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Reise durch Kirgistan

Guter Leser, mit Vergnügen reiche ich dir den Reisebericht eines befreundeten Schweizer Paares weiter.

Zwei Links des Originals kriege ich nicht mit eingepackt, doch der eingebaute Film ist mehr als Entschädigung…..also mir rauben die Landschaften den Atem!

Thom Ram, 14.06.07

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Liebe Familie, liebe Freunde,

gerne denken wir auf unseren Reisen an Euch, und gerne möchten wir Euch ein Lebenszeichen zukommen lassen.
Es ist etwas Drohnen-lastig.  Habe versucht, erstmals ein Filmli zu drehen.

Für das Video hier klicken 

Es dauert knapp 10 Minuten. 
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Das rote Fadenknäuel auf der Weltkugel ist ein Stück ‘unserer Seidenstrasse’ von Osh über Umwege und mit Abstechern bis zur Hauptstadt Bishkek. Unser Gefährt Tom steht jetzt dort und wartet geduldig auf eine Weiterreise, wohin wohl?
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Tatsächlich sind die Seidenstrassen meistens nicht so ’seidig’. Unser extrem hart gefederter Tom quittiert dies mit schonungslosem Gerüttel oder sogar Schlägen. Erstaunlich, dass die ganze Inneneinrichtung noch hält. Jedes Mal erschrecken wir nach den ersten paar Metern nach dem Umstieg von unserer ’Sänfte’ zuhause! Dann sind wir in der anderen Welt angekommen. Und das Gebrumme des ‘Traktor’-Motors tut sein Übriges damit man Musik aus den sowieso miserablen Lautsprechern vergessen kann.
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Dafür haben wir von nun an die ruhigsten Nächte, die man sich vorstellen kann. Fast den ganzen Monat übernachten wir an Orten wo man einfach NICHTS hört! NICHTS heisst: Man hört allenfalls das eigene Augenklimpern – und natürlich die Halswirbelsäule falls man sie bewegt.
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Wunderbar einsame Übernachtungen – inmitten eines viele km2 grossen Nussbaumwaldes, zuoberst auf einem Hügel mit wunderbarer Aussicht, im Sary-Chelek Nationalpark inmitten von Millionen von wilden Tulpen, am Songköl, Highlight Kirgistans, am noch immer vereisten See auf 3000 MüM, an einem Salzsee auf dem man schwimmt wie eine Boje, am Yssykköl, dem von unzähligen Schneebergen eingerahmte ‘Kirgisischen Meer’, auf schönen Wiesen, an schönen Seen und Flüssen, …
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Wie immer sind wir Off-season unterwegs. Trotzdem haben wir enormes Glück mit dem Wetter und sind froh darüber; zuhause regnet es – gut für den Garten – und hier blauer Himmel! Selbst auf dem Songköl (siehe oben), bekannt für sein launisches Wetter, haben wir einen stahlblauen Himmel – bevor wir eingeschneit werden 🙂
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Wir bewegen uns in den Ausläufern des Tien-Shan mit den bis zu 7000 MüM hohen Bergen. Das Gebirge trennt die Taklamakan-Wüste Chinas von Zentralasien und bestimmt das Landschaftsbild von Kirgistan weitgehend. Die Höhenlagen über 3000 MüM sind für uns noch unzugänglich. Diverse Pässe sind verschneit.
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Die dominierenden Farben der Landschaft: Blau der Himmel – weiss die unendlichen, allgegenwärtigen Bergketten – grün/braun/rot die Hügel und Felder – blau die Seen.
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Kahl sind die Hügel, kahl gefressen von Pferden, Schafen, Ziegen und Kühen. Was machen die Leute nur mit so vielen Pferden? Kapitalanlage heisst es, doch auch zum Verspeisen und für die vergorene Stutenmilch, die wir jedoch nie kosten konnten bzw. mussten.
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In den Hügeln und Tälern gibt es sehr viele ‘Cowboys’, super Reiter, die Herden vor sich her treiben oder jagen, ein verlorenes Tier suchen, oder auch gar nichts tun, Tee oder auch Stärkeres trinken. Offensichtlich geniessen sie dieses Leben. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Männer (auch) hier ziemlich faul sind. Wie wir später hören ist das tatsächlich so.
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Immerhin besser das, als junge Frauen zu rauben! Brautraub ‘Ala Kachuu‘ ist eine Tradition Kirgistans, die, trotz offiziellem Verbot, wie man hört, immer noch relativ oft vorkommt.
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Das Essen ist sehr Fleisch-lastig aus der Nomaden-Tradition heraus (aber es gibt auch sehr schmackhafte Tomaten/Gurken-Salate, Nudelsuppen, etc.). Einmal, als wir bei ein paar Jurten halten, schlachten die Männer sogleich ein Schaf und bereiten uns ein üppiges Nachtessen bestehend aus Tee, Fleisch und Brot. Ich darf bzw. muss für Regula die Leber essen. Jedenfalls war es gut und wir wurden total satt! Es war zwar keine Einladung, sondern wir die ersten zahlenden Touristen der Saison.
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Die Menschen, denen wir begegnen, unterwegs, in den Ortschaften, im Basar, in den Geschäften sind alle so herzlich und hilfsbereit, eher scheu! Auch wenn wir kein Wort verstehen, mit Händen und Füssen und einem Lächeln geht es meistens. Zur Not können wir auf das Google Translate App zurückgreifen für Englisch-Russisch. Russisch und die kyrillische Schrift beherrschen alle. Und mit dem App können wir sogar Anschläge und Menükarten lesen, sowie uns mit der korrupten Polizei unterhalten!
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Wenn wir irgendwo übernachten, wo es auch Menschen gibt, umgehen bzw. umreiten sie uns stets grossräumig, allenfalls mit einem unbemerkten Schielen zu uns herüber.
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‘Kirgisen’ sind nicht die einzige Ethnie Kirgistans, sie bilden eine gute Mehrheit der Bevölkerung, jene mit Schlitzaugen, eher im Norden des Landes und in den Bergen zuhause, eben eher die ‘Cowboys‘. In Kirgistan leben auch viele Usbeken, das sind die Menschen mit eher indoeuropäischem Aussehen, leben in den wenigen fruchtbaren Ebenen, eher im Süden – und stellen die eben arbeitsameren Ackerbauern 😉
Sonst ist es ein rechtes Völkergemisch bestehend aus Russen, Uiguren, u.a.
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Auf einigen Fotos im Filmli sieht man so Wagen, wie wir sie vom Zirkus her kennen, und auch Fracht-Container. Überall sind diese als Behausungen anzutreffen, sogar eine Moschee ist dabei. Reminiszenzen aus der Sowjetzeit und nun von Transporten aus China. Die Sowjetwagen sind wahrscheinlich gratis und die Container billig. So wurden Jurten dieses ehemaligen Nomadenvolkes gegen Statischeres eingetauscht. Ein Kompromiss zu den noch hässlicheren Plattenbauten?
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Die Sowjets haben vieles geleistet und hinterlassen, positiv wie negativ zu Bewertendes. Auffallend sind die für unsere Verhältnisse extrem grosszügig angelegten Städte und Dörfer. Schon der Zar beauftragte hier Deutsche Ingenieure gegen Ende des 19. Jh. mit der Planung von grosszügigen schachbrettartig angelegten Städten und Dörfern mit vielen Bäumen und grünen Parkanlagen. Mitten durch die Dörfer führen schnurgerade normal breite Strassen, wobei beidseits der Strasse viel Raum gelassen wurde für Allgemeinland für Bäume, Menschen, Tiere und für die Vorgärten der bescheidenen Häuser. Dieses Bild zieht sich einheitlich durch die ganze Ex-Sowjetunion von der Ukraine bis hierher. Zwar machen die Häuser meist einen ziemlich verwahrlosten Eindruck.
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Kirgistan erleben wir wie zwei Welten, die schöne wunderbare schwach besiedelte Natur-Bergwelt, und die andere von Menschen z.T. arg in Mitleidenschaft gezogene Welt. Das Filmli zeigt ja nur Schönes. Es gibt auch das andere Kirgistan: Viele hässliche Bauten und Häuser, katastrophale Industrieruinen aus der Sowjetzeit und sehr häufig Abfall – Plastik, Glas, Stofffetzen, Papier. Das Plätzchen kann noch so idyllisch sein, wenn es gut zugänglich ist, ist es mit Müll übersät. Selbst Hirten haben wir beobachtet, wie sie die leere Wodkaflasche einfach auf die Wiese schmeissen (das Mähen müssen sie ja nicht besorgen).
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Doch es ist zu beachten, dass in den Städten und grösseren Ortschaften schon etliches unternommen wird um der Misere zu begegnen. Und zu berücksichtigen ist, dass das Land erst 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, unabhängig wurde, und daraufhin enorme politische und wirtschaftliche Krisen durchgemacht hat. Doch nun ist es wohl das stabilste und liberalste aller ‘-Stan’-Länder.
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Zu den schönsten Bauten gehören die Moscheen. Sie sind hauptsächlich von der Türkei und Arabischen Ländern gestiftet. Das prächtigste Beispiel ist die neue grosse Moschee in Bishkek im Design der Blauen Mosche von Istanbul. Die Kirgisen sind mehrheitlich Muslime und ein Turkvolk. Wenn man sie sprechen hört, so klingt das oft ein wenig wie Türkisch mit ö, ü und tsch. Die Türken sehen sich als Urvolk, doch die Mongolen sehen das anders. Die Moscheen werden etwa so fleissig besucht wie unsere Kirchen. Auch in dieser Hinsicht hat die Sowjetunion ihre säkulare Spur hinterlassen. Islamismus? Ihm wird allgemein mit Argwohn begegnet.
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Ein Foto zeigt R. im Zwiegespräch mit Tschingis Aitmatov in einem ihm gewidmeten Park. Vor einem Jahr, auf der Fahrt von der Schweiz nach Kirgistan haben wir, so wir auf guten langweiligen Strassen rollen konnten, seine wehmütigen Geschichten schätzen gelernt.
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Die letzte einsame ruhige Nacht feiern wir mit einer riesigen geräucherten Lachsforelle, wie sie am Yssykköl zuhauf am Strassenrand angeboten wird. Das war das absolute kulinarische Highlight des letzten Monats! Sicher erging es zahlreichen Seidenstrasse-Reisenden früher bei einem Zwischenhalt auch so.
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Was ich noch erwähnen möchte: Am letzten Tag durften wir eine interessante Stadtführung durch Bishkek mit der engagierten und liebenswerten Nadine Boller aus Baden, oft sesshaft in Kirgistan, geniessen. Sie wurde uns von unseren Freunden Markus und Chregi Auer empfohlen und hat uns im Vorfeld der Reise schon mit vielen guten Tipps geholfen. Sie führt zusammen mit ihrem Partner das Reisebüro Andash Travels und hat auch diverse ganz subtile Filme über Kirgistan gedreht, z.B. ‘Der Block’ (PW: fundament). Für die Organisation von Reisen nach Kirgistan würden wir sie sehr empfehlen.
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Herzliche Grüsse an Euch alle, J und R
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4 Kommentare

  1. Welch eine Schönheit…..sie berührt mich und treibt mir Tränen des Berührtseins in die Augen.
    Grad wenn man nach einem Nachtdienst nach Haus gekommen ist, gleich morgens angeranzt wurde, warum Dies und Jenes nicht gemacht wurde, wir uns aber die Beine abgestrampelt haben……..da tun solch Bilder unendlich wohl.

    Vielleicht bin ich auch deshalb so stark berührt.
    Ein Ausgleich zu den Anranzern von heute morgen.

    Gruß an das Ehepaar: das Filmli ist ein wundervoller Film geworden und ich sage ganz herzlichen Dank daß ich an den schönen
    Landschaften teilhaben darf.

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  2. bernardo sagt:

    Herzlichen Dank für den Bericht und den wunderschönen Film.
    Diese erhabenen Bilder, mit der harmonischen und passenden Musik, haben mich sehr still werden lassen.
    Eine grosse Dankbarkeit und Liebe zu allem was ist, hat sich still und leise in mich ergossen und hat mich mit unserer Mutter-Gaia verbunden.
    D A N K E, dass Ihr Eure Bilder mit uns teilt!!!

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  3. Mujo sagt:

    Schön dieses weite offene Land.

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  4. viktoria sagt:

    Herzlichen Dank und beste Grüsse

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