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Alexis Tsipras / Der nicht verbreitete Brief vom 13. Januar 2015 an das deutsche Volk

Indes man posaunt, die Griechen seien eben faule Säcke und sie haben über ihre Verhältnisse gelebt, wird verschwiegen, wer Griechenland ausgesaugt hat und wohin die Fallschirmgelder in der Tat fliessen. Der Handwerker um die Ecke, der sieht nichts davon. Auch ist er kein fauler Sack. Wohl aber spürt er knüppelhart, dass Griechenland als Staat sich in eine exorbitante, alles lähmende Verschuldung hat katapultieren lassen. 

Die heutige Regierung hat ihrem Volk keine Patentlösung auf die Schnelle zu bieten. Wohl aber kann sie an die Arbeit gehen, die Atem raubenden Fesseln zu durchschneiden. Dazu braucht sie den Rückhalt des Volkes. Daher ist die Abstimmung vom 5. Juli ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. 

Ich nehme einen Kernsatz aus Tsipras‘ Rede: 

Ihr Deutschen, ihr habt Griechenland nicht zu wenig gegeben, ihr habt Griechenland viel zu viel gegeben.

Wie kommt der Mann dazu, so etwas zu äussern? Lieber Leser, lies selber, spannend genug ist es. 

thom ram, 01.07.2015

Quelle: 

http://www.barth-engelbart.de/?p=15024#

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“Fiskalisches Waterboarding” – von Alexis Tsipras: „Was Ihnen bisher nie über Griechenland gesagt wurde“
 “
“Fiskalisches Waterboarding” aus “scharf links”


Alexis Tsipras – Bildmontage: HF

von Alexis Tsipras

„Was Ihnen bisher nie über Griechenland gesagt wurde“

Ein Offener Brief von Alexis Tsipras an Deutschland

Dieser Offene Brief erschien bei ‘zerohedge.com’ auf Englisch. Er wurde so autorisiert von Alexis Tsipras via Syriza.net. Er wurde so von uns übersetzt.  Ursprünglich erschien er schon am 13. Januar im „Handelsblatt“ Print – nicht online.

Wir halten ihn für wichtig genug, unkommentiert einen Einblick in das Denken und die Argumentation des neuen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zu geben: 

Die meisten von Ihnen, liebe deutsche Leser, werden sich schon eine vorgefasste Meinung gebildet haben von dem, worum es in diesem Artikel geht, bevor Sie ihn wirklich gelesen haben. Ich flehe Sie an, nicht solchen Vorurteilen zu erliegen.

Vorurteile sind nie ein guter Ratgeber, vor allem in Zeiten wenn eine Wirtschaftskrise alle Stereotypen verstärkt und Fanatismus erzeugt wie Nationalismus und sogar Gewalt.

Seit dem Jahr 2010 ist der griechische Staat nicht mehr in der Lage, seine Schulden zu bedienen. Leider haben europäische Beamte entschieden, so zu tun, als könnte dieses Problem mit Hilfe des größten Darlehens in der Geschichte unter den Bedingungen von staatlichen Sparmaßnahmen überwunden werden, die mit mathematischer Präzision das Nationaleinkommen schrumpfen lassen sollten, von dem beide, die neuen und die alten Darlehensschulden zu zahlen wären.

Ein Insolvenz Problem wurde also mit einer Maßnahme behandelt, als wäre es ein Fall von Zahlungsunfähigkeit.

Mit anderen Worten, hat Europa die Taktik der am wenigsten seriösen Bankiers über- nommen, die sich weigern faule Kredite anzuerkennen. Sie gewähren lieber neue an das insolvente Unternehmen, um so zu tun, als würde das ursprüngliche Darlehen weiter- laufen, während der Konkurs in die Zukunft verschoben wird.

Nichts anderes als der gesunde Menschenverstand war erforderlich, um zu sehen, dass die Anwendung der „erweitern und so tun als ob“-Taktik mein Land in einen tragischen Zustand führen würde. Und dass statt der Stabilisierung Griechenlands, Europa die Voraussetzungen für eine sich selbst verstärkende Krise schuf, welche die Grundlagen selbst für Europa untergräbt.

Meine Partei, und ich persönlich, widersprachen heftig dem Darlehensvertrag vom Mai 2010 – nicht, weil Sie, die Bürger von Deutschland, uns nicht genug Geld gegeben hätten, sondern weil Sie uns viel, viel mehr, als Sie sollten, gegeben haben.

Und unsere Regierung akzeptierte weit, weit mehr als sie ein Recht darauf hatte. Geld, das auch in keinem Fall den Menschen in Griechenland helfen würde, (denn es wurde in das schwarze Loch der schon untragbaren Schulden geworfen), noch kann es das Auf- blähen der griechischen Staatsverschuldung verhindern, trotz des großen Aufwands durch die griechischen und deutschen Steuerzahler.

In der Tat, noch bevor ein Jahr vergangen war, von 2011 an, wurden unsere Vorher- sagen bestätigt. Durch die Kombination von riesigen neuen Darlehen und strengen Regierungs-Ausgabenkürzungen, welche die Einkommen niederdrückten, wurde  nicht nur versäumt, die Schulden zu zügeln, sondern es wurden auch noch die Schwächsten der Bürger bestraft. Das Leben von  Menschen, die bisher ein bescheidenes Leben gelebt hatten, wendete sich  in ein Leben von Armen und Bettlern, und nahm ihnen vor allem ihre Würde.

Der Zusammenbruch der Einkommen hat Tausende von Firmen in den Bankrott gescho- ben und steigerte die Macht der im Konkurrenzkampf überlebenden Großunternehmen. So fielen die Preise, aber langsamer als Löhne und Gehälter, die Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen wurde nach unten gedrückt und die Nominaleinkommen zerkleinert, während die Schulden ihren unaufhaltsamen Aufstieg fortsetzen.

Bei dieser Einstellung wird das Defizit der Hoffnung unkontrolliert beschleunigt, und ehe wir uns versahen, hatte die „Schlange ihr Ei“ ausgebrütet – mit dem Ergebnis, dass Neonazis in unserer Nachbarschaft patrouillieren, und ihre Botschaft des Hasses verbreiten.

Trotz des offensichtlichen Scheiterns der „erweitern und so tun als ob“-Taktik, wird das noch bis zum heutigen Tag durchgeführt. Der zweite griechische ‘Bail- out’, im Frühjahr 2012 in Kraft gesetzt, legte einen weiteren großen Kredit auf die geschwächten Schultern der griechischen Steuerzahler, unterzieht unsere Sozialversicherung einem ‘Haircut’ und finanzierte eine rücksichtslose neue Kleptokratie.

Angesehene Kommentatoren haben berichtet von einer jüngst eingetretenen Stabilisierung Griechenlands, auch von Zeichen des Wachstums.

Leider ist die „griechische-Entdeckung“ nichts als eine ‘Fata Morgana’, die wir so schnell wie möglich auf sich beruhen lassen müssen.

Der jüngste moderate Anstieg des realen BIP, in Höhe von 0,7 Prozent, signalisiert nicht das Ende der Rezession (wie sie ausgerufen wurde), sondern vielmehr deren Fortsetzung. Denken Sie daran:
Die gleichen offiziellen Quellen berichten für das gleiche Quartal von einer Inflationsrate von -1,80 Prozent, das heißt Deflation. Was bedeutet, dass die 0,7 Prozent Anstieg des realen BIP auf einer negativen Wachstumsrate des nominalen BIP beruhen! Mit anderen Worten, die Preise sanken schneller als das nominale Nationaleinkommen. Nicht gerade ein Grund zur Verkündigung des Endes von sechs Jahren Rezession!

Erlauben Sie mir, Ihnen zu erklären, dass dieser Versuch, durch eine neue Version von „griechischen Statistiken“ die anhaltende Krise in Griechenland als vorüber zu erklären, eine Beleidigung für alle Europäer ist, die zu guter Letzt verdienen, die Wahrheit über Griechenland und über Europa zu erfahren.

Also, lassen Sie mich ehrlich sein:
Griechenlands Schulden sind derzeit nicht nachhaltig und werden nie bedient werden, vor allem nicht während Griechenland einem kontinuierlichen‘fiskalischen Waterboarding’ unterzogen wird.
Das Beharren auf dieser Sackgassen-Politik und die Verweigerung der einfachen Arithmetik, kommt den deutschen Steuerzahler teuer zu stehen, während auf einmal die stolze europäische Nation in die Lage einer permanenten Demütigung gerät.

Was noch schlimmer ist: 
Auf diese Weise dauert es nicht lange, bis die Deutschen sich gegen die Griechen wenden, die Griechen gegen die Deutschen und, nicht überraschend, das europäische Ideal katastrophale Verluste erleidet.

Deutschland, und insbesondere die hart arbeitenden deutschen Arbeiter, haben nichts von einem SYRIZA Sieg zu fürchten.

Das Gegenteil gilt. Unsere Aufgabe ist es nicht, unsere Partner zu konfrontieren. Es geht nicht darum, größere Kredite oder das Recht zu höheren Defiziten zu sichern. Unser Ziel ist vielmehr die Stabilisierung des Landes, ausgeglichene Haushalte und natürlich ein Ende dieses großen Drucks auf den schwächeren griechischen Steuerzahler im Rahmen einer Kreditvereinbarung, die einfach nicht durchsetzbar ist.

Wir sind verpflichtet, die „erweitern und so tun als ob“-Taktik nicht nur gegenüber den deutschen Bürgern zu beenden, sondern im Hinblick auf die gegenseitigen Vorteile für alle Europäer.

Liebe Leser, ich verstehe, dass hinter Ihrer „Nachfrage“, ob unsere Regierung alle ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllt, „sich die Angst verbirgt“, dass, wenn Sie uns Griechen eine Atempause verschaffen, wir wieder zu unseren schlechten, alten Gewohnheiten zurückkehren werden.Ich erkenne sie an, diese Angst.

Doch lassen Sie mich sagen, dass es nicht SYRIZA war, die die Kleptokratie eingerichtet hat, die heute vorgibt, sich um die „Reformen“ zu bemühen, solange diese „Reformen“ nicht ihre unrechtmäßig erworbenen Privilegien beeinflussen.

Wir sind bereit und willens, große Reformen umzusetzen, mit denen wir versuchen, nun den Auftrag aus den griechischen Wahlen umzusetzen, natürlich in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern.

Unsere Aufgabe ist die Schaffung eines europäischen New Deal, in dem unser Volk atmen kann und in Würde leben. Eine große Chance für Europa ist im Begriff in Griechenland geboren zu werden. Diese Gelegenheit zu verpassen, kann sich Europa kaum leisten.

www.zerohedge.com/news/2015-01-29/alexis-tsipras-open-letter-germany-what-you-were-never-told-about-greece


7 Kommentare

  1. Eis Zeit sagt:

    Rùstung und Militàr kommt vor dem Wohl der Menschen.
    http://www.bild.de/politik/inland/nato/fordert-keine-kuerzung-im-griechischen-militaeretat-41585424.bild.html
    Man kann die Griechen um ihre neue Regierung nur beneiden.

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  2. haunebu7 sagt:

    Hat dies auf Haunebu7's Blog rebloggt.

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  3. Hat dies auf steinzeitkurier rebloggt.

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  4. luckyhans sagt:

    @ eiszeit:

    Neid ist kein schönes Gefühl – es sei denn, es ist sowas wie Anerkennung darin, und Mitgefühl und Mitfreuen. 😉

    Klar – wir hier sind weit davon entfernt, auch nur im Ansatz solche Möglichkeiten zu haben – ich meine eine ähnliche Regierung zu wählen.

    Denn erstens sind wir noch besetztes Gebiet, d.h. die Besatzer bestimmen, was hier zu geschehen hat – und was nicht. „Wahl“-Ergebnisse stehen vorher fest… daher müssen zuerst die Besatzer weg, d.h. erst raus aus den Nato, dann die Entsenderländer für alle fremden Soldaten, die hier stehen, bezahlen lassen (dann reduziert sich deren Anzahl sehr sehr schnell) – dann eigene ausschließlich auf Verteidigung des eigenen Landes ausgericgtete (und ausgestattete) Armee aufbauen, mit einem Generalstab (zur Zeit nicht vorhanden) und echter Volksverbundenheit… etc.

    Zweitens gibt es hier nicht (und wird es in dieser Staatssimulation nie geben) so eine Partei wie die Syriza, die sich ehrlich an ihre Wahlversprechen hält – eine solche „Gefahr“ würde immer bei höchstens „4,99%“ landen, solange sie noch nicht unterwandert ist.

    Drittens wurden die griechischen Menschen nicht einer 70jährigen Umerziehung unterzogen, daher sind sie geistig nicht so geschädigt wie wir.

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