bumi bahagia / Glückliche Erde

Scan&go zur Hölle und der angefressen Schinken / Teil 1

(Ludwig der Träumer) Tschuldigung, sie müssen jetzt gehen. Wir haben bereits geschlossen, sprach mich ein freundlicher Herr mit geschultem Lächeln von der Seite an. Erschrocken, aus einer Art Tagtraum aufgewacht, sprang ich von der Bank hoch, die in der Kassenvorzone des Einkaufszentrums steht. Wie lange sitze ich schon da und wo ist meine Einkaufstüte? Es verging eine unendliche Zeit oder waren es nur Sekunden, bis ich mich erinnerte, wo ich war. Ach ja, ich bin gar nicht bis zum Einkaufen gekommen. Ein Regal voller Handys mit Pistolengriff in dieser Laufmeile, die allerlei Leckerli noch nach dem Einkauf bietet, hat mich wohl in Trance, in eine andere künftige Welt des ‚Sinn des Lebens‘ versetzt.

Aber der Reue äh der Reihe nach. Was war ich bis zu diesem Tagtraum nur ein armseliges Würstchen, das der Mühsal des Einkaufs mit richtigen Menschen hinter dem Tresen als ewig Gestriger noch etwas abgewinnen konnte. Im Alter bleiben im Hirn meistens nur die „oberflächlich“ schönen Erinnerungen. Daher die Träumerei von der schönen alten Zeit. Wobei ich diese erst nach meiner Kindheit schätzenlernte.

Als Kind war mir das Einkaufen verhaßt – meistens. Alle Pseudo-Psychologen in meinem Umfeld, die ein Kindheitstraumata in mir feststellten für mein weiteres versautes Leben, hatten sicher Recht. Das erkenne ich erst jetzt. Es waren die großen Mißhandlungen meiner Erziehungsberechtigten (heute Elter 1 und 2 genannt), die mich in den Schulferien nötigten, eine Art Marathonlauf im Dorf zu veranstalten, nur um ein paar Lebensmittel einzukaufen.

Morgens um sieben Uhr begannen die Mißhandlungen. Aufstehen war befohlen. Wobei doch jeder sog. Erwachsene wissen müßte, daß Kinder nicht vor acht Uhr in die Gänge kommen und Schule vor neun nix bringt. Mit der Aufforderung, mich zu waschen und Zähne putzen, begann die Tortur. Hätte nur noch gefehlt, daß ich vor dem Frühstück mein Zimmer aufräumen sollte. Dann wäre ich sicher ausgebüxt. Nach dem Frühstück ahnte ich Fürchterliches als Mutti aus dem sicheren Versteck im Küchenschrank ein paar Mark aus der Keksdose holte. Der zweite Akt der Folter begann, während meine Kumpels ans Küchenfenster klopften und mich aufforderten, mit in den Wald zu gehen um ein Baumhaus zu bauen. Ich wollte schon losrasen um mich als späterer Baumeister schon mal zu üben, als Mutti mir drohte, daß es nichts zum Mittagessen gibt, wenn ich vorher nicht einkaufen gehe. Den Hungertod wollte ich nicht riskieren. Also beugte ich mich unter der Androhung dieser Folter und ging bewaffnet mit ein paar Mark, Milchkanne und Einkaufsnetz ins Dorf. Es war ein Straßendorf mit ewig viel Straße zwischen den Läden. Ich wollte eigentlich mal Baumeister werden und nicht Marathonläufer.

Der erste Laden war die Bäckerei. Vor mir waren noch die fünf bekanntesten Dorftratschen dran. Einzig der Duft des Brotes hielt mich bei Laune in der Warteschlange, während ich an meine Kumpels dachte, die jetzt ein schönes Baumhaus bauten und nicht durch den Hungertod bedroht, diese Tortur auf sich nehmen mußten. Wozu habe ich so eine Familie verdient? Ich mußte im Krankenhaus verwechselt worden sein, kam mir in den Sinn. Andere haben bessere Eltern. Nach gefühlten Stunden Wartezeit endlich dran. Mit einem Holzofenbrot in Zeitungspapier gewickelt, umständlich ins Netz gepackt, ging es weiter zum Metzger. Wie haßte ich diese Netze. Es klemmte, verhakte sich alles was man reinpackte. Wie praktisch sind da die heutigen Plastikbeutel. Wenn die Netze  voll waren, schnürten sie durch ihr Gewicht die Adern in den Fingern ab. Auf dem Weg dahin konnte ich es mir nicht verkneifen, die köstlich duftende Kruste anzuknabbern. Es war auch eine Art Selbsterhaltungstrieb damit verbunden. Die Drohung mit dem lebensgefährlichen Entzug  des Mittagessens saß tief. Diese Botschaft des Grauens – wenn du nicht machst, was wir von dir verlangen, wirst du verhungern, war die treibende Kraft, mein Leben nach deren Takt auszurichten. Die nichts anderes gelernt haben als zu Gehorchen.  Wem? Na ja, zumindest war es ein Lohn für deren Knechtung. Gibt sicher wieder eine Standpauke beim Auspacken.

Die nächste Etappe mit gefühltem Viertelmarathon bis zum Metzger war gestärkt durch die Brotkrumen problemlos. Ich freute mich sogar darauf, dort einzukaufen. Egal, wie viele alte Tratschen vor mir standen, die Belohnung für die Wartezeit mit einem Rädchen Wurst war sicher. Weiter ging es zum Gemüsehändler, der auch Kolonialwaren verkaufte. Auf dem Weg dorthin, forderte mich der wunderbare Duft des geräucherten Schinkens und die der natürlich gewürzten Leberwurst auf, diese umgehend zu probieren. Der Abbiß mit meinen verbleibenden Milchzähnen sah aus als hätten Mäuse daran genagt. Also erklärte ich Mutti später – Mäuse hätten sich über den Schinken hergemacht als ich das Netz kurz auf dem Gehweg abstellte um zu verschnaufen. Mutti haßte Mäuse und sprang jedesmal vor Angst auf den Küchenschrank, wenn sich eine Maus die Essensreste auf dem Küchenboden holen wollte. Dazu muß man wissen, daß man bei uns vom Boden essen konnte, wie das bekannte Sprichwort für Sauberkeit sagt. Opi, der bei uns wohnte, sabberte soviel beim Essen, daß genügend für die Mäuse auf dem Boden  übrigblieb. Das mit der Maus hat gesessen. Mutti hatte mich nicht einmal der Lüge beschuldigt. Selbst das Wort Maus ließ sie vor Angst zittern. Da sage noch einer, Kinder seien naiv. Sie haben es faustdick hinter den Ohren.

Beim Gemüsehändler wieder dieselben Tratschen vor mir. Oh je, das kann dauern. Der Tratschkürbis, also der Gemüsehändler wurde so genannt, weil er so kugelrund wie ein Kürbis war und noch mehr tratschen konnte als alle Weiber zusammen im Dorf. Die hatten ihm immer gern zugehört. Vermutlich war es nur eine geniale Taktik. Nebenbei kramte er immer wieder unnötiger Krempel raus und präsentierte ihn fast unauffällig vor den Weibern. Ich kann mich noch an den patentierten amerikanischen Gurkenhobel erinnern, der die Gurken von unten nach oben hobelte. Der Renner damals. Amerikanisch verkaufte sich damals schon gut. Nachdem alle vor mir mit allerlei Kolonialwaren und dem Gurkenhobel weg waren kam ich dran und hatte vergessen, was ich einkaufen sollte. Da fiel mir mein Lieblingsgericht ein. Spinat mit Spiegelei ohne Kartoffel. Also kaufte ich diese ein. Mutti war überrascht, kochte es aber ohne zu meckern. Das milderte die frühmorgendliche Folter etwas ab.

Oh je, noch nicht alles beisammen. Der Milchladen, gefühlte Tageswanderungen noch weg. Aber ohne Milch kann Ludwig nicht nach Hause gehenDann setzt‘ s was. Sie war eigentlich für Papi gedacht um ihn nach täglicher Maloche zu stärken. Für was? Meine Erziehungsberechtigten hatten damals schon vier Kinder. In mir hatte Mutti vergeblich versucht, Milch einzuflößen. Vermutlich liegt es daran, daß ich keine Kinder habe. Papi hatte nach vier Kindern auf Empfängnisverhütung umgestellt mit Steinpils- Ernährung. Jeden Abend mehrere Steinhäger und Pilsener. Aber vermutlich hat ihn Mutti doch noch irgendwie drangekriegt, Milch einzuflösen. Es kamen deren Kinder noch drei.

Dazu noch eine kurze dramatische Geschichte, die mein Leben vom philosophisch kindlisch Träumenden zum praktischen materialistischen Deppen katapultieren sollte. Es war niemand da, der mir die natürliche Reaktion der Milch erklären konnte. In der linken Hand das blutabschneidende Einkaufsnetz und in der rechten die volle Milchkanne, wollte ich die Schwerkraft oder war es die Zentrifurien studieren, nur so aus Laune heraus. Also drehte ich die Kanne immer schneller im Kreis, bis sie mir entglitt und gegen das Schaufenster des Milchladens knallte. Die Scheibe blieb ganz. Im Innern des Ladens ein Aufschrei. Die Milchfrau kam ruhig heraus, streichelte mir über den Kopf, las wortlos die Kanne auf und verschwand. Minuten später kam sie mit neu gefüllter Milchkanne heraus und gab sie dem heulenden Ludwig. Laß gut sein, sagte sie. Darüber hatte nie mehr im Dorf jemand ein Wort fallenlassen, obwohl es das wichtigste Thema an diesem Tag gewesen wäre.

Ein anderes Mal war nicht viel einzukaufen jedoch mit fatalen Folgen, die zum Dorftratsch wurden. Woher haben diese Asis so viel Geld? Dazu muß man wissen, daß zu dieser Zeit Familien mit vier Kindern Asis waren, sofern sie nicht vom Adel gefickt wurden. Mutti schickte mich frühmorgens nur zum Gemüsehändler, der alles verkaufte – vor allem das amerikanisch Neue, um Putzmittel wie die mir verhaßte Zahncreme und Seife einzukaufen. Waschmittel war auch dabei. Da das Kleingeld Ausgang hatte, gab sie mir den letzten Rest des Familienvermögens mit auf den Weg – einen Fünfzig Mark Schein. Dem Händler froren die Gesichtszüge ein als es ans Zahlen ging. Fünfzig Mark kann ich frühestens heute nachmittag wechseln,  stotterte er. Bub, ich schreib das euch an, bis ihr wieder Geld habt, meine ich, ihn verstanden zu haben.  Da hats bei Ludwig geblitzt im Hirn. Also mit großen Scheinen winken, die niemand einlösen kann, war irgendwie zuviel für sein kindliches Hirn, das heute noch in ihm latent vorhanden ist,

Wie diese Blitze sein weiteres Leben beeinflußten, beschreibt Ludwig im nächsten Aufsatz – im Teil 2.

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13 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. Pieter sagt:

    Wunderbar, das könnte glatt mein erleben sein. Nur eins fehlt da noch, das Holen von Bier im offenen Krug.
    Hab immer daran genascht. Irgendwann viel es dann auf, ahh, zu viel genascht und der Schaum war auch weg.
    Das gab eine mittelheftige Watsche. Konnte dann aber nicht mehr naschen , Vater hats dann selber geholt, das Bier. Aber so viel hab ich doch wirklich nicht weggetrunken. Glaube ich.
    Und wollte im Übrigen immer Braumeister werden, aber dazu hats damals Abitur gebraucht, dazu kam ich nimmer.

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  3. mkarazzipuzz sagt:

    Ludwig,
    für dieses wunderbare Geständnis bekommst DU bei mir 100 von 10 möglichen Punkten!
    Genial und unterhaltsam wäre zu banal. Aber auch das ist es.
    Wie schön.
    krazzi

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  4. palina sagt:

    „Da hats bei Ludwig geblitzt im Hirn. Also mit großen Scheinen winken, die niemand einlösen kann, war irgendwie zuviel für sein kindliches Hirn, das heute noch in ihm latent vorhanden ist.“

    Den letzten Satz fand ich sehr interessant.

    Im Milchkannenschleudern war ich Meisterin in der Kindheit. Bei mir ist nie eine weggeflutscht. Habe sogar noch Unterricht darin gegeben (die Versuchsobjekte waren mit Wasser gefüllt). Danke, dass du mich mit deiner Geschichte wieder daran erinnert hast.

    Bei mir in der Gegend gibt es viele Dörfer, die keine Läden mehr haben. Alles fährt mit dem Auto selbstverständlich in den Supermarkt.
    So haben die Anwohner ihre eigene Infrastruktur zerstört. Nur wegen ein paar Pfennigen, die sie da sparen konnten.
    In einem Nachbardorf hattte ein Supermarkt eröffnet. Ein halbes Jahr später hat der heimische Bäcker geschossen und der einzige Metzgerbetrieb danach auch.

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  5. Hawey sagt:

    @Ludwig, ja das mit dem Einkaufen kenne ich auch. Das herum schwenken mit der Milchkanne haben wir auch mal gemacht, da löste sich dann der Griff und die Kanne flog über eine Mauer und wart nicht mehr gesehen. Für die Verschwundene Milchkanne gab es dann was mit dem Riemen. Der Milchladen war immer was besonderes für uns Kinder im Sommer gab es statt Eis immer eine Waffel mit Sahne dort. Manchmal holten wir aber die Milch auch vom Bauern direkt und haben dann noch ein wenig mit den Kälbchen gespielt. Haben dann auch schon mal die Milchkanne vergessen mit nach Hause zu nehmen. Kurz vor der Haustür fiel uns das wieder ein und wir rannten schnell zurück und holten sie.
    Jedenfalls haste eine schöne Geschichte zu erzählen. Freue mich schon auf Teil zwei. LG Hawey

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  6. Rabe sagt:

    Was hab ich gelacht beim lesen dieser schönen, an Kindheit erinnernden Geschichte. Es gibt nicht hinzuzufügen, denn alle vor mir Kommentierenden haben es schon auf den Punkt gebracht. Die NEUE Zeit hat nichts zu bieten, arme Kindheit derer, die nun groß werden müssen. Es sieht so aus, als wenn unsere Zeit des Großwerdens voller Abenteuer und heute noch wunderbar zu erzählender Geschichten war. Es lebe die Erinnerung!

    Rabe

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  7. Herrlich, hab mich auch wiedergefunden darin.
    Vor allem mit dem BRot und der MIlchkanne…..einmal war das Brot dermassen ausgehöhlt von innen, das sah schon nicht mehr nach anknabbern aus, sondern als ob eine ganze Mäusefamilie drin gehaust hatte….Muttern war vielleicht sauer !

    Bei unserem Schlachter gab es immer eine Scheibe Jagdwurst oder Mortadella, wenn das Kind mit beim Einkaufen war oder auch alleine.
    Alwine, die Schlachtersgattin sagte dann immer zu den Kindern „na, da musste so schöne Sachen sehen und hast bestimmt Hunger ! Willste eine Scheibe Jagdwurst?“ worauf ich immer nickte……noch jetzt überkommt mich manchmal noch einen Heisshunger auf solch Würschteleien.
    Und das obwohl ich so lange vegetarisch unterwegs bin……ist halt Kindheitserinnerung 🙂

    Vor ein paar Tagen als ich im Bioladen unterwegs war, da überkam mich wieder so eine Welle……Teewurst…..ich liebte Teewurst !!!!!
    Meine Schulstulle war oft mit Teewurst bestrichen, war halt das Billigste damals für uns, die wir nicht so viel hatten.
    Ich habe als Erstes immer die Rinde rundum weggegessen und mich zum weichen, dick bestrichenen Kern vorgearbeitet…..und den habe ich genossen…….mjammi……so mache ich es sogar heute noch ab und zu…..und dann lächle ich still in mich hinein.

    Ein andres Lieblingsessen war Käsebrot und Kakao, nee kein Kaba, sonderne echter gekochter Kakao und nicht so viel Zucker drin.
    Das Käsebrot war auch schon mal mit Streichkäse belegt, wie gesagt, der war günstiger für unsere Haushaltkasse.
    Ansonsten gab es nur Harzer Roller, jungen Gouda oder Edamer, und ab und an Camembert und Knirpsi für Papa.
    Uns Kindern war der damals zu stinkig…..

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  8. Ishani Diana sagt:

    Lieber Ludwig

    Da werden gleich viele Erinnerungen wach 😀
    Ich habe Tränen gelacht bei deiner Erzählung. Bei mir hat es die früheren Streiche wieder in`s Bewusstsein gerufen. Was haben unsere Lehrer alles erdulden müssen 😉
    Freue mich auch schon auf den 2. Teil deiner Geschichte.
    Ishani Diana

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  9. Wolf sagt:

    Lieber Ludwig,

    Jetzt hast Du mich auch zum Träumen gebracht. Deine Erzählung werde ich mir aufheben, damit ich sie immer wieder lesen kann. Sie hat mich soeben in meine eigene Kindheit zurückversetzt.

    Die Straße vor unserem Haus war damals noch nicht asphaltiert. Es war noch die Zeit kurz vor dem Petrodollar. Ein paar Häuser weiter wohnte eine altes Bauernpaar. Herr Lorenz zählte einst zu den wohlhabenden Bauern im Dorf. Statt Ochsen hatte er Zugpferde. Zur Zeit meiner Kindheit hatten alle anderen Bauern jedoch schon längst Traktoren. Nur der alte Herr Lorenz fuhr immer noch mit dem Pferdefuhrwerk aufs Feld hinaus. Unsere „Dorfhexe“, die alte Kät, war in ihrer Jugend einst von solch einem Heuwagen gefallen. Seitdem humpelte sie. Sie soll einst eine schöne Frau gewesen sein. Doch kein Bauer wollte sie zur Frau haben, da sie zur Feldarbeit nicht mehr taugte. Wohl deshalb begann sie zu trinken. Ich kannte sie nur als alte, schimpfende Frau. Kät humpelte meist betrunken und Zigarre rauchend mit einem hölzernen Stock durchs Dorf. Sie sah tatsächlich wie die Hexe aus dem Märchen „Hänsel und Gretel“ aus. Wenn wir ihr „Kät Hex“ zuriefen, begann sie wütend und fluchend mit ihrem Stock zu schwingen. Manchmal warf sie mit dem Stock nach uns. Es war immer sehr aufregend, wenn die „Hexe“ versuchte, uns zu fangen. Damals lachten wir darüber. Doch gefürchtet habe ich mich auch dabei.

    Das alte Bauernpaar Lorenz war kinderlos geblieben. Frau Lorenz behandelte ihre Hühner wie ihre Kinder. Meine Mutter schickte mich einmal pro Woche mit einem Weidenkorb zu ihr, um dort frische Eier zu kaufen. Bevor ich den Hof betreten durfte, mußte Frau Lorenz immer erst den Hahn wegsperren. Der duldete nämlich keine Besucher auf dem Hof. In der Küche stand immer ein großer Aluminiumtopf mit gekochten Pellkartoffeln. Herr Lorenz hatte kaum noch Zähne, weshalb ich ihn meist nicht verstand, wenn er etwas zu mir sagte. Doch die weichgekochten Kartoffeln konnte er immer noch kauen. Die Hühner liefen durch die Küche und fraßen die Kartoffelschalen. Manchmal flatterte eine Henne auf den Tisch, um sich dort zu bedienen. Frau Lorenz kannte jedes ihrer Hühner beim Namen. Sie bekamen auch regelmäßig frischen Salat.

    Als Herr Lorenz starb, wurden die Pferde verkauft. Frau Lorenz hatte nämlich nie gelernt, mit den Pferden umzugehen. Den Klang ihrer Hufe habe ich noch heute im Ohr. Fortan ging Frau Lorenz zu Fuß mit dem Leiterwagen aufs Feld hinaus. Später verpachtete sie die Felder, da ihr die Arbeit zuviel wurde. Meine Mutter schickte mich nun zweimal pro Woche zum Eierholen. Auch den Salat kauften wir ihr fortan ab. Heute wohnen fremde Leute auf dem ehemaligen Hof der Familie Lorenz. Die neuen Bewohner kannten das alte Bauernpaar nicht. Sie finden den Hof romantisch. Im ehemaligen Pferdestall stehen jetzt zwei teuere Autos.

    Danke, lieber Ludwig, daß Du die alten Erinnerungen wieder wachrufst.

    Wolf

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  10. Yoku sagt:

    Dieses Thema in leicht anderer Färbung wurde auch in einem kurzen Sketch von den bayrischen Komikern thematisiert. Also wer diesem eher derberen Humor nicht ganz abgeneigt ist, kann wie ich mitlachen.

    Gefällt 2 Personen

  11. Oh, Ludwig, tu mir das nicht an………
    seit Wochen bin ich am Schreiben…..
    Im Kopf und im Herzen…..
    immer drängender wird es…..

    und nun kann ich es fast loslassen. 🙂
    Du hast es getan und alle Ihr anderen Mitträumer ebenso.

    ja genau, hundert von zehn zu vergebenden Punkten auch von mir!

    Lieblingsessen: Nudeln mit Tomatensoße…….als es dann sowas gab…..

    …..und wenn alle schon Kniestrümpfe anziehen durften,
    mußte ich noch die Kratzstrümpfe mit dem Laibchen und den Lochgummi/Knopf-Strapsen anziehen.

    Bei uns allerdings kam freitags der Herr Dreier mit seinem Lieferauto auf den drei Reifen, schellte mit seiner Glocke und wir liefen mit diversen Gefäßen nach draußen, um Milch, Sauerrahm/Schmand und Eier zu kaufen.
    Sehr beeindruckt haben mich immer die winzigen Messgefäße, die die Sahne und den Rahm abgemessen haben.
    Vorher kannte ich nur die Halbliter oder Liter Messbecher mit den langen Griffhaken, die innerhalb der großen Milchkannen hingen
    und mit denen in die mitgebrachten Gefäße abgemessen geschöpft wurde.
    Und eben für die Sahne die goldigen kleinen achtel- oder sogar weniger Liter Gefäßchen, die gefielen mir außerordentlich gut.

    Herr Dreier kam allerdings nicht mehr sehr lange, da im dörflichen Kleinstädtchen ein Milchladen eröffnet hatte.
    Seit dieser Zeit hatte dann auch ich viel Gelegenheit, die fein zu dosierende Schwungkraft der gefüllten Milchkanne sowohl rechtshändig als auch linkshändig zu üben. Wenn ich mit Mutti gemeinsam einkaufen ging, gab es manchmal ein Sahnewaffeltütchen..
    Anfangs gab es nur weiße Sahne, bald aber schon gab es einen zweiten mich auch sehr beindruckenden Sahneapparat, diesmal mit Kakaosahne. das war dann immer meine Wahl.
    Einmal tupfte die Milchfrau für mich auf die braune Sahne einen weißen Tupfer obenauf…boahh, war ich stolz!! 10 Pfennig kostete das Tütchen, das war soviel wie drei Eier!!

    Das Schrotbrot durfte ich aus dem Laden der Mühle holen,der allerdings nicht neben der Mühle war, sondern mitten im Ort, wo einmal wöchentlich besagtes frisch gebackenes Schrot-Brot verkauft wurde.
    Der Laden war über eine halbrunde Steintreppe mit hohem Stufenabstand zu erreichen, vor allem, wenn ich es geschafft hatte, die schwere Eichentür mit der riesigen Türklinke zu öffnen.
    Ein Schwall Duft frischen Brotes umnebelte meine Sinne.
    Nun war ich erst in der Diele angekommen.
    Dann ging es nochmals nach rechts in die Verkaufsstube, deren Tür meist schon offen stand.
    An drei Wänden gegenüber dem Eingang waren Regale aus Rohholz angebracht, fast bis zur Decke hoch und quer davor ein riesiger langer, besser breiter, da er ja quer stand, Eichentisch auf dem ein Stapelchen kleingeschnittes Schreibpapier lag mit einem angebundenen Bleistift.
    Das war zum Notieren der Vorbestellungen für die kommende Woche.
    Und das Überwältigende war für mich jedesmal:
    Alle Regalböden waren voll mit Schrotbrot. Eines lag neben dem anderen, eines sah aus wie das andere.
    Ab und zu eine Lücke von einem schon verkauften Brot…….und der Duft…..

    Die Fülle der einfachen Erlesenheit würde ich es heute nennen.

    Stellt euch vor, das gab es. ein Laden. ein Produkt. einmal in der Woche.
    Natürlich gab es bald andere Bäckereien mit einer Vielfalt an Köstlichkeiten, aber das ist eine andere Geschichte.
    ***
    Ludwig, da kommt ein Stein ins Rollen, sei bedankt!

    Gefällt mir

  12. petravonhaldem sagt:

    Oh, Ludwig, tu mir das nicht an………
    seit Wochen bin ich am Schreiben…..
    Im Kopf und im Herzen…..
    immer drängender wird es…..

    und nun kann ich es fast loslassen. 🙂
    Du hast es getan und alle Ihr anderen Mitträumer ebenso.

    ja genau, hundert von zehn zu vergebenden Punkten auch von mir!

    Lieblingsessen: Nudeln mit Tomatensoße…….als es dann sowas gab…..

    …..und wenn alle schon Kniestrümpfe anziehen durften,
    mußte ich noch die Kratzstrümpfe mit dem Laibchen und den Lochgummi/Knopf-Strapsen anziehen.

    Bei uns allerdings kam freitags der Herr Dreier mit seinem Lieferauto auf den drei Reifen, schellte mit seiner Glocke und wir liefen mit diversen Gefäßen nach draußen, um Milch, Sauerrahm/Schmand und Eier zu kaufen.
    Sehr beeindruckt haben mich immer die winzigen Messgefäße, die die Sahne und den Rahm abgemessen haben.
    Vorher kannte ich nur die Halbliter oder Liter Messbecher mit den langen Griffhaken, die innerhalb der großen Milchkannen hingen
    und mit denen in die mitgebrachten Gefäße abgemessen geschöpft wurde.
    Und eben für die Sahne die goldigen kleinen achtel- oder sogar weniger Liter Gefäßchen, die gefielen mir außerordentlich gut.

    Herr Dreier kam allerdings nicht mehr sehr lange, da im dörflichen Kleinstädtchen ein Milchladen eröffnet hatte.
    Seit dieser Zeit hatte dann auch ich viel Gelegenheit, die fein zu dosierende Schwungkraft der gefüllten Milchkanne sowohl rechtshändig als auch linkshändig zu üben. Wenn ich mit Mutti gemeinsam einkaufen ging, gab es manchmal ein Sahnewaffeltütchen..
    Anfangs gab es nur weiße Sahne, bald aber schon gab es einen zweiten mich auch sehr beindruckenden Sahneapparat, diesmal mit Kakaosahne. das war dann immer meine Wahl.
    Einmal tupfte die Milchfrau für mich auf die braune Sahne einen weißen Tupfer obenauf…boahh, war ich stolz!! 10 Pfennig kostete das Tütchen, das war soviel wie drei Eier!!

    Das Schrotbrot durfte ich aus dem Laden der Mühle holen,der allerdings nicht neben der Mühle war, sondern mitten im Ort, wo einmal wöchentlich besagtes frisch gebackenes Schrot-Brot verkauft wurde.
    Der Laden war über eine halbrunde Steintreppe mit hohem Stufenabstand zu erreichen, vor allem, wenn ich es geschafft hatte, die schwere Eichentür mit der riesigen Türklinke zu öffnen.
    Ein Schwall Duft frischen Brotes umnebelte meine Sinne.
    Nun war ich erst in der Diele angekommen.
    Dann ging es nochmals nach rechts in die Verkaufsstube, deren Tür meist schon offen stand.
    An drei Wänden gegenüber dem Eingang waren Regale aus Rohholz angebracht, fast bis zur Decke hoch und quer davor ein riesiger langer, besser breiter, da er ja quer stand, Eichentisch auf dem ein Stapelchen kleingeschnittes Schreibpapier lag mit einem angebundenen Bleistift.
    Das war zum Notieren der Vorbestellungen für die kommende Woche.
    Und das Überwältigende war für mich jedesmal:
    Alle Regalböden waren voll mit Schrotbrot. Eines lag neben dem anderen, eines sah aus wie das andere.
    Ab und zu eine Lücke von einem schon verkauften Brot…….und der Duft…..

    Die Fülle der einfachen Erlesenheit würde ich es heute nennen.

    Stellt euch vor, das gab es. ein Laden. ein Produkt. einmal in der Woche.
    Natürlich gab es bald andere Bäckereien mit einer Vielfalt an Köstlichkeiten, aber das ist eine andere Geschichte.

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  13. […] Mark Schein. Wozu mit Geld bezahlen, wenn man ohne Geld einkaufen kann? Wenn der Tratschkürbis  (s. Teil 1) jetzt kein Geld braucht – wann dann, fragte sich Ludwig. Opi, mit dem man sogar auf dem […]

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