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75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 1 / Weimarer Republik und Weltwirtschaftskrise

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt. Zum Glück sind uns aus der Zeit vor 1945 Augenzeugen-Berichte erhalten geblieben, die uns zeigen, wie normale Menschen diese Zeit erlebt und empfunden haben. 

Der vorliegende Bericht wurde von meinem Vater in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert geschrieben, als vieles noch nicht vergessen war. Mein Vater war damals Landarzt und lebte, mit seiner Ehefrau, in einem kleinen Dorf in der kommunistischen DDR.

Die persönliche Lebensgeschichte beginnt mit der Geburt 1917 und endet 1944, kurz vor dem Zusammenbruch. Mein Vater beschreibt seine Kindheit während der Weimarer Republik, die Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933, den Polenfeldzug, seine Erlebnisse an der Westfront, den Einmarsch in die Sowjetunion, seine Erlebnisse in Afrika und  und seine Verwundung in Italien.

Leider endet der Bericht im Jahre 1944, er hat ihn nie fortgesetzt. Heute verstehe ich, warum er den Bericht nicht weiterschreiben konnte. Unter den Umständen, wie sie in den Siebziger Jahren in der DDR herrschten, hätte er sich strafbar gemacht, wenn er ehrlich über die  Zeiten des „Zusammenbruches“ im Jahre 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee, über die Hungerjahren nach dem Kriege und über die Zeit der kommunistischen Machtübername berichtet hätte. 

Ich hoffe, dass der Bericht nicht irgendwo „verstaubt“, sondern von den zukünftigen Generationen gelesen wird. Darum habe ich mich entschlossen, diesen Bericht hier im Internet zu veröffentlichen. Viele Historiker und Schriftsteller haben unzählige Geschichtsbücher und Romane über diese Zeit geschrieben, aber diese Geschichte ist nicht irgendein erdachter Roman oder eine theoretische Abhandlung, sie beschreibt das Leben einer wirklichen Person aus meiner Familie! 

Räuber Hotzenplotz im Jahre 08 der Neuen Zeitrechnung

Schreibmaschinenseite 1 des Originalberichtes

Persönlicher Bericht über die Zeit von 1917 bis 1944

1917 – 1930 Kindheit, Schule und Flegeljahre während der Weimarer Republik

Ich habe in einer interessanten Zeit gelebt. In meiner Lebenszeit wurden Rundfunk und Fernsehen erfunden. Tonbandgeräte wurden Massenartikel. Ein Auto oder ein Motorrad zu besitzen ist nichts Besonderes mehr und diese Fortbewegungsmittel haben mich durch mein Leben begleitet und ich habe manches wohl fast so geliebt wie ein lebendes Wesen. Die Menschen haben mit der Raumfahrt angefangen und den Mond betreten. Durch die Entdeckung der Spaltbarkeit des Atomkernes wurde der Menschheit der Schlüssel zu ungeheuren Energien gegeben. Leider auch zu ungeheurer Vernichtung. 

Geboren bin ich im Ersten Weltkrieg, und den Zweiten habe ich als erwachsener Mann und Soldat mitgemacht. Als ich geboren wurde, regierte noch Kaiser Wilhelm‚ meine Kindheit und frühe Schulzeit fällt in die Weimarer Republik. Die Jugend wurde durch das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg geprägt, und dann habe ich meine Ehe und Berufsjahre in der DDR zugebracht. Manchmal habe ich Pech gehabt, aber viel öfter Glück. Von meinem Geburtsjahrgang sind die meisten Männer im Kriege gefallen und nun schon über 30 Jahre tot, und über die Gräber der meisten geht heute der Pflug. 

Obwohl ich ja sicher bei meiner Geburt anwesend war, kann ich nur das berichten‚ was mir meine Eltern darüber erzählt haben. 1917 war das Deutsche Kaiserreich, mit Wilhelm dem Zweiten an der Spitze, bereits im dritten Kriegsjahr. Wegen der Seeblockade der Alliierten herrschte Mangel an Lebensmitteln und es wurde tapfer gehungert. Ich soll aus diesem Grunde deshalb auch kein Wunschkind gewesen sein. Mein Vater war wegen seines nie so ganz stabilen Gesundheitszustandes nicht Soldat geworden, sondern arbeitete als Postsekretär in Cuxhaven. Ich jedoch soll trotz der Hungerzeit rund und rosig das Licht der Welt erblickt haben. Ich soll es auch damit eilig gehabt haben, auf die Welt zu kommen, denn als die Hebamme kam, war ich schon da. Es soll in der Nacht auch noch ein Gewitter gewesen sein, für die Jahreszeit ungewöhnlich, und ich soll unzufrieden mit der Umgebung „Achanee“ geschrien haben. Danach soll ich dann aber ein freundlicher und gesunder Säugling gewesen sein, der die Mutterbrust gerne und lange in Anspruch nahm, und ich soll trotz der schlechten Zeiten immer freundlich und munter und unkompliziert gewesen sein. 

Meine frühesten Kindheitserinnerungen reichen noch in die Cuxhavener Zeit zurück. Ich kann mich noch an ein Flugzeug erinnern, welches große Stiefel anhatte, also ein Wasserflugzeug. Auch war da am Nordseestrand ein großes Wasserbecken, in welchem grössere Kinder ihre Spielzeugboote fahren ließen, und ich habe auch noch dunkle Erinnerungen, wie ich einmal bei Mondschein im Sportwagen durch die Straßen gefahren wurde. 

Die Familie

Als ich 2 Jahre alt war‚ wurde wir von der Waterkant nach Liegnitz in Schlesien versetzt. Dort bezogen wir zunächst eine sogenannte Notwohnung. In dieser Zeit muss die Inflation gewesen sein. Ich weiss, dass meine Mutter bestrebt war‚ das Geld‚ welches mein Vater nach Hause brachte‚ so schnell wie möglich für Lebensmittel und täglichen Bedarf anzulegen, ehe es am nächsten Tage nur noch den Bruchteil seines ursprünglichen Wertes hatte. Es wurde damals mit Millionen und Billiarden gerechnet und bezahlt. Ich kann mich auch noch daran erinnern‚ wie mir meine Mutter die ersten Kupferpfennige nach dem eisernen Kriegsgeld zeigte, womit dann die Inflation zu Ende war. In dieser Inflation haben meine  Großeltern all ihr ererbtes und erspartes Geld verloren. Meine Eltern haben es ihnen immer ein wenig nachgetragen, dass diese sie nach ihrer Hochzeit im Jahre 1906 nicht mit einem größeren Geldbetrag unterstützt haben, damit sie erst mal einen Anfang hatten. So mussten sie sich von dem kleinen Gehalt meines Vaters recht kümmerlich ernähren. Obwohl mein Vater als mittlerer Beamter durchaus nicht zu den Proletariern gerechnet werden wollte, und immer, solange er Beamter war, sein sicheres Gehalt bekam, war es doch so, dass es meinen Eltern nicht gelang‚ auch nur eine kleine Geldreserve zurückzulegen. Erst im Jahre 1932 änderte sich das. So ist es zu erklären, dass wir meist recht kümmerlich gelebt haben, dass es stets finanzielle Sorgen, kleine Schulden und oft Abzahlungsgeschäfte gab, dass meine Eltern so wenig gesellschaftlichen Verkehr gepflegt haben, dass Theater- und Konzertbesuch nicht vorkam und ein Kinobesuch ein besonderes und seltenes Ereignis war.

1924, in meinem ersten Schuljahr, wurde mein Vater von Liegnitz nach Berlin versetzt. In Berlin kam ich zunächst in eine Privatschule‚ warum eigentlich, weiss ich nicht. Aber bald ging ich dann in die Grundschule in der Bleibtreustraße in Charlottenburg, wo es mir besser gefiel als auf der Privatschule. Meine Eltern hatten eine Wohnung in der Kantstrasse bekommen und machten sich Sorge um meinen Schulweg, der über die damals schon recht belebte Kantstrasse führte. Meine Mutter hat mich in der ersten Zeit immer zur Schule gebracht und auch oft abgeholt. Nun war ja auch ein erheblicher Unterschied zwischen dem verkehrsarmen Liegnitz und der Reichshauptstadt. 

Dort in der Kantstrasse kamen wir auch mit der damals weit verbreiteten Kriminalität in Berlin in Berührung. Als meine Mutter eines Tages vom Einkaufen nach Hause kam und die Wohnungstür aufschloss, traten im Korridor 2 fremde Männer auf sie zu, die sie mit Pistolen bedrohten. Sie ist dann schnell rückwärts gegangen und hat die Tür zugeschlagen. Draußen hat sie dann um Hilfe gerufen und es kamen Nachbarn und auch bald 2 herbeigerufene Polizisten. Zu der Versammlung vor der Wohnungstür bin ich dann dazu gekommen. Alle waren mächtig aufgeregt. Die Schutzmänner drangen dann mit gezückten Pistolen in die Wohnung ein. Dort stellte es sich dann heraus‚ dass die beiden Einbrecher durch den Hinterausgang und die Treppe „für Dienstboten“‚ die es damals noch in allen besseren berliner Wohnungen gab, geflüchtet waren und ihren Weg über die Dächer genommen hatten. Sie hatten Koffer mit silbernen Essbestecken und Kristallgegenstände mitgenommen. In der damaligen Zeit waren allerdings Einbrüche in Berlin keine Sensation und die Polizei kam mit den Ermittlungen nicht mehr nach. Meine Eltern haben ihre gestohlenen Sachen auch nie wieder gesehen. Durch den Schreck bedingt, hat meine Mutter dann diese Wohnung nicht mehr gemocht und zum Umzug in eine andere Gegend gedrängt. 

Obwohl meine Eltern so arm waren und so ein dürftiges Leben führten, haben sie es doch öfter möglich gemacht, mit uns Kindern in eine Sommerfrische zu fahren. Von solch einem Ferienaufenthalt in Pabstdorf in der Sächsischen Schweiz, wo wir bei einem Bauern ein möbliertes Zimmer bewohnten, hatten wir einmal einen niedlichen kleinen gelben Kater mitgebracht. Ich habe meinen Peter sehr geliebt. Eines Tages‚ als ich in der Schule war‚ war das Tierchen auf dem Balkon herumgeklettert‚ wie es so Art der Katzen ist, die ihre Umgebung erforschen wollen. Dabei ist es aber abgestürzt und auf das Straßenpflaster gefallen, und zwar aus dem 2ten Stockwerk. Dabei hat sich mein Peter das eine Vorderpfötchen gebrochen, und auch als das wieder heil war, hat er immer ein wenig gehinkt. 

Mein Klassenlehrer in der Bleibtreustrasse war ein strenger grauhaariger Mann. Er hatte immer einen langen Rohrstock bei sich, den er nicht nur als Zepter seiner Würde trüg, sondern auch fleißig zum Prügeln benutzte. Er war sicher ein sogenannter Prügelpädagoge, aber wir haben ihn deshalb nicht gehasst. Aus Wut hat er nie geschlagen, sondern er hat die Gewalt sehr wohl zu dosieren verstanden. Er hatte in der Klasse eiserne Disziplin und es verging keine Stunde, wo nicht einige über die Bank gelegt oder auf die hingehaltene Innenhand geschlagen wurden. Dafür war aber Ruhe in der Klasse, ungezogenen Kinder störten nicht die besser Erzogenen‚ die Schularbeiten wurden gemacht und keiner wagte es, sich auf der Bank zu räkeln oder zu schwatzen. Ich bin jedenfalls deshalb nicht frustriert worden‚ weil ich damals auch ein paar Mal etwas abbekommen habe. Im Allgemeinen war ich damals aber wohl ein einigermaßen artiger kleiner Junge gewesen. Ein Musterknabe oder Streber bin ich aber nie gewesen.

Als besonderes Ereignis aus dieser Zeit ist mir noch in Erinnerung geblieben, dass wir mit der Schule zum „Knie“ gewandert sind und dort auf den ersten Zeppelin‚ der vor seiner Überführung nach Amerika noch Berlin besuchte, gewartet habe. Er kam dann auch pünktlich und wir haben über das Riesending‚ das dort über uns flog‚ gestaunt. 

In dieser Zeit bekam ich auch mein erstes Fahrrad. Das heißt‚ ich durfte es mir von gespartem Gelde kaufen. Es war ein gebrauchtes schwarzes Ding, aber ich habe mich doch sehr darüber gefreut. Meine Eltern konnten nicht Radfahren und meine Schwester hat es erst später bei mir gelernt. Aber ich bin damals mit meiner Schwester zusammen in eine unbelebte Straße, nahe am Breitenbachplatz gegangen, es war dort noch ein Kleingartengelände.

Meine Eltern hatten ihr Leben lang den Wunsch nach einem eigenen Haus. Da wurden Pläne gemacht, Neubauten besichtigt‚ die zum Verkauf standen und immer wieder überlegt, wie man zu Geld kommen könne. Meine Eltern haben immer in der Lotterie gespielt, aber der erhoffte große Gewinn blieb aus. Hätten sie das Lotteriegeld gespart, so wäre wohl nicht gerade ein Haus dabei herausgekommen, aber sie hätten sich manchen anderen Wunsch erfüllen können. Sogar entfernte Verwandte in Amerika wurden als potentielle Geldgeber angeschrieben, allerdings ohne das erwünscht Ergebnis.

Also Geld für ein Eigenheim war nicht aufzutreiben. Da bot sich ein Kompromiss. In Spandau-Pichelsdorf war eine Siedlung für Polizeibeamte. Diese Siedlungsgesellschaft hatte in der damals beginnenden Weltwirtschaftskrise nicht mehr weiter gekonnt und hatte einige neuerbaute Siedlungshäuser an die Post abgegeben. Es waren Reihenhäuser mit je einem kleinen Gärtchen dazu. Meine Eltern mieteten nun ein Eckhaus. Es steht heute noch. Es war ja nun kein Eigenheim, aber doch ein Haus für uns allein. 

In dieser Zeit bekam ich auch ein neues Fahrrad. Das war so: Ich war mit meiner Mutter zusammen in Charlottenburg und wir gingen die Wilmersdorfer Straße entlang. Dabei kamen wir an ein großes Fahrradgeschäft‚ wo gerade ein Räumungsausverkauf stattfand. Wir gingen hinein. Dort waren wirklich sehr günstige Angebote und meine Mutter hat mir zunächst einen sogenannten Halbrenner und dann noch für meine Schwester ein Damenrad pro Stück für 65 Mark gekauft. Meine Freude war sehr groß. Endlich hatte ich auch ein neues, schönes, buntes, leicht laufendes Fahrrad! 

In unserer Siedlung war es fast wie auf einem Dorf. Die Jungens und Mädels waren bei schönem Wetter auf der Straße und jeder kannte jeden. Wenn ich einen langen Schulweg gehabt habe, so ist das nichts dagegen‚ was mein Vater Tag für Tag an Wegen zurücklegen musste, um zu seinem Arbeitsplatz im Haupttelegraphenamt in Tempelhof zu kommen. In der dunklen Jahreszeit haben wir ihn bei Tageslicht nur am Sonntag zu sehen bekommen. Er ist zunächst von unserer Wohnung bis zum Bahnhof Pichelsdorf gelaufen und dann mit der S-Bahn mit Umsteigen nach Tempelhof gefahren und dort wieder gelaufen. Ob ich das mitgemacht hätte, nur damit meine Familie im Grünen wohnen kann, weiss ich nicht. Ich habe aber meinen Vater nie darüber stöhnen hören. Er war ein gläubiger Christ, der seine Verpflichtungen gegenüber seiner Familie und gegenüber dem Staat, dem er diente, ganz genau nahm. An sich selbst dachte er wohl immer zuletzt. Dabei war er hochintelligent und fleißig. Er hat sein Leben lang darunter gelitten, dass er kein Abitur machen konnte und ihm dadurch der Aufstieg in eine höhere Schicht nicht möglich war. Eine Zeit  lang, es war lange vor meiner Geburt, hat er selber noch Latein und Griechisch zu Hause gelernt, um eventuell doch noch ein Pastor zu werden. Warum das nichts wurde, weiss ich nicht. Die bewusst christliche Einstellung meines Vaters und die wohl mehr äußerliche Christlichkeit meine Mutter, die aus Not eine Tugend machte, haben nun allerdings ein paar schwerwiegende Einwirkungen auf die Entwicklung von uns Kindern gehabt. Viele Jahre wurden täglich Abendandachten gehalten, vor jedem Essen wurde gebetet und am Sonntag ging die ganze Familie in die Kirche bzw. ich in den Kindergottesdienst. Alkohol und Tabak gab es bei  uns zu Hause nicht, sogar ein Malzbier war lange Zeit verpönt. 

Ich kam damals in die sogenannten Flegeljahre. Dies äußerte sich bei mir u.a. darin, dass ich großen Spaß daran fand‚ andere harmlose Leute zu ärgern, sofern sie sich ärgern ließen. Dabei war ein Schulkamerad, der den gleichen Schulweg hatte, mit von der Partie. Ich glaube, meine Eltern haben nie gewusst‚ was wir manchmal für Unfug getrieben haben. Es ist gut, wenn man später mal nicht  ganz vergessen hat, wie sehr einem Bengel in dem Alter das Fell jucken kann. Allerdings begünstigt die Anonymität der Großstadt solche Unternehmungen. In einer Klein- oder Mittelstadt‚ wo jeder fast jeden kennt, kommt so etwas wohl kaum vor. Da war zum Beispiel in der Wilhelmstrasse eine öffentliche Bedürfnisanstalt. Auf dem Heimweg von der Schule hatten wir unseren Spaß daran‚ durch das geöffnete Fenster der Damentoilette eine Knallerbse‚ die wir meist mit uns führten, zu werfen. Die Benutzerin erhob darin meist ein lautes Geschrei und die Wärterin kam herausgesaust und schimpfte fürchterlich auf die frechen Bengels. Einmal muss sie auch auf uns gelauert haben, denn sie war gleich da und wollte uns festhalten und ist  dann schimpfend eine Weile hinter uns her gelaufen. Weil wir aber die viel jüngeren Beine hatten, haben wir aber nur immer den nötigen Abstand eingehalten und uns dabei über das Schimpfen und Schreien der guten Klofrau amüsiert. Ein anderes Mal hatten wir beschlossen, in dem großen Woolworth-Laden in Spandau eine Stinkbombe zu werfen. Der große ebenerdige Raum mit einer verhältnismäßig niedrigen Decke erschien uns besonders geeignet. Eine Stinkbombe ist eine murmelgroße Glaskugel, die beim Zerbrechen den Inhalt Schwefelkohlenstoff freigibt‚ der dann verdunstet und dann fürchterlich stinkt. Da dieser Streich doch einige Geschicklichkeit erforderte, wurde geknobelt, wer die Bombe werfen sollte. Das Los fiel auf mich. Der Laden war voller Menschen. Damals war ja die Zeit der Arbeitslosigkeit, und so hatten viele Männer nichts zu tun und gingen in dem gut geheizten Laden regelrecht spazieren. Nun konnte ich das Ding ja nicht einfach irgendwo hinwerfen, das hätte ja jemand sehen können, und Warenhausdetektive gab es damals auch schon. Ich habe mich dann in ein Gedrängel hineingeschoben, welches sich um einen Verkaufsstand gebildet hatte. Mittendrin habe ich das Ding dann einfach fallen lassen. Es musste ja jemand drauftreten. Die Wirkung zeigte sich auch prompt. Die grinsenden Kunden und Besucher bildeten einen immer größeren Kreis um die besagte Stelle und nur ein paar einsame Verkäufer blieben zurück bei ihren Tischen. Danach hatten wir aber doch ein schlechtes Gewissen. Auf dem Heimweg wähnten wir uns verfolgt und haben ein paar Umwege gemacht, um die Verfolger abzuschütteln. Wir haben noch mehr solche Streiche gemacht, aber Menschen oder Eigentum haben wir nie wissentlich beschädigt. Uns machte am meisten das Drohen und Schimpfen der Geärgerten Spaß. In der Schule wurden meist nur die Lehrer von den Schülern geärgert, die erfahrungsgemäß immer ein großes Spektakel machten. In der Schule war ich aber kein Rädelsführer bei solchen Unternehmungen. Einmal hat auch ein Schüler eine Stinkbombe während des Unterrichts geworfen. Der betreffende Lehrer reagierte geistesgegenwärtig damit‚ dass er nichts sagte, als dass die Fenster nicht geöffnet werden durften. Da hat dann niemand wieder so etwas unternommen.

1931 – 1932 Weltwirtschaftskrise

1931 und 32 war die Weltwirtschaftskrise auf dem Höhepunkt. Die Arbeitslosigkeit von vielen Millionen Menschen, die damals durch die wesentlich geringere soziale Absicherung in wirklich physische Not gerieten, hatten kein Geld für Miete, Essen und Feuerung‚ wurde allgemein spürbar. Es gab viele Einbrüche und Raubüberfälle, es wurde viel gebettelt und hausiert. Ich weiss noch, wie es alle paar Minuten klingelte und wieder stand ein Bettler oder Hausierer vor der Haustür. Und so viel hatten meine Eltern sicher nicht, dass sie jedem etwas geben konnten. Auch die politischen Auseinandersetzungen wurden immer heftiger. Mehrmals bin ich auf dem Heimweg von der Schule, besonders wenn am Nachmittag noch Unterricht war, in politische Schlägereien hineingeraten. Meistens schlugen sich da Nazis mit Kommunisten. Wir Kinder blieben aber immer unbehelligt. Das Einkommen meines Vaters wurde auch noch gekürzt‚ denn der Staat hatte auch kein Geld mehr und so wurden die Brühningschen Notverordnungen erlassen. 

Trotz der schlechten Zeiten haben wir damals in den Sommerferien Urlaub gemacht und sind an die Ostsee nach Kleinmölln nahe Köslin gefahren. Ich habe damals das Meer zum ersten Mal bewusst gesehen. Ich fand es dort viel schöner als im Mittelgebirge und ich habe dort gelernt, auch in hohen Wellen mit viel Vergnügen zu schwimmen. Nach dem 2ten Weltkrieg ist Pommern ja polnisch geworden, nachdem alle Deutschen von dort vertrieben waren. Köslin heißt heute Koszalin und Kleinmölln Mielenko. Damals hat es sicher kein Pommer für denkbar gehalten, dass seine Heimat einmal zu Polen gehören würde, denn es gab dort nicht einmal eine polnische Minderheit, lediglich in der Gegend von Lauenburg nahe Danzig wohnte eine kaschubische Minderheit, was aber nicht gleichbedeutend mit polnisch ist, so ähnlich wie die Sorben in der DDR‚ die zwar Slawen aber Deutsche sind. 

Das Leben in Köslin war auch billiger als in Berlin. Auf dem Wochenmarkt kostete dort eine Stiege Eier, das sind 20 Stück, eine Mark. In Berlin musste man damals schon etwa 10 Pfennig für ein Ei bezahlen. Auch beim Bäcker gab es 4 Schnecken für 10 Pfennig‚ in Berlin nur 2. Ein Markttag in Köslin war überhaupt etwas Sehenswertes. Da strömten die Bauern und Fischer aus der Umgebung nach der Stadt und stellten sich dort einfach auf und verkauften ihre Produkte wie Geflügel und Fische, Obst und Gemüse, Pilze und Waldbeeren. Es versteht sich‚ dass dabei noch gehandelt wurde. Anschließend gingen dann die Landleute in die Geschäfte oder Gastwirtschaften und setzten ihren Erlös wieder um. Da war der ganze große Markt. und die Seitenstraßen voller Menschen und überall standen Pferde und Fuhrwerke herum. Natürlich waren auch Händler mit ihren Ständen da und es wurde damals noch ein Verschlag eingerichtet‚ hinter dem die Hühner‚ Gänse und Enten geschlachtet werden konnten. 

Als wir dann wieder zu Hause waren, kam mein Vater eines Tages nach Hause und erzählte folgendes: Da wäre ein Arbeitskollege von ihm nach Köslin in Hinterpommern versetzt worden. Dieser Arbeitskollege wäre ein Junggeselle, habe aber seine Freundin in Berlin und wolle deshalb in Berlin bleiben. Er habe einen Preis von 3000 Mark für den Kollegen ausgesetzt, der für ihn nach Köslin ginge. Nun waren 3000 Mark ein Geldbetrag, den meine Eltern noch nie besessen hatten. Meine Eltern haben immer in der Lotterie gespielt, weil sie hofften, durch einen größeren Gewinn eines Tages aus ihren ständigen Geldnöten herauszukommen. Das hat aber nie geklappt. Und nun bot sich eine Gelegenheit. Um es kurz zu machen: Wir ließen unser Häuschen und den mit viel Mühe angelegten Garten stehen und zogen nach Köslin. Dabei war es sicher wichtig für diese Entscheidung‚ dass wir Köslin gerade vorher gesehen hatten und damit den Begriff einer schönen gemütlichen Mittelstadt an der Ostsee verbanden.

Unser Leben war‚ wenn ich von den schulischen Anfangsschwierigkeiten absehe, überhaupt schön. Keine Geldsorgen mehr bei den Eltern, ein Schulweg von 7 Minuten, das Amt meines Vaters nur ein paar hundert Meter weiter, sodass ihn der Dienst auch wesentlich weniger belastete als vorher, und dabei die Nähe der Ostsee, die nur 14 km entfernt war und mit dem Fahrrad oder der Strandbahn bequem zu erreichen war. Auf der anderen Seite der Stadt war ein herrlicher Mischwald mit dem Gollenberg. Köslin war eine typische Beamtenstadt. Grössere Fabriken oder Industrieunternehmungen gab es nicht und die Stadt hatte damals etwa 30000 Einwohner. Durch die Stadt fuhr in Längsrichtung eine Straßenbahn, mit der man auf der einen Seite den Gollenwald und auf der anderen Seite den Fernbahnhof und die Strandbahn erreichen konnte. Am Mittwoch Nachmittag war Beamtensonntag und da zogen dann die Beamten mit ihren Familien entweder in den Gollenwald bzw. in die darin befindlichen Ausflugskaffees, oder es ging mit der Strandbahn an die Ostsee. Dort war auch noch ein großer Strandsee, auf dem jeder Wassersport betrieben wurde. Ich selber habe dort die ersten Segelpartien mit einem Klassenkameraden, dessen Eltern ein Boot hatten, gemacht. Ich selbst fuhr die 14 km bis zum Strand mit dem Fahrrad, nicht nur um Geld zu sparen‚ sondern weil ich auch gern mit dem Rad fuhr. Mit meinen Mitschülern hatte ich bald ein gutes Verhältnis und es bildeten sich Freundschaften, die vielleicht ein Leben lang gehalten hätten, wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre. 

1933 Gymnasium

Am 30. Januar wurde Adolf Hitler Reichskanzler……

Fortsetzung hier.

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5 Kommentare

  1. Ich freue mich sehr auf die Fortsetzung….. 🙂

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  2. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  3. firebib sagt:

    Welch ein wunderbares und berührendes Zeugnis der damaligen Zeit. Ich bin sehr gerührt und habe es mit Freude gelesen. Auf die Fortsetzung bin ich schon gespannt. Vielen Dank dafür.

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  4. palina sagt:

    was für bewegende Zeilen.

    Ich finde man sollte solche Biografien auch den Jugendlichen nahe bringen.

    Habe gerade einer 14 jährigen das Buch von den Schwabenkindern geschenkt.

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  5. Thom Ram sagt:

    Mit Genuss habe ich gelesen.

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