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Die Welt nach Putin

(LH) Ein aktueller Kommentar von Alexander Dugin, den ich gleich kurz wiedergeben werde, hat mir sehr zu denken gegeben – und das könnte nicht nur die Russen angehen, sondern die ganze Menschheit…
Luckyhans, 19./22. Dezember 2018
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Die Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel ist medial immer eine Zeit der Jahres-Rückblicke und -Vorschauen, wobei die ersteren hauptsächlich dazu dienen, das kürzlich erlebte schon mal interpretativ ein wenig „richtigzustellen“ (selbstverständlich im Sinne der Herrschenden), und letztere vor allem dazu, die Massen auf die nächsten Schritte ebenjener Herrschender „einzunorden“, damit sie auch brav zu den bevorstehenden Ereignissen die richtige Einstellung finden.
Da wollen wir uns nicht einreihen, sondern den Blick etwas weiter schweifen lassen… 😉

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Der Politologe Alexander Dugin hat in einem Kommentar dieser Tage die ketzerische Frage nach dem Rußland NACH Putin gestellt.
Freilich hat er erstmal ausführlich zurückgerudert, daß dies sicher keine Frage von „hier und jetzt“ sei, sondern in der uns noch unbekannten Zukunft liege.
Aber er meinte richtigerweise, daß es ein Rußland nach Putin geben werde – und zwar ganz bestimmt, nur daß heute noch keiner wisse, WANN dies sein werde.
(ähnlich wie beim Tod eines jeden, von dem heute auch jeder genau weiß, daß er sehr wahrscheinlich eintreten wird – nur nicht wann)

Und so hat er mal den Blick auf die etwas weitere Rück- und Vorschau gestellt und sinngemäß folgendes vorgebracht. Nach seiner Meinung hat Putin in seiner Amtsführung von Anfang an, d.h. ab 2000, – ob gewollt oder erzwungenermaßen – die neo­liberale Diktatur der 1990er Jahre jäh beendet und auf einen Ausgleich zwischen „Silowiki*-Patrioten“ und den Neolibs gesetzt.
Und zwar in einer Art „dynamischem Gleichgewicht“, in einer Balance, die beiden viele Möglichkeiten offenläßt.

* Begriffserklärung
„Silowiki“ kommt vom russischen Wort „Sila“ (сила), wörtlich = Kraft, Stärke, Gewalt, Wucht, auch Macht.
Obwohl Macht = Wlasth (власть) ist – das wird für die Staatsgewalt aller Ebenen (einschließlich Verwaltung!) benutzt, von mir meist als „Machthaber“ oder „Mächtige“ übersetzt.
„-wiki“ als Anhängsel bezeichnet allgemein Leute als Gruppe – siehe „Bolschewiki“ – die Mehrheitlichen, oder Menschewiki – die Minderheitlichen.

„Silowiki“ ist eine gängige Bezeichnung für die Führung oder die Organe des Macht­blocks, also der zum gewaltsamen Handeln zugelassenen Organe der Staatsge­walt: Dienste, Armee, Polizei, Nationalgarde, Zoll usw., oft auch einen Teil der Justiz einbeziehend, und zwar das Ermittlungskomitee, also die Untersuchungsrich­ter, die in Rußland traditionell ein gesondertes Staatsorgan bilden und mit der Staatsanwaltschaft oder der Richterschaft nichts zu tun haben – zur Vermeidung der möglichen Interessenkonflikte wurde das (angeblich von Peter I.) mal so eingerichtet.
Die Verwaltung – obwohl ja auch Exekutive – ist bei „Silowiki“ nicht inbegriffen, bei „Wlasth“ durchaus schon.

Freilich seien die Neolibs, von Kudrin über Siluanow und Tschubais bis Nabiullina samt allen „Oligarchen“, mit massiver westlicher Unterstützung fleißig dabei, ihre verloren­gegangenen Positionen sich wieder zurückzuerobern, aber die „Patrioten“ würden auch heftig daran arbeiten, ihren Einfluß zu verbessern.
Und Putin tritt also vor allem als Ausgleichender, als eine Art Ombudsmann auf, der selbst keine der Parteien allzu deutlich ergreift (obwohl er natürlich aus dem Block der Silowiki stammt und elitär von diesem sowie den staatlichen Großkonzernen „getragen“ wird), sondern sich vor allem als das „Staatsoberhaupt für alle“ sieht.
Und dafür ein deutliches Mandat der Bevölkerung aufzuweisen hat…

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Dies sei auch das Wesen der Politik Putins: keine eigene ideologische Linie zu verfolgen und keinen gewaltsamen Umbau des Staates durchzuführen, sondern die waltenden Kräfte wirken zu lassen und für eine Balance zu sorgen, damit die russische Bevölkerung weder unter den einen, noch unter den anderen allzu sehr leiden muß.

Viele in Rußland fragen sich, warum denn all die unpopulären Maßnahmen durchgesetzt werden, welche die neoliberale Regierung unter „Aifon­tschik“-DAM so alles anbringt.
Dazu könnte ich jetzt mehrere Seiten vollschrei­ben, will mich aber auf ein paar markante Skizzen beschränken.

1. Kraftstoffpreise: in einem Land, das von einem gewissen Politiker mal als „Tank­stelle der Welt“ bezeichnet wurde, sind die Benzin- und Dieselpreise so hoch wie in Ländern, die vollständig auf Importe der Kohlenwasserstoffe angewiesen sind; und je höher der Erdöl-Weltmarktpreis, desto höher schrauben die (staatlichen!) Energiekonzerne die Preise an den Tankstellen; auch eine Intervention Putins hat da wenig ändern können.

2. Die Zentralbank Rußlands hat am 14. Dezember zum 2. Mal in diesem Jahr den Leitzins um ein Viertel Prozent auf nunmehr 7,75% erhöht. ( Quelle )
Man vergleiche bitte mit „westlichen“ Zinsen: wer soll diese Gewinne erarbeiten?
Für 7,75% bei den Banken müssen in der Realwirtschaft mindestens 10+x % Gewinn anfallen – sogar theoretisch nur in wenigen Wirtschaftsbereichen überhaupt möglich, und nur bei heftigster Ausbeutung von Mensch und Natur…
Gleichzeitig sollte (laut bürgerlicher Ökonomie) ein solch hohes Zinsniveau – bei gleich­zeitig stabiler und absolut neoliberaler Kapitalgesetzgebung! – doch dazu führen, daß sich das „scheue Reh“ massiv nach Rußland begibt: aber was sehen wir? Putin muß in aufwendigen Investoren-Foren um ausländische Investitionen betteln…

3. Die „Märchensteuer“ in Rußland wird zum 1. Januar 2019 von 18 auf 20% erhöht.
Dies wird zu weiteren merklichen Preissteigerungen führen, und wie bekannt wirken sich Umsatzsteuer-Erhöhungen vor allem im Portemonnaie der unteren und mittle­ren Einkommensgruppen aus, die den Löwenanteil ihrer Einkommen allmonatlich für ihre Lebenshaltung ausgeben müssen.
Wobei schon heute ein Vergleich der Durchschnittslöhne zeigt, daß diese in Rußland um das 2,5 – 3fache niedriger liegen als in anderen EUropäischen Ländern – und das bei dem enormen Reichtum und dem nach wie vor gigantischen Export an Naturressourcen, der aus Rußland ständig erfolgt, ein offensichtlicher Widerspruch.

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4. Rußlands neoliberale Regierung hat bekanntlich den Migrationspakt der UNO unter­zeichnet, der angeblich unverbindlich, aber in Wirklichkeit sehr präzise festlegt, daß die Urbevölkerungen überall in der Welt gegenüber den Migranten – egal aus welchem Grunde diese sich auf Wanderschaft begeben – deutlich benachteiligt werden. In russischen Blocks wird dieses Machwerk als „Genozid an der weißen Rasse“ bezeichnet.

5. Die russische Staatsduma gerät ob ihrer volksfeindliche Gesetze immer mehr in die Kritik: sowohl die üppigen Bezüge (knapp 400.000 Rubel monatlich = etwa das Zehnfache des Durchschnittseinkommens, bei steuerfreien „Nebeneinkünften“ in meist überschießender Höhe) als auch die fragliche Qualifikation der Abgeordneten (ehema­lige Profi-Sportler, Schauspieler, Musiker usw.), wie auch deren geistige und physische Abwesenheit während der Sitzungen, von seltenen Prügeleien ganz zu schweigen, sind Gegenstand der Kritik; es werden zunehmend Stimmen laut, daß die Duma vorfristig zu optimieren sei (Duma-Wahlen sind erst 2020 wieder vorgesehen).

6. Das Staatliche Ermittlungskomitee – in Rußland ist der ermittelnde Teil der Justiz in eine gesonderte Behörde ausgegliedert – hat am 10. Dezember das Korruptions-Rating der russischen Behörden veröffentlicht.
Danach wurden 2018 im Bereich des Innenministeriums 790 Ermittlungen zu Straftaten aufgenommen, in der Justiz waren es 334, im Umweltbereich 40, im Logistikbereich 33, im Sozialbereich 32.
Insgesamt wurden 2018 über 25.000 Korruptionsdelikte registriert, ein Zuwachs von 0,9% gegenüber dem Vorjahr; die Bestechungen stiegen um 3%.
Freilich ist das alles nur die Spitze des Eisbergs, aber es wird zunehmend intensiv gegen die Hydra vorgegangen.

7. Der „Große Privatisator“ der 1990er Jahre und heutige Chef des Staatskonzerns „Rosnano“, Anatoli Tschubais, hat den Russen „tiefe Infantilität“ und Undankbarkeit gegenüber der Geschäftswelt vorgeworfen. Dem „Business“ (und nicht dem Fleiß der Bevölkerung und der Klugheit der Politik Putins) sei es zu verdanken, daß „die hoffnungslos zerstörten sowjetischen Betriebe wieder aufgebaut seien“ und „das Budget wieder mit Geld gefüllt sei“ – all das sei das Verdienst der „Oligarchen“…

Freilich sieht die Wirklichkeit etwas anders aus.
Nicht nur daß „Rosnano“ in diesem Jahr
erstmalig seit 10 Jahren (nach gigantischen alljährlichen staatlichen „Fördermaßnahmen“ in Milliardenhöhe) eine (nicht genau bezifferte) Dividende auszahlen will, was die Manager-“Qualitäten“ ebenjenes Typs recht gut charakterisiert.

Bei den Äußerungen wird sowohl die verheerende Wirkung der Privatisierungen der 90er Jahre verniedlicht, als ein Großteil des Industriepotentials Rußlands vernichtet wurde und sogar strategisch wichtige wehrtechnische Unternehmen verkauft, ausge­saugt und geschlossen wurden, als auch das sich ständig fortsetzende Sterben der kleinen Dörfer und Kleinstädte in Rußland verschwiegen, wo sich die Menschen „nicht in den Markt einbringen“ konnten und folglich „herausfallen müssen“ (Originalton Tschubais).

8. Trotz Protesten und heftiger Kritik wurde vor kurzem – von Putin mit einer Rede bedacht – in Moskau ein Denkmal für den russophoben und völlig talentlosen „Schriftsteller“ und Sprengstoff-Preisträger Solzhenizyn eröffnet, das sogleich von der Bevölkerung mit dem Schild „Judas“ versehen wurde und nun – gegen Farbangriffe in Plastik eingehüllt und von der Polizei bewacht – dort herumsteht.
Von den offensichtlichen Lügen abgesehen, fällt es wirklich schwer, sich durch die lang­weiligen und primitiven Darstellungen jenes S. hindurchzukämpfen; bei der Übersetzung in andere Sprachen wurde vieles stillschweigend aufgewertet, aber im Original ist das kaum lesenswert. Beliebt ist S. jedenfalls in Rußland nicht…

9. Wie schon berichtet, tun sich die überbezahlten „Beamten“ der staatlichen Verwal­tung auf allen Ebenen vor allem hervor durch beleidigende Äußerungen gegenüber denjenigen, denen sie eigentlich „dienen“ (Dienstleistungen erbringen) sollen.
Aber auch die Kinder von führenden Persönlichkeiten, wie die in Paris in Saus und
Braus lebende Tochter des Kreml-Sprechers Peskow mit seiner VSA-Ehefrau, fallen regelmäßig durch russo­phobe Äußerungen in den unsozialen Netzen auf.
Und nach wie vor gilt es
in elitären Kreisen Rußlands als Norm, daß man Vermögen, Immobilien und die Kinder im Westen haben muß – die ganz wenigen Ausnahmen bestätigen eher diese Regel. Die aber keineswegs medial angegriffen wird, auch nicht von den angeblichen „Regierungsmedien“ – nur in den Blocks macht sich der Unmut des Volkes breit.

Dies ist, wie gesagt, nur ein kleiner Einblick in die Widersinnigkeiten der neoliberalen Wirklichkeit Rußlands, wo sich eine total abgehobene Elite in Staatsverwaltung und Wirtschaftsführung so weit vom Volk entfernt hat, daß man kaum noch miteinander reden kann.

Zurück zu Dugin, dem natürlich all diese Dinge vertraut sind. Er interpretiert diese Entwicklungen so, daß Putin die russische Bevölkerung beide Seiten der Medaille „auskosten“ läßt, damit im Volke der Willen und die Vorstellungen zu einer neuen Gemeinschaft heranreifen können.
Und zum Abschluß der Putin-Ära wird es erforderlich werden, eine Entscheidung zu treffen.

Denn es gibt beide Möglichkeiten: entweder es gelingt, einen neuen Weg zu finden und die Führungsrolle in der gesellschaft­lichen Entwicklung der Menschheit zu übernehmen, die den Russen angeblich schon seit Jahrhunderten prophezeit wird.
Oder man beugt sich dem neoliberalen „Trend“ und „bringt sich in die westliche Welt ein“, wie es die Neolibs und deren Mediensklaven gebetsmühlenartig ständig fordern.

Auch eine „Nichtentscheidung“ wäre eine Entscheidung – für die zweite Variante.

Freilich findet eine öffentliche Diskussion darüber, wie denn eine menschliche Gemein­schaft, die diese Bezeichnung auch verdient, aussehen könnte, vorerst nur in den Tiefen des russischen Weltnetzes statt – die weltweit gleichgerichteten Medien halten sich da fein raus. Und es gibt (noch) auch nur wenige Ansätze für eine solche Vision.
Aber die Zeit nach Putin ist ja auch noch nicht herangereift.

Nur sollte man sich nicht darauf verlassen, daß noch viel Zeit wäre, sondern schon jetzt sich auf die fällige Entscheidung vorbereiten.
Soweit, in Kurzfassung, Dugin – vielen Dank.

Nun haben wir ja bereits mehrfach festgestellt, daß sich sowohl Russen wie auch Deutsche sich in der Mehrzahl vorwiegend mit Nabelschau befassen, d.h. die eigene Geschichte und die eigenen Verhältnisse werden ausführlichst betrachtet und interpretiert, jedoch kaum der Blick über den Tellerrand gehoben.

Dabei hat uns doch der angelsächsische Widerpart vor einiger Zeit sehr deutlich gesagt, worum er sich seit Jahrhunderten intensiv und mit aller zur Verfügung stehenden Macht bemüht: ein engeres Zusammengehen der Russen und der Deutschen zu verhindern.
Und eines muß man den Leuten lassen: in der Analyse dessen, was sie nicht wollen dürfen, sind die ziemlich gut.

Mein Aufruf daher an alle, Deutsche wie Russen: laßt doch bitte die kleinliche Nabelschau, hebt den Blick und übt schon mal den aufrechten Gang.
Die Probleme sind doch in allen Ländern dieser Erde – „dank“ der wohlorganisierten Globalisierung – in vielem gleich oder ähnlich: die Eliten lassen es sich auf Kosten der Volksmassen gut gehen, und diese wurzeln täglich ohne aufzuschauen im Hamsterrad, obwohl doch Alternativen möglich sind.

Und diese Alternativen bedeuten keinesfalls eine Reduzierung der Bedürfnisse auf ein Mindestmaß, sondern lediglich auf die natürlichen Bedürfnisse eines jeden Menschen: ein Leben in Fülle und Freude. (mehr dazu hier und hier.)

Daß dabei zuerst der Mutter Natur der ihr zustehende Rang wieder eingeräumt werden muß, versteht sich von selbst – schließlich ist die Natur die Lebensgrundlage aller Wesen auf diesem Planeten, nicht nur von uns Menschen.
Und der Mensch als vernunftbegabtes Wesen hat eine besondere Verantwortung für den Erhalt und die Pflege der Natur.
Momentan tun wir jedoch das Gegenteil davon – warum ist auch klar.

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Was also hindert mich und dich daran, JETZT und HIER mit den notwendigen Veränderungen zu beginnen?
In meinem und deinem eigenen Leben und Tun?

Unsere gedankliche Trägheit?
Unser Streben nach „Stabilität“ und „Sicherheit“?
Unser Widerwillen gegenüber Veränderungen?

Es gibt nichts anderes als Veränderung!
Alles ist ständige Veränderung, alles ist ständige Bewegung (panta rhei), alles – die gesamte Materie – existiert nur in der Bewegung und Veränderung!

Und es ist absolut an der Zeit, ein paar grundlegende Veränderungen in Angriff zu nehmen.
Beginnend bei mir und dir – jeder bei sich…

 


2 Kommentare

  1. Pit-S sagt:

    Schön das du wieder da bist 🙂

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  2. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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