Weiß ein unter Vierzigjähriger, was eine Telefonzelle war? Als im Jahre 1970 die Wehen meiner Partnerin einsetzten, da raste ich mit meinem DKW 1km zur nächsten Telefonzelle, nämlich um unsere Ankunft im Spital anzumelden.
Markus Langemann. Ich schlürfe seine Texte.
Hier betitelt er so: „Zurück in die Zelle.“
Oberwitzig dreideutig. Du wirst es herausfinden…als über 40 Jähriger.
TRV, 22.02.Jahr 14 des NZ, des Neuen Zeitalters
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Guten Tag, liebe Leserin.
Guten Tag, lieber Leser.
Das stationäre Telefon, jenes Relikt einer Ära, da die Welt noch nicht in unseren Hosentaschen vibrierte, sondern geduldig auf uns wartete. Stellen Sie sich vor, geneigter Leser, die Telefonzelle:
Diese kleinen gläsernen Kabinen der urbanen Infrastruktur waren keine technischen Relikte, sondern soziale Bühnen. Wer telefonierte, tat dies öffentlich und zugleich in einer merkwürdigen Intimität. Im Regen beschlagen die Scheiben, draußen fuhr der Bus vorbei, irgendwo wartete ein Taxi. Man überbrückte Minuten, manchmal auch Einsamkeiten. In der Zelle.
Vielleicht wird man eines Tages die alte Telefonzelle nicht nur als technisches Fossil betrachten, sondern als Symbol einer verlorenen Kulturtechnik: der begrenzten Verbindung.
Denn Begrenzung schafft Wert.
Jede Zelle hatte ihre eigene Biografie.
In ihr lagen Lexika des Alltags, leicht angefeuchtete oder angerissene, immer aber auch viel begrapschte Telefonbücher, jene dicken Wälzer, die wie alte Grimoires die Geheimnisse der Welt bargen – Namen, Adressen, ein ganzes Universum aus Zahlen und Orten, das man mit Fingern durchblätterte. Manchmal hing noch Odeur in der Zelle, selten ein betörendes Parfüm einer Vortelefoniererin, meist der kalte Zigarettenqualm des Vorredners, der die Luft mit einer Prise Melancholie tränkte.
Es war die Zeit, in der das stationäre Telefonieren unterwegs noch des Kleingeldes in der Hosentasche bedurfte – Münzen, die klimperten wie ein Chor aus vergessenen Pfennigen, ein Ritual, das uns zwang, innezuhalten, mit der Scheibe zu wählen, zu warten. Heute wäre so eine Zelle fast ein Sehnsuchtsort, ein Tempel der Ungestörtheit, wo die Seele atmen könnte.
Denn das Gegenteil ist eingetreten: die totale Entgrenzung der Erreichbarkeit. Die Moderne hat uns in Ketten gelegt, unsichtbar. Das Gebimmel und Vibrieren ist allgegenwärtig, in Hand- und Hosentaschen nistend wie ein unruhiger Geist. Jüngste Studien zeigen, dass wir Deutschen im Durchschnitt ungefähr zwei Stunden und 42 Minuten das Smartphone in der Hand haben. Täglich!
Weltweit checken Menschen das Handy durchschnittlich 58 Mal am Tag. Zur Erinnerung – der Tag hat 24 Stunden.
Nicht jeder Griff zum Handy ist ein Telefonat. Das stimmt wohl. Aber WhatsApp, Signal, Telegram, Instagram, X, Y und Z. Alle jene terrorisieren mit Pop-Ups und look down, auf das Handy. E-Mails und andere App-Lenkungen nicht eingerechnet.
Es ist, als hätte sich in ein digitales Gebirge aufgebaut, wo statt sanfter Kontemplation ein Lawinenabgang aus Benachrichtigungen tobt – ping, buzz, trill, ein Konzert der Unterbrechungen, das uns aus jedem Gedankengang reißt. „Ist das Leben nicht zu kurz für all diese langen Ketten aus Emojis und Instant-Reaktionen?“
Hermann Hesse, der Sucher nach innerem Frieden, würde in seinem Siddhartha-Stil mahnen, dass der Fluss des Lebens nicht in Pixeln strömt, sondern in der Stille der Reflexion.
Ich möchte nicht wirken wie ein analoger Nörgler, zumal ich mich lange zu den Early-Adopters neuer Kommunikationstechniken zählte – ja, ich war auch der Erste, der mit leuchtenden Augen das iPhone umklammerte, als wäre es der Heilige Gral der Verbundenheit. Früher hatten viele „Electronics“ noch ein Kabel. Wo eines heraushing, wo es blinkte, da war ich. Doch nun konstatiere ich ein Exzess, ein Zuviel an Erreichbarkeit, das uns wie ein Mantel aus Bleigewichten umhüllt.
Es ist amüsant, fast grotesk, wie wir uns selbst zu Sklaven unserer eigenen Erfindungen machen: Der Wecker vibriert, die Kaffeemaschine piept, und schon greift die Hand reflexhaft zum Gerät, als ob es uns ruft wie ein alter Gott aus dem Olymp der Algorithmen. Stellen Sie sich vor, ein Spaziergang im Wald, wo Sie Ihre Demian-Gedanken weben – und plötzlich: Ein Ping! „Ihr Paket ist unterwegs.“ Oder bitter: „Ihr Ex hat ein neues Profilbild.“
Die Tyrannei ist subtil, sie tarnt sich als Freiheit, als ständige Verfügbarkeit, doch in Wahrheit raubt sie uns die Muße, jene kostbare Währung.
Rückzug bedeutet intellektuelle Rendite. Raus aus der permanenten Reaktion. Nur wenn wir Denkräume haben, die Ruheräume brauchen, werden wir wieder tiefe Wurzeln schlagen. Denken Sie an die Telefonzelle erneut: Sie war ein Portal der Isolation, ein Moment der puren Präsenz, wo man nicht abgelenkt wurde von endlosen Feeds, sondern einfach wartete, lauschte, vielleicht sogar träumte. Heute, in unserer hyperkonnektiven Welt, ist Kontemplation eine Kunst, die wir neu erlernen müssen.
Schalten Sie aus, werfen Sie das Gerät in die Schublade, und entdecken Sie die Heiterkeit der Stille. Es ist amüsant, wie befreiend es wirkt: Plötzlich hat der Tag wieder 24 Stunden, die nicht in 58 Checks zerstückelt sind. Lassen Sie uns plädieren für diese Kunst – nicht als Rückschritt, sondern als eleganter Walzer mit der Zeit. Denn in der Tyrannei der Erreichbarkeit liegt der Witz: Wir sind erreichbarer denn je, doch uns selbst entgleiten wir am meisten. Es ist ein paradoxes Paradox unserer Zeit:
Noch nie war Kommunikation so einfach, und noch nie war selbst Denken so schwer.
Denn erst in der Stille beginnt das Gespräch mit sich selbst. Und dieses Gespräch ist, trotz aller Netzwerke dieser Welt, immer noch das wichtigste.
Wer ständig antwortet, kommt selten zum Fragen.
Und Fragen sind der Ursprung jeder Erkenntnis.
Thom, ja, gebe ich Dir recht mit dem, was Du geschrieben hast.
Das waren noch Zeiten. Lang ists her und doch weht der Wind der Melancholie dessen, was wir verloren haben.
Hab meistens mein Wischphon aus, weil ich es irgendwie auch nicht mag.
Wir hatten schon 1970 einen eigenen Telefonapparat (grau) mit Wählscheibe zu Hause. Und dieses Geräusch, das die Wählscheibe machte, vermisse ich auch.
Klar, wenn wir unterwegs waren und zu Hause anrufen wollten, weil wir uns noch ein bissi draußen aufhalten wollten, stand eine Telefonzelle in der Nähe.
Schöne Nostalgie.
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19:48 Bettina
Auch ich fröne so mancher Nostalgie, wahrlich.
Doch auch haben wir gewonnen. Hätten wir heute nur die Feletonzellen, nicht hätten wir bb, nicht hätten zum Beispiel Du und ich Kontakt. Und, liebe Bettina, nicht wäre es möglich, daß die Bevölkerung so nach und nach darüber aufgeklärt werden könnte, was hinter den Kulissen läuft.
Fasse Zuversicht!
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Wäre es nicht ein Ausdruck von Dankbarkeit, auch einen Link zu diesem Autor anzubieten?
Hier von mir der Link, der zu Markus Langemanns Internet-Auftritt führt und wo man seinen wertvollen Rundbrief auch gleich abonnieren kann:
https://clubderklarenworte.de/unterstuetzen/ Und das köstliche PS des Briefes von Herrn Langemann, das oben fehlt, füge ich hier auch noch hinzu:PS: „Schatz, ich sagte doch ich bin in 5 Minuten da…Du brauchst jetzt nicht alle halbe Stunde anrufen!“
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20:14 gabrielbali
Ausdruck von Dankbarkeit? Auch ein noch so kluger und selbstlos agierender Markus Langemann braucht Futter. Du hast ihm Futter geschickt, so nehme ich an?
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Ja, klar! – Du nicht?
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Ich habe ihm geschrieben.Aber du hast ihm Dollar geschickt.
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Nein! – Wie kommst du auf Dollar?
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Nur mal so gedacht….
Wenn die Welt (unsere Erde) anders tickte, wir freie Energie hätten, unsere telepathischen Fähigkeiten nutzen könnten, wären wir diesen Satansschranzen viel eher auf die Schliche gekommen. Oder es hätte sie gar nicht erst gegeben.
Wie gesagt, ich benutze mein Händi nur als Notfallgerät, wenn ich im Auto unterwegs bin (falls ich einen Pannendienst oder menschlichen Beistand benötige).
Wenn irgendwas wichtig ist oder sein sollte, habe ich mein Festnetz. Und das reicht mir.
Ansonsten bin ich am Rechner dann und wann verfügbar, lese auch I-mäls oder schau mir Beiträge an, die mir wichtig erscheinen.
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gabriel 22:11
Geld
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Ich habe verstanden, dass du mit Dollar Geld meinst. Aber ich habe nicht schnödes Geld gegeben, sondern wertvolles Futter!
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„Wenn die Welt (unsere Erde) anders tickte, wir freie Energie hätten, unsere telepathischen Fähigkeiten nutzen könnten, wären wir diesen Satansschranzen viel eher auf die Schliche gekommen. Oder es hätte sie gar nicht erst gegeben.“
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Liebe Bettina, es gäbe sie dennoch, denn sie – die Satansschranzen, wie du sie nennst – gehören ebenfalls zur Schöpfung. In dieser Welt, auf unserer Erde, wirft Licht Schatten, sobald es auf Materie trifft. Ohne Materie würden wir selbst gar nicht existieren, und ohne Materie könnten wir auch nicht überleben. Deshalb existiert auch der Schatten. Das Satanische entspricht diesem Schatten.
Als Menschen haben wir nur zu lernen, das Satanische, das Dunkle, das Schattenreich zu beherrschen und zu kontrollieren. Gelingt uns das, verlieren sowohl dieses Satanische als auch das übrige Dunkle ihre Macht über uns. Dann wird für denjenigen, der das erreicht hat, alles zu Licht, denn in diesem Zustand ist die Meisterschaft erlangt – ein Zustand, den man auch Erleuchtung nennen könnte.
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