bumi bahagia / Glückliche Erde

Startseite » AUTOREN » ADMIN THOM RAM » Zum 24. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten II

Zum 24. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten II

*****.

*****

Die vorliegende Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten.

Der Traum, in den die Geschichte eingebettet ist, wurde tatsächlich während einer ganzen Nacht in einer Art Wachzustand geträumt.***

Alle anderen Träume, Eingebungen und Visionen wurden ebenfalls erlebt und erfahren.

Die Zeitepoche, in die der Verfasser die Geschichte einpflanzte, soll eine gewisse Zeitlosigkeit darstellen.

Alle Geschehnisse wurden aus der Sicht des Erzählers geschildert und müssen nicht zwingend mit den Wahrnehmungen eventueller Beteiligter übereinstimmen.

Was den Glauben an das Göttliche und die Bezeichnung Gottes betrifft, wollte der Erzähler keine religiösen Begriffe und bekannte Vorstellungen verwenden.

Denn jedes abgenutzte Wort enthält unzählige Interpretationen in sich.

Die schöpfende Macht des Universums ist nach seinem Verständnis

das HÖCHSTE, existierende SEIN.

Jasper Hasenbach

*****

***Mit der Erlaubnis des Autors und mit ausserordentlichem Vergnügen gebe ich die Beschreibung jener wundersamen Nacht in dessen eigenen Worten wieder:

Vor genau vier Jahren geschah eines Nachts das Unsägliche, ich entschwand, nachdem ich mich im Bett auf die Seite drehte, ich bei vollem Bewusstsein in eine andere Dimension entschlüpfte. Dort erlebte ich das, was wir den Urzustand benennen, absolute Harmonie, absolute Liebe, absolute Freiheit, Friede und Einheit.

Wie lange der Ausflug dauerte, weiss ich nicht, aber die Auswirkungen auf mein Leben im Hier waren frappant und der Glückszustand dauerte über eine Woche lang an.

Während meinem Verweilen in der paradiesischen Dimension sprach eine klare Stimme während gefühlten Stunden zu mir, ich solle meine Erfahrungen, welche ich in meinem jetzigen Leben gewonnen habe zu Papier bringen und mit dem heutigen Erlebnis anfangen. „Und beschönige nichts“, wurde mir geboten.

Als ich am Morgen aufstand, war ich mir nicht sicher, ob ich das wirklich tun soll. Doch nach einem Morgenkaffe mit Zigi und einer warmen Dusche startete ich das Notizbuch und begann zu schreiben, was da durch meine Finger floss. Ich schrieb einfach was da in mich floss und so mancher Mosaikstein fügte sich an den richtigen Ort ein. Ich fing an zu erahnen, um was es eigentlich geht.“

Guter Leser, Vergnügen der besonderen Art sei dir bei der Lektüre beschieden.

Thom Ram, 24.12.NZ7 (Jahr 7 des Neuen Zeitalters)

.

.

Irma und ihre kleine Schwester

Von Jasper Hasenbach

Irma hatte noch eine kleine Schwester. Als Samuel das erste Mal Sarah sah, brach es ihm buchstäblich das Herz. Sie war zu Besuch bei ihrer Schwester, denn Sarah wurde nach dem Tod ihres Vaters in eine Pflegefamilie verdingt. Völlig verstört, mutterseelenallein und verletzlich stand sie Scheu vor ihm und schaute ihn mit grossen Augen an. Samuel wurde von einem tiefen Mitgefühl ergriffen und er wünschte sich einfach nur, er hätte die Macht, dieses hilflose Geschöpf zu beschützen. Wenn Kinder ihre Familie verlieren, verdingt und dadurch zum Ding werden, werden sie wie ein Baum im Sturm aus der Muttererde gerissen. Die Wurzeln der tiefen Verbundenheit zerreissen abrupt und was zurückbleibt sind klaffende Wunden, aus denen der Lebenssaft langsam ausfliesst. Starke Geschöpfe können sich einigermassen erholen, aber ganz fühlen sie sich nie mehr.

Immer, wenn Samuel am Haus der Pflegefamilie Sarahs vorbei kam, besuchte er sie. Mit der Zeit begannen sich die beiden zu mögen und er wurde zu ihrem Vertrauten. Sie begann ihm alle ihre Sorgen, Hoffnungen und Ängste zu erzählen. Gemeinsam versuchten sie Lösungen zu finden, um ihr Dasein erträglicher zu gestalten. Sarah entdeckte das Lachen wieder, denn Samuel liebte es, mit ihr zu spassen. Wenn er sie glücklich sah, fühlte er sich lebendig.

Samuel war sechs Lenze älter als Sarah. Sich dessen bewusst, zog es ihn dennoch, je älter Sarah wurde, immer näher zu ihr. Aber der Anstand verbot es ihm, sich seine Liebe ihr gegenüber einzugestehen.

Als Sarah ins heiratsfähige Alter kam, wurde sie von einem Nachbarsburschen umgarnt. Er machte ihr den Hof und sie wusste weder ein noch aus, als sie Samuel bat, ob er nicht mit Arthur sprechen könnte. Um herauszufinden, ob sie sich auf diesen Mann einlassen solle. Samuel ging zu Arthur und sprach mit ihm. Er wusste, dieser Mann kann Sarah nicht glücklich machen und das sagte er ihr auch.

“Sarah, hörst du, was dir dein Herz sagt? Wenn du Zweifel hast, dann sagt dein Herz nein, wenn es sich warm und gut anfühlt, dann sagt es ja“. Sie glaubte seinen Worten und fragte:

„Wenn ich nicht weiss, ob es richtig ist, gilt das auch als Zweifel“?

„Ja, ich denke schon. Die wahre Liebe berührt dich und macht dich glücklich. Zweifel machen traurig und unsicher. Wenn du nicht sicher bist, dann gib Arthur einen Korb“.

Sie gab ihm den Korb, aber Arthur war hartnäckig und ausdauernd. Er gab nicht locker, bis sie endlich nachgab.

Als sich Sarah mit Arthur verlobte, entschied sich Samuel, Irma zu heiraten. Sieben Lenze kannten sich die beiden bereits. In dieser Zeit glaubte Samuel noch, er tue den Willen des Höchsten und ES habe entschieden, dass er Irma heiraten solle.

Es war noch gar nicht so lange her, da hatte das Höchste ihm doch ganz deutlich offenbart, ES habe dem Menschen den freien Willen und die Entscheidungsfreiheit gegeben. Samuel erkannte erst Jahrzehnte später, dass er die Worte des Höchsten damals überhaupt nicht verstanden hatte.

*****

Enttäuscht und verstrickt

Schon kurz nach Samuels Heirat mit Irma wurde er sich schmerzhaft bewusst, dass er sich für die falsche Frau entschieden hatte. Aber die gemeinsame Tochter Victoria war bereits auf dem Weg zu ihnen. Ungewollt hatte er sie im ersten Monat nach der Heirat ins Leben gerufen. Eigentlich wollten die Frischvermählten die gesamte Welt entdecken und nun wurden ihre Pläne abrupt durchkreuzt.

Samuel war am Boden zerstört und das erste Mal in seinem Leben begann er dem Höchsten zu zürnen, sich und ES zu verfluchen und zu beschuldigen. Ausweglosigkeit und Verzweiflung machten sich in ihm breit.

An einem Samstagnachmittag führten Samuel und Irma mit ihrem Trauzeugen Gregor ein tiefgründiges Gespräch, wie diese neue Situation zu meistern sei.

Samuel kam zur Überzeugung, dass ihr gemeinsames Kind unter keinen Umständen für seine Endtäuschung verantwortlich gemacht werden durfte. So entschieden sich die beiden, in den verbleibenden sieben Monaten trotzdem noch so weit wie möglich in den fernen Süden zu reisen. Mit Ross und Wagen erreichten sie sogar die Südküste und mit einem Fährschiff segelten sie auf den schwarzen Kontinent rüber. Die Kleine im Mutterleib überstand die Reise unbeschadet und erblickte im zweiten Wintermonat gesund das Licht der Welt.

Samuel war bei der Geburt seiner Tochter dabei. Als er in die tiefblauen Augen der Neugeborenen schaute, war er von deren Reinheit unbeschreiblich berührt.

Beim Anblick seiner Tochter erfüllten tiefe Liebe, Zu-neigung, Freude und Dankbarkeit sein Herz. Diesen Augenblick vergass er nie und trug ihn seither in seinem Herzen.

*****

Gebrochene Herzen

Ein Jahr nach der Geburt von Victoria hatte Samuel einen sehr realistischen Traum. Eine seiner vielen Gaben war die Gabe des Traumes, aber die Gabe der Deutung fehlte ihm damals noch.

Er träumte, wie er mit Sarah verheiratet sei und wie glücklich sich ihr Leben gestaltete. Beide fühlten sich geborgen und vom anderen tief geliebt. Ihr Zuhause befand sich in einem paradiesischen Garten.

Ganz beschwingt und voll Liebe erwachte Samuel am Morgen. Der Traum war ihm vollständig in Erinnerung geblieben und er war sich sicher, dass sich nun alles zum Besten wenden werde.

Voller Ungeduld erledigte er die Tagesarbeiten und als er die Zeit dazu fand, schrieb er seiner Geliebten einen Brief. Sein ganzes Herz goss er über dem Papier aus, ja er war sich sicher, seine Sarah würde alles verstehen, den Traum und seine Gefühle. Den Brief legte er in ihre Stube. Sie war damals noch nicht verheiratet.

Einige Tage verstrichen, als eines Abends die Hausglocke läutete. Draussen standen Sarah und eine ihrer Tanten.

Samuel ahnte Unheil, im Blick der Tante erkannte er nichts Gutes. Sarah stand wie bei ihrer ersten Begegnung vor ihm, völlig hilflos und verstört.

Trotzdem bat er die beiden ins Haus.

Die Tante begann ihm die Leviten vorzulesen, was sich gehöre und was nicht. Dass man das, was das Höchste entschieden habe akzeptieren müsse und den Bund nicht brechen dürfe.

Samuel wurde immer kleiner, es wurde ihm übel und irgendwann begann er über all die Demütigungen zu heulen. Alles löste sich in Tränen auf. Das ganze Elend war noch viel schlimmer geworden, als es jemals zuvor war.

Sarah sass da, sagte nichts und weinte. Niemals wollte sie sein Herz brechen. Samuels Liebesgeständnis hatte sie überfordert, sie wusste nicht, was zu tun war und bat ihre Tante, ihr beizustehen.

Es war das letzte Mal, dass er Sarah bei sich zuhause sah, nur noch an Festen und Beerdigungen sahen sie sich manchmal.

Nach dem Besuch von Sarah und der Tante fiel Samuel in eine bodenlose Tiefe. Er entschied, seinem Leben ein Ende zu setzen und besorgte sich eine Kugelschleuder. Nur über den Ort seiner Hinrichtung war er sich noch nicht schlüssig.

Mit diesem Gedanken schwanger irrte er über mehrere Tage umher, bis er sich entschied, das Vorhaben vorerst auf Eis zu legen. Langsam erholte sich Samuel und ging seinen gewohnten Tätigkeiten nach. Irma bekam vom Ganzen nur wenig bis gar nichts mit, den Samuel wusste, wie er seine Gefühle überspielen konnte.

Nur die tiefe Trauer in seinen Augen verriet ihn.

Einzig seinen Bruder Jakob weihte er in sein Vorhaben ein. Er war in diesen Jahren sein engster Vertrauter.

„Fange besser mit dem Saufen oder Rauchen an, als dir eine Kugel in den Kopf zu jagen“, riet er Samuel eines Tages.

„Wenn dir alles zu viel wird, kannst du auch von Irma wegziehen und bei mir wohnen, ich habe noch ein Bett frei“.

Samuel nahm sich diesen Rat zu Herzen. Er liess das Saufen, weil es ihm schlecht bekam und endschied sich stattdessen, mit dem Rauchen zu beginnen.

Eines Tages packte er seine Taschen, band sie am Sattel seines Pferdes fest und ritt zu seinem Bruder. Irma hinterliess er einen Brief auf dem Küchentisch.

Das Dunkel um ihn wurde dadurch nicht lichter, Samuel entfernte sich noch mehr von sich selbst und verirrte sich immer tiefer in den Wirren der Welt.

Eines Tages sah er Irma auf dem Feld, die ihn bat, doch bei ihr und seiner Tochter das Mittagsmahl zu essen. Samuel willigte ein, ging mit ihr zu ihrem Haus und setzte sich an seinen Tisch. Ungewohnt fühlte es sich an, irgendwie war er fremd im eigenen Haus. Seine Tochter hatte er auch schon eine Weile nicht mehr gesehen, sie wuchs und sah fröhlich aus. Sie freute sich darüber, ihren Papa zu sehen.

Irma hatte vorzüglich gekocht, es schmeckte ihm und er genoss das gute Essen.

Plötzlich hielt Irma mit dem Essen inne, sah Samuel in die Augen und bat ihn flehend:

„Bitte Samuel, verlass uns nicht, komm doch wieder nach Hause zurück.“

Als wollte Victoria der Bitte ihrer Mutter Nachdruck verleihen, fing sie plötzlich mit weinen an. Victoria und Irma schauten ihm in die Augen und weinten beide.

Der Anblick von so viel Not zerriss beinahe Samuels Herz. Er konnte die beiden nicht im Stich lassen.

‚Es muss sich ein Weg finden‘, dachte er in seinem Herzen. Wie es weiter gehen soll, wusste er nicht. Aber er begann, sich langsam wieder seiner Familie anzunähern.

Irma gab Samuel viel Zeit, sie schlug ihm vor, doch noch ein Stück der Welt mit seinem Bruder zu erkunden.

„Ich werde in dieser Zeit schon klar kommen“, versicherte sie ihm.

So begaben sich die zwei Brüder auf eine neun Monde lange Reise, voller Abenteuerlust und ungewiss ihrer Wiederkehr. Die beiden erlebten ein Abenteuer nach dem andern und mit ihren Geschichten könnte man Bücher füllen.

*****

Eine Reise ins Ungewisse

Viele der Erlebnisse hatten sich tief in Samuels Gedächtnis eingeprägt. Sie waren mit zwei vorgespannten Pferden und ihrem Planwagen quer durch die riesige Wüste gereist, fuhren über holperige Wege durch Savannen und sumpfige Urwälder bis zur Goldküste hinunter.

Meistens suchten sie sich einen abgelegenen Ort zum Übernachten, Herbergen mieden sie. Denn nicht in jedem Ort fühlten sie sich sicher und oft wollten die Wirte sie über den Tisch ziehen.

Vor allem auf der Reise durch den Urwald wurde es schwierig, denn nur ein schmaler, oft sumpfiger Pfad führte durch den dicht bewachsenen Dschungel. Wenn sie beim Eindunkeln noch immer weit ab vom nächsten Dorf waren, was des Öfteren vorkam, liessen sie ihre Pferde langsam weitertrotten. Wenn wieder einmal so eine Nacht in Aussicht war, schauten sich die beiden wissend an.

„Heute gibt’s wieder eine lange Nacht, fährst du weiter oder soll ich dich ablösen?“ fragte Jakob mit einem Lächeln seinen Bruder.

Samuel wurde von einem wohligen Schauer überwältigt und antwortete mit einem Strahlen im Gesicht:

„Geht schon noch, aber schau mal nach, ob wir noch ein oder zwei Flaschen von diesem Malzgesöff und ein bisschen Kraut für die Pfeifen haben“. Jakob verschwand kurz ins Wageninnere, kramte in den Vorratskisten und kam mit vier Flaschen wieder zum Vorschein.

„Ha, das reicht fast für zwei Nächte und Rauchzeug ist auch genügend da“, sagte er fröhlich zu Samuel.

„Mal schauen, wie oft ich den Wagen im Schlamm absaufen lasse, dann dauert‘s sicher zwei Nächte, bis wir das nächste Dorf erreichen“. Beide lachten schallend. Frei und lebendig fühlten sie sich in solchen Momenten.

Keiner der beiden schlief, während der andere die Zügel führte. Blieben die Pferde stehen, weil sie ein bisschen fressbares Gras gefunden hatten, machten sie eine kurze Rast. Versank der Wagen im Dreck, mussten die beiden bei Laternenlicht diesen so schnell wie möglich wieder auf festen Grund bringen.

Im Morgengrauen kamen sie ans Ufer eines grossen Flusses. Endlich gab’s einen Rast und einige Stunden Schlaf.

‚Irgendwo in der Nähe gibt’s sicher ein Dorf und morgen etwas zu essen‘, dachte Samuel bei sich. Er spannte die Pferde aus, während Jakob schon schlief.

‚Soll ruhig schlafen, der Jako, morgen führt er die Zügel. Und zuerst muss er noch die Pferde auf die Fähre führen, allemal kein Zuckerschlecken‘.

Er liebte seinen jüngeren Bruder und nannte ihn gerne Jako. Samuel wurde nicht minder von Jakob geachtet und nannte diesen liebevoll Samu.

„Jako und Samu auf dem Ritt des Lebens“, sagten sie manchmal stolz zueinander. Als Zwillinge wurden sie von den schwarzen Urbewohnern gehalten und oft wurden sie verwechselt, was vor allem Samuel erfreute. Denn er himmelte seinen Bruder abgöttisch an.

So reisten sie über lange Zeit weiter, bis sie den Strand des grossen Meeres im Süden erreichten. Goldküste werde sie genannt, belehrte sie ein gebildeter Mann. Der Sand schien wirklich goldig. Sie entschieden sich, hier eine Weile zu bleiben. Nahe am Strand fanden sie eine schöne Lichtung, da wollten sie ihr Lager aufschlagen. Sie hielten an und begannen die Pferde auszuschirren.

*****

Der schwarze Vorbote

Plötzlich ritt ein schwarzgekleideter Reiter auf einem goldfarbenen Hengst auf die Lichtung zu. Alt schien der Mann mit seinem weissen Kraushaar zu sein. In seinem schwarzen Gesicht leuchteten gütige Augen.

„Einen guten Nachmittag wünsche ich euch beiden“, begann der Schwarze die Unterhaltung, als er sein Pferd vor ihnen zügelte.

„Reist ihr beide heute noch weiter oder bleibt ihr über Nacht hier?“ fuhr der Alte mit einem Lächeln fort.

Samuel, der auf der langen Reise gelernt hatte, nicht jedem zu vertrauen, wurde skeptisch und dachte insgeheim,

‚was geht dich das an‘.

Stattdessen begrüsste er den Mann mit einem knappen „Tag, Reiter. Ja wir rasten hier die Nacht über. Wir sind hier gut geschützt und schau doch, wie schön es ist. Noch ein kurzes Bad im Meer, eine gute Suppe und dann ab in die Heia“, erklärte Samuel ihr Vorhaben.

„Verbringt die Nacht besser nicht hier, dies ist eine gefährliche Gegend und viele wurden schon auf dieser Lichtung überfallen“, begann der Alte sie zu warnen.

Samuel lachte über dessen Worte und Schlug sie mit einer Handbewegung in den Wind. “Ha, uns wird schon nichts geschehen“, antwortet er ihm überheblich.

Der Alte rieb sich nachdenklich das Kinn und fragte Samuel erneut: „Könnt ihr euch denn verteidigen?“

Langsam der Fragerei überdrüssig griff Samuel hinter den Kutscherbock und zog sein langes Buschmesser hervor.

„Schau, mit dieser Klinge haue ich jeden in Stücke, wenn es sein muss. Und mein Bruder trägt seinen Bärentöter auf sich, mit dem ist nicht zu spassen“.

Abwehrend hob der Alte die Hand und sagte beschwichtigend: „Verzeiht meine Fragerei, ich wollte nur sicher gehen, dass ihr gut gerüstet seid. Aber dennoch rate ich euch, verlasst diesen Ort noch vor Sonnenuntergang“ drängte er Samuel.

„Ja, ja, schon gut, wir werden sehen. Wünsch dir noch einen guten Tag“, verabschiedete sich Samuel vom Alten und beschäftigte sich wieder mit seiner Arbeit. Mit einem kurzen Abschiedsgruss wendete der schwarze Reiter sein Pferd und ritt davon.

„Was wollte der Alte von dir?“ fragte ihn Jakob, der die Unterhaltung nicht mitbekam.

„Warnen wollte er uns, wegen Überfällen die es hier gäbe. Sollten scheint‘s hier nicht übernachten“, antwortete Samuel ihm in abschätzigem Ton.

„Gleicht denen hier, will uns denk selber Überfallen der Alte, aber da verrechnet er sich. Ich jedenfalls bleibe hier“, sagte Jakob bestimmt und entledigte sich seiner Kleidung, um endlich das Meer geniessen zu können.

„Seh ich genauso“, antwortete Samuel und zog sich ebenfalls aus.

*****

In der Brandung

Himmlisch erfrischend war das Baden im Meer. Die beiden liebten das Spielen mit den Wellen.

Ein Ureinwohner brachte ihnen einmal das Reiten der Wellen bei. Die Wellen am Südlichen Meer waren riesig, sicher drei bis vier Meter hoch. Anfangs hatten sie schreckliche Angst, bis ihnen der fröhliche Karim zeigte, wie man die ungestüme Brandung untertauchen konnte.

Oft musste man vier bis fünf Brandungswellen untertauchen, bis man ins ruhige Wasser kam. Dann befand man sich hinter den Brecher und konnte abwarten, bis die richtige Welle kam. Jede siebte Welle war optimal, fanden sie bald heraus. Sie trug die Energie der nachfolgenden sechs in sich, sie wurde quasi von diesen gestossen.

Dann kam der Augenblick der Entscheidung. Will ich diese Welle reiten oder nicht? Wenn der richtige Zeitpunkt verpasst wird, kann das Vergnügen zu einem Höllenritt ausarten.

Fängt man zu früh mit dem Paddeln an, liegt man plötzlich vor der Welle und diese bricht mit aller Gewalt auf einem nieder, so dass manchmal die Knochen krachten. Ist man unentschlossen und beginnt zu spät mit dem Paddeln, bricht die Welle urplötzlich unter einem weg und man fällt ins Bodenlose. In beiden Fällen findet man sich in der Waschmaschine der Brandung wieder.

‚Das Wellenreiten hat so manche Ähnlichkeit mit dem täglichen Leben. Sich im richtigen Augenblick auf die richtige Sache einzulassen ist eine Kunst, die erlernt sein will.

Dafür braucht’s viel Übung und manche Niederlage, bis man einigermassen weiss, was beachtet werden muss. Wie die Welle, ist auch das Leben nicht berechenbar. Aber die Erfahrung erleichtert es einem, die richtige Wahl zu treffen‘, dachte Samuel Jahre später, als er sich an die Zeit des Wellenreitens zurückerinnerte.

Mehr als einmal wären Samuel und Jakob beinahe ertrunken. Aber da es immer gut ausging, steigerten sie wenn möglich das Risiko ihrer Ritte. Sogar nachts bei Mondschein gingen sie manchmal raus in die Brandung.

Heute nahmen sie es eher ruhig. Die Dämmerung brach bald an. Der Himmel färbte sich im Westen bereits Blutrot und die Sonne stand schon dicht am Horizont. Über ihnen nahm der Himmel eine dunkelblaue, fast violette Farbe an. Lange standen beide, staunend über den ungewöhnlich schönen Sonnenuntergang, in der leichten Brandung. Jeden Moment sogen sie in sich auf, als ob es der Letzte wäre.

*****

Auf der Schlachtbank

Langsam gingen sie zu ihrem Lager zurück, denn bald wurde es Dunkel. Sie befanden sich auf der Höhe des Äquators und die Nacht folgte dem Tag in schnellen Schritten.

Als sie sich am Anziehen waren, nahm Samuel aus dem Augenwinkel drei junge Burschen wahr, die am Strand vorbeischlenderten. ‚Werden wohl Fischer sein‘, dachte er und kümmerte sich nicht weiter um sie.

Samuel stand links vom Wagen, Jakob auf der anderen Seite, beide erst mit ihrer Unterwäsche bekleidet. Plötzlich hörte Samuel den Kampfschrei seines Bruders. Verwirrt schnellte er auf und sah Jakob mit seinem Bärentöter in der Hand hinter jemandem herrennen. Samuel schaute hinter sich und sah zwei Typen wie Raubkatzen auf ihn zukommen. Schnell griff er in den Wagen und nahm sein Buschmesser zur Hand und schritt auf die beiden Angreifer zu.

Samuel schwirrte der Kopf. Wie er es schon oft in lebensgefährlichen Augenblicken erlebt hatte, verlangsamte sich auch jetzt die Zeit. Oder seine Wahrnehmung und Gedankengeschwindigkeit potenzierten sich. Denn plötzlich wusste er, dass er sich jetzt entscheiden musste, ob er töten wolle oder nicht.

„Wenn du Töten willst, muss du dich jetzt in diesem Sekundenbruchteil bewusst dazu entscheiden, nachher ist es zu spät und du wirst den Kampf nicht ausfechten können“, sprach eine innere Gewissheit zu ihm.

Samuel konnte auf niemanden seine Faust niederfahren lassen, geschweige denn eine Klinge. Oft kam es ihm vor, als würde jemand sein Handgelenk ergreifen und seinen Arm abrupt stoppen, denn auch jetzt wich alle Kraft aus ihm.

Seine schärfsten Klingen waren seine Zunge und sein Verstand und die wusste er einzusetzen. Aber gegen körperliche Gewalt konnte er sich nicht wehren. So liess er geschehen, was er nicht abwenden konnte. Er hoffte sein Bruder Jakob, der Kämpfer, würde sie aus den Klauen der drei Barbaren befreien.

Das Messer wurde Samuel aus der Hand gewunden und die Angreifer überwältigten ihn.

Am Boden liegend nahm er entsetzt wahr, dass auch sein Bruder überwältigt wurde und sein Messer verlor.

Samuels Hände wurden von einem der Angreifer auf dem Rücken festgehalten. Der Anführer kam auf ihn zu, schlug ihm in die Magengrube, so dass er wie ein Messer zusammenklappte. Als er sich krümmen wollte, schwang ihm der Anführer sein Bein ins Gesicht und Samuels Nase brach.

Sofort prasselten noch mehr Schläge auf ihn ein und Samuel verlor das Bewusstsein. Lichter und Blitze funkelten in seinem Kopf, schmerzen fühlte er aber keine.

„Her mit dem Geld oder wir töten euch!“ nahm Samuel verschwommen die Stimme des Anführers wahr.

„Gib ihm das Geld, Samu, oder sie töten uns!“ hörte er Jakob schreien.

Als er die Augen öffnete sah er, dass sein Bruder gefesselt am Boden lag. Seine Bewacher knieten auf ihm, links der eine mit dem Buschmesser, rechts der andere mit dem Bärentöter in der Hand.

‚Unsere rasiermesserscharfen Klingen an der Kehle meines Bruders‘ dachte Samuel entsetzt.

Das Geschehen hatte einen surrealen Charakter angenommen. Er kam sich wie der Beobachter eines Filmes vor, dessen Handlungen schon lange niedergeschrieben und gedreht wurden. Lustigerweise war er Zuschauer und Akteur in einem. Die Angst war bereits aus ihm gewichen und an ihre Stelle trat eine lethargische Ergebenheit.

Samuel begriff urplötzlich, was die Räuber spielten. Sie wollten die beiden Brüder gegeneinander ausspielen. Den einen Quälen um den anderen gefügig zu machen. Wenn der eine seine Haut retten wollte, starb der andere.

„Wir töten euch so oder so“, sagte der Anführer mehrere Male zu Samuel. „Also her mit der Kohle!“

An den Händen gebunden, nickte Samuel mit seinem Kinn in Richtung Wagen.

„Unter dem Kutschbock ist es, ich zeig dir wo“.

Als die beiden zum Wagen gingen wusste Samuel, dass er jetzt die Gelegenheit hätte, den Anführer zu überwältigen. Ein kurzer Blick über die Schulter hielt ihn davon ab. Wenn er das tat, würde er dadurch seinen Bruder töten.

‚Die machen kein Federlesens‘, dachte er betrübt.

Also wollte er dem Anführer das Geldversteck so schnell wie möglich zeigen, aber dieser fand es nicht.

Samuel zeigte ihm wo es war, er fand das Versteck, sah aber die Geldbündel nicht. Wie Blind schlug er auf Samuel und den Kutschbock ein, fluchte dabei, sah aber das Geld vor seinen Augen nicht.

„Schau doch, hier ist es“, Samuel zeigte mit dem Kinn auf zwei dicke Bündel Scheine, die er an der Unterseite des Kutschbocks befestigt hatte.

„Bringt den anderen her, der Hurensohn da will mir das Versteck nicht zeigen“! schrie der Anführer seinen Gehilfen zu.

Nun vertauschten sich die Rollen der beiden Brüder. Samuel fand sich gefesselt am Boden wieder, die Klinge des Bärentöters lag kalt an seiner Kehle.

Irgendwie gelange es seinem Bruder, den beiden Banditen das Geld auszuhändigen. Sie nahmen Jakob gefesselt in ihre Mitte und verschwanden mit ihm im Busch.

Samuel sah den dreien hinterher und war sich sicher, dass er seinen geliebten Bruder das letzte Mal gesehen hatte. Es tat ihm um ihn Leid, denn er konnte nichts mehr tun, ausser auf den letzten Aufschrei seines Bruders warten.

Samuel wusste, jetzt war es mit ihnen endgültig aus und eine tiefe Leere umgab ihn.

‚Dreiunddreissig Jahre alt wollte ich schon werden, wie mein Meister Jesus, jetzt sind halt nur neunundzwanzig daraus geworden. Es geht schneller zu Ende, als man denkt‘, begann Samuel seine letzten Gedanken auf Erden in seinem Geist zu formulieren.

Plötzlich wurde er sich bewusst, dass er seinem Schöpfer in einigen Augenblicken gegenüber stehen würde und IHM Rechenschaft über seine Taten ablegen musste.

Aber er konnte seine Taten gar nicht rechtfertigen, das wurde im schlagartig bewusst.

‚Vergebung ist jetzt angesagt‘, dachte er erleichtert. ‚Aber nein, jetzt um Vergebung zu bitten, nur um meine Haut zu retten, das ist reine Heuchelei. Ich habe doch alle Entscheidungen freiwillig gefällt und mit Überzeugung. Und ich machte es gern, auch die krummen Sachen. Was soll ich jetzt tun? ‘

Samuel wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab.

Er gab auf und sprach in seinem Herzen sein letztes Gebet:

Lieber Vater

Du weisst alles über mich.

Du weisst, dass ich all das, was ich tat, aus freiem Willen tat, das Schlechte wie das Gute.

Ich tat es freiwillig und tat es gern und habe das Leben genossen.

Du weisst, dass ich Dich jetzt nicht um Vergebung bitten kann.

Denn ich würde Dich und mich anlügen.

Darum lege ich meine Seele in Deine Hände.

Mach Du mit mir, was Du für richtig findest.

Dein Wille geschehe.

Eine bitte habe ich noch an Dich:

Sorge für meine Frau und meine Tochter.

Lass sie nicht aus Deinen Augen.

Amen

Samuel wurde ruhig. Alle Angst war nun von ihm gewichen und ein tiefer Frieden erfüllte ihn. Er hatte in seinen Tod eingewilligt und mit seinem Leben abgeschlossen. Was jetzt kam, lag nicht mehr in seinen Händen und er war erleichtert darüber.

‚Wie ein Schaf liege ich nun hier im Gras und warte auf meine Schächtung‘, dachte Samuel. Er war gespannt, wie es sich wohl anfühle, wenn seine Kehle endgültig aufgeschlitzt wurde. ‚Vielleicht so, wie wenn man sich beim Rasieren schneidet‘, dachte er.

Mit geschlossenen Augen lag er da und wartete auf den Tod.

*****

Fortsetzung folgt

.

Zum 23. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten I

Zum 24. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten II

Zum 25. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten III

Zum 26. Dezember / Der Traum vom Regenbogengarten IV

.

 

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: