bumi bahagia / Glückliche Erde

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75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 5 / Bombenangriff auf Virchow-Krankenhaus, Tunesien, Italien, Hochzeit

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt.

Der vorliegende Bericht wurde von meinem Vater in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert geschrieben, als vieles noch nicht vergessen war.

Die persönliche Lebensgeschichte beginnt mit der Geburt 1917 und endet 1944, kurz vor dem Zusammenbruch. Mein Vater beschreibt seine Kindheit während der Weimarer Republik, die Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933, den Polenfeldzug, seine Erlebnisse an der Westfront, den Einmarsch in die Sowjetunion, seine Erlebnisse in Afrika und  und seine Verwundung in Italien.

Teil 5

1941 – 1942 Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin

In den Winterferien meldete ich mich zur Famulatur auf der HNO Abteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin Wedding. Dieses Krankenhaus war mir schon vorher ein Begriff, denn schon vor dem Kriege war dort die Blutspendezentrale für Groß-Berlin, und dort war ich als Spender tätig‚ um meine Finanzlage als Student zu verbessern. Damals wurden kaum Blutkonserven verwendet wie heute, sondern das Blut wurde direkt vom Spender auf den Empfänger übertragen. Das ging so vor sich, dass man sich an einem bestimmten Tag im Wartezimmer der Blutspendezentrale einfinden musste. Von dort wurde man dann in ein Krankenhaus geschickt, wo Blut gebraucht wurde. Ich war der leitenden Schwester dort bekannt, und sie hatte mir schon vor dem Russlandkrieg eine Famulatur vermittelt. In dieser Abteilung gab es nicht nur freundliche Ärzte, sondern auch nette Schwestern. Schwester Ruth hatte mir damals gesagt, dass ich ihr mal wieder Guten Tag sagen solle, wenn ich mal wieder in Berlin bin. Auf der gleichen Station lief auch eine Schwester Gisela herum, mit der ich mich zwar auch schon unterhalten hatte, aber nicht verabredet hatte. Als ich nun wieder im Virchow war, habe ich Schwester Ruth begrüßt und mich mit ihr zum Abend verabredet. Wir wollten uns in Charlottenburg treffen und in irgend ein nettes Lokal gehen. Schwester Ruth kam aber nicht zum Treffpunkt, sondern ließ sich entschuldigen und schickte mir ihre Zimmerkollegin Gisela als Ersatz. Wir sind dann beide ins Café Romanum gegangen und haben dort eine Flasche Wein miteinander getrunken. Wir fanden Gefallen aneinander und haben uns schon bald wieder verabredet. So verliebten wir uns immer mehr ineinander und konnten bald einer den anderen nicht mehr entbehren.

Damals wurde der Bombenkrieg gegen die Reichshauptstadt schon immer heftiger geführt. In den Nächten war oft Fliegeralarm. Das sollte aber noch schlimmer kommen. Als das Examen begann, mussten wir dann aber alle in die Akademie einziehen, wie es üblich und sicher auch für uns am besten war. Ich habe dann im Herbst 42 mit dem Examen angefangen und ein Fach nach dem anderen hinter mich gebracht. Nach einem bestanden Fach haben wir dann immer in kleinem Kreis gefeiert und so war diese Zeit trotz aller Belastung doch irgendwie schön. Wir wussten ja: Nach dem Examen ging es wieder an die Front und ich kann nicht sagen, dass ich große Sehnsucht danach hatte

1943 Verwundung in Tunesien

Die Zeit der deutschen Siege war vorbei und der Krieg forderte einen immer höheren Blutzoll. Um nicht schon Weihnachten an die Front zu müssen, habe ich mir noch ein paar kleine Prüfungsfächer für den Januar 43 gelassen. Von Russland hatte ich auch so sehr die Nase voll, dass ich mich freiwillig zum Afrikakorps gemeldet habe. Ich wurde zu meiner großen Freude auch für Tropentauglich befunden und für Afrika vorgesehen. Russland hieß ja nicht nur Kälte, Läuse und Dreck, sondern auch Einsatz an einer Front, wo der Krieg immer grausamer geführt wurde und wo die Gefangenschaft ein ungewisses Schicksal, wenn nicht gar den Tod bedeutete. Der Hass auf beiden Seiten war riesengroß geworden und Fairness gab es im Osten nicht.

Ich bin dann also Mitte Januar mit dem Staatsexamen fertig geworden und hatte noch eine kurze Galgenfrist, um nach Würzburg zu fahren und meine Doktorarbeit zu verteidigen. Das war aber mehr eine Formsache, zumal man sich ja intensiv mit der Materie befasst hatte und das allgemeine medizinische Wissen durch das eben erledigte Staatsexamen auch noch frisch war. So waren die paar Tage auch noch schön.

Dann ging es zurück nach Berlin und ich bekam eine Tropenuniform verpasst. Zunächst musste ich nach Italien, welches ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal zu sehen bekam. Von dort sollte es dann weiter nach Tunesien gehen. In Afrika war auch die Zeit der Siege vorbei. Die deutschen Truppen mit ihren italienischen Bundesgenossen‚ die schon fast an der ägyptischen Grenze und damit am Suezkanal gestanden hatten, und unter Rommel erstaunliche Siege erkämpft hatten, waren von den Alliierten, die hauptsächlich aus Engländern, aber auch aus Amerikanern und Kolonialfranzosen bestanden, bis auf Tunesien zurückgedrängt. Die Luftüberlegenheit war verloren gegangen und der Nachschub über das Mittelmeer war eine schwierige und verlustvolle Angelegenheit geworden. So warteten wir auf ein italienisches Lazarettschiff, welches uns als Sanitätspersonal verhältnismäßig ungefährdet nach Afrika bringen sollte. Dadurch hatten wir Zeit, uns noch etwas in Italien umzusehen.

Pompeji (1942)

Zunächst waren wir in Rom und hatten dadurch die Gelegenheit, die Ewige Stadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten anzusehen und auch die Peterskirche und die vatikanischen Museen zu besuchen. Dann ging es weiter nach Neapel. Von dort aus hatten wir dann die Gelegenheit, nach Pompeji zu fahren. lch bin damals auch auf dem Vesuv gewesen, der mir einen unvergesslichen Eindruck gemacht hat, weil dort noch Lava floss und der Krater alle paar Minuten eine riesige Rauchwolke ausstieß. Als wir dann näher am Krater waren, haben wir gemerkt, dass es sich nicht nur um Rauch, sondern auch um glühende Gesteinsmassen handelte‚ die da durch die Gegend flogen. Aus dieser Zeit ist mir ein Fotoalbum erhalten geblieben. Von Neapel aus bekamen wir dann einen Marschbefehl nach Goeta, wo uns dann das Lazarettschiff Sicilia an Bord nahm. Wir sind dann an Corsica und später Sizilien vorbei über das Mittelmeer gefahren und haben auf dieser Reise wenig vom Krieg gemerkt.

Lazaretschiff Sicilia

Das Lazarettschiff war den Alliierten gemeldet und wurde in Ruhe gelassen, zumal es mit seinem weißen Anstrich und dem großen roten Kreuz gut als solches zu erkennen war. Im Casino der italienischen Schiffsoffiziere konnten wir uns an Speisen ergötzen‚ die für uns Deutsche sonst unerreichbar waren. Bei der italienischen Armee gab es unterschiedliche Verpflegung für Soldaten, Unteroffiziere‚ Offiziere und Generäle. Bei der Deutschen Wehrmacht war die Verpflegung für alle gleich‚ was ich eigentlich für selbstverständlich gehalten hatte. Als ich später erfuhr, dass es bei der Roten Armee auch so war wie bei den Italienern, wollte ich das erst nicht glauben. Aber für ein paar Tage ließen wir uns natürlich ganz gern mal verwöhnen.

Dann tauchte die afrikanische Küste auf, Delphine spielten um das Schiff herum und als wir auf der Reede von Sfax ausgeschifft wurden‚ hatten wir wirklich den Eindruck, dass wir in einem fremden Erdteil Afrika waren. Das war eine andere Welt. Viel Sand und wenig Grün und die Menschen doch anders und fremd. Die Männer hatten meist ihre langen Galsbeien an und eine rote Filzkappe auf dem Kopf und die Frauen waren schwarz vermummt und verschleiert. Davon gab es nur wenige Ausnahmen. Wir mussten uns zunächst bei einem Ersatztruppenteil melden. Dort war ein Chef, der mir dadurch in unangenehmer Erinnerung ist, dass er jeden Abend eine Zecherei veranstaltete, bei der wir mitmachen mussten. Nun war ja der tunesische Rotwein spottbillig. Er wurde in Wasserkanistern geholt und kostete der Liter 40 Pfennig. Ich hatte ihn aber bald so über, dass ich lange Jahre nach dem Kriege keinen halbroten Wein mochte.

Ich war jedenfalls froh, als ich dort weg und zu einem Feldlazarett kam, welches in Birbu-Rebka lag. Dort habe ich eine Weile auf der Inneren Abteilung gearbeitet. Eines Tages wurde ich zu einem motorisierten Schützenbatalion versetzt. Von der Motorisierung war aber nichts mehr übrig, und da unsere Sanitätsausrüstung auf 2 Eseln transportiert wurde, nannten wir uns Esel-mot. Ich war also mal wieder ganz vorn. In der Stellung mussten wir uns jeden Tag ein Deckungsloch graben, damit wir nicht nur vor Artillerieüberfällen, sondern vor allem vor der nächtlichen Kälte geschützt waren. Während am Tage oft eine schreckliche Hitze herrschte‚ wurde es gleich nach Sonnenuntergang so kalt‚ dass man sich gern in sein Loch verkroch und mit allen greifbaren Decken und dem Mantel zudeckte. Ein Lagerfeuer, welches ja auch gewärmt hätte, gab es nicht. Das hätte eine gute Zielscheibe abgegeben.

Eines Tages hatten wir in einem steilen kahlen Felsengebirge unsere Löcher und Stellungen gebaut. Von Graben konnte man nicht sprechen, denn dort war alles Fels und Geröll, mit nur ein wenig Erde dazwischen, welche einer harten und stacheligen Vegetation nur wenig Nahrung bot. Vom Feinde hatten wir schon ein paar Stunden nichts gehört oder gesehen, sodass wir ein wenig sorglos wurden. So vertrieben wir uns die Zeit damit, Schildkröten zu fangen, die dort herumliefen. Ich hatte gerade eine besonders Große erwischt, da waren plötzlich 4 Artillerieabschüsse zu hören und schon heulten die Granaten heran. Wir fielen sogleich in Deckung und die Granaten schlugen hinter uns ein. Dort war auch eine Stellung und es wurde von dort dringend um Hilfe gerufen. Wir liefen also mit unseren Utensilien dorthin und fingen an, die Verwundeten, die es dort gegeben hatte, zu versorgen. Da hörten wir wieder 4 Abschüsse und schon waren die Granaten da. Ich presste mich fest an den steinigen Boden‚ verspürte aber sogleich einen stechenden Schmerz in meiner rechten Ferse und ein Brennen an der rechten Brustseite. Ein glühender Granatsplitter hatte mir ein Loch ins Hemd gerissen und hatte eine harmlose Verbrennung gemacht. Aber im Stiefel war ein Loch und da hatte sich ein Splitter in meinen Talus, an der Spitze des Wadenbeines, eingebohrt. Ich konnte aber zunächst noch Laufen und habe die Verwundeten weiter versorgt. Dann habe ich mich beim Kommandeur abgemeldet und bin dann zum Feldlazarett in Birbou-Rebka zurückgegangen. Unterwegs nahm uns ein Auto mit. Dort wurde ein oberflächlicher Splitter entfernt. Da der andere möglicherweise das Gelenk eröffnet hatte, wurde es zunächst belassen. In der Nacht gingen dann wieder die Schmerzen los und ich war froh um meine Sanitätstasche mit dem Morphium. Am nächsten Tage wurden wir dann nach Tunis abtransportiert und in einem behelfsmäßigen Lazarett mitten in der Stadt untergebracht. Damals hatte ich ziemlich viel Schmerzen, mit dem Laufen war es vorbei und ich konnte mich nur an 2 Krücken bewegen. Da habe ich dann trotz meiner Abneigung wieder Rotwein zu mir genommen, denn er half gegen die Schmerzen.

Inzwischen kam die Front immer näher und man sprach schon von Kapitulation und auch von einer Verteidigung bis zum letzten Mann. Wir Verwundeten wollten natürlich am liebsten nach Hause und von einer Verteidigung bis zum letzten Mann wollte auch sonst keiner etwas wissen, zumal ja, anders als in Russland, die Gefangenschaft eher eine Chance war‚ den Krieg zu überleben. Einmal wurden wir schon zum Flugplatz gebracht, um dort in Transportflugzeugen über das Mittelmeer gebracht zu werden. Die Flugzeuge kamen aber nicht an. Sie sollen alle von den alliierten Jägern abgeschossen worden sein. So waren wir nicht böse‚ dass es mit dem Fliegen nichts wurde. Ein paar Tage danach wurden wir zum Hafen gebracht und da schaukelte ein schönes weißes Lazarettschiff auf der Reede. Wir wurden in kleine Schaluppen verladen und als wir auf halbem Wege zwischen dem Hafen und dem Schiff waren, heulten die Sirenen und da waren auch schon feindliche Jagdbomber heran, die sich die Schiffe, die im Hafen lagen, vornahmen. Eine Giebelfähre, die noch das Land erreichen wollte, wurde in unserer unmittelbaren Nähe versenkt. Das waren bange Minuten. Ich hatte eine Schiene am Bein und überlegte, ob man damit wohl schwimmen könne. Aber die feindlichen Piloten ließen unser mit dem Roten Kreuz beflaggtes Schiffchen in Ruhe.

An Bord des Lazarettschiffes herrschte ein fürchterliches Gedränge. Aber ich bekam doch eine Pritsche in einer Kajüte. Die Rückfahrt über das Mittelmeer ging sehr langsam vonstatten. Oft hielt das Schiff an, um Schiffbrüchige und abgeschossene Flieger‚ die im Wasser trieben, an Bord zu nehmen. Aber es war ein schönes Wetter und da bin ich denn aufs Deck gehumpelt, wo ein frisches Windchen wehte. Ich hatte es mir hinter einer Ladeluke bequem gemacht. Da hörte ich plötzlich das Motorengeräusch eines Flugzeuges. Und schon knallte es an Deck von Explosivgeschossen. Eine amerikanische Lightning mit Doppelrumpf griff noch ein paar Mal mit ihren Bordwaffen das Lazarettschiff an. Dabei gab es Tote und Verwundete. Alles was laufen und humpeln konnte wollte sich in der Tiefe des Schiffsrumpfes in Sicherheit bringen. Aber dann war wieder Ruhe. Der Pilot hatte sich wohl ausgetobt. Englische Flugzeuge zogen auch mal eine Schleife über unserm Lazarettschiff, aber zu einem gemeinen Angriff ließen sie sich nicht hinreißen. lch hatte Glück gehabt. Mein einer Schuh, den ich beim Sonnenbad ausgezogen hatte – das andere Bein lag auf der Schiene – hatte nach dem Angriff einen schönen Durchschuss.

1942 Bombenangriffe auf das Virchow-Krankenhaus

Schließlich erreichten wir Livorno und wurden im Hafen gleich in einen Lazarettzug verfrachtet, der nach München fuhr. Dort wurde ich in einem Leichtverwundetenlazarett, welches in einer Schule in der Agilolfingerstraße eingerichtet war, untergebracht. Mein Fuß heilte so langsam und bald konnte ich, wenn auch zunächst am Stock, in die Stadt gehen. Weil es mit dem Laufen noch nicht so besonders ging, konnte ich mir dann sogar ein Fahrrad ausleihen. Ich habe dann auch noch eine nette junge Frau kennen gelernt, die die Umgebung kannte, und die mir die schöne Gegend um München und an der Isar gezeigt hat. Aber alles hat ja mal ein Ende und ich wurde nach Potsdam entlassen.

Ich meldete mich dort, hatte aber zunächst noch Urlaub und ich wollte Gisela wiedersehen, zumal unser Briefverkehr in Afrika nicht geklappt hatte. Sie hatte Dienst und war in dieser Zeit gerade in Quarantäne auf der Fleckfieberstation des Virchow-Krankenhauses. Sie betreute dort vor allem Russen, die in ihren Gefangenenlagern an dieser gefährlichen Krankheit erkrankt waren. In den Lagern gab es offenbar Kleiderläuse, denn Fleckfieber wird nur durch Läuse übertragen, und wo keine Läuse sind‚ gibt es auch kein Fleckfieber. Ich hätte Gisela eigentlich gar nicht besuchen dürfen, denn sie musste in dieser Zeit abgesondert vom übrigen Krankenhausbetrieb mit ihren Pfleglingen leben. Sie durfte auch nicht mal auf ihr Zimmer gehen. Aber ich bin einfach über den Zaun geklettert und auf diese Weise konnte ich sie jeden Tag sehen. Ich wollte dann noch an die Ostsee fahren und die Mutter meines gefallenen Freundes Otto besuchen. Ich war dann auch in Köslin und Kolberg und habe damals diese Städte zum letzten Mal als deutsche Städte gesehen. Aber bald wurde es mir auch an der Ostsee langweilig und ich bin wieder nach Berlin zurückgefahren. Dann meldete ich mich zum Dienst und wurde zunächst nach Werder an der Havel versetzt.

In Werder (1943)

In Werder, einer kleinen Stadt an der Havel‚ war in einem Ausflugslokal‚ welches Bismarckhöhe hieß, ein Reservelazarett für Leichtverwundete eingerichtet. Mein Chef war ein Oberstabsarzt der als schwieriger Mensch galt. Mein Vorgänger war mir ihm überhaupt nicht ausgekommen. Nun war er allerdings ein Raubein, welches furchtbar schimpfen konnte, aber ich konnte bald feststellen‚ dass unter der rauen Schale ein gutmütiger Kern steckte und ich bin gut mit ihm ausgekommen. Er hat mir bald sehr viel verantwortliche Arbeit überlassen‚ die ich ihm gern abgenommen habe, zumal der alte Kollege ja noch eine große Landpraxis zu versorgen hatte.

Werder ist ja wegen seines Obstanbaues bekannt und die Baumblüte in Werder war für die Berliner ein Begriff. Da zogen große Scharen von Städtern hinaus, um die blühenden Berge zu sehen aber noch mehr, um den Obstwein, der dort gekeltert und ausgeschenkt wird‚ in sich aufzunehmen. Ich habe das ja selber nicht erlebt, aber vor dem Kriege muss da so Einiges los gewesen sein. Die Reichsbahn soll damals Sonderzüge von Berlin nach Werder eingesetzt haben. Für die Rückfahrt soll aber immer ein Güterzug mit Viehwagen und Stroh auf dem Bahnhof gestanden haben. Dorthinein wurden die vielen Betrunkenen gebettet, die dann erst in Berlin wieder in aller Ruhe auf einem Güterbahnhof zum selbständigen Leben erwachten. Immerhin hatten sich die Leute etwas praktisches einfallen lassen. Das war natürlich im Kriege längst vorbei‚ aber eine Flasche Obstwein habe ich auch hier und da noch auftreiben können. Landschaftlich war es dort ja sehr schön, denn die Havelseen sind dort breit, und von der Bismarckhöhe konnte ich aus meinem Fenster den Berliner Funkturm sehen, wenn schönes Wetter war. Ich konnte mir dort ein Paddelboot mieten, Gisela hat mich häufig besucht und wir haben viele schöne Fahrten auf dem Wasser gemacht. So hatten wir noch einmal eine schöne Zeit mit einander.

Der Krieg war inzwischen immer schrecklicher geworden. Hunderte von Bombern griffen in der Nacht die Reichshauptstadt an. Natürlich gab es in Werder auch Alarm und wir mussten aufstehen, aber ein eigentliches Bombenziel war Werder nicht. Bei den Angriffen hörten wir dann den Lärm von unzähligen Flugzeugmotoren, die ihre Bombenlast im Rumpf der viermotorigen Fliegenden Festungen nach Berlin schleppten. Dann wurden zunächst die sogenannten Christbäume von den Pfadfindern gesetzt, die Areale für die Bombenteppiche abzeichneten. Dann hörte man das Donnern und Zittern der Bombeneinschläge, die Flak leuchtete auch mit ihren Scheinwerfern und ab und zu sah man mal ein getroffenes Flugzeug als brennende Fackel abstürzen. Und bald war der ganze Horizont über Berlin wieder ein Meer von roten Flammen und Rauch.

Nach einem besonders schrecklichen Angriff hörte ich im Radio, dass die Gegend um das Virchow-Krankenhaus bombardiert worden war und dieses Krankenhaus schwer getroffen worden sei. Ich fuhr dann voller Sorge am nächsten Tage nach Berlin. Zu meinem Schrecken war das Haus, in dem Gisela arbeitete, von einer schweren Bombe völlig zusammengefallen. Ich ging dann zu ihrer Wohnung. Die war ausgebrannt. Aber als ich mich bei der Oberin nach Giselas Verbleib erkundigte, erfuhr ich, dass sie bei all dem selber heil geblieben war. Der Keller, in dem sie saß, hatte gehalten. Im Nachbarkeller waren aber Tote und Verwundete. Bald fand ich Gisela dann auch und habe sie mit nach Werder hinausgenommen‚ wo sie sich erst mal ausgeschlafen hat. Außer einem Köfferchen hatte sie alles verloren. Damit ging für uns die schöne Zeit in Werder zu Ende, denn sie wurde nach Marienbad im Sudetenland versetzt.

Virchow-Krankenhaus nach dem Bombenangriff

Der größte Teil der Berliner Krankenhäuser wurde wegen der Zerstörungen und der dauernden Angriffe in weniger gefährdete Teile des damaligen Reiches verlegt. So nahmen wir dann am Bahnhof Grunewald, wo der Transportzug stand, Abschied. Danach hatte ich dann auch keine große Lust mehr an Werder und war weiter nicht traurig, als ich erneut an die Front versetzt wurde. Mein Chef hätte mich gern behalten und hatte mir sogar angeboten‚ ich solle mit seiner Hilfe und seinen Beziehungen in der Heimat bleiben. Er hatte schon seine Söhne im Kriege verloren und wusste wohl schon, wie alles weiter gehen würde. Aber ich wollte da nicht mitmachen.

1943 Italien

Die Front erreichte ich bei Venafro in Italien, etwa in der Mitte zwischen Rom und Neapel. Diesmal kam ich zur Artillerie als Truppenarzt, weil ich mit meinem Splitter im Fuß nicht mehr für die Infanterie als tauglich galt. Die unmittelbare Gefährdung ist ja bei der Artillerie nicht so groß, weil sie ja nicht ganz vorn steht‚ wie die Infanteristen. So war es in der Stellung, die für mich meist in einem Steinhause war‚ verhältnismäßig gemütlich. Nur der Weg von dort zurück zum Tross, wo ich ja auch zu tun hatte, war immer eine spannende Angelegenheit. Die feindlichen Beobachter saßen auf den Höhen vor uns und konnten jedes Fahrzeug sehen, welches sich erfrechte, die Deckung zu verlassen und da herum zu fahren. Die Artillerie der Amerikaner, die auf der anderen Seite lagen‚ war auf alle Straßendecke und Wegkreuzungen und die Ortsausgänge eingeschossen. Ich habe es aber immer mit Frechheit und viel Gasgeben geschafft, den Granaten zu entwischen. Nur an einer Kreuzung, wo man abbiegen musste, konnte man nur Schritt fahren, und außerdem lagen da allerlei Bäume und Äste herum, die beim letzten Feuerschlag auf diese Stelle herumgewirbelt waren. Und mit großen Löchern in der Straßendecke musste man auch rechnen. Da haben wir dann manchmal doch ein bisschen Angst gehabt. Aber es hat uns nicht erwischt.

Nach einiger Zeit wurde ich wieder versetzt und zwar kam ich zur Heeresflak 312. Diese Truppe hatte Flak-Geschütze wie die Flak der Luftwaffe. Sie unterstand aber dem Heer und wurde nicht nur zur Luftabwehr sondern auch mit Erfolg gegen Panzerangriffe eingesetzt. Ein Flak-Geschütz kann man nämlich schneller herumdrehen als eine Kanone. So kam es, dass wir manchmal zur Luftabwehr weit hinten standen und ein andermal und besonders auf dem Rückzug weit vorn. Als die Alliierten bei Nettuno landeten, wurden wir dort auch eingesetzt. Diese Landungsoperation war so eine Art Generalprobe für ihre spätere Invasion in der Normandie. Sie hatte das Ziel, die Front‚ die damals in günstigen Abwehrstellungen bei Monte Cassino nicht zu überwinden war, in der Höhe von Rom abzuschneiden. Dies gelang aber nicht. Die deutschen Verbände konnten die gelandeten und auf Rom vorrückenden Verbände zurückwerfen. Nur als unsere Truppen in den Aktionsradius der Schiffsgeschütze der alliierten Flotte kamen, ging es nicht weiter. Damals zeigte es sich‚ dass die deutsche Luftwaffe den anderen bereits hoffnungslos unterlegen war. Sonst hätten sich gar nicht so viele Schiffe so dicht nebeneinander dort aufhalten können. Im Schutze der Abenddämmerung versuchten einzelne deutsche Bomber die massierte Flotte anzugreifen. Aber in dem unwahrscheinlichen Abwehrfeuer, welches ihnen entgegenschlug, wurden fast alle Flugzeuge abgeschossen. Wir mussten das mit ansehen, denn der ganze Krieg spielte sich dort auf einem Areal ab‚ welches ziemlich übersichtlich war und wie ich es sonst im Kriege nirgends gesehen habe. Sonst ist es so, dass der einfache Soldat und kleinere Offizier von dem Kampfgeschehen, in das er hineingeworfen wird, nur wenig weiss. Meist war zwar bekannt, ob drüben Amerikaner, Engländer, Franzosen oder Polen lagen. Panzer hörte man brummen und die Artillerie bekam man zu spüren. Sonst aber waren die Stellungen gut getarnt und eine Übersicht hatten nur die Stäbe oder die Flieger. Das war vor Nettuno ganz anders. Bei leidlicher Sicht konnte man die ganze Flotte mitsamt ihrer Ballonsperre schwimmen sehen. Und wenn man gar auf den Albanerbergen stand‚ also etwas erhöht‚ konnte man sogar die Abschüsse und Einschläge der Artillerie sehen und hören.

Auch sonst war das ein komischer Krieg. Rom war ja in der Nähe und die Ewige Stadt war aus verständlichen Gründen zur Offenen Stadt erklärt worden. Das heißt, Rom wurde nicht bombardiert. So lief dort das Leben fast wie im Frieden. Kinos und Theater waren geöffnet und wir sind einmal von der Front direkt in die Oper gefahren. Unser Stab und mein Verbandsplatz war in der Nähe von Aprilia in einem großen Weinkeller untergebracht‚ der neben einem Landhause in den lockeren Tuffstein gegraben war. Die großen Weinfässer waren bald leer und wurden dann, um Platz zu bekommen, in Stücken hinausgeschafft oder verheizt. Dort unten konnte uns keine Artillerie und keine Bombe erreichen. So konnten wir dort ruhig schlafen, auch wenn oben der Teufel los war.

Im November 43 erreichte mich eines Tages ein Telegramm meiner Eltern, indem sie mir mitteilten, dass sie total ausgebombt seien. Daraufhin bekam ich den sogenannten Bombenurlaub, um eventuell noch meine Habe sicherzustellen. In Berlin fand ich meine Eltern in der Wohnung meiner Schwester in Dahlem. Die Wohnung in der Elsässerstrasse, wo ich ja auch offiziell wohnte und meine Sachen hatte, war völlig ausgebrannt und von dem vierstöckigen Haus stand nur noch ein Teil der Außenwände. Der Keller hatte gehalten und so war wenigstens ein kleiner Teil unserer Sachen‚ die vorsorglich im Keller gelagert waren, nicht mit verbrannt. Der Verlust traf meine Eltern schwer. Sie hatten ja ihr Leben lang großen Wert auf eine schöne Wohnungseinrichtung gelegt und nun war alles hin. Die ganze Straßenseite war Haus für Haus abgebrannt, und weil es nach dem Angriff kein Wasser gab, hatte sich das Feuer von oben nach unten durch das ganze Haus gefressen. Immerhin‚ meine Eltern lebten und das war die Hauptsache. Wohin sollten nun die geretteten Sachen? Mein Vater sollte nach Breslau versetzt werden. Meine Schwester war damals nur Untermieterin und in Berlin selber bombengefährdet. Da habe ich dann den Entschluss gefasst, mein bisschen persönliche Habe zu Gisela bzw. zu ihren Eltern zu schicken. Schließlich stand mir Gisela von allen Menschen am nächsten und jetzt wollte ich‚ dass wir heirateten.

Das Eltern-Haus nach dem Bombenangriff

Ich bin dann anschließend nach Marienbad gefahren und wir waren dann noch ein paar Tage beieinander. Es war ja eine ganz schlimme Zeit. Die meisten Deutschen ahnten, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, aber zwischendurch erträumte man sich doch wieder ein gutes Ende. Aber eine Äußerung darüber, dass man selber nicht mehr an den „Endsieg“ glaubte, konnte einem Kopf und Kragen kosten. So lebte man von einem Tag auf den anderen und hatte nur den einen Wunsch, den nächsten Tag zu erleben. Dass das Überleben aber auf die Dauer eine fragliche Angelegenheit sein würde, konnte man sich an den 5 Fingern abzählen. So kam der Wunsch auf, das eigene Leben weiter zu geben an ein Kind.

Marienbad

Aber erst mal musste ich wieder an die Front. Im Weinkeller-Bunker vor Nettuno erreichte mich dann die Nachricht, dass ich Vater werden würde. Nun waren wir ja noch nicht verheiratet und das sollte nun schleunigst nachgeholt werden. Aber da gab es noch Hindernisse. Als aktiver Offizier musste ich zunächst eine Heiratserlaubnis haben. Die habe ich dann auch nach Einreichen der notwendigen Papiere bekommen. Als ich dann Heiratsurlaub haben wollte, war Urlaubssperre. So zögerte sich die Sache von Woche zu Woche hinaus. Aber schließlich wurde die Urlaubssperre aufgehoben und ich durfte reisen. Inzwischen war März geworden. In Marienbad angekommen, wurde zunächst an Eltern und Geschwister telegrafiert und das Aufgebot sollte bestellt werden. Da musste ich mit Erschrecken feststellten, dass ich die Heiratserlaubnispapiere nicht hatte. Ich ging dann zum Ortskommandanten und versicherte ihm, dass alles seine Richtigkeit habe. Aber er konnte da wohl keine Ausnahme machen. Er war aber so freundlich, telegraphisch bei meiner Division in Italien nachzufragen. Dort wurde die Richtigkeit meiner Angaben bestätigt. So konnte mit 2 Tagen Verspätung geheiratet werden. Das war von der Ungewissheit abgesehen nicht schlimm. Verwandte waren ohnehin nicht da und ob vielleicht noch jemand in letzter Minute kommen würde‚ war ungewiss. Wir sind dann einfach zum Standesamt hingegangen und weil wir Trauzeugen brauchten, habe ich auf der Straße 2 unbekannte Offiziere, die dort vorübergingen, angesprochen und sie haben mir kameradschaftlich geholfen. lch konnte ihnen nur für ihre Liebenswürdigkeit danken und sie sind dann weiter ihres Weges gegangen. So waren wir also ein Ehepaar, als wir das Standesamt verließen. Wir sind dann beide in ein Restaurant gegangen und haben uns mit der Sonderlebensmittelkarte für Hochzeiten ein sattmachendes Essen bestellt. Am Nachmittag kam meine Schwester an, und so war doch wenigste ein Mensch und sogar der liebste Mensch aus meiner Familie da.

Dann musste ich bald wieder meine jungangetraute Frau verlassen und kam wider in den gleichen Bunker, wo ich meine Kameraden von der Heeresflak 312 verlassen hatte. Die haben mir dann auch noch herzlich gratuliert. Inzwischen war schon wieder Urlaubssperre und bald kam auch der langerwartete Großangriff auf die befestigten Stellungen bei Cassino, wo die Alliierten solange nicht voran gekommen waren. Wir haben sie z. T. anfliegen sehen, die Fliegenden Festungen aus ganz Europa, die dort zu einem Einsatz massiert wurden. Es sollen über 2000 gewesen sein und alle warfen ihre Bombenlast auf die Front. Als dann nach Stunden die Polen und Marokkaner stürmten, konnten sie durchbrechen. Da soll auch nichts mehr heil gewesen sein, kein Geschütz, kaum ein MG und kein Draht nach hinten. Bald erreichte die Front den Landekopf und wir hörten und sahen zu unserem Erstaunen‚ dass sogar die Eisenbahn schon auf der anderen Seite fahren konnte, die Nachschub auf diesem Wege heranbrachte. Bald kam auch für uns der Räumungsbefehl, denn sonst wäre ja Rom zur Front geworden und das wollte man vermeiden. Als Sammelpunkt wurde für uns ein Ort angegeben, der ein ganzes Ende hinter Rom lag.

Ich hatte damals einen Dienstwagen, und zwar einen Peugeot aus Frankreich. Dieser Wagen war recht geräumig und hatte sogar‚ was die meisten deutschen Autos damals noch nicht besaßen, eine Heizung. Er hatte auch ein stabiles Schiebedach, auf dem man sitzen konnte um nach angreifenden Jagdbombern auszuschauen. Das hat uns mehrmals gute Dienste geleistet. Einer saß oben und einer fuhr. Ich hatte damals einen Fahrer‚ den ich sehr gern hatte und der mich wohl auch leiden konnte. Als er sich bei mir seinerzeit meldete, habe ich ihm‚ nachdem ich einen ersten Eindruck bekommen hatte, gesagt: “Wir wollen es so halten: Sie sorgen für mich und ich sorge entsprechend für Sie.” So haben wir es auch gehalten. Er war Sudetendeutscher aus Karlsbad und hatte zu Hause ein Hotel. Er hat dann auch wirklich immer sehr gut für mich gesorgt und ich habe ihn aus allem herausgehalten, was für ihn als Gefreiten unangenehm war. Beim Fahren haben wir uns abgewechselt‚ zumal ich der Sicherere und bei Gefahr Kaltblütigere war. Unser gemeinsames Auto hatte nun allerdings nur noch wenige Seitenscheiben und schon einige Löcher von Geschossen. Als wir uns nun Rom näherten, gab es auf einmal ein lautes Klicken hinter uns. Als wir anhielten um nachzusehen, stellten wir fest, dass direkt hinter unseren Sitzen ein größeres Geschoss den Wagen durchschlagen hatte. Einen Abschuss hatte keiner gehört.

In Rom angekommen wollten wir zunächst weiter. Aber als wir auf der Ausfallstraße hinter Rom ankamen, bot sich dort ein erschreckendes Bild. Dort hatten die feindlichen Jagdbomber gehaust. Sie hatten in die zurückströmenden Kolonnen hineingeschossen und Bomben geworfen. Überall standen brennende Fahrzeuge‚ lagen Menschen- und Pferdeleichen. Die Straße war außerdem verstopft und kaum Deckung zu finden. Und immer noch kreisten die feindlichen Flugzeuge. Wir sind dann nach Rom zurückgefahren, wo wir zunächst geschützt waren. Dicht am Vatikan haben wir zunächst gestanden. Dort waren ein paar LKWs mit Verwundeten, die nach einem Arzt verlangten und ich habe mich da betätigt. Ein Priester aus einem benachbarten Hause half auch. Er hatte Kaffee gekocht und schenkte ihn an die Verwundeten aus. Ich habe dann den Fahrer der LKWs von der Lage auf der Straße hinter Rom unterrichtet und sie wollten dann auch lieber mit der Weiterfahrt warten und sich später mir anschließen. Ich bin dann noch bis zur Engelsburg, dem Mausoleum des Kaisers Hadrian, zurückgefahren, um dort an der Tiberbrücke herauszubekommen, wann wir spätestens abrücken müssten. Eine Weile haben wir da gestanden. Dann kam ein Trupp Pioniere, die sich anschickten, die historische Brücke vor der Engelsburg zur Sprengung vorzubereiten. Ich habe dann mit dem Pionierunteroffizier, der den Trupp anführte, diskutiert und ihn vorsichtig auf den Unsinn dieses Vorhabens und die kulturellen Werte, die da verloren gingen, hingewiesen. Er zeigte sich ganz verständig und hat die Sache dann wohl so eingerichtet, dass die Brücke stehen blieb.

Engelsbrücke, mit Engelsburg im Hintergrund

Ich habe ja seitdem Rom nicht mehr besuchen können. Aber ich habe die besagte Brücke auf mehreren neuen Photographien unversehrt abgebildet gesehen und mich darüber gefreut. Schließlich kamen Infanteristen über den Fluss, die berichteten‚ dass die feindlichen Panzer bereits in der Stadt seien und dass italienische Partisanen dort anfingen, ihren Heldenmut damit zu beweisen, dass sie aus Wohnungen und Dächern auf die letzten Deutschen schossen. Da sind wir dann abgefahren und haben die LKWs mit den Verwundeten mitgenommen. Inzwischen war die Straße fast leer und wir konnten schnell unsern Sammelpunkt erreichen.

Der Rückzug ging dann immer weiter nach Norden. Der Feind rückte nur vorsichtig nach. Dort zeigte sich die vernünftige Kriegsführung der Amerikaner. Unsere Batterien wurden dort zur Panzerabwehr eingesetzt. Wenn Ami-Panzer anrollten, konnten unsere Batterien nur wenige Granaten loswerden. Die Panzer drehten nach den ersten Einschlägen um. Aber dann dauerte es keine 10 Minuten, wenn dann die Batterie nicht Stellungswechsel gemacht hatte, waren die Jagdbomber ran und dann war die Hölle los. So haben die Amerikaner ihre Menschen geschont. Material hatten sie ja genug und das ist ja immer wieder zu ersetzen.

Unsere Truppen konnten sich im allgemeinen nur in der Nacht bewegen. Am Tage durften keine größeren Kolonnen auf der Straße sein wegen der absoluten Luftherrschaft der anderen. Ich konnte das natürlich nicht immer so einrichten. Aber mit einem einzelnen schnellen Auto ist das schon leichter zu machen, als mit einer schwerfälligen Kolonne mit Zugmaschinen und LKWs. In der Gegend von Florenz bekamen wir noch einmal ein paar Tage Ruhe und konnten ausschlafen. Dann ging es weiter zurück. Es wurde wieder in der Nacht gefahren und absolut ohne Licht. Wir hörten die feindlichen Flugzeuge auch in der Nacht brummen und Bomben werfen. Wenn ein Leuchtschirm über uns schwebte, musste jede Bewegung erstarren. Meist habe ich in der Dunkelheit am Steuer gesessen, weil ich in der Nacht besser sehen konnte als mein Fahrer. Aber das ist sehr anstrengend so ganz ohne Licht.

Einmal, als ich wieder die halbe Nacht am Steuer gesessen hatte, habe ich mich todmüde in einem fremden Dorf, wo unsere Einheit in der Nacht Quartier bezogen hatte, zur Ruhe gelegt. In der Nacht gab es Alarm und Bomber griffen den Ort an. Wir suchten Deckung im Freien. Ich kannte mich müde und schlaftrunken, wie ich war, noch nicht aus und bin dabei eine Wand heruntergestürzt. Wie es recht war, weiss ich gar nicht genau. Bei diesem Sturz habe ich mir eine Talus Fraktur mit Abbruch des Wadenbeines zugezogen. Das war eine üble Verletzung. Ich kam dann noch nach Bologna in die bekannte orthopädische Klinik Ospedale Patti. Der italienische Kollege, der mich behandelte, meinte Fractura brutta. Man könne zwar eine blutige Korrektur der verschobenen Knochenteile versuchen, aber er würde mir abraten. Mein linkes Bein wurde also mit Drahtextensien eingegipst. Nun musste ich mir darüber im Klaren sein, dass ich, der ich immer so gern gelaufen war, mein Leben lang ein schlechter Fußgänger bleiben würde. Aber wer weiss, vielleicht hat mir dieser kaputte Fuß auch das Leben erhalten. Ich wurde dadurch absolut frontdienstuntauglich. Ich kam dann noch ein paar Tage in ein Sammellazarett am Gardasee, den ich vom Bett aus sehen konnte.

Dann ging es mit einem Lazarettzug Richtung Heimat. Der Zug durfte durch die neutrale Schweiz fahren‚ weil der Brennerpass ständig unter dem Feuer der feindlichen Flieger lag. Wir mussten natürlich alle Waffen abgeben und schweizer Soldaten stiegen als Aufsicht in jeden Waggon. Aber anständig war es doch und es war ein ungewohnter Anblick, ein Land zu sehen, welches Frieden hatte, wo die Bahnhöfe, Städte und Dörfer nicht verwüstet waren und alle Leute wohlgenährt und zufrieden aussahen. In Bad Reichenhall wurden wir ausgeladen. Dort habe ich dann wieder angefangen zu laufen und mein krankes Bein wieder zu belasten. Aber Schmerzen behielt ich. Trotzdem habe ich den Mut nicht sinken lassen.

Inzwischen erfuhr ich‚ dass ich ganz nah an meiner Frau mit dem Lazarettzug vorbeigefahren war. Sie war in ein Entbindungsheim nach der Insel Reichenau gegangen und hatte in Konstanz unseren Sohn zu Welt gebracht. Dabei muss sie es nicht leicht gehabt haben. Die Ärztin des Entbindungsheimes muss wohl eine rechte Schlampe gewesen sein, und erst als sie dann schließlich doch die Überweisung nach Konstanz in die Klinik veranlasst hatte, ging es mit der Geburt voran. Gisela war inzwischen wieder mit Kind bei ihren Eltern. Dorthin ließ ich mich entlassen.

Als ich dort eintraf, habe ich dann zum ersten Mal meinen Sohn gesehen. Selber muss ich wohl ein rechtes Knochengestell gewesen sein. Ich wurde dann aber gut von meinen Schwiegereltern gefüttert und habe, was kaum zu glauben ist, in 14 Tagen 14 Pfund an Gewicht zugenommen. Laufen konnte ich nur schlecht und musste mich mit einem Stock in der Hand bewegen. Als ich wieder zu Kräften gekommen war, wurde ich wieder nach Potsdam beordert und zunächst ein paar Tage nach Beelitz abgestellt. In der dortigen Heilstätte konnte ich aber den Dienst nicht schaffen, weil ich dort viel laufen und stehen sollte. Ein paar Tage war ich dann noch in Jüterbog, um Musterungen zu machen, aber dann landete ich in Marquardt bei Potsdam. Dort war im Kempinski-Hotel Schloss Marquardt ein Reservelazarett eingerichtet. Es ging da im Wesentlichen um die Rehabilitierung von Soldaten‚ die amputiert waren oder schwere Versteifungen der Glieder hatten. Da war ich an der richtigen Stelle und konnte gleich neben meinem Dienst mitbehandelt werden. Der Leiter war ein Gynäkologe aus Potsdam, ein Oberstabsarzt. So ganz warm bin ich nicht mit ihm geworden. Nun hatte er allerdings auch immer keine Zeit und hat mir bald die meiste ärztliche Arbeit überlassen. Und das war mir recht.

Nun hatte ich natürlich den Wunsch, Frau und Kind bei mir zu haben. Unter Schwierigkeiten habe ich dann ein möbliertes Dachzimmer im Gärtnerhaus des Schlosses bekommen. Eines Tages kam dann meine Frau mit unserm Kind an und wir fingen an, eine Familie zu werden. Seitdem sind wir dann bis heute zusammengeblieben. An dieser Stelle will ich dieses Buch beschließen. Die Jugend war ja noch nicht vorbei, aber mit dem Eheleben beginnt wohl bei jedem ein neuer Lebensabschnitt.

Nachwort von Räuber Hotzenplotz

Leider endet der Bericht im Jahre 1944, er hat ihn nie fortgesetzt. Heute verstehe ich, warum mein Vater den Bericht nicht weiterschreiben konnte. Von meiner Mutter erfuhr ich später, was sich abspielte, als die Front meine Eltern überrollte. Das waren so schreckliche Tage, dass sich mein Vater strafbar gemacht hätte, wenn er ehrlich über diese Zeiten des „Zusammenbruches“ im Jahre 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee, über die Hungerjahren nach dem Kriege und über die Zeit der kommunistischen Machtübername berichtet hätte.

Hier geht es zum Teil 1

Hier geht es zum Teil 2

Hier geht es zum Teil 3

Hier geht es zum Teil 4


3 Kommentare

  1. eckehardnyk sagt:

    In früheren Kriegen wäre nach dem kriegsentscheidenden letzten Waffengang ein Friede geschlossen worden. Bis auf den Angriff auf das Lazarettschiff, die Partisanenschüsse und die Bombardierung von Wohngebieten ist in dem Bericht von keinem „Verbrechen“ die Rede. Sollte ein Friedenswille bestanden haben, wäre er nach Stalingrad sicher zum Ziel gelangt, jedoch lässt die Fortsetzung des Krieges bis zur „bedingungslosen Kapitulation“ den Schluss auf ein erweitertes Kriegsmotiv zu. Dies wurde nach Bekanntwerden der diversen Pläne zur Niederhaltung der Deutschen hinlänglich bekannt.
    Ich selbst habe einen damals 17jährigen Bruder als Soldat noch Anfang 1945 verloren. Meine Eltern waren, Vater FreiGeist und Mutter Anthroposophen, natürlich gegen das Regime von „Nazis und SS“ (O-Ton Mutterns).
    Ich gehe davon aus, dass uns Deutschen die Geschichte ebenso abhanden gekommen ist, wie den Russen unter Stalin und seinen Nachfolgern, den Amis unter Roosevelt und den Briten unter Edward Grey, Chamberlain und Churchill. Was das heißen soll? Eso ein: Die Völker haben ihre „Natur“ und damit ihren Geist an eine Art Geiselnehmer abgeben müssen, die nur noch die Absichten einer fremden Macht vertreten. Diese Art von Macht ist anonym, also auch keiner Nation verpflichtet, sondern nur ihrem Auftraggeber, dessen Aufgabe es zu sein scheint, die Erde wie Billionen anderer Planeten unbewohnbar zu machen, damit das geistig-physische Wesen MEnsch keine Bleibe habe, um seine nur unter Erdbedingungen erringbare Freiheit zur Liebe zu verwirklichen.
    Es sieht nun so aus, dass ausgehend von erwachten Menschen in allen in den Krieg maßgeblich gezwungen Völkern eine wirklich friedvolle Führungsschicht entsteht. Die dazu notwendig christlich imprägnieren Seelen machen sich in dieser und nächstliegenden Zeit bereit inkarniert zu werden. Was ich mit „Sternfähre“ hier vor etwa 15 Monaten beschreiben lassen durfte, ist als geistig reale Einstiegschleuse vorhanden und bedarf eurer Gedanken, damit sich (Eso aus) in absehbarer Zeit das Leben auf der Erde durch öffentlich erlebbare Wahrheit in den Menschen aller Sprachen und Stämme ereignen kann.

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  2. palina sagt:

    ich danke sehr für diesen Bericht.

    Wenn ich mir vorstelle, dass die Verantwortlichen in Saus und Braus gelebt haben, Hunger haben die nie kennen gelernt, dann ist das so verwerflich.

    Es ist immer das gleiche „Spiel“.

    Das Volk muss herhalten um ein paar Leute noch reicher zu machen.

    Denke auch wie Ecky, dass sich Seelen hier inkarnieren, die diesem Treiben ein Ende setzen werden.

    Oder habe ich da was falsch verstanden, Ecky?

    Liken

  3. Drusius sagt:

    Was man als Hintergrund wissen sollte:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_Bengalen_1943

    Massenmord durch die Herrscher:
    Die Hungersnot in Bengalen 1943 betraf die Präsidentschaft Bengalen im damaligen Britisch-Indien während des Zweiten Weltkrieges. Die Zahl der Hungertoten wird auf 1,5 bis 4 Millionen geschätzt.Die Hungersnot gilt als die größte humanitäre Katastrophe in Britisch-Indien und im gesamten britischen Kolonialreich im 20. Jahrhundert.

    Während der Hungersnot sei es Churchills einziges Interesse gewesen, die gute Versorgung der britisch-indischen Armee und des britischen Mutterlandes sicherzustellen. Seine einzige Antwort auf ein Telegramm des Vizekönigs Archibald Wavell, in dem dieser die Freigabe von Nahrungsmittelspeichern erbat, war die Frage gewesen, warum Gandhi denn nicht auch verhungert sei.[5] Seiner Geringschätzung für die Inder gab Churchill gegenüber Leopold Stennett Amery, dem Secretary of State for India Ausdruck: „Ich hasse Inder, […] sie sind ein tierisches Volk mit einer abscheulichen Religion.“ („I hate Indians […] They are a beastly people with a beastly religion“). Die Hungersnot sei ihre eigene Schuld und eine Folge davon, dass sie sich „wie die Karnickel vermehren“ („breeding like rabbits“)….

    Der Politik des britischen Premierminister Winston Churchill wird eine entscheidende Verantwortung zugeschrieben. Ferner verschärften verschiedene Faktoren die Hungerkatastrophe. Zum einen wirkte sich eine Dürre aus. Zum anderen war nach dem Fall von Singapur die britische Kronkolonie Burma im März 1942 von den Japanern erobert worden, so dass die Reis-Importe, mit denen Bengalen zu Friedenszeiten zum Teil versorgt worden war, nicht mehr zur Verfügung standen. Indien hatte während der Hungernot massenhaft Nahrungsmittel nach England zu liefern.

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