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Die Katzen-Spinne / Afrika

Ich veröffentliche mit dem freundschaftlichen Einverständnis des Autors

Einar Schlereth

Es gibt noch mehr seiner Feder entflossene Kostbarkeiten; eine davon ist hier zu lesen.

Thom Ram, 16.03.NZ8 (Neues Zeitalter, Jahr acht)

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Die Katzen-Spinne

Zerstreut schaute ich auf die weit geöffnete Hoftüre, auf deren weißer Fläche sich ab und zu Stuben- oder Schmeißfliegen niederließen. 

Weit südlich des Äquators saß ich am Schreibtisch und kam nicht weiter im Text. An sich war es nicht sonderlich heiß, aber subjektiv empfand man, der großen Luftfeuchtigkeit wegen, die 30 ° C als unerträglich.

Nun, ich schaute zerstreut den Fliegen zu, drehte und wendete die Wörter, die alle nicht passten, bemerkte das Auftauchen einer Spinne, schrieb einen Satz und strich ihn wieder durch, sah die Spinne einen Satz machen, der keinen Fang einbrachte. Aber plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit gefesselt. Die kleine Wolfsspinne hatte auf der anderen Seite der Türe eine große Fliege entdeckt. Sie duckte sich gleich weg, rannte auf der Kante hinunter, auf der unteren Kante entlang, bis zur Seite mit der Tür-Scharniere, auf der sie wieder hochflitzte. Ich konnte sie nur ab und zu sehen, wenn sie ganz vorsichtig über die Kante schielte, um zu sehen, ob ihr presumptives Opfer noch da war.

Ich rückte meinen Stuhl näher bis hart an den Schattenrand. Die schwarz-weiß-grau gezeichnete Wolfsspinne, etwa von der Größe eines kleinen Gurkenkernes, hatte die Koordinaten vom Standort der Fliege akkurat gespeichert und brauchte nicht mehr zu checken, um genau im Rücken der Schmeißfliege aufzutauchen. Und da wird sie zur Katzen-Spinne, die sich so platt wie möglich machte, und vorsichtig, vorsichtig sich an die Spinne ranrobbte. So wie eine Katze sich an einen Vogel ranschleicht. Nicht wie ein Wolf, der sein Opfer zu Tode hetzt. Wenn die Fliege sich eine Idee bewegte, korrigierte die Spinne sofort ihre Position, um immer ganz exakt im Rücken der Fliege zu sein.

Ja, sie schleicht. Warum? Könnte die Fliege das Getrampel der 8 Füße der Spinne denn hören, wenn sie angerannt käme? Weiß der Kuckuck. Das wird ein Kampf wie zwischen David und Goliath. Wie will diese kleine Spinne die Fliege erwischen, die mindestens um das 8- oder 10-fache größer ist? Jedenfalls macht sie den Versuch.

Jetzt sind es nur noch 10 cm, die sie von der Fliege trennen, für sie immer noch eine gigantische Entfernung. Nun bewegt sich die Fliege, will sie abfliegen? Da springt die Spinne fast 10 cm und sitzt der Fliege im Nacken und beißt zu. Die Fliege brummt los. Ende der Vorstellung. Space-shuttle. Welch grausiger Gedanke. Im Flug ausgesaugt zu werden, bis sie irgendwann erschöpft zu Boden sinkt.

Aber was denn nun? Fliege und Spinne huckepack beschreiben einen Halbkreis wie im Sessel eines altmodischen Kirmes-Karusells und kommen gemeinsam zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Die Wolfsspinne hat vor ihrem Absprung in weiser Voraussicht ihren Faden an der Tür befestigt und ihn nach der Landung auf dem Rücken der Fliege wieder eingeholt. Und nun zappelt die Fliege heftig, aber schon umwickelt der David seinen Goliath mit einem unzerreißbaren Faden und die Bewegungen der Fliege werden rasch matter und matter. Danach verschwindet sie mit dem Riesenpaket um die Ecke.

Jetzt erst atme ich tief durch. Dieser Kampf hat mich mehr gefesselt als jedes von Menschen veranstaltete Schauspiel, sei es Corrida oder Hahnenkampf, bei denen der Mensch doch immer mit gezinkten Karten spielt.

Ich rücke meinen Stuhl zurück an den Schreibtisch und habe mein Bild für das, was dem Riesen Afrika vor ein paar hundert Jahren durch den europäischen David zugestoßen ist.

Hamburg, den 4. September 1987

Einar Schlereth

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3 Kommentare

  1. palina sagt:

    schöne Geschichte.
    Bewundere die Beobachtungs-Gabe von Einar.

    Ein Blick auf seine Seite lohnt immer.

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  2. Ariane sagt:

    Nicht nur Afrika, auch Nordamerika (Indianer), Südamerika (Indios), Australien (Aborigines) UND …

    vorher den Indigenen Europas bzw. Eurasiens … was aber bisher kaum gesagt werden durfte, denn sonscht bischn ……. Ich zitiere das Haiku von totatis:

    „Flagge weht im Wind
    Nachbarn schauen wie Kind
    Ob das Nazis sind“

    Im Nachbarstädtle hängt ein Schild zum Gedenken an …
    Da steht aber: dass in der Stadt soviele jüdische Menschen wohnten, Buben die fast alle Ignaz hiessen und deswegen „Naze“ gerufen worden …

    Ein Schelm, wer …

    Gestern sass ich mit einer Dame im Café eines Seniorenheims, ja, da traute ich mich rein und durfte rein mit desinfizierten Händen. Aufeinmal klaubte sie etwas von meiner Schulter und zeigte mir dann eine winzige Spinne, die sie zerdrückt hatte. Ich hätte die Spinne wohl leben lassen und ins Freie gesetzt. Ob mich die alte Dame wohl gerettet hat? Ich bin ein großes Frau. Hihi.

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  3. eckehardnyk sagt:

    Auf Kefalonià, Insel im Ionischen Meer, sah ich ein ähnliches Schlachtgemälde. Die Spinne war zwar kleiner als die Wespe, doch ihr Netz hat den gelbschwarzen Tiger bereits gefangen. Das Entkommen sieht leichter aus, als es ist, es ist nicht, die Spinne nähert sich ihrem Gefangenen dennoch mit Vorsicht. Erstens gibt es den unablässig ausfahrenden Stachel, aber auch die Bisswerkzeuge am Kopf könnten mit ihren scharfen Kanten einen Spinnenkörper locker durchschneiden. Warum wohl nicht die Netzfäden? Wer einmal ein Spinnennetz durchlaufen hat, weiß wie mit Saugnäpchen oder klebrig das Zeug an allem haftet. Deshalb. Die Spinne wechselt behutsam ihre Waffen. Aus geschützter Stellung aus ihrem Netz bringt sie ihren giftigen Speichel in den Kreislauf des Insekts, was langsam dessen innere Auflösung in ein für Spinnentiere anscheinend nahrhaftes Gel verwandelt. Doch sind die Flügel noch immer am Wirbeln und werden geschickt mit Fäden überzogen. Erinnere ich mich richtig, dass es der Spinne ohne sich im eigenen Netz zu verfangen möglich ist, dessen offene Stellen zu durchschlüpfen und so die mit ihren Schlägen ins Netz Lücken schlagenden Flügel der immer noch um ihr Leben kämpfenden Wespe mit einem Kokon säuberlich zu umgarnen? Es dauerte ungefähr zwölf Minuten, bis das Insekt als eiserne Ration im Netz hängen blieb. Ich weiß noch – dieser Kampf liegt sechzehn Jahre zurück, ist aber doch alltäglicher Natur – dass die Spinne keineswegs über das erbeutete Nahrungsangebot Hals über Kopf herfiel und ich dem hängen gebliebenen Kampfrest noch am nächsten Tag meinen vom Schwimmen heimgekehrten Kameraden eine Erzählung widmen konnte, wahrscheinlich um einige Details genauer als hier.

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