischen Sprottau kennen gelernt, wo die Mutter als Damen- und Herrenschneiderin arbeitete. Das Schneiderhandwerk hatte sie zu Hause bei der Großmutter in Bodenstadt gelernt und trug damit von früher Jugend an zum Familienunterhalt bei. In Bodenstadt feierten sie dann am 17. April 1941 ihre Hochzeit im Hause der Großmutter, eine typische Kriegsheirat, wie sie immer sagten, denn der Vater bekam dafür von seiner Einheit „Heiratsurlaub“. Sie hatten nicht viel Zeit miteinander, denn das Grenadier-Regiment 318, dem der Vater angehörte, wurde in die Sowjetunion abkommandiert, wie wir schon erfahren haben, und

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nach einem kurzen Heimaturlaub von der Front im Herbst 1942 hatte der Krieg sie getrennt. In den Kriegsjahren arbeitete die Mutter weiterhin im schlesischen Sprottau, von wo aus sie die Verbindung zu den Schwestern des Vaters hielt. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee reiste sie zur Großmutter nach Bodenstadt, um mit ihr zusammen vor den heranrückenden feindlichen Truppen zu flüchten. Die Großmutter, eine durch das harte Leben gestählte, rigorose Frau, wollte ihr Zuhause aber nicht verlassen, und so ging nur die Mutter zusammen mit einer Freundin auf die Flucht. Zwei junge Frauen waren allein unterwegs bei Tag und Nacht, die meiste Zeit unter freiem Himmel. Sie hatten nur einige wenige, persönliche Sachen und etwas zu essen dabei, soviel wie sie eben in einem Rucksack und einer Tasche tragen konnten. Da ihre Flucht in die Zeit des Frühlings fiel, liefen sie wenigstens nicht Gefahr, erfrieren zu müssen, aber es sei eine Zeit der Angst vor dem Ungewissen gewesen. Nach mehr als drei Wochen zusammen unterwegs erreichten sie kurz vor Ende des Krieges den fränkischen Ort Rodach in Bayern, wohin die Schwestern des Vaters, die bis zuletzt sein Haus in Rohnstock bewohnt hatten, geflüchtet waren. Dort richteten sie sich zu fünft in einer kleinen Bleibe ein und arbeiteten in einer Schneiderstube für ein wenig Geld, das nichts wert war, und für die Berechtigung, etwas zu essen zu bekommen. Die Lebensmittel wurden über ein Markensystem zugeteilt, wenn es überhaupt etwas gab, und so wurde der Winter von 1945 auf 1946 eine Zeit des Hungerns und des Frierens. Nie zuvor hatten sie einen so eisigen Winter erlebt, es war einer der härtesten aller Zeiten, seit es Wetteraufzeichnungen gab. Mutter und Vater wussten gegenseitig nicht um ihr Schicksal und nicht um ihren Verbleib. In den Wirren der ersten Nachkriegsmonate gelang es unzähligen Menschen nicht, eine Verbindung herzustellen, wenn sie durch die Kriegsereignisse getrennt worden waren. Erst der eingerichtete Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes führte nach jahrelanger Arbeit viele getrennte Menschen wieder zusammen, aber viel zu viele Vermisste wurden auch nach Jahren der verzweifelten Suche nie mehr gefunden.

Der Vater hatte inzwischen bei einer Firma, die Weiß- und Brenntorf abbaute und eine Ziegelei betrieb, Arbeit und auch eine Wohngelegenheit bekommen. Seine beruflichen Fähigkeiten ließen

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ihn bald die Stellung des Betriebsschlossers einnehmen, die er bis zur Auflösung des Unternehmens im Jahre 1969 behalten konnte. Sie gewährte ihm ein verlässliches Einkommen und die Aussicht auf eine bessere Zukunft in seiner neuen, ungewohnten Umgebung. Es war für ihn, wie auch für die anderen schlesischen Vertriebenen, wie ein Sprung zurück in eine andere Zeit; vom fortschrittlichen, teils industrialisierten Schlesien in eine vergleichsweise rückständige Region der Moorkultur. Manche, die dort gestrandet waren, suchten sich deshalb später auch andere Refugien aus, soweit Arbeits- und Wohnmöglichkeiten dies zuließen. Der Vater aber blieb wegen der guten Arbeit und der guten Nachbarschaft mit den anderen Vertriebenen, mit denen er zusammen seine Flucht gewagt hatte.

Sie waren zusammen untergekommen in einer Holzbaracke, die als Unterkunft für russische Kriegsgefangene gedient hatte, die während ihrer Gefangenschaft Arbeit in der Torfgewinnung leisten mussten. Man kann sich die Baracke wie ein Reihenhaus mit fünf Wohneinheiten vorstellen. Jede Wohneinheit bestand aus einem Raum von acht Metern Tiefe und fünf Metern Breite, Fußboden, Decke und Wände aus rauem Holz. Im vierten Abteil der Baracke wohnte der Vater zusammen mit der jungen Frau, die ihm zur Flucht verholfen hatte, keusch und züchtig, wie sie später immer betonte. Im dritten Abteil war ein Teil der Familie der jungen Frau untergebracht und im Abteil fünf wohnte ein älteres Ehepaar aus Pommern mit seinen zwei erwachsenen Söhnen. Die Raumausstattung des Vaters und seiner Mitbewohnerin bestand aus einem Ofen, zwei Feldbetten mit Holzbrettern als Liegefläche und Strohsäcken, einem Tisch und zwei Stühlen. Zu seinem Glück hätte ihm jetzt nur noch seine angetraute Frau gefehlt, aber er wusste nicht, welches Schicksal sie erlitten hatte, und nicht, wo sie abgeblieben war.

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes leistete in dieser Zeit Unvorstellbares. Ohne Nutzung von Computern wurden zigmillionen Suchanzeigen abgeglichen und so sich gegenseitig suchende Menschen wieder zusammengeführt. Suchmeldungen gingen tagtäglich über die Rundfunksender, und an öffentlichen Stellen wurden immer wieder aktualisierte Listen ausgelegt. Auf diesem Wege erfuhr der Vater kurz vor Weihnachten 1946 den Aufenthaltsort der Mutter und seiner drei weiteren Schwestern. Mit einem Paar Gummistiefel als Fußbekleidung, mit einem Schlosseranzug und einem alten Wollmantel, weil es nichts

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anderes gab, machte er sich an Weihnachten mit der Eisenbahn auf den Weg nach Bayern, um seine Frau aufzusuchen und sie „heimzuholen“. Es tat weh, wenn der Vater schilderte, wie er das Wiedersehen erlebt hat. Es gab kein Telefon und keine genaue Adresse, nur den Hinweis auf die Schneiderstube, wo die Angehörigen arbeiteten. Er musste sich mühsam durchfragen, und er fühlte sich ob seiner Kleidung gedemütigt, wo er sich früher doch gern adrett gekleidet hatte. Die Mutter, die nicht wusste, dass er zu diesem Zeitpunkt kommen würde, war dann nicht zuhause in der Unterkunft, die sie gemeinsam mit seinen Schwestern bewohnte. Sie war zusammen mit einem Bekannten ausgegangen, und als sie dann heim kam, stand zwischen ihnen ein Gefühl der Beklemmung. Nach der langen Zeit der Trennung und Ungewissheit waren sie sich fremd geworden. Aber das erlittene Schicksal, die Not und die Hoffnung in eine bessere Zukunft schweißten sie doch wieder zusammen. Noch vor dem Jahreswechsel packte die Mutter ihre wenigen Habseligkeiten ein, und sie fuhren gemeinsam in das kleine Dorf Harbern am Hunte- Ems-Kanal und richteten sich im Abteil vier der Kriegsgefangenenbaracke ein. Dass sich eine Zweisamkeit einstellte, konnte man daran ablesen, dass am 30. 09. 1947 der gemeinsame Sohn, der kleine Freigeistige, geboren wurde.

Für das deutsche Volk, der Kornkammern Pommern und Westpreußen beraubt, war das Jahr 1947 noch ein Jahr des Hungerns. Der Hunger brachte einen seiner späteren Ziehonkel gar für vier Wochen ins Gefängnis, weil der bei einem Bauern, bei dem er arbeiten musste, ein Huhn „mitgehen“ ließ. Der Hofhund, ein Deutscher Schäferhund im besten Alter namens Bingo, der jeden herein, aber Fremde nicht wieder hinaus ließ, hatte ihn zwar für den Bauern und das Huhn noch rechtzeitig vor dem Hoftor gestellt, aber das Gericht ließ keine Gnade walten, denn es konnte den Tatbestand des versuchten Mundraubes nicht anerkennen, weil er das Huhn ja nicht an Ort und Stelle verzehrt hatte.

Sie ernährten sich hauptsächlich von Maisbrot, einer Backware, die aus gemahlenem Futtermais hergestellt wurde, den Wohltätigkeitsorganisationen aus Kanada und den Vereinigten Staaten herbeischafften. Sie hätten dieses gelbe Zeug, das ausgesehen habe

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wie leckerer Kuchen, mit Todesverachtung gegessen, aber wenigstens seien sie dank der philanthropischen Organisatoren nicht verhungert.

Die Besatzungsmächte zeigten in den ersten zwei Nachkriegsjahren wenig Interesse, die Probleme um die Not der hungernden deutschen Bevölkerung zu lösen. Nach der Doktrin der Sieger mussten die Deutschen für alle Zeit so geschwächt werden, dass sie niemals mehr eine Rolle in der nun endgültig besseren Welt spielen würden. Mit Beginn des „Kalten Krieges“ aber, als es den Alliierten auf der einen und den Sowjets auf der anderen Seite dämmerte, dass sie die Deutschen jeweils für ihre politischen Ziele einspannen könnten, lockerten sie ihr Besatzungsregime, stellten die Zerschlagung der deutschen Industrie ein und ermunterten die Bevölkerung, wirtschaftlich wieder die Initiative zu ergreifen, um der Versorgungsprobleme Herr zu werden. Dieser Sinneswandel der Besatzungsmächte in Ost und West ging neben deren politischen Interessen aber auch damit einher, dass die Besatzungskräfte entgegen aller früheren Propaganda ihrer Führungen und aller Erwartung um sich herum kein Volk von blutrünstigen Ungeheuern sahen, sondern dass es um ihre Träume betrogene, zivilisierte Menschen waren, deren gut gebildete Schicht zudem mit der Sprache der Siegermächte umgehen konnte. Es waren von Hunger und Not gekennzeichnete Frauen und Kinder, die dankbar jede freundliche Geste entgegennahmen, und vom Krieg ausgemergelte Männer, die kooperativ waren und nichts weiter wollten, als in Frieden einer Arbeit nachzugehen, um anständig leben zu können.

Die Eltern wie auch die anderen Familien aus der Wohngemeinschaft der Vertriebenen bekamen provisorisch jeweils ein Stück Land zugeteilt, das sie mit der Kraft ihrer Hände bearbeiten konnten. Die Mutter richtete sich während ihrer ersten Schwangerschaft mit Spaten und Hacke einen Garten her und legte so eine Grundlage für eine bessere Nahrungsversorgung. Der Vater arbeitete tagtäglich im Torf- und Ziegeleibetrieb und baute aus selbst gestochenem Torf und selbst geschlagenen Bäumen einen ersten Stall für zwei Ziegen, zwei Schweine und ein paar Hühner. Gemeinsam richteten sie ein Kartoffelfeld, ein Getreidefeld und eine Wiese her, um später Futter für die Tiere erzeugen zu können. Als dann am 30. September der Sohn, der spätere Freigeistige, geboren wurde, gingen

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sie mit Zuversicht in den noch von Not gezeichneten kommenden Winter, weil alles für ein besseres Leben vorbereitet war. Der Kleine lebte als vorerst einziges Kleinkind geborgen in der Wohngemeinschaft der fünf Familien in der ehemaligen Gefangenenbaracke. Im Jahr 1948 besserte sich die Versorgungslage auch Dank der selber erzeugten Nahrungsmittel, und so musste der Kleine Hunger und bittere Not nicht erfahren.

Ein großer Stangenherd im fünf mal acht Meter messenden Raum diente zum Kochen, Backen, zur Warmwasserbereitung und spendete Dank reichlich vorhandenen, selbst erzeugten Brenntorfes Wärme in der kalten Jahreszeit. Es war eine karge Ausstattung, mit der sie auskommen mussten; es gab kein fließendes Wasser, denn der Brunnen, von dem es in Eimern herangeschafft werden musste, war mehr als einhundert Meter entfernt. Dafür war das moorige Wasser so Braun, dass es nur weniger Teeblätter oder wenig Kaffeeersatzpulvers bedurfte, damit die Getränke die rechte Farbe bekamen. Die „sanitäre Einrichtung“ bestand aus einer Waschschüssel und einer Zinkwanne für die wöchentliche Ganzkörperwaschung, um diese nicht als ein Bad zu bezeichnen. Das stille Örtchen stand in einer einigermaßen geruchssicheren Entfernung von mehr als fünfzig Metern von den Wohnräumen entfernt. Trotz all dieser Verhältnisse kann ER sich nicht an Trübsinn erinnern, der unter den Menschen dort geherrscht hätte. Später hat ER manchmal gedacht, so schlecht hätten die russischen Kriegsgefangenen da gar nicht gewohnt. In der Tat, diese, die dort untergebracht waren, hatten großes Glück gehabt; sie durften das Abteil vier der Baracke sogar mit dem Sowjetstern verzieren, der immer noch leuchtend rot an der rauen Holzwand prangte.

ER kann sich weit zurück erinnern, und danach war das Zusammenleben oft von Heiterkeit gekennzeichnet. Der Ziehonkel, der wegen des verhinderten Hühnerdiebstahls einmal hatte einsitzen müssen, war ein begnadeter Akkordeonspieler, und bei jeder möglichen Gelegenheit nahm er seine „Quetsche“, wie er das Instrument nannte, hervor und machte Musik für die ganze Baracke. Samba war gerade in Mode und sie tanzten oft, dass sich die Bodenbretter bogen.

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Zu jeder Feierlichkeit gehörte natürlich auch das kleine Quantum geistiger Getränke. Staunend stand ER als kleiner Junge dann vor dem großen Stangenherd, auf dem ein riesiger Kessel stand, den der Vater gebaut hatte, der als gelernter Hufbeschlagschmied das Metallhandwerk gut beherrschte. Daneben auf einem Tisch stand dann ein genauso riesiger Kessel, der mit vielen Eimern voll Brunnenwasser gefüllt wurde, zum Kühlen. Das Geheimnis dieser Anordnung war der Inhalt des Kessels auf dem Herd. Er war gefüllt mit Schnitzeln von selbst angebauten Zuckerrüben, die vorher eine gewisse Zeit in einem Fass gären mussten. Während die Männer dann mit großer Spannung um das Ablaufrohr des Kühlers herum saßen, wiesen sie den kleinen Jungen an, aus dem Fenster zu schauen, aufzupassen und Bescheid zu geben, wenn der „dicke Meyer“ im Anmarsch war. Dieser „dicke Meyer“ war der Gemeindepolizist, der konspirativ vor jedem Brennvorgang rechtzeitig informiert wurde, damit ihm nicht irgendwie zur Kenntnis gelangen sollte, dass da vielleicht schwarz gebrannt würde. Der schwang sich dann termingerecht auf sein Dienstfahrrad und inspizierte die Anlage auf ihre Rechtmäßigkeit. Nach in Augenscheinnahme erklärte er, dass da lediglich Kochwäsche in Arbeit war, und steckte die erste oder ganz gemessen am zu feiernden Ereignis auch eine zweite gewonnene Flasche Hochprozentigen in seine schwarze Aktentasche. Im trauten Heim unterzog er den Inhalt der Flaschen dann einer privaten Qualitätskontrolle, damit die Feierlichkeiten der Destillateure störungsfrei vonstattengehen konnten.

Dass der Freigeistige sich sehr weit zurück erinnern kann, lässt sich daran beweisen, dass ER sich genau an den Tag erinnern kann, an dem ER seine kleine Schwester zum ersten Mal sah. Im Alter von kaum zwei Jahren stand ER mit dem Vater auf der kleinen Pontonfähre, die vom Arbeitgeber des Vaters betrieben wurde, um die Arbeiter über den Küstenkanal bringen zu können, denn die Brücken waren vom Krieg her noch alle zerstört. Der Vater holte die Fähre am Führungsseil über, und derweil kam auf der Nordseite des Kanals der alte grüne Autobus mit der langen Motorschnauze und hielt an der hundert Meter entfernten Haltestelle. Die Mutter stieg aus dem Bus und eilte mit einem Bündel auf dem Arm zur Fähre. In eine Decke eingewickelt brachte sie das kleine Schwesterchen, das am 1.

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September 1949 in der kleinen Klinik im Nachbardorf zur Welt gekommen war. Nun lebten sie zu viert im Abteil vier der Baracke.

Die Kinder wuchsen unter diesen einfachsten Verhältnissen auf, waren sich dessen aber nicht bewusst. Wie schon gesagt, gibt es keine schlechte Erinnerung, sondern ganz subjektiv empfanden sie die frühe Kindheit als eine schöne Zeit. Dazu trugen vor allem auch die Menschen der Nachbarschaft bei. Sie waren den Kindern herzlich zugeneigt, und insbesondere die Angehörigen der jungen Frau, die dem Vater zur Flucht vor den Polen verholfen hatte, entwickelten sich zu Ziehgroßeltern bzw. Ziehtanten und Ziehonkeln. Diese Menschen hatten für die persönliche Entwicklung der Kinder viel mehr Bedeutung als alle Verwandten, die, bis auf die Familie der Schwester des Vaters, mit der zusammen er geflüchtet war, durch die Kriegsfolgen weit verstreut und weit entfernt lebten. Die noch lebende Großmutter mütterlicher Seite wohnte nach ihrer Vertreibung durch die Tschechen weit entfernt, und bei den wenigen Besuchen blieb die herrische und vom Schicksal verhärmte Frau den Kindern fremd. Die Ziehgroßeltern waren überzeugte Sozialdemokraten, was zunächst nur bedeutete, dass sie für ihr Vertriebenenschicksal am wenigsten verantwortlich waren, aber was viel wichtiger war, sie hatten ein großes Herz, das für jede kleine und große Sorge der Kinder offen war. Sie gingen mit den Kindern ganz entsprechend ihres jeweiligen Alters auf Augenhöhe um, und sie lebten Liebe und Güte vor.

Der Ziehgroßvater Paul erzählte gern aus seinem Leben, wenn er gefragt wurde. Er war ein mehrfach Betrogener und trug sein Schicksal mit großer Würde. Wenn er ging, verriet ihn schon von weitem ein rhythmisches Geräusch, das ganz ähnlich dem Geräusch war, das entsteht, wenn man einen Schlüssel im Schloss umdreht. Er musste einen so genannten Stützapparat tragen, denn sein rechtes Bein durfte wegen eines Knochendefektes nicht belastet werden. Paul hatte den Ersten Weltkrieg für Kaiser, Volk und Vaterland in den Schützengräben der Westfront verbringen müssen und ihn bis zum Waffenstillstand einigermaßen unversehrt überstanden. Seine Truppe befand sich auf dem geordneten Rückzug, als französische Heckenschützen gezielt auf den Tross feuerten. Einige Männer starben, viele wurden verletzt, und er erlitt einen

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Oberschenkeldurchschuss mit Zersplitterung des Knochens – das Böse ist nicht nur deutsch, es lauert überall, es will nur entfesselt werden. Drei Monate im Streckverband brachten keine ausreichende Wiederherstellung des Beines, und so wurde das Klick-klack seines Stützapparates zu seinem Erkennungszeichen. Dass er dadurch stark behindert war, konnte keine Frage sein, aber er war immer zur Arbeit gegangen, über sein 65. Lebensjahr hinaus. In den schlechten zwanziger Jahren starb seine erste Frau, und er war mit den drei Kindern allein. Sein größtes Glück kam mit Martha, der Ziehgroßmutter, die mit ihren beiden Kindern auch verwitwet war. Alle zusammen ergaben das Bild einer Familie mit Herz und Seele. Sie hätten es verdient gehabt in Schlesien, ihrer schönen, geliebten Heimat, alt werden zu können, aber sie hatten für Führer, Volk und Vaterland alles verloren und mussten im letzten Viertel ihres Lebens noch einmal ganz von vorn anfangen. Sie waren dafür am wenigsten verantwortlich, denn sie hatten die NSDAP und Hitler wirklich nicht gewählt, aber sie konstatierten das, ohne mit dem Finger auf die zu zeigen, die so gewählt hatten. Jedes Gespräch mit ihnen wurde zu einer subtilen Vorlesung in Soziologie, Volksökonomie und manchmal auch ein wenig Politologie. Niemand mehr als sie haben neben dem Vater dem Freigeistigen in dessen jungen Jahren ins Bewusstsein gerückt, dass immer schneller, immer weiter, immer höher und damit immer mehr am Ende nicht geht. ER sieht es als ein großes Glück in seinem Leben an, dass es die Ziehgroßeltern gegeben hat, und noch heute hält ER den herzlichen Kontakt zu deren Kindern, den Ziehtanten und Ziehonkeln, soweit sie noch unter den Lebenden sind.

Die Eltern erzogen mit einer Strenge, die darauf gerichtet war, das Wenige, was man besaß, wertzuschätzen. Die Mutter beherrschte die Kunst, aus dem Wenigen das Beste zu machen; das galt für Essen und Trinken, wie auch für die anderen Dinge des Lebens, soweit es ihren Haushalt betraf. Lebensmittel verderben zu lassen oder wegzuwerfen, hätte sie als schweren Frevel angesehen. Auch galt es mit der Kleidung, die sie weitgehend selbst nähte, achtsam umzugehen. Während Kinder heutzutage Berge von Schmutzwäsche produzieren, galt es damals, die Kleidung zu schonen. Wenn vom wenigen Spielzeug etwas kaputt ging, gab es nicht gleich am nächsten

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Tag ein neues. Gespielt wurde hauptsächlich mit allem, was die Natur hergab, aber auch da mit Achtung vor der Natur, darauf achtete die Mutter streng und ging mit gutem Beispiel voran. Als sie einmal beim Unkrautziehen im Kartoffelfeld das Nest der Feldlerche freilegte, pflanzte sie Unkraut auf einer großen Fläche um das Nest herum wieder ein, damit der kleine Vogel sein Brutgeschäft weiter führen konnte. Bescheidenheit, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Empathie waren die Schulfächer der elterlichen Erziehung. Oft waren es Ereignisse, die diese Tugenden transportierten.

Die Mutter hatte auf ihre Flucht ein Hochzeitsgeschenk mitgenommen, das ihr besonders am Herzen lag, eine Kristallglasschale auf einem Silberteller. Unversehrt hatte das Andenken an die Hochzeit und die Heimat die Flucht und die weiteren Jahre überstanden. Es diente der Aufbewahrung von kleinen Gegenständen des Alltags und hatte in Ermangelung besserer Stellmöglichkeiten seinen Platz auf einer Wäschetruhe in der Erreichbarkeit der kleinen Kinder. Ein Ungeschick der kleinen Schwester ließ die Kristallschale zu Bruch gehen. Die Mutter hatte die Kleine nicht sehr gescholten, sie sammelte die Scherben zusammen und weinte still, aber schmerzvoll. Die Kinder waren zutiefst unglücklich über den Schmerz der Mutter und lernten so, dass es nicht der Wiederbeschaffungswert der Schale sein konnte, der die Mutter so traurig machte. Der Junge wollte in Zukunft noch achtsamer sein, damit nicht wieder Schmerz entstünde, denn ER hatte selber solch einen Verlust empfunden, als ihm ein gehässiger Spielkamerad ein geliebtes Spielzeug weggenommen und in den Kanal geworfen hatte, ein Schweißbrennermodell, das der Vater ihm zu Weihnachten gebastelt hatte. Das Teil wurde mit einer Wunderkerze bestückt, und ER hatte wunderbar damit „schweißen“ können.

Unzählige Stunden verbrachte ER mit der Mutter im Garten, auf den Feldern und im Moor bei der Torfarbeit. Schon im Vorschulalter wendete ER seine kleine Fläche Heu, damit „seine“ kleine Ziege im Winter etwas zu fressen haben sollte. ER lernte, wie Torf zum Trocknen aufgesetzt wird, und ER lernte, was es bedeutet, zu säen und zu ernten. Ebenso viel Zeit verbrachte ER mit dem Vater in den Werkstätten des Torf- und Ziegeleibetriebes. Was gab es

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Interessanteres, als zuzuschauen, wenn der Vater den Motor eines Baggers oder einer Feldbahnlokomotive zerlegte und überholte. Welch freudiges Erlebnis, wenn der Motor dann nach der Instandsetzung das erste Mal ansprang und wieder seine Arbeit tat. Spannend war es, dabei zu sein, wenn der Vater aus Material des im heimischen Moor abgestürzten, britischen Lancaster Bombers allerlei nützliche Dinge für den betrieblichen und den privaten Bedarf herstellte. Die britischen Besatzungskräfte hatten drei Jahre nach dem Krieg nur die tief im Moor versunkenen, sterblichen Überreste der Bomberbesatzung geborgen, um sie zu identifizieren und ordentlich zu bestatten, und das Material des zerstörten Flugzeugs dem Eigentümer des Moores, dem Chef des Vaters, überlassen. Noch heute existieren einige solcher Dinge, weniger zum Gebrauch, als zum Andenken. Warum sollte man nicht einer britischen Bomberbesatzung gedenken, die hier im heimischen Moor sterben musste? ER lernte mitten in der Basis des Lebens fürs Leben beim Zuschauen, beim Zuhören und beim Selbermachen. Obwohl ER dann Elektromechaniker und Fernmeldeelektroniker wurde, überholt ER noch heute einen Flugmotor, mit dem ER selber und auch andere sich getrauen zu fliegen, und ER wüsste nicht, was ER nicht selber bewerkstelligen könnte. Deshalb glaubt ER manchmal, ER dürfe sich in einigen Disziplinen ein Urteil erlauben.

Die Schule in diesen Disziplinen, vor allem der Empathie, war damit noch nicht zu Ende. Im Herbst des Jahres 1952 stand eines Tages ein Mann mit einem Sack über der Schulter und einer verschlissenen Stofftasche vor der Tür. Er war sehr ungewöhnlich gekleidet. Weder hatte der Junge vorher eine solche Kopfbedeckung gesehen, weder eine solche Jacke, die aussah wie eine Steppdecke, noch solche Stiefel, die nicht aus Gummi oder Leder waren. Noch am selben Tag wurde dieser Mann Mitbewohner im Abteil vier der Baracke, wo sie dann zu fünft lebten, und war für die Kinder von dort an Onkel Fritz. Er war mit seiner Familie in Rohnstock, dem Heimatort des Vaters, zuhause gewesen und hatte zusammen mit ihm in der dritten Kompanie des Grenadier-Regiments 318 gedient. Als dieses Regiment am 17. 12. 1942 bei Werchnij-Mamon fast vollständig vernichtet wurde, geriet Fritz beim Ausbruch der dritten Kompanie aus dem Kessel in russische Kriegsgefangenschaft. Er war

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auf dem letzten Fahrzeug gewesen, das im Krater einer unmittelbar vor ihm einschlagenden Artilleriegranate liegen geblieben war. Fritz war einer der fünf Vermissten dieser Operation, und er hatte eingesehen, dass die Vorausfahrenden sich in dem Inferno um die Zurückgebliebenen nicht hatten kümmern können. Im Nachhinein sagte er sich, dass die Gefangenschaft für ihn wahrscheinlich das Beste gewesen war, was ihm zu der Zeit hatte passieren können, denn am Ende des Krieges überlebten von den 22 Mann, die den Ausbruch gewagt hatten, nur vier; einer davon war er. Fritz gehörte zu denen, die die fast zehnjährige Gefangenschaft hinter dem Ural überlebt hatten. Er habe großes Glück gehabt, es sei ihm besser ergangen, als den meisten anderen.

Nach seiner Entlassung strandete er wie alle Flüchtlinge und aus dem Osten heimkehrende Gefangene in einem Auffanglager an der Demarkationslinie, die die sowjetische Besatzungszone und die Zonen der Westalliierten voneinander trennte. Es waren die Orte der schmerzlichen Schicksale, der millionenfachen Enttäuschung und manchmal auch der Wiedersehensfreude. Immer wenn ein Transport entlassener Gefangener angekündigt wurde, reisten Angehörige von im Osten Vermissten zum Auffanglager in der vagen Hoffnung, der Sohn, der Vater, der Bruder oder der Mann könnte dabei sein. Fritz wurde von niemandem erwartet und abgeholt. Von der Heimat war er abgeschnitten, und er musste nun erfahren, dass seine Frau und die Kinder, die Tochter und der Sohn, nach der Vertreibung der Deutschen aus der Heimat überall, nur nicht mehr in ihrem Haus in Rohnstock sein konnten. Eine Suchanzeige seiner Angehörigen nach ihm lag in den geführten Listen nicht vor, und so nannte er neben seinen Angehörigen den Namen des Vaters, seines Kriegskameraden und Heimatortsbekannten. Nach mehrtägiger Suche kam das Ergebnis, dass der Vater nach seinen Geschwistern und seiner Frau hatte suchen lassen, und er auch die Namen von einigen als vermisst geltenden Kriegskameraden angegeben hatte. So bekam Fritz den dort verzeichneten Wohnort des Vaters genannt. Es gab kein Telefon, und ein Telegramm hätte ihm auch nicht schnell die Gewissheit verschafft, den Vater in diesem Ort noch antreffen zu können. Es gab einen Fahrschein für die Bahn zu einem Bestimmungsort irgendwo in Deutschland. Damit begab sich Fritz unverzüglich auf die Reise nach Oldenburg in Niedersachsen, und nach Durchfragen und zwölf Kilometern Fußmarsch stand er bei den

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Eltern vor der Tür. Der Junge wusste nicht wirklich, was die beiden Männer damals empfunden haben, als der Vater dann am Abend von der Arbeit kam, und heute, als alter Mann, mag ER nicht gern darüber nachdenken.

Fritz war ein zurückhaltender lieber Mensch mit einem manchmal überraschenden trockenen Humor. Die Kinder mochten ihn gern, und auch er wandte sich ihnen gern zu und verwöhnte sie gelegentlich mit einer Kleinigkeit. Er hatte auch Arbeit in jenem Betrieb bekommen, in welchem der Vater arbeitete, wie im Grunde jeder, der arbeiten wollte, dort eingestellt wurde. Dank der guten Verköstigung, für die die Mutter immer sorgte, erholte sich Fritz schnell von den Entbehrungen der langen Gefangenschaft, und die beiden Männer arbeiteten im Betrieb und auch privat gut zum gegenseitigen Nutzen zusammen. Fritz war Großhandelskaufmann im Metallhandel gewesen und hatte beim Militär schon beim Vater in der Waffenmeisterei gearbeitet, was sie zu einem bewährten Team gemacht hatte.

In der gerade kommenden Vorweihnachtszeit arbeitete Fritz an vielen Abenden mit einer Laubsäge an einer ganzen Anzahl von Sperrholzplatten. Der Junge sah interessiert bei der Arbeit zu, wusste aber nicht, welchem Zweck sie dienen sollte. Fritz muss dann oft später, wenn die Kinder schon schliefen, noch fleißig an seinem Werk weiter gearbeitet haben. Am Heiligen Abend dann wurden die Kinder, nachdem der Vater wie an jedem Weihnachten den Weihnachtsbaum sorgsam geschmückt hatte, unter einem Vorwand zu den Ziehgroßeltern gebracht. Als sie dann wieder zurück in den eigenen Wohnraum geholt wurden, erklärten die Eltern, der Weihnachtsmann, den sie in den Vorjahren immer persönlich gesehen hatten, sei in der Zwischenzeit schon da gewesen, weil das Geschenk für die kleine Schwester so groß und schwer sei. Da stand auf der Tischfläche der versenkbaren Nähmaschine, die in diesen Jahren immer als Gabentisch diente, eine wunderschöne Puppenstube, schön eingerichtet und mit elektrischer Beleuchtung. Fritz hatte sie für die kleine Schwester des kleinen Freigeistigen, die er sehr ins Herz geschlossen hatte, gebastelt. Der schon fünfjährige Junge sah sich das Geschenk sehr genau an und erkannte in der Konstruktion der

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Puppenstube die Bauelemente wieder, die Fritz in der Vorweihnachtszeit so sorgsam mit der Laubsäge bearbeitet hatte. Da konnte ER sich mit seiner Erkenntnis nicht zurückhalten und stellte laut und selbstsicher fest: „Es gibt gar keinen Weihnachtsmann“, womit ER sich augenblicklich eine weihnachtliche Ohrfeige der Mutter einhandelte. Wenn schon einer nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, darf er das noch lange nicht verlautbaren und der kleinen Schwester den Glauben nehmen. So machte ER früh die Erfahrung, dass das Gewinnen einer Erkenntnis Strafe nach sich ziehen kann, besonders dann, wenn man die Erkenntnis verlautbart. Der Trost folgte auf dem Fuße, denn ER bekam das Laubsägewerkzeug geschenkt, mithilfe dessen die Puppenstube hergestellt worden war. Das hatte ihm viel Freude bereitet, und zudem war es auch noch sehr nützlich.

Das erste, was Fritz von seinem verdienten Geld angeschafft hatte, war ein Radio mit UKW Empfang. Nun konnte die Wohngemeinschaft Radio hören, aber der dringende Wunsch nach einem Radiogerät hatte für Fritz einen ganz gezielten Grund. Gleich nachdem er sich bei den Eltern fürs Erste eingerichtet hatte, hatte er eine Suchanzeige nach seiner Familie beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes aufgeben. Bei jeder Gelegenheit saß er auf seiner Pritsche neben dem Radio, das auf seinem Nachttisch stand, und lauschte den mehrmals täglich gesendeten Suchmeldungen in der Hoffnung, dass nach ihm gesucht würde oder dass seine Suchrufe erhört würden. Oben auf dem Radio stand ein Kleinod, das er durch den Krieg und die ganze Gefangenschaft gerettet hatte, ein kleines Bild, die Fotografie eines kleinen Mädchens mit einer Schultüte im Arm. Die Eltern waren immer sehr bedrückt, wenn er da saß und den Meldungen lauschte. Sie wussten etwas, was seine Hoffnung hätte trüben können, und mochten ihm dieses fast zwei Jahre lang nicht mitteilen. Dann eines Tages fasste sich der Vater ein Herz und nahm ihn an die Seite, um ihm zu erklären, was er in Erfahrung gebracht hatte.

Die drei Schwestern des Vaters, die zuletzt in seinem Haus in Rohnstock gewohnt hatten, waren mit mehreren Frauen und Kindern aus dem Ort zur Flucht nach Westen angetreten. Darunter befanden

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sich auch Fritz’ Frau und seine Kinder. Mit der Eisenbahn waren sie nach Dresden gelangt, wo es dann in all den Wirren am gleichen Tag nicht weiter ging. Die Schwestern entschieden sich dazu, sich anderen Flüchtenden anzuschließen, die den Weg zu Fuß nach Westen suchten. Fritz’ Frau wollte der Kinder wegen den nächsten Tag abwarten, um vielleicht doch noch irgendeinen Zug zu bekommen und blieb im Bahnhofsviertel zurück. Den Schwestern war es noch gelungen, am selben Tag über die Elbbrücke zu kommen, und sie lagerten unweit der Elbe auf freiem Feld. Die folgende Nacht besiegelte das Schicksal der Stadt Dresden und das unzähliger Menschen. Am Tag darauf kamen zusätzlich zu den Bomben zwischen Wolken und Rauch noch Tiefflieger, die an der Elbe entlang flogen und schossen. An den Elbufern waren tausende Menschen versammelt, die dort Schutz vor Rauch und Feuer gesucht hatten. Worauf die Flieger geschossen haben, konnten die Schwestern nicht sehen, aber sie haben gewiss nicht auf Zielscheiben geschossen. So sehr die Alliierten es auch später immer wieder abgestritten haben – das Böse ist nicht nur deutsch, es lauert überall, man muss es nur entfesseln.

Fritz hatte schweigend zugehört und sprach auch später nicht mehr über das, was er da erfahren hatte. Er saß auch weiterhin am Radio und hörte Suchmeldungen, manchmal den Kopf mit den Händen gestützt oder den Blick auf das Bild des kleinen Mädchens auf dem Radiogerät gerichtet. Bei einer solchen Gelegenheit stellte sich der Junge an seine Seite und fragte ihn, wer das Mädchen auf dem Bildchen sei. Fritz schaute ihn mit ganz ernster Mine an und erklärte ihm leise, als verriete er ein Geheimnis, dass es seine kleine Tochter sei, und dass er sie, seitdem er in den Krieg musste, nicht mehr gesehen habe. Auch einen kleinen Sohn habe er gehabt, der damals etwa so alt gewesen sei wie ER, der Junge, jetzt. Der Junge gab sich mit der Antwort zufrieden, die so verbindlich und freundschaftlich gegeben war, obwohl ER noch viele Fragen gehabt hätte. ER spürte wohl, dass da ein Schmerz war, den ER nicht schüren durfte. ER hatte viel von all dem Schmerz gespürt, der latent in den Menschen dieser Schicksalsgemeinschaft schwelte, über den Verlust von Angehörigen, den Verlust der Heimat, den Verlust von Haus und Hof und den von Hab und Gut. Sie haben sich diesen Schmerz nur

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selten anmerken lassen, aber ER empfand ihn wie einen Erbschmerz, und manchmal war ihm, als müsse ER die nicht geweinten Tränen weinen. Fritz hörte weiterhin die Suchmeldungen und richtete sich mehr und mehr in der neuen Umgebung ein. Nach drei Jahren lernte er bei der Arbeit eine liebe Lebensgefährtin kennen und zog zu ihr und ihren drei heranwachsenden Kindern. Seine Frau und seine Kinder hat er nie für tot erklären lassen und somit auch nicht wieder geheiratet. Die Gemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin hielt sein Leben lang.

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Fortsetzung folgt.

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Horst Rüdiger gehört zu den Vielen, welche sich später weder von Kind noch von Enkel werden sagen lassen müssen: „Papa, Grandpapa, du hast es gewusst. Warum hast du nichts gesagt?“

Danke, Horst!

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Ich stelle das 400 seitige Buch in loser Folge ein.

Verbreitung im Kreise Bekannter ist erwünscht.

Verbreitung zu gewerblichem Zwecke bedarf der Bewilligung des Autors.

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1 Kommentar

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt mir

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