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75. Jahrestag der mittels Milliarden induzierten Selbsterniedrigung / Teil 2 / Gymnasium und Reichsarbeitsdienst

Vorwort von Räuber Hotzenplotz

In diesem Jahr ist der 75. Jahrestag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Weltweit werden am 8./9. Mai wieder mal viele Reden gehalten werden, über die bösen Nazis und die edlen Befreier aus Ost und West. Viele Menschen, die die Zeit vor dem Zusammenbruch persönlich erlebt hatten, sahen diese Geschichtsperiode allerdings durchaus nicht so “schwarz und weiß”, wie man es heute offiziell darstellt. Zum Glück sind uns aus der Zeit vor 1945 Augenzeugen-Berichte erhalten geblieben, die uns zeigen, wie normale Menschen diese Zeit erlebt und empfunden haben. 

Der vorliegende Bericht wurde von meinem Vater in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert geschrieben, als vieles noch nicht vergessen war. Mein Vater war damals Landarzt und lebte, mit seiner Ehefrau, in einem kleinen Dorf in der kommunistischen DDR.

Die persönliche Lebensgeschichte beginnt mit der Geburt 1917 und endet 1944, kurz vor dem Zusammenbruch. Mein Vater beschreibt seine Kindheit während der Weimarer Republik, die Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933, den Polenfeldzug, seine Erlebnisse an der Westfront, den Einmarsch in die Sowjetunion, seine Erlebnisse in Afrika und  und seine Verwundung in Italien.

Räuber Hotzenplotz im Jahre 08 der Neuen Zeitrechnung

Persönlicher Bericht über die Zeit von 1917 bis 1944 / Gymnasium und Reichsarbeitsdienst

Teil 2

1933 Gymnasium

Am 30. Januar wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Ich kann mich noch an den Tag erinnern. Als 15-jähriger ist man jung, optimistisch und tatendurstig, aber politisch reif ist man bestimmt in dem Alter noch nicht. Jedenfalls waren wir Junger an diesem Tage glücklich. Endlich war der Mann, der Deutschland retten wollte, an die Macht gekommen. Nun würde bald alle Not ein Ende haben, die Arbeitslosigkeit würde aufhören und unser Vaterland würde bald wieder den Platz in der Welt einnehmen, der ihm auf Grund seiner kulturellen Tradition und der Tüchtigkeit seiner Bürger zukam. Das hatte Hitler in der jahrelangen „Kampfzeit“ immer wieder versprochen und das hat er‚ das sei hier vorweggenommen, zunächst auch gehalten. Die Nationalsozialisten waren die stärkste Partei, besaßen also auch die Legitimation zur Macht. Wahltricks hatten sie gar nicht nötig. In unserer Schulklasse gab es schon auf Grund der sozialen Zusammensetzung keine Kommunisten und ich habe auch in dieser Zeit keinen Kommunisten persönlich gekannt. Da war lediglich ein jüdischer Mitschüler, der aber sehr zurückhaltend war, und den beiden Großgrundbesitzerssöhnen waren die Nazis wegen ihrer sozialistischen Tendenzen zunächst nicht geheuer. Nur 2 Lehrer bekannten sich zur SPD. Der eine war unser Direktor, er wurde nach einiger Zeit von seinem  Posten enthoben und als Studienrat in eine Nachbarstadt versetzt und der andere war ein großmäuliger recht unbeliebter Geschichtslehrer, der sich in längstens 14 Tagen zum Nationalsozialismus bekehren ließ. Ich kann mich noch erinnern‚ wie er und ein anderer Studienrat, der Mitglied der NSDAP war, in den Pausen lauthals auf dem Schulhof diskutierten. Er war danach dann ein ebenso kompromissloser Nazi, wie er vorher Sozi gewesen war. Ich höre ihn noch sagen: “Herrschaften, nicht wahr, im nächsten Krieg‚ nicht wahr, da wird sich zeigen, wer endlich der Stärkere ist.“ Nun hat es sich allerdings gezeigt, aber nicht, wie es dieser Maulheld meinte.  Der Nazilehrer, der ihn bekehrt hatte, wurde übrigens bald Schuldirektor in einer auswärtigen Schule. Die Nationalsozialisten haben es tatsächlich verstanden, die große Menge unseres Volkes für sich zu begeistern und so war die Zeit nach der Machtergreifung, die von ihnen auch die Zeit der Nationalen Revolution genannt wurde, eine schöne Zeit. Nun wurden endlich wirksame Maßnahmen ergriffen‚ um die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln, die Arbeitslosen verschwanden von der Straße‚ es wurde marschiert, gejubelt und demonstriert und ein starker Wille wurde sichtbar, der die Deutschen aus der Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit der vergangenen Jahre wieder in eine bessere Zukunft führen wollte. Wie bei allen Diktaturen wurden natürlich auch Menschen eingesperrt und unterdrückt, aber wie es typisch für eine Rechtsdiktatur ist‚ waren das nur eine Minderheit. In erster Linie ging es gegen aktive politische Gegner, die sich auf keinen Kompromiss einlassen wollten. Wer schwieg, wurde im Allgemeinen in Ruhe gelassen, und dann wurden von Jahr zu Jahr mehr alle Juden verfolgt. Allerdings wurden sie nicht etwa alle gleich eingesperrt, aber es begann damit, dass sie zunächst aus wichtigen Stellungen entfernt wurden‚ dann kamen weniger wichtige dran und der Handelsjude wurde boykottiert.

Immerhin konnten Juden noch im Jahre 1938 auswandern. Die Schwierigkeit für diese armen Menschen bestand nur darin, dass die meisten Länder sie nicht aufnehmen wollten. Unser Klassenkamerad Goldstein kam auch eines Tages nicht mehr zur Schule, und weil er schon immer ein Einzelgänger gewesen war, fiel das gar nicht weiter auf, und ich weiss auch nicht, was aus ihm und seiner Familie geworden ist. Man hörte auch davon‚ dass ein paar Leute, vor allem Kommunisten, in ein Konzentrationslager gekommen waren, um sie umzuerziehen. Jedenfalls habe ich die Nazis damals in Köslin nur von ihrer guten Seite gesehen. lch bin dann auch bald in die Hitlerjugend eingetreten, um nicht abseits zu stehen, wenn alle dabei waren. Ich durfte mir dann auch eine Uniform kaufen und war als typischer Deutscher von damals stolz, dass ich damit umherstolzieren konnte. Auch mein Vater trat bald in die Partei ein, nicht um einen Posten zu erjagen‚ sondern weil er glaubte‚ der Führer, der bisher so viele Erfolge errungen hatte, werde es schon richtig machen. In der Hitlerjugend ist mir dann das Exerzieren bald lästig geworden, aber manche Heimabende und Fahrten waren schön und da waren die Lieder, die einen jungen unkritischen Menschen schon mitreißen konnten. In der HJ lernte ich auch Jungens kennen, die keine Gymnasiasten waren‚ sondern aus anderen Ständen kamen. Sonst hat man ja kaum Gelegenheit dazu. Bis in die ersten 2 Jahre der Naziherrschaft war es üblich‚ dass Schüler einer höheren Schule eine sogenannte Schülermütze trugen. An dieser Mütze und ihrem Band konnte man genau erkennen‚ in welche Schule und welche Klasse der Schüler ging. Nach der Versetzung von einer Klasse in die Nächsthöhere wurde schleunigst eine neue Mütze gekauft. Das wurde abgestellt, denn das passte nicht in die Volksgemeinschaft der Nationalsozialisten. Die “Arbeiter der Stirn und der Faust“ sollten sich nicht schon als Kinder voneinander unterscheiden. Es sollte ja die Volksgemeinschaft entstehen. Zunächst war die Mitgliedschaft in der HJ noch freiwillig. Später wurde sie Pflicht, zu mindestens für alle, die irgend eine Ausbildung erhalten wollten. Danach sank auch das allgemeine Niveau. Die hauptberuflichen HJ-Führer brauchten sich keine Mühe mehr zu geben und es wurde nur noch kommandiert, wo vorher doch ein wenig geworben und überzeugt werden musste. Außerdem kamen nun auch Mitglieder hinzu, die sowieso zu gemeinschaftlichen Unternehmungen wenig Lust hatten. So habe ich dann bald gemerkt‚ dass es besser war‚ Fahrten nicht auf dem Boden der HJ, sondern lieber auf privater Basis mit ein oder zwei gleichgesinnten Jungen zu organisieren. 

Als Schüler im Gymnasium

Im Jahr nach der Konfirmation durfte ich dann an einer Tanzstunde teilnehmen. Ich bin da gern hingegangen. So lernte ich auch ein paar Mädchen kennen. Mit meiner Tanzstundendame hatte ich auch Glück. Sie hieß Annemarie. Wir habe uns dann auch außerhalb der Tanzstunden getroffen und haben ausgedehnte Spaziergänge miteinander gemacht. Es ist da wohl keine große Liebe zwischen uns Beiden entstanden. Dafür konnten wir uns aber ausgezeichnet miteinander über alle möglichen philosophischen und religiösen Probleme unterhalten. Langweilig ist das Beisammensein jedenfalls nie gewesen.

In der Zeit damals an der Ostsee habe ich auch geangelt und habe viel Spaß daran gehabt, auf den Buhnen zu stehen und den Fischen nachzustellen. Manchmal habe ich auch tüchtig gefangen. Da war ein Mann, der offenbar nicht schwimmen konnte, zu weit hinausgelaufen und in ein Loch geraten. Seine Frau schrie um Hilfe und ich konnte ihn herausholen und an den Strand schleppen. Der Mann war viel schwerer als ich. Am Strand halfen dann noch andere Badegäste mit, ihn wieder zu beleben. Er erholte sich bald und konnte wieder aufstehen. Er ist dann einfach weggelaufen und hat nicht einmal Dankeschön gesagt. 

Feinde hatte ich keine in unserer Klasse, aber mehrere Freunde. Einer war Günther. Sein Vater war ein Volksschullehrer und er hatte noch mehrere Geschwister. Wir beide waren von Hause aus wohl die Ärmsten in unserer Klasse. Dafür waren wir aber auch die Unternehmungslustigsten. Günters Vater hatte ein altes Motorrad, eine 200er DKW noch mit Keilriemenantrieb und nur 2 Gängen. Damit durften wir, bzw. Günther‚ manchmal fahren, und ich habe dann wieder von Günther die Erlaubnis bekommen. In den Ferien haben wir Beide weite Radtouren durch Pommern gemacht‚ das durfte aber nichts kosten. Da war es sehr praktisch, dass der Vater als Lehrer so viele Bekannte hatte. Günther hatte immer eine ganze Liste von Lehrern mit, denen er Grüße von seinem Vater bestellen durfte. Da haben wir dann unsere Grüße bestellt und wurden dann meist zum fälligen Essen eingeladen. Übernachtet haben wir allerdings meist in Jugendherbergen.

Der Vater von meinem anderen Freund, Erich, hatte ein sehr großes Gut, wo wir auch zu Besuch waren. Dort habe ich gesehen, wie es bei solchen Leuten zugeht. Diener servierten dort das Essen und es ging ganz standesgemäß zu. Seine Eltern waren sicher keine Nazis. Er erzählte manchmal von Jagdgästen, die bei ihnen verkehrten. Es waren viel Prominente darunter. Unter anderem berichtete er von schlimmen Saufereien und anschließendem Herumgeschieße. Die Gastgeber waren davon sicher nicht begeistert, aber die neuen Herren, unter anderem Nazigauleiter, wollte man möglichst nicht vor den Kopf stoßen. Das waren ja solch alten Landsknechte‚ die es eben nicht lassen konnten. Der eine davon, Peter v. Heydebreck, war Gauleiter in Pommern. Er war Freikorpsoffizier gewesen. Er gehörte mit zu den SA-Führern, die bei der Röhm Revolte mitgemacht hatten und die Hitler erschießen ließ. Röhm und seine Kumpanen sollen ja Homosexuelle gewesen sein. Als Röhm einmal nach Köslin kam, konnte man an einem Zaun folgende Inschrift lesen: “Arsch an die Wand‚ Röhm fährt durchs Land”. Das wurde natürlich schleunigst weggemacht, aber es wurde herumerzählt und belacht. 

Ein weiterer guter Freund war Otto. Sein Vater war Oberforstrat und er hat uns Jungens mal auf die Jagd mitgenommen. Otto war in der Klasse sehr beliebt, weil er immer freundlich und guter Laune war. Außerdem war er ein hübscher Kerl und sicher der Schwarm vieler Mädchen. Er wollte auch ein Forstmann werden wie sein Vater. Er ist dann zum Wehrdienst bei den Kolberger Jägern eingetreten. Zu seiner Berufsausbildung ist er gar nicht mehr gekommen. Ehe er entlassen wurde, brach der 2. Weltkrieg aus. Otto war inzwischen Reserveoffizier geworden Ich habe mich noch mit ihm geschrieben und er hat mich mal besucht‚ als ich im Jahre 1940 in Erlangen studierte. Zu Anfang des Russlandkrieges ist er gleich gefallen. Seine Mutter hat es mir noch geschrieben und mir ein Bild von seinem Soldatengrab mit dem Birkenkreuz darauf geschickt.

Aber ich war trotzdem sehr glücklich in dieser Zeit. Leider ging diese schöne Zeit, vielleicht die sonnigste in meinem ganzen Leben, zu Ende, als mein Vater nach Hannover versetzt wurde‚ um die höchste Stufe in der mittleren Beamtenlaufbahn, den Postamtmann, zu erklimmen. Gern bin ich nicht nach Hannover gegangen, aber es half ja nun nichts. 

Abiturienten im Kaiser Wilhelm Gymnasium (1937)

In Hannover bin ich dann nicht mehr gern zur Schule gegangen. Was den Wissenstand anbelangt‚ so hatte ich allerdings diesmal gar keine Schwierigkeiten. Aber mit den Mitschülern wurde ich nicht warm. Nun sind die Hannoveraner ja bekannt für ihren Konservativismus. Während wir 17-jährigen uns in Köslin eigentlich noch als große Jungens fühlten und zu mindestens im Sommer in kurzen Hosen herumliefen, waren die Hannoveraner junge Herrchen.

Im Sport war ich weiterhin gut, was ja für meinen späteren Beruf wichtig war. Wir lernten dort u. a. auch Boxen. Das habe ich gern gemacht. Ich glaube, dass dieser Sport, den die meisten Leute als roh verdammen, gerade für einen jungen Mann ein ausgezeichnetes Mittel ist, sich körperlich auszutoben und dabei ein tüchtiges Paket an Aggression abzuladen. Ich war jedenfalls in meiner Klasse ein gefürchteter Gegner und wenn ich schon keinen richtigen Freund hatte‚ so hat sich auch keiner getraut, mir zu nahe zu treten. Wettkampfmässig habe ich damals und auch später nie geboxt.

Ich war froh, als ich mit der Schule in Hannover fertig wurde, um, wie es hieß, Sanitätsoffizier zu werden. Wie kam ich zu diesem Beruf? Als ich noch jünger war, wollte ich ein Naturforscher werden, dann ein Förster und zuletzt ein Arzt. Mit dem Försterberuf bin ich ernstlich umgegangen. Als ich aber in Erfahrung gebracht habe, dass man als einfacher Förster keine Aufstiegsmöglichkeiten hat und die höhere Forstlaufbahn teuer und privilegiert war, kam das nicht mehr in Frage. Der Arztberuf gefiel mir gut, ich hatte aber Bedenken wegen des langen und teuren Studiums. Ich hatte ja miterlebt, wie meine Schwester studiert hatte. Meine Eltern konnten sie nur sehr dürftig dabei unterstützen, und meine Tante hat ihr kostenlos Wohnung und Essen gegeben. Aber trotzdem hat sie dabei bestimmt viel dürftiger und kümmerlicher gelebt, als wenn sie z. B. ein Bürofräulein oder eine Laborantin geworden wäre.  So wollte ich mir jedenfalls nicht meine Leben einteilen, wenn ich auf andere Weise zu einem erwünschten Beruf kommen konnte. Ich wollte auch nicht, dass meine Eltern ihren nun endlich erreichten verhältnismäßig sorgenlosen Lebensstil aufgeben mussten, nur weil der Sohn studierte. Da bot sich nun eine Gelegenheit. Durch die Wiederaufrüstung und den Aufbau der Wehrmacht wurden Offiziere gebraucht. Zum Truppenoffizier hatte ich gar keine Lust, aber wenn ich auf diese Weise Arzt werden konnte, so war das etwas anderes. Als ich mich beworben hatte, musste ich noch zu Aufnahmeprüfungen nach Kassel und Hamburg. Und ich wurde zu meiner großen Freude angenommen, denn es haben sich damals viele gemeldet und 2/3 aller Bewerber wurden abgelehnt. Die Abiturprüfung habe ich auch nicht zu machen brauchen. Ausnahmsweise wurde das Halbjahreszeugnis der Oberprima als Reifezeugnis anerkannt, nachdem beschlossen war‚ im nächsten Jahr das Abitur schon mit Unterprima machen zu lassen. 

Reichsarbeitsdienst

Zunächst musste ich aber zum Reichsarbeitsdienst. Da habe ich mal wieder Pech gehabt. Ich kam in ein Lager, welches dafür berüchtigt war, dass es‚ weil fernab von jedem Dorf, Stadt oder Bahnhof, als Verbannungsort für strafversetzte Arbeitsdienstführer galt. Vor uns waren dort übrigens Zuchthäusler gewesen und später wieder Konzentrationslager. Ostenholz-Ost lag in der Lüneburger Heide am Rande eines großen Moores. Der Heidedichter Hermann Löns war dort dichtend und jagend herumgestreift, aber uns ist die Romantik des Ortes bald vergangen. Unsere Führer hatten oft schlechte Laune und behandelten uns wie Sträflinge. Noch in tiefster Dunkelheit schrillten morgens die Pfeifen und wir wurden aus unseren Doppelstockbetten mit Strohsack gejagt, und der Tag begann mit Frühsport, worunter meist ein Dauerlauf auf dreckigen unbeleuchteten Feldwegen gemeint war. Nach dem kalten Waschen und Rasieren, wobei es immer hopp-hopp gehen musste, wurde ein primitives Frühstück gegessen und dann wurde zur Arbeit angetreten. Im Morgengrauen ging es dann ins Moor hinaus und ich habe zunächst übermannstiefe enge Gräben in den torfigen Untergrund gegraben, in die danach Drainagerohren verlegt wurden. Das Moor wurde eben trocken gelegt. Dabei stand man teilweise mit nassen Füssen im Grundwasser und die Holzschuhe, die dazu ausgegeben wurden, hielten nur einen Teil der Nässe ab. An die Arbeit selbst wurde man schrittweise gewöhnt. Mir als ehemaligem Schüler fiel die Arbeit zunächst schwerer als denen, die als Arbeiter an körperliche Arbeit gewöhnt waren. Und die meisten Kameraden in meinem Trupp waren vorher einfache Arbeiter gewesen. Aber es hat nicht lange gedauert, da hatte ich mich an die schwere körperliche Arbeit gewöhnt und es war eine gute Erfahrung, dass man es ebenso konnte, wie die Arbeiter. Mein Truppführer war ein verhältnismäßig vernünftiger Mensch. Er hielt es nicht für unter seiner Würde, oft selber mitzuarbeiten und er konnte so auch wirklich nützliche Ratschläge erteilen. So richtig warm bin ich aber mit meinen Kameraden im Trupp nicht geworden. Wir waren im ganzen Lager nur 3 Abiturienten und man hatte uns absichtlich nicht zusammen gelassen. So stand man ziemlich alleine da‚ denn es gab immer Leute‚ die ihre Lust daran hatten, einem zu beweisen, dass man auch nur ein Dreck ist, und einige Arbeitsdienstführer haben sich dabei fleißig betätigt. Wenn am Vormittag gearbeitet wurde, so wurde am Nachmittag hart exerziert, wobei ein auf Hochglanz gewienerter Spaten das wichtigste Requisit war‚ und was beim Militär das “Griffeklopfen” war‚ nannte sich beim Arbeitsdienst “Spatenexerzieren”. Zwischendurch war auch mal Unterricht, wobei es meist um vormilitärische Dinge ging. Freizeit gab es nicht‚ denn die wenige Zeit‚ die zwischen den einzelnen Diensten lag, wurde dringend dazu benötigt, um die eigene Kleidung wieder in Ordnung zu bringen und den Spaten‚ die Stiefel und die Aluminiumwaschschüssel auf Hochglanz zu bringen‚ sodass man darin das weiße des Auges wie in einem Spiegel erkennen konnte. Diese „Vollbeschäftigung” hatte den Vorteil, dass keiner Zeit hatte, um auf dumme Gedanken zu kommen oder zu saufen oder Kinder zu fabrizieren. Saufen und uneheliche Kinder zu machen, war der Führerschaft vorbehalten. 

Ein Scharführer hatte allerdings ein besseres Hobby. Er hatte sich einen richtigen kleinen Affen mitgebracht, der frei im Lager herumlief und allerlei Unfug trieb. Ein vielbelachter Trick war, dass er auf Fremde‚ die im Lager zu tun hatten, zugang und so tat‚ als ob er ihnen die Hand geben wollte. Wenn der Fremde die Hand hingab, so ergriff der Affe sie und schwang sich mit einem Satz auf den Kopf des erschreckten Menschen. Manchmal nahm er dabei noch Mütze und Hut mit und kletterte damit irgendwohin, wo er nicht zu erreichen war. Meist sprang er auf ein Barackendach oder kroch mit seiner Beute unter eine Baracke. Manchmal ist er auch beim Essen zum Fenster hineingesprungen, über den Tisch gesaust und hat dabei alle Teller oder Becher umgeworfen. Seine Exkremente soll er auch in Stiefel und andere nicht dafür bestimmte Behältnisse hineingetan haben, was ich aber doch etwas bezweifeln möchte, denn ein Sündenbock musste ja da sein. 

Am Sonntag war Ruhetag. Da wurde nicht gearbeitet und es wurden saubere Uniformen von der Kleiderkammer ausgegeben. Aber fortgehen konnte man nicht, denn die Umgebung war bekannt und sonst war kein Anziehungspunkt vorhanden. Später wurde es dann so organisiert‚ dass jeden 2. Sonntag Lastautos kamen, die fast die ganze Belegschaft nach Hannover brachten. Ich kann mich noch erinnern, wie ich dann zu Hause die meiste Zeit auf dem Sofa gelegen habe und lauter gute Sachen gegessen habe, die wir ja im Lager entbehren mussten. Gehungert haben wir aber nicht‚ und ich habe sogar etwas an Gewicht zugenommen. Fett wird es aber bestimmt nicht gewesen sein. Hunger hatte ich immer, und meinen Tagessold von 25 Pfennigen habe ich angespart und dann meist für Schokolade ausgegeben. 

Nach einiger Zeit kam ich zu einer besseren Arbeit. Dort in der Sandgrube war die Arbeit zwar durchaus nicht leichter, aber das macht mir nichts mehr aus, nachdem ich ja trainiert war, aber dort war alles trocken und es ging auch kameradschaftlicher zu. Wenn einer eine Stelle mit viel Steinen hatte, konnte er seine Lore nicht so schnell voll haben, wie bei den anderen. Da halfen dann die Kameraden. Mir ist auch noch im Gedächtnis geblieben, dass dort  im Walde, neben der Grube, ein Donnerbalken angelegt war. Dort konnte man mal ein paar Minuten am Tage ganz allein sein, ohne Menschenstimmen‚ ohne Aufsicht. Ich habe es immer als unangenehm empfunden, wenn ich ständig mit anderen Menschen zusammen sein musste. Ich weiss nicht, ob das eine spezielle Eigenschaft von mir ist. Immer allein sein ist sicher schrecklich‚ aber nie allein sein, ist sehr lästig. 

1937 Offiziersanwärter


5 Kommentare

  1. Thom Ram sagt:

    Bewegend.
    Danke!

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  2. Drusius sagt:

    Mein Vater kam auch vom Reichsarbeitsdienst in Ostpreußen zur Wehrmacht. Allerdings waren er und viele der gemusterten so unterernährt, daß der Lagerleiter verhaftet wurde, weil er Lebensmittelgeld in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Die Jungs wurden dann erst einmal wochenlang „aufgepäppelt“, um KV (kriegsverwendungsfähig) zu werden.

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  3. Reiner Ernst sagt:

    Allen Aufgeweckten (und natürlich auch den Schlafenden) wünsche ich ein gutes, gesundes und friedvolles neues Jahr!
    Zu Weihnachten habe ich mich mit zwei Büchern beschenkt – und ich bin fast durch mit Lesen. Die Titel:
    „Das Märchen vom BÖSEN DEUTSCHEN“ von Benton L.Bradberry (1937-2019), einem USAF-Lieutenant Commander, der in den 1950/60ern Jahren in Deutschland stationiert war – und die unglaubliche Feindpropaganda seines Landes gegen die Deutschen durchschaute und erkannte, dass fast alles gelogen war, was sie über die Deutschen und das Dritte Reich gelehrt bekamen. Sehr lesenswert!
    Der Titel des zweiten Buches lautet: „DEUTSCHLAND UND DER WELTFRIEDE“ vom Schweden Sven Hedin (1885-1952). Ein Entdeckungsreisender, Geograph, Topograph und Fotograf. Wer kennt ihn nicht? Dieses Buch hat er nach monatelangen Reisen durch Deutschland in den Jahren 1935 und 1937 in schwedisch geschrieben. Es sollte auch eine deutsche Übersetzung verlegt werden, diese scheiterte jedoch an „Änderungswünschen“ seitens der NS. Und Hedin verzichtete dann auf die deutsche Ausgabe. Jetzt hat der Verlag DER SCHELM das Buch erstmalig in Deutsch verlegt. Bin in der Buchmitte und kann es kaum aus der Hand legen. Der Verleger schreibt auf der Buchrückseite:
    „Das Buch des Schweden ist nicht zuletzt darum interessant, weil es das Dritte Reich mit den Augen eines Ausländers schildert, der es als Zeitgenosse gesehen und bereist hat (…)“
    Beide Bücher finden und bestellen beim Verlag http://www.derschelm.com

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  4. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  5. palina sagt:

    mit Spannung habe ich den 2. Teil gelesen.

    Der Mensch wurde nicht als Individium in dieser Zeit gesehen. Es geschah alles in einer „Massen-Bewegung.“

    Als Masse ist der Mensch besser zu steuern.

    @Reiner Ernst
    danke für die Buchtipps.

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