bumi bahagia / Glückliche Erde

Startseite » AUTOREN » ADMIN THOM RAM » Plauderplauder / Mit Schülern eine Nacht im Walde

Plauderplauder / Mit Schülern eine Nacht im Walde

Hing auf meinem Stammstuhl an der Bar, liess meinen Gedanken die Zügel und landete bei einer Begebenheit, welcher ich mich gerne erinnere.

Es muss um 1995 rum gewesen sein. Wir hatten Konzentrationswoche. Eine Woche lang boten sämtliche Lehrer einen von ihnen frei bestimmbaren Kurs an, und zwar für alle Schüler der Klassen 6 bis 9 (Bezirksschule, entsprechend Progymnasium). Die Schüler durften unter den Kursen frei auswählen.

Ich erinnere mich nicht sicher mehr des Themas, welches ich ausgeschrieben hatte, es muss mit Kartenlesen und Natur zu tun gehabt haben.

Es war Sommer, und in meinem Kursprogramm stand unter Anderem: „Wir verbringen eine Nacht im Walde.“

Ich rekognoszierte genau, bereitete gewissenhaft vor. Eltern waren im Bilde und einverstanden.

Meine etwa 20 Jungs und Mädels, zwischen 12 und 15 Jahre alt, sie bekamen Anweisungen, was sie mitzunehmen hatten, Thema Kleidung und Nützliches wie Taschenmesser und Taschenlampe und Wurst, und jede der 5 Vierergruppen erhielt einen Kompass.

Treffen um 1900 beim Schulhaus. Gemeinsamer Marsch zum Start. Dort marschierten die 5 Gruppen im Abstand von 7 Minuten los, nachdem ich ihnen mündliche und schriftliche Anweisung gegeben hatte mit Hauptinhalt:

„Geht auf Strasse und Weg gegen Süden. Immer in Richtung Süden. Wenn ihr bei einem T auflauft, dann müsst ihr links oder und rechts gehen, nach maximal 30 Metern gibt es die Fortsetzung des Weges in Richtung Süden. Im Unterschied zu indonesischen Kindern wissen Schweizer Kinder, was 30 Meter sind. Die gesamte Strecke misst 6km. Wenn ihr zügig marschiert, erreicht ihr das Ziel demnach in einer, spätestens in 1,5 Stunden.“

Natürlich gab ich auch Verhaltensanweisung für den Fall, dass sich eine Gruppe verfranzen und verirren sollte.

Aber bitteschön…

Es waren zwar Sterne am Himmel, und die Kinder waren zu viert, doch kein einziges der wohlbehüteten Schweizerkinder hatte Erfahrung wie es ist im dunklen Walde eine ganze Nacht lang, dann noch ohne Papa oder so….

.

Ich summte mit meiner FJ900 erst mal zu einem stärkenden Trunk und danach zum Ziel.

Heute könnte einem Lehrer glatt das Patent entzogen werden. Ich liess Kinder ohne Helikopteraufsicht durch den nächtlichen Wald latschen. Ich war der einzige Leiter. Weder Suchtrupp noch Feuerwehr noch Polizei noch Versicherung wussten, was ich machte. Ich war der Leiter, und meine 20 Schutzbefohlenen, die huschten durch den dunklen Wald, in Richtung Süden.

.

Drei Gruppen trafen ein, zwei Gruppen liessen auf sich warten. Ich staunte ohne zu staunen. Eintrafen nämlich die drei 6. Klässler- Gruppen, also die Jüngsten, also die, welche auf dem Höhepunkt der Kindheit 8-12 standen. Für die waren Aufgabe klar und Erfüllung leicht. Offenbar verfranzt hatten sich die Grossen, die mitten in der Pubertät steckten. Ergäbe ein Thema für sich, wahrlich.

.

Wir sangen ein paar Lieder an meinem Feuerchen, und dann gab es die erste Aufgabe: Welche Gruppe hat als Erste ein Feuer, welches ohne Pusten und Wedeln richtig brennt. Dass sie zum Anfeuern Zeitungen dabei hatten, dafür hatte ich per Materiallistchen vorgesorgt.

.

Langsam wurde mir mulmig. Wo stecken die grossen Bengels wohl?

.

Kam ein Telefon. Eine gute tiefe Bauernstimme meldete sich. Da seien vier Kinder, die fänden den Weg zum Lager vom Lehrer Voegeli nicht. Ich, ortskundig, er, ortskundig, erklärte ihm in drei Sätzen wo wir hockten, und er sagte: „Haha. Gut. Ich bringe Ihre Schüler.“ Nach 15 Minuten waren sie da, ich prostete mit dem guten Mann einen, und da war da noch die letzte Gruppe ausstehend, ich gestehe, dass ich beunruhigt war, keineswegs getröstet durch den Bericht der geretteten Gruppe, wie toll es bei den Bauern gewesen sei, wie guut die Suppe.

.

Kam ein weiteres Telefon. Kantonspolizei Aargau.

Himmel auch, waddenndettenun???

Die sachlich freundliche Stimme fragte mich, ob ich der Herr Lehrer Voegeli sei, da seien nämlich 4 Minderjährige auf der Landstrasse unterwegs gewesen zu Fuss, immerhin so gegen 11 Uhren, die hätte er aufgegriffen, und er möchte doch gerne wissen, was denn das Ganze soll.

Ich skizzierte ihm in kurzen Worten, worum es ging. Er lachte, wie zuvor der gute Bauer gelacht hatte, und wir vereinbarten einen Treffpunkt, wo er mir die Bengels übergeben werde.

Ich fuhr dahin, versteckte aber meine FJ, ging per Fuss zu den guten Gendarmen. Wir hatten einen kurzen Schwatz, von Mann zu Mann, und gut war. Die Jungs latschten wie die Enten, leicht beschämt,  hinter mir her zur versteckten FJ, ich lud stracks alle Viere drauf, einen vorne, drei hinten, ich gestehe, dass es verd eng war, und wir fuhren die 800m Waldweg zum Lager.

.

Der nächste abzuarbeitende Punkt lautete:

Schuhe aus. Augen verbinden. Gegenseitig an der Hand gehalten, wurden alle 20, einzeln natürlich, über einen von mir vorbereiteten, 4m langen Spezialpfad geführt: Laub. Pflotschnasse Erde. Rundhölzchen. Runde Steine.

Ich liess mich auch führen und ich war selber überrascht über das tiefe Erleben! Ich empfehle, das mal zu machen mit Supergescheiten oder und mit offenen Kindern.

Könnte sein, dass Supergescheiten ein Lichtlein in die Krone gesetzt wird. Nachts um 12 oder 1 oder so, mitten im Wald, da sind ein paar kleine Feuerchen, ausserhalb dieses Lichtscheinchens ist es einfach stockfinster, dann noch die Augen verbunden, alle Sinne, aber alle Sinne gehen in die Füsse.

Ein Erlebnis der besonderen Art.

.

Es waren noch zwei oder drei Aktionen, die habe ich vergessen. Doch. Eine davon war: Nun pennen wir eine Stunde. Unterlage: Selber beschaffen: Laub. So viele Blätter, wie du für dich zu sammeln gewillt bist.

So um fünf Uhren, da war Aufbruch und gemeinsamer Marsch zu einem Punkte am Rande des Dorfes, da ein jedes Kind seinen Heimweg auch im Traum gefunden hätte.

.

Thom Ram, 27.01.07

.

.

 

 

 


13 Kommentare

  1. Angela sagt:

    Das ist eine tolle Geschichte, lieber ThomRam! Diesen Ausflug werden die Kinder ihr Leben lang in guter Erinnerung behalten!

    Wir haben auch vor kurzem unfreiwillig „Lachyoga“ praktiziert. Da habe ich eine Mappe aus meiner Kindheit, bzw. Jugend – ich war 15- gefunden, in der jeder Schüler einen Aufsatz zu den Erlebnissen einer Klassenfahrt in den Bayerischen Wald geschrieben hat.
    Es war zuuuuu komisch! Was müssen die Lehrer auch darüber gelacht haben!!!

    Und wie frei wir damals waren, kein Helikopter schwebte über uns…. Arme heutige Kinder!

    Lg von A n g e l a

    Gefällt mir

  2. Wirklich eine schöne Idee und Umsetzung.
    Heutzutage sicherlich kaum noch möglich, wie Du ja schon anfangs erwähntest.

    Freu mich immer über deine Erzählungen aus der Lehrerzeit.

    Gefällt 1 Person

  3. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt mir

  4. Ralah sagt:

    Schöne Geschihcte.
    Erinnert mich ein wenig an meine Nachtwanderung im Wald mit unserem Kinderchor an einem Zelt-WE in der Pampa. Anno 19-irgendwas. Mit Schnitzeljacht. Da hatte der Leiter doch glatt eine Strohpuppe an einen Baum gehängt…, was für vielfaches buhuhu sorgte… Aber toll wars!
    Wenn heute die Kantonspolizei anrufen täte, würd Lehrer wohl zusammenzucken, ohne Grund. So uffgeheizt alles.

    Gefällt 1 Person

  5. Johann sagt:

    Schönes Erlebnis. Aber es gibt sie noch, nicht in der Schule, aber bei Pfadfinder Gruppen. Vor allem beim Traditionellen Pfingstlager. Der Höhepunkt aller Pfadfinder Akivitäten. 4 Tage ohne Eltern ein Haufen Indianer in ihre Wigwan’s mit ihren Häuptlingen weit draussen auf einer Wiese umrandet vom Wald. Jeder Häuptling betreute ca. 10 Indianer, wobei die Häuptlinge kaum älter als 25/30 Jahre waren. Besuche von Eltern sind nicht erlaubt. Kann mich an alle Ereignisse erinnern wo ich dabei war. Tolle Zeit.

    Gefällt 1 Person

  6. Thom Ram sagt:

    Johann 20:27

    Ja.
    Und Frage. Gibt es Pfingstlagerisches heute in der BRD?

    Gefällt mir

  7. Johann sagt:

    Ja es gibt sie noch. Einfach mal Pfingstlager gogeln. Hatten sogar einmal einen Echten Indianer Häuptling aus den Staaten dabei mit. Auch die begegnung mit Internationalen Pfandfinder gibt es noch bei Speziellen Zeltlager Treffen.

    Gefällt mir

  8. Thom Ram sagt:

    Johann 20:52

    Sehr gute Nachricht, das. Und dass echter Indianer nach D eingeflogen wurde…sowas sollte auf Titelseiten stehen, includet seine Reden.

    Gefällt mir

  9. Johann sagt:

    Ich war 18 Jahre alt als ich ihn traf. Kann mich heute leider noch kaum erinnern was er so sagte. Nur das er viel vom Alltag Sprach wo er lebte und sehr interessiert war wie wir Leben. Und er war sehr bescheiden und zurückhaltend, hatte eigentlich eher was von einen Budhistischen Mönch als von einen Häuptling. Er war nicht allein da, eine ganze Gruppe mit eigenen Zelt. Die waren auf einer Tour durch Europa und auf vielen Zeltlager Treffen. Wer das alles Organisiert hat und wie es finanziert wurde kann ich nicht mehr sagen. Es gab so viele schöne momente und Begegnungen das es nicht das einzige Besondere war. Heute würde ich dem natürlich noch mehr meine lauscher Schenken, und alles Aufsaugen was er so von sich gibt. Auch hätte ich ihn heute viel mehr fragen zusagen getraut. Damals mein Englisch noch sehr bescheiden und die Pupertät grad erst überwunden war mein hauptinteresse das andere Geschlecht und ihren vorzügen zu Entdecken. Und da gab es auf den Lagern ein großes Angebot zum kennenlernen… ……dagegen kam kein noch so großer Häuptling an 😉

    Gefällt 1 Person

  10. Thom Ram sagt:

    Johann 21:26

    Verstehe verstehe verstehe, lach.
    Und ich beneide gaaanz leise. Mit 18 war ich meilenweit davon entfernt, die Vorzüge eines bestimmten Geschlechtes in ihrer Vielfaltigkeit (du verstehen) erleben zu können. Habe dann nachgeholt, ab 42 es bitzeli, ab 52 so richtich. Sollte mich also nüschd beklajen.

    Issjanding. Vielleicht bist du motiviert, rückzublenden und zu eruieren, wer der Indianer Aufenthalt ermöglichte? Es könnte vielleicht fruchtbare neue Kontakte schaffen, als Beigemüse äh Kollateralschaden äh willkommene Begleiterscheinung.

    Gefällt mir

  11. Johann sagt:

    Mit 52 so richtich !!…..also grad erst auch aus der pupertäterätä raus !!

    „Ja es ist nie zu spät nochmal eine schöne Kindheit zu haben.“…………….auch ein weiser Spruch, ichwünschte der wär von mir, *grins*

    Werd mal meine alten Pfandfinder Leiter Adressen raussuchen und wieder Kontakt Aufnehmen. Vielleicht bekomme ich es in Erfahrung wie es damals war !

    Gefällt mir

  12. mkarazzipuzz sagt:

    Heute Ram,
    brauchst dafür einen guten Anwalt.
    Ich wundere mich ständig, wie ich in der Welt damals, einfach nur überleben konnte.

    Gute Geschichte, heute nicht zum Nachmachen zu empfehlen!

    krazzi

    Gefällt mir

  13. Vollidiot sagt:

    Damals war ja alles viel besser. Oooder?
    Da gabs noch nicht diese Diktatur des Allesüberziehendenrechtes.
    Jeder fühlt sich heut als Ansprüchehabender – incl. Gerichtsbeschluß.
    Alles bleibt auf der Strecke; Kreativität, Freiheit, Vertrauen, Verstehen.
    Die postdemokratische Entwertungsgesellschaft auf dem Weg in einen kriechenden und hinterhältigen, demokratischen Faschismus.
    Allen ist klar: Kinder brauchen Abitur und Studium, jeder lebt gott- und aufsichtsratgefällig, Wählen, also demokratisches Wählen ist Pflicht, ebenso wie der Besitz eines SUVS und Wertpapierdepots. Zuviel Schnee auf dem Dach des Hauses macht schlaflos und gelegentlich anfliegende freie Gedanken werden flugs versenkt um keine Neurasthenien zu bekommen.
    Die Kretinisierung der Gesellschaft greift um sich.
    Zur Gesundung dringend empfohlen: Erkenntnis an allen Ecken, zuvorderst Medien und Politik und Kirchen als steten Quell der Unwahrheit lokalisieren und NIE, NIE von diesen Herrschaften etwas ungeprüft (prüfen!) übernehmen.
    „Das was Jeder für ausgemacht hält verdient am meisten überprüft zu werden.“ (Klima, G5, CO2, Populismus usw. und die gesamten Globalisierungslügen).
    Dieser Spruch ist ca. 200 Jahre alt und auch heute noch brandaktuell.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: