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129. von 144 – ELTERN, KIND UND KINDERSTUBE – Wie man dazugehört

Eckehardnyk, Sonntag, 1. Mai NZ 10

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Kann man wirklich selbst bestimmen, wozu man gehört?

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Heftig umkämpft sind Tickets für bestimmte Ereignisse wie Bundesliga, Festival-Konzerte oder sonstiges Theater: Überall möchte eine große Schar live dabei gewesen sein. Doch wie gehört man „dazu“, wie wird man Mitglied im Kreis der Auserwählten, die zu allen begehrten Begebenheiten immer Zutritt haben? Manche Erdenbürger lösen das Problem, indem sie zu Journalisten werden, um einfach überall mit ihrer Presskarte Eintritt zu kriegen, wo es nur geht. Doch wir wissen, daß man „die Journaille“ keineswegs zu allen Anlässen willkommen heißt. Also kann das keine Lösung sein, existentiell an jeder gewünschten Veranstaltung teilzunehmen.

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Warum besteht überhaupt diese Suche, die zur Sucht werden kann, nach Teilnahme? Es könnte sein, daß hier ein tiefes Bedürfnis seit Kinderzeiten unbefriedigt geblieben ist; daß man durch Mitgliedschaft in einer Fangemeinde nachträglich leider nur ersatzweise etwas bekommt, dessen Erfüllung auf anderem Weg viel selbstverständlicher hätte erreicht werden können und nachhaltiger wirken könnte. Nur, was ist dieser andere Weg?

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In der Zeit, wo junge Männer anfangen, „auf Jagd“ zu gehen, ist es mir häufig aufgefallen, daß auch mir begehrenswert erscheinende Fräulein auf Partys oder Ausflügen keinen Blick in meine Richtung wandten, es sei denn, ich wäre direkt auf sie zugegangen und hätte etwas wissen wollen. Kam jedoch jemand aus der Gruppe, zu der die Schönheit gehörte, in deren Nähe, dann war ihr Blick sofort bei dem betreffenden Jüngling, auch ohne, daß dieser etwas Bestimmtes wollte. Ähnliches beobachtete ich auch bei Kindern, die in einer Familie unterwegs waren und mit ihren Blicken dauerhaft nur Leute annahmen, die sie kannten. Von der Bindungstheorie her gesehen, scheinen die hier Genannten „sicher gebunden“ zu sein.

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Das Gegenteil fand ich quer durch alle Altersstufen bei denjenigen Menschen, die sich in ein Fenster legten oder sonst wohin setzten, „um die Leute zu beobachten“. Als Schriftsteller, Maler oder irgendwie produktiver Mensch würde man mitunter auch zu dieser Sorte gehören, und das soll ja auch keine Verurteilung sondern eine Beschreibung dessen sein, wie unterschiedlich der übrigen Menschheit begegnet draußen werden kann. Es ist eben die Frage, zu wem man gehört, wenn man als Beobachter auftritt. Man stellt sich zwar im Moment, als ob man außerhalb wäre; aber gerade durch das Interesse an den vielseitigen Ausdrücken vom Gehabe der übrigen Menschen bewegt man sich auf eine sehr wohl definierte Weise doch innerhalb des Menschseins. Die „Beobachter“ sind auf ihre eben extrovertierte Art auch dazugehörig und insofern „sicher gebunden“.

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Beide Arten können „gesund“ sein, haben jedoch auch ihre krankhaften Varianten. So könnten Kinder und Leute, die nur in ihrem engsten Kreis verkehren, zu Nesthockern werden, die alle auf die Welt draußen gerichtete Initiative vermissen lassen, sich zeitlebens abhängig machen und sich in materieller und psychischer Hinsicht „aushalten“ lassen müssen. Der Beobachtertyp dagegen könnte zum Voyeur werden, der sich zwar nicht aushalten läßt; doch nicht, weil seine Ethik dagegen spräche, sondern weil sich die anderen Menschen abgestoßen fühlen. Und das ist die Crux beider dieser Typen: Jeder Mensch hat seine Zugehörigkeit, doch sie besitzen keine, die sie trägt, sondern eine, die sie zappeln läßt. Wie Josef K. In Kafkas „Prozeß“ suchen sie unbewusst vergebens nach einem, der sich ihrer Sache annimmt und sie vertritt.

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Doch in deinem Kind schlummert wie in jedem Menschen die Fähigkeit, in sich selbst die Annahme zu finden. Voraussetzung für diesen Schöpfungsakt ist sein in der Kindheit sicher erfahrenes Eingebundensein ins Elternhaus der oder einer Familie. Dann wird und muß in der Pubertät der Übergang zur freien Gestaltung von Zugehörigkeit gelingen. Das heißt, selbst zu bestimmen, wohin es gehören oder wem es sich aus eigenem Interesse für gewisse Dinge anschließen möchte, auch, welche Gefahren und Risiken oder Chancen es in Kauf nehmen wird, um im eigenen Kreis „erwachsen“ zu werden und derjenige zu sein, als der es angetreten ist, seine Lektionen im Leben zu lernen.

© 🦄 (eah)

30. März 1999 und 1. Mai 2022


1 Kommentar

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt mir

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