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98. von 144 ELTERN, KIND UND KINDERSTUBE – Was und wo ist Glück?

Eckehardnyk, 25. April NZ9

Im Hier und Jetzt

1

Glücklich sein bedeutet so viel, daß es sogar in der amerikanischen Verfassung als ein Grundrecht aufgezeichnet steht.1 Jeder Mensch habe ein Recht auf [Streben nach] Glück! Wie schön für dieses Volk! Aber ist es deshalb glücklicher, weil es diesem Anspruch sogar Verfassungsrang zubilligt? Man sollte es denken. Schon Goethe hat einst gesagt: Amerika, du hast es besser! Also auf nach Amerika? Viele in den letzten Jahrhunderten dachten so und „machten ihr Glück“. Und was ist mit uns Anderen, die wir nicht so glücklich waren, nach Amerika „rüber zu machen“?

Wir in der alten Bundesrepublik befanden uns gegenüber unseren östlichen Verwandten und Nachbarn in einer ähnlichen Lage wie die Amerikaner. Viele strebten hier her, als ob sie damit ein besseres Los ziehen würden. Aber, wie heißt es so treffend in der „Internationalen“: „Es rettet und kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ Also müssen wir hier bleiben, wo wir sind, und jetzt beginnen, glücklich zu sein. Glücklich bin ich immer jetzt! Und das bedeutet auch: Hier.

2

Denn das Glück von Jetzt und Hier kann schon das Unglück von Später und Weiter sein. Wie viele Lottokönige sind nicht schon durch ihre Glücksmillionen verarmt! Oder der Mann, der 1912 den Sprung auf die Titanic versäumte: Wie unglücklich muß er sich in dem Moment gefühlt haben, als das Schiff ohne ihn ablegte, und wie glücklich war er wohl darüber, als die stolze Pracht ohne ihn versank? Deshalb gilt der Satz vom Glück auch im Unglück: Unglücklich bin ich immer nur jetzt! Und was ist nun dieses Jetzt?

3

Es ist unser tiefstes Geheimnis. Manche sagen, es sei töricht, das Glück festhalten zu wollen. Das stimmt deshalb, weil man das Jetzt2 nicht halten kann. Im nächsten Moment ist es vom nächsten Jetzt abgelöst und geht nahtlos von einem ins andere über. Ohne abwechselnde Vorgänge wäre das Jetzt nicht annähernd faßbar. Das Merkwürdigste am Jetzt ist nämlich seine unterschiedliche Zeitauslegung. Während beim alpinen Abfahrtslauf das Jetzt einer Katja Seizinger in einem Hundertstel von einer Sekunde als da!3 empfunden werden kann (das Aussprechen des Wortes selbst dauert dagegen wie eine Ewigkeit!), kann das Jetzt beim Betrachten von Sternhimmel, Gipfelflur, Sonnenauf-oder-untergang oder Meereswellen minuten-, stunden-, ja tage- und wochenlang4 andauern. Das Jetzt der alten Höhlenmenschen im Cro-Magnon hat womöglich jahrzehntelang gedauert, solange die Natur keine Katastrophen5 schickte.

4

Das Jetzt deines Kindes hat ebenfalls eine andere Zeitrechnung. Solange es noch Säugling ist im „Goldenen Zeitalter“, kann sein Jetzt ein Dauerzustand sein. Das hängt von dem gleichbleibenden Takt und Rhythmus der Pflege ab. Je weniger Einschnitte, desto längere Jetzt-Phasen und desto dauerhaftere Zufriedenheit. Jedes spätere Zeitalter hat seine eigenen Jetzt-Phasen und ebenfalls andere Freuden. Wesentlich dabei ist wie im antiken Drama die Einheit von Ort, Handlung und Zeit. Das für das Kleinkind (von Emmi Pikler) geforderte: Laßt mir Zeit! 6 ist zu verstehen als: Gebt mir den Ort und die Handlung in einer ununterbrochenen Einheit, zerreißt sie mir nicht mit eurer wohlgemeinten Fürsorge von Hierhin und Dorthin und laßt mir bitte eine Sache, bis sie von mir „geschmeckt“ ist!

5

Das Kind kann uns lehren, „Jetzt“ zu erkennen und darin Glück aufzuspüren. Glück fällt einem auch zu, deshalb glauben viele, Glück sei Zufall. Das mag gelten für Glücksspiele, wo aber meistens das Pech regiert. Glück und sein Gegenteil sind im Jetzt gefangen und harren der Überwindung. Lass einmal dein Kind einfach s e i n: Stärker als Unglück oder Glück.

© eah 9. Februar 1999 und 25. April 2021


1Die Stelle ist in Abenteuer Erziehung (siehe 222.eahilf.de) auf Seite 249 mit Übersetzung aufgeführt

2 In welchem sich Glück oder Unglück abspielen

3 Oder: Das war’s, worauf es (mir) ankam

4 Warum nicht Jahre, Jahrzehnte, Jahrmillionen lang?

5 Und die Geschichte keine Nachbarn

6 Buchtitel, München 1988, Verlag R. Pflaum (Neuauflagen 2001)


1 Kommentar

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt und kommentierte:

    Laßt mir Zeit!

    Gefällt mir

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