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Eltern, Kind und Kinderstube 57. von 144 „Tiere sehen dich an“

oder „Wer bin und wenn ja wie viele?“1

Eckehardnyk

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Gefühle, sagt jeder Anwalt, spielen bei Gericht keine Rolle. Entschieden werde nach Lage der „Gesetze“ und diese auf die „objektiven Kriterien“ (die Beweisstücke) angesetzt. Jeder weiß, wenn er was davon überhaupt wissen will, daß „Gesetze“ von Irrtum und „Tendenzen“ ausgesetzten Menschen gemacht wurden und das Tatbestände und Kriterien manipulierbar sind. Trotzdem wird so verfahren, wahrscheinlich weil keiner eine bessere Idee hatte oder wenn ja, sie nicht durchsetzen konnte. Wer behauptet, daß im Gerichtssaal Gerechtigkeit pur erzeugt werde, gilt heutzutage als naiv. Man erhält dort ein Urteil, und man sollte für das ganze Gerichtswesen den Begriff „angewandte Gerechtigkeit“2 einführen, parallel zur angewandten Kunst: Nicht großartig aber nützlich durch die Zierde, die sie dem öffentlichen Leben verleiht.

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Auch Politiker und Manager glauben immer wieder auf ihre Unabhängigkeit von Gefühlen hinweisen zu müssen. Dabei ist schon die verneinende Erwähnung ein sicheres Zeichen, daß die negierte Mitwirkung von Gefühlen bei politisch inszenierten Entscheidungen oder betriebswichtigen Ereignissen ihre Rolle gespielt haben. Wer3 gesehen hat, wie Altkanzler Kohl mit Tränen beim Zapfenstreich von seinem Amt Abschied genommen hat, der sollte auch sagen dürfen, daß dieser Mensch Gefühle in seinem Amt hatte, die sechzehn Jahre lang „Mitspieler“ waren, auch und gerade bei Amtshandlungen, wo „am laufenden Band entschieden“4 wurde. Etwas anderem weint man doch keine Träne nach.

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Welche Rolle spielen nun Gefühle? Was sind sie überhaupt? Wo kommen sie her? Wo gehören sie hin? Ein mir bekannter Psychoarzt ließ seine Klienten innehalten, wenn sie erzählen: „Ich war wütend…“ und fragte: „Welches Ich war wütend?“ Der Klient wusste darauf meistens so schnell keine Antwort und sagte: „Na ich! Wer denn sonst?“ Aber so leicht scheint die Sache nicht zu sein. Die Therapeuten-Frage deutet auf ein „Ich“, das in einem Gewühl von Gefühlen steckte oder von einer „Emotion“ überwältigt wurde. Im weiteren Gespräch suchte man nach einem Wesen, das diese Rolle auch im Normalfall spielt und fand passend einen angekettetem Hofhund, der wütend losbellt, wenn ein Fremder sein Revier betritt. Mit einem solchen inneren Mitspieler hat mancher von uns noch nie gerechnet. Da könnte unsere Gefühlswelt mit einem Ende der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts bekannten Buchtitel von Paul Eipper benannt werden: „Tiere sehen dich an“5 Ja, die fallen einen direkt an, wenn man ihnen unvorbereitet begegnet.

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Deshalb wollen wir es als unerläßlich ansehen, unser Kind auf Gefühle einzustimmen, es vorzubereiten und ihm einen sicheren Zugang zu seinem „Zoo“, zu seiner Gefühlsmenagerie, jeder Zeit zu ermöglichen. Es ist zu empfehlen, daß dies nicht nur vor Weihnachten oder nach betroffen machenden Vorfällen geschieht. Wenn du dein Kind auf das Überqueren einer verkehrsreichen Straße vorbereiten willst, gib ihm Gefühle mit. Dein Gesicht, dein Ton prägen sich ihm ein, wenn du sagst: „Schau links, dann rechts.6 Wenn keine Fahrzeuge in Sicht sind, gehst du gerade und zügig auf die andere Seite. Vermeide zu rennen, denn dabei könntest du stolpern und hinfallen. Und heb den Fuß hoch genug, wenn du den Bordstein auf der anderen Seite betrittst.“7 Durch diese Vorbereitung schaffst du im Kind eine familiäre Erinnerung an Empfindungen von daheim und vermittelst ihm eine Gefühlslage, die es wiederfindet, identifiziert, wenn es sie draußen in Verkehr und Leben vorfindet. Es wird den Drang spüren, wie jedes andere Kind über die Fahrbahn zu rennen, aber findet in sich gleichzeitig die Zurückhaltung, die man braucht, um eine Lage zu überschauen und zu beherrschen. Es wird, falls es in seiner Natur liegt, auch andere Kinder zu gleichem Benehmen auffordern und damit Führungsverhalten annehmen. Doch das ist hier jetzt weniger wichtig als die zeitgemäße Bildung aus der Bindung heraus an seine Herkunft, um auf seine Art mit Gefahren besonnen umgehen zu können.

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Deshalb auch gehen wir ruhig tiefer auf das ein, was als Stärke, als Macht unserer Seele in uns ruht. Ein anderes Bild zeigt den vernünftigen Umgang mit seinen Kräften: Ein Mensch will über ein Gebirge wandern, packt seinen Rucksack mit Proviant und Flaschen voll und hastet hinauf. Er ist wohl schneller oben als manch anderer, aber die Kräfte sind erschöpft und machen ihn ungeschickt, seine Flasche zerbricht ihm oder kullert den Berg runter und das Brot fällt ihm aus der Hand. Ein anderer achtet auf seine Kräfte und kommt etwas später, aber sicher und frohen Mutes oben an. Jetzt vergleiche dieses Bild vor dem Kind mit dem, wie es über die Straße rennen und hinfallen kann mit der gesicherten Überquerung durch eigens gewonnene Übersicht; achte darauf, daß und ob dein Kind mit seinem Nicken Übereinstimmung zeigt.

© (eah) 14. Dezember 1998 und 5. Juli 2020

1 Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise (Goldmann, 2007) War ein Bestseller, acht Jahre nach der ersten Fertigstellung von Abenteuer Erziehung. Die zweite Überschrift hier vermittelt insofern ein Wissen von später. Es geht hier nur um eine Formulierungsvariante der ersten Überschrift. Ich teile nicht die Ansicht, dass ich viele bin, auch wenn das als Spruch witzig klingt und die „Gefühlsmenagerie“ dem oberflächlich Recht zu geben scheint.

2 Wenn man schon bei dem wohlklingenden Ausdruck Gerechtigkeit bleiben will.

3 Vor 22 Jahren

4 Sinngemäß seine eigene Aussage bei einem Interview, das ich gehört habe.

5 Berlin 1928, als Film 1930.

6 In Ländern mit Linksverkehr: Schau rechts, dann links!

7 Sprich, wie du willst, aber eindringlich oder spiel den Vorgang, undespotisch und einfach, aber mit deutlich echtem Gefühl.


3 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt 1 Person

  2. Mujo sagt:

    „Wer behauptet, daß im Gerichtssaal Gerechtigkeit pur erzeugt werde, gilt heutzutage als naiv. Man erhält dort ein Urteil, und man sollte für das ganze Gerichtswesen den Begriff „angewandte Gerechtigkeit“2 einführen, parallel zur angewandten Kunst: Nicht großartig aber nützlich durch die Zierde, die sie dem öffentlichen Leben verleiht.“

    Gerechtigkeit im Gerichtszahl ist für die Dummen einfältigen.

    Um was es wirklich geht ist der Rechtsfrieden. Das ist die Aussage eines Richters das ich von dritte Erfahren habe.
    Man kann es auch so erfassen man möchte möglichst einen Ausgleich finden der für alle Fair ist. Gesetze sind da nur anhaltspunkte in welche Richtung es gehen soll.
    In der Politik geht es nur nach Gefühlen, man schiebt gern die Gesetze vor aber Handelt nach dem was möglich ist und von der Bevölkerung mit getragen wird.
    Würden als beispiel alle Menschen die Maskenpflicht in den Geschäften verweigern müsste die Gesetzgebung dem auch angepasst werden weil keine Chance der durchsetzung besteht, was sie auch sicher unter welchen Gründen auch immer tut.

    In letzter Konsequenz wird immer nach den Gefühl gehandelt, weil wir nicht anders Erzogen wurden, schon als Kind. Und weil unser lernwille dabei am größten ist.

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