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Der weise König / Eine Geschichte aus der Welt der Sufis

GabrielBali Lieber Leser, es ist schon viele Jahre her, da habe ich ein großartiges Buch in die Hand bekommen. Ein Buch, in überlieferte Geschichten aus der spirituellen Welt der Sufis und der Derwische niedergeschrieben waren. Jenes denkwürdige Buch hat mir die Türe zur
hochinteressanten, geheimnisvollen Welt der Sufis und Derwische weit aufgemacht. Jede
einzelne der Geschichten, deren Verfasser ich allerdings nicht kenne, war beeindruckend
tiefsinnig und hat mich zum Nachdenken über Gott und die Welt gebracht. Das beschriebene
Buch ist voll von weisen Gedanken und berührenden Geschichten, aus welchen wahrscheinlich
jeder von uns viel entnehmen und Wertvolles lernen kann. Man könnte sagen, es ist
„Spiritualität pur“.
Eine Geschichte aus jenem Buch hat mich damals ganz besonders berührt, und diese
Geschichte hat mich seither, in all den nahezu 50 Jahren, die inzwischen vergangen sind, nicht
mehr losgelassen. Es ist die Geschichte von einem weisen Herrscher, dem vom König des
Nachbarlandes der Krieg erklärt wurde. Die Geschichte beschreibt eindrucksvoll, wie klug und
vorausblickend jener weise Regent auf diese gefährliche, höchst bedrohliche
Kriegserklärung geantwortet hat.


Jenes, in seiner Art einzigartige, wertvolle Buch, ist für mich nicht mehr auffindbar. Selbst nach
zahllosen und inzwischen jahrzehntelangen Bestrebungen, es wiederzufinden, blieb ich mit
meinen Bemühungen erfolglos. Damit jene erwähnte Geschichte, die ich für so
außerordentlich wertvoll erachte nicht gänzlich verschwindet, habe ich mich entschieden,
sie aus meiner Erinnerung nachzuerzählen und mich anschließend auch für deren größtmögliche Verbreitung einzusetzen.
Hier ist nun meine Nacherzählung. Ich hoffe, die Inhalte und Botschaften des
Originals möglichst getreu wiedergeben zu können.

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Der weise König
In den Gebieten, die man heutzutage dem Mittleren Osten zuordnen würde, gab es einst
mehrere Königreiche. Eines dieser einstigen Königreiche und zwar das, in dem unser weiser
König regiert, um den es in dieser Erzählung geht, ist dem König des Nachbarlandes schon
lange ein Dorn im Auge. Der Grund dafür ist, dass der weise König von den Untertanen in
seinem Land hoch verehrt und geliebt, ja fast schon angebetet wird. Dies ist vorwiegend dem
Umstand zu danken, dass jener Herrscher sein Land selbstlos und weise regiert. Eine
Regentschaft mit dem sehr erfreulichen Ergebnis, dass es jedem einzelnen Bürger seines
Königreiches außerordentlich gut geht und dass niemand im ganzen Land Not leiden muss. Es
ist für sämtliche Menschen gut gesorgt und es herrschen Zufriedenheit, Ruhe und Frieden. Erwähnung sollte hier auch die sehr erfreuliche Tatsache finden, dass es den Tieren in
dem Land ebenfalls gut geht und dass sowohl die Ausbeutung von Tieren, wie auch die
exzessive Nutzung der Natur grundsätzlich verpönt ist und demnach selbstverständlich
gänzlich vermieden wird. Zum Beispiel wird man den Begriff „Nutztier“ in der Sprache jenes Landes vergeblich suchen, weil man Tiere weder ausnützt oder gar quält. Der Wert des Lebens
von Tieren wird in jenem Königreich genauso hochgehalten wie der Wert eines
Menschenlebens. Tiere werden grundsätzlich als Brüder und Schwestern angesehen und
demnach auch entsprechend behandelt und wertgeschätzt.

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Alles wäre wunderbar, wäre der König des Nachbarlandes nicht neidisch, sehr neidisch sogar.
Er missgönnt dem weisen König seine weit über die Grenzen seines Landes hinausreichende,
unbeschreiblich große Beliebtheit. Überall redet und schwärmt man von jenem klugen, weisen
Mann, aber über den höchsten Mann im Nachbarland, über den dortigen regierenden König
redet niemand. Der Bedauernswerte genießt in seinem eigenen Reich so gut wie keine
Beliebtheit. Darüber enttäuscht und zutiefst betrübt und voller Neid, entschließt er sich eines
Tages, dem weisen König und dessen Land den Krieg zu erklären. Dies geschieht in der
Hoffnung, dass er, nachdem er den Krieg gewonnen haben wird, von den dortigen Untertanen
genauso respektiert und verehrt werden wird, wie sie ihren alten König respektieren und verehren.

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Die Hoffnung des neidischen Königs, selbst Beliebtheit zu erlangen, wird am Ende sogar erfüllt
werden, auch wenn vorerst alles ganz anders kommt, als der arme Mann sich das in seinen
dunkelsten Träumen vorgestellt haben mag.

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Die Kriegserklärung wird von einem Reiter als Depesche an den Hof des weisen Königs gebracht. Man öffnet die Depesche und alle sind entsetzt. Die Nachricht, dass es wohl Krieg geben wird, geht sofort wie ein Lauffeuer durchs ganze Land. Wie schrecklich! Krieg – das bedeutet Mord, Totschlag, Blutvergießen, Tod und Leid.
Alle, die vom Inhalt der Depesche erfahren zeigen sich betroffen, alle sind entsetzt und
sprachlos vor Schrecken.
Ich muss mich an dieser Stelle allerdings sofort selbst korrigieren – nicht alle am Hofe zeigen
sich entsetzt oder gar sprachlos. Da ist zumindest ein Mann, der diese Kriegserklärung
nüchtern sieht, der sie auch vernünftig beurteilt und der daher auch nicht bereit ist, das, was
jetzt auf das Land zukommt, als negativ, als entsetzlich oder gar als Katastrophe
wahrzunehmen.
Alle Minister treffen jetzt am Hofe ein und sämtliche sonstigen Würdenträger des Landes
kommen in diesen Minuten eiligst zusammen. Alle scharen sich betroffen und aufgeregt um
den König, dem einzigen unter all den Anwesenden, der ruhig und gelassen bleibt. Ja, der
König scheint in dieser Situation tatsächlich der Einzige zu sein, der zwar persönlich betroffen
wirkt, sich aber nicht entsetzt zeigt.

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Es herrscht wahrlich große Unruhe am Hof, in kleinen und auch in größeren Gruppen stehen
die Minister zusammen und beraten und all die anderen hohen Herren sind ebenfalls sichtlich
aufgeregt. Jeder denkt nach, wie man eine Verteidigungsstrategie klug anlegen und den ins
Haus stehenden Krieg gewinnen könne. Es wird so intensiv nachgedacht, dass die
Köpfe rauchen.

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Alle warten auf den König und darauf, dass ihr König endlich das Wort ergreifen wird. Sie sind gespannt, welch erfolgversprechende und vor allem auch welch weise Vorgangsweise der König bekanntgeben wird. Man hofft auf eine bedachte Strategie, die dazu führt, die Angreifer aus dem Nachbarland schnell zu besiegen und so bald wie möglich in ihr eigenes Land zurückzudrängen.

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Endlich wird es leise im großen Versammlungsaal, die Stimmen der diskutierenden
Anwesenden verstummen allmählich. Alle Herbeigeeilten warten jetzt gespannt auf das, was
da kommen mag, und als es ganz still wird, hebt der König die Augenbrauen, hält in seiner
Hand schmunzelnd eine winzige Stecknadel in die Höhe, damit all die vielen Anwesenden im
Raum diese kleine Nadel auch gut sehen können. Dann lässt er die Stecknadel – die inzwischen
bekanntlich überall in der Welt Berühmtheit erlangt hat – fallen. Jeder seiner zahlreichen
Untertanen kann den Fall der Nadel hören, so unfassbar ruhig ist es geworden in diesem
stillen Moment, in dem nur mehr die mit Emotionen geladene Luft leise knistert.

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Nach einer Weile dieser längst schon unheimlich gewordenen Stille erhebt der König seine
Stimme, leise, ganz ganz leise, aber sehr bestimmt, und er beginnt in einem ruhigen und
gefassten Ton seine Entscheidung zu verkünden:
„Liebe Landsleute, liebe Bürger unseres wunderschönen Landes!
Der König unseres Nachbarlandes hat sich entschieden, uns den Krieg zu erklären. Ein Akt, der,
wie wir gut sehen können bei euch Entsetzen auslöst, großes Entsetzen sogar. Ja, diese Kriegserklärung ist gewiss nicht das, was man eine freundliche Handlung unseres Nachbarn nennen könnte. Ja, es ist wahrlich keine Handlung, die imstande wäre, bei uns Freudensprünge auszulösen.

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Jetzt liegt es jedoch in unserer Hand, wie wir damit umgehen, es liegt allein in unserer Hand,
wie tragisch oder wie erfreulich sich die Zukunft für uns und unser Land fortan entwickelt.
Unser höchstes Ziel muss sein, kluge Handlungen zu setzen, um jegliches Blutvergießen zu
vermeiden. Wir müssen unser aller Leben in Bahnen lenken, die uns, unseren Familien und
unserem ganzen Land die größtmögliche Sicherheit gewährleisten. Es gilt aber auch, die Leben
jener Bedauernswerten zu schonen, die uns als Angreifer gegenübertreten und die uns derzeit
als Feinde sehen wollen. Denn, und dies sollten wir auch bedenken, in Wahrheit wissen sie in
ihrer Verwirrtheit gar nicht, dass sie sich für ein verwerfliches Vorhaben missbrauchen lassen. Es ist ihnen nicht bewusst, was sie tun.

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Deshalb werde ich den uns zugeworfenen Fehdehandschuh um des Friedens willen liegen lassen.
Ich werde diese Kriegserklärung völlig ignorieren. Ich versichere allen, die mir jetzt zuhören,
dass wir in unserem Königreich auch weiterhin in Frieden leben werden, denn Krieg wäre die
denkbar schlechteste Lösung, nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen in unserem
Nachbarland, die ihrem König treu und ergeben in einen solchen Krieg folgen und die darunter
gewiss auch leiden müssten.
Einen solchen Krieg wird es jedoch nicht geben!
Auch wenn uns heute der Krieg erklärt wird, dieser Krieg findet nicht statt!
Zum Kriegführen gehören immer mindestens zwei Parteien, die Angreifer und die, die sich
angegriffen fühlen. Die Tatsache, dass wir ihre Kriegserklärung ignorieren und für sie damit gar
kein Kriegsgegner zur Verfügung steht, könnte für unseren Freund, den König aus dem
Nachbarreich, vielleicht sogar ein Problem entstehen lassen. Denn wir fallen als zu bekämpfende Kriegsgegner aus, und das nicht nur heute, sondern auch morgen und in alle Zukunft.

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Statt mit meinem Volk in einen Krieg zu ziehen, werde ich meine Minister und Vertrauten
beauftragen, heute noch Kontakt mit dem Nachbarkönig aufzunehmen und ihm mitzuteilen,
dass ich seine Kriegserklärung ignoriere und dass er unser Reich übernehmen könne, ohne
dass ein einziger Tropfen Blut fließt. Unser Land und seine Bürger werden dem neuen König
genauso ihre Ehre erweisen und ihm dienen, wie sie mir die Ehre erwiesen und mir gedient
haben. Alle Steuern und Abgaben werden selbstverständlich statt an mich, ab sofort an den
neuen König zu bezahlen sein, genau so, wie sie bis zum heutigen Tag an mich bezahlt
wurden.
Ihr, mein treues Volk, werdet statt Krieg einfach nur einen anderen König haben. Euer neuer
König wird, und davon bin ich überzeugt, klug handeln und mit dem, was wir ihm heute
anbieten, einverstanden und zufrieden sein. Er wird dieses Angebot annehmen, dessen bin ich
mir sicher und er wird dafür auch sehr dankbar sein. Somit kann für euch und für unser Volk
alles so bleiben, wie es bisher war. Den Krieg und ein Blutvergießen vermieden zu haben, wird
euren neuen König in seinem Land sehr beliebt machen. Man wird es ihm danken, sogar bis in
alle Ewigkeit wird man ihm dankbar sein, dankbar dafür, dass es in dieser Sache keinerlei
Opfer gab und es auch nie Opfer geben wird.

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Ich selbst ziehe mich heute noch aus meinem Amt zurück und werde fortan aus der Öffentlichkeit verschwinden. Für unser Volk bleibt damit alles beim Alten. Alles wie bisher
gehabt, aber kein Krieg, kein Blutvergießen, keine Toten, kein Leid, sondern weiterhin ein
zufriedenes Leben in altbewährter Ruhe und unserer schon seit jeher geübten Friedfertigkeit.
Ich bitte euch alle, die ihr mir jetzt zuhört und ich bitte mein gesamtes treues Volk, meine
wohlüberlegte Entscheidung zu akzeptieren und meine Entscheidung aus ganzem Herzen
mitzutragen. Ich bitte euch auch, eurem neuen König all den Respekt zu zollen und die Ehre zu
erweisen, die ihr mir dankenswerterweise durch so viele Jahre hindurch gezollt und erwiesen
habt. Dies wird euch den Frieden auf alle Zeit sichern.
Ich danke euch und ich wünsche euch alles, alles Gute für eine weiterhin friedliche und für uns
alle glückliche Zukunft!“

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Der König verlässt mit einem freundlichen, zufriedenen Lächeln im Gesicht, mit schnellen
Schritten, den bis zum letzten Platz gefüllten Saal, in der Absicht sich, wie soeben
angekündigt, noch heute zurückzuziehen. Der König lässt eine staunende Schar ihm ergebener
Menschen sprachlos zurück…

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Der neidische König aus dem Nachbarland nimmt das ungewöhnliche Angebot ohne zu zögern
an. Ja, und tatsächlich, das Leben geht für die Menschen im Reich des weisen Königs weiter,
wie sie es bisher gewohnt waren. Der neue König bekommt jetzt zwar viel an Zuneigung, aber
nur von seinem alten Volk. Die Zuneigung des neuen Volkes wird ihm verwehrt, denn die
Menschen gehen dem neuen Herrscher geflissentlich aus dem Weg. Der alte König jedoch, wird
für seine Weisheit mehr denn je gefeiert. Er wird noch mehr bewundert, verehrt und geliebt als
jemals zuvor.

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Ich sehe hier einen Bruch in der Geschichte.Das angestammte Volk des falschen Königs hatte ihn nicht geliebt. Warum neuerdings sollte es ihn lieben? Thom Ram

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Diese Tatsache macht den neuen König, dem das alles ja nicht verborgen bleibt, noch mehr
neidisch und es macht ihn sogar wütend und bereitet ihm schmerzhaften Kummer. Der Mann
wird in seinem Seelenschmerz sehr, sehr nachdenklich und jetzt noch viel neidischer, als er es
jemals war. Zu guter Letzt trifft er in seiner Not eine alle Menschen schockierende
Entscheidung. Er setzt eine hohe Belohnung für die Ergreifung des alten Königs aus und
beabsichtigt, diesen zu töten, um selbst all den Ruhm und die Ehre zu bekommen, die jenem
nach wie vor zuteil wird. Er hofft, dass das Volk den alten König bald vergessen würde,
nachdem man ihn gefasst und getötet haben wird. Der verblendete Mann ist überzeugt, dass er selbst
dann all die Gunst der Untertanen bekommen wird, die er sich schon so lange erträumt hat.

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Der alte König, der sich aus der Öffentlichkeit gänzlich zurückgezogen hat, wird umgehend
über die schrecklichen Absichten des neuen Königs informiert. Die engsten Vertrauten des
abgedankten Königs suchen ihn im Eilschritt auf und raten ihm, sich sofort von dem Ort zu
entfernen, an den er sich zurückgezogen hat. Er ist seines Lebens und in seiner Freiheit jetzt
unmittelbar bedroht. Der Rückzug an einen geheimen Ort sollte selbstverständlich schnell und
möglichst unauffällig vollzogen werden. Dies hat sofort zu geschehen, noch bevor die Häscher
des neuen Königs kommen, um sich die ausgesetzte, immens hohe Belohnung zu verdienen.
Die Vertrauten bitten ihren geliebten König, sich ihrem Schutz anzuvertrauen und ihnen
augenblicklich an einen sicheren Ort zu folgen.

Die Männer geleiten ihren König in die entlegenen Berggebiete des Königreichs und verstecken
ihn in einer schwer zugänglichen Höhle hoch oben in den Bergen. In dieser abgelegenen Höhle
ist der König nun in Sicherheit. Er wird jetzt auch rund um die Uhr von ihm nach wie vor
treuen Soldaten bewacht. Von den in den Bergen ansässigen Waldarbeitern wird er gut
versorgt. Bodenständige Leute, die mit ihren Familien in der Nähe der Höhle leben und die
ihrem König nach wie vor loyal verbunden sind. Es sind einfache, eher arme Menschen, die
ihrem König nicht nur treu, sondern vor allem auch diskret und schweigsam sind.
Es vergehen viele Tage und Wochen, in welchen der alte König bescheiden in seiner Höhle, in
dieser völlig ungewohnten, neuen Umgebung lebt und ausharrt. In dieser Höhle ist er in
Sicherheit. Der neue König, der bereits wütend ist, weil seine Bemühungen, den alten König zu
ergreifen, schon so lange erfolglos bleiben, hat seine Anstrengungen, den alten Herrscher zu
finden und zu töten, verstärkt. Dazu erhöht er nun auch die Belohnung für dessen Ergreifung um mehr als das Zehnfache, um so den Anreiz für eine Auslieferung deutlich zu erhöhen.

Man wird sehen, ob diese Anstrengungen des neuen Herrschers jetzt doch noch von Erfolg gekrönt
sein werden…

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Es vergehen wieder ein paar Wochen, da hört unser König Stimmen vor dem Höhleneingang.
Ein älterer Mann und seine noch sehr junge Ehefrau diskutieren darüber, ob sie ihren
König verraten und ausliefern sollen, um sich damit die unglaublich hohe Belohnung zu
verdienen. Damit könnten sie ihre ärmliche Lebenssituation wesentlich verbessern und fürs
Alter vorsorgen. Die Idee zu diesem Plan kommt aus dem Mund des Mannes, der um die
Zukunft seiner Familie besorgt ist. Seine Frau lehnt jedoch sofort und entschieden ab und
meint unter Tränen, dass sie niemals ihren König verraten und in den Tod schicken würde, eher
würde sie selbst sterben wollen.

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Der Mann lässt jedoch nicht von seinem Vorhaben ab und redet ohne Unterlass auf seine sich
vehement sträubende Frau ein. „Ich bin bereits alt und Du bist noch eine junge Frau. Wir sind
arm. Mit dem Geld der Belohnung könntest Du und unsere Kinder bis an Dein Lebensende in
Sicherheit und Wohlstand leben. Auch wenn ich schon längst diese Welt verlassen habe, wirst
du immer noch gut für euch sorgen können. Du musst dies für dich und für unsere Kinder
tun!“.

Die Frau lehnt erneut ab und wird jetzt sogar richtiggehend wütend. Die Stimmen der
beiden inzwischen heftig streitenden Eheleute werden zusehends lauter.

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Der König, der der ganzen Unterhaltung gelauscht hat, tritt aus der Höhle ins Freie hinaus und
wendet sich direkt an die Frau: „Dein Mann hat recht, sein Plan ist klug und vorausblickend.
Verdient euch die Belohnung und sichert damit die Zukunft eurer Kinder. Ich werde euch dabei
behilflich sein. Ich bin bereits alt und habe nicht viel zu verlieren. Ich werde mit euch jetzt
gemeinsam zum König gehen und ihm sagen, dass ihr mich gefunden habt und dass euch
beiden die Belohnung zusteht“.

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Beide Eheleute reagieren bestürzt, sie sind sprachlos. Und sie sind sehr verlegen. Zusätzlich
sind sie jetzt auch entsetzt über die von ihnen diskutierte Absicht, überhaupt in Erwägung zu
ziehen, so etwas Grausames zu tun. Der Umstand, dass der König ihr Gespräch gehört hatte,
lässt die Beiden jetzt völlig verstört dastehen.

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Und nun, ganz plötzlich, ändert auch der Mann seine Haltung und ist, bestürzt wie seine Frau,
davon überzeugt, seinen König nicht verraten zu wollen. Der König bleibt aber beharrlich bei
seinem Vorschlag und befiehlt den beiden Eheleuten, mit ihm gemeinsam den neuen König
aufzusuchen.

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Die Eheleute sind verwirrt und wagen es nicht, ihrem König zu widersprechen und so folgen sie
ihm auf dem langen, beschwerlichen Weg zum Königspalast, zwar sehr widerwillig, aber doch
gehorsam.

Die Kunde, dass jemand den König ausliefern wolle, eilt den drei, sich auf dem Weg
zum Palast Befindlichen voraus, und als der König und die beiden Eheleute dann einige
Stunden später dort ankommen, werden sie bereits vom neuen König und einer großen Schar
von neugierigen Menschen erwartet.

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Der alte König grüßt alle Anwesenden sehr freundlich und verbeugt sich dann respektvoll vor
seinem Nachfolger. Er schildert diesem, dass die beiden Eheleute ihn gefunden hätten und dass
ihnen die Belohnung zustünde. Es gäbe gar keinen Zweifel daran, dafür verbürge er sich.

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„Nein, nein“ rufen beide Eheleute gleichzeitig und sehr energisch, „so war es nicht!“ und sie
erzählen dem neuen König in klaren Worten, wie sich die Sache vor dem Eingang zur Höhle
tatsächlich zugetragen hat. Ihr König wolle, nachdem er im Schutze seines Verstecks die
nachvollziehbaren Argumente des Ehemannes gehört hatte, den beiden Eheleuten einfach nur helfen,
für das Überleben ihrer Familie zu sorgen.

Der König habe sie aufgefordert, so berichten die Eheleute weiter, mit ihm gemeinsam zum Palast
zu gehen, ihn da dem neuen König zu übergeben und die ihnen dafür zustehende Belohnung
zu erbitten. Jetzt schämten sie sich jedoch, überhaupt in Erwägung gezogen zu haben, ihren
geliebten König zu verraten. Übereinstimmend versichern die beiden Eheleute jetzt, dass sie
eine Belohnung, egal wie hoch sie auch ausfallen mag, auf alle Fälle ablehnen werden.

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Da schaltet sich erneut der alte König ein und bittet seinen Nachfolger, den Eheleuten die
festgesetzte Belohnung trotzdem zu gewähren, da sie ihnen eindeutig zustehe, und die
beiden Eheleute fordert er mit entschlossener Stimme auf, die Belohnung anzunehmen, da
eine Ablehnung sogar als eine grobe Majestätsbeleidigung des neuen, wie auch des alten
Königs aufgefasst werden könnte, eine Beleidigung, die sie gewiss nicht begehen wollen.

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Der neue König ist verwirrt und schweigt. Er hört sich alles nachdenklich an, völlig in
sich gekehrt. Es dauert sehr, sehr lange, bis er das Wort ergreift.

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Inzwischen haben sich noch viel mehr Menschen eingefunden und sie alle harren
neugierig der Dinge, die da jetzt wohl noch kommen werden…

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Leise und bedächtig beginnt der neue König zu sprechen. Er wendet sich an den
alten König und an die beiden Eheleute, sich verneigend.

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„Eure Majestät, ihr lieben Eheleute, was ihr mir hier berichtet, berührt mich. Es berührt mein
Herz zutiefst. Seit Tagen bereits, denke ich darüber nach, meine durch nichts zu
entschuldigende Kriegserklärung zurückzuziehen und geläutert und reuig in mein Land
heimzukehren. Da warten große Aufgaben auf mich, denn ich werde mich sehr dafür einsetzen,
dass es meinem Volk schon bald genauso gut geht, wie dem Volk in diesem Land, das ich
unverschämterweise zu vereinnahmen gedachte.“

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„Eure Majestät“, Wendet er sich erneut an den alten König, „ich bitte euch, mir mein Handeln
zu verzeihen und mir zu vergeben. Ich bitte euch, euer Land zurückzunehmen und wieder zu
regieren und ich bitte euch auch, mit meinem Land in Zukunft freundschaftliche Beziehungen
zu pflegen. Zum Abschluss danke ich euch, eure Majestät, für euer weises Handeln, das mich
in die Schranken gewiesen und erwirkt hat, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind.

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Eure Majestät haben alle Last und Schmach auf sich genommen, um eurem Volk jegliche Bürde abzunehmen und ihm großes Leid zu ersparen.
Damit haben eure Majestät nicht nur beispielhafte Weisheit, sondern auch wahre Größe
bewiesen. Ich neige mein Haupt vor euch, eure Majestät! Ich bin unendlich dankbar für
das, was ich durch euer Vorbild habe erkennen und lernen dürfen.

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Der neue König übergibt dem alten Herrscher das gerade erst gewonnene Reich und zieht sich
wieder in sein altes Reich zurück. Mit dieser Handlung gewinnt er selbst hohe Beliebtheit,
sowohl bei den fremden Bürgern des weisen Königs, wie auch zuhause, bei seinen Untertanen
im eigenen Land.

Beide Königreiche leben fortan in Freundschaft und in Frieden, in bester
Nachbarschaft miteinander. Der große Unterschied zur Zeit vorher ist, dass es jetzt beiden
Völkern sehr gut geht, und dass es in Zukunft statt nur einem einzigen beliebten König zwei
beliebte Könige in jener Region gibt.

Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch, zufrieden und glücklich in ihren beiden Königreichen…

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Damit endet diese Erzählung, die vielleicht ein bloßes Märchen sein mag, aber kein Märchen
bleiben darf. Wenn Dir diese Geschichte gefallen hat, dann hilf doch mit, die wichtige
Botschaft, die diesen Gedanken innewohnt, in die Welt hinauszutragen und damit zumindest
einen kleinen, zusätzlichen Beitrag zu einer friedlichen Welt zu leisten!

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Herzlichen Dank!
Gabriel G. Marn, Nusa Dua/Bali
gabrielbali@hotmail.com

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Herausgegeben von Thom Ram, 04.07.10

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Auf bb eingereicht von Thom Ram, 03.06.10

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11 Kommentare

  1. Angela sagt:

    Quintessenz: Kein ( falsches) Ego- kein Leid!

    @ ThomRam
    Ich kann auch kein „Like“ am Ende eines Artikels mehr anklicken. Habe ich eben gemerkt. Nachtrag: Klappt doch, nachdem ich ein Like vorübergehend ( mit 2 x raufklicken verschwindet es wieder) auf meinen eigenen Artikel gesetzt habe.Versuch´s mal ….

    Angela

    Gefällt mir

  2. Ost-West-Divan sagt:

    Diese Geschichten sind es die den alten Goethe so gefallen haben mögen.Wiei viele Parabeln stecken in den Geschichten von 1001 Nacht?
    Wie will man eine Geschichte wieder finden, wenn es so viele davon gibt im Morgenland?
    Wie kann es sein daß die Menschen damals so kluge Gedanken hatten und heute nicht-was ist hier auf der Erde nur passiert?!

    Weise Könige-das wäre mal was.
    Hier herrscht der Wahnsinn. Nachdem ein Wald sinnlos gerodet wurde um eine Industrie zu erschaffen, ist dieses Werk gerade wieder Pleite.
    Aber auf jeden Fall hat man erfolgreich einen Wald zerstört der als Wasserspeicher diente und Sauerstoff produziert.

    Gefällt 3 Personen

  3. Ost-West-Divan sagt:

    Ich würde den weisen König fragen, wer das Land vor Wahnsinn beschützt, wenn die Menschen es nicht tun!?

    Gefällt 1 Person

  4. Bettina März sagt:

    Ein weiser König hat ein weises Volk.
    Dumme (gierig und böse) Herrscher haben dumme Völker.

    Gefällt 4 Personen

  5. Angela sagt:

    @ Bettina März

    Zitat: „… Ein weiser König hat ein weises Volk.
    Dumme (gierig und böse) Herrscher haben dumme Völker.“

    Nur , – wer war zuerst da, die Henne oder das Ei ?

    Angela

    Gefällt 2 Personen

  6. Ost-West-Divan sagt:

    Das Schuldbuch war zuerst da.

    Gefällt 1 Person

  7. latexdoctor sagt:

    Hat dies auf Märchen von Wurzelimperium S1 SunShinE rebloggt und kommentierte:
    Herscher wie in der Geschichte werden heute „Zwangsbefriedet“ oder man bringt Ihnen DIE „Demokratie“

    Gefällt mir

  8. latexdoctor sagt:

    Es GAB doch Herrscher (Regenten und „Diktatoren“) die dem weisen König vergleichbar, wir alle wissen was mit diesen Geschah, es ist ja noch nicht so lange her

    Gefällt 1 Person

  9. Thom Ram sagt:

    Bettina 17:07

    Umgekehrt ist es, nämlich so:

    Weise Völker haben weise Könige,
    gierig böse Völker haben dumpfe Herrscher.

    Gefällt 1 Person

  10. Bettina März sagt:

    Thom, 21.32

    will es nur mal mit Bunzelland vergleichen.

    Vor WK I und II war ein guter Herrscher (Monarch) da. Das Volk war weitestgehend sehr gut gebildet, belesen, brachte super Dichter, Musiker, Baumeister, Erfinder etc. hervor.

    Dann kamen die Befreier

    Bunzelland heute?

    Gefällt 2 Personen

  11. Mujo sagt:

    Erinnert mich an die frage was wahr zuerst da das Verbrechen oder die Polizei ?!

    Die Polizei natürlich, solange man Friedlich lebte sah man keine Notwendigkeit Menschen zu haben die so etwas Regeln müssen.

    Und wie hört es wieder auf, in dem man sein Ego zurück nimmt und die Polizei wieder Auflöst da es nichts für sie zu tun gibt und man die Kräfte braucht für die wirklich Wichtige Aufgaben.

    Andersrum gesehen, je mehr man Polizei hat und Militär dazu desto mehr Gewalt geht von diesen Land aus. Zunächst gegen das eigene Volk, und dann noch gegen andere wenn die eigene Angst zu groß ist das man alles Verliert wenn man nicht alle im Schach hält.
    Was wie eine Wahnsinn’s mühevolle Unsinnige Aufgabe und was wie ein Aufgeblasenes Ego dies benötigt.

    Hut ab vor diesen König der das Wohlergehen seines Volkes im Blick hat und nicht seine Regentschaft am Throne festklebt.
    Solche Menschen sollten ein Land Regieren.

    Gefällt 2 Personen

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