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Sandmännchen / Die Mama und ihr vermisstes Kind

Lieber Leser. Soeben habe ich Bossi über die Schulter geschaut und gesehen, dass er etwas in den Papierkorb geschoben hat. Dabei hat er gemurmelt: Ach was. Was will ich meine innere Aufwühlung auf bb breitschlagen. Das Ereignis ist weltweit alltäglich.

Weil Bossi sich nun mit einem Spaziergang beruhigen gegangen ist, bin ich so mutig und frech, das, was Bossi geschrieben hat, doch hier zu zeigen. Er hat nämlich geschrieben:

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Heute begab sich Agus, der 8 jährige, mit dem kleinen Fahrrad ausser Haus, und zwar morgens um halb neun. Das ist alltäglich, fast jeden Tag verschwindet er so für einige Stunden, verbringt seine Zeit mit Freunden. Nicht alltäglich heute war, dass Agus nicht um 3, nicht um 4, nicht um 5 heimkehrte.

Ich hatte keinerlei Bedenken, dass er etwa einen Unfall gehabt hätte, das Kerlchen ist viel zu klug, kann Situationen einschätzen.

Was mir hochzusteigen begann, war Kindesentführung. Fuhr überall hin, fragte. Null Agus mit kleinem roten Fahrrad.

Nun…um halb sechs war er dann da, ich war gnadengottenfroh, doch versteckte er sich flugs hinter dem Haus. Auf Grund einer früheren Begebenheit wusste ich, warum. Er hatte Angst, sich der Mutter zu stellen, vielmehr, er hatte Angst wie sich seine Mutter ihm stellen würde.

Ich begann, ihn zu befragen, wo was wie denn heute gewesen sei. Hatte die Absicht, das mal so stehen zu lassen, ihn aber, wenn die Wellen sich geglättet haben würden, zu instruieren: Sagen, wohin du gehst. Unbedingt eine ungefähre Zeitangabe machen. (Was, bei bereits Entführtem, natürlich auch nur in Ausnahmefall Po Sie Tiefes erwirken kann, leider klar, das.)

Nun. Die Mutter kam. Er geriet in Panik. Zu Recht. Sie packte ihn mit Gewalt, ich konnte verhindern, dass sie zuschlug. Ich fragte sie, was denn das nun solle. Antwort: Er muss mandi (sich waschen). Nicht sagte sie ihm das. Sie riss ihn und er wehrte sich aus Leibeskräften, schrie wie am Spiess, suchte verzweifelt meinen Augenkontakt. Ich versuchte es mit Gewalt, versuchte, die Frau mit Gewalt von ihrem Kinde körperlich abzulassen. Keine Chance. Immerhin ist sie die Mutter. Ich liess gewähren.

Ich folgte ihnen, willens, einzuschreiten, falls sie ihn verprügeln wollte. Unter dem Wasserstrahl zwackte sie ihm zweimal den Kopf, ich brüllte sie an: Jangan (Nicht, tue nicht).

Danach zerrte sie ihn mit Gewalt in ihr Zimmerchen, er wehrte sich aus Leibeskräften. Ihn nach der Wäsche trocknen? Nein, ihm wie einem Kleinkind T Kurz und Hose verpassen und aufs Bett schmeissen, selber sich aufs Bett setzen und anfangen, verbal auf ihn einzudreschen, sich dabei steigernd und schon wieder schlagen wollend, Letzteres ich verbal scharf verhinderte.

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Es ist nun eine Stunde seither. Unten höre ich die Mama referieren. Immerhin kein Agus – Geheul mehr. Aber immer wieder Crescendo in ihrer Rede.

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Mein Gott, mein Gott. Ist es so schwierig? Das geliebte Kind, wenn es denn kommt, in den Arm zu nehmen? Ihm zu erklären, welche wahre Gefahr lauert (die Kinder wissen es, auch in den Schulen wird aufgeklärt)? Dadurch verständlich zu machen die strikte Anweisung, vor Weggehen zu sagen, wohin und zu sagen, wann ungefähr Heimkehr geplant ist?

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Der Papa ist hier das ausgleichende Element. Er spricht unbeholfen, ist aber die Ruhe in Person, exakt in seinem Tun, herzensfreundlich. Die Mama ist fleissig, zuverlässig, und viel tauschen wir aus, haben auch viel zusammen zu lachen.

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So. Und jetzt gehe ich erst einen Spazottel machen, und danach werde ich die Mama leise umarmen, und den Jungen auch.

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Meinem Vorsatze untreu, ging ich eben zur Mama. Sprach ihr zu. Ich wisse, dass sie gute Mama sei, dass sie wolle, dass es ihrem Kinde gut gehe, bat sie um Verzeihung für meine Uebergriffigkeit. 

Aha. Interessant. Tüpisch Indonesien (Informationsfluss ausser Tratsch verstopft): Erst jetzt verriet sie mir, dass Analoges schon oft vorgekommen sei, dass also Agus an schulfreiem Tage beängstigend lange auswärts gewesen sei. 

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Zuvor war ich bei einem der engsten Freunde von Agus, beim Reja (9). Der hat eine resolute Mama, aber holla, da würde die Gorch Fock die Segel streichen. Dortens kein Drama. Der war grad dran, sich mit Eisstücken zu kühlen. Ich fragte die Mama, ob ich Reja etwas fragen dürfe. Durfte ich. Der war in sich ruhend ganz normal. Er sagte, ja, er sei zusammen mit Agus gewesen den ganzen Tag. An einem Ort im Dorf (verstand mein Blödindonesisch nicht), da man sich treffe.

Ich interpretiere: Dort kommen Jungs zusammen und spielen. Der Reja sagte das offenen Gesichtes und ruhiger Stimme. Daraus schliesse ich, dass dort nichts geschieht, was er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könnte. 

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Eigentlich war die Welt der Kinder heute gänzlich in Ordnung, so meine ich. 

Dank der Verrücktheiten der Welt lässt sich eine gute Mama (die Mama von Agus) dazu hinreissen, den „Aeusseren Anlass“ ihrer Aengste, nämlich ihr Kind, grob zu behandeln, nicht realisierend, dass diese grobe Behandlung bewirkt, dass ihr Kind ihr noch weniger mitteilen wird, was es hier dort und drüben tut, wenn sie es nicht sieht.

Was benötigt ein Kind für seine gesunde Entwicklung? Es benötigt ein Dorf. Afrikanisches Sprichwort. Gemeint ist kein DACH Schlafdorf. Gemeint ist ein Dorf, da aller Ecken und Enden gute Menschen guter Tätigkeiten nachgehen und Kinder willkommen heissen. 

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In Indonesien, im Lande, da Kleinkinder in stetem Körperkontakt sind, da Kinder (so weit ich es sehen kann briefmarkengross) Freiheiten zu ihrer Entfaltung geniessen, von dem vermag ein Westkind mit Helikoptereltern nicht zu träumen.

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Vergass. Als ich der Mama freundlich zuredete, sie und ich auf dem Bette sitzend, schlief Agus bereits. Um sieben Uhren etwa. Na, der hatte seinen Tag gehabt wohl.

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Ja, das habe ich aus Bossis Papierkorb herausgefischt. Es macht mich glücklich und es macht mich es bitzeli traurig. Beides aber ist nicht so wichtig. Es sind hier sieben Uhren am Abend, und ich will den Kindern, die früh schlafen wollen, meinen guten feinen Sand bringen, dass sie gut schlafen und so träumen, dass sie am Morgen froh und frisch sind.

Lieber Leser, ich grüsse dich herzlich,

dein Sandmännchen,

am 17.03.07

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7 Kommentare

  1. Was das Sandmännchen doch oft noch so mitbekommt, wenn Bossi schon schläft.war

    Ich weiß noch als ich ca. 13 / 14 Jahre war, da trafen wir uns auf dem „alten Friedhof“, das war eine kleine Parkanlage, ein Minipark gegenüber unseres kleinen Krankenhauses…….da trafen wir uns mit den Jungs. Der Park hatte kleine Nischen wo die Bänke von hohen Sträuchern umgeben war, da ließ sich prima Geheimnisvolles austauschen.
    Nein, wer jetzt denkt an frühe Körperlichkeit, den muss ich enttäuschen…….es war höchsten mal Händchenhalten, aber mehr sich necken und knuffen und Blödsinn machen.
    Und es war das heimliche Zigaretten rauchen, Zigarettenschachteln waren in den Kniestrümpfen versteckt, damit bei Taschenvisitation nix gefunden wurde. Pfefferminzbonschen lutschen war Pflicht, da man das Rauchen vertuschen wollte, was natürlich nicht geklappt hat.
    Und jeder hatte heimlich dem Papa eine Flasche Bier aus dem Keller geklaut, die wurde dann auch gesüffelt 😉

    Wer weiss Agus und seine Freunde so treiben.
    Vielleicht bekommt Bossi das ja demnächst von Agus gesagt…….wer weiß.

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  2. Mujo sagt:

    Was sagt e uns, Indonesische Eltern sind auch nicht viel anders wie Europäische.
    Die Ängste der Eltern ist das Leiden der Kinder.

    Rein von der Energie dürftest du dich nicht einmischen, das ist ein Mutter Kind Thema. Aber ich verstehe dich voll und ganz und da ich selber Vater bin und solcherlei Methoden bei mir auch nicht gab und gebe würde ich wahrscheinlich mich auch einmischen. Es gibt keinen Grund der Welt Kinder zu Schlagen.
    Habe ähnliche Konflikte auch erlebt als ich mit meinen den Zoo Besuchte und eine andere Familie gerade dabei war ihr Ungehorsames Kind die ihre Hände im Zaun hatten wo der Wolf auf der anderen Seite zuschnappen konnte. Die heftigen Schimpftriaden mit gleichzeitigen Körperschütteln zwangen mich auch der Mutter zu nähern. Ich sagte ihr ich verstehe voll und ganz was sie da tun, es wären aber nicht Kinder wäre dennen ihre Tragweite bewusst was passieren könnte. Vielleicht aus scham oder aus wirklicher Einsicht hörte sie auf, nachdem das Kind bereits schon weinte.
    Wahrscheinlich wäre nie etwas passiert, es sei den die Ängste wären im Kinde schon Programm und warten schon zur Erfüllung.

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  3. Thom Ram sagt:

    Heute morgen war alles normal, Agus und Mama herzlich zusammen. Und ich bat Mama noch einmal um Verzeihung.

    Und doch….in unserem Englischkurs, heute morgen, da war Agus deutlich verlangsamt, in Auffassungsgabe, Konzentrationsfähigkeit und Erinnerungsvermögen, ähnlich wie er es nach neulich hatte, nachdem er mehrere Tage mit Fieber darniedergelegen hatte.

    Aus dem Beispiel kann man herauslesen, was es für ein Kind bedeutet, wenn es täglich Solches erlebt. Hier die sehr seltene Ausnahme, Gott sei Dank.

    Agus will niemandem erzählen, wo er war. Da steckt in ihm irgendeine Befürchtung drin. Vielleicht haben sie ein geheimer Knabenbund, so im Stile dessen, was Marietta oben als Kommentar geschrieben hat.

    Gefällt 2 Personen

  4. makieken sagt:

    Auch in meiner Kindheit gab es gelegentlich Tage, an denen ich die Welt gern bis 9 Uhr abends erkundete. Es war Sommer, es war hell, der Hunger hielt sich in Grenzen und die Uhrzeit kannte ich noch nicht. Wenn ich dann doch fröhlich und erschöpft nach Hause kam, gab es keine Schimpfe, da meine Mutter Verständnis für die Situation hatte (Woher soll das Kind denn wissen, dass längst Schlafenszeit ist?). Sie war einfach nur froh, dass ich heile wieder nach Hause kam und das Thema war erledigt. Bei meinen Spiel-Komplizen war es anders gelagert. Sie wurden mit Strafe (Hausarrest) und Schelte belegt.

    Heute nun bin ich selbst die Mutter. Auch ich gebe meinem Kind Richtzeiten mit, wann es wieder zu Hause sein sollte. Aber auch wenn diese mal deutlich überschritten werden, verfalle ich nicht in Panik. Denn meine Grundeinstellung lautet, dass mein Kind stets unversehrt heimkehrt. Anderen Optionen/Szenarien räume ich in meinem Denken keinen Platz ein. Bisher kam das Kind stets unversehrt heim. 🙂

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  5. Thom Ram sagt:

    Makieken 02:12

    Ja und ja.

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  6. Mujo sagt:

    @makieken

    Ur-Vertrauen. Einfach Ur-Vertrauen gegenüber seine Kinder. Das ist die größte Liebe die man geben kann.

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  7. Ur Vertrauen, ja ein ganz wichtiger Aspekt.
    Doch ich kann auch diejenigen verstehen, denen es abhanden gekommen ist.
    Z. B. weil andere Erfahrungen gemacht wurden.
    Grad in der heutigen Zeit nicht so einfach.

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