bumi bahagia / Glückliche Erde

Startseite » AUFKLÄRUNG » ELTERN, KIND UND KINDERSTUBE – 80. von 144 – Sprechendes Wunder

ELTERN, KIND UND KINDERSTUBE – 80. von 144 – Sprechendes Wunder

Ursprachig

Eckehardnyk 14. November NZ8

1

Mit der Rede kannst du viel mehr bewirken, als dich nur intellektuell verständigen. In der aller ersten Zeit des Daseins schon gehen wir damit um, denn du erreichst bereits dein Kind, solange sein Föt noch im „Ozean Mutter“ schwimmt. Also kommt es hier keineswegs auf Verständnis oder „Kommunikation“ von Sinn, Wörtern und Sätzen an, die man „beherrscht“, sondern auf Gemütslage und Gesinnung, die übertragen und empfangen werden. In diesem Stadium – bis über das erste gelernte Wort hinaus – unterscheiden sich Menschenlaute nicht von Tierlauten. Du erreichst mehr, wenn du deinem Neugeborenen mit Maunzen, Schnalzen Gurren, Wispern, Zirpen, Schnarchen, Knurren oder sanftem Bellen etwas mitteilst, als wäre es ein Tierchen.

2

Bitte verstehe das nicht so, als solltest du vorführen, wie ein Hund oder eine Katze macht, damit es lerne, was ein Wauwau oder eine Mieze ist. Es geht um Einfühlen, Einleben in Laute, in Klänge, die das eine oder andere sein können, und dann vertraut werden mit einem Bestimmten, das beim Erklingen dieser Laute immer (zuverlässig) dabei ist und dadurch erst allmählich und dann urplötzlich eine „Bedeutung“ erlangt. Ich beobachtete im Winter bei unserem jungen Kater. daß er, wenn er den Trieb zum Draußensein spürte, schon zur Wohnungstür getollt kam, sobald ich im Flur die quietschende Schrankwand öffnete. Er hatte „gelernt“, daß mit diesem Geräusch das Herausholen einer Jacke einherging, die ich brauchte, um im Garten nicht zu frieren, in den ich ihn begleitete. Im goldenen Zeitalter (siehe 16. von 144) sind Tier- und Menschenkinder eben noch eins.

3

Doch dann, im silbernen Zeitalter (17. von 144), wird von deinem Kind bei weit mehr Klängen die Aufmerksamkeit haften bleiben, und es wird etwas heraus picken, woran niemand aus seiner Umgebung anfangs denkt und was zunächst wie ein Spielchen anmutet. Wir nennen das zwar Lallen, treffen damit aber nur das, was wir dabei hörend wahrnehmen. Im Unterschied zum Kätzchen, das schon herumspringt aber nur im Notfall einen Laut von sich gibt, verweilt dein Kind bei den Lauten und baut sich daraus ein ihm vertraut klingendes Nest. – Kennst du das Grimmsche Märchen vom singenden, springenden Löweneckerchen? Es ist das Sprechen, das in diesem Bild erworben wird. – In jedem Laut, den dein Kind unzählige Male „probiert“, also wie Suppe in den Mund nimmt und kostet, findet es einen anderen Geschmack.

4

Die Tönung der Lautwelt verwandelt sich allmählich zu einem Licht, das auf die Sachen fällt, mit denen dein Kindchen umgeht. Auch hier finden wir intim und fein den Anfang vom Prolog im Himmel von Goethes Faust (I) verborgen: Die Sonne tönt in alter Weise. In eine Sache Licht bringen, heißt: Verständnis für sie erwerben (und in „Kommunikation“ mit ihr treten). Durch das Getöne im „Lallen“ erscheint am Ende die Beleuchtung eines Dinges als Wirklichkeit, und damit die Erleuchtung im Kind: Mama ist also das, was ständig kommt, nährt, hantiert, wärmt, redet, singt, trägt und lacht!

5

Glaub deshalb nicht, daß dein Baby aufzählt, was Mutter Mama alles kann und tut und dann eine Summe zieht und Aha! ruft, ich hab’s das ist meine Mama. Eher ist es, also ob es aus einem Traum erwacht, was auch mit Sterben zu tun hat: Jäher Wechsel von einem Bewußtseinszustand in einen andern. Die Babys in ihrem Traum befühlen und probieren die Klänge solange, bis sie an ihnen eine Bedeutung entdecken, die ihnen „gehört“, mit anderen Worten: Bis sie daran „aufgewacht“ sind und fortan mit dem Lautgebilde oder Schallereignis auch etwas Bestimmtes (Wirkliches) „meinen“. Damit haben sie ein sprachliches Zeichen, das mit etwas Wirklichem kongruent ist, erworben, egal ob dieses Zeichen schon (so lautend) in der Umgangssprache existiert. Als Angehörige(r) wirst du am Ende davon Wind bekommen, was dein Kind zum Beispiel mit einem ständig wiederholten WIJA bezeichnet, und entdecken, während du es auf dem Arm hältst, daß es damit „die weißeren und schneller ziehenden Wolken unter einem dunkleren Wolkenhimmel“ anredet. Dieses Zeichen müßte (für euch beide) so bestehen bleiben, wenn es von dir bestätigt würde. Bei Zwillingen ist das manchmal so, daß sie sich in dieser ihrer „Ursprache“ gegenseitig bestätigen und sich darin verständigen können. Du wirst jedoch behutsam die gebräuchlichen Lautgebilde deiner Sprache und Sprechweise mit diesen frühkindlichen konkurrieren lassen und behutsam das „sprechende Wunder“ auch in der Muttersprache zur Geltung bringen, das heißt, nun auch in der Rede zur Kommunikation gelangen.

(c) eah 11. Januar 1999 und 15. November 2020


2 Kommentare

  1. Wolf sagt:

    Geschätzter Eckehard,

    für mich ist das, was Du hier über die Ursprache in intellektuelle Worte gefasst (fassbar gemacht) hast, eine Perle für das Bewusstsein.

    Vielen Dank dafür!

    Gefällt 1 Person

  2. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: