bumi bahagia / Glückliche Erde

Scan&go zur Hölle und der angefressen Schinken / Teil 2

(Ludwig der Träumer) Was ist „Anschreiben“, fragte sich Ludwig nach dem Erlebnis mit dem nicht wechselbaren 50 Mark Schein. Wozu mit Geld bezahlen, wenn man ohne Geld einkaufen kann? Wenn der Tratschkürbis  (s. Teil 1) jetzt kein Geld braucht – wann dann, fragte sich Ludwig. Opi, mit dem man sogar auf dem Küchenboden essen konnte, weil er das meiste Mittagessen versabberte, hatte eine geniale Antwort darauf, die ich leider seiner nicht mehr vorhandenen Schneidezähne nur unvollständig verstand. Er hatte irgendwas vom Zusammenhang von Anschreiben, Kredit und Sklavenhaltung gemurmelt. Von meinem Opi hatte ich bereits erzählt, der sich mit 98 wie neugeboren fühlt.  Hilflos daliegend, von Fremden abhängig um nicht zu verhungern, ins Bett geschissen, keine Haare auf dem Kopf, keine Zähne in der Gosch, nicht reden können, hatte er als Beweis parat, daß er sich wie neugeboren fühlt. Er hatte immer so lustige Geschichten drauf. Öfter erzählte er, daß er Omi auf der Kerwe, dem früheren Heiratsmarkt, beim Blinde Kuh spielen gewonnen hat. Die hätte sonst nie einen abgekriegt. Die rastete dann jedesmal aus und stellte richtig, daß sie die dabbische blinde Kuh war, sich so einen abgehackten Kloben einzufangen. Nach ein paar Glas Most, den Ludwig gerne aus dem Keller holte, wegen der  Wegzehrung, lachten sich beide halb krank ob dieser Geschichte – das damalige Bind Date. Das war ein Paar. 70 Jahre verheiratet. Frotzelten immer noch, daß sie getrennte Gräber möchten. Es könnte ja sein, daß da noch der Richtige reinkommt. Dann müssen sie sie nicht extra scheiden lassen. Wird schwierig da unten. Das nächste Blind Date?

Ich hatte im vorigen Teil vergessen zu erwähnen, daß nicht jeder Einkauf für mich Kindesfolter war. Da gab es noch den Wolladen, auf dessen Besuch ich mich regelmäßig freute. Mutti strickte jeden Abend Socken oder Pullover. Am liebsten mochten wir Kinder die selbstgestrickten Norwegermuster – die mit den lustigen Rentieren, die selbst von den hochnäsigen Mitschülern bewundert wurden. In dieser Zeit hatten viele Muttis nicht das Geld, die Wolle für einen Pullover auf einmal zu kaufen. Die Wollfrau legte den angefangenen Beutel Wolle zurück. Da jede Charge Wolle einmalig in der Musterung und Farbe war, war damit sichergestellt, daß  der Pullover nicht aussah, wie aus bunten Lumpen zusammengestrickt. Erwähnenswert ist der beliebte Einkauf bei der Wollfrau aus einem anderen Grund. Die Muttis damals hatten anderes um die Ohren als noch schnell für die Abendbeschäftigung Wolle einzukaufen. So bot die Wollfrau einen wöchentlichen Heimservice an. Sie wußte, freitags hatten die Muttis zwei Mark für 50 Gramm Wolle parat, die sie aus der Charge auslösen konnten. Die meisten Papis, so auch meiner, hatten die freitägliche Lohntüte pflichtbewußt nach Hause getragen und nicht wie andere, diese in der kleinen Kneipe vor dem Tor der Fabrik versoffen, die vornehmlich den Fabrikbesitzern gehörte. So hatten die Arbeiter ihren Wochenlohn umgehend wieder dort abgeliefert, woher sie ihn bekamen. Das nennt man Kapitalismus, wie Ludwig vermutet.

(Für Neuleser: Wenn abwechselnd ‚Ludwig‘ oder ‚ich‘ erscheint, dann ist seine multiple Persönlichkeit damit gewürdigt.)

Da ich noch mit dem alten Fahrrad von Opi unterwegs war, schräg eingestiegen und gefahren neben  der waagrechten Stange, die immer noch beim Aufsteigen an den Harndrang eines Hundes erinnert mangels Beinlänge, machte sie mir einen Vorschlag. Möchtest du dir ein neues Fahrrad verdienen, so kannst du die Wolle  austragen. Ich schneid dir mal die Haare und putz dir die Fingernägel, dann kanns losgehen. Die Hausfrauen freuten sich über die regelmäßigen Lieferungen und gaben üppig Trinkgeld. Ludwig unterwegs mit dem schrägen Tritt ohne Helm in Opis Fahrrad sammelte soviel Kohle mit Wollaustragen ein, daß es für ein gebrauchtes Kinderfahrrad reichte. Das Fahrrad war am nächsten Tag geklaut. Die Karriere als Kurierdienst, der unendlichen Reichtum beschert, auf einmal futsch. Also doch lieber Häuser bauen. Die kann man nicht so schnell klauen. Erst Jahrzehnte später sollte klein Ludwig erfahren, daß man Häuser sogar dann klauen kann, wenn der Eigentümer besonders darauf aufpaßt. Opi hatte es geahnt – das mit dem Anschreiben, Kredit und Sklave. Aber das Thema kommt erst später dran, wenn klein Ludwig groß ist. In der Schule bekam Ludwig einen Eintrag für schlechtes Benehmen, als er den Lehrer auf Opis Weisheit ansprach und nicht locker ließ, weil keine Erklärung dazu vom Lehrer kam. Lern du erst mal zu gehorchen, dann können wir weiterreden, so die Antwort vom Klassenlehrer. Völlig zerstört, berichtete ich Opi davon, der immer gute Sprüche drauf hatte.

Stell dir das Arschloch am Pult ohne Krawatte, Hemd und ohne Unterhose vor. Was siehst du? Ein nichts. Er gab mir die Novelle von Gottfried Keller – Kleider machen Leute zu lesen.

Wenn du das kapiert hast, kannst du nur noch zwei Wege gehen. Dem, der deinem Inneren oder den dieser Arschlöcher.

Die Ausrutscher meiner gepflegten Sprache in die Fäkaliensprache habe ich Opi zu verdanken. Manchmal bedarf es dem Deftigen um etwas aufzurütteln.

Es gab damals noch keine coolen „individuellen“ Klamotten von „must have“ um als finanzpotentes fremdfinanziertes Rudelindividuum seine Existenzberechtigung im Schulhof zu beweisen. Die Abgrenzung zu den Asis – also zu meiner Kaste wurde mit dem dicken Auto des Papis oder den teuren Spielzeugen gezogen. Das beeindruckte selbst die Lehrer, die mich nicht für eine höhere Schule, dem damals schon hirnverbiegenden devolutionierenden Gymnastikum äh Gymnasium empfehlen wollten. Das leider nur kurze Zeit, der sich die Vollpfosten, Lehrer genannt, sicher waren. Also jene, die meine Weiterbildung für die Gesellschaft aufgrund des Kinderreichtums des Proletariats nicht für relevant hielten. Wo kämen wir hin, wenn jeder Asi uns den Status der monetär höhergestellten Intelligenz streitig machen würde?

Es gibt aber immer wieder Engel, die uns im aussichtslosen Zeitpunkt zur Seite stehen. Damit sind nicht die von den Pfaffen erfundenen gemeint. Sondern einfach diejenigen, die uns aus einer aussichtslosen Situation helfen. Das können Menschen ohne jeglichen spirituellen Hintergrund sein – ja, sogar Stolpersteine, die uns weiterhelfen, wie Ludwig selbst erlebte.

Vergeßt schnell wieder die peinliche Situation von Ludwig nach dem Straßenfest. Muß sie trotzdem nochmal erzählen. https://bumibahagia.com/2017/11/04/mein-aufstieg-in-die-fuenfte-dimension-essay/#comment-82646  Nie mehr sich die Kuttel so vollsaufen, war danach angesagt. Das hält bis heute.

Zurück zum Engel, der mir die Möglichkeit gab, aufzusteigen in das höhere Bildungswesen, was das immer auch sein sollte. Eine mir fremde Lehrerin, die im Ausschuß der Zulassungskommission saß, ermöglichte mir die Aufnahmeprüfung. Damals wurden die Prüfungsfragen noch mit Kreide an die Tafel geschrieben. Klein Ludwig mußte wegen einem Sehfehler immer wieder aufstehen und zur Tafel laufen, damit er die Fragen lesen konnte. Die Aufnahmeprüfung bestand klein Ludwig mit Bravour. Diese Lehrerin war fassungslos, daß bis dato niemand meinen Sehfehler erkannte und ging am nächsten Tag mit mir zum Augenarzt. Der verpaßte mir eine Brille mit Gläsern, so dick wie Glasbausteine. Ein Unterschied im Sehen wie Tag und Nacht. Dieses Glücksgefühl – gut sehen zu können, ist bis heute geblieben. Heute sind die Gläser dank moderner Technik nur noch zwei mm dick. Über meinem weiteren Schulalltag soll an anderer Stelle berichtet werden – als Abrechnung mit dem Gesindel von untauglichen Pädagogen, bis auf zwei, die ich heute noch wertschätze.

Nach der Schule war Umzug in die große Stadt zum Studieren angesagt. Es fiel mir nicht schwer, das Dorf zu verlassen. Die Stadt war plötzlich die große Welt, die lange Zeit meine sein sollte, bis ich merkte, daß sie nur Blendwerk ist. Ein Gefühl wie Heimweh überkam mich immer öfter. Vielleicht muß man die Kälte der Stadt erleben um zu fühlen was man mit dem Dorf aufgegeben hat. Immer öfter zog es mich zu Wochenendausflügen in kleine Dörfer. Mit dem Gefühl, etwas Existentielles wie Heimat verloren zu haben, frustete ich regelmäßig in die Stadt zurück – in die Welt des ungeduldigen sinnlosen Konsums, ohne den man es in der Stadt nicht aushält.

Was hat scan&go mit Heimat zu tun? Nur Geduld liebe Leser, das kommt noch. Wie das Stadtleben das Konsumverhalten verändert und damit wesentlich zur Vernichtung der kleinen Existenzen wie Tante Emma Läden beitrug, versuche ich im nächsten Teil zu beschreiben. Nicht nur die, sondern auch die zunehmende gesellschaftliche Verwahrlosung  der Landbevölkerung dadurch. Das kleine Dorf mit all seinen Macken wird es vielleicht bald nur noch als Freizeit- & Erlebnispark a la Disney Land geben, besetzt mit ein paar mies bezahlten Schauspielern. Daneben seelenlose vollautomatische Mega-Einkaufszentren ohne Verkäufer. Die brauchen wir dann auch nicht mehr. Der künftige Verkäufer wird uns ja aus dem Handy freundlich beraten. Die Verkäufer-Apps gibts sogar kostenlos von Google. Nix mehr mit dem muffigen schlechtgelaunten Personal. Ist das nicht schön?

Gib eine App öffnen, Supermarkt betreten und einkaufen: So lautet das Versprechen von Einkauf-Apps. Ob es auch wirklich so reibungslos klappt.
Foto: imago/Westend61
– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/22395108 ©2017

 


7 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. palina sagt:

    wieder mal sehr köstlich. Danke für den Beitrag.
    Die Vollpfosten, Lehrer genannt, habe ich auch erlebt.
    Supermarkt der Zunkunft wird schon von Amazon getestet.
    Einloggen mit dem Smart Phone und alles was du aus dem Regal nimmst, wird registriert und vom Konto abgebucht. Da braucht´s nicht mal mehr eine Kasse zum selbstscannen.

    Es wird eine Zeit kommen, da wir das Smart Phone brauchen um Flüge zu buchen, in den Städten zu parken, Mietautos zu ordern, Bankgeschäfte zu tätigen usw.
    Bei uns in der Stadt, und die ist sehr klein, gibt es schon Handy-Parkzonen. Meine Bank, und das ist eine Genossenschaftsbank, stellt auch schon langsam um von Online auf App.
    Beobachte diese Entwicklung in den letzten Jahren.
    Noch habe ich kein Smart Phone.
    Aber da ich viel reise und auch da der Trend zu spüren ist, ebenso bei den Mietautos, befürchte ich, dass ich mir dieses Teufels-Ding irgendwann zulegen muss.

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  3. Kunterbunt sagt:

    Finde die Rückblende auch amüsant. Man kann dabei die eigene Kindheit und Jugend Revue passieren lassen.
    „Sich diese Teufels-Dinge zulegen zu müssen“, @ palina, ist genau die Krux an der ganzen Entwicklung.

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  4. palina sagt:

    @Kunterbunt
    schaue mir öfter Vorträge von Gunter Dueck an. Genannt „Wild Duck.“ Bücher von ihm stehen bei mir im Regal.
    verlinke mal auf seine Seite. Vorträge gibt es genug von ihm bei YT.
    Er weist darauf hin, dass wir in Zukunft nur noch 2 Arbeitsbereiche haben werden. Die Prekären und die hoch dotierten. Eben wegen der Digitalisierung.
    Er war bei IBM beschäftigt. Ist sehr bodenständig und lebt hier in meiner Nähe bei Heidelberg.
    https://www.omnisophie.com/

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  5. Kunterbunt sagt:

    @ palina. Wild Duck scheint Künftiges vorauszuahnen oder vielleicht ist er einfach darüber informiert. Die Jahreszahlen seiner Bücher verraten, dass er der Zeit stets etwas voraus geht. Mag es, wenn jemand mit eigenen, logischen, vielsagenden Wortkreationen spielt. Danke für den Tipp!

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  6. palina sagt:

    @Kunterbunt
    dem seine Vorträge sind einfach köstlich Genauso wie die Vorträge der verstorbenen Vera Birkenbihl.

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  7. Ludwig, Du siehst mich begeistert…..habe deine wunderbare Geschichte mit Vergnügen gelesen und konnte mir klein Ludwig und seine Lehrer sehr gut vorstellen….ach was, es erschein einfach auf meinem inneren Bildschirm.
    Aber am Besten war dein Opa vorhanden und seine Angetraute…..ich hab sie da beide sitzen sehen, mit einem zahnlosen Lächeln, Hand in Hand.
    Und die Geschichte mit den zwei Gräbern ist absolut köstlich gewesen….herrlich.

    Vielen Dank für den Einblick in deine Jugendzeiten.

    Ein guats Nächtle
    wünscht die Mariettalucia

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