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Die russische „Ukraine-Interessenlage“

Rußlands “Interessen in der Ukraine” sind rein existentielle Sicherheitsinteressen – sie erschließen sich bei einem Blick auf die Landkarte – es geht um die Sicherheit des Landes – meint Luckyhans.
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Zur Einstimmung:

Rußland ist das flächenmäßig größte Land der Erde, mit 17,1 Mio qkm (fast ein Sechstel der Festlandfläche der Erde), und hat eine Grenzlänge von fast 61.000 km (anderthalb Erdumfänge am Äquator, nach dem Kugelerde-Modell), davon am/im Meer 38.800 km (fast ein Erdumfang). Das Land umfaßt fast alle Klimazonen von arktisch bis subtropisch und ist extrem ungleichmäßig besiedelt – daher täuscht die (schon sehr geringe) durchschnittliche Bevölkerungsdichte von 8 Einwohner pro qkm – denn die rohstoffreichen Weiten Sibiriens sind fast gar nicht besiedelt, während „gleich nebenan“ in China fast ein Sechstel der Menschheit sich mit einer Dichte von 140 EW/qkm „drängelt“.

Dies vorausgeschickt, ist es jedem denkenden Menschen klar, daß ein solches Land nicht nach den gängigen Maßstäben gegen Angriffe von außen, egal wie real die verschiedenen Bedrohungen ZUR ZEIT auch sein mögen, verteidigt werden kann.

Aus diesen geografischen Gegebenheiten resultiert nun die besondere Rolle der nuklearen Raketenwaffen in der russischen Verteidigungsstrategie. Denn mit konventionellen Mitteln ist eine solche Grenzlänge nicht zu verteidigen, will man nicht eine vollständige Militarisierung des gesamten Volkes riskieren. Gegenwärtig sind in Rußland ca. eine Million Mann unter Waffen, was schon sehr belastend für die dortige Gesellschaft ist.

Auch dort gibt es schon seit Jahren eine heftige Diskussion, ob die Wehrpflicht wegfallen sollte und nur noch professionelle Streitkräfte unterhalten werden sollten.

Die Argumente für und wider sind bekannt – Profiarmee bedeutet effektiver Umgang mit der immer komplizierter werdenden Waffentechnik, aber keine „patriotische“ Komponente mehr (die im WK2 eine mitentscheidende Rolle gespielt hat) – Wehrpflichtigenarmee bedeutet Verankerung der Landesverteidigung im Volke, aber auch die bekannten Erscheinungen (im russischen „Dedowschtschina“ genannt), wo die älteren Gedienten die frisch Eingezogenen erbarmungslos getriezt haben.

Wie gesagt, aus der Unmöglichkeit einer ausschließlich konventionellen Landesverteidigung resultiert die besondere Rolle der russischen (taktischen und strategischen) Atomwaffen – sie sind der „große Knüppel“, mit dem sich jeder potenzielle Aggressor letztendlich konfrontiert sieht, wenn er gegen Rußland vorgehen wollte.

Vom Wohl und Wehe der atomaren Raketenwaffen hängt also die Sicherheit Rußlands fast vollständig ab.

Dabei haben bereits die von Gorbatschow mit Reagan bis 1990 ausgehandelten Abkommen über die Abrüstung bei den Strategischen Raketenwaffen sowie über die Reduzierung der Kurz- und Mittelstreckenraketen (Reichweiten von 500 bis 1500 und von 1500 bis 5000 km) eine deutliche Lücke in der Verteidigungsbereitschaft der UdSSR hinterlassen. Denn Herr Gorbatschow hatte, entgegen den Auffassungen seiner Militärs und sonstigen Berater, (wahrscheinlich in maßloser Selbstüberhebung) damals auf das Prinzip der Parität verzichtet – Zahlen dazu habe ich hier im Blog bereits gebracht. (Bis Juni 1991 liquidierte die UdSSR 1846 Raketen und 825 Abschußrampen und die VSA 846 Raketen und 318 Abschußrampen.)

Und nachdem in den 90er Jahren unter dem angeblichen Chasaren-Abkömmling Jelzmann die russische Wehrtechnik zu über 70% privatisiert worden war (zum Vergleich: im Westen sind ca. 30 – 33% der Wehrtechnik-Unternehmen im reinen Privatbesitz) – bis hin zum Verkauf von Interkontinental-Raketen-Schächten an Privatpersonen – und auch die Armee nicht mehr ordentlich finanziert worden war (was zur Verbreitung von Korruption, Betrug und Vetternwirtschaft führte), war Rußland für die Nato praktisch kein Gegner mehr.

Dieses Erbe, das Wladimir Putin Anfang 2000 angetreten hatte, werde ich demnächst etwas näher beleuchten, sofern daran Interesse besteht. Jedenfalls ist inzwischen wieder etwas mehr Ordnung im diesem Bereich eingekehrt, wenn man auch noch auf dem Wege zu einer Rückkehr zu früherer militärischer Stärke ist.

Zumindest hat Rußland die Raketen-Technologien neu aufgebaut (nach dem „Verlust“ der Ukraine war das nötig) und modernisiert mit Volldampf die (eigentlich aus Altersgründen schon auszusondernden) strategischen Atomraketen – mit Kurs auf die Wiederherstellung der Parität mit den VSA und China auf diesem Gebiet.
Auch sind neue Raketen in Entwicklung – „Bulawa“ für die U-Boot-„Strategen“ und „Sarmat“ für die Silos.

(Westeuropa – England und Frankreich – spielt bei den nuklearen Rechnungen kaum eine Rolle, ebenso wie Indien, Pakistan, Israel und Nord-Korea – dazu waren die Anzahlen der Waffen und Träger bisher zu unbedeutend im Vergleich mit den VSA – was aber nicht bedeutet, daß sie nicht in einem kommenden neuen Abkommen zu berücksichtigen wären)

Auch im Bereich der Kurz- und Mittelstreckenraketen gibt es nach wie vor einen heftigen Streit zwischen Rußland und den VSA, wobei sich beide gegenseitig vorwerfen, das entsprechende Abkommen schon seit Jahren zu unterlaufen.

Eine Sonderrolle spielen die in der BRD stationierten Atomwaffen der VSA (es wird von bis zu 200 Gefechtsköpfen gemunkelt), die auch nach ihrer bald (oder schon?) laufenden Modernisierung (mit moderner störsicherer Elektronik, welche die Treffgenauigkeit erhöhen soll) hier bei uns verbleiben werden – sie sind eine der stärksten realen Bedrohungen des europäischen Teils Rußlands (in dem 90% der Bevölkerung leben).

Und mit dem Raketenabwehrsystem, das in der EU stationiert wurde, ist Rußland nicht nur die Möglichkeit einer schnellen Neutralisierung dieser Kernwaffen genommen – es gibt den VSA und der Nato sogar die Möglichkeit, Richtung VSA startende Interkontinentalraketen in der kritischen Startphase abzufangen.

Präsident Putin hatte in seiner Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz (ich glaube 2007) bereits darauf hingewiesen, daß im Falle die VSA würden durch ihr Raketenabwehrsystem (im weiteren RAS) in der Lage sein, einen russischen Raketenangriff weitestgehend zu neutralisieren, das Kräftegleichgewicht rigoros verschoben würde und die “nukleare Abschreckung” nicht mehr funktionieren würde.

Dementsprechend hatte er angekündigt, daß die russische Antwort auf das VS-amerikanische RAS, das bekanntlich inzwischen auch in Europa schon seine Außenstellen hat, eine asymmetrische Antwort in Form neuer Raketen-Technologien sein wird, welche durch das VSA-RAS in der Endphase des Fluges nicht zu stoppen sein werden – dies sei die deutlich weniger kostenintensive Variante, anstelle des Aufbaus eines analogen RAS in Rußland (“traditionelles” Wettrüsten).

Damit meinte er lenkbare Mehrfach-Sprengköpfe, diverse Ablenkkörper und andere Maßnahmen, die seitdem sich in Rußland in Entwicklung befinden.

Genau gegen diese russische “asymmetrische Antwort” richtet sich das Bestreben der VSA mit der Wühlarbeit in der Ukraine: es geht darum, durch Aufstellung VS-amerikanischer Abwehrraketen in der Ukraine die Möglichkeit zu bekommen, die russischen Atomraketen auch tief im Innern des Landes bereits in der Startphase, wenn sie am langsamsten und damit am anfälligsten sind (und über russischem Territorium, das dabei nuklear verseucht würde), abschießen zu können und damit das angestrebte strategische Übergewicht zu bekommen.

Oder Rußland zum Nachrüsten eines eigenen RAS zu zwingen, was die jetzt schon angespannten finanziellen Möglichkeiten des russischen Staates wahrscheinlich deutlich überfordern würde – die Zahlen, wieviel die VSA und die anderen Staaten der Welt für die Rüstung ausgeben, sind durch das SIPRI ja allen bekannt.

Dies ist der wahre strategische Hintergrund der Milliarden-Investitionen der VSA in die ukrainischen Nationalisten.

Daß dazu ein Bruderkampf der slawischen Völker untereinander provoziert wird, liegt genau im Interesse gewisser Kreise, die bestimmte Völker, welche ihrem Streben nach Weltherrschaft noch entgegenstehen, gern vom Planeten verschwinden lassen würden.
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Update September 21016:
Neben den rein militärischen Aspekten ist auch der Fakt enorm wichtig, daß mit der Fascho-Ukraine nun ein sprachlich perfekt „passendes“ Propaganda-Zentrum gegen Rußland zur Verfügung steht, mit Möglichkeiten, von denen westliche Geheimdienste früher nicht mal zu träumen wagten.
Abertausende von bereits geistig manipulierten, perfekt russischsprechenden Leuten, die in Ermangelung anderer Einnahmequellen „gern“ gegen ihre slawischen Brüder in den Informationskrieg ziehen – im Fernsehen, Radio und Internet – sowas gab es noch nie.
Auch da hat Rußland legitime Interessen in der Ukraine, die zu berücksichtigen sind…


7 Kommentare

  1. Dude sagt:

    „die Zahlen, wieviel die VSA und die anderen Staaten der Welt für die Rüstung ausgeben, sind durch das SIPRI ja allen bekannt.“

    Falsch. Die meisten scheren sich nen Dreck darum und schauen lieber in die Röhre oder aufs Schmerzphone ins Hackfressenbuch um zu plappern, sich unter-halten zu lassen und zu konsumieren… https://dudeweblog.wordpress.com/2013/11/24/uber-das-konsumgebaren-das-unterhaltungstreiben-und-die-plappermentalitat-der-schuldgeldknechtschaftssklaven-dreckskapitalismus-teil-ii/

    Rede aus Erfahrung mit diversen Leuten. 😉

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  2. Dude sagt:

    Ps. Vergass mal wieder was… die meisten wissen also nicht mal, was das Sipri ist. Wer dazu gehört, findet hier Antwort: https://dudeweblog.wordpress.com/2014/05/09/geschichtslektion-mit-dem-historiker-und-friedensforscher-daniele-ganser/

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  3. Dude sagt:

    Oh Mist, da hab ich das Sipri droch prompt mit Siper verwechselt… naja, diese Verwechslung liegt aber auch nahe… *lol*

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  4. luckyhans sagt:

    @ Dude:
    … ist aber gar nicht schwer zu finden: http://www.sipri.org/ – und so ganz ohne eigenen Einsatz dürfen unsere Lesern auch nicht bleiben – wir wollen nicht alles „vorkauen“, oder?

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  5. Dude sagt:

    Kommt auf die Qualität der Zähne an… 😀

    Und ja logo nich schwer zu finden. Nur sind die beiden Namen doch verwechslungsanimierend ähnlich… zudem ist das eine Friedensinstitut in der Schweiz, während das andere – glaub – in Schweden sitzt… aber wir wollten ja nicht alles vorkauen… 😉

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  6. luckyhans sagt:

    @ Dude:
    … bin durchaus kein Sipri-Fan – die machen die Statistiken auch so wie es gerade paßt – aber die wesentlichen Verhältnisse auf der Welt werden daraus klar. Ansonsten lese ich auch „lokale“ Quellen, z.B. http://www.armstrade.org/english.shtml

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  7. Dude sagt:

    Also ich find’s gut, dass es Friedensinstitute wie Sipri und Siper gibt… und die leisten beide oft ganz gute Arbeit – die man heutzutags nurmehr sehr selten findet, angesichts der höheren Gewichtung von Quantität, statt Qualität…

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