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Leben-2

Wir setzen nachfolgend die kürzlich begonnene Abschrift eines Kapitels aus dem Buch des österreicher Heilers Rudolf Thetter (Ersterscheinen 1937 in Wien) fort.
Olle Kamellen? Eher nicht, oder?
Abschrift Luckyhans, 4. März 0006, Hervorhebungen wie im Original.
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Wieviel Tausende und Abertausende stehen vor derselben Frage? Wer löst sie uns? Die Philosophen? Sie reden in einer Sprache, die man nicht versteht, die nur Fachschulung verständlich macht.

Unsere Klassiker geben Hinweise.
In den „Briefen zur ästhetischen Erziehung“ zeigt Schiller, daß wir einer zweifachen Nötigung im Leben gegenüberstehen: der Nötigung durch die Vernunft und der Nötigung durch den Leib.
Und er findet im schönen Schein, in der Kunst, die Mitte, die Aufhebung der beiden Nötigungen und damit die Freiheit des Menschen.
Goethe spricht im „Faust“ von „zwei Seelen“ in der Brust des Menschen, von der einen, die sich im Überschwang dem Irdischen entfremdet, und der anderen, die sich allzusehr ans Irdische klammert.

Vor (angeblich) mehr als zwei Jahrtausenden sah Aristoteles im Zuviel und im Zuwenig die beiden Abirrungsmöglichkeiten des Menschen; das Sich-verlieren an die Welt im Überschwang, in Schwärmerei und – im Abschnüren von seinem wahren Wesen in Verhärtung, Verneinung, in Egoismus. Denn dies liegt im Wesen von Tollkühnheit und Feigheit.

Um in der Mitte, im wahren Menschen-Ich zu bleiben, bedarf es einer Fertigkeit, wie Aristoteles sagt, die nur durch Übung erworben werden kann, so wie wir durch Übung die Fertigkeit des Lesens und Schreibens erlangen.

Die Vernunft würde mich zwingen.
Aber die vernünftige Einsicht sieht, erschaut, unterscheidet die Wesensverschiedenheit der unser Seelenleben beirrenden beiden Mächte und, sich dazu in Beziehung setzend, unser wahres Selbst, das die Mitte hält.

Kein kategorischer Imperativ Kants, kein „Du sollst“.
Ein jauchzendes „Ich will ICH sein!“, nicht Sklave dieses oder jenes Triebes, der mich in jeder Sekunde abirren machen will.
Ich muß nur wach sein in jedem Augenblick. Das ist’s!

Mit dem Hinweis auf den wesenhaften Unterschied zwischen Verstand und Vernunft ist etwas angedeutet, was, wenn es ausgeführt würde, weit über den Rahmen dieses Buches ginge.
Wir leben heute in einem Verstandeszeitalter. Was Vernunft eigentlich ist, wissen wir kaum.

Wenn wir uns kurz fassen, können wir sagen: der Verstand ist das Prinzip der Unterscheidung, der Trennung.
Er trennt uns selbst von der Welt und er trennt die Gegenstände für unser Begreifen voneinander.
Jede Verbindung von Begriffen, die wir mit dem Verstand vornehmen, ist nur anscheinend Synthese, wenn wir etwa irgendwelche Gegenstände nach äußerlichen Merkmalen ordnen und in ein System bringen.
Die Kluft bleibt dabei bestehen – zwischen uns und den Dingen und unter den Dingen selbst (z.B. das Linnesche System des Pflanzenreiches)
(wobei die Sicht von den „Dingen“ wohl eher fraglich ist, denn in der Natur gibt es nur Veränderung, nur Vorgänge, Abläufe, Prozesse – nichts ist ewig)

Dagegen ist die Vernunft das wahrhaft vereinigende Prinzip. Sie geht auf das Ganze, auf das Wesen der Dinge und vereinigt uns mit ihm.
Der Unterschied gegen das bloß verstandesmäßige Auffassen der Dinge ist derart groß, daß der einseitig verstandesmäßig orientierte Mensch die Möglichkeit einer Erkenntnis des Wesens der Dinge überhaupt leugnet.
Der Einsichtige auf diesem Gebiet weiß, in welche furchtbar ernste Lage die moderne Menschheit dadurch geraten ist.

Für unsere Klassiker, insbesondere für Goethe, war die klare Unterscheidung von Verstand und Vernunft etwas Selbstverständliches und auch die Notwendigkeit der Betätigung von beiden, wenn wir zum vollen Menschentum kommen, uns in ihm erhalten wollen.
„Wenn wir Naturgegenstände“, sagt er, „besonders aber die lebendigen, dergestalt gewahr werden, daß wir uns einen Einblick in den Zusammenhang ihres Wesen und Wirkens zu verschaffen wünschen, so glauben wir, zu einer solchen Kenntnis am besten durch Trennung der Teile gelangen zu können.“
Goethe weist diesbezüglich auf die Zerschneidekunst, die Anatomie, und die Scheidekunst, die Chemie, als Beispiele für das, was er meint.

Aber“, sagt er weiter, „diese trennenden Bemühungen, immer und immer fortgesetzt, bringen auch manchen Nachteil hervor.
Das Lebendige wird zwar im Elemente zerlegt, aber man kann es aus diesen nicht wieder zusammenstellen und beleben.
Diese gilt schon von vielen anorganischen, geschweige von organischen Körpern. Es hat sich daher auch in dem wissenschaftlichen Menschen zu allen Zeiten ein Trieb hervorgetan, die lebendigen Bildungen als solche zu erkennen, ihre äußeren sichtbaren, greiflichen Teile im Zusammenhang zu erfassen, sie als Andeutungen des Innern aufzunehmen und so das Ganze in der Anschauung gewissermaßen zu beherrschen.“

Goethe bemerkt, daß dieses wissenschaftliche Verlangen enge Beziehungen zum Kunsttriebe, zur Kunst habe. (entnommen dem Abschnitt „Die Absicht eingeleitet“ von Goethes „Metamorphose der Pflanzen“)

Hier sind die beiden gegensätzlichen Operationen unseres Geistes auf klassische Weise einander gegenübergestellt.
Das erste, das trennende, analysierende Bestreben ist dasjenige, das wir – ganz im Sinne Goethes – die Verstandestätigkeit oder kurz den Verstand nennen können.
Das andere, die Auswirkung unserer – von der ersteren verschiedenen – Fähigkeit, aus und in lauter zerstreuten Einzelheiten ein Ganzes aufzufassen und als solches zu erkennen, wollen wir Vernunftfähigkeit nennen.

Dem Verstand verdanken wir Begriffe, der Vernunft die Idee.
Dies ist für unser Dasein von größter Bedeutung. Ohne Verstandestätigkeit bliebe unser Ideenvermögen sozusagen ohne Nahrung. Aber ohne die Vernunft bleibt es auf lauter zusammenhanglose Einzelheiten beschränkt.

Einerseits stoßen uns Menschen, in denen der Verstand vorherrscht, durch die Plattheit ihrer Anschauungen und das vollständige Aufgehen im Nützlichen ab.
Andererseits werden diejenigen leicht weltfremde Menschen, die sich nur dem Ideenvermögen allein überantworten wollen und ausschließlich in ihrer Welt liebloser Abstraktionen zu Hause sind.

Ein Beispiel möge veranschaulichen, wie beides zusammenwirken soll: Ein Rad besteht für unseren Verstand aus Speichen von verschiedenem Material, Holz oder Eisen, ferner aus dem Radkranz und der Nabe.
Aber das Wesen des Rades können wir nicht durch die Untersuchung dieser einzelnen Bestandteile ergründen, sondern nur durch unsere Vernunft, die im Zueinander aller einzelnen Bestandteile, gleichsam auf einen Blick, die Idee des Rades erfaßt.

Lao-tse sagt:
„Dreißig Speichen treffen die Nabe,
aber das Leere zwischen ihnen erwirkt das Wesen des Rades;
aus Ton entstehen Töpfe,
aber das Leere in ihnen wirkt das Wesen des Topfes;
Mauern mit Fenstern und Türen bilden das Haus,
aber das Leere in ihnen erwirkt das Wesen des Hauses.

Grundsätzlich:
Das Stoffliche birgt Nutzbarkeit,
das Unstoffliche wirkt Wesenheit.“

Hier ist im Gewande östlicher Weisheit und hoher Kunst etwas überaus Wesentliches, für alle Zeiten gültiges festgehalten.

Verstand ist die kritisch unterscheidende, sondernd verfahrende, – Vernunft die synthetisch von innen heraus anschauende und Gedanken bauende Erkenntnistätigkeit der Seele.

Der rechte Denker muß nach Gebrauch das scharfe Messer des Verstandes weglegen und mit gutwollenden Händen formen. (Goethe)

Um in uns sein zu können, haben wir einen untrüglichen Mahner, der uns nicht versucht: das Gewissen. In Ihm haben wir den sicheren Führer, um die Mitte zu halten.
„Dein selbständiges Gewissen sei Sonne deinem Sittentag.“ (Goethe)

Ich sagte, damals war ich flammende Anklage. Es wir die Zeit des überspitzten, lendenlahmen Ästhetizismus mit seinem anderen Pol, dem grobschlächtigen Materialismus, der bloß an der Oberfläche haftet.
Die Klassiker hatten wir damals ausschließlich ästhetisch gewertet. In der Gegenwart ist es beim Materialismus geblieben, bei der Genußsucht und der Jagd nach immer neuen Sensationen, um die Inhaltslosigkeit und die Leere des eigenen Innern zuzudecken.

Nur weg von uns! Nur nicht denken!“ Und so werden wir zu dem, was Goethe einen „Philister“ nennt.
„Was ist ein Philister? Ein hohler Darm, mit Furcht und Hoffnung angefüllt, daß’s Gott erbarm‘.“
Ich sagte damals war ich flammende Anklage. Heute ist mir der erschreckende Niedergang unserer Zeit ins Untermenschliche in Kenntnis des Polaritätsgesetzes ein Positives. Keimhaft, im Verbogenen, regt sich der Gegenpol einer hohen, ungeahnten, freien, herrlichen Zukunft.

Hat sie doch ein wenig Ähnlichkeit, diese Gegenwart, mit jener Zeit, da der Höllenpfuhl des römischen Cäsarenwahnes die Welt beherrschte, während tief unten in den Katakomben das Urchristentum sich bereits mit dem Höchsten verbunden hatte. (das alles – klar – nur in der „offiziellen“ Lesart)

Durch Aristoteles wurde mir klar, daß selbst die Sonne, der wir alles Leben verdanken, dem Maß unterliege. Sie wirkt Tod und Verderben in ihrem Zuviel. Denken wir an Sonnenbrand, Sonnenstich, an die Schrecken der Wüste.
Das gleiche gilt von der Nacht. Novalis besingt sie begeistert in seinen „Hymnen an die Nacht“. Doch Finsternis ohne Licht bewirkt Tod.
Nur der Wechsel, das rechte Maß wirkt Segen, Heil und Gedeihen.
Wie könnte ich sonst leben? Leben ist ein Pendeln zwischen zwei Polen. Auch wenn ich einen Schritt vorwärts tue, bleibt das andere Bein zurück; wie könnte ich sonst gehen?

Humorvoll schildert sich Goethe zwischen Lavater und Basedow:
„Und, wie nach Emmaus, weiter gings
mit Geist – und Feuerschritten,
Prophete rechts, Prophete links,
das Weltkind in der Mitten.“

Dem nackten Ja und den gepanzerten Nein fehlt das farbige Kleid des Lebens.“ (Roman Boos)
Zwischen Sympathie und Antipathie steht mitten inne das Gewissen. Über den alten Mysterientempeln standen die Worte: „Du mußt die Mitte finden.“
Die Mitte ist – allverbindend und allerlösend – der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Wenn wir die Zeit in ihrem Wesen etwas näher erfaßt haben, sehen wir sie nicht nur deutlich markiert in der Bewegung eines sichtbaren Gegenstandes, wie im Gang des Uhrzeigers oder im Lauf der Sonne usw., wir erleben sie vielmehr mit dem Gefühl, beispielsweise wenn wir sagen „Stunden erscheinen uns wie Ewigkeiten“ oder wenn wir in einem Augenblick Zusammenhänge erfassen, die zu ihrer abrollenden Darstellung viel Zeit nötig hätten.
Wenn wir die Zeit so fassen, dann kommt sie und gleichsam aus der Zukunft entgegen, immer näher und näher.
Nun ist sie Augenblick geworden, Gegenwart – in der nächsten Sekunde schon Vergangenheit.
Sie wird immer mehr Vergangenheit, immer mehr und ist endlich verblaßt, für uns nur noch in der Erinnerung erreichbar.
Drohend ungewiß und undurchdringlich steht vor uns die Zukunft; wehmütig blicken wir in die Vergangenheit, in der wir nichts mehr gut machen, nichts mehr ändern können. Sie ist unerbittlich Gesetz geworden.

Einzig und allein in dem kurzen Augenblick der Gegenwart können wir handeln – sind wir frei!
Hier spielt sich das eigentliche Leben ab, nur in der Gegenwart leben wir!
Wir sind herausgestellt aus dem Fluß des Geschehens, wir sehen nicht das Ausgleichende, Versöhnende des Schicksals im Kommenden; so können wir das Schicksal nicht verstehen.
Wir sind blind der Zukunft und ohnmächtig der Vergangenheit gegenüber.
Wir sind an das Kreuz des Augenblicks genagelt.

(Quelle: Rudolf Thetter „Magnetismus – das Urheilmittel“, 9. Auflage , Wien 1986, Verlag Gerlach und Wiedling. S. 111ff.)

(Fortsetzung folgt)


1 Kommentar

  1. David Ulf John sagt:

    Wunderbar, der Weg der Mitte führt direkt zu Gott/in die Einheit. Oder wie Neale Donald Walsh in „Gespräche mit Gott“ schreibt: der Gottesfunke in dir, das ist dein Gewissen, die leise Stimme, die immer das rechte Maß aufzeigt und dich noch nie verraten hat und nie verraten wird. Vertraue ihr mehr, und es wird dein Schaden nicht sein (sinngemäß, von mir)

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