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Erzählungen und Bekenntnisse eines Freigeistigen / Kapitel 3 / Des Menschen Natur und was er daraus macht

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Zum ersten Teil von Kapitel 3 möchte ich mich nicht äussern. Jeder nehme, was ihm weiterhilft.

„Im Schosse der Mutter“ (Seite 92) gerate ich in Leserausch. Mehrschichtig verwoben, eine einfache Indianergeschichte im Zentrum, und am Schluss kluge Betrachtung durch den Autor.

Chapeau.

thom ram, 30.08.0004 (Für Eindimensionale 2016)

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Erzählungen und Bekenntnisse eines Freigeistigen / Kapitel 3 / 

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Woher kommt der Mensch und wie bestimmt das sein Verhalten.

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Das vorige Kapitel sollte vermitteln, in welcher sozialen und kulturellen Gemengelage ein Geist hervorgebracht werden kann, wie der Freigeistige ihn hier offenbart. Es wäre aber ein Irrtum anzunehmen, ER vertrete die Ansicht, wie sie unter Sozialwissenschaftlern weit verbreitet ist, nämlich, dass jeder Mensch bei seiner Geburt ein unbeschriebenes Blatt sei und dieser alles, was ihn später auszeichne, nur durch die auf ihn einwirkenden Prägungsvorgänge erwerbe. ER unterstellt dieser Denkrichtung zwar idealistische Motive und anerkennenswerte Ziele, aber sie bringt die Menschheit nicht weiter in ihrer Aufgabe, die Zukunft erfolgreich zu gestalten, denn sie lässt die Natur der Art Homo sapiens völlig außer Acht. Erst wenn die Menschen die Zusammenhänge zwischen angeborenen, artspezifischen und erlernten Eigenschaften richtig verstehen lernten und das Handeln im Kollektiv auf diese Zusammenhänge ausrichteten, wäre eine kontrollierte Zukunftsentwicklung möglich, soweit sie sich auf das vom Menschen Machbare oder Vermeidbare bezieht. Die Prägung eines Menschen durch seine Umwelt ist ohne Zweifel ein ausgesprochen wichtiger Vorgang, aber kein Mensch kann gegen die in seinen Genen festgelegten Eigenheiten geprägt werden. Dabei unterscheiden wir hier, um wiederum Missverständnissen vorzubeugen, zwischen den Eigenheiten, die das eine Individuum vom anderen unterscheiden, und den artspezifischen Eigenschaften des Menschen.

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Was die Zusammenhänge zwischen Prägung und individuellen Eigenheiten betrifft, lässt sich dazu Folgendes erklären: Setzen wir zwei Menschen von ihrer Geburt an absolut den gleichen Prägungseinflüssen aus, werden sie sich umso mehr zu unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln, je größer der Unterschied zwischen ihren, jeweils in ihnen genetisch festgelegten Eigenheiten ist. So ist es, auch wenn es politisch nicht korrekt sein sollte. Die artspezifischen Eigenschaften betreffend, ist eine andere Aussage zu treffen: Je mehr die Prägungsbemühungen im Widerspruch zu den artspezifischen Eigenschaften des Menschen stehen, umso geringer ist der Prägungserfolg. Die individuellen

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Eigenheiten werden bei der weiteren Betrachtung nicht im Vordergrund stehen, weil hier nicht die Fragen behandelt werden sollen, weswegen bei gleichen äußeren Voraussetzungen der eine Mensch sein Leben erfolgreicher gestalten kann als der andere, weswegen der eine zum Gewaltmenschen wird und der andere zum Edelmütigen oder weswegen der eine hetero- und der andere homosexuelle Neigung entwickelt. Darauf haben unterschiedliche Kulturen und unterschiedliche politische Systeme unterschiedliche Fragen und unterschiedliche Antworten. Auf die Zukunftsfähigkeit der Menschheit insgesamt haben diese Fragen und Antworten jedoch nur eine sehr untergeordnete Bedeutung. Eine diesbezüglich herausragende Bedeutung aber haben die Auswirkungen der artspezifischen Eigenschaften des Menschen. ER nimmt sich einiges heraus, die „Krone der Schöpfung“ einfach als eine Art zu bezeichnen, aber genau das ist sie, nicht mehr und nicht weniger als eine Art besonders entwickelter Säugetiere aus der Gattung der Primaten. Der Mensch stammt somit nicht vom Affen ab, er ist einer, mit einem für das Schicksal seiner Art verantwortlichen, außergewöhnlich großen Großhirn, welches seine intellektuellen Fähigkeiten hervorbringt. Deshalb wird Großhirn hier fortan als simples Synonym für intellektuelle und kognitive Fähigkeiten stehen.

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Die Krone der Schöpfung

Wäre die Ansicht im Grundansatz richtig, dass die Eigenschaften eines Menschen nur das Ergebnis von allem seinerseits Erlernten sind, müsste der Mensch ein unveränderliches Endergebnis der Evolution sein, eben diese „Krone der Schöpfung“, wie es hauptsächlich die drei aus derselben Quelle hervorgegangenen monotheistischen Religionen lehren: Der Mensch sei ein endgültiges Produkt der Schöpfung, wobei jedem Individuum seine persönlichen Eigenheiten zugebilligt werden, aber was er zu tun oder zu lassen habe, könne ihm beigebracht werden. Dieses Herausheben des Menschen aus der Gesamtheit aller Lebewesen ist allerdings Ausdruck einer reinen Ideologie, denn der Mensch war, wie auch die anderen Arten, in der Vergangenheit einer evolutionären Entwicklung unterworfen und wird es unter veränderten Bedingungen auch in der Zukunft sein, soweit er eine hat.

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Vor einigen Millionen Jahren lebten auf dem afrikanischen Kontinent Primaten, die sich vermutlich in ihren Biotopen, überwiegend Savannen, gelegentlich aufrichteten, um einen besseren Überblick zu gewinnen. Dieses gelegentliche Aufrichten ist im Tierreich ein weit verbreitetes Verhalten und ist insoweit noch kein Hinweis auf menschliches Verhalten. Ob bei der Entwicklung der frühen Vorfahren des Homo sapiens’ hin zum Aufrechtgehen ein Entwicklungssprung in Form einer Laune der Natur, also ein „Schöpfungsakt“, oder reine Selektion in darwinistischem Sinne im Spiel war, wird sich nie mit Sicherheit klären lassen. Soweit sicher ist nur, dass, wenn es eine Laune der Natur war, diese der Art bis in die Gegenwart nicht geschadet hat. Sehr wahrscheinlich aber sind die gesamten artspezifischen Eigenschaften des Menschen in einem natürlichen Selektionsprozess entstanden, bei dem die Eigenschaften, die für das Gedeihen der Art von Vorteil waren, sich über Vererbung durchgesetzt haben. Für eine solche evolutionäre Entwicklung bedarf es nach paläontologischen Erkenntnissen etwa einhunderttausend Jahre, bis aus einer Art eine neue, leicht abgewandelte entstehen kann.

Der frühe Vorfahr des Menschen hatte mehrere Millionen Jahre Zeit, sich so zu einem Primaten zu entwickeln, der irgendwann aufrecht ging, auch wenn seine Wirbelsäule bis in die Gegenwart dafür noch nicht optimiert ist. Die Vorteile des Aufrechtganges überwogen aber, weil dieser ihm zwei freie Hände, die nun für die Fortbewegung nicht mehr notwendig waren, für den Gebrauch von Werkzeugen zur Verfügung stellte. Der Gebrauch von Werkzeugen ist auch bei anderen Arten zu beobachten, aber der Mensch konnte diesen aufgrund seiner anatomischen Besonderheiten perfektionieren. Dieser Primat entwickelte sich zum Allesfresser, was ihn sehr anpassungsfähig machte, und die Evolution verlieh ihm entweder wiederum als Laune der Natur oder durch Selektion ein immer größeres Großhirn, welches die Anpassungsfähigkeit in der Frühzeit seiner Entwicklung zum Menschen noch erhöhte. Er konnte sich gegen jedes Lebewesen in seinem Lebensraum durchsetzen, aber am Ende wird dieses Großhirn dem Homo sapiens selbst zum Verhängnis werden. Es bewirkte bei ihm eine beschleunigte Entwicklung dahin, dass die angeborenen Fähigkeiten und Verhaltensweisen, wie sie bei allen anderen Arten im Vordergrund stehen, durch die erworbenen, also die erlernten, überlagert und dabei verstärkt oder andererseits

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verdeckt wurden. Kritischer noch ist, dass eine notwendige, kognitiv entwickelte Anpassung des Verhaltens an die erworbenen Fähigkeiten durch die latent vorhandenen, angeborenen Verhaltensweisen konterkariert wird.

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Auf den ersten Blick möchte man folgern, dass die Fähigkeit, Verhaltensweisen zu entwickeln und zu erlernen, den Homo sapiens zu der ultimativ erfolgreichsten Art des Planeten machen müsste, die allen Fährnissen der Natur zu widerstehen in der Lage ist. Erfolgreiche Arten haben für Hunderte von Millionen Jahren bestimmte Bereiche des Planeten bevölkert, zum Teil bis in die Gegenwart hinein. Ob der moderne Mensch am Ende jedoch nur wenigstens eine Million Jahre präsent gewesen sein wird, ist die Frage, die sich der Freigeistige hier stellt, wenn er die den eigenen Lebensraum verbrauchende Wirkungsweise seiner Artgenossen betrachtet, die in diesem Augenblick gerade die Anzahl von sieben Milliarden überschritten haben.

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Das Grosshirn

Voraussetzung für nachhaltig erfolgreiches Handeln im Sinne der Erhaltung der Art wäre unter den Gegebenheiten, denen der moderne Mensch ausgesetzt ist, die Fähigkeit zu unbedingter Vernunft. Eine Fähigkeit zu vernünftigem Handeln ist aber grundsätzlich stark beeinträchtigt durch die nach wie vor wirkenden angeborenen Verhaltensweisen des Menschen. Die durch das Großhirn in einem kurzen Zeitraum vorangetriebene äußere Entwicklung zu Errungenschaften, die wir unter Zivilisation zusammenfassen, lief der genetischen Weiterentwicklung des Menschen rasant davon. Eine evolutionäre Anpassung an neue äußere Gegebenheiten hätte etwa einhunderttausend Jahre in Anspruch genommen, während die zivilisatorische Entwicklung in einem Zeitraum von weit weniger als zehntausend Jahren förmlich explodierte. Der Mensch hatte demnach von einer bestimmten Entwicklungsstufe an nicht mehr die Möglichkeit, sich genetisch zu einer Art weiterzuentwickeln, die in der Lage wäre, mit ihren artspezifischen Eigenschaften die vom Großhirn ausgehenden zivilisatorischen Errungenschaften, die wie eine äußere, schnell voranschreitende Umweltveränderung wirken, vernünftig zu handhaben. Zwar ist das die rasanten Veränderungen bewirkende Großhirn gelegentlich auch fähig, Vernunft zu entwickeln, aber die theoretisch angelegte Vernunft kann nicht durchschlagend zur

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Wirkung kommen, wenn angeborene, zum Teil triebgesteuerte Verhaltensweisen dagegen stehen. Nur jeweils mit dem Lebensumfeld in Einklang stehende, artspezifische Eigenschaften führen zuverlässig und kontinuierlich zu vernünftigem Verhalten einer Population, den Bestand und den Lebensraum nachhaltig zu sichern, solange ihr der Lebensraum nicht durch äußere Einflüsse verloren geht. Dazu bedarf eine Art aber keines Großhirns, wie es sich beim Menschen entwickelt hat. Zudem produziert das Großhirn des Menschen neben Einfällen, die zur beschleunigten physikalischen Veränderung seiner Umwelt führen, auch Bilder, Vorstellungen und Handlungsmuster, die von ihm subjektiv als Wahrheiten angesehen werden, die aber an der Wirklichkeit nicht festzumachen sind. Diese Eigenschaft des menschlichen Großhirns, Ideologien zu entwickeln, macht zusätzlich ein kollektives vernünftiges Handeln unmöglich.

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Wir fassen zusammen:

Der Homo sapiens, wie er seit einigen hunderttausend Jahren existiert, ist eine Art, die sich durch ihre spezifischen Eigenschaften alle erdenklichen Ressourcen seines Lebensraumes zunutze machen kann. Seine besondere Anatomie erlaubt es ihm, Werkzeuge effektiv zu nutzen, und sein Großhirn befähigt ihn, Werkzeug für den jeweiligen Zweck zu optimieren. Eine artspezifische Eigenschaft, nach der er offensichtlich nicht vor Feuer zurückweicht wie alle anderen höher entwickelten Arten, sondern es ihn eher anzieht, erlaubte ihm, das Feuer als besonders wirksames Mittel zur Lebenssicherung einzusetzen. Als Allesfresser ernährte er sich von allem Essbaren, das sein jeweiliger Lebensraum ihm bot. Die Nutzung des Feuers erlaubte ihm, viele Ressourcen zusätzlich als Nahrungsmittel verwertbar zu machen, klimatisch ungünstige Regionen als Lebensraum nutzbar zu machen und immer wirkungsvollere Werkzeuge herzustellen. Die Eigenschaften seines Großhirns hatten zur Folge, dass er sich neben der real existierenden, begreifbaren Welt eine Gedankenwelt aufbauen konnte, die von einem zum anderen transportierbar war, wofür es in der Tierwelt keine Parallele gibt.

Einige hunderttausend Jahre bis vor etwa zehntausend Jahren lebte er in kleinen Gruppen oder einzelnen Familien innerhalb von Lebensräumen, die in ihrer Ausdehnung nur durch seine Mobilität

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begrenzt waren und die durch große Zwischenräume voneinander getrennt lagen. Damit kommen wir auf einen Aspekt, der das Dilemma der Menschheitsentwicklung herausragend kennzeichnet. Der Mensch ist von seinem Stamm der Primaten her ein Gruppentier, das, wie es bei den Primaten zu beobachten ist, in kleinen Horden organisiert lebt. Das Zusammenleben in diesen kleinen Gruppen funktionierte über Jahrhunderttausende, und es gab keine evolutionären Anpassungszwänge in die Richtung, dass er innerhalb eines kurzen Zeitraumes zum Leben in großen Populationen gezwungen sein würde, in denen sich die einzelnen Individuen nicht mehr gegenseitig persönlich kennen. Schon früh entwickelten sich nebeneinander zwei unterschiedliche Verhaltensweisen bezüglich der Lebensraumnutzung. Es gab Gruppen, die ständig oder von Zeit zu Zeit ihren Standort wechselten und somit keinen festen Lebensmittelpunkt hatten. Andere wiederum zogen es vor, an einem Ort zu bleiben, wenn er ihnen gute Lebensvoraussetzungen bot. Somit ist anzunehmen, dass sich die Verhaltensweisen wie Wandertriebhaftigkeit und Sesshaftigkeit nebeneinander als artspezifische Eigenschaften des Menschen entwickelt haben. Diese Annahme macht unter evolutionärer Betrachtung auch Sinn, weil kleine sesshafte Gruppen über weite Entfernungen verstreut durch Inzucht in ihrer Entwicklung gefährdet gewesen wären. Die wandernden Gruppen sorgten so bei zufälligem Aufeinandertreffen für eine Auffrischung der Genome. Das setzt voraus, dass einander fremde Menschengruppen sich in der Vorzeit nicht gegenseitig umgebracht haben. Diese Feststellung ist der weit verbreiteten Ansicht geschuldet, dass das gegenseitige Bekämpfen ein dem Menschen innewohnender Normalzustand sei, der nur durch die dem Großhirn entspringende Vernunft zeitweise zu unterbrechen ist. Sie werden sich mit der notwendigen Zurückhaltung vor dem Fremden begegnet sein, wie dies bis heute eine angeborene Verhaltensweise ist. Sie werden sich im Zweifelsfalle auch ausgewichen sein, weil der zur Verfügung stehende Raum groß genug war. Aber der natürliche Trieb, ihre Gene an geeignete, neue Empfänger weiterzugeben, wird sich in der Regel durchgesetzt haben. Die Lebens- und Fortpflanzungsbedingungen in der freien Natur waren so ausgewogen, dass eine kleine Population sich kaum vergrößerte. Damit hätten Mord und Totschlag zum Untergang solcher Gruppen geführt, die dieses Verhalten an den Tag

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gelegt hätten. Das wiederum legt nahe, dass der Mensch, solange er in kleinen Verbänden lebte, gruppenübergreifend friedfertiges Verhalten pflegte, wie es unter Primaten gemeinhin zu beobachten ist.

Die über lange Entwicklungszeiträume einhergehende Vermischung beider Verhaltensweisen führte zu dem Ergebnis, dass diese heute nebeneinander als potentielle individuelle Eigenschaften im menschlichen Genom angelegt sind. Innerhalb einer geschlossenen Population gibt es deshalb bis heute, je nachdem welche Anlagen überwiegen, Menschen, die bodenständig Heimatliebe beweisen, und andere, die ohne besondere, überlebenswichtige Gründe den Drang haben, von Ort zu Ort zu ziehen. Welche Gründe der nach neuen Ufern Suchende für sein Ansinnen auch immer nennt, sie würden dem Bodenständigen nur unter ganz wenigen, bestimmten Umständen genügen, seine gewohnte Umgebung zu verlassen. Schon sehr frühe nachgewiesene Migrationsvorgänge können kaum einer Not gehorchend entstanden sein, weil eine frühe Gesellschaft, die um ihr nacktes Überleben kämpfte, nicht die Kräfte frei gehabt hätte, die für die Durchführung einer Mission notwendig gewesen wären. Alles deutet darauf hin, dass ein am Zeitalter gemessen relativ hoher Wohlstand die Voraussetzung für eine Durchführung solcher Unternehmungen war. Der technische und materielle Aufwand zur Herstellung von seetüchtigen Booten oder Flößen, mit welchen z.B. vorzeitliche Seefahrer die pazifische Inselwelt erkundet und bevölkert haben, war für den damaligen Entwicklungsstand ausgesprochen hoch. Eine von der Hand in den Mund lebende Gesellschaft hätte solche Leistungen nicht erbringen können. Gezielte, frühzeitliche wirtschaftliche Interessen können ebenfalls nicht der Beweggrund für die Anstrengungen gewesen sein, weil die Reisen am Anfang immer ins Ungewisse gingen. Auch wenn neuzeitliche Migrationsvorgänge mit wirtschaftlichen Interessen in Verbindung gebracht werden können, steht fest, dass Menschen unter absolut gleichen äußeren Umständen und Voraussetzungen individuell sesshaft oder wanderfreudig sein können. Das lässt im Zusammenhang darauf schließen, dass sich hier der Wandertrieb der frühzeitlichen Menschengruppe in einem neuzeitlichen Pioniergeist und Abenteurertum konserviert hat, was in der Gegenwart in „Bemannter Weltraumfahrt“ gipfelt. Weltraumfahrt hatten wir schon im ersten

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Kapitel angesprochen und stellen fest, dass sie, abgesehen vom unverhältnismäßigen Ressourcenverbrauch, außer den Weltraumfahrern selbst, anderen nicht gravierend schaden wird. Dass Marsmännchen oder 500°C heiße Venusnixen um ihren artgerechten Lebensraum gebracht werden, ist nicht zu erwarten. Auf Erden aber haben neuzeitlicher Pioniergeist und Abenteuerlust verheerende Folgen für Flora und Fauna mit sich gebracht. Noch einmal wohlgemerkt: Der archaische Wandertrieb war für die frühe Entwicklung der Menschheit nützlich und für den Lebensraum Erde nicht schädlich; erst in Verbindung mit der zivilisatorischen Entwicklung, die man dem menschlichen Großhirn zuschreiben muss, ist er zu einem kaum lösbaren Problem geworden.
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Der „Sündenfall“, die Zivilisation

Wie schon festgestellt, ist das genetisch festgelegte, soziale Verhalten des Menschen auf ein Leben in einer kleinen Gruppe ausgerichtet. Der Mensch als Einzelgänger hatte kaum Überlebenschancen. Andererseits zeigen die anthropologischen Erkenntnisse, dass es über Jahrhunderttausende nicht zu größeren Verbänden gekommen ist, schon gar nicht in Größenordnungen, die einer Staatenbildung nahe gekommen wären. In der kleinen Gruppe war jeder mit jedem bekannt und es gab einen Gruppenzusammenhalt, der gegenseitige Fürsorge einschloss. Dieses Verhalten, das einer frühzeitlichen Gruppe die notwendige Sicherheit für ein Bestehen in der natürlichen Umwelt bot, war Garant für die Überlebensfähigkeit der Art und ist bis in die heutige Zeit im Menschen angelegt. Das Identifizieren mit der Gruppe war ein einfacher Prozess. Jedes Wesen, das aufrecht ging, die vertraute Gestik und die gemeinsam verstandenen anderen Kommunikationsmittel beherrschte, war Gruppenmitglied. Solange der Mensch in solch kleinen Verbänden zusammengeschlossen war, bedurfte es keiner evolutionären Herausbildung neuer Identifikationskriterien, denn es ergab sich jeweils nur diese Gruppe; und die Gruppenbildung erfolgte unwillkürlich artbedingt und diente keinem ideologisch bestimmten Zweck. Das änderte sich nach dem Ende der letzten größeren Eiszeit vor etwa zehntausend Jahren, als sich an einigen Kristallisationspunkten im mediterranen Bereich und in Ostasien ausgesprochen vorteilhafte Lebensbedingungen besonders für sesshafte Gruppen entwickelten. Die günstigen klimatischen

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Verhältnisse und ein außerordentlich reichliches Nahrungsangebot führten zu einer erhöhten Fertilität, mit der Folge, dass sich die Gruppen vergrößerten und an verschiedenen Stellen zusammenwuchsen. Die vereinfachte Lebenserhaltung stellte mehr Zeit zur Verfügung, die zur Weiterentwicklung von Werkzeugen und für die Entwicklung von neuen Techniken genutzt werden konnte. Ein Quantensprung war das Domestizieren von Tieren und das Erzeugen von Nahrung durch Anpflanzungen. Damit war die Büchse der Pandora geöffnet. Bezogen auf die Verhältnisse der Frühzeit und auf den gesamten Entwicklungszeitraum explodierte an diesen Kristallisationspunkten innerhalb relativ kurzer Zeit der Bestand. Das simple Gruppenverhalten des Kleingruppenmenschen konnte sich evolutionär nicht anpassen und war von dieser Zeit an, immer häufiger fehlgeleitet, nur noch wenig nützlich. Die gleiche Sprache, die gleichen braunen Hemden, die gleichen Parolen, und schon hatten wir eine Zivilisationsgruppe, die zu allem Anderen gut war, als die Erhaltung der Art zu sichern. Diese Kombination steht als Beispiel für unzählige andere Zivilisationsgruppen mit bis zu Millionen von Individuen, die sich identifizieren und solidarisieren, nur nicht mehr zu dem von der Evolution vorgesehenen Zweck. Jedenfalls gab und gibt es keine andere Art auf diesem Planeten, die sich unter ungezügeltem Verbrauch von Ressourcen aller Art in dieser Vielzahl gegenseitig umgebracht hat, bzw. sich weiterhin umbringt. Nicht einmal innerhalb einer Zivilisationsgruppe funktionierte das Urverhalten, weil es angelegt war auf einen Kreis, der sich wirklich nahe stand, innerhalb dessen sich die Menschen durch persönliche Bekanntschaft verbunden waren. Wenn dann Mitglieder verschiedener Zivilisationsgruppen durch Großhirnausflüsse ideologisiert aufeinandertreffen, erfahren Mitglieder der jeweils anderen Gruppe, solange sie den Mitgliedern der einen nicht persönlich bekannt sind, nicht mehr Achtung als eine lästige Fliege, die es unter Umständen auch gilt, einfach tot zu schlagen. Das geringste Übel fehlgeleiteten Gruppenverhaltens ist dann gegeben, wenn sich Hunderte oder Tausende mit gleichfarbigen Schals und gleichen Parolen in einem Fußballstadion zum Affen machen. Ein wenig übler kann es sein, wenn zwei solcher Zivilisationsgruppen, selbstverständlich mit unterschiedlichen Schals und unterschiedlichen Parolen, im gleichen Fußballstadion sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Zur

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Katastrophe wird es regelmäßig, wenn zwei Zivilisationsgruppen in unterschiedlichen Uniformen mit unterschiedlichen Parolen aufeinander getrieben werden.

Ursache des Dilemmas waren, wie schon gesagt, die Fähigkeiten des Großhirns. Der geringer werdende Aufwand für die reine Lebenserhaltung setzte Zeit frei, während der sich Menschen immer mehr neue Dinge ausdenken konnten, solche im sachlichen Bereich, aber insbesondere in Bereichen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemeinsam hatten. Im sachlichen Bereich hat die Entwicklung ultimativen Charakter erreicht. Die Menschheit hat Werkzeuge in der Hand, mit denen sie sich selbst und alles andere auf diesem Planeten unmittelbar mehrfach vernichten kann, wobei einmal vernichten ja vollkommen ausreichend wäre. Wäre der Mensch allgemein zur Vernunft fähig, hätte er diese Werkzeuge nicht hergestellt. Im ideologischen Bereich sind der Turmbau zu Babel als Symbol und ganz real der Bau der Pyramiden im frühen Ägypten Stein gewordene Zeugnisse der Luftschlösser, an denen Menschen seither ungehemmt bauen. Je abstruser und wirklichkeitsfremder die Ideen und Ideologien einer Zivilisationsgruppe sind, die diese vereinen, umso fester und fanatischer ist deren Zusammenhalt, und umso größer ist jeweils das Unheil, das immer wieder daraus hervorgeht. Schon an dieser Stelle möchte es mit aller Macht aus dem Freigeistigen heraus, zu erklären, welche Ideologien zu welchen Unheilen geführt haben, aber ER muss sich zurückhalten, weil die Themen so heikel sind, weil sich neuzeitliche Ideologien etabliert haben und ein Zeitgeist diese Themen mit einem Tabu belegt hat. ER wird später, wenn einiges mehr dargelegt ist, vorsichtig darauf zurückkommen. Außerdem ist eine große Mehrheit überzeugt, es sei doch alles gut, so wie es ist, und es werde schon alles gut gehen. Deshalb sei zuerst einmal am Urverhalten des Menschen erklärt, weswegen heute die Mehrheit auf diesem gefährlichen Wege ist.

Der frühe Mensch, der in der Gemeinschaft seiner Gruppe sein Leben fristete, war nicht gefordert, eine Strategie für das Überleben derselben zu entwickeln. Sein Leben, eingebunden in die Natur, erforderte nur ein unmittelbares Streben zur Gewinnung aller Güter, die für die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse notwendig

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waren. Wenn es dann bei der Gewinnung der Güter zu Problemen gekommen war, wäre es für das Überleben der Gruppe nicht dienlich gewesen, wenn die Erfahrung des Problems die Handlungsfähigkeit gelähmt hätte. Wir nehmen z.B. an, beim Verzehr von Früchten wären solche dabei gewesen, die den Menschen nicht gut bekommen sind. Wenn sie es nicht überlebt hätten, wäre das einem Ausleseprozess geschuldet gewesen, der dazu hätte führen müssen, dass am Ende nur solche überlebten, die grundsätzlich Früchte dieser Art nicht verzehrten. Das wäre aber ein sehr hypothetischer Fall, weil es nur sehr wenige hochtoxische Früchte gibt. Normalerweise werden sie das Mahl überlebt und die mehr oder minder schwere Unpässlichkeit oder Krankheit mit der Nahrungsaufnahme in Verbindung gebracht haben. Sie konnten nun zwar kognitiv anstreben, bestimmte Früchte vom Speiseplan auszuschließen, aber sie durften keine Hemmung haben, weiterhin nach Nahrung zu suchen und solche auch zu verzehren, denn Mangelernährung hätte ihren Fortbestand gefährdet. Wenn sie das Feuer als überlebenswichtiges Mittel nutzten und daran zu Schaden gekommen waren oder ihnen das Feuer einmal außer Kontrolle geraten war, durften sie keine Scheu haben, es weiterhin zu nutzen. Oder wenn einer beim Wasserschöpfen in den reißenden Bach abrutschte und auf nimmer Wiedersehen verschwand, durften sie den Bach nicht so fürchten, dass sie am Ende verdursteten. Die Problemverdrängung bzw. das baldige Vergessen der Problemerfahrung war also überlebenswichtig und ist als eine angeborene artspezifische Eigenschaft zu betrachten. Was ursprünglich eine nützliche Anlage war, ist nun allerdings im Zusammenhang mit einem Atomkraftwerk problematisch und führt im Zusammenhang mit unbegrenztem Ressourcenverbrauch in die Katastrophe.

Bei der Suche nach Gütern, die sie zum Leben benötigten, war den Menschen praktisch keine Grenze gesetzt. Begrenzt war ihr Lebensraum allenfalls durch ihre Reichweite, innerhalb derer sie im Falle der Sesshaftigkeit in angemessener Zeit zu ihrem Lager oder ihrer Höhle zurückfinden konnten. Sie entnahmen der Natur jeweils die Güter, die erreichbar waren, in der Menge, die sie zufriedenstellte, und mussten sich nur dann einschränken, wenn ein Mangel auftrat. Ein anhaltender Mangel hätte immer zum Niedergang geführt, wie es

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von Fall zu Fall sicherlich auch eingetreten ist. Im Allgemeinen aber muss überall, wo sich Menschenverbände erfolgreich entwickelt haben, alles Lebensnotwendige in mehr als ausreichender Menge vorhanden gewesen sein. Ein langfristiges Haushalten mit Ressourcen ist dem Menschen so wenig angeboren wie allen anderen Arten. Er wird sich zwar instinktiv oder auch kognitiv im Zusammenhang mit den Jahreszeiten oder anderen Naturgegebenheiten seine Güter, soweit es nach dem Stand seiner Technik möglich war, eingeteilt haben, aber eine Reaktion darauf, dass sich der Lebensraum erschöpfen könnte, ist in der angeborenen Verhaltensweise des Menschen nicht angelegt. Auch das Großhirn entwickelte solche Vorstellungen nicht, weil wegen der offensichtlichen Unerschöpflichkeit Impulse dazu nicht gegeben waren. Dass sich der Mensch so verhält, führt die Geschichte der Maori vor Augen. Sie hatten nach ihrer Einwanderung vor etwa achthundert Jahren in das zuvor von Menschen unberührte Neuseeland einen seiner Ausdehnung nach relativ kleinen Lebensraum zur Verfügung, der aber sehr gute Lebensbedingungen bot. Sie organisierten sich in unterschiedlichen Stämmen, die in kurzer Zeit so stark anwuchsen, dass sie frühzivilisatorische Merkmale annahmen und als Folge des hohen Bevölkerungszuwachses um den begrenzten Lebensraum konkurrierten, was dann auch zu Kämpfen führte, wie sie in der Geschichte der Zivilisation allgegenwärtig sind. Während weniger als zweihundert Jahren rotteten sie den damals auf Neuseeland heimischen großen, in neun Unterarten vorgekommenen Laufvogel, den Moa, vollständig aus. Knochenfunde weisen nach, dass er die Insel in großer Anzahl bevölkert hatte. Weil er leicht zu erbeuten war, wurde er als Fleischlieferant in weniger als zwei Jahrhunderten im wahrsten Sinne des Wortes bis zum letzten Exemplar aufgefressen. Es wurde bedenkenlos verbraucht, was vorhanden war, obwohl es zum Überleben der Maori nicht zwingend notwendig war, denn sie haben die Ausrottung des Vogels überdauert. Weder der Naturmensch noch der frühe Kulturmensch konnte sich in Bezug auf den Ressourcenverbrauch im Rahmen der Evolution an die Situation anpassen, in der sich die Menschheit heute befindet. Was allerdings auch immer der Naturmensch oder der frühe Kulturmensch unter Aufwendung seiner Körperkraft und unter Einsatz seiner Werkzeuge bewerkstelligen konnte, gefährdete abgesehen von einzelnen ausgerotteten Arten niemals irreparabel seinen Lebensraum,

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weil die Natur Lücken, die er schlug, nachhaltig wieder schloss. Dieses änderte sich viel zu kurzfristig in den Anfängen der Zivilisation.

Wie schon festgestellt, verdrängt oder verkennt eine breite Mehrheit der Menschheit die Situation, in der sie heute lebt. Nur eine kleine Minderheit intelligenter oder kluger Menschen erkennt durchaus diese Situation und formuliert ihre Bedenken. In der Bewertung der Aussichten sind aber die meisten noch vom Wunschdenken geleitet, oder sie ziehen falsche Schlüsse. Wenn man dieses oder jenes anders machte, könnten doppelt so viele Menschen auf diesem Planeten leben, und unter Einsatz von Terra Preta könnten es problemlos dreißig Milliarden sein, propagieren sie. Das beantwortet nur leider nicht die Frage, was geschieht, wenn sich bei konstanter Fertilität dann diese dreißig Milliarden verdoppeln wollen. Die Zeiträume, in denen sich ein solcher Zuwachs realisieren könnte, sind gemessen an der Zeit der Menschheitsentwicklung nur ein ganz kleiner Augenblick.

Prof. Dr. Michael Braungart z.B. vertritt die Ansicht, wir seien nicht zu viele auf Erden, wir müssten nur intelligenter werden. Das aber ist schon mit Blick auf die Korrelation von IQ und GMV als problematisch einzuschätzen. Prof. Dr. Braungart erklärt weiter, man könne schon derzeit Flugzeugsitze herstellen, die man nach der Ausmusterung essen könne, zumindest kompostieren, man müsse eben in allen Bereichen des Lebens intelligenter wirtschaften. Wir müssten auch nicht weniger verbrauchen, sondern alles immer nur intelligent wiederverwenden. Dabei führt er die Lebensweise der Ameisen als beispielgebend für eine zukünftige Wirtschaftsweise des Menschen an. Die Gesamtmasse an Ameisen auf der Welt betrüge ein Mehrfaches der Gesamtmasse der Menschen, aber sie erzeugten keinen Abfall, keine Giftstoffe und keinen zusätzlichen CO2-Ausstoß. Die in Staaten organisierten Ameisenvölker betreiben also eine perfekte Kreislaufwirtschaft.

Wer jetzt glaubt, der Mensch wäre auf dem Weg, seine Zukunft erfolgreich zu gestalten, schon einen guten Schritt vorangekommen, indem er sich inzwischen auch schon in Staaten

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organisiert hat, irrt sich gewaltig. Wie wir schon festgestellt haben, ist der Mensch für ein Zusammenleben in Staaten von Natur aus nicht geeignet. Der einzelne Mensch, eingebunden in den kleinen Urverband, konnte ganz ähnlich der Ameise sein Leben fristen, ohne dass er einen großen Fußabdruck hinterlassen hätte. In einem Staat organisiert, wird er das aber niemals mehr können, weil ihm naturgegeben nur das Wohl seiner kleinen Gruppe, z.B. der Familie, wichtig ist, aber jenes der unzähligen anderen Gruppen, die er nicht wirklich kennt, ihn nur marginal interessiert. Ist das Gruppenverhalten fehlgeleitet auf einen ganzen Staat gerichtet, wird die Mehrzahl der Menschen freiwillig oder erzwungen ihre Kraft immer auf das Erfüllen von ideologischen Anforderungen richten, die diesen Staat vereinigen, sofern sie überhaupt erfüllbar sind. Solche sind Fortschritt, Wachstum, Freiheit, (pervertierte) Menschenrechte usw., wie sie später noch beleuchtet werden. Dass aber die Erhaltung der Ressourcen und des Lebensraumes einmal zu einer ideologischen Anforderung eines Staates oder gar der gesamten Staatengemeinschaft werden könnte, ist so gut wie ausgeschlossen, weil die Urverhaltensweisen wie Problemverdrängung und des Sich-Nehmens, was erreichbar ist, dagegen stehen. Dabei wäre der Wunsch nach einer Erhaltung des Lebensraumes nicht einmal eine ideologische Anforderung, sondern eine dem GMV geschuldete Formulierung eines vitalen Bedürfnisses. Aber selbst wenn sich dieses Bedürfnis als eine ideologische Anforderung darstellen ließe, wäre ihre Erfüllung kaum gewährleistet, denn z.B. die ideologische Anforderung der Gesellschaft an den Menschen, rank und schlank zu sein, wenn Nahrung im Überfluss vorhanden ist, wird nur vereinzelt, hauptsächlich aber je nach Veranlagung erfüllt. Die ideologische Anforderung, keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe auszuüben oder nicht die Ehe zu brechen, ist auch nur sehr schwer zu erfüllen, wie die Wirklichkeit nachweist.

Weswegen wird der Mensch niemals so wirtschaften können wie die Ameise? Die Ameisen leben seit Hunderten von Jahrmillionen in Staaten organisiert und ihre Wirtschaftsweise ist nicht den ideologischen Anforderungen ihres Staates geschuldet. Um nachhaltig mit den Ressourcen ihres Lebensraumes umzugehen, bedarf die Ameise keines großen Großhirns. All das, was das menschliche

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Großhirn zu leisten vermag, würde die Ameisen aussterben lassen. Eine Ameise ist eingebunden in ihren Staatsverband und leistet unaufgefordert ihre Arbeit, die das Gemeinwesen ihr zuteilt. Ohne Tarifvertrag und ohne Bezahlung mittels einer Währung dient sie je nach Beruf ihrer Königin in deren Gemächern, pflegt die Brut, schafft Baumaterial oder Nahrung für die Brut heran und züchtet Läuse, um sich an deren Ausscheidungen zu laben. Sie erkennt zuverlässig ihresgleichen und nimmt alles, was sich sonst bewegt und zu bewältigen ist, als Nahrung. All das macht sie seit Hunderten von Jahrmillionen, wie es ihr das angeborene, artspezifische Verhalten vorschreibt, ohne dabei ihren Lebensraum zu beeinträchtigen, ohne Ressourcen unwiederbringlich zu verbrauchen. Kein Großhirn stört ihre Kreise. Sie unternimmt nichts aus Abenteuerlust oder Pioniergeist, und wenn sie einmal fliegt, dient das nur einem einzigen Zweck, der Fortpflanzung. Sie verwirklicht sich nicht selbst, strebt nicht nach ultimativer, persönlicher Freiheit und wandert dem zufolge auch nicht nach den Vereinigten Staaten aus, um von der Tellerwäscherin zur Millionärin zu werden. Sie entwickelt keine Religion, nach der der Allmächtige im Tannenzapfen wohnt, Apfelspinnerlarven heilig und Schmeißfliegenmaden nicht koscher sind. Selbst dass sie Geschlechtsverkehr nur zum Zwecke der Fortpflanzung ausübt, ist nicht einer Religion oder einem sonstigen ideologisch entwickelten Verhaltenskodex geschuldet. Diese Art ist für ein Leben im Millionen zählenden Verband geeignet, der Mensch in seiner gegenwärtigen Art hingegen kann diese Eignung niemals erlangen, weil er ganz anderen artspezifischen Eigenschaften unterworfen ist und sein Großhirn zwar kognitiv die für eine Eignung unverzichtbaren Eigenschaften formulieren kann, aber gleichzeitig Ideologien entwickelnd die Verwirklichung derselben verhindert. Das ist das generelle Dilemma des modernen Menschen.

Damit sind Visionen, wie sie Prof. Dr. Michael Braungart und vielen anderen vorschweben – so sympathisch, wie sie sind – nichts als Illusionen, so bedauerlich das auch immer ist. Der Mensch wird die Zukunft nicht eingebunden in riesige Staatsgebilde oder gar in einen globalen Einheitsstaat gestalten können, sondern bestenfalls nach der Epoche einer Barbarei nie gekannten Ausmaßes zurückfallen in ein Leben im Kreise einer seiner Art angepassten Gruppe. Das setzt

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allerdings voraus, dass die Nuklearwaffenarsenale während dieser Zäsur geschlossen bleiben und der für Menschen geeignete Lebensraum auf diesem Planeten nicht restlos geplündert oder durch sonstige Aktivitäten zerstört ist. Darauf möchte der Freigeistige alles, was ihm lieb und teuer ist, und alle, die ihm lieb und teuer sind, vorbereiten. So destruktiv das bisher Gelesene auch erscheinen mag, fordert ER nicht zu lähmendem Fatalismus auf, sondern möchte am Ende erreichen, dass jeder, der mit diesen Gedanken konfrontiert wird, aus eigener Erkenntnis heraus – jeweils allein für sich oder gegebenenfalls gemeinsam in der kleinen Gemeinschaft – das Beste aus dem, was noch zur Verfügung steht, machen kann. Wer eine neue Heilslehre erwartet, wird aber enttäuscht sein. Wie schon versprochen, wird alles dem GMV gehorchend am wirklich Machbaren orientiert sein, mithilfe dessen der Mensch wieder eine gewisse Eigenständigkeit erreichen kann, eine Eigenständigkeit, die auf seine eigene Freiheit gerichtet ist und nicht auf die Freiheit der Wenigen, die seine bestimmen wollen. Die Freiheit, wie Ideologen, die Liberalisten z.B., sie formulieren, lässt den Menschen am Ende gnadenlos allein. Auch wer glaubt, der Freigeistige hier würde gleich entlarvt als einer, der zurück will in die Steinzeit, wird enttäuscht werden. Diese Stereotype, die von allen Unverbesserlichen skandiert wird, die jeden Einhalt als einen Rückfall in die Steinzeit betrachten, wird ER nicht bedienen. ER will nicht zurück in die Steinzeit; und wohin jeder andere Mensch in Zukunft geht, muss jeder für sich allein entscheiden. Wie erfolgreich er dabei sein wird, hängt in der Zukunft mehr und mehr von seinem GMV ab. Während ihm ursprünglich die Gruppe seinen Weg wies, kann er sich tragischerweise immer weniger auf das gegenwärtige Kollektiv verlassen.
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Naturmenschen und ihr Vermächtnis

Dass das alles keine reine Utopie ist, sollen die nächsten Abschnitte verdeutlichen. Es ist nicht so, dass etwas völlig Neues entwickelt werden müsste, so wenig es notwendig wird, dass der zukünftige Mensch einen Einbaum mit der Steinaxt bearbeiten muss.

Die Zivilisationsentwicklung ging schwerpunktmäßig im mediterranen Bereich und in Ostasien voran. Während sie in Ostasien anfangs noch geringe Umweltveränderungen nach sich zog, hinterließ sie im mediterranen Bereich schon vor dreitausend Jahren irreparable

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Umweltzerstörung. Die nordafrikanische Küste wurde durch intensive landwirtschaftliche Nutzung entwaldet und verwüstet. Über Jahrhunderte diente sie als Kornkammer des römischen Imperiums. Die Apenninenhalbinsel, das heutige Italien, wurde völlig entwaldet und der Wald in den Waffenschmieden und in den römischen Thermen für die warmen Füße einer elitären Bevölkerungsminderheit verbrannt. Die Ausdehnung des römischen Imperiums erfolgte hauptsächlich aus Gründen der Erschließung von Ressourcen und wurde mit militärischer Gewalt vorangetrieben. Der dann folgende Niedergang der Römer ist letztendlich zurückzuführen auf die Erschöpfung der Ressourcen, wie sie mit den zeitgenössischen Mitteln gewonnen werden konnten. Schon eintausend Jahre vorher war das ägyptische Pharaonenreich ebenfalls wegen des Kampfes um Ressourcen zusammengebrochen. Später verschwand in Südostasien die Zivilisation der Khmer, weil sie offensichtlich ihren Lebensraum überfordert hatten. In Mittelamerika ging ganz plötzlich die Zivilisation des Volkes der Maya zugrunde, nachdem möglicherweise Streitigkeiten um Ressourcen das Gemeinwesen destabilisiert hatten und wahrscheinlich Wassermangel wegen ausbleibenden Regens aufgetreten war.

Völlig unberührt von diesen zivilisatorischen Entwicklungen bewahrten tief im afrikanischen Kontinent schwarzafrikanische Stämme eine dem Menschen artgerechte Lebensweise, die erst spät in der Neuzeit durch europäische Kolonisierung zerstört wurde. Das gleiche Schicksal erlitten im wahrsten Sinne des Wortes die indigenen Ureinwohner der südostasiatischen Inselwelt. In Australien bewahrte sich eine fast vierzigtausend Jahre alte Kultur, die ebenfalls von in artgerechten Verhältnissen lebenden indigenen Menschen entwickelt wurde, bis sie mit der Okkupation durch die Briten zerstört wurde. Während der letzten großen Eiszeit wanderten Menschen aus dem europäischen und nordasiatischen Raum über die damals bestehende Landverbindung von Nordostasien nach Nordamerika und bildeten dort den Urstamm für die indigenen Völker Nordamerikas, die durch die europäischen Okkupanten der Neuzeit seit dem sechzehnten Jahrhundert systematisch verdrängt und fast vollständig ausgerottet wurden. In Südamerika haben sich kleine indigene Bevölkerungsgruppen in Abgeschiedenheit bis in die Gegenwart

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erhalten können, sind aber durch die vordringende Vernichtung des Regenwaldes im Amazonasraum durch Zivilisierte bedrängt und ebenfalls von Ausrottung bedroht. Man muss also nicht Jahrzehntausende zurückschauen, um Menschen zu sehen, die in artgerechter Organisation lebten oder noch leben. Der Höhepunkt ihrer Vernichtung durch die nach neuem Lebensraum trachtenden Zivilisierten liegt gerade einmal zweihundert Jahre zurück.

Diese bis zu ihrer Heimsuchung durch zivilisierte Eroberer in artgerechten Verbänden lebenden Menschen unterschieden sich zwar untereinander und von den Eindringlingen durch die Jahrzehntausende betragende Trennung voneinander geringfügig in ihren Genomen, aber sie glichen sich in ihren artspezifischen Eigenschaften und standen in ihren intellektuellen Fähigkeiten den Zivilisierten nicht nach. Dass es in ihren Bereichen nicht zu einer einschlägigen, zivilisatorischen Entwicklung gekommen ist, dürfte nicht an einem Mangel an Fähigkeiten gelegen haben, sondern es ist innerhalb ihrer Lebensräume nicht zu dieser kritischen Masse gekommen, die einen solchen Prozess ermöglicht hätte. Sie hatten zwar eine möglicherweise genetisch verankerte Mentalität, die sie für ein Leben in artgerechten Gemeinschaften prädestinierte, ausschlaggebend aber waren sicherlich die Angebote des Lebensraumes und ihre geistige Ausrichtung auf das Wirkliche. Umgekehrt kann man schließen, dass den Zivilisierten die Affinität zu einer artgerechten Lebensweise über die Jahrtausende ihrer Kulturentwicklung verloren gegangen ist. Festzustellen ist bei den Naturmenschen eine bemerkenswerte Spiritualität, die sich von der Geistlichkeit der zivilisierten Gesellschaften ganz wesentlich unterscheidet. Sie betrachteten sich in aller Selbstverständlichkeit als Teil der Natur, innerhalb der sie ihren Platz hatten. Sie trugen ein unumstößliches Allgemeinwissen von Generation zu Generation weiter, nach dem der Natur eine unverzichtbare Rolle zukam, denn ihnen war bewusst, dass die Natur ohne den Menschen bestehen kann, der Mensch ohne die Natur aber nicht. Diese Formel darf nicht als Ideologie angesehen werden, weil sie an der Wirklichkeit orientiert und, ohne den Geist zu überfordern, anhand der auf dieser Erde gültigen Naturgesetze beweisbar ist. Der verehrte „Große Manitu“ stand in ihrer Vorstellung für die gesamte Schöpfung, war aber – nicht abgehoben von der Schöpfung – deren Schöpfer in Person, den man

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anrufen und um alle erdenklichen Gefälligkeiten bitten kann. Sie sahen die Geschicke auch nicht durch einen angebeteten Schöpfer gelenkt, sondern sie wussten, sie sind, eingebettet in alle Elemente der Natur, für sich selbst verantwortlich. Ein höheres Gericht konnten sie sich nicht vorstellen, denn es fehlte ihnen der Beweis, dass dieses auch abgehalten würde. Wenn sie über etwas zu richten hatten, richteten sie unter Aufbietung aller Weisheit selbst. Die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod beeinflusste nicht ihr Handeln. Sie lebten im Hier und Jetzt und gingen dann in die ewigen Jagdgründe ein, was der Wirklichkeit in stofflicher Hinsicht auch sehr nahe kommt.

Der Freigeistige gibt sich keinen Illusionen hin bezüglich einer Entwicklung hin zu einer Rückbesinnung auf die Werte früherer, bewährter Kulturen, aber ER möchte nicht allein zur Auflockerung eine Geschichte einfügen, die ER vor vielen Jahren aus der Heimat von Naturmenschen mitgebracht hat. Das Gemeinwesen dieser Naturmenschen war durchweg schon in flexiblen Strukturen geordnet. Damit waren sie auch Kulturmenschen, die nicht allein nach angeborenen Reflexen handelten, und teilten sich damit die Kultur als gemeinsames Merkmal mit den Zivilisierten. Damit böte sich die Kultur als potentiell vorhandene Brücke in eine gedeihliche Zukunft an, nackte, nüchterne Wissenschaft und projektierter Fortschritt dagegen nicht. Hegten die Zivilisierten eine ähnliche Dankbarkeit für die Geschenke der Schöpfung, so wäre die Erde auch in Zukunft noch ein guter Platz zum Leben. Die folgenden Absätze bis zum Anfang der Kurzgeschichte seien als Vorwort verstanden.

Die Urvölker Nordamerikas entwickelten sich in zwölf- bis fünfzehntausendjähriger Kulturgeschichte. Sie verstanden sich bis in die menschheitsgeschichtliche Neuzeit hinein als Teil der Natur, während sich bei den meisten zivilisierten Völkern der Erde ein Bewusstsein herausbildete, das die Menschen als gottesähnliche Geschöpfe in den Mittelpunkt des Universums stellte. Dieses „moderne“ Bewusstsein, das im Allgemeinen auf einem religiösen Fundament aufbaute, erlaubte den Menschen dieser Kulturkreise, die

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Erde mit ihrer gesamten Natur ausschließlich als Rohstoffquelle zu betrachten, die es auszuschöpfen galt, um Zwecken zu dienen, die oft weit über die vitalen Bedürfnisse des Menschen hinausgingen. Heute, zu Anfang des 21. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, ist die rücksichtslose Ausbeutung so weit fortgeschritten, dass das gesamte Leben auf unserem Planeten in seiner heutigen Form außerordentlich bedroht ist.

Die Bewahrung unseres Lebensraumes Erde für eine wirklich ferne Zukunft ist nur dann noch möglich, wenn wir den Geist unserer frühen Urahnen, wie er in den Urvölkern Nordamerikas überdauerte, wieder in unsere Kultur integrieren und ihm Priorität bei allen Entscheidungen unsere Zukunft betreffend einräumen. Dieser Geist ist geprägt von großer Liebe zur Natur und von Ehrfurcht vor allem Leben. Dieser Geist, gepaart mit unseren modernen Erkenntnissen der Naturwissenschaften, könnte das noch übrig gebliebene Leben dieser Erde vor der drohenden Vernichtung durch die Menschheit retten.

Die Urvölker wussten sehr genau, dass alles, was sie wider die Natur taten, sich gegen sie selbst richten würde. Sie haben diese Eigenschaft sicherlich zu einem Teil in ihren Genen gespeichert, denn der Stamm, der die Gesetze der Natur nicht respektierte, starb aus, weil ihm der aus heutiger Sicht so trügerische Schutzschirm einer modernen Zivilisation nicht zur Verfügung stand. In der Hauptsache aber hat das Bewusstsein dieser Völker seine Wurzeln in der Tradition ihrer Kultur, die von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Sie kannten keine Schrift, aber es gab ungeschriebene Gesetze, die diesen Menschen heilig waren. Diese nicht starren, ungeschriebenen Gesetze erlaubten ihnen, sie zum Wohle des Ganzen der jeweiligen Situation anzupassen. Von einem solchen ungeschriebenen Gesetz handelt die nachfolgende Geschichte, die der „Alte Freund“ in Wisconsin nahe des Lake Winnebago überliefert bekommen hat. Da die Indianer keine Schrift nach unserem Verständnis und damit keine Literatur kannten, musste immer ein „weißer Freund“ aufschreiben, was sie von einer Generation zur anderen aus ihrem Gedächtnis weitergaben.

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Indianisches Gedicht

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Die ich verehre

Ich spreche mit dem Baum, bevor ich ihn fälle.
Ich umarme ihn,
um seine Antwort zu hören.

Ich bitte den stolzen Hirsch um Vergebung, bevor er meine Beute wird.
Ich verfolge seine Bewegung,
um seine Antwort zu hören.

Ich frage die Beeren,
ob ich sie sammeln darf. Ich frage die Rübe,
ob ich sie ziehen darf.

Ich sage der Blume,
dass sie mein Auge erfreut.
Sie antworten mir alle,
nimm, was du brauchst, zum Leben.

Autor unbekannt, aufgeschrieben Aug. 1987, Oshkosh, Wisconsin

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Im Schoß Der Mutter (Kurzgeschichte)

Ich hatte den älteren Herrn vor ein paar Jahren kennen gelernt. Wir trafen uns gelegentlich, immer zufällig im Stadtpark, wenn ich meinen Hund ausführte, und inzwischen sind wir gute Freunde geworden. Nun ja, ob er mich als seinen Freund betrachtet, weiß ich offen gesagt gar nicht. Er nennt mich „mein junger Freund“, aber ob das mehr als eine Floskel ist, weiß ich nicht. Und er hat mir nie seinen Namen verraten. „Nenne mich ruhig „Alter Freund“, denn der bin ich im Vergleich zu dir ja auch“, sagte er nur. Ich meinerseits nenne ihn aber einen meiner besten Freunde. Und er ist mir vor allem ein guter Lehrer geworden. Nicht, dass er ein Schulmeister wäre oder sich so verhielte. Nein, er erzählt mir immer wieder interessante Geschichten. Es steckt bestimmt hinter jeder dieser Geschichten eine Weisheit, die ich begreifen sollte. Manchmal gelingt mir das, und dann sehe ich, wie seine Augen vor Freude leuchten. Meistens verstehe ich aber nicht wirklich gleich, was mir der Alte Freund damit sagen möchte. Dann frage ich nach, habe allerdings noch nie eine unmittelbare Antwort erhalten. Manchmal antwortet er mit einer Gegenfrage. Meistens aber sagt er nur: „Denke solange darüber nach, bis dir die Antwort begegnet. Sie ist in dir und in der ganzen Energie, die das Universum erfüllt. Nichts davon geht verloren. Du musst nur intensiv genug und geduldig danach suchen, dann wird die Antwort zu dir kommen.“ Na toll, denke ich dann stets, aber tatsächlich, irgendwann macht es dann doch immer ‚Klick‘, und ich habe es verstanden, viel einleuchtender, als hätte er versucht, es mir zu erklären.

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Eines Tages nun drängte die Menschheitsgeschichte mir wieder einmal viele Fragen auf. Es waren Stimmen aufgekommen, die forderten Tabus für die Menschheit. Ohne die Einhaltung von Tabus würde die Menschheit die irdische Schöpfung und damit am Ende sich selbst zerstören. Von meiner Arbeit, dem Schreiben, ein wenig müde und erschöpft, ging ich am Abend allein in den großen Stadtpark, um auszuspannen. Unseren Hund hatte ich bei den Lieben zu Hause gelassen, um mit meinen Gedanken allein sein zu können und sie in Ruhe zu ordnen. Aber, auf der Parkbank am alten Stadtgraben, wo ich ihn schon einige Male angetroffen hatte, setzte ich mich nieder und so,

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als gäbe es keine Zufälle, gesellte sich wieder einmal mein guter alter Freund zu mir. Nach der wie immer freundschaftlichen Begrüßung weihte ich ihn in meine Gedanken ein und bat ihn, mir zu erklären, was er von Tabus halte.

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Lange dachte er über meine Frage nach und sagte dann: „Ich glaube, dieses Mal wirst Du die Antwort auch selber finden, aber dazu musst Du sie wohl erleben.“ Wieder legte er eine lange Denkpause ein und fragte schließlich. „Reisen wir nach Wisconsin in die USA – wollen wir?“

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Ich fühlte mich ein wenig irritiert, fast ein wenig auf den Arm genommen, aber ich stimmte zu, denn ich wusste ja, dass der ältere Herr in seinem früheren Leben Flieger gewesen war, aber mittlerweile verabscheute er jede Umweltbelastung und jede Energieverschwendung. Jedenfalls glaubte ich noch, er wolle vielleicht mit mir zusammen eine Ausnahme machen, da fragte er mich zu meiner Verwunderung: „Nehmen wir das Kanu?“

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Ich sah ihn lange ungläubig und fragend an, bekam aber keine nähere Erläuterung. Aber ich sah in seinen Augen, dass das ein Herzenswunsch war, den der Alte Freund sich noch erfüllen wollte – oder musste.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit wir schweigend beieinander gesessen hatten, als er mich bat, einfach meine Augen zu schließen. Also schloss ich die Augen, und er begann mir zu erklären, wie wir in das Kanu gelangen könnten. Seine Stimme drang immer leiser und von immer größerer Entfernung an mein Ohr, als nach geraumer Zeit, weit entfernt von allem um uns herum, langsam ein großes Kanu auf einem breiten, stillen Fluss angetrieben kam.

Wie von Zauberhand gelenkt landete es direkt vor uns am Ufer des Flusses an. In einer Art feierlicher Stimmung bestiegen wir das große Kanu, aber tief im Inneren bewegte mich eine beklemmende Unruhe. Wenn ich es nur träumte, wäre es kein Problem, aber ich war doch hellwach.

In Wirklichkeit mit dem Kanu über den Großen Teich fahren, den Atlantik, wie sollte das gehen?

Und die Lieben zu Hause wussten doch nichts von unserem Vorhaben, und ich würde ihnen Sorgen bereiten. Von den Bedenken begleitet fuhren wir aber schon den Fluss hinunter und befanden uns nach kurzer Zeit mitten auf dem Ozean.

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Die Wasseroberfläche war zu meinem Erstaunen so ruhig und glatt wie die vom großen Teich im Stadtpark. Die Bedenken wichen der Neugier und wir kamen nach langer Fahrt in erstaunlich kurzer Zeit an einen Ort irgendwo in Wisconsin. An einem kleinen Fluss, fast noch ein Bach, setzten wir das Kanu ans Ufer. Alles ging wunderbar mühelos.

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Ganz in Gedanken versunken stand ich am Ufer des Baches, der sehr reines klares Wasser führte. Ich liebe Wasser, vor allem ruhig fließendes Wasser, und dieses hier zog meinen Blick wie magisch auf sich. Mein Alter Freund, der zu meiner Verwunderung die Gestalt eines alten Indianers angenommen hatte, bemerkte das wohl und sagte: „Das ist ein Creek. Unser Creek.“

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Ich löste meinen Blick von dem Creek und sah mich um. Er durchströmte hier eine grüne Ebene, aus der ganz in der Nähe zwei mächtige Felssteinsäulen emporragten. Der alte Indianer fragte, ob wir uns nicht setzen und uns an die Felsen anlehnen wollten. Na ja, es war wohl weniger eine Frage als eine Aufforderung. Je näher wir den beiden Steinsäulen kamen, desto mehr spürte ich, dass dies ein ganz besonderer Ort war; irgendetwas war hier geschehen, vielleicht schon vor langer Zeit.

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Wir setzten uns also Angesicht zu Angesicht auf den Boden zwischen den Steinsäulen, und als mein Rücken und mein Hinterkopf die Kühle des Gesteins spürten, lief mir ein wohliger Schauer über den ganzen Körper. Ich war sehr gespannt, ob und was mir der Alte Freund über diese beiden Felsen erzählen würde.

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Aber zunächst tranken wir kühles, sehr reines Wasser aus dem Creek. Es war ein göttliches, erfrischendes Erlebnis, nach der weiten Reise kristallreines, kühles Wasser aus diesem Naturgewässer zu schöpfen und damit den Durst zu stillen. Augenblicklich erkannte ich, welch großes Geschenk der Natur ein solcher Bach, aus dem die Kraft allen Lebens entsprang, für die Menschen der früheren Epochen gewesen sein musste. Eine tiefe, innere Neugier ergriff mich. Als ich es nicht mehr aushielt, fragte ich direkt: „Warum sind wir hier?“

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Da lächelte der Alte Freund mich an und sagte leise, so dass die sanfte Brise, die vom Bach zu uns herüber wehte, seine Worte fast mit sich nahm: „Ich werde dir erzählen, was es mit diesen beiden Steinsäulen auf sich hat, mein junger Freund.

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Genau hier, an diesem Creek, siedelte ein Clan der Winnebago. Ich habe dir ja schon erklärt, dass es Indianerstämme gab, die an einem festen Ort lebten, andere wanderten zwischen Sommer- und Winterlager hin und her, und wiederum andere zogen unaufhörlich von einem Ort zum anderen. Nun, die Winnebago vom Clan der weisen Hirsche waren hier vor langer Zeit sesshaft geworden. Sie lebten von der Jagd und vom Sammeln und Anbauen von Früchten. Das Wichtigste für die Gründung und das Bestehen dieser Siedlung aber war der Creek. Aus ihm schöpften sie das Wasser, das sie zum Leben brauchten. Sie hatten das beste Wasser weit und breit. Die Clans, die am Großen Wasser lebten, mussten mit Wasser vorlieb nehmen, das sie dort aus dem See schöpfen konnten. Wenn sich die Winnebago zum großen Stammestreffen am Großen Wasser versammelten, waren die vom Clan der weisen Hirsche oft vom Wasser krank geworden. So galt das Wasser aus ihrem Creek als Medizin für die anderen Clans, die, wenn sie Kranke zu beklagen hatten, den weiten Weg auf sich nahmen, Wasser hier von diesem Creek zu holen.

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Sie lebten seit Menschengedenken im Geiste der Vorfahren in vollkommenem Einklang mit der Natur, so wie es für jeden Indianer selbstverständlich war. Sie wussten, wie verletzlich sie selbst waren und dass ihr Jagdgrund nur ihr Freund war, wenn auch sie Freundschaft mit ihm geschlossen hatten. Obwohl der Große Manitu den Indianern keine Grenzen auf ihrem Land gezogen hatte, gab es einen Jagdgrund da oben, den kein Mensch betreten durfte.“

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Der Alte Freund deutete auf eine Felsformation weit entfernt den Bach aufwärts des Platzes, an dem wir saßen: „Sieh dort die Felsen, die sich aus der Ebene hervorheben und die ganze Anhöhe, die sich von den Enden der beiden Felsensäume zur aufgehenden Sonne hin erstreckt. Da, wo die Felsensäume an der Anhöhe fast zusammentreffen und in dieser eine Lücke bilden, steigt an drei Tagen in einem Jahr aus der Lücke die Sonne auf und genau dort, mein junger Freund, entspringt der Creek den Felsen. Die Indianer sagten, das sei der Schoß der Mutter. Das ganze Gebiet dort war heiliges,

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verbotenes Land, und keiner vom Stamme der Winnebago oder ein anderer Indianer würde dieses jemals betreten haben, denn die Indianer wussten, dass es großes Unheil herauf beschwören würde und harte Strafen nach sich zöge, wenn sie ein solches Verbot missachteten. Lange also lebten die Winnebago vom Clan der weisen Hirsche wie alle anderen Stämme in vollkommener Harmonie mit der Natur, und das Wasser des Creeks floss ohne Unterbrechung zu jeder Jahreszeit. Ich hatte dir ja schon erzählt, mein junger Freund, dass die Indianer den weißen Mann, der mit seinen großen Schiffen über das Meer kam, freundlich empfangen hatten. Sie gaben ihm zu Essen, denn die Bleichgesichter hatten nach der langen Reise auf ihren Schiffen nicht mehr viel, was sie noch hätten essen können. Und sie ließen sie gutes Wasser aus ihren Bächen, Flüssen und Seen schöpfen.

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Eines Tages kam der weiße Mann auch nach Wisconsin. Die Bleichgesichter wurden auch hier am Creek vom Clan der weisen Hirsche freundlich empfangen, bekamen zu essen und gutes Wasser zu trinken. Die Verständigung war natürlich nicht einfach, denn die Indianer und die Bleichgesichter redeten in verschiedenen Sprachen. In vielen langen Nächten versuchten die Mitglieder des Rates der Weisen zu verstehen, was die Weißen ihnen sagen wollten. Schließlich begriffen sie, dass der weiße Mann sich am Oberlauf des Creeks ansiedeln wollte. Nun berieten alle erwachsenen Indianer untereinander, was sie dem weißen Mann antworten sollten. Denn, das solltest du wissen, mein junger Freund, auch wenn jeder Clan einen Häuptling hat, der übrigens von den Frauen, den Clan-Müttern, ernannt und von diesen auch wieder abgesetzt werden kann, sind die Indianer doch ein wirklich demokratisches Volk. Wenn der Häuptling die Geschicke des Clans gut führte, so wie die Clanmütter es erwarteten, konnte er das unwidersprochen mit seiner ganzen Autorität, die er war. Wurden sie aber gewahr, dass sein Wirken nicht zum Wohle aller angelegt war, boten sie ihre Männer auf und enthoben ihn seiner Führungsgewalt, denn er konnte sich nicht auf eine Polizeitruppe oder Militärverbände stützen, die ihm verpflichtet gewesen wären.

Letztendlich fällten die Versammelten vom Rat des Clans der weisen Hirsche ihre Entscheidung. Da ihnen bis dahin durch den

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weißen Mann noch kein Unrecht oder Unheil widerfahren war, waren sich alle mit ihrem Häuptling einig und gaben den Weißen ihre Einwilligung zur Ansiedlung. Sie widmeten ihnen das Land jenseits des Verbotenen Gebietes. Sie zeigten den weißen Siedlern, wo sich das Verbotene Land erstreckte und erklärten ihnen eindringlich, dass es eben verboten war, dieses Gebiet zu betreten.

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Viele Jahre lebten die Winnebago vom Clan der weisen Hirsche unbeschwert in ungestörter Nachbarschaft mit den weißen Siedlern. Eines Tages aber, nach einem großen Regen und einer Überflutung ihrer Siedlung, floss immer weniger Wasser im Bett des Creeks, bis er schließlich völlig versiegte. Ein solches Ereignis war nach den Überlieferungen noch niemals zuvor eingetreten. Deswegen konnten sich die Stammesältesten nicht erklären, was da geschehen war und wussten sich keinen Rat. Kein sauberes Wasser kam mehr her vom Schoß der Mutter, dafür kam schmutziges Wasser vom rechten Felsensaum über die Ebene und bildete große Lachen. Die Wigwams, die wohl ein wenig tiefer liegend aufgebaut waren, standen knöcheltief in Schmutzwasser. Die Felle und alle Dinge, die sonst zum Leben gebraucht wurde, verdarben in Nässe und Schmutz. Sie bauten mit allen Kräften die von der Überflutung heimgesuchten Wigwams ab, und die Betroffenen versuchten Schutz in notdürftig errichteten Tipis zu finden, aber das unverzichtbare saubere Trinkwasser war für sie unerreichbar. Das Wasser, das sich vom Felsensaum her über die Flächen herangeschlichen hatte, sammelte sich zu einem schmutzigen Rinnsal im Bett des Creeks. Überall war Wasser, aber sie litten Durst, und wenn sie dann doch tranken, mussten sie fürchten, krank zu werden. Sie halfen sich gegenseitig, so gut sie konnten, und teilten sich, was trocken und brauchbar geblieben war; aber ihre Essensvorräte waren zu einem guten Teil durch die Nässe verdorben und bald brachen Hunger, Elend und Krankheiten über den Clan herein. Einige derer, die noch nicht krank und noch kräftig genug waren, versuchten Nahrung mit der Jagd heranzuschaffen. Andere zogen mit Hautsäcken zum Großen Wasser um Trinkwasser zu holen, aber sie brauchten dafür drei Tage, und sie wurden verzweifelt gewahr, dass ihnen eine Rettung auf Dauer nicht gelingen konnte; sie wussten, ohne frisches Wasser würde der Clan nicht überleben können. Und wenn die Felder nicht wieder abtrockneten, gäbe es

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keine neue Ernte Saubohnen und Mais, und der Hunger würde sie im Winter peinigen. Viele mehr als sonst starben, vor allem die Alten und auch Kinder. Aber die Kinder waren doch die Zukunft des Clans, und mit den vielen Alten starb doch zuviel an Weisheit. Nach weniger Zeit als einem Mond war die Frau des Häuptlings gestorben, und der ganze Clan war in Trauer und Furcht.

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Die Hoffnung, der Creek könnte wieder frisches Wasser spenden, verging von Tag zu Tag mehr. Also setzte sich der Rat der Weisen zusammen und beriet, was zu tun sei.

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„Wir werden unsere Siedlung aufgeben müssen“, sagte Chayton, der Clanhäuptling, „wir bitten die vom Clan der Büffel und die vom Clan der Bären um ihre Hilfe und werden mit allem, was wir noch haben und mit uns nehmen können, zum Großen Wasser ziehen und dort eine neue Siedlung aufbauen. Der große Manitu hat entschieden, dass wir den gesegneten Platz unserer Väter verlassen müssen. Wer einen besseren Rat weiß, der möge seine Stimme erheben.“

Es folgte ein langes Schweigen, denn sie liebten den Jagdgrund ihrer Väter, auf dem sie alles gelernt hatten, was das Leben von ihnen forderte. Wie sollten sie, so schwach wie schon viele waren, etwas ganz Neues beginnen. Einer der ältesten des Rates meldete sein Wort und fragte Chayton, den Häuptling:

„Sage uns noch einmal, was geschieht, wenn einer von uns seinen Fuß in den Schoß der Mutter setzt, der alle unsere Väter und uns mit seinem kostbaren Wasser beschenkt hat.“

Chayton hatte geahnt, dass diese Frage gestellt würde, obwohl der, der da fragte, wusste, was die Antwort sein musste.

Er wartete lange mit seiner Antwort und sprach dann: „Der, der in den Schoß der Mutter eindringt, muss die härteste Strafe erleiden, die ein Mensch von Menschen auferlegt bekommen kann.“

Darauf sagte ein alter Weiser:

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„Wenn nun allesamt vom Clan der weisen Hirsche den Jagdgrund ihrer Väter verlassen müssen, kommt das doch der Verbannung gleich, ohne dass einer gefrevelt hätte. Dann gehe doch einer, vielleicht ich, in den Schoß der Mutter, denn wenn wir schon verbannt werden, sollten wir doch wissen dürfen, warum er uns sein Wasser versagt.“

„Wenn einer angesichts der drohenden Strafe in den Schoß der Mutter gehen soll, muss sich der ganze Rat einig sein, auf dass nicht ein einziger versuchen würde, es zu vereiteln“, sagte der Häuptling und forderte die Versammelten auf, sich zu einigen.

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Da sie das Geheimnis um das Versiegen ihrer Überlebensquelle ergründen wollten und eine Lösung zur Gestaltung ihrer Zukunft nur zu finden war, wenn sie die Ursache für das Versiegen kannten, beschlossen sie, dass Männer ihres Clans in den Schoß der Mutter, in das verbotene Land gehen sollten, um vielleicht herauszufinden, was da geschehen war. Dann leisteten sie dem Häuptling beim Blut ihrer Kinder einen Schwur, dass sie ihr Leben lang schweigen würden über das, was sie gemeinsam beschlossen hatten. Als sie dann die Beratung beendet hatten und sich trennten, fühlte sich jeder vom Rat der Weisen schuldig und beschämt, denn ihre Regeln, nach denen sie lebten, waren ihnen heilig und sie waren notwendig und für das Gemeinwohl wichtig. Wie sollten sie, wenn es nicht geheim bleiben würde, ihren Beschluss vor dem Stammesvolk vertreten, von dem sie die Einhaltung der Regeln mit aller Strenge ihrer Gesetze einforderten. Noch nie hatten sie einen solchen Zwiespalt empfunden. Nach dem alle gegangen waren, rief Chayton seine beiden Söhne zu sich und zog sich mit ihnen in seinen Wigwam zurück.

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Die beiden Männer waren gesund geblieben in der Zeit der Not und waren auch noch gut bei Kräften, nur der Tod der Mutter hatte sie getroffen. Ihnen waren schon ihre jungen Frauen vom Clan der Büffel versprochen, aber noch wohnten sie getrennt von den Frauen zusammen in einem Gemeinschaftswigwam unter Männern. Takoda, der ältere von beiden, sollte schon mit seiner Frau zusammen sein, aber das Unglück hatte die Errichtung des Familienwigwams

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verhindert. Enapay war noch ganz ungebunden, aber auch er hatte den Wunsch bald mit seiner Auserwählten ganz zusammen zu sein. Schweren Herzens erklärte Chayton seinen Söhnen, dass er sie etwas fragen müsse, was er nicht möchte, und ihnen etwas gestatten müsste, was er nicht dürfe. Er weihte die beiden über die Beschlüsse des Rates ein. Viele Fragen gingen ihnen durch den Kopf, aber sie erkannten, dass alle Weisheit keine Antworten auf die Fragen hätte geben können, und nach einem langen Gespräch wussten die jungen, kräftigen Männer, was ihnen der große Geist abverlangen würde. Sie hatten all das Für und Wider besprochen und hofften, dass die drohende Strafe sie nicht treffen werde, dass ihre geplante Tat am Ende unerkannt bleiben könnte. Aber es beflügelte sie auch ihr Stolz, zu einer solchen Tat auserwählt zu sein, an deren Vollendung die Rettung ihres Clans stehen könnte. Sie wussten nun, dass die mögliche Strafe, die Verbannung aus ihrer Siedlung, ihnen nicht die Ehre nehmen würde. Der Vater hatte es ihnen nicht befehlen wollen, aber er hatte ihnen erklärt, dass er sie auch nicht zurückhalten würde, wenn sie sich für ihren Einsatz freiwillig entschieden. Sie wollten heimlich diesen Auftrag ausführen. Niemand vom Clan sollte etwas erfahren von ihrem Plan. Vielleicht würde dann alles gut und wenn sie nichts erreichen könnten, müssten sie ja alle vom Jagdgrund ihrer Väter weichen.

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Noch einmal in dieser Nacht rief Chayton mit der ganzen Kraft seiner Gedanken den großen Geist an. Der große Geist musste doch wissen, wie schwerwiegend jede Entscheidung war, die er traf. Er wollte das lebensnotwendige Wasser herbei denken, so wie er schon oft das Jagdglück gerufen hatte. Am folgenden Tag brachten Wolken einen Regen, aber der Creek verweigerte ihnen sein Wasser, wie er es seit dem Mond der reifen Felsbirne tat. Es gab keinen Ausweg mehr, der Beschluss des Rates musste erfüllt werden. Noch einmal fragte Chayton seine Söhne, ob sie es ihm verziehen, dass er ihnen den Gang zum Schoß der Mutter nicht verbiete. Sie antworteten nur: „Du, Vater, hast es uns verboten, du, Häuptling, hast uns nicht gesehen.“

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Im nächsten frühen Morgengrauen, fast noch bei Dunkelheit, brachen die beiden jungen Männer auf, um der Not gehorchend nach

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dem Glück für den Clan zu suchen. In ihren Taschen aus Birkenrinde und Büffelhaut hatten sie getrocknetes Fleisch vom Hirsch und vom Büffel und einige Hände voll wilden Wasserreis und gestampften Mais mitgenommen, denn sie wussten nicht, wie lange ihre Erkundung dauern würde. Es gab nicht mehr viel zu essen in der Siedlung, alle litten schon unter dem Mangel, aber da sie keine Zeit haben würden, sich unterwegs um Nahrung zu bemühen, gab Chayton ihnen seine Ration mit auf den Weg. Er wollte darben, bis sie wieder wohlbehalten zurück waren. Zu trinken trugen sie nichts bei sich, denn schlechtes Wasser gab es jetzt auf dem Weg überall. Sie schlichen sich aus der Siedlung und als es richtig hell wurde, waren sie schon in die Nähe des Felsensaumes gelangt, wo sie kaum von jemandem aus der Siedlung entdeckt werden konnten. Die Blicke aller waren ja ohnehin immer nur auf den Creek gerichtet, wie enttäuschend das auch war.

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Sie schätzten, dass sie den halben Tag gehen müssten, um die Anhöhe und damit das verbotene Land zu erreichen. Jetzt sprachen sie frei mit einander, denn niemand konnte sie hören. Beide hatten während des letzten Jahres fast täglich die jungen Frauen getroffen, mit denen sie eine Familie gründen wollten, und sie gestanden sich gegenseitig ein, dass ihr Herz nach ihnen dürstete. Sie sorgten sich, die Frauen könnten sie auch vermissen und nach ihnen fragen, denn sie waren ja nicht eingeweiht in ihren Plan. Das Zusammensein mit den Frauen hatte immer so viel Glücksgefühl gebracht, und nun überkam sie die Furcht, das könnte ihnen ein Verhängnis werden. Mit diesen Gefühlen und den Gedanken daran, was sie erkunden würden, waren sie schon lange Zeit auf dem Weg, als die Wolken die Sonne freigaben. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, der halbe Tag war schon fast vergangen, und es war nicht mehr sehr weit bis zum Ende des Felsensaumes, als sie sich heftig erschraken. Sie entdeckten zwei Gestalten vielleicht auf dem halben Weg zum Schoß der Mutter. Was sollten sie tun, fragten sie sich, vielleicht im hohen Gras verstecken? Aber was, wenn die anderen hier vorbei kämen und sie im Versteck entdeckten, das würde sie in ein schlechtes Bild setzen und sie in Verdacht bringen. Also entschieden sie sich, weiter zu gehen, und wenn sie den anderen begegnen sollten, diese als Beauftragte des Häuptlings zur Rede zu stellen. Nun erkannten sie, dass ihnen die

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Gestalten entgegen kamen. Sie trugen Häute gefüllt mit Wasser bei sich, und sie erkannten sie schon von weitem. Es waren zwei junge Männer aus ihrer Siedlung, deren Kinder noch sehr klein waren. Als sie aufeinander trafen, waren alle vier Männer zutiefst verlegen und beschämt. Jeder hatte das Gefühl, ertappt worden zu sein. Takoda und Enapay mochten nicht über die beiden jungen Männer triumphieren, viel zu unsicher war ihnen ihre eigene Lage.

Die jungen Familienväter erklärten, sie hätten das Verbotene Land nicht aufgesucht, sie hätten nur ein wenig besseres Wasser finden wollen für ihre Frauen und ihre Kinder, das sei doch gerecht. Dort, noch vor dem Schoß der Mutter, sei ein ganz kleiner See, aus dem der Creek abfließe. Im See sei noch ein wenig Wasser, das den Geruch vom Saft der Birke habe, aber es sei wenigstens klar und rein. Die Häuptlingssöhne beschwichtigten die beiden Männer und rieten ihnen, heimlich bei Dunkelheit in die Siedlung zurückzukehren. Die beiden bestätigten, dass das auch ihr Ansinnen war, und weil ein jeder von ihnen das gleiche fühlte, versicherten sie sich gegenseitig des Stillschweigens über ihre Begegnung. Sie trennten sich dann ohne weitere Fragen. Takoda und Enapay fürchteten immer mehr um die Geheimhaltung, aber aufgeben wollten und konnten sie ihren Auftrag nicht. Die Auflösung des Rätsels, das der Schoß der Mutter barg, erschien ihnen zu wichtig.

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Sie gingen jetzt eiligen Schrittes auf die Stelle zu, die ihnen die beiden Männer beschrieben hatten, und nach drei Liedern der Sonne erreichten sie den winzigen See. Auch sie verspürten den Geruch vom Saft der Birke. In das leere Bett des Creeks floss nur noch ein kleines Rinnsal, das sich weiter abwärts ganz darin verlor. Zur aufgehenden Sonne hin ragte die Felsenwand der Anhöhe auf. Das Ende des Felsensaumes, an dem entlang sie hierher gekommen waren, traf hier auf die Anhöhe und dort, wo sich der Felsensaum mit der Anhöhe vereinigte, klaffte eine Lücke, die Pforte zu einer Felsschlucht, aus der das Wasser zur Speisung des Creeks ausströmen sollte. Sie gingen ganz nahe an den Felsensaum heran, um am Gestein Halt finden zu können, und durchwateten vorsichtig das Wasser des winzigen Sees, um jetzt zu dieser Felsenpforte zu gelangen. Das Wasser war nicht tief, es reichte nicht einmal bis an die Knie, und bald standen sie an dieser Pforte zur Felsschlucht. Beidseitig der Schlucht ragte der Fels auf, so hoch und so aufrecht wie ein großer Baum.

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Die beiden Brüder betraten das Verbotene Land, den Schoß der Mutter, mit einem Gefühl der Beklommenheit, denn sie wussten, welch schwerwiegenden Schritt sie da taten. Als sie die Pforte durchschritten hatten, empfing sie eine feuchte Kühle, denn dorthin gelangte nie ein Strahl der wärmenden Sonne. Der Grund der Schlucht war schroff und schlüpfrig, und abwechselnd war er mit Geröll und größeren Steinen bedeckt. Stellenweise war die enge Schlucht nicht einmal zwei Schritte breit, hier und da war der Grund fast trocken und an anderen Stellen stand Wasser bis über die Knie. Ohne zu wissen, wie weit sie kommen konnten und was auf sie warten würde, mühten sie sich langsam vorwärts. An den Wänden der Felsenschlucht konnten sie sehen, wie hoch einst das Wasser geflossen war, und sie malten sich aus, wie es aussehen würde, wenn das Wasser wieder seinen alten Lauf nähme.

„Wenn der Schoß der Mutter sich rächt und das Wasser jetzt wieder hergibt, wird es uns erschlagen“, sagte Enapay.

„Ja“, sagte leise Takoda, „aber unsere Frauen und alle anderen werden leben.“

Schweigend gingen sie weiter. Sie waren bestimmt schon viele Lieder der Sonne lang in die Schlucht vorgedrungen, als es dort unten immer dunkler wurde. Sie richteten ihren Blick nach oben, denn nach ihrem Zeitgefühl konnte der Tag noch nicht zu Ende gehen. Nun erkannten sie, dass die Felsen oben zu einem Labyrinth geformt waren und der Himmel nicht mehr zu sehen war. Nur noch ein fahles Licht schimmerte von oben her, und sie tasteten sich nur noch langsam voran. Ihnen wurde unheimlich – wenn jetzt das Wasser käme – aber sie waren ja zu zweit und machten sich gegenseitig Mut. Sie hatten schon eine ganze Zeit nicht oder nur ganz leise miteinander gesprochen, denn jedes Geräusch endete in einem unheimlichen Widerhall, als Enapay plötzlich flüsterte:

„Horch.“
Reglos lauschten sie in die Stille, und Takoda flüsterte:

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„Wasser, da plätschert Wasser.“

Sie standen wie gebannt und konnten ihre Herzen schlagen hören. Kurze Zeit hielten sie so schweigend inne, dann aber gingen sie lauschend, dem Geräusch von fließendem Wasser folgend, ganz vorsichtig voran, und langsam wurde das Plätschern deutlicher. Ohne dass sie eine Vorstellung gehabt hätten, was sie herausfinden würden, war der Gedanke an das fließende Wasser jetzt doch wie eine Verheißung. Inzwischen war es da unten so dunkel wie in der Nacht ohne Mondschein. Sich an der Felswand entlang tastend, strebten sie vorwärts, als sich Takoda laut erschrak. Seine tastende Hand hatte ein unerwartetes Hindernis verspürt. Sie hielten inne, und nun merkten sie, dass sie genau an der Quelle des Plätscherns angekommen waren. Die höhlenartige Schlucht war hier zu Ende.

Sie ertasteten eine bizarre Wand und Enapay flüsterte:

„Holz, Zweige, Äste, Blätter“, und nun bemerkten sie auch den Geruch von nassem Holz.

Sie spürten, wie an einigen Stellen dieser Wand ein schwacher Strahl Wasser austrat. Im Dunklen fing Enapay mit den Händen einen Strahl auf. Es roch nicht schlecht, und so kostete er es vorsichtig, und er erfuhr, wie schon die ganze Zeit der Not nicht mehr, den Geschmack frischen, sauberen Wassers. Nun, wo sich ihre Anspannung löste, spürten sie, wie durstig sie waren, hatten sie doch den ganzen Tag noch nicht getrunken. Also füllten sie ihre hohlen Hände mit dem kühlen Nass und stillten freudig erregt ihren Durst. Richtig satt tranken sie sich wie schon lange nicht mehr. Als sie sich endlich gelabt hatten, wussten sie nun, hinter dieser Wand war gutes Wasser, aber was sie tun könnten, wussten sie nicht. Sie mussten zurück, heraus aus diesem dunklen Schlund. Die Felswände der Schlucht waren steil und hingen gar über, so dass sie nicht zu erklimmen waren, und einen Ausgang gab es nicht. In der Sorge, der Tag könnte bald zu Ende gehen, strebten sie, so schnell es ihnen möglich war, wieder dem Eingang der Schlucht zu. Der Rückweg erschien ihnen nun viel länger, aber als es wieder heller wurde und sie den Himmel wieder sehen konnten, waren sie froh. Der Tag war zu

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ihrem Glück noch nicht ganz vergangen. Die Füße taten ihnen weh vom beschwerlichen Gehen auf dem rauen Untergrund, aber als die Felspforte wieder sichtbar wurde und der Schoß der Mutter sie wieder freigab, atmeten sie die frische Abendluft und fühlten sich im Augenblick wie befreit.

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Die Sonne stand schon tief über der fernen Siedlung. Sie hatten sich am Felsensaum nieder gesetzt, genossen die letzten Strahlen der Abendsonne und berieten, wie sie weiter vorgehen sollten. Den Schoß der Mutter wollten sie nun über den Felsensaum erklimmen und der Felsschlucht auf der Anhöhe dort oben folgen, in der Hoffnung, an die Stelle zu gelangen, an der es tief unten nicht weiter ging. Die Sonne war in der Zwischenzeit schon hinter der Siedlung versunken, als ihr Plan endlich gereift war. Nun nach der Zeit des Ruhens merkten sie, wie erschöpft und müde sie von der Mühe des Tages waren. Da eine Erkundung bei Dunkelheit ohnehin nicht ratsam war, richteten sie sich am Fuß des Felsensaumes ein Nachtlager ein. Am Rande des Creeks sammelten sie trockenes Moos, um sich darauf betten zu können, und stärkten sich mit getrocknetem Fleisch und einer Hand voll Wasserreis. Gesättigt und mit einem guten Gefühl legten sie sich mit hereinbrechender Dunkelheit zur Ruhe.

Am Abend schöner Tage hauchte die untergehende Sonne immer einen ganz sanften Wind über die Prärie, und bevor sie einschliefen, trug er den Schlag einer Trommel aus der fernen Siedlung zu ihnen herüber. Es war die Trommel Chaytons, ihres Vaters. Er schlug sie, wenn sie den großen Geist anriefen, manchmal aber sandte sie auch eine Botschaft in die Nacht hinaus. Sie konnten den Sinn der Kunde nicht verstehen, aber sie verstanden, dass es eine Kunde an den Stammeshäuptling der Oberen war. Der Schlag der Trommel beruhigte sie, wie ein Lied der Mutter die Kinder, und so sanken sie langsam in den Schlaf, einer ruhigen, erholsamen Nacht entgegen.

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Die beiden jungen Frauen hatten vergeblich auf Takoda und Enapay gewartet. Dreimal waren sie den Pfad am kleinen Auengehölz weiter unten am Creek, dort wo die Frauen des Clans oft wuschen und badeten, auf und ab gegangen, aber heute waren die beiden jungen Männer nicht gekommen, um mit ihnen zu scherzen und zu lachen.

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Heute mussten sie wohl auf die starken Arme verzichten, in die sie sich so gerne legten, bevor sie sich zur Nacht in den Gemeinschaftswigwam zurückzogen. Ihr Gefühl sagte ihnen, dass etwas Besonderes geschehen sein müsse. Waren die beiden Männer nun auch krank geworden? Sie waren ein wenig besorgt und würden doch nicht gut schlafen können, wenn sie nicht erführen, warum Takoda und Enapay nicht anzutreffen waren. Vielleicht durften sie ja Chayton, den Häuptling fragen, und sie machten sich ein wenig verlegen auf den Weg zu seinem Wigwam. Chayton aber war zusammen mit einigen Alten und schickte sich gerade an, die Trommel zu schlagen. So zogen sie sich schnell und diskret zurück. Am nächsten Tag wollten sie wieder am Auengehölz warten oder Chayton dann fragen, wenn er allein sein sollte. Als die Dunkelheit hereingebrochen und die Trommel verstummt war, schlichen sich heimlich zwei junge Männer in die Siedlung. Leise suchten sie ihre Wigwams auf und brachten in Hautsäcken frisches Wasser für ihre Frauen und Kinder.

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Takoda erwachte vom Ruf der Krähen, die über der Anhöhe die ersten Kreise zogen. Enapay saß schon aufrecht und blickte über den Schoß der Mutter, über dem ein zartes Rot versprach, dass die Sonne bald aufgehen und sie ihnen wieder einen neuen Tag mit gutem Wetter schenken würde. Es war jetzt sehr kühl geworden, und sie warteten sehnsüchtig einige Lieder der Sonne, bis diese ihnen die ersten wärmenden Strahlen schenkte. Alles war so, wie sie es am Tag zuvor angetroffen hatten; der winzige See vor dem Schoß der Mutter, das Rinnsal, das sich im Bett des Creeks verlor, der Geruch vom Saft der Birke, so, als wäre es niemals anders gewesen.

Sie packten ihre Taschen und schickten sich an, ihren Plan vom Vortag in die Tat umzusetzen. Sie verzichteten darauf, etwas zu essen, denn sie wollten sparsam damit sein, aber sie tranken am winzigen See soviel sie konnten, denn sie wussten ja nicht, wann sie wieder gutes Wasser bekommen würden. Sodann machten sie sich auf, um den Schoß der Mutter zu besteigen. Hier in seiner Nähe waren die Felsen zu steil, um sie erklimmen zu können, und so gingen sie zurück bis etwa dahin, wo sie am Tag vorher die beiden anderen jungen Männer getroffen hatten. Der Felsensaum, der zur frühen Abendsonne hin in die flache Prärie überging, war an diesem Ort nicht mehr so hoch und nicht mehr so

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steil. Hier stiegen sie auf und wanderten auf dem Kamm des Felsensaumes wieder zurück zur aufgehenden Sonne.

Sie kamen gut voran, denn die Sonne stand noch lange nicht am höchsten, als sie wieder das Ende des Felsensaumes oben am Schoß der Mutter erreichten. Heute bedrückte es sie nicht mehr so wie am Tag zuvor, in das verbotene Land einzudringen. Der Felsrücken, durch den sich die Schlucht hin zur aufgehenden Sonne schnitt, war mit Flechten und Moosen bewachsen. Hier und da sprossen einige Grasbüschel, umgeben von altem, trockenem Gras, und in größeren Abständen als in einem Wald wuchsen aus Felsspalten schwache Bäume, zumeist Birken und hier und da eine Esche. Hier hatte sicher noch nie der Büffel gegrast.

Nicht weit von der Pforte, durch die sie am Tag zuvor in den Schoß der Mutter gelangt waren, traten sie vorsichtig an die Felskante der Mittagssonnenseite und schauten hinab in die Schlucht, die sie schon erkundet hatten. Es ließ sich besser gehen hier oben auf Flechten und Moos, auch wenn der Fels nicht eben war und es keinen Pfad gab. Da waren aber einige Felsspalten, die so breit waren, dass sie diese nicht überspringen konnten, und sie mussten sie so weit umgehen, bis sie zu überwinden waren. Eine war so lang, dass sie die Anhöhe zur Mittagssonne hin fast ganz hinabsteigen mussten, um sie zu umgehen. Dort am Rand, wo der Felsrücken sich in der Ebene der Prärie vergrub, sahen sie, wie sich Wasser durch das Gras der Ebene drängte, und entdeckten Wasserlachen, die sich an der Rückseite des Felsensaumes zur untergehenden Sonne hin ausdehnten. Nun erkannten sie, dass das Wasser, welches nach dem großen Regen damals die Siedlung überschwemmt hatte, von hier gekommen sein musste. Es war das Wasser, was der Schoß der Mutter ihnen seither verweigerte. Die Spalte war jetzt umgangen, und sie stiegen wieder auf, um zurück an die Schlucht zu gelangen, denn nach ihrem Orientierungssinn konnten sie nicht mehr weit von dem Ort sein, an dem sie am Tag zuvor nicht weitergekommen waren. Sie fanden die Schlucht wieder und gingen wiederum ganz nahe an den Rand, um hinabzuschauen. Die Felsen aber gaben den Blick auf den Grund nicht frei. Nun ahnten sie, dass sie dem Geheimnis auf der Spur waren, denn dort unten musste es gewesen sein, wo es am Tag zuvor so dunkel geworden war. Enapay

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ging gespannt auf einen Wall zu, der den Blick durch die vereinzelten Bäume in die Ferne zur aufgehenden Sonne versperrte.

Takoda war noch ganz in seinen Gedanken versunken, als Enapay erregt rief:

„Wasser, da ist das Wasser!“

Er stand auf dem Felswall und winkte ihn aufgeregt zu sich. Takoda eilte hin zu ihm, und was er durch die Bäume hindurch sah, war ein kleiner See, in dem sich der Himmel spiegelte. Beide lagen sich in den Armen, als hätten sie ihren Auftrag schon ganz erfüllt. Allein der Anblick eines solchen Sees löste nach der langen Zeit der Entbehrung eine große Freude in ihnen aus. Es zog sie mit aller Macht zum Wasser, und in ihrer Hast stürzten sie mehr, als dass sie achtsam abstiegen, den Abhang hinter dem Felswall hinunter. Nach einem Lied der Sonne standen sie außer Atem am Rand dieses Gewässers.

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Nachdem sich ihre Erregung langsam gelegt hatte, fassten sie wieder ihre Gedanken und stellten fest, dass das Ufer des Sees kein natürliches, gewachsenes war. Die Gräser und das Moos gingen direkt ins Wasser über, und es standen einzelne Bäume in weiten Teilen des Wassers.

„Das ist kein See, wie ihn der Große Manitu uns schenkt“, sagte Takoda.

Sie sahen sich gespannt um und entdeckten den Einschnitt im Felsrücken, der hier vielleicht so hoch war wie ein Tipi. Das musste die Schlucht sein. Sie wollten sehen, was dort am Eingang der Schlucht geschehen war, denn sie erkannten jetzt, dass sich das Wasser am Felsrücken staute. Um einen Einblick in den Einschnitt zu bekommen, gingen sie am Rande des Sees hin zur aufgehenden Sonne und kamen dort an einen Creek, der voll Wasser war bis an den Rand, wo es an vielen Stellen auch über die Ufer trat und in die tiefer liegende Ebene floss. Als sie den Blick auf den Felsrücken richteten, trauten sie ihren Augen nicht. Betroffen schauten sie sich an. Es sah aus, als hätten Biber einen Damm gebaut, und der Damm versperrte

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dem Wasser den Weg. Aber hier oben hatten doch niemals Biber gelebt, die wohnten doch nur am Unterlauf. Der Creek floss seit den Zeiten aller Väter, und noch nie hatte sich Derartiges zugetragen.

„Die Biber haben sich gerächt, weil wir sie unten am Creek gejagt haben“, sagte Enapay.

Takoda entgegnete:

„Wir haben sie doch nur gejagt, wenn wir ihr Fell und ihr Fleisch brauchten. Wir haben sie doch immer gefragt, ob wir sie jagen dürfen, und der große Geist hat es uns erlaubt. Wir haben sie auch um Verzeihung gebeten, wenn wir sie gefangen haben, ich verstehe nicht, warum sie sich rächen müssen.“

„Es ist nicht gut, im Streit zu sein mit denen, die wir zum Leben brauchen, und nun müssen wir ihren neuen Damm zerstören, wenn das Wasser wieder fließen soll. Wir müssen den großen Geist fragen, bevor wir die Hand an den Damm der Biber legen“, sagte Enapay.

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Alles, was sie seit dem letzten großen Regen erlebten, empfanden sie wie eine schwere Prüfung. Es bedrückte sie sehr, dass sie nichts tun oder unterlassen konnten, was wirklich gut war. Sie entschieden sich dafür, erst einmal das Astwerk, das dort, wo der Felsrücken aufragte, am Rand des Sees schwamm, aus dem Wasser zu ziehen, und legten ihre Taschen und ihre Kleider ab. Dann stiegen sie ins Wasser, zogen das nicht im Damm verbaute Holz heraus und schichteten es ein Stück entfernt vom See auf, so, dass es nie wieder ins Wasser gelangen konnte. Sie hatten schon einen Haufen so groß wie ein Wigwam zusammengetragen, als die zwei sich an einer trockenen Stelle im Moos ein wenig in der Nachmittagssonne wärmten; denn das kühle Wasser, in dem sie wateten, reichte ihnen jetzt schon bis an die Brust. Sie waren noch ganz gefangen in den Gedanken, dass sie jetzt ihre Hände gegen die Biber richten müssten. Versonnen hielt Takoda einen Ast in der Hand. Ganz plötzlich richtete er das abgeschnittene Ende auf Enapay und fragte mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er etwas ganz Schreckliches entdeckt:

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„Was siehst du hier an diesem Holz?“
„Sage mir, was ich sehen soll“, entgegnete Enapay. Takoda zögerte einen Augenblick und fragte dann: „Nagt ein Biber so das Holz?“

Nun wurde auch Enapay gewahr, dass all das Holz, das sie aus dem Wasser geholt hatten, nicht abgenagt war; nein, da waren nicht die rauen, zugespitzten Nagestellen an den Stämmen und Ästen. Es sah aus, als sei das Holz abgeschnitten worden. Es waren wohl die weißen Siedler gewesen, die hier am Oberlauf des Creeks viele Bäume gefällt hatten. Astwerk mit frischem Laub und Abfallholz waren mit dem großen Regen den angeschwollenen Creek hinab getrieben und hatten sich am Eingang zur Schlucht zu einer Barriere aufgeschichtet. Dadurch hatte sich der See angestaut, von dem aus die Siedlung der Winnebago vom Clan der weisen Hirsche überflutet worden war.

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Nun waren alle Hemmungen von den beiden noch kräftigen, jungen Männern abgefallen und sie stürzten sich mit aller Kraft auf die Holzbarriere. Stammspitze um Stammspitze und Ast um Ast holten sie aus dem See und schichteten das Holz in einiger Entfernung zum Wasser auf. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Die beiden hatten bei ihrer Mühe das Gefühl für die Zeit verloren. Schon tauchte die Sonne hinter dem Felsrücken unter und konnte ihnen keine Wärme mehr spenden, wenn sie aus dem kühlen Wasser stiegen. Sie sahen ein, dass sie ihr Vorhaben an diesem Tag nicht mehr vollenden konnten, und stellten ihre Arbeit ein. Nachdem sie sich angekleidet hatten, sammelten sie im letzten Abendlicht Moose und trockene Gräser und bereiteten sich unter einem Felsbalkon oben an der Schlucht ein Nachtlager. Die beiden erschöpften Männer nahmen das mitgebrachte, getrocknete Fleisch und Reis und Mais zu sich, um sich zu stärken und der Kühle der Nacht im Freien trotzen zu können. In der Stille der anbrechenden Nacht lauschten sie einem leisen Rauschen, das aus der Schlucht heraufdrang. Es war wohl schon ein

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erster Lohn für ihre Mühe, und mit der Hoffnung, am nächsten Tag ihr Werk vollenden zu können, schliefen sie ein.

In der Siedlung hatten die beiden jungen Frauen wieder vergeblich nach Takoda und Enapay ausgeschaut. Wie am Tag vorher machten sie sich am Abend auf den Weg zu Chaytons Wigwam. Alles war ruhig in der Siedlung. Sie fanden Chayton vor seinem Wigwam sitzend, die hohlen Hände gegen den Himmel gerichtet, als wolle er etwas auffangen. Sie getrauten sich nicht, ihn zu stören, und fasziniert von seiner Pose blieben sie ganz still und sahen ihm lange zu. Als sie sich dann heimlich wieder zurückziehen wollten, sprach Chayton sie leise an und bat sie zu sich in seinen Wigwam.

Er las ihnen ihre Frage von den Augen ab und erklärte ihnen:

„Takoda und Enapay sind auf der Jagd. Der Büffel ist ja noch nicht da und so wollen sie versuchen, in entfernten Wäldern den Hirsch zu erbeuten. Ihr wisst ja um die Not, die immer größer zu werden droht. Sie wollten ja am Vortag abends wieder zurück sein, aber der Hirsch ist wohl nicht gekommen. So ist es eben, oft will er lange gebeten werden, bis er es erlaubt, dass wir ihn bekommen. Ihr solltet nicht besorgt sein, bald werden die zwei wieder da sein.“

Dann nahm er die beiden jungen Frauen bei den Händen und erzählte ihnen:

„Die Trommel der Oberen hat die Erlaubnis gegeben, euch mit meinen Söhnen zu verehelichen. Sobald sie von der Jagd zurück sind, soll jede von euch mit ihrem Mann jeweils einen eigenen Wigwam haben. Nun seid ihr für mich wie Töchter.“

Die Mädchen waren verlegen und verzückt zugleich. Ihre Mütter hatten sie lange auf diesen Tag vorbereitet und sie alles gelehrt, was sie als Frauen zu tun haben würden. Ganz erfüllt von den Gedanken an ihre bevorstehende Verantwortung gingen sie zurück in den Gemeinschaftswigwam und sehnten sich nach ihren Männern.

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Chayton trug Sorge im Herzen, denn ein Häuptling, der nicht die Wahrheit sagt, ist kein guter Häuptling. Es war eine schlechte Zeit, in der ein Häuptling nicht mehr wissen konnte, was gut und was böse und was richtig oder falsch ist. Immer wieder hatte er in dieser Zeit der Not den großen Geist beschworen, aber eine Antwort auf seine Fragen hatte er nicht bekommen. Das erste Mal in seinem Leben musste er sich nur auf das Glück verlassen. Noch einmal ging er in die junge Nacht hinaus und suchte das Ufer des Creeks auf und wurde wieder enttäuscht, aber es war eben die Hoffnung, die ihn antrieb, diese Hoffnung, die nicht stirbt. Mit den Gedanken bei seinen Söhnen zog er sich in seinen Wigwam zurück. Am nächsten Morgen würde er wieder zum Creek gehen.

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Chayton richtete seinen Blick gegen die Sonne, die an diesem Morgen schon eine Hand breit über dem Schoß der Mutter stand. Wo waren wohl Takoda und Enapay, und was haben sie gesehen, fragte er sich. Sie sollten schon wieder zurück sein, aber da musste etwas sein, was sie aufhielt. Hungrig war er, denn er hatte sich geschworen, erst wieder zu essen, wenn die beiden zurück sind. Aber er musste trinken und ging wie jeden Morgen zum Creek, um eine der wenigen Wasserlachen aufzusuchen. Unten vom Creek her hörte er aufgeregte Stimmen und fürchtete einen Streit; nichts wäre trauriger als ein Streit um das letzte schlechte Wasser, dachte er bei sich. Es wäre wirklich höchste Zeit, dass seine Jungen wiederkämen und die ganze Siedlung zu einer neuen Wasserstelle ziehen würde.

Als er dem Creek dann näher kam, sah er mehr Menschen als gewöhnlich, und es war mehr aufgeregte Geschäftigkeit als ein Streit, was er dort wahrnahm. Die geschäftigen Menschen bemerkten ihn noch gar nicht, als er an das Ufer herantrat. Er hätte nicht mehr zu glauben gewagt, was er jetzt sah. Die aufgeregten Frauen und Männer schöpften Wasser vom Grund des Creeks, das nicht mehr nur in Lachen stand, sondern ganz langsam als kleines Rinnsal floss. Es war nicht so rein und klar wie zu allen früheren Zeiten, aber es war auch nicht so trübe und unsauber wie in dieser Zeit der Not. Er mochte noch nicht richtig glauben, dass sich alles wieder zum Guten wenden könnte. Sollten die beiden Jungen dieses Wunder herbeigeführt haben, fragte er sich. Dem großen Geist dankbar und gespannt, sehnte er ihre Rückkehr herbei.

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Die Brüder im Schoß der Mutter waren sehr früh wach geworden. Langsam graute erst der Morgen, wo doch im Mond der reifen Erdbeeren der Tag sehr früh anbrach. Die Nacht war mild gewesen, und weil ihnen nicht kalt war, blieben sie noch auf ihrem Nachtlager und wollten warten, bis die Sonne aufging. Die noch leuchtenden Sterne versprachen, dass ein sonniger Tag kommen würde, was den beiden sehr gelegen kam. Die lange Arbeit im kühlen Wasser war doch leichter zu verrichten, wenn sie sich von Zeit zu Zeit ein wenig an der Sonne wärmen könnten. Das Rauschen, das noch genau so wie am Abend zu ihnen heraufdrang, machte ihnen Mut und Zuversicht, dass ihnen das gelingen könnte, was sie kaum zu hoffen gewagt hatten. Sie aßen bei aufgehender Sonne von ihrem kleinen Nahrungsvorrat und machten sich mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf. Am liebsten hätten sie ihre Neugier auf das, was sich da unten in der Schlucht tat gestillt, aber sie gab den Blick auf den Grund von hier oben ja nicht frei. Da ihnen der Weg zur offenen Schlucht zu weit war, stiegen sie zur aufgehenden Sonne hin ab, um zum See zu gelangen und jetzt ihre Arbeit fortzusetzen. Als sie den Rand erreichten, sahen sie, dass das Wasser schon einen halben Arm tief gefallen war. Der Damm aus Ast- und Zweigwerk ragte aus dem Wasser und war jetzt viel leichter zu erreichen als am Tag zuvor. Ohne zu zögern legten sie ihre Kleider ab und gingen wieder ins Wasser. Sie schafften das Holz, das aus dem Wasser ragte, zu den Lagerstellen vom Vortag und fanden am Ende des Felseinschnittes endlich den Zugang zur Schlucht. Da war jetzt oberhalb des unter dem Wasser liegenden Holz- und Laubgeflechtes ein Spalt freigelegt, so breit und so hoch, dass ein Mann sich hätte hindurchzwängen können. Laut und deutlich hörten sie jetzt das Rauschen des Wassers, das durch die geschwächte Barriere hindurch in diesen Schlund hinab zur Felsschlucht stürzte.

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Im Verlauf des jungen Tages, noch bevor die Sonne am höchsten stand, gelang es ihnen unter großen Mühen und mit Einsatz all ihrer Kräfte, den größten Teil von Stammspitzen und Astwerk zu beseitigen. Wieder und wieder tauchten sie ins aufgestaute Wasser, um das Holz aus seiner Verflechtung zu lösen und dann fortzuschaffen. Sie standen gerade wieder bis zu den Knien im Wasser, als mit lautem Tosen der Rest der Barriere im Schlund der

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Schlucht verschwand und das Wasser hinter ihm her schoss. Endlich fand das Wasser wieder seinen alten Weg. Sie hatten nicht bedacht, welcher Gefahr sie sich ausgesetzt hatten. Das Wasser erzeugte einen gewaltigen Sog, und an der Barriere vor dem Schlund hatten ihre Beine nicht bis an den Grund gereicht. Es hätte sie in den Schlund reißen können, wenn sie näher daran gewesen wären, aber das Glück war bei ihnen. Sie standen sicher im knietiefen, reißenden Wasser, hielten sich gegenseitig und konnten, als der Sog geringer wurde, gegen das abströmende Wasser an den Rand waten. Der See wurde zusehends kleiner, und schon konnten sie sehen, wie die Fluten munter strudelnd den alten Lauf des Creeks nahmen. Sie setzten sich nieder und genossen dieses wunderbare Schauspiel, und als sie sahen, dass sie hier nichts mehr zu verrichten hatten, kleideten sie sich an, denn die Neugier trieb sie nun zur anderen Seite der Schlucht. Ihre Füße und Hände waren wund und schmerzten, aber sie machten sich schnell auf den Weg, um noch bei Tag den Ausgang der Schlucht am Felsensaum auf der anderen Seite der Anhöhe erreichen zu können.

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Die Sonne stand noch eine ausgestreckte Hand breit über der Prärie. Geschäftig und aufgeregt war das Leben an diesem Tag hier am Creek gewesen, der seit der letzten Nacht wieder ein wenig Wasser führte, als plötzlich laute Rufe durch die Siedlung schallten. Chayton und die Alten saßen zur Beratung zusammen und wurden aus ihren Gedanken gerissen. Es konnte nur um das Wasser im Creek gehen, dachten sie und machten sich, jeder so schnell er konnte, auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Alle, wie sie den Creek erreichten, waren sprachlos. Eine gewaltige Flut tobte vor ihnen vorbei und überschwemmte das Auengehölz wie sonst nur bei großem Regen. Hier und da trat Wasser über die Ufer, aber die Siedlung überflutete es nicht, wie es auch in früherer Zeit nie geschehen war. Die Menschen vom Clan der weisen Hirsche waren erfüllt von einer stillen Freude und Erleichterung. Sie nahmen das Wunder mit Demut und Dankbarkeit an. Nach kurzer Zeit schon war das Wasser nicht mehr schmutzig und trübe. Nun glaubten auch Chayton und die Weisen, dass der Große Geist beschlossen hatte, sie hier an ihrem Creek weiterleben zu lassen. Sie entzündeten ein Feuer, dessen Rauch und Licht allen anderen Winnebago die Kunde bringen sollte, dass die Gefahr ein Ende genommen hatte. Glühend heiß wurden die

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faustgroßen Steine im Feuer, die sie in die Büffelmägen legten, in denen sie sich ein Festmahl kochten. Dankbar und glücklich feierten sie das Wunder und aßen und tranken wie lange nicht mehr, denn bald würden die Büffel kommen, um ihnen neue Nahrung zu geben, und sie würden ihre Äcker neu bestellen können. Sie brauten sich einen Trank aus Kräutern, der die Gedanken auf die Reise zum großen Geist schickte, und dankten ihm beim sachten Schlag der Trommel. Es war schon spät in der Nacht, als sich eine Ruhe in Glück und Zufriedenheit über die Siedlung legte.

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Langsam sank die Sonne zur fernen Siedlung ab, als die beiden Männer im Schoß der Mutter das lange Band des Felsensaumes erkannten. Der Blick auf den Creek war noch verdeckt vom Steilabhang der Anhöhe. Ihre Neugier und Spannung war größer als ihre Erschöpfung, es und trieb sie jetzt zum Rand der Schlucht. Endlich wollten sie sehen, was sich da unten im Schoß der Mutter jetzt zutrug. Schon aus einiger Entfernung hörten sie das Geräusch von schnell fließendem Wasser. Der Blick in die Tiefe erfüllte sie mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Freude, aber auch mit Stolz. Sie lagen sich in den Armen und hätten weinen mögen bei dem Gedanken an ihre Frauen und das Glück, den Jagdgrund ihrer Väter nicht verlassen zu müssen. Nun wollten sie aber den Creek, die Lebensader ihrer Siedlung, sehen und liefen, so schnell ihre müden Füße sie trugen, zum Felsensaum. Der Abhang gab den Blick frei, und der Creek schlängelte sich im Schein der Abendsonne als rötlich glänzendes Band durch die Ebene hin zur Siedlung. Der winzige See an der Felspforte, der den Creek speiste, war ein wenig größer geworden und an seinen Rändern lag noch eine Menge angeschwemmten Holzes. Der Anblick des quirlig fließenden Wassers erinnerte sie an ihren Durst. Sie liefen so weit auf dem Kamm des Felsensaumes zur untergehenden Sonne, bis die Höhe des Abhangs den Sprung in die Tiefe der Ebene erlaubte. Der Weg zum Creek dauerte weniger als ein Lied der Sonne und schon lagen sie am Rand des Gewässers. Mit den Händen schöpften sie das frische, saubere Wasser und stillten ihren Durst mit einem Gefühl des Wohlseins. Nach dieser wunderbaren Labung wurden sie ihrer Erschöpfung so richtig gewahr und suchten das Lager auf, an dem sie die erste Nacht hier am Schoß der Mutter verbracht hatten. Den Blick auf die

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munteren Fluten gerichtet, verzehrten sie die Reste ihrer mitgeführten Nahrung und legten sich noch vor Anbruch der Nacht zur Ruhe. Nun reifte in ihnen die Zuversicht, dass ihre Tat den Angehörigen des Clans Glück bringen würde, und das fließende Wasser des Creeks sang sie leise in den verdienten Schlaf. In der fernen Siedlung schickte ein Feuer seinen Rauch in den Himmel, der von dem abendlichen, zarten Wind zu ihnen herübergetragen wurde, aber sie nahmen ihn nicht mehr wahr, denn sie schliefen den Schlaf der Gerechten.

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Glutrot brach der Morgen an. Die beiden jungen Männer spürten an diesem Morgen alle Glieder. Ihr erster Blick galt dem Creek, der ruhiger als am vergangenen Abend, aber so munter wie immer im Mond der reifen Erdbeeren dahinfloss. Der kleine See an der Felspforte war über die Nacht wieder ein wenig kleiner geworden, was die zwei aber nicht beunruhigte. Alles war nach ihrem Gefühl gut, so wie es sein sollte. Sie rieben sich die schmerzenden Glieder und rafften sich langsam auf. Der Tag versprach wieder gut zu werden, denn die Sonne drang hier und da durch die Schönwetterwolken. Jetzt war der Schoß der Mutter für sie zu einem magischen Ort geworden, an dem sie auf Ewigkeit hätten verweilen können. Ihre Nahrung aber war verbraucht, und nun mussten sie an die Rückkehr zur Siedlung denken. Sie gingen noch einmal zum kleinen See an der Felspforte, wo der Schoß der Mutter in unzähligen Strudeln das Wasser hervorbrachte. Sie wollten ihr Werk wirklich gut machen, wo sie doch einmal hier waren, und räumten das Ufer des kleinen Sees vom angeschwemmten Holz. Weiter oben am Felsensaum schichteten sie es auf, damit es niemals mehr vom Strom des Wassers mitgenommen würde. Als auch diese Arbeit verrichtet war, setzten sie sich am Creek nieder und genossen mit sich zufrieden den jungen Tag. Ihre Herzen füllten sich mit einem großen Glücksgefühl; aber gleichzeitig beschlich sie jetzt, wo sie zur Ruhe gekommen waren, auch eine Furcht vor dem, was da auf sie zukommen könnte. Von den gegensätzlichen Gefühlen aufgewühlt, verweilten sie noch weiter am Ufer des Creeks, denn der Anblick des fließenden Wassers tröstete ein wenig über die Sorgen hinweg. Sie dankten dem Großen Geist und baten noch einmal um Verzeihung für ihre Missachtung des Verbotes, den Schoß der Mutter zu betreten. In der Mitte des Tages endlich nahmen sie Abschied von jenem wunderbaren Ort und traten dann den

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Heimweg entlang des Creeks an. Hier und da räumten sie angeschwemmtes oder im Wasser liegendes Holz beiseite. Langsam kamen sie der Siedlung näher und langsam verspürten sie auch eine zunehmende Vorfreude auf ein Wiedersehen mit ihren Frauen und Chayton, ihrem Vater.

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In der Abenddämmerung erreichten Takoda und Enapay die Siedlung. Da sie den Weg am Creek entlang genommen hatten, blieb es nicht aus, dass ihnen Bewohner der Siedlung begegneten, die sich am Abend in der Nähe des Auengehölzes gewaschen hatten. Die beiden wurden mit Freudenschreien und großen Gesten empfangen, als habe jeder gewusst, dass das Glück den zweien zu verdanken war. Ohne sich lange aufhalten zu lassen suchten die beiden Chayton in seinem Wigwam auf. Er hielt gerade eine Versammlung der Weisen ab, und seine Freude und Überraschung waren groß. Überglücklich schloss er seine Söhne in die Arme.

Die versammelten Alten begegneten den jungen Männern mit größter Ehrerbietung. Sie wussten ja, jeder von ihnen, woher die beiden gekommen waren, und ahnten, dass sie das Wunder am Creek den beiden zu verdanken hatten. Lieber wäre allen gewesen, die zwei hätten Jagdbeute mitgebracht und würden schwören, den Schoß der Mutter nie gesehen zu haben. Chayton fragte dann aber seine Söhne, ob sie berichten wollten über das, was ihnen widerfahren war. Die beiden waren viel zu erschöpft für irgendwelches Taktieren und auch viel zu stolz, etwas zu erzählen, von dem jedermann wüsste, dass es nicht die Wahrheit sein konnte. So berichteten sie dem Rat, was sie in den Tagen ihrer Abwesenheit erlebt und getan hatten. Nur ihre Begegnung mit den beiden jungen Vätern verschwiegen sie. Die Weisen zeigten sich tief erschüttert darüber, dass es die weißen Siedler gewesen sein mussten, die im verbotenen Land ihr Unwesen getrieben hatten. Sie beschlossen noch in dieser Nacht, die Weißen in Zukunft genau zu beobachten und dafür alle Winnebago zu ihren Verbündeten zu machen. Zum Ende erklärte Chayton feierlich in die Runde, dass seine Söhne von diesem Tag an zusammen mit ihren auserwählten Frauen wohnen sollten. Dann wurde jeder der beiden jungen Männer zu einem neu errichteten, eigenen Wigwam geleitet, in dem jeweils eine junge Frau auf sie wartete.

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Das Leben in der Siedlung wurde wieder rege. Die gesunden Männer gingen auf die Jagd und sammelten Prärierüben, um frische Nahrung herbeizuschaffen. Das frische Wasser bekamen sie wieder geschenkt. Da es nun wieder seinen Weg im Bett des Creeks fand, trockneten die durchnässten Äcker wieder ab, und die gesund gebliebenen Frauen bestellten sie neu mit Samen, die ihnen die Clans der Nachbarschaft gespendet hatten. Es war noch früh genug im Mond der reifen Erdbeeren für eine neue Aussaat von Saubohnen und Mais. Noch vor dem Mond der farbigen Blätter konnten sie eine Ernte haben und damit neue Vorräte für den kommenden Winter. Nach einem halben Lauf des Mondes, nachdem die meisten Kranken genesen waren, feierten die Winnebago vom Clan der weisen Hirsche ein Fest zu Ehren der beiden Häuptlingssöhne, wie es diese Menschen noch niemals zuvor erlebt hatten. Obwohl sie doch nur vertraulich im Kreis des Rates von ihrer Tat berichtet hatten, schien jeder Mensch vom Clan zu wissen, was er den beiden Brüdern zu verdanken hatte. Und sie mochten den Dank auch nicht mehr zurückweisen, denn der Stolz eines Indianers war größer als seine Furcht. Die Trommel kündete allen, die sie zu hören vermochten, dass die Not des Clans hier am Creek ein Ende genommen hatte.

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Einen ganzen Mond schon lebten Takoda und Enapay mit ihren Frauen glücklich zusammen. Dann, nach einigen weiteren Tagen, das Leben in der Siedlung nahm schon fast wieder seinen normalen Lauf, setzte sich der Rat der Weisen erneut zusammen. Sie berieten sich lange unter Ausschluss des Häuptlings, weil er betroffen war durch seine Söhne, und fassten am Ende einen Beschluss, der von ihrer Ratlosigkeit bestimmt war. Selbst der Älteste konnte sich nicht erinnern, dass die Versammelten jemals keinen Rat hätten geben können. Als Chayton dann zur Versammlung gerufen wurde, fragte er die Versammelten, was der Große Geist ihnen gesagt habe.

Der Älteste sprach für alle:

„Unser Häuptling, wir müssen dir gestehen, der Rat kann nicht richten über deine Söhne, der Große Geist erlaubt es uns nicht, ein Urteil zu fällen. Zu groß war die Tat und zu groß und zu gering zugleich ist das Vergehen. Es sind deine Söhne, Häuptling, nur du allein darfst entscheiden darüber, was mit ihnen geschehen soll. Der

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Rat hat beschlossen, dass jede Entscheidung, die du triffst, das Einverständnis aller erfährt. Wir legen das Wohl unseres Clans und das Wohl deiner Söhne in deine Hände. Dankbarkeit sei dir und deinen Söhnen.“

Chayton schwieg lange tief in Gedanken, bevor er von Traurigkeit gezeichnet seine Stimme erhob:

„Also müssen wir jetzt vollziehen, was vollzogen werden muss, auch wenn unsere Herzen darüber unendlich traurig sein und sie bluten werden bis in die ewigen Jagdgründe. Also werden sie verbannt, denn das ist die Strafe für ein solches Vergehen.“

Und er presste seine rechte Hand gegen seine Brust, damit ihm das Herz nicht herausspringen möge. Er hatte gewusst, dass diese Strafe auf seine beiden Söhne zukommen würde, als er sie aussandte. Aber er hatte auch gehofft, dass die Strafe irgendwie umgangen werden könnte, da seine Söhne dem Clan doch das Überleben hier gesichert hatten. Und vor allem, da es am Ende der weiße Mann gewesen war, der zuerst das Verbotene Gebiet betreten und Bäume gefällt hatte, womit sie das ganze Unglück heraufbeschworen hatten. Aber die Regeln der Indianer waren unumstößlich, denn sie waren zum Schutz der Mutter aller, der Erde und damit zu ihrem eigenen Schutz. Und sie galten ausnahmslos für jeden Indianer.

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Die beiden jungen Väter, die Takoda und Enapay am Schoß der Mutter begegnet waren, brachten in den folgenden Nächten heimlich Langholzstangen und Häute in die Prärie, wie sie zum Bau von Tipis verwendet werden. Bei ihrer Rückkehr brachten sie das eine und das andere Mal einen gefangenen Biber mit, dessen Fleisch als Nahrung sehr willkommen war, auch wenn inzwischen nicht mehr größte Not herrschte. So waren sie mit Chaytons Einverständnis auf nächtlicher Jagd gewesen.

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Dann kam der Tag, an dem der Häuptling seine Söhne verbannen sollte. Der ganze Clan war dazu aufgerufen die Verbannung mitzuerleben, und die zwei jungen Väter waren von Chayton bestimmt, Hand an seine Söhne zu legen. Auf dass sie von jedem Indianer als Verstoßene erkannt würden, schnitten die Indianer

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Verbannten als Zeichen das rechte Ohr ab. Obwohl Gehorsam eine Tugend dieser Menschen war und Ungehorsam zum Verlust der Ehre und zur Verbannung aus dem Stamm führen konnte, verweigerten die jungen Väter die Anweisung ihres Häuptlings. Sie folgten stolz ihrem Gewissen.

Gebannt und fassungslos verfolgten die versammelten Menschen das Geschehen; zu sehr hatten sie Takoda und Enapay als Retter ihrer Siedlung gefeiert. Chayton verlor keine Worte gegen die beiden jungen Väter und führte seine Söhne ganz allein in seinen Wigwam. Als die drei nach einem Lied der Sonne wieder hervortraten, waren die rechten Schultern der beiden jungen Männer mit Blut befleckt. Nur die drei wussten, dass es Blut vom Bieber war, den die beiden jungen Väter am Tag zuvor von der Jagd mitgebracht hatten. Vor allem in den Augen der Frauen spiegelte sich Entsetzen, aber es herrschte Totenstille auf dem Platz in der Mitte der Siedlung.

Takoda und Enapay standen aufrecht und ihre Gesichter verrieten keinen Schmerz. Ihr langes schwarzes Haar ließ keinen Blick auf ihre Ohren zu, so dass auch ihre Wunden nicht zu erkennen gewesen wären. Wenn, dann waren die Wunden in ihren Herzen tiefer und schmerzhafter. Chayton erklärte sie nun zu Verbannten und forderte von ihnen als seine Söhne, den Weg in die Verbannung aufrecht und stolz allein zu finden. Keiner vom Clan der weisen Hirsche durfte sie begleiten. Sie bekamen Essensvorrat und Wasser, soviel sie tragen konnten, und mussten dann die Siedlung verlassen. Nur Trauer und Ehrfurcht begleiteten sie, als sie in die Ebene hinauszogen, und die beiden Männer spürten die Liebe aus allen Herzen der versammelten Menschen, eine Liebe, die wohl die Schmerzen ihrer Wunden stillte.

Am Abend kam der ganze Clan auf Wunsch des Häuptlings noch einmal zu einer Dankesfeier zusammen. Der Dank galt dem Großen Geist, aber insgeheim dankten die Menschen diesen beiden jungen Männern. Der Trank aus Kräutern linderte den Schmerz, den viele in ihren Herzen trugen. Und als die Sonne unterging und die Sterne heraufzogen, mögen die beiden Verbannten dem Trommelschlag und den Lobgesängen aus weiter Ferne gelauscht haben. Als sich dann die Nachtruhe über die Siedlung gelegt hatte, ging Chayton leise zu den Wigwams der Söhne, um nachzuschauen, wie es den beiden jungen Frauen ergangen war. Er fand beide Wigwams verweist vor, nichts war zurückgeblieben. In der Stille der Nacht richtete er seinen Blick den Sternen zu, die ihm eine Brücke für die Gedanken an seine Söhne

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und Töchter schlugen. Ein Lächeln ging langsam über sein Gesicht. Er streckte noch einmal seine Hände gegen den Nachthimmel und bettete sich auch zur Ruhe.

„Nun weißt du, mein junger Freund, warum wir hier an diesen Steinsäulen sitzen“, sagte der „Alte Freund“ in Gestalt eines alten Indianers. Inzwischen funkelten jetzt auch hier Myriaden von Sternen am wolkenlosen Himmel. Ich dachte über die Geschichte des Alten Freundes nach, die mich so sehr berührt hatte. Da mir nichts Klügeres einfiel, in meinem Kopf schwirrten die Gedanken regelrecht durcheinander, fragte ich:

„Was ist aus den beiden geworden?“

Eine lang empfundene Zeit erhielt ich keine Antwort vom „Alten Freund“ und ich fürchtete, er wäre einfach gegangen und hätte mich allein zurückgelassen. Dann jedoch hörte ich wie von weiter Ferne, aber dennoch gut verständlich:

„Spürst du es nicht, mein junger Freund? Sie sind hier. Hier in diesen Steinen, die die Menschen vom Clan der weisen Hirsche ihnen geweiht haben, um für ihre Rettung zu danken und den Mut der beiden jungen Männer zu ehren, die in das Verbotene Land gegangen sind, obwohl die höchste aller Strafen auf sie wartete, die Verbannung. Keiner vom Stamme der Winnebago hat sie jemals nach ihrer Verbannung wieder gesehen, und es gelangte auch keine Kunde über sie bis hierher.“

„Ich verstehe das Rechtssystem der Indianer aber nicht“, erwiderte ich. „Okay, sie haben etwas Verbotenes getan. Aber erstens, weil der Rat der Weisen es so beschlossen, und ihr Vater, immerhin der Häuptling, es ihnen angetragen hatte. Sie taten es also keineswegs in böser Absicht oder nur aus Spaß am Verbotenen. Und sie haben ja die Ursache für das Versiegen des Creeks entdeckt und beseitigt. Und schuld waren ja eh nur die weißen Siedler, die trotz des Verbotes Bäume in dem Verbotenen Gebiet schlugen und damit die Verstopfung des Zuflusses verursachten!“

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Ich hatte mich richtig in Rage geredet und hoffte, den Alten Freund endlich so weit zu bringen, dass wir eine richtige Diskussion darüber führen könnten. Aber er antwortete nicht mehr. So vermutete ich, dass er nun fest eingeschlafen war, nahm ein wenig verdrossen meinen Schlafsack aus dem Kanu und legte mich ebenfalls zum Schlafen nieder. Leise vor mich hin argumentierend, was ich morgen alles zugunsten der beiden Häuptlingssöhne würde in die Waagschale werfen wollen, schlief auch ich ein. Aber bevor ich fest eingeschlafen war, hörte ich ganz leise von weither wie ein Flüstern:

„Verstehe, junger Freund, die Menschen sind so, es darf keine Nachsicht geben, wenn es um Grundsätzliches geht, sonst werden sie immer wieder eine Begründung dafür finden, etwas zu tun, was zum Schaden an allem Leben führen wird. Trittst du einen Stein los, wird bald daraus eine Lawine. Nur die Weisen wissen, wie die Eigenart der Menschen gelenkt werden kann zum Wohle des Ganzen.“

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Als ich am nächsten Morgen aufwachte, die Sonne stand schon recht hoch über dem Horizont, sah ich, dass der Alte Freund nicht mehr an seinem Platz mir gegenüber war. Er war überhaupt nicht mehr da, wie ich nach längerem Suchen und Rufen resignierend und sehr traurig zur Kenntnis nahm. Eine große Unruhe überkam mich. Ich musste doch das Verschwinden des Alten Freundes melden. Alle Verantwortung für sein Wiederauffinden lag doch bei mir. Aber ich hatte kein Telefon, kein Feuer um mich bemerkbar zu machen, nicht einmal eine Trommel, um den Großen Geist anzurufen. Ohne die offiziellen Stellen über das Verschwinden des Alten Freundes in Kenntnis zu setzen, brachte ich mit schlechtem Gewissen das Kanu zu Wasser und fuhr allein zurück. Tief tauchte ich das Paddel ein, und mit kräftigen Schlägen trieb ich das Kanu vorwärts, um nach Hause zu kommen. Meine Lieben würden doch schon warten, und ich forderte alles von meinen Kräften, denn das Wasser war auf einmal zäh wie Honig. Warm hätte mir werden müssen bei der anstrengenden Fahrt, aber es kroch ein Gefühl der Kälte in mir hoch. Innehaltend war ich für einige Sekunden ganz verwirrt, als ich eine warme Hand auf meiner Linken zu spüren glaubte. Ich griff mit der Rechten hin, und da war sie tatsächlich, die Hand meines alten Freundes, und seine wohl vertraute Stimme drang ganz deutlich an mein Ohr:

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„Ich glaubte schon, ich müsse dich wecken oder die ganze Nacht bei dir hier ausharren. Das war ja eine wunderbar lange Reise, mein junger Freund.“

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Ich rieb mir die Augen, der Halbmond versank schon zwischen den Parkbäumen und die Sterne funkelten. Im fahlen Licht des Mondes und einer Straßenlampe von der anderen Seite des Stadtgrabens erkannte ich neben mir den Alten Freund, und ich glaube, er lächelte wieder, so wie ich es schon oft erlebt hatte.

„Nun muss ich aber nach Hause gehen“, sagte er, „und ich denke, du gehst jetzt auch, damit dir wieder warm wird. So Gott es will, bis zum nächsten Mal.“

Und er ging. Noch einmal rieb ich mir die Augen und machte mich auf den Heimweg. Das auf der Parkbank Erlebte wirkte in mir nach. Welches Glück, dass der Alte Freund nicht wirklich verschollen war. Die Gedanken kreisten auch noch um die beiden Häuptlingssöhne. Ob man mir meine Stimmung wohl ansah? Unser Hund, der mich sonst immer freudig begrüßte, lag auf seiner Decke und würdigte mich nur eines müden Blickes.

„Wo warst Du so lange? Wir haben uns schon Sorgen gemacht“, fragten mich die Lieben zu Hause. Ich setzte das Lächeln auf, das ich von meinem Alten Freund kannte, und sagte:

„Bei den Winnebago-Indianern in Wisconsin, mit meinem Alten Freund.“

Nun ja, sie lachten auch und dachten sich ihren Teil. Meine Gedanken ordneten sich dann langsam in einer großen Zufriedenheit über die gewonnene Erkenntnis. Selten habe ich so ruhig und fest geschlafen wie in dieser Nacht.

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Nachwort

Der Autor dieser fantastisch anmutenden Geschichte hat diese Form bewusst gewählt. Diese Traumreise ist ein ausgesprochen urvölkisches Phänomen. Es zeigt, wie der Mensch unter schamanischem Einfluss gleichzeitig verschiedene Bewusstseinsebenen erreichen kann, über die er durch das jeweils Erlebte Erkenntnisse gewinnen kann, Erkenntnisse, die als universales Wissen gelten dürfen und fernab jeglicher unbeweisbaren Lehren sind.

Die Geschichte vom Clan der weisen Hirsche beschreibt nicht naturmenschlich artspezifisches Verhalten einer frühen Menschengruppe. Diese Menschen waren Kulturmenschen, pflegten aber eine Kultur des gesunden Menschenverstandes im Bewusstsein um die eigene Verletzlichkeit.

Gebote und Verbote dienen in den meisten Kulturen häufig irgendwelchen Ideologien, ohne dass dem GMV ein objektiver, die vitalen Bedürfnisse der Menschen betreffender Nutzen erkennbar ist. Die nordamerikanischen Indianer entwickelten keine Ideologien, wie sie die drei monotheistischen Religionen kennzeichnen, die ihre Wurzeln in der Literatur früher nahöstlicher Geschichtenschreiber haben; sie ließen sich ausschließlich vom „Begreifbaren“ leiten. Sie bildeten kulturell bewusst eine Einheit mit der Natur, mit der sie lebten, und ihr Denken, auch das religiöse, orientierte sich an den offensichtlichen Dingen. Deshalb waren sie nicht angehalten, etwas zu glauben, sondern sie waren darauf angewiesen, zu wissen, zu wissen, was sie für das tägliche Leben und das nachhaltige Überleben brauchten. Der Glaube, wie unsere Religionen ihn verkünden und fordern, hat mehr Einfluss auf das gegen unsere Lebensgrundlagen gerichtete Handeln der Menschheit, als die Prediger es wahrhaben möchten. Nicht allein die angebliche Weisung Gottes an die Menschen: „Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die Erde untertan“ – wer glaubt, dass Gott diesen Satz so gesprochen hat, wird selig, aber nicht verantwortungsvoll –, prägt nach wie vor das Handeln der Glaubensgemeinschaften.

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Wird in der Diskussion um die ökologischen Folgen des Handelns unserer gegenwärtigen Zivilisation auf die ihre Umwelt schonende Lebensart der Indigenen Völker hingewiesen, hält der „fortschrittliche“ Mensch der Gegenwart reflexartig zu seiner eigenen

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Entschuldigung dagegen, dass diese „Wilden“ nur zu rückständig gewesen und deshalb nicht fähig gewesen seien, ihre Umwelt einschlägig zu beeinträchtigen. Würdigt man aber das Kulturgut dieser Völker, ist diese Betrachtung nicht logisch und widerlegbar. Die reichhaltige Sammlung von Kulturschätzen dieser Völker weist nach, dass sie nicht ununterbrochen alle Zeit damit verbringen mussten zu suchen, sammeln und zu jagen, um den unbedingt notwendigen Lebensunterhalt zu gewährleisten, sondern dass sie sich auch mit Kunstschaffen, Geistigkeit und Spiel die Zeit vertrieben haben. Unter dem Einfluss einer anderen Ideologie, einer anderen Lebensphilosophie wären auch sie genau wie die frühen europäischen Okkupanten in der Lage gewesen, massenweise Bäume zu fällen, und wenn nicht mit ihren Werkzeugen, dann mit den Äxten der Okkupanten. Diese wären froh gewesen, das Holz mit weniger eigener Arbeit zu gewinnen, und hätten gern noch mehr Äxte, Salz und Feuerwasser dafür geliefert. Aber, wenn diese Indigenen mit einem Baum sprechen und ihn umarmen mussten, bevor sie ihn fällten, und ihm erklären mussten, weswegen sie ihn fällen müssen, erreichten sie einfach keine Leistung im kapitalistischen Sinne. Auch hätte Buffalo Bill nicht allein die Büffelherden bis an die Grenze des Aussterbens abschlachten müssen. Die Indigenen hatten durchaus schnell gelernt mit den epochalen Jagdwerkzeugen umzugehen. Aber wenn sie den Büffel als Freund betrachteten und ihn um Verzeihung bitten mussten, bevor er ihnen seinen Körper zum Überleben hergeben sollte, waren sie einfach nicht effizient, da lohnte sich nicht der Einsatz der Gewehre. Massenweise abgeschlachtet haben sie auch mit Gewehren nicht. Wenn sie es als großen Frevel betrachteten, einen enthäuteten Büffel einfach in der Prärie verwesen zu lassen, kamen sie einfach nicht auf eine im kapitalistischen Sinne lohnende Stückzahl. Wenn nach dem Stand ihrer Möglichkeiten wegen bei ihrer Jagdmethode, dem Büffelsprung, einmal mehr Tiere in den Abgrund stürzten, als sie unmittelbar verwerten konnten, war das für sie kein Triumph über die Kreatur, sondern eine für ihr Überleben notwendige Inkaufnahme. Jedenfalls erschüttert die Tatsache, dass solches vorgekommen ist, nicht die Tatsache, dass sie über mehr als zehn Jahrtausende die Büffel nicht bis an die Grenze der Ausrottung dezimiert haben. Sie verwendeten alles bis zur letzten Faser dessen, was der Büffel ihnen gab, und die kleinflächigen Brandrodungen für ihre Anpflanzungen

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haben Flora und Fauna über die Jahrtausende gut verkraftet. Ja, sie waren primitiv.

Sie hätten sich in den Dienst der Okkupanten stellen können, denn wegen ihrer Hautfarbe allein sind sie nicht fast vollständig ausgerottet worden. Nein, sie wollten einfach nicht verstehen, was vernünftiges Wirtschaften ist, und stellten sich den Okkupanten in der Sorge um ihre Jagdgründe immer wieder in den Weg. Deshalb mussten die wenigen Überlebenden dieser Vernichtungsakte in Gebieten vegetieren, in denen es für die fortschrittlichen, zivilisierten Okkupanten nichts zu erbeuten gab. Und wenn dann später dort Öl oder andere Rohstoffe gefunden wurden, jagte man sie einfach weiter.

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Also, die Unterstellung, diese Wilden wären einfach zu primitiv gewesen, um eine Zerstörung ihrer Umwelt wirkungsvoll herbeiführen zu können, entspricht nicht der geschichtlichen Wirklichkeit. Nach einem tief in ihrer Kultur verankerten Selbstverständnis wollten sie ihre Umwelt so wenig schädigen, wie es ihr Leben ihnen ermöglichte. Ein ungeschriebenes Gesetzeswerk schrieb ihnen vor, mit der Natur und nicht gegen die Natur zu leben. Frühgeschichtliche Erkenntnisse lassen den Rückschluss zu, dass diese Mentalität auf die Erfahrung von Not zurückgeführt werden kann. Es gib archäologische Hinweise darauf, dass es in Teilen Nordamerikas vor mehreren tausend Jahren durch die starke Bejagung von bestimmten Hirscharten zu einem Zusammenbruch dieser Populationen gekommen ist – ähnlich der Ausrottung des Moa durch die Maori in Neuseeland vor wenigen Jahrhunderten. Zwar haben die Indianer wie die Maori diesen Mangel überlebt, aber es könnte zeitweise zu großer Not gekommen sein. Aus Erkenntnis und Einsicht dürfte daraus eine natürliche frühkulturelle Lebensart entstanden sein, die nicht auf einer ideologischen Grundlage, sondern auf Lebenserfahrung beruhte und von Generation zu Generation weitergetragen wurde.

Das geheimnisvoll anmutende Verbot, dieses in der Erzählung beschriebene Terrain zu betreten, ist eben auch kein ideologischer Anspruch gewesen, sondern als nichts anderes zu betrachten als die hochkonsequente, historische Ausweisung eines Wasserschutzgebietes.

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Wenn ein solches Verbot beim schamanischen Zelebrieren einen Mythos aufgesetzt bekam, diente dieser nur der Eindringlichkeit, um so auch den kleinen Geistern, die die Natur zu jeder Zeit hervorbrachte, es auf diese Weise verständlich zu machen, wenn sie die natürlichen, wirklichen Zusammenhänge nicht erfassen konnten.

So war auch hier Chayton, der Häuptling, nicht von ideologisch begründetem Formalismus getrieben. Er war sich der potentiell gemeinschädlichen artspezifischen Eigenschaften des Menschen bewusst, wie sie innerhalb einer Kulturgruppe, der Stammzelle einer Zivilisation, zutage treten konnten.

Hätte er das Betreten des verbotenen Landes mit der Begründung legalisiert, es sei zur Rettung des Clans notwendig gewesen, hätte irgendwann, vielleicht ganz bald, ein findiger Kopf in eigennütziger Absicht eine Situation geschaffen, mit der ein dem Gemeinwohl dienendes Gesetz hätte ausgehöhlt werden können. Genau nach diesem Prinzip stirbt heute schnell fortschreitend unser Lebensraum.

Der Häuptling wusste, an dem Tabu durfte nicht gerüttelt werden, ohne jede Ausnahme. Gleichwohl war jeder einzelne Mensch freier, als dieses ein Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts nur träumen kann. Die Geschichte vermittelt dem aufmerksamen Leser, dass der Häuptling mehr als jeder Richter der heutigen Zeit Gerechtigkeit über das Formale Recht stellen konnte und gestellt hat.

Er als geistiger Führer lehrte seine Anvertrauten nicht, mittels abstruser Lebensvorschriften einen vermeintlich strafenden Gott hinters Licht zu führen, wie unsere monotheistischen Lehren es gut verstehen, sondern er führte wie hier im Falle des Blutes vom Bieber auf den Schultern seiner Söhne sein Stammesvolk hinters Licht, wenn es zum Guten fürs Ganze war.

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Albert Einstein wird zitiert mit der Antwort auf die Frage, was unendlich sei:

„Das Universum und die Dummheit der Menschen.“

Diese naturgegebene „Dummheit“ der Menschen, wie auch immer sie definiert werden kann, ist heutzutage leider ein Tabuthema. Sie müsste aber kein Tabuthema sein, weil der indianische Weg mit dem Einsatz des schamanischen Geistes die „kollektive Dummheit“ erfolgreich kompensieren könnte. Gleichzeitig kontrollierte die

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indianische Gesellschaftsform die artspezifischen Eigenschaften des Menschen, die unter zivilisatorischen Bedingungen der Menschheit gefährlich werden. Dass aus dieser Betrachtung die Assoziation zu Diktatur und Führerschaft entstehen kann, ist fatal, aber es entspricht nicht der Wahrheit, denn das Regime des GMV, das diese Völker über mehr als zehn Jahrtausende erfolgreich leben ließ, war urdemokratisch.

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Fortsetzung folgt.

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Horst Rüdiger gehört zu den Vielen, welche sich später weder von Kind noch von Enkel werden sagen lassen müssen: „Papa, Grandpapa, du hast es gewusst. Warum hast du nichts gesagt?“

Danke, Horst!

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Ich stelle das 400 seitige Buch in loser Folge ein.

Verbreitung im Kreise Bekannter ist erwünscht.

Verbreitung zu gewerblichem Zwecke bedarf der Bewilligung des Autors.

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1 Kommentar

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt mir

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