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WK II / Erlebnisse eines Deutschen / Auswirkung

Der kurze Bericht handelt vom Vater unseres Kommentators Wolf.

Leute fragen mich, warum ich mich beschäftige mit WK II, mit HC, mit all dem, was „vor langer Zeit“ geschah, und was auf unser heutiges Leben „keinen Einfluss“ habe.

So unwissend hätte ich mit 20 und 30 auch gefragt. Dass kriegstraumatisierte Menschen für den Rest des Lebens innerlich schwer geschädigt sind, vielleicht aggressiv, vielleicht depressiv sind, je nach Temperament, dass es ihnen unmöglich ist, guter Papa, gute Mama, guter Opa, gute Oma zu sein, dass sich Kriegsgräuel dadurch auf Kind und Kindeskind auswirken, mehr noch, dass Traumata darüber hinaus sogar vererbt werden, bis ins 7. Glied, das wusste auch ich damals nicht, ich konnte mir Solches nicht vorstellen.

Auf der anderen Seite steht, dass Traumata geheilt werden können. Doch so schwuppdich geht das nicht. Das ist Arbeit, intensiv und langwierig, und schön ist sie nicht, denn als Voraussetzung zur Heilung geht der Kranke immer wieder in das alte Grauen hinein. Anders ist Heilung nicht möglich. Tut er es nicht, findet lediglich Verdrängung statt, und die Krankheit explodiert in unerwarteten Momenten mit neuen Symptomen.

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Schon vor Wochen hat Wolf mir die Kriegsgeschichte seines Papas geschickt, anlässlich des Berichtes eines Ueberlebenden der Rheinwiesenlager(Wer die Rheinwiesenlager noch nicht kennt: Lerne sie kennen. Für jeden Westler ein Muss. Klingt doch schön, Rhein und Wiese und Lager, wa? Vermutlich Pfadfinder oder so?)

Aktuell erzählt Wolf von den mörderischen Auseinandersetzungen seiner Eltern.

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Lieber Leser, besteht ein Zusammenhang? Wäre Wolfs Papa nicht durch den Fleischwolf von Front und Lebensgefahr in mörderischer Gefangenschaft gedreht worden, wäre er ein liebender Gatte und guter Vater geworden?

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Lieber Wolf, ich danke Dir für Deine Offenheit. Möge Dir Deine offene Rede Erleichterung bringen. Mögen Leser aus dem Erzählten nützliche Schlussfolgerungen ziehen.

Thom Ram, 21.10.06

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Lieber Thom,

der folgende Text ist eine Zusammenfassung der Schilderungen meines Vaters über seine Kriegsjahre und seine sehr unterschiedlichen Erfahrungen während seiner Kriegsgefangenschaft. Ich habe die mir verbliebenen Unterlagen und Notizen nochmals überprüft, um mein Gedächtnis aufzufrischen. Der Text dient als Ergänzung zu meiner vorigen Mail (Y.M.C.A.-Kalender 1947 für deutsche Kriegsgefangene). Vielleicht kannst Du ja etwas damit anfangen.

Ich dachte, der Abschnitt über die „Rheinwiesenlager“ könnte Dich interessieren.

Alles Gute,

Wolf

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Im August 1941 brach mein Vater im Alter von 17 Jahren seine Lehrlingsausbildung ab und meldete sich als Freiwilliger zur Luftwaffe. Dies tat er, um seiner Einberufung als Wehrpflichtiger zuvorzukommen. Denn wer den Tag seiner Einberufung abwartete, landete in der Regel bei den Landstreitkräften an der Ostfront.

Nach einer militärischen und technischen Ausbildung arbeitete er als Flugzeugspengler bei einer Ausbildungseinheit für Jagdflieger im französischen Baskenland (Biarritz/Bayonne). Der Kontakt zur dortigen Bevölkerung verlief freundlich. In ihrer Freizeit bewegten sich die deutschen Soldaten unbewaffnet unter den Franzosen. Lebensmittel, die man in Deutschland nur über Bezugsscheine erhielt, waren dort frei verkäuflich. Zu Weihnachten brachte mein Vater seiner Mutter Nylonstrümpfe aus Paris mit.

(Anmerkung Thom Ram. Das Beispiel belegt, wie Deutsche in den eroberten Gebieten stahlen, zerstörten, brandschatzten, folterten, vergewaltigten und mordeten so, wie ich es im Geschichsunterricht gelernt hatte und wie es in TV und Film Täglich zelebriert wird. Es belegt des Weiteren, wie gefürchtet und verhasst die Deutschen Besatzer der einheimischen Bevölkerung war. Zynik aus.)

Im Spätsommer/Herbst 1944 (nach der alliierten Invasion) wurde die Fliegerausbildungseinheit meines Vaters nach Polen verlegt. Als die Lage dort stets brenzliger wurde, meldete er sich als Freiwilliger zu den Fallschirmjägern (der einzigen Erdkampftruppe der Luftwaffe). Er bekam einen Marschbefehl und mußte sich in Berlin bei einer Fallschirmjägerkaserne melden. Seine Zugreise von Polen nach Berlin dauerte aufgrund von Luftangriffen, Partisanenüberfällen und Sabotageakten mehrere Wochen.

Als mein Vater schließlich in Berlin eintraf, war die Fallschirmjägereinheit, bei der er sich zu melden hatte, bereits aufgelöst worden. Er mußte sich unverzüglich bei der nächstgelegenen Einberufungsstelle melden und wurde im Dezember 1944 einer Panzerabwehreinheit (PAK) zugeteilt.

Nach einer zweiwöchigen Ausbildung schickte man ihn an die Westfront. Die kommenden zwei Monate glichen einem Versteckspiel. Die Amerikaner überwachten den gesamten Frontabschnitt aus der Luft. Truppenbewegungen waren nur in der Dunkelheit möglich. Tagsüber schliefen die Soldaten abwechselnd.

Ende Februar 1945 begann die Offensive der Amerikaner. Mein Vater und seine Kameraden gerieten in einem Dorf nahe der niederländischen Grenze in amerikanische Gefangenschaft. Die darauf folgende Reise auf der Ladefläche eines LKWs ging Richtung Frankreich. Auf der Gegenfahrbahn scheinbar endlose Kolonnen mit amerikanischen Militärfahrzeugen vorbei. Es wurde überall geplündert. Vor einem Bauernhof saßen amerikanische Soldaten vor einem großen Lagerfeuer, das sie mit Möbelstücken beheizten. An verschiedenen Kreuzungen hatten die Amerikaner massenweise Munition und Lebensmittel für ihre eigenen Truppen aufgetürmt.

(Annmerkung Thom Ram. Die Beschreibung belegt die Redlichkeit der amerikanischen Soldaten. Ehrenmänner. Zynik aus.)

Das Gefangenenlager bestand aus einem großen Feld mit einer Umzäunung und einigen Barracken, die den Wachmannschaften als Unterkunft dienten. Das Wachpersonal bestand aus Franzosen, die amerikanische Uniformen trugen.

Für meinen Vater begann dort die schlimmste Zeit seines Lebens. Die Gefangenen mußten ihre Decken und Zeltplanen abgeben und schliefen bei Kälte und Nässe zusammengekauert unter freiem Himmel.

Einige Gefangene hatten sich Erdlöcher als Lagerstätte gegraben. Wenn es regnete, stürzten manche dieser Löcher ein und begruben die Insassen darin lebendig.

Latrinen gab es nicht.

Anfangs war die Versorgung mit Nahrungsmitteln zwar dürftig, doch wer jung und stark war, kam damit einigermaßen zurecht. Die älteren Soldaten hatten es schwer. Viele von ihnen erkrankten. Mein Vater war den Hunger bereits gewöhnt. An der Front hatte es auch öfters tagelang nichts zu Essen gegeben. Zum Geburtstag des Führers (am 20. April 1945) spendierte man den Gefangenen einen kleinen Umtrunk. (Verhöhnung?)

Nach der Kapitulation änderte sich die Lage der Gefangenen schlagartig. Die Essensrationen wurden drastisch gekürzt. (Anmerkung Thom Ram: Pro 100 Gefangene gab es täglich 1Kilo Brot und einen Kanister Wasser. Dies nun ist keine Ironie. Dies war die Tatsache.)

Eines Tages trafen mehrere LKWs mit Brot und anderen Lebensmitteln im Lager ein. Die Gefangenen mußten eine Grube ausheben und die Lebensmittel dort verscharren. Wer es wagte, sich der zugeschütteten Lebensmittelgrube zu nähern, wurde niedergeschossen. Auf Zivilisten, die Essenswaren über den Zaun warfen, wurde ebenfalls geschossen. Manche der Bewacher waren richtige Sadisten. Bei der Essensausgabe gab es regelmäßig Hiebe und Beschimpfungen. Wasser wurde nur zwischen 2.00 Uhr und 3.00 Uhr nachts ausgegeben. Manche Gefangenen tranken vor Durst Wasser aus Pfützen und erkrankten. Schon eine einfache Erkältung konnte einem zum Verhängnis werden.

Im Sommer 1945 wurden die verbliebenen Gefangenen in ein anderes Lager verlegt. Den Weg dorthin mußten sie teilweise zu Fuß zurücklegen. Das Wetter war heiß und es gab nichts zu trinken. Wer nicht mehr laufen konnte oder wollte, wurde am Straßenrand erschossen. Als die Gruppe an einem kleinen Bach vorbeikam, wollte mein Vater sich darauf stürzen. Er wurde von einem Wachmann zurück in die Reihe geknüppelt. Im nachhinein betrachtete er dies als einen Glücksfall, denn der „Bach“ war ein offener Abwasserkanal.

Das Lager, in dem sie torkelnd ankamen, war ein Durchgangslager. Die Gefangenen wurden dort gemustert und eingeteilt. Es ging das Gerücht um, daß alle Angehörigen der Luftwaffe nach Amerika verschifft werden sollten. Mein Vater erschrak. Wenn man ihn nach Amerika brächte, dann würde er seine Heimat wohl nie mehr wieder sehen. Er riß die wichtigste Seite seines Soldbuchs heraus und versteckte sie unter der Einlegesohle seines Stiefels. Das Soldbuch warf er weg. Nun konnte man ihn nicht mehr als Luftwaffensoldat identifizieren, denn seit Dezember 1945 trug er eine Heeresuniform. Er wurde nach England verschifft.

Vor der Abreise wurden die Gefangenen mit DDT-Puder entlaust und anschließend neu eingekleidet. Ihre alten Klamotten wurden verbrannt. In England schliefen die Gefangenen fortan in Baracken. Ihre Aufgabe bestand nun darin, teils nagelneue Militärfahrzeuge und Geschütze, die die Amerikaner nicht mehr brauchten, zu verschrotten.

Das Essen im Lager war gut. Allerdings herrschte dort wenig Disziplin. Die Amerikaner waren unberechenbar. Die Gefangenen wurden teilweise wie Freiwild behandelt. Am anständigsten verhielten sich die schwarzen Amerikaner. Eines Tages kam es zu einen merkwürdigen Protest: Ein schwarzer Soldat hatte den Rücken seiner Uniformjacke mit den Buchstaben „POW“ (Prisoner of War) – dem Erkennungszeichen der deutschen Kriegsgefangenen – bepinselt und lief damit laut schreiend durch das Lager. Er wurde schließlich von seinen weißen „Kameraden“ überwältigt und abgeführt. In den vierziger Jahren herrschte bei den US-Streitkräften noch Rassentrennung.

Als das Lager von den Amerikanern Anfang 1946 aufgelöst wurde, dachte mein Vater, es ginge nun endlich wieder nach Hause. Die Gefangenen mußten auf LKWs aufsitzen und wurden in einer Kolonne durchs Land kutschiert. Niemand von ihnen wußte, wo die Reise hinging. Am Abend kamen sie schließlich in einem Lager der Engländer an. Mein Vater hatte sich zu früh gefreut. Er mußte noch zwei volle Jahre in englischer Gefangenschaft verbringen. Bei den Engländern war die Verpflegung weniger schmackhaft. Die typische Lagermahlzeit bestand aus Haferbrei mit Rosinen (Porridge) und Tee. Doch man wurde satt.

Die dortigen Kriegsgefangenen waren auch schlechter gekleidet. Manche trugen noch ihre Wehrmachtsuniform. Andere trugen Altkleider aus der Kleidersammlung. Doch das Wichtigste war: sie wurden korrekt behandelt. Bei den Engländern herrschte Disziplin, vergleichbar mit dem Dienst in einer Kaserne. Der Alltag wurde hierdurch berechenbar. Im letzten Jahr seiner Gefangenschaft (1947/48) bekam mein Vater sogar einen kleinen Sold („Lagergeld“) ausgezahlt. Für Arbeitseinsätze außerhalb des Lagers gab es zusätzlich „Außengeld“. An bestimmten Wochenenden durften die Gefangenen das Lager für einige Stunden für einen Kinobesuch oder ähnliches verlassen. Mein Vater, der nie ein begeisterter Kirchgänger war, meldete sich, wann immer sich die Gelegenheit bot, zum Besuch des Gottesdienstes an, denn die Kirche lag außerhalb des Lagers.

Die deutschen Kriegsgefangenen waren eindeutig als „Sträflinge“ erkennbar. Aus dem Rückenstück ihrer Kleidung hatte man ein großes Loch herausgeschnitten, das anschließend mit einem kreisrunden Stück Stoff in anderer Farbe wieder zugenäht worden war. Doch wenn ein Kriegsgefangener an einer Bushaltestelle in der Warteschlange stand, dann machte kein Engländer ihm seinen Platz streitig. Vordrängeln gab es auch gegenüber Deutschen nicht. Zum Ersten Weihnachtstag 1947 wurde mein Vater von der Familie des Bauern, bei dem er während der Woche arbeitete, zum Essen eingeladen. Es war eine Art Abschiedsessen. Ende Januar 1948 wurde er aus dem Lager 61 in der Nähe des Städtchens Coleford (Gloucestershire) entlassen. Von seinem Entlassungsgeld kaufte er Kaffee, Schokolade, und Zigaretten – Dinge, die sich damals in Deutschland auf dem Schwarzmarkt leicht eintauschen ließen.

Wolf

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5 Kommentare

  1. Darf ich einen Satz dazufügen?

    Zu Hause angekommen wurde Wolfs Vater nahtlos in das Sklavensystem für das „Bruttosozialprodukt“ eingegliedert,
    ohne ihm Dank, Ehre, Therapie zuteil werden zu lassen.

    Gefällt mir

  2. Wolf sagt:

    Man kann ein Kind aus einem Kriegsgebiet herausholen.
    Doch wie holt man den Krieg wieder aus dem Kind heraus?

    Heute bekam ich eine frohe Botschaft von meinem Vater. Danke, Vater! Danke, danke, lieber Kunterbunt!
    Tausend Dank an alle, die dies ermöglicht haben!

    Gefällt 1 Person

  3. Kunterbunt sagt:

    Interessantes aus dem vorangegangenen Bericht zum Thema
    https://bumibahagia.com/2018/08/03/rheinwiesenlager-zeugenbericht/#comments

    „Was mir manchmal zu denken gibt, ist, daß ich nach meiner Nahtoderfahrung aufgrund merkwürdiger Zufälle an einige Orte kam, von denen mein Vater mir erzählt hatte. Das waren vor allem die „guten“ Orte aus seiner Zeit…“ (Wolf)

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  4. Wolf sagt:

    Kunterbunt 04:50

    Das stimmt! Ich war wirklich baff. Mein Vater wollte mir diese Orte zeigen. Anders kann ich mir diesen merkwürdigen „Zufall“ gar nicht erklären. Vielleicht wollte mir seine exkarnierte Seele auch auf diese Weise mitteilen, daß sie in meiner Nähe ist. Denn schließlich hatte ich den Kontakt zum Jenseits gesucht. Ich wußte auch, daß ich für ihn und die anderen Seelen noch etwas zu erledigen hatte. Nur was ich genau tun mußte, das hatte er mir nicht gesagt. Das französische Baskenland ist wirklich wunderschön. Mein Vater trug immer eine Baskenmütze. Später, als ich zuhause seine alten Fotoalben durchblätterte, sah ich auf den Fotos genau die gleichen Orte, an denen ich gerade gewesen war!

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  5. Lieber Wolf,

    wie bist Du mutig!
    Ist Dir das überhaupt bewusst?

    Deine Sätze:
    Man kann ein Kind aus einem Kriegsgebiet herausholen.
    Doch wie holt man den Krieg wieder aus dem Kind heraus?

    Diese beiden Sätze sind gruselig. Sie kommen aus den tiefsten Tiefen Deiner Seele.
    Das ist es, was Du jetzt fähig bist. Solche Bewusstseins – S(ch)ätze ans Tageslicht zu holen.

    Du bist einer unter Mio. oder Mrd., die das schaffen, sich den eigenen Gespenstern zu stellen.
    Ich habe das noch nie erlebt. Immer ist es das Gegenteil. Es wird verdrängt, geflüchtet, andere
    werden beschuldigt, es wird Kopf gestanden, nur nicht hingesehen, nur nicht sich gestellt.
    Den Tatsachen. Den Ursachen. Der Herausforderung, der Liebe, dem Leben.

    Du bist großartig, Wolf.
    Und Thom ist väterlich.
    Und wir alle, die wir da mitgeschrieben haben, ohne zu wissen, wohin uns dieses Schreiben führt.
    Wir sind mittendrin und da ist Bewegung zum Licht.
    Das ist wunderschön.

    Dank an Euch alle, ich hab Euch lieb, Gigi 🙂

    Gefällt 1 Person

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