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8. von 144 / Wie wird man etwas?

 

Heute schickete ich zuerst die Nummer Neun raus, weil ich die Nummer acht versifft hatte. Nun aber habe ich Nummer acht nochmal erhalten, vom Autor Ecky natürlich. Danke!

Thom Ram, 10.10.7

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8. Von 144  Wie wird man etwas?

Von Eckehard

Es gibt eine Menge Redensarten, die das Leben begleiten. Eine davon benutzte meine Mutter gern, wenn sie meine Fortschritte bei Tisch für unzureichend hielt: „Iß, daß du was wirst, nichts bist du schon lang.“ Ermutigend? Also zumindest nicht in der heutigen Zeit. Ich wehrte mich schon damals dagegen, dauernd „was werden“ zu sollen. „Ich bin doch schon jemand“, war meine trotzige Antwort.

Ich frage Kinder deshalb: Wie sie später sein wollen. Damit ist ihr augenblickliches Können bereits angesprochen. Das „Wie“ können sie nämlich ab sofort  beeinflussen. Will ein Junge oder Mädchen Kapitän oder Stewardess, Lokführer oder Model werden, dann können sie schon jetzt sich benehmen, als wären sie es schon.[1]

In jedem Erfolgsbuch steht wahrscheinlich zu lesen, daß man das, was man sich wünscht, man schon zu besitzen vorgeben soll. Leben als ob. Will jemand einfach nur „erfolgreich“ sein, dann sollte er so leben, als wäre er es. Wie wird ein Junge Kapitän? Er stellt sich in ein „Schiff“, auf die „Brücke“ und gibt Befehle. Ein Kind ist alles bereits, und ist im nächsten Moment etwas anderes. Es spielt sich durch alle Seinszustände.

Meine Tochter stand bei ihren Spielen als Dreijährige vor einer grauen Decke. Aus dieser baute sie eine Landschaft mit Steinen, Sand, Moos und Rindenstückchen. Dann wurde „bevölkert“: Sie war abwechselnd Zwerg, König, Hexe, Königssohn, Futter für das Pferd, das Pferd selbst, ein Unglück, ein Drache oder die Königstochter. Die Wesenheiten sprachen miteinander, und sie übernahm selbstverständlich jede Rolle.

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Die Zukunft eines Kindes erforscht man durch genaues Hinschauen, was es schon alles ist und wie es das ist. Es gibt Kinder, die wissen, dass sie klar denken können. Ihre Erzieher halten sie aber für denkfaul; Beispiel das Mathematikgenie Carl Gauß (1777-1855). Gewinnt man das Vertrauen eines solchen Kindes, dann offenbart sich eine reiche Welt. Man erfährt von Zusammenkünften in entlegenen Waldstücken, wo das Gefühl entwickelt wird, eine wichtige Gruppe zu sein, die für den Weltfrieden arbeitet und irgendwelchen Störenfrieden desselben auf die Spur kommt.

Die wenigsten Erwachsenen erfahren, was ihre Kinder untereinander besprechen. Sie wissen oft nicht, daß Zehnjährige bereits Probleme miteinander lösen. Die „Jungen“ beratschlagen, wie sie ihre unwissenden „Alten“ richtig behandeln. Unser Nachwuchs will ja niemanden bewußt kränken. Loyalität ist eine kindliche Tugend. Trotzdem fühlen sich nicht wenige Eltern, Erzieher oder Lehrer persönlich von Kindern geärgert. Aktionen von Heranwachsenden sind jedoch immer direkt auf eine nächstliegende Person bezogen.

Es ist gut sich vorzustellen: Wer könnte mein Kind im Augenblick gerade sein, wenn es beim Essen durch sein Kippeln fast vom Stuhl fällt. Erst mit diesem Eintauchen in seine Rolle, die es sich selbst nicht ganz bewußt macht, sondern darin dahin dümpelt, werden Sie gewahr, „wer“ Ihnen da die Gemütlichkeit rauben will. Es ist womöglich der nervös gewordene Seemann, der zu sein Ihr Kind oberflächlich zwar „vergessen“ hat, den Sie aber als solchen ansprechen müssen: „Herr (oder Frau) Kap’tän, die Maschinen machen voll Fahrt.“ In dem Moment erwacht in Ihrem Kind der verdrängte Traum und es kann seine Rolle darin wiederfinden. Sofort fühlt es sich von Ihnen ernst genommen und wird wie ein Kapitän bei Tisch sitzen. Sagen Sie bitte niemals: „Du wolltest doch Kapitän werden, also benimm dich entsprechend!“ Sie ahnen, warum? Kind ist schon Kapitän, mit dem Wort werden hätten Sie ihm sein jetzt erreichtes Sein gestrichen.[2]

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[1] Spielerisch, versteht sich, ohne Zwang.

[2] 26.09.2019 07:57 OEZ


Dr. Eckehard Arnold Hilf, 76593 Gernsbach

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4 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. Mujo sagt:

    Kann das alles Unterschreiben was der Eckehard sagt, ist auch meine Beobachtung.
    Vor allem schauen Kinder ganz genau wie die Erwachsene Probleme Lösen. Die Spiegeln ein wieder wo wir noch Fehler machen.

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  3. palina sagt:

    Kinder bringen aus ihrem Vorleben sehr viel mit und haben sich die Eltern ausgesucht.
    Die Kunst der Erwachsenen besteht darin, das zu erkennen und zu fördern.
    Deshalb spricht Steiner auch von „Erziehungskunst.“

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  4. eckehardnyk sagt:

    Kunst ist eine Wahrheit, die es noch nicht gibt, schrieb G. Benn in den Roman des Phänotyp. Das gilt auch für die Begleitung der Kindesentwicklung, was auch als „Erziehung“ verstanden wird. Es ist ein Unterschied, ob als Mutter, Vater, Geschwister oder Lehrer – jeder hat dabei seine Rolle, nur ist sie nicht auswendig gelernt, sondern wird in jedem Augenblick neu inspiriert. Gut, wenn man Palinas Kommentar dabei im Bewusstsein dabei hat.

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