bumi bahagia / Glückliche Erde

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Ablehnen, ignorieren, eingehen / Bumi bahagia-Begegnungen

Ausser dann, wenn ich mal schlecht drauf bin, interessieren mich Menschen. Ich suche Blickkontakt. Ich suche Kontakt. Von Gesprächen ist hier nicht die Rede. Die Rede ist von den kleinen Begegnungen, beim Joggen, beim Pizzabäcker, in der Werkstatt, an der Bar, irgendwo. Mensch kommt näher und entfernt sich. Was passiert im kurzen Moment, da er nahe ist?

In den 9,5 Jahren, da ich nun in Bali lebe, habe ich gewiss 1000 Mal des Abends ein Stündchen auf meinem Hochsitz gesessen. Nö, ich wollte kein Reh abknallen. Ja, ich trank meinen Arak-Jeruk (Arak=Kokosschnaps. Jeruk=Orange) und hatte freien Blick auf den Gehsteig, da vorwiegend Touristen vorbeiziehen – oder ins Restaurant eintreten. Da ist keine Türe. Wir sind in Bali. Gehsteig und Restaurant sind offen miteinander verbunden. Hier, auf Meereshöhe, ist nie kälter denn 25 Grad Celsius, in der Regel haben wir 28 Grad.

Ich bin so gewickelt. Ich suche den Blickkontakt mit den Vorbeischlendernden Australiern, Russen und Chinesen. Vielleicht zwei Drittel beachten mich nicht. Normal, ich bin ja nur einer von 1000 optischen Anziehungspunkten.

Ein Drittel beachtet mich? Nö. Ein Drittel, das ist der Schnitt. Es gibt Abende, da sieht mich so gut wie keiner, es gibt Abende, da werde ich häufig beachtet. Woran das liegt, frage ich mich denne stets. Es kann sein, dass ich „gross“ oder „klein“ bin, dass meine Aura sie kräftig erreicht oder eben gar nicht. Es kann sein, dass ich innerlich müffele oder innerlich strahle. Ersteres stösst ab, Zweites zieht an.

Oder/und liegt es am Tage? Am Stand der Gestirne? Am Wetter? Des einen Tages sind Menschen im Schnitt zugeknöpft, andern Tages offen?

Vor vielen Jahren, ich hatte bereits zwei Stunden Orgel geübt, bedurfte ich einer Pause, ging ins Café, setzte mich an meinen Stammplatz. Normalerweise brachte die Serviertochter den Kaffee, ohne dass ich ihn zu bestellen brauchte. An jenem Tage rauschte sie vier Mal an mir vorbei, bitteschön unmittelbar neben meinem Stuhl. Sie sah mich nicht. Nö, da waren nicht viele Gäste. Sie sah mich nicht. Als ich sie rief, stutzte sie erstaunt, als wie ich per Zauber ihr plötzlich erschienen wäre.

Ich stieg in Berlin aus der S-Bahn aus. Schnurgerade stand vor mir eine schöne Frau, genüsslich rauchend, die Hand mit der Zigarette nach oben, so, wie das nur Frau kann, Gewicht auf einem Bein, das andere Bein schick verschlauft. Sie ruhte froh in sich –  und sie blickte mir gerade in die Augen. Wir strahlten uns an. Sie rührte sich kaum. Ich neigte den Kopf leicht, dankbar – und ging beglückt von dannen.

Sass hier, in Bali, am Strand. Sandstrand. Kam von rechts ein junger Mann mit Surfboard unter dem Arm, kam stracks auf mich zu, begrüsste mich strahlend, genau so, als ob wir alte Freunde wären, die sich nach langer Zeit wieder treffen. Wir plauderten und verabschiedeten uns herzlich.

Geriet mit meiner elfhunderter Kawa, nachts um elf, nach prima gespieltem Orgelkonzert in Polizeikontrolle. Die Beamten geschäftlich, kühl. Ich strahlte und rief: „Schön, dass ihr da seid, schön, euch zu treffen!“ Ihre fahlen Gesichter leuchteten auf, sie strahlten. Einer sagte: „Also ich muss schon sagen, nicht jeder begrüsst uns so.“

Hochsitz.

Fängt ein Passant meinen Blick auf, gibt es drei Reaktionstypen. Verschliessen. Keine sichtbare Reaktion. Oeffnen.

In 99% der Fälle gilt:

Kommt mürrisches Gesicht, wendet es sich ab, macht den Laden komplett zu.

Kommt nichtssagendes Gesicht, bleibt es so leer als wie zuvor.

Kommt aufgewecktes Gesicht mit lebendigen Augen, so strahlt das Gesicht auf erst recht.

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Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück. So saget man. Müssten also alle Gesichter aufleuchten, wenn ich mich ihnen freundlich zuwende.

Quark.

Das Gegenüber kann Spiegel sein, muss aber nicht. Gesetzt zum Beispiel den Fall, dass ein Gesicht kommt, hinter welchem eine grosse Sorge wühlt, wie wollte ich erwarten, dass das kleine freundliche Lächeln des alten Mannes an der Bar die schweren Schatten in Sekundenschnelle zu durchleuchten vermag?

Es gehört unbedingt dazu, mehr, es ist Voraussetzung für gute Begegnung: Achte, was dein Gegenüber im Moment bewegt. Ich muss es nicht konkret wissen. Ich kann es wahrnehmen wollen. Ich kann es wahrnehmen wollen.

Es ist edles Ueben;

Das Gegenüber betrachten, sozusagen in das Gegenüber hineinhorchen, wissend, dass es im Moment so oder anders oder noch andereranders denkt und fühlt.

Es ist edles Ueben;

Keine bestimmten Reaktionen auf die eigene (ach so göttlich gut gemeinte) Freundlichkeit erwarten. Gar nichts erwarten!

Es ist edles Ueben;

Fängt das Gegenüber den Ball nicht auf, spielt es ihn nicht zurück, so ist die Welt ist immer noch in Ordnung, und was ist verloren? Nichts ist verloren.

Fängt das Gegenüber den Ball auf und spielt ihn froh zurück, so ist Lebensfreude gewonnen.

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Wer Freundlichkeit schenkt, kann nie verlieren. Er kann oft gewinnen und lässt dabei einen Menschen mitgewinnen.

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Thom Ram, 23.07.07

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5 Kommentare

  1. Piet sagt:

    Danke, daß ich diese kleinen und doch großen Augenblicke durch Dich miterleben durfte. So etwas ist für mich Bumi Bahagia.

    Gefällt 1 Person

  2. webmax sagt:

    Am Rande:
    Komme etwas spät zur üblichen Runde im Café und muss das Paar am Nachbartisch höflich fragen, ob der freie Stuhl verfügbar sei.

    Antwort in 95% o.ä.aller Fälle: „Den können Sie gern haben.“
    Darauf ich, mit gespielter Empörung: „Aber der gehört Ihnen doch gar nicht!“

    Die Antworten, von lachend und schlagfertig bis grummelnd und kopfschüttelnd, sprechen Bände und ersetzen ein halbes Semester Psychologiestudium.
    Gute Bekanntschaften haben sich schon daraus ergeben, Feindschaften – so weit ich weiß – nicht.

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  3. jpr65 sagt:

    Was ich in 2 Jahren Zugfahrt von Wesel nach Düsseldorf erlebt habe, das werde ich irgendwann als Buch rausgeben. Das ist sehr, sehr merkwürdig gewesen.

    Vor allem, wenn man plötzlich fühlen kann, was in den höheren Dimensionen so abgeht. Das glaubt mir keiner, der es nicht selbst erlebt hat.
    Da kann es richtig rund gehen, FSK 18, während die beiden total teilnahmslos nebeneinander sitzen. Die sich gar nicht kennen.

    Und wer offen für die anderen da sitzt, das sehe ich genauso wie Thom, der kann total ignoriert werden, oder aber es ergeben sich manchmal „zufällig“ neue Freundschaften.

    Manchmal kam auch jemand in den Zug, dem ich lieber nicht im Dunklen begegnen würde, so dachte ich zuerst.

    Und dann war er total harmlos und wir haben uns immer unterhalten, wenn wir uns gesehen haben.

    Einer hat mir sogar mal einen Kaffee im ICE ausgegeben, einfach so.

    Wenn man allerdings so rumläuft und rumguckt, wie der Miesepeter, ja dann wird das wohl eher nicht klappen, mit dem Kaffee…

    Man hat nur oft Hemmungen, jemanden anzusprechen.

    Einmal saß ein Mann in meinem Alter neben mir, der las in einem Buch über die Krankheit „Krebs“. Ich konnte nicht erkennen, ob das ein alternatives Buch war oder nicht.

    Schließlich habe ich ihn doch angesprochen und wir haben uns noch 5 wunderbare Minuten über unser Unverständnis auf die Ärzteschaft austauschen können, die meine Mutter und bei ihm sogar mehrere Verwandte schlecht behandelt und beraten haben, auf ihrem Weg in den Tod.
    Dann musste ich aussteigen in Duisburg und wir haben uns die letzten Worte noch über den Gang zugerufen.

    Heute würde ich nicht mehr so langen zögern, aber ich fahre seit 2 Jahren nicht mehr täglich mit dem Zug.

    Wenn ich den Eindruck habe, ich sollte etwas sagen, dann lasse ich ein paar Worte fallen, und wenn sie nicht reagieren, dann lasse ich es sein.

    Überall, egal, wo ich gerade bin. Das ist hier im Münsterland etwas schwieriger als im Ruhrgebiet. Da kann man mit Fremden an der Fußgänger-Ampel ein Gespräch anfangen, manchmal. Im Zug sehr oft.

    Ich nehme mal an, das ist die Bergbau-Mentalität. Wer unter Tage zu lange wartet, bis er etwas sagt, der ist schnell in Lebensgefahr.
    In Wuppertal sind sie ähnlich, da gabs auch lange Bergbau.

    In der Innenstadt von Düsseldorf ist die Lage genau andersrum. Da wird man meistens ignoriert, auch in der U-Bahn. Das muss man wissen.

    Dann bleibe ich beim Beobachten, in 3D. Und kommuniziere nur in den höheren Dimensionen, wenn sich etwas ergibt. 😉

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  4. Hilke sagt:

    Hier im Ruhgebiet ist es tatsächlich relativ einfach. Auch wenn da inzwischen mehr Kult draus gemacht wird, als es noch ist. Da wird ne ganze Produktpalette verkauft mit den ganzen Sprüchen od. Zechenskizzen drauf, „Prostata“ (ham de Missfits eingeführt statt Prost) , oder „Hömma, willse n Bütterken?“ „Ey, komma kucken“, od. als Name vom Imbiß „Wie bei Mudda“

    Im Wald/ im Grünen triffst du auch oft auf Hunde“besitzer“, da frag ich schon mal nach Alter, Rasse od. Name des Tieres, einfach weil es mich wirklich interessiert, und schwupps, biste im gespräch. Hundefreunde sind ähnlich „stolz“ über ihre Tiere reden zu können, wie Mütter über ihre Kinder, da geht es schnell ins Weitere. Ich frag auch schon mal, wo jemand zum Friseur geht, wenn mir der Haarschnitt besonders gut gefällt, od. sage wenn mir eine Jacke besonders gut gefällt.
    Od. bei Männern übers Moped, etc. Auch kann es vorkommen, daß ich jemanden nach der Uhrzeit frage, nur um ins Gespräch zu kommen, bzw. in die Augen blicken zu können.
    In Berlin hab ichs auch so erlebt. Bzw. wurd oft angesprochen, wenn ich mal wieder meinen Stadtplan entfaltete, oft kam dann leutselig „Habsch auch so anjefangen hier in Berlin“.

    Außer wenn ich mies drauf bin, logo. Dann interessiert mich nixe so schnell.
    Letztens stand ich am Imbiß und keiner der 3 (!) Verkäuferinnen sah mich, ich mußte erst direkt vor ihren Augen rumfuchteln, sprich winken, war schon komisch.

    Gefällt 3 Personen

  5. Mujo sagt:

    Tolles Thema hier.

    „Fängt das Gegenüber den Ball nicht auf, spielt es ihn nicht zurück, so ist die Welt immer noch in Ordnung, und was ist verloren? Nichts ist verloren.“

    Genauso ist es, weil es auch nichts mit den andern zu tun hat, nur mit mir selber. In mir bin ich zuhause und muß mich wohlfühlen. Dann kann ich auch andere dazu Einladen. Und der/die es zu Schätzen weis, wird diese Einladung auch gerne annehmen. Und wenn nicht ist es immer noch mein zuhause in den ich mich wohlfühlen sollte. Denn die nächsten sind schon da, die kommen wollen.

    Gefällt 2 Personen

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