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75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 4 / Unternehmen Barbarossa

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt. Zum Glück sind uns aus der Zeit vor 1945 Augenzeugen-Berichte erhalten geblieben, die uns zeigen, wie normale Menschen diese Zeit erlebt und empfunden haben. 

Der vorliegende Bericht wurde von meinem Vater in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert geschrieben, als vieles noch nicht vergessen war. Mein Vater war damals Landarzt und lebte, mit seiner Ehefrau, in einem kleinen Dorf in der kommunistischen DDR.

Die persönliche Lebensgeschichte beginnt mit der Geburt 1917 und endet 1944, kurz vor dem Zusammenbruch. Mein Vater beschreibt seine Kindheit während der Weimarer Republik, die Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933, den Polenfeldzug, seine Erlebnisse an der Westfront, den Einmarsch in die Sowjetunion, seine Erlebnisse in Afrika und  und seine Verwundung in Italien.

Räuber Hotzenplotz im Jahre 08 der Neuen Zeitrechnung

Persönlicher Bericht über die Zeit von 1917 bis 1944

Teil 4

Räuber Hotzenplotz im Jahre 08 der Neuen Zeitrechnung

1941 Sowietunion – Unternehmen Barbarossa

Im Sommer 41 war unsere Zeit in Erlangen zu Ende und wir wurden wieder zu einem Ersatztruppenteil geholt und danach wieder zur 17. Infanteriedivision abgestellt. Ich wurde wieder Hilfsarzt bei einem Infanteriebataillon. Die Truppe lag wieder in Polen in der Nähe der Demarkationslinie zum russisch-besetzten Gebiet. Der Sommer 41 war sehr warm und wir führten zunächst ein faules Leben. Bald merkten wir aber, dass sich etwas anbahnte. Immer mehr Truppenteile erschienen in den umliegenden Dörfern, Panjewägelchen mit eingezogenen polnischen Bauern‚ die aber keine Uniform trugen, wurden uns zugeteilt und sogar Sprengwagen der Warschauer Straßenreinigung tauchten eines Tages auf, die als Wassertransporter dienen sollten. Zu solchem Zweck dienten neue Jauchefässer, die auf Pferdewagen montiert wurden. An einen Krieg mit der Sowjetunion konnten wir nicht glauben. Es bestand da doch ein feierlicher Freundschafts- und Nichtangriffspakt. Es wurde gemunkelt, es bestünde ein Abkommen mit den Sowjets‚ nachdem wir freien Durchzug durch sowjetisches Territorium haben sollten‚ um über den Kaukasus hinaus nicht nur den Suezkanal, sondern auch die arabischen Ölfelder zu besetzen und damit den Engländern eine Lebensader abzuschneiden.

Am 22. Juni wurden wir früh geweckt, im Rundfunk ertönte eine neue Fanfare, der Führer sprach zum Deutschen Volk und seinen Soldaten. In seinem Aufruf stellte er es als die historische Pflicht der Deutschen hin, die Welt vom Bolschewismus zu befreien und den Völkern Russlands die ersehnte Freiheit zu bringen. Vor allem gelte es aber‚ einem bekannten Angriffsplan der Bolschewisten gegen unser Vaterland und gegen das ganze kultivierte Abendland zuvor zu kommen. Wir hörten in der Ferne Artillerie schießen. Und dann begann auch für uns wieder der Krieg.

Unser Infanterieregiment war nicht motorisiert und konnte sich also nur im Schritttempo bewegen. Von dem angeblich angriffsbereiten Feind bekamen wir zunächst überhaupt nichts zu sehen. Ich kann mich noch an holprige, staubige, schnurgerade Landstraßen ohne die bei uns üblichen Chausseebäume erinnern. Es war sehr warm und die Sonne brannte unbarmherzig. Unsere Soldaten schwitzen in ihren feldgrauen Tuchuniformen. Einige bekamen einen Hitzeschlag. Ich hatte ein Pferd zu meiner Verfügung und so konnte ich meine Beine schonen. An den Dorfbrunnen, die wir passierten, gab es erregte Auseinandersetzungen zwischen durstigen Soldaten und ihren Offizieren, die ihnen das Wassertrinken auf höheren Befehl hin verbieten mussten. Man fürchtete vergiftetes Wasser und bakterielle Verseuchung. Es sollte nur solches Wasser getrunken werden, welches ausdrücklich als Trinkwasser deklariert war. Und das war nur ausnahmsweise der Fall.

So marschierten wir Tag für Tag immer weiter nach Osten und legten dabei zwischen 40 und 60 km am Tage zurück. Manchmal lagen am Wege ausgebrannte Fahrzeuge, Panzer und Flugzeuge. Einmal kamen auch 3 „Ratas“ (Flugzeuge) und wollten uns beharken (beschiessen). Dabei wurde eine Maschine unter großem Hallo abgeschossen. Sonst sahen wir nichts vom Feinde.

In den Dörfern und Städtchen, in denen wir rasteten, war die polnische Bevölkerung auffällig freundlich zu uns. Abends erzählten uns die Leute von Übeltaten der Russen. Besonders aufgebracht waren sie darüber, dass diese ihre Kirchen so wenig respektiert hatten. Eines Abends, es war in einem kleinen Städtchen, wurde ich von einem unsere Soldaten darüber informiert, dass da in einem Winkel an einer Hauswand eine schwerverletzte Frau läge‚ ob ich mich wohl um diese arme Frau kümmern würde. Ich ging natürlich hin und fand da eine jüngere Frau mit ihren 3 kleinen Kindern, die einen Oberschenkel gebrochen hatte. Wir bekamen heraus‚ dass es sich um eine Russin handelte. Ihren Mann hatten Polen erschlagen und sie selber war dabei auch so schwer verletzt worden. Sie lag schon ein paar Tage da im Freien und die Kinder hatten großen Hunger. Wir haben dann allen zu essen gegeben und ich habe die Frau so weit ärztlich versorgt‚ wie ich konnte. Wir haben dann noch den Abtransport organisiert, denn wir mussten ja weiter. Ich fürchte, dass diese Frau nicht ein Krankenhaus erreicht hat, denn der Hass auf die Russen war bei den Polen sehr groß.

Inzwischen hörten wir von großen Siegen und riesigen Gefangenenzahlen. Auf dem Vormarsch begegneten wir auch langen Kolonnen, die sich nach Westen bewegten. Inzwischen hatten wir dann auch die alte Grenze zwischen der SU und Polen überschritten und sahen dort erstmalig Kolchosen. Wenn schon die polnischen Dörfer einen für deutsche Begriffe sehr ärmlichen Eindruck machten‚ so war das jenseits der alten Grenze noch viel schlimmer. Für die vielen Bauern unter unsern Soldaten war es unverständlich‚ wie liederlich die Felder bestellt waren. Dazu kam das viele Land‚ welches überhaupt nicht genutzt war. Die russische Bevölkerung war z. T. geflohen oder evakuiert. Aber die, die noch da waren‚ liefen in Lumpen herum. Wenn unsere Soldaten eine leere Konservendose wegwarfen, so wurde diese als ein wertvolles Küchengerät aufgehoben und in Sicherheit gebracht. In den Blockhütten gab es kein Mobiliar in unserm Sinne. Eine alte Kiste ersetzte den Kleiderschrank und ein Stuhl, auf dem man sitzen konnte, war etwas Besonderes. Bänke gab es. Betten in unserm Sinne waren auf dem Lande kaum vorhanden. Die Menschen schliefen auf ein paar Lumpen oder Fällen auf dem Fußboden. Sie deckten sich dazu mit solchen Decken zu‚ die wir nur als Lumpen bezeichnen konnten.

Im Winter bot sich der große Backofen‚ der in jedem Hause war, als warmes Lager an. Dabei wimmelte es überall von Flöhen und Wanzen. Aber das haben wir damals im Sommer noch nicht gemerkt, denn wir schliefen lieber im Freien, als dass wir uns in die übel riechenden Häuser gelegt hätten. Im Winter blieb uns dann aber nichts Anderes übrig. In Russland sind die Nächte im Sommer so warm, dass man überall, ohne zu freieren, im Freien schlafen kann‚ zumal wenn man noch eine Zeltbahn für den Regen mit hat. Jedenfalls war die Armut und Unkultur in den Dörfern Weißrusslands damals ganz schlimm. Mancher Soldat sagte damals, dass er so etwas nicht erwartet habe. Einer der zugab, früher ein Kommunist gewesen zu sein, meinte, er habe alles, was die Nazipropaganda über die Sowjetunion Schlechtes behauptet hätte, für Lügen gehalten. Nachdem er aber diese Verhältnisse mit eigenen Augen gesehen hätte, wäre er anderer Meinung geworden und es wäre ja eher noch schlimmer.

Ein paar Mal wurden wir damals dazu eingesetzt, Waldgebiete und Kornfelder von versprengten sowjetischen Truppen zu säubern. Dank der Besonnenheit unseres Kommandeurs und der Vernunft auf der anderen Seite ging das fast ausnahmslos ohne Blutvergießen ab. Der Hass war zwar schon gesät, aber die Saat war noch nicht aufgegangen. So ergaben sich oft große Mengen sowjetischer Soldaten wenigen Deutschen und auch ich bin als Arzt mehrmals mit einem großen Russenhaufen durch die Landschaft nach hinten gezogen. Die Gefangenen dachten weder daran, wegzulaufen, noch über die wenigen Begleiter herzufallen. Sie sagten „Woina kaputt” waren froh‚ dass der Krieg für sie vorbei war und dass die Deutschen, anstatt sie umzubringen ihnen Brot und sogar hier und da mal eine Zigarette abgeben.

Als wir an der Beresina anlangten und sie auf ein paar Behelfsbrücken überquerten, dachte wohl jeder an Napoleon und das Ende der Großen Armee. Aber dass uns ein ähnliches Schicksal beschert sein würde, glaubten die meisten nicht, zumal es immer weiter ungestüm nach Osten ging. Unsere jungen Offiziere hatten schon Angst, es würde überhaupt nicht mehr zu einer richtigen Schlacht kommen und sie würden ohne Auszeichnungen und ohne Kampferfahrungen nach Hause müssen. Aber eines Tages, als unser Haufen auf einer sandigen Straße durch eine Hügellandschaft zog, bellten ein paar Maschinengewehre auf, Kugeln pfiffen und wir mussten Deckung beziehen. Unsere MGs, die schneller schossen als die russischen, bellten wütend zurück und nach einem Viertelstündchen waren die Feinde wohl wieder weg und es konnte weiter gehen.

Unser Marsch ging nun nicht länger nach Osten sondern nach dem Süden. Von nun an hatten wir fast täglich Feindberührung und jeden Tag Tote und Verwundete. Die sowjetischen Truppen zogen sich zwar weiter zurück, aber hinterließen an günstigen Stellen kleinere Einheiten, die unseren Vormarsch aufhielten‚ uns Verluste beibrachten und sich selber danach zurückzogen. So mussten wir fast täglich ein paar Tote begraben, ohne dass wir viel vom Feind zu sehen bekommen hätten. Es kam auch vor‚ dass sich die gegnerischen Trupps kampflos ergaben‚ aber die Regel war das nicht mehr. Eines Tages kamen wir dann aber an eine Art Frontlinie und ich erlebte zum ersten Mal Artilleriefeuer, welches auf uns gerichtet war. Ich machte meinen Truppenverbandplatz in einem Blockhaus auf‚ weil man da vor Sicht und kleinen Granatsplittern geschützt war. Neben dem Haus habe ich mir dann noch ein Deckungsloch gegraben und habe tüchtig dabei geschwitzt, zumal die Artillerie unser Dorf vorhatte. Aber unser Haus wurde nicht getroffen. Bald hatte ich reichlich Arbeit. Schlimm war dann die Nacht. Die Verwundeten bekamen ihre Schmerzen, gegen die ich ihnen ja helfen konnte. Aber als es wieder Tag wurde, mussten wir ein paar Tote hinaustragen. Am nächsten Tag war wieder Ruhe. Der Feind war offenbar wieder abgezogen. Bald wurde nun wieder marschiert. Zwar hatte ich ja ein Pferd. Aber wenn man mit Feindberührung rechnen musste, war solch ein Gaul höchst hinderlich. Bei Artillerieeinschlägen spielte er verrückt und wenn die Kugeln der Infanterie pfiffen‚ so war man auf einem stolzen Ross sitzend eine ausgezeichnete Zielscheibe. Also lief man lieber zu Fuß und schleppte seinen Sanitätskram mit herum. Das Pferd kam zum Tross. Dort ist es dann bald bei einem Artillerieüberfall getroffen worden und verendet. Unsere Truppe hatte jetzt große Strapazen zu bestehen. Es mussten nicht nur Tag und Nacht große Strecken marschiert werden, immer wieder flackerten kleine Gefechte auf. Der Nachschub an Verpflegung kam auch nicht mehr nach. So waren alle hungrig und es wurde propagiert, dass wir uns aus dem Lande ernähren sollten. Wir waren ja nun mittlerweile schon in der Ukraine angekommen, die Häuser waren zwar dürftig aber doch viel besser als in Weißrussland und die Leute sauberer. Auch wurden wir in vielen Dörfern als Befreier begrüßt und mit Salz und Brot empfangen. Reich waren die Bauern aber auch nicht und wenn sie vielleicht dem ersten deutschen Soldaten gern einen Korb mit Eiern oder ein Brot geschenkt haben, so können sie es bei dem nächsten nicht mehr. Und wenn sich der dann ein Huhn oder eine Gans nahm, so war die Freude über die Befreiung schon gedämpfter und wenn der nächste Haufen dann das einzige Schwein schlachtete, so war die anfängliche Sympathie weg. Aber wenn Soldaten Hunger haben, so werden sie sich wohl zu allen Zeiten an der Zivilbevölkerung schadlos gehalten haben.

Wenn wir, was selten vorkam‚ mal ein oder 2 Tage in einem Dorf blieben, so hatte ich es gut. Sobald wir meine Rotkreuzfahne herausgesteckt hatten, kamen Kranke und wollten behandelt werden, was ich auch gern getan habe. Ich lernte damals, wie dankbar diese Leute sein konnten. Wir haben nie etwas für unsere Arbeit verlangt. Aber hernach brachte jemand einen Korb mit Eiern oder erschien mit einem Milchtopf, auch frisch gebackenes Roggenbrot brachten die Leute. Aber‚ wie gesagt, solche Ruhetage waren selten. Meist wurde marschiert und gekämpft. Bei den Nachtmärschen war ich oft so müde, dass ich bei jeder Rast sofort einschlief und jedes Mal geweckt werden musste, wenn es weiter ging. Das ging aber den Meisten so und es war nur gut so‚ sonst hätte man wohl durchdrehen können. Es würde zu weit führen, wenn ich alles erzählen würde, was ich in jenen Tagen so alles erlebt habe.

Unser kleiner Haufen war in dem damaligen Bewegungskrieg mehrmals hinter und zwischen Sowjettruppen geraten und wir haben uns, ebenso wie die andern, wohl manchmal über die Nachbarschaft gewundert. Für das Sanitätswesen war solch ein Krieg aber besonders schwierig, denn es blieb immer ein Problem, wohin Verwundete abtransportiert werden konnten. Auch musste man als Arzt oft bei den Verwundeten zurückbleiben, während die Truppe weiterzog. Damals war ich froh darüber, dass ich mich mit Karte und Marschkompass auskannte. Aber das hatte oft seine Schwierigkeiten, seinen Verein wieder zu finden. Dazu kam noch, dass die Sowjettruppen auch solche Helden hatten, die sich, solange mehrere deutsche Soldaten in Sicht waren‚ ruhig verhielten, aber wenn sich nur ein einzelner auf den Weg machte‚ ihn abzuschießen trachteten. Da schütze einen auch die Rotkreuzarmbinde nicht. Da habe ich manchmal flach gelegen und mich in Sprüngen vorwärts bewegt. Es war ja Sommer und die einzelnen Schützen hatten überall gute Deckung.

Eines Tages waren wir wieder an der Frontlinie angelangt. Wir waren direkt froh, dass die Strapazen des Vormarsches mit hinhaltendem Widerstand des Feindes zunächst vorbei waren. Wir mussten zwar mit Artillerieüberfällen rechnen und Stalinorgeln habe ich dort auch erstmalig erlebt. Meist aber war Ruhe und die Verpflegung kam wieder regelmäßig und reichlich nach. Das ging so lange, bis der Kommandeur uns eines abends davon informierte, dass wir am nächsten Tag einen Großangriff auf die gut ausgebauten gegnerischen Stellungen unternehmen würden. Der Totentanz begann mit einem Trommelfeuer unserer Artillerie. Dann musste die Infanterie vor und ich als Hilfsarzt war mittendrin. Es war noch nicht richtig hell und die feindlichen Stellungen waren so gut getarnt, dass wir sie kaum erkennen konnten, obwohl wir bald dicht davor waren. Auf einmal waren auch unsere Schlachtflieger da, die mit Bomben und Bordwaffen angreifen sollten. Ich glaube nicht, dass sie viel ausgerichtet haben, denn sie konnten ja auch kaum etwas erkennen. Uns schlug heftiges Abwehrfeuer entgegen und die Artillerie auf der anderen Seite meldete sich auch. So blieb unser Angriff vor den feindlichen Stellungen liegen, wobei unsere Soldaten im Gegensatz zu den Russen wenig Deckung im Gelände hatten. Überall wurde nach Arzt und Sanitäter gerufen. Ein Flugzeug von uns machte eine Notlandung zwischen den Linien. Dort wurde auch dringend um Hilfe gerufen. Im Schutze einer künstlichen Nebelwand konnte ich dorthin gelangen. Ich fand dort den Piloten und seinen Beobachter‚ die sich inzwischen in einem Loch in Sicherheit gebracht hatten. Der Pilot, ein Leutnant, hatte einen Bauchschuss und heftige Schmerzen. In das gleiche Loch, das wohl von den Russen stammen musste, hatten sich auch noch andere Verwundete geflüchtet. Ich hab sie alle versorgt und wollte weiter. Das ging aber nicht, denn ein feindliches MG hatte sich dieses Loch aufs Korn genommen, und sobald sich etwas über dem Rand der Deckung zeigte‚ prasselten die Kugeln. lch war dort also festgenagelt und dachte nur bei mir, hoffentlich machen sie keinen Gegenangriff‚ bzw. Unsere einen Rückzug. Ein paar Mal versuchte ich es noch, mit meinem Stahlhelm auf einem Stock, den ich über die Deckung hielt. Aber sofort schlugen die Geschosse über uns in den Sand. Schließlich hörten wir aber ein Hurra und heftiges Gewehrfeuer. Da hatten unsere Soldaten gestürmt. Danach war dann Ruhe, der Gegner war fort und wir hatten nun noch die Aufgabe, alles was da herumlag und noch lebte zusammenzusuchen und zu versorgen. Zum Schluss waren es über 100 Verwundete, und als wir am Abend das Massengrab zuschippten‚ mussten wir über 50 Kameraden aus unserm Bataillon drin zurücklassen. Als ich alle Verwundeten so weit wie möglich versorgt hatte, lief ich der Truppe nach, um den Abtransport zu organisieren. Ich fand die Sanitätskompanie mit ihren Kraftwagen auch im nächsten Dorf, welches Rekta hieß, und dessen Namen ich wegen dieses blutigen Tages nicht vergessen habe. Ich bekam einen Sankra (Sanitätskraftwagen) und bin mit eingestiegen um ihn einzuweisen. Nun ist es etwas anderes, zu Fuß quer durch die Gegend zu laufen, als ein Auto auf Wegen an eine bestimmte Stelle zu leiten. Aber das ging soweit gut, bis wir das Schlachtfeld schon vor uns hatten. Da gab es einen furchtbaren Donnerschlag und es war alles schwarz und das Auto bäumte sich vorn auf. Als wir uns dann wieder erkennen konnten, stellten wir fest‚ dass wir erstens noch alle heil waren, aber unser Auto ein Wrack, denn wir waren auf eine Miene gefahren und die hatte die ganze Vorderachse und die Motorhaube weggerissen. Aber die Verwundeten mussten geholt werden und es konnten keine langen Diskussionen geben. Der Fahrer, der ja nun den Weg kannte, ging zu Fuß zum Dorf zurück, um andere Sankra zu holen und ich konnte mich wieder um mein großes Verwundetennest kümmern. Das war auch nötig, denn Morphiumspritzen wurden wieder dringend verlangt. Mit dem Abtransport ist es danach dann bald in Ordnung gegangen. Danach hatten wir noch Zeit, die russischen Stellungen anzusehen. Sie waren meisterhaft gebaut und getarnt. Russische Tote und Verwundete fanden wir nicht. Sie müssen sie wohl alle mitgenommen haben, wenn sie überhaupt viel davon gehabt haben.

Am nächsten Tag ging es dann wieder hinter den Russen her. Es gab wieder fast täglich kleine Gefechte, in denen wir fast jedes Mal Verluste hatten, weil die Russen sich ja ihre Stellungen aussuchen und ausbauen konnten. Schließlich erreichten wir den Rand der Stadt Gomel. Die Stadt war noch ziemlich heil und als wir in die Stadt eindrangen, trieben sich noch sowjetische Verbände darin herum, die uns wohl noch nicht erwartet hatten. Dort habe ich zum ersten mal eine russische Stadt gesehen. Die feindliche Artillerie schoss die ganze Nacht noch in die Stadt hinein, aber wir fühlten uns in den Steinhäusern sicher und ich habe in dieser Nacht nach langer Zeit erstmalig wieder auf einer Chaiselongue geschlafen. So etwas und einfache Möbel gab es in Russland also doch, nur nicht auf dem Lande.

Am nächsten Morgen sind wir dann über eine Eisenbahnbrücke aufs andere Ufer des Tschez, der ein Nebenfluss des Dnjepr ist, hinübergegangen. Die Brücke war zwar gesprengt und dadurch etwas schief, aber es ging ohne Kletterei. Auf der anderen Seite des Flusses hatte man wohl noch gar nicht mit uns gerechnet. Dort fuhren noch Autos herum und ich habe bei der Gelegenheit sogar einen gepanzerten Zug fotografiert, der da angedampft kam. Als unsere MGs schossen‚ ist er wieder zurückgedampft. Dann gab es wieder Märsche und kleine Gefechte und dann kam wieder eine Widerstandslinie, wo wir zunächst anhielten. Vor uns war ein Flüsschen, die Desna, und dahinter solle eine ausgebaute Stellung sein. Als der Angriffsbefehl kam‚ mussten wir zunächst mit Schlauchbooten übersetzen, was trotz ein paar Schüssen von der anderen Seite leicht gelang. Drüben sammelten wir uns zunächst und als es dann vorwärts ging, schien der Feind abgezogen zu sein. Auf einmal knallte es neben mir und einem Kameraden war der eine Fuß weggerissen. Er war auf eine Miene getreten, und als 50 m weiter ein Leutnant ebenfalls seinen Fuß abgerissen bekam, merkten wir, dass wir in ein großes Minenfeld geraten waren. Wir mussten nun die Verwundeten zurück schaffen und vorher verbinden. Aber wie konnten wir uns selber im Minenfeld bewegen? Ich habe dann Heu von einem Haufen, der dort war, genommen und habe mir damit den Weg markiert, damit ich auf dem Rückweg wenigstens einigermaßen sicher treten konnte. Und dann habe ich die verwundeten huckepack getragen. Mit einer Trage und 2 Mann war es mir zu riskant. Ich hatte auch Glück. Den besagten Leutnant habe ich dann später in München wiedergetroffen, er studierte und konnte mit seiner Unterschenkelprothese gut laufen.

Generaloberst von Weichs mit der 17. Infanteriedivision in Tachernigow (1941)

Bald erreichten wir die Stadt Tachernigow. Einen Tag davor hatte ich mal wieder Glück gehabt. Wir waren in der Dunkelheit in ein Dorf eingedrungen und die Sowjettruppen, die noch darin waren, hatten sich ohne Kampf aus dem Staube gemacht. Ich hatte mich dann mit meinen Sanis in einem Blockhaus schlafen gelegt. Es war auch noch die Bevölkerung da. Dort sah ich auch einmal eine junge russische Frau, die ganz nett aussah und auch einigermaßen angezogen war. Bisher waren die Frauen, die wir so zu sehen bekommen hatten, wirklich keine Wesen gewesen‚ die in einem Deutschen irgendwelche Liebesgefühle erwecken konnten. Die Zivilisten hatten einen Bunker im Garten und gingen dort zur Ruhe. Im Morgengrauen fing die feindliche Artillerie an‚ in das Dorf hineinzuschießen, was uns aber nicht sonderlich störte. Auf einmal gab es einen Bums und das ganze Haus fing an zu wackeln. Als wir dann doch aufstanden, stellte es sich heraus, dass eine Granate durch den Hausgiebel hindurchgefahren war‚ wir haben sie dann noch im Garten gefunden. Wenn das kein Blindgänger gewesen wäre, so wäre es uns schlecht ergangen.

Nach 2 Tagen kam dann unser Tross nach‚ bis dahin konnte er nicht heran, weil das Dorf noch von den Russen eingeschlossen war. Da erfuhr ich dann auch, dass mein Pferd tot war, es war von einem Granatensplitter getötet worden. Dafür brachte mir ein Soldat ein Beutepferd, welches eingefangen worden war. Es war ein verhältnismäßig kleines gedrungenes Tier mit einem dicken weichen Fell. Sein Vorbesitzer hatte es ausgezeichnet dressiert. Wegen seiner kurzen Beine war ein Trab damit kein Vergnügen. Es sprang dafür aber gleich in den Galopp und war darin eher ausdauernd. Auch über Gräben und andere Hindernisse sprang es gern. Außerdem lief es mir später nach wie ein Hund und wenn man es nicht daran hinderte, kam es sogar in die Stube der Bauernhäuser hinein. Ich habe jedenfalls wieder etwas gehabt, was mir Freude machte.

Da fällt mit noch eine Episode ein‚ die ich berichten möchte. Als wir dann wieder auf dem Marsch waren und gerade ein wenig rasteten, wurden Soldaten von unserm Tross zu mir zur Wundversorgung gebracht. Sie hatten Stichwunden, vor allem an den Armen und Händen, manche auch an der Brust. Sie erzählten Folgendes: Sie wären auf dem Marsch in einen Hinterhalt geraten und von einer sowjetischen Truppe überfallen und ausgeraubt worden. Dann hätten sie antreten müssen und ihre Oberkleidung ablegen müssen. Auf Kommando hätten die Sowjetsoldaten dann angefangen, die Gefangenen durch Bajonettstiche zu töten. Viele wären gestorben, ihnen wäre die Flucht geglückt und die Wunden an den Händen hätten sie bei der Abwehr der Bajonettstiche bekommen. Unsere Soldaten packte daraufhin ein großer Zorn und als es wahrscheinlich wurde, dass diese sowjetische Truppe noch in der Nähe sein musste‚ zog ein Kommando aus, um sie, wenn möglich, abzufangen. Es gab dann auch nach ein paar Minuten Gefechtslärm und dann wurde diese Truppe gefangen herangeführt. Die Russen hatten sich z. T. mit den Stiefeln und den Blusen unserer Soldaten ausstaffiert, die von manchem wiedererkannt wurden. Das steigerte noch die Erbitterung bei unsern Leuten. Unsere Soldaten und Unteroffiziere hätten die Gefangenen nun am liebsten erschossen, nachdem diese kurze Zeit vorher ihre deutschen Gefangenen so grausam umgebracht hatten. Es wurde dann eine kurze Beratung abgehalten, in der ich auch etwas sagen konnte. Es setzte sich dann die Meinung durch, dass mit der Rache auch niemand mehr lebendig würde und dass die feindliche Truppe, die sich ja zwischen den vorrückenden Deutschen befanden, kaum die Wahl hatte, sich mit dem Transport zahlreicher Gefangener zu belasten. Sie konnten sie nur laufen lassen oder töten. Im Krieg geht es eben grausam zu. Unser Kommandeur, der im Zivilleben ein Oberstudienrat war, entschied dann, dass die Gefangenen nicht zu erschießen, sondern ins Hinterland abzuführen seien.

Mit dem sogenannten Heldentod ist es eine eigene Sache. Ich habe viele Soldaten sterben sehen und ihre letzten Gedanken und Wünsche gehört. Oft ist es ein schreckliches Elend und es ist nur gut, dass die meisten Menschen, die sterben, es gar nicht wissen, sondern immer noch Hoffnung haben. Aber was da mit einem sogenannten Soldatentod alles ausgelöscht wird und nie wieder kommt, das Leid der Mütter und Frauen und all derer, die den Menschen, der da in der Blüte seines Lebens ausgelöscht wird‚ lieben, ist grauenvoll. Und nicht immer ist ein Mensch da, der die furchtbaren Schmerzen mancher Verwundeter und Sterbender mit einer Spritze zeitweilig ausschalten kann. Damals war ich mir aber noch nicht so klar über diese Dinge wie heute. Wir waren doch sehr durch den Nationalsozialismus geprägt und da war uns immer gelehrt worden, dass alle, die für das Vaterland sterben, die Saat für eine bessere Zukunft sein würden. Dabei wusste eigentlich keiner recht, wie diese bessere Zukunft eigentlich aussehen sollte.

Wir zogen jedenfalls weiter, diesmal wieder in Richtung auf Moskau und waren voll Siegeszuversicht. Die Sowjetunion musste ja bald am Ende sein, nachdem wir immer nur siegten und vorwärts drangen. Inzwischen war der Herbst vorbei und es fiel der erste Schnee, der zwar, wie bei uns bald wieder schmolz, aber es war doch schon recht kalt, wenn man sich im Freien zum Schlafen legen wollte. So gingen wir zur Nacht gern in die Hütten, weil es dort wärmer war. Nun zeigten sich die großen Öfen in den russischer Blockhütten als recht nützliche Konstruktionen. Oft ging es dann aber so, dass man, kaum war man ein wenig eingedrusselt‚ von einem schrecklichen Jucken am ganzen Körper aufwachte. Die Hütten steckten fast alle voller Wanzen und Flöhen und die Einwohner dieser Gegend müssen wohl gegen diese Plage immun gewesen sein. Ich bin jedenfalls manche Nacht wieder aufgestanden und ins Freie gelaufen, weil ich es einfach nicht mehr in der Bude aushielt. Aber was half es, entweder man juckte sich, oder man fror.

So rückten wir immer weiter an Moskau heran und als wir uns der Stadt Kaluga näherten‚ war Moskau gar nicht mehr weit. An der Oka war eine neue Verteidigungslinie des Gegners ausgemacht worden‚ die sich an den Fluss anlehnte. Wir setzten mit Schlauchbooten über den Fluss. Beim Übersetzen wurden wir schon mit ein paar schweren Granatwerfern begrüßt, die uns aber wenig störten. Am anderen Ufer rückten wir dann wieder vor, ohne etwas vom Feind zu sehen. Auf einmal fingen vor uns MGs zu hacken an. Es gab da in dem flachen Wiesengelände wenig Deckung‚ nur ein paar flache Gräben gab es da. Hier und da fiel einer um und es wurde nach Arzt und Sanitäter gerufen. Nun setzten auch die leichten Granatwerfer mit ihrem Feuer ein. Granatwerfergeschosse hört man nicht kommen, wie Artillerie. Sie merkt man erst, wenn sie explodieren. In einem flachen Graben links von mir lagen schon ein paar Verwundete und ich lief dorthin, um zu helfen. Ich kniete mich hin, um einen Kameraden zu verbinden, da knallte es unmittelbar vor mir. Ich spürte einen Schlag und Stich, aber keinen großen Schmerz in meiner linken Schulter und bemerkte dort ein Loch in meinem Mantel. Ich habe mir dann selber einen Verband angelegt und dann weiter gearbeitet, denn die Schmerzen dabei waren erträglich. Inzwischen war unser Bataillon weiter vor gegangen und ich bin dann mit meinen Verwundeten zum Hauptverbandsplatz, der noch auf der anderen Seite des Flusses lag, zurückgewandert. Nachdem ich meine Wunde dort vorgezeigt hatte, behielten mich meine Kollegen gleich da und entfernten mir in örtlicher Betäubung einen Granatsplitter aus der Wunde. Ein weiterer Splitter lag zu tief und den hab ich heute noch in meiner Schulter. Als mir gesagt wurde, ich müsse da bleiben und käme nach Hause‚ war ich nicht böse darüber. Bald wusste ich dann‚ dass mir durch diese Verwundung damals viel Schlimmes erspart geblieben ist. Unser Bataillon war ja schon einmal wegen seiner schweren Verluste neu aufgefüllt worden. Danach soll es aber noch viel schlimmer gekommen sein. Unsere Truppe war auf einen harten russischen Winter überhaupt nicht vorbereitet. Wir hatten für die kalte Jahreszeit lediglich einen gewöhnlichen Tuchmantel und einen dünnen Pullover. Es gab weder Pelze noch Watteanzüge noch Filzstiefel, und viele deutsche Soldaten sind in dem Winter 41 nicht nur durch Feindeinwirkung, sondern auch durch die Kälte umgekommen oder verstümmelt worden. Ich wäre sicherlich auch dabei gewesen, denn ich habe schon immer leicht kalte Füße bekommen.
Die Sowjets hatten inzwischen Elitetruppen aus Sibirien herangeholt, um ihre Hauptstadt zu schützen. Die waren ausgezeichnet für den Winter ausgerüstet und wussten mit dem Klima Bescheid. Ich lag also dort auf dem Hauptverbandplatz in einem Bauernhaus auf Stroh und es war schön warm. Aber in der Nacht bekam ich schlimme Schmerzen an meiner Wunde und ich war froh, dass ich mich mit einer Morphiumspritze aus meiner Arzttasche selbst bedienen konnte, denn danach konnte ich gut schlafen. Am nächsten Tage ging es dann mit den Fahrzeugen der Sanitätskompanie zur nächsten Bahnstation, die schon wieder in Betrieb genommen war. Dort wurden wir in Güterwagen umgeladen, die mit Stroh ausgelegt waren. Aber Heizung gab es nicht und für jeden Verwundeten war nur eine Decke da. In der Nacht haben wir dann alle bei minus 5 Grad schrecklich gefroren. Dabei war ich ja noch gut dran‚ denn ich konnte ja laufen und hatte sogar noch ein paar Sachen mit. Jedenfalls war das eine schlimme Nacht, denn es waren auch Schwerverwundete im gleichen Transport und manchem mag die Kälte den Rest gegeben haben. In den frühen Morgenstunden kamen wir dann auf einem großen Güterbahnhof an und hofften, dass wir nun ausgeladen und von unsern Kältequalen erlöst werden würden. Es tat sich aber nichts, sondern wir wurden nur ein paarmal hin her rangiert. Auf der Fahrt war ich mit einem Gefreiten, der auch nur leicht verwundet war, ins Gespräch gekommen und wir hatten uns ein wenig angefreundet. Wir sind dann einfach ausgestiegen und über die Geleise in die Stadt gelaufen. Wir stellten dabei fest, dass wir in Smolensk waren. In der Stadt fanden wir auch gleich eine Verwundetensammelstelle. Dort gab es deutsche Krankenschwestern, die uns gleich mit warmen Getränken empfingen. In dem Gebäude war es schön warm, es gab da fließendes Wasser und sogar Stehklosetts mit Wasserspülung, ein Luxus, den wir lange entbehrt hatten. Zunächst hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass sich vielleicht irgendein Vorgesetzter wundern könnte, wo wir beide auf einmal herkamen. Es geschah aber nichts dergleichen und wir wurden schon nach 2 Tagen auf den Bahnhof gebracht und in einen Leichtverwundetenzug umgeladen. Dieser Zug bestand aus heizbaren Personenwagen und man konnte sich auf den Holzbänken oder im Gepäcknetz sogar ausstrecken. So ging es dann in guter Laune in Richtung Heimat, denn jeder war froh, dass er zunächst einmal dem Tode entronnen war. Ich selbst war zum Transportleiter ernannt worden.

Als wir unterwegs auf einem Bahnhof anhielten, hatte ich ein Erlebnis‚ welches ich nicht vergessen habe. Auf einem Nachbargleis stand auch ein Zug, der nur aus offenen Güterloren bestand. In diesen Wagen standen dichtgedrängt sowjetische Kriegsgefangene, und die Enge war so groß, dass sich da keiner setzen oder hinlegen konnte. Draußen war ein Schneeregen. Die Gefangenen hatten meist nicht einmal Mäntel oder Zeltbahnen. Ob sie Schuhe anhatten‚ konnte man nicht sehen. Wie das mit dem Verrichten der Notdurft gehen sollte, war unerfindlich. Um den Zug herum standen deutsche Posten‚ die offensichtlich auf jeden schossen‚ der Anstalten machte, auszusteigen. Es knallt auch einmal, aber ich konnte nicht sehen, was es da gegeben hatte. Dieser Anblick hat mich sehr erschüttert. War das nur Unfähigkeit oder war es Methode? Wir Frontsoldaten hatten unsere Gefangenen wie Menschen behandelt, denn uns konnte ja das gleiche Schicksal erwischen. Wir hatten unser Essen mit ihnen geteilt, sie am Brunnen rasten und trinken lassen und mancher hatte sogar seine Zigaretten verschenkt, und hier wurden Menschen schlimmer als Schlachtvieh behandelt. Dass sich hier ein schlimmer Hass unter denen, die diese Behandlung überlebten‚ entwickeln musste, war mir ganz klar. Als wir dann in der Heimat ankamen, war dann ja die Rede von sowjetischen Untermenschen. Fotos wurden abgedruckt von besonders hässlichen, halb verhungerten und erschöpften Gegnern‚ die nicht Mitleid oder Erbarmen sondern Ekel und Verachtung bei den Lesern auslösen sollten. So wurde der Hass zwischen den Völkern immer mehr angeheizt.

Wir rollten jedenfalls weiter in Richtung Warschau‚ es war warm und wir hatten gut zu Essen. Es wurden auch Geschichten erzählt von Eisenbahnzügen, die Partisanen in die Luft gesprengt hatten, aber bei uns ging alles glatt. Meine Eltern waren in dieser Zeit in Warschau. Mein Vater war dort als Postbeamter hin versetzt worden, und meine Mutter besuchte ihn immer für längere Zeit, um für ihn zu sorgen. So hoffte ich, dass wir bis Warschau rollen würden und ich dann meine Eltern würde überraschen können. Wie enttäuscht war ich‚ als der Zug in Siedlce hielt und wir von einem Oberstabsarzt in Empfang genommen wurden, der uns in das dortige Lazarett transportieren sollte. Ausgerechnet in Siedlce, wo mich schon einmal die Flöhe halb aufgefressen hatten und wo wirklich nichts los war, sollten wir bleiben! Es half aber nichts und ich meldete mich ganz höflich mit meinem Transport. Dann fragte ich, ob ich nicht selber nach der Übergabe nach Warschau weiterfahren dürfe, weil dort meine Eltern seien. Daraufhin schnauzte mich dieser Kollege an, was ich mir einbilde usw. Da habe ich dann eine nicht ganz ungefährliche Sache gemacht. Ich hatte ja die Krankenpapiere noch in der Hand und habe mir meine herausgesucht.
Im Lazarett angekommen‚ tat ich so, als müsse ich mal verschwinden und bin hinten hinaus spaziert. Ich bin dann bis zur Hauptstraße nach Warschau gelaufen und habe auch gleich einen LKW gefunden‚ der mich bis dahin mitnahm. Dort habe ich mich dann in einem großen Lazarett gemeldet, was auch keine Schwierigkeiten machte.

Am nächsten Tage habe ich dann meine Eltern gesucht und sie auch beide in einem großen Postgebäude gefunden. Sie haben nicht schlecht gestaunt, als ich auf einmal vor ihnen stand. Und die Freude war groß, dass ich zunächst aus der großen Gefahr heraus war. Meine Eltern hausten in einem möblierten Zimmer in dem großen Postgebäude und und ich konnte sie nun fast täglich besuchen. Im Lazarett habe ich nichts ausgestanden, Schmerzen hatte ich kaum noch und in Warschau war allerlei los. In Warschau erreichte mich auch die Nachricht‚ dass ich zunächst nicht wieder an die Front musste, sondern in Berlin weiter studieren konnte.

In Berlin angekommen, traf ich Georg wieder, der den ganzen Schlamassel heil überstanden hatte. Aber viele Kameraden fehlten, die nie wiederkommen würden, weil sie irgendwo in Russland im Grabe lagen. Die Sanitätstruppen bei den deutschen Kampfverbänden hatten schwerste Verluste erlitten und wurden darin nur vom fliegenden Personal der Luftwaffe übertroffen. Viele hatten auch Auszeichnungen mitgebracht. Ich hatte das Eiserne Kreuz II, das Infanterie-Sturmabzeichen und das Verwundeten-Abzeichen.

1942

1941 – 1942 Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin

In den Winterferien meldete ich mich zur Famulatur auf der HNO Abteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin Wedding….

Fortsetzung folgt in den nächsten Tagen

Hier geht es zum Teil 1

Hier geht es zum Teil 2

Hier geht es zum Teil 3


6 Kommentare

  1. Angela sagt:

    Es ist gut, das Grauen des Krieges authentisch vor Augen geführt zu bekommen. Nach über 70 Jahren ist das bei vielen satten Bundesbürgern schon in Vergessenheit geraten.

    Wenn man das liest, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass viele Menschen seit jeher eine schwer geisteskranke Spezies sind. Und- wie ich schon schrieb, fängt Kampf und Krieg im eigenen Inneren statt, im Wunsch, den Anderen zu treffen, zu vernichten, bloßzustellen, abzuwerten und zu „siegen“.

    Andere oder die Umstände dafür verantwortlich zu machen, ist sehr einfach, aber dass Menschen sich gegenseitig und auch anderen fühlenden Wesen in solchem Umfang Schmerzen zufügen können, ist jenseits von allem, was man sich eigentlich vorstellen kann. Und doch geschieht es ununterbrochen und in den nächsten Tagen wird es wohl wieder in größerem Maße zu beobachten sein, wenn der „Rachefeldzug“ des Irans beginnt.

    Angela

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  2. palina sagt:

    ihr Vater, so scheint mir, war damals ein sehr guter Beobachter.

    Der Text ist auf der einen Seite sehr einfühlsam und doch sehr realistisch.

    Wie er alles daran setzte um seine Eltern wieder zu sehen. Und auch deswegen Wege gefunden hat, um den Vorschriften zu umgehen.

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  3. palina sagt:

    @Angela

    „Andere oder die Umstände dafür verantwortlich zu machen, ist sehr einfach, aber dass Menschen sich gegenseitig und auch anderen fühlenden Wesen in solchem Umfang Schmerzen zufügen können, ist jenseits von allem, was man sich eigentlich vorstellen kann.“

    Ist doch gut zu lesen in den Berichten, wie die Massen gesteuert wurden.
    Wer nicht mitmachte, wurde liquidiert.
    Gut, das wurde hier nicht geschrieben. Kann man aber in anderen Berichten lesen.

    Blödes Beispiel und wir haben keinen Krieg.
    Die Nachbarschaft hier passt genau auf, ob die Leute den Müll trennen. Und sofort wird hier denunziert.
    Du parkst im Halteverbot und sofort ruft einer das Ordnungsamt an. Obwohl dein Auto niemand behindert.

    Und warum machen sie das?
    Weil sie ihr eigenes Denken abgelegt haben und nur noch der Obrigkeit folgen.
    Das sind die Ergebnisse der Jahrzehnte langen Indoktrination. Durch Eltern, Schule und Gesellschaft.

    Kann dir nur empfehlen dich mit der Manipulation der Massen zu beschäftigen.
    Und außerdem sich noch mit der Manipulation der Medien zu beschäftigen.

    Dazu gibt es sehr gute Bücher.
    https://www.buecher.de/shop/buecher/psychologie-der-massen/le-bon-gustave/products_products/detail/prod_id/40998856/lfa/sv-A-0/

    https://www.buecher.de/shop/medientheorie/propaganda/bernays-edward/products_products/detail/prod_id/22864750/

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  4. Drusius sagt:

    Immer wieder die gleichen Programme.

    (https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor)
    Der Begriff Holodomor (ukrainisch Голодомор, wörtlich: „Tötung durch Hunger“) bezeichnet eine schwere Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932 und 1933, der fast vier Millionen Menschen zum Opfer fielen.[1] Die Ukraine bemüht sich seit der Unabhängigkeit 1991 um eine internationale Anerkennung des Holodomors als Völkermord, doch ist diese Bewertung bis heute umstritten.

    Nach dem zweiten Weltkrieg starben durch die Hungerwaffe etwa 4 Millionen Deutsche.

    Während des zweiten Weltkrieges wurde von den Herrschenden über Indien der Hunger als Waffe eingesetzt.
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_Bengalen_1943)

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  5. Gambit sagt:

    Der „Rechtsstaat“ läßt denunzieren: Meldeportal gegen „Rechts“ lädt zum Diffamieren ein
    https://zuerst.de/2020/01/29/der-rechtsstaat-laesst-denunzieren-meldeportal-gegen-rechts-laedt-zum-diffamieren-ein/

    Die Schaffung neuer Deunziationsportale im Kampf gegen „Rechts“ hat den Behörden nicht nur Zustimmung eingebracht. Eine Anfrage der AfD-Fraktion an die Bundesregierung brachte jetzt zutage, daß beim Diffamierungsportal „RechtsEX“ des Verfassungsschutzes unter anderem „kritische, teils auch beleidigende Äußerungen zur Initiierung des Hinweistelefons“ eingehen.

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  6. Gernotina sagt:

    An den Sohn des Zeitzeugen

    Danke an den Sohn für die Veröffentlichung der Kriegs- und Lebenserinnerungen des Vaters!!!
    Mein Vater war auch Jg. 1917, hatte eine ähnliche Kriegsbiographie. Er wollte dies immer alles aufzeichnen, zuletzt auf Band sichern, hat es aber leider nie getan. Deshalb ist dieser Lebensbericht für mich persönlich ganz wertvoll. Wie großartig, dass Ihr Vater alles aufgeschrieben hat!

    Mein Vater hat mir von 1945 und was in der Zeit danach geschah zumindest einiges berichtet.
    Er hat mir Impulse gegeben, die später beim Erkennen der verheimlichten Wahrheit sehr wertvoll waren. Eigentlich haben mich seine Impulse angesichts der Realität aufwachen lassen und ich habe für ihn mitrecherchiert.
    Heute ist mir klar, dass er vieles voraussah. Er wusste, dass wir in einem verlogenen Unrechtssysten lebten, hat mir verschiedene Hinweise dazu gegeben: Kein Friedensvertrag für Deutschland, die Wahrheit (Dokumente) in den Archiven würde uns noch auf Jahrzehnte vorenthalten werden …
    und eines Tages würden sich „Linke und Rechte“ wieder auf den Straßen prügeln wie zur Zeiten der Weimarer Republik. Das Prinzip der Spaltung war ihm bewusst.

    Wir haben damals zu wenig Fragen gestellt, finde ich heute (mit heutigem Wissensstand) und das bedauere ich sehr. Es gab aber Zeiten, in denen mein Vater relativ viel erzählte von seinen Kriegserinnerungen und diese sind mir noch sehr präsent. Ich spürte immer deutlich, wie sehr es ihn aufwühlte.

    @ Thomram

    Einmal schrieb ich auf einem Forum über ein unheimliches Erlebnis in der Ukraine, das mein Vater uns erzählt hatte: Es ging um die Annäherung an einen großen, langgestreckten Erdhügel, offensichtlich ein Massengrab. Mein Vater und sein Kamerad wurden jedoch plötzlich beschossen und mussten sich zurückziehen, konnten nicht herausfinden, was dort geschehen war.
    Etwas später erhielt ich auf einem anderen Forum (dort unter anderem Nick) eine Antwort zum Thema Massengrab in der Ukraine:

    29/09/2016 um 05:16

    An die 3. Macht ! (Meine Einlassung … es ging um die „unterirdischen Tunnel“ in D.)

    Bitte lest Euch den Text dieser Frau gut durch – vermutlich wisst Ihr eh bestens Bescheid.
    Wenn Ihr in dieses Szenario nicht eingreift (es geht um den geplanten und akribisch vorbereiteten Genozid am wehrlosen deutschen Volk) und es verhindert, dann ist Euer gesamtes Projekt vergebens gewesen und gescheitert !

    https://bumibahagia.com/2016/09/23/gesicht-des-antichristen-der-verruecktest-lodernde-artikel-der-gesamten-beitraege-auf-blog-bumibahagia/comment-page-2/#comment-53890

    Grüße von …

    Die Antwort war knapp, enthielt aber „zwei auf einen Streich“:

    @ Dritte Macht said

    29/09/2016 um 16:08
    Wir wissen auch dies bereits (Bunkerbauten) und wir wissen auch, dass diese 34.000 Angehörige der Deutschen Wehrmacht waren.

    http://www.fr-online.de/politik/babi-jar-erschossen-und-in-der-schlucht-verscharrt,1472596,34812000.html

    Antworten

    Gruß
    Gernotina

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