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Erzählungen und Bekenntnisse eines Freigeistigen / Kapitel 1

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Es ist uns vergönnt, Horst Rüdigers Werk „Rette sich, wer kann“ in bb zu lesen. Ein Vorwort von mir erübrigt sich, lieber Leser, schnell wirst du merken, wohin der Hase hoppelt.

Stets empfinde ich es als Auszeichnung für unsere Plattform, wenn ein Autor seine Arbeit bei uns präsentieren will. Möge auch „Rette sich, wer kann“ dich, lieber Leser, erfreuen, bereichern und inspirieren!

Bloss auf Eines möchte ich hinweisen. Horst Rüdiger gehört zu den Vielen, welche sich später weder von Kind noch von Enkel werden sagen lassen müssen: „Papa, Grandpapa, du hast es gewusst. Warum hast du nichts gesagt?“

Lieber Horst, ich sage im Namen der Leserschaft Dank!

thom ram, 26.08.0004 (A.D.2016)

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Ich werde das 400 seitige Buch in loser Folge einstellen.

Verbreitung im Kreise Bekannter ist erwünscht.

Verbreitung zu gewerblichem Zwecke bedarf der Bewilligung des Autors.

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thom ram, 26.08.0004 (A.D.2016)

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Horst Rüdiger: Rette sich, wer kann

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Warum alles kam, wie es nicht hätte kommen sollen.

Warum alles so kommen wird, wie es niemand gewollt hat.

Warum der allgegenwärtige Irrsinn normal ist

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Sonderedition 2014
Horst Rüdiger, Wiefelstede
Alle Rechte vorbehalten
Druck und Einband: Kohlrenken, Oldenburg Printed in Germany

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Inhalt

1. Kapitel
Ein Blick auf die Person des Freigeistigen,…………………. 7

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Intentionen

Gesunder Menschenverstand GMV………… 12

GMV und IQ………………………………………… 20

GMV oder Irrsinn? (Das Statement)……….. 26

Ein Schlüsselerlebnis……………………………. 31

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2. Kapitel
Woher kommt der Freigeistige,……………… 32

Sozialisation:

Der Vater des Freigeistigen….. 32

Der „Gröfaz“ und sein Kamp….. 33

Die Mutter des Freigeistigen….. 54

Die Ziehgroßeltern……………….. 62

„Onkel“ Fritz………………………… 66

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3. Kapitel
Woher kommt der Mensch und…….. 71

Wie bestimmt das sein Verhalten:

Die „Krone der Schöpfung“………….. 72

Das Großhirn…………………………….. 73

Das „Gruppentier“……………………… 75

Der „Sündenfall“, die Zivilisation….. 78

Naturmenschen und ihr Vermächtnis….. 86

Im Schoß der Mutter (Kurzgeschichte)…………….. 92

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4. Kapitel
Wohin geht die Menschheit infolge der……. 130

artspezifischen Eigenschaften des Menschen:

Der Club of Rome…………………………………. 130

Ein Lebensraum verschwindet……………….. 138

Atomkraft……………………………………………. 140

Mit dem Großhirn an die Wand……………… 153

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5. Kapitel
Angebliche deutsche Eigenschaften:………. 157

Sozialneid, negatives Denken, usw.:

Sicherheit und Profitstreben…………………. 157

Sozialneid und die Reichensteuer………….. 162

Klimarettung durch Marktwirtschaft(eine Satire)….. 174

Palmöl und Wirtschaftsmacht……………….. 175

Die Klimabilanz…………………………………… 207

Meeresökologische Wertschöpfung……….. 205

Kleiner Fluss, riesige Schiffe………………… 217

Futuristische Abwasserwirtschaft…………. 222

Refugium für Leistungsträger……………… 226

Einfach, kompliziert………………………………… 230

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6. Kapitel
Der Freigeistige und die Kollektivschuld…….. 236

Schuld oder Verantwortung………………………. 239

Philosemitismus, Ideologie für „Gute“……….. 244

Antisemitismus, Geist des „Bösen“…………… 250

Die auserwählte Parallelgesellschaft…………. 257

Das politische Judentum…………………………. 260

Erste Folgen zionistischer Politik…………….. 263

Die Mächte der Entente, „die Guten“………. 280

Jüdische „Brückenbauer“………………………. 296

Die Juden in seinem Familienkreis………… 311

Identität Mensch, nicht Jude oder Goi……. 339

Der Maulkorb für Nichtjuden………………… 344

Jüdisches Selbstverständnis………………….. 346

Konversion zur jüdischen Glückseligkeit….. 354

Das Besondere am Jüdischsein………………. 370

Der Mythos von den bösen Völkern………… 386

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7. Ausklang…………………………………………… 402

Generationengerechtigkeit………………………. 404

Dankesworte………………………………………… 411

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Einleitung, ein Blick auf die Person des „Freigeistigen“, Intentionen

Alles ist schon einmal geschrieben worden, denkt sich der Freigeistige in diesem Augenblick und fragt sich, weshalb also sollte ich hier meine Gedanken aufschreiben. Es müsste zumindest einen guten Grund geben, sich diese Arbeit zu machen. Er stellt seine Person nicht gern in den Mittelpunkt, denn er lebt gern mit dem Ganzen und für das Ganze. Deswegen möchte er nicht selber schreiben, sondern lässt das Notebook erzählen, und das Notebook wird, wenn es im fließenden Text ihn meint, im Zweifelsfalle zum besseren Verständnis des Lesers das Pronomen „ER“ in Großbuchstaben setzen.

Ja, vielleicht möchte sein gerade dem Kindesalter entwachsender Enkel irgendwann einmal lesen, welche Gedanken sich sein Großvater in dieser Zeit gemacht hat? Vielleicht möchte sein Enkel eines Tages auch wissen, wer sein Großvater überhaupt war; so wie ER sich so sehr wünschte, erfahren zu können, wer seine Großväter waren und welche Gedanken diese bewegt haben. Vielleicht? Oder ein guter Bekannter, vielleicht einer seiner Freunde, möchte einmal in seinen Kopf schauen und wissen, woher ER kommt und wohin ER gehen möchte. Was sind seine guten Bekannten und seine Freunde ihm wert, fragt ER sich. Sie sind durchweg wohlhabend, gut situiert, wie man so sagt, wenn wohl auch nicht unbedingt „Reiche“ nach dem Begriff, wie er hier und da im Folgenden verwendet wird. Ob sie ihn noch kennen wollen, ob sie noch Wert auf seine Freundschaft legen, wenn sie seine Gedanken lesen können? ER denkt da gerade an Don Clausen, den ehemaligen US-Congress-man, der ihn seinen besten Freund nennt. Don ist Republikaner und hat ihm immer höchsten Respekt für seine Sicht auf die Dinge gezollt, wenn sie über die Angelegenheiten des Alltags und des Weltgeschehens diskutiert haben. Aber, wenn Don das liest, was ER hier verlautbaren wird? Nun ja, Don liest nicht deutsch, und da seine Verlautbarung wohl nicht von allgemeinem Interesse ist, wird sie nicht übersetzt werden, und Don wird nichts erfahren. Also gut, ER wird von jetzt an für eine bestimmte Zeit das Notebook mit sich führen und seine Gedanken darin festhalten in der Hoffnung, dass der liebenswerte, promovierte katholische Theologe, mit dem ER von Zeit zu Zeit über Gott und

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die Welt plaudern darf, das Notebook nicht zufällig in die Hände bekommt. Nicht dass ER sich für verlogen hält, dass ER vor ihm aus Opportunismus mit einigen Gedanken hinter dem Berg halten möchte, nein, ER strebt zwar den Konsens an, ER fürchtet den Dissens, aber ER vermeidet ihn nicht um jeden Preis. So exponiert ER sich hier und lässt außerordentlich tief in sich hinein blicken.

Zu Schulzeiten hat ER Aufsätze geschrieben, die seiner Klassenlehrerin immer sehr gefallen haben. Sie seien zwar immer die kürzesten gewesen, aber ER habe nie das Thema verfehlt. Vermutlich hat ER auf Kosten der Textlänge immer viel Zeit auf das Nachdenken verschwendet. Gut gegliedert seien sie gewesen und ER habe gut und präzise formuliert, wenn ER den Kern einer Sache herausschälen wollte. Nun denkt ER gerade an seine Lehrerin und fragt sich, wie sie wohl diese Fleißarbeit bewerten würde, wenn sie diese lesen könnte. Hier wird es ungleich schwieriger sein, auf den Punkt zu kommen. In den seither vergangenen fünfzig Jahren hat ER weiter und tiefer blicken gelernt, und ER sieht manche, insbesondere geschichtliche Zusammenhänge um ein Vielfaches verwobener als zu früheren Zeiten. Es erwartet ihn eine Herkulesarbeit, wenn ER versuchen wird, Zusammenhänge so in Worte zu fassen, dass sie für den Leser leicht verständlich sind, ihn aber gleichwohl auffordern, selbst über solche nachzudenken.

Das Notebook wird nicht einen straff gegliederten Roman, auch keine Biografie oder gar ein Sachbuch hervorbringen. Es soll nicht wissenschaftlichem Anspruch genügen, denn die gegenwärtigen, etablierten Wissenschaften betrachtet der Freigeistige mit großer Skepsis. Soziologische Elemente werden die gedankliche Arbeit beherrschen; aber weil Assoziationen unmittelbar Raum gegeben werden soll, um ein hohes Erkenntnispotential zu erreichen, wird eine Vielzahl von Fakultäten berührt werden. In erster Linie werden die Gedanken fließen, und wenn die Gedanken springen, soll der Leser über die Distanz der Sprünge eine Neugier entwickeln und einen Raum für die Einsichtgewinnung zur Verfügung haben, dass es Zusammenhänge gibt, die dem Menschen im normalen Gang des Alltages verborgen bleiben. Oft sind es Zusammenhänge, die die Menschen mangels Intuition nicht erkennen können; aber es gibt

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auch solche, die den Menschen verborgen bleiben sollen. Wenn also jemand zwischen unterschiedlichen Ereignissen oder Entwicklungen keine Zusammenhänge sieht, sollte er nicht glauben, es gäbe solche nicht. Es gibt solche häufiger, als man sie erkennt.

Wer sollte denn ein Interesse daran haben, dass Zusammenhänge verborgen bleiben? Generell sind es Interessen, wie sie von einflussreichen Einzelpersonen, Gruppen oder Strömungen vertreten und forciert werden. Diese oft im Geheimen agierenden Kräfte in die Öffentlichkeit zu bringen und zu entlarven, ist äußerst schwierig, weil sich der Enthüllende in den meisten Fällen exponiert. Diejenigen dagegen, die subtil, aber bewusst falsch informieren, einseitig beleuchten, geheim halten oder Lügen verbreiten, arbeiten damit auf einen persönlichen Vorteil hin. Wer hier einwendet, dass eine demokratische Ordnung solche Vorgänge doch weitgehend ausschließe, befindet sich in einem fatalen Irrtum. Selten sind es organisierte Verschwörungen, die dahinter stehen, aber oft summieren sich die Pfleger gleicher Interessen zwangsläufig zu einem Kartell. Sehr häufig geht es um einen ideellen Gewinn durch die Befriedigung ideologischer Anforderungen. Anders ist das Pflegen von archaischen Ideologien, wie verschiedene Religionen es sind, oder das Festhalten an Weltbildern, wie z.B.: „Die Erde ist eine Scheibe“, nicht zu erklären, denn ein materieller Vorteil lässt sich daraus nur schwer ableiten; oft ist die Triebfeder des Handelns aber auch lediglich die Verfolgung eines persönlichen oder gruppenkollektiven materiellen Gewinns. Ein Grundmuster bei der Erzeugung solcher Gewinne ist es z.B., aus den Folgen von Ereignissen Kapital zu schlagen und die Ursachen der Ereignisse bewusst außer Acht zu lassen, von diesen abzulenken oder sie zu verwechseln, um erfolgreich die Urheberschaft zu verschleiern. Die Verfolger dieser Interessen erreichen ihr Ziel regelmäßig, indem sie sich – mit welchen Mitteln auch immer – die Informationsorgane unterwerfen, wobei als Mittel an erster Stelle die jeweilige materielle Abhängigkeit steht. „Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe“, sagt der Volksmund, was bezogen auf die Medien bedeutet, dass kein Redakteur etwas verlautbaren lassen wird, was seinem Auftraggeber oder „Brötchengeber“ nicht gefällt, entweder weil er vor seiner Anstellung einen Filter passiert hat, welcher seine Linientreue gewährleistet, oder weil er wegen seiner Abhängigkeit

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etwas nicht verlautbaren lassen darf, selbst wenn er es möchte. Damit ist bei aller Informationsfreiheit die hoch gepriesene Pressefreiheit immer die Freiheit der Auftrag- und „Brötchengeber“. Oft bildet sich schon nach kurzer Zeit der Indoktrination durch die gleichgerichteten, den Markt beherrschenden Medien ein Zeitgeist heraus, der von der Mehrheit getragen oder akzeptiert wird, womit die Meinungsmacher dann mühelos ihre Ziele verfolgen können.

So wurden im bisher traurigsten Kapitel der deutschen Geschichte aus deutschen Menschen, die aus der geschichtlichen Entwicklung heraus eine deutsche Nationalität gar nicht hatten verinnerlichen können, innerhalb weniger Jahre „Nazis“. Auch wenn nicht alle Nazis geworden waren, zumindest nicht in dem Sinne, wie der Begriff es heute nahelegen soll, hatte die Indoktrination im Zusammenspiel mit den äußeren Umständen in kurzer Zeit die Meinungsmacher ihrem Ziel näher gebracht. Das gezeichnete Bild, nachdem mehr oder weniger alle Deutschen böse Nazis waren, ist allerdings das Ergebnis einer anderen Indoktrination, die sich in dem Zeitgeist niedergeschlagen hat, der bis heute die Zeit beherrscht, in der der Freigeistige erwachsen geworden ist. Was hier jetzt sehr theoretisch gefasst ist, soll an Beispielen später erklärt werden.

Friedrich Nietzsche hat einmal folgenden Satz geschrieben: „Es gibt keinen gefährlicheren Irrtum, als die Folge mit der Ursache zu verwechseln: ich heiße ihn die eigentliche Verderbnis der Vernunft.“ (Götzendämmerung: Die vier großen Irrtümer)

An der gesamten Geschichte der „modernen“ Menschheit und nicht weniger der Gegenwart haftet geradezu, verdeckt vom Kochdunst des Tagesgeschehens, der Geruch dieser Verderbnis. (Der Freigeistige im Jahr 2013)

Wenn es jemandem entgegen dem Meinungskartell der nach dem jeweiligen Gesellschafts- und Finanzierungssystem ausgerichteten Massenmedien gelingt, solche Zusammenhänge ans Licht zu bringen, werfen die entlarvten Personen oder Gruppierungen dem Publizierenden in aller Regel wenn nicht gleich Demagogie, dann zumindest Verschwörungstheorie oder politische Indoktrination von

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seiner Seite vor. Deshalb erklärt der Freigeistige politische Indoktrination, wenn sie vom gesunden Menschenverstand geleitet wird, hier für seine Person zu einem ehrenhaften, legitimen Tatbestand. In Wahrheit geht es ihm jedoch nicht um Indoktrination, sondern um die Entwicklung der Fähigkeit des interessierten Menschen, Zusammenhänge selber erkennen zu können. Dabei wird ER sich von Ver- fechtern der Pseudogenauigkeit den Vorwurf gefallen lassen, die Zusammenhänge geradezu „fahrlässig“ pauschal zu beschreiben. ER wird nicht unzählige Dokumente, vor allem nicht Statistiken zum Beweis bemühen. Dass das nicht belohnt wird, obwohl es im Grunde ein Qualitätsmerkmal zumindest für ein Sachbuch ist, musste der Autor Thilo Sarrazin mit der Herausgabe seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ recht leidvoll erleben. Obgleich er im Überwiegenden und Wesentlichen nur eine umfangreiche, sachliche Analyse vorgestellt hat, wurde er mit allen Mitteln der Publizistik niedergemacht, weil er nicht dem Zeitgeist gefällig geschrieben hat. Völlig unzugänglich für unwiderlegbare Sachargumente folgten die leidenschaftlichen Kritiker ausschließlich dem Zeitgeist und ihren mit diesem verbundenen Ideologien. Viele kritisierten vollmundig etwas, was sie gar nicht gelesen haben konnten, weil es überhaupt nicht geschrieben stand, was den Verdacht nahe legte, dass sie das Werk überhaupt niemals in den Händen gehalten hatten. Dieses Beispiel steht für eine Art von Urteilsfindung ohne sorgsame Beweisaufnahme, die eines der Grundübel unserer Gesellschaft ist. Daher gilt die Devise: „Rette sich davor, wer kann“, denn die Hoffnung und der Glaube an eine bessere Menschheit sind nicht rational begründet, sondern entspringen jeweils immer nur einem ehrenwerten frommen Wunsch des einzelnen Menschen. Jesus Christus würde das heute im Rückblick auf die vergangenen zwei Jahrtausende so bestätigen.

Der potentielle Leser der hier festgehaltenen Gedanken würde sicher spätestens nach fünf Seiten Lesens versucht sein, den denkenden Freigeistigen in soziale und politische Kategorien einzuordnen. Er wird spekulieren, ob ER eher materiell unvermögend, vielleicht gar arm oder doch möglicherweise wohlhabend oder gar ein „Reicher“ ist, der im Kreise der Reichen als Nestbeschmutzer gehandelt wird. Der eine oder andere würde eventuell versuchen, ihn einer Religion oder gar einer Konfession zuzuordnen. Das ist doch ein

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Linker, oder nein, nicht eher doch ein Rechter, würde man sich fragen. Fataler noch, der ist sicherlich auch grün und am Ende des Schreckens noch Kommunist. Spätestens dann, wenn die Vermutung aufkeimt, dass ER fast so patriotisch ist wie Thilo Sarrazin oder gar wohl ein Nazi ist, würde der politisch korrekte Leser, hoffentlich nicht auch der Enkel, dem dieses Werk hauptsächlich gewidmet ist, das Papier dem Recyclingsystem zuführen. Um das zu einem so frühen Zeitpunkt zu vermeiden, möchte sich der Freigeistige in diesem Absatz soweit offenbaren und erklären, dass alles noch viel schlimmer kommt. ER lässt sich ausschließlich vom gesunden Menschenverstand leiten, behauptet ER. Das wird ER versuchen nachzuweisen und das, obwohl der gesunde Menschenverstand reines Gift ist, wie der Satiriker Wolfgang Neuss einmal treffend formuliert hat. Schon im Alten Testament, das nichts weiter als Tausende von Jahren alte Literatur ist, wird beschrieben, wie nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis die Strafe auf dem Fuße folgte.

Bezeichnen wir den gesunden Menschenverstand von hier an als GMV. In der Tat, der Umgang mit dem GMV ist gefährlich. Denjenigen, der ihn bemüht, kann er um Kopf und Kragen bringen, und den Ideologen bringt er aus der Fassung, im schlimmeren Fall auch um den letzten Rest von Verstand. Zumindest ist ein vom GMV Geplagter in den Augen vieler „normaler“ Menschen ein ganz Böser, denn der GMV macht ihn auf den ersten Blick eines „normalen“ Menschen unweigerlich zum Weltfremden, Anarchisten, Utopisten, Visionär, Atheisten, Antiliberalisten, Querkopf, Antisemiten, Antiislamiten, Antifeministen, um nur einige zu nennen. In Wirklichkeit aber führt der GMV zwangsläufig zu einem Antiglücksspieler, Antiweltraumfahrer, Atomkraftgegner, Antizionisten oder Religions- und Multikulturskeptiker, um auch hier einige zu nennen.

Um also die Spekulationen auf ein Mindestmaß zu beschränken, gesteht der Freigeistige, dass ER relativ wohlhabend ist, jedenfalls viel wohlhabender, als weit mehr als sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten es jemals werden sein können. Ein „Reicher“ im Sinne der später folgenden Definition ist ER indes nicht. ER besitzt Dinge oder hat solche besessen, wie sie mehr als sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten niemals werden besitzen

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können, aber ein „Reicher“ ist ER trotzdem nicht. ER ist zufrieden mit dem, was ER hat, obwohl sein Vermögen abschmilzt, und ER beruhigt sein latent schlechtes Gewissen ob seines Wohlstandes ge- genüber den nicht Wohlhabenden mit der ehrlich getroffenen Feststellung, dass ER unselbständig und selbständig fleißig und erfolgreich gearbeitet hat, niemanden direkt und willentlich ausgebeutet hat und im Ruf steht, eher mehr gegeben als genommen zu haben. ER ist dankbar für seine Fertigkeiten und für seine Gesundheit, die ER geschenkt bekommen hat, und für sein Glück, oft genug im rechten Moment am rechten Ort gewesen zu sein. Wenn ER viele Steuern entrichten musste, war ER stolz, weil der Steuerbetrag ein Spiegel seiner guten Leistungen war, und wenn ER wenig Steuern entrichten musste, war ER froh, dass sein gerade ohnehin geringeres Einkommen nicht so sehr geschmälert wurde. Ein „Reicher“ jedoch war ER nie, denn sein Vermögen reichte nie, um damit Macht ausüben zu können. ER entwickelte eine Persönlichkeit, die ausschloss, dass er jemals hätte reich werden können. Ein Weggefährte von ihm, der oft gut und gern an seiner Schaffenskraft partizipierte, hat ihm gegenüber einmal mit dem subtilen Unterton eines Vorwurfs den Satz ausgesprochen: „Wenn ich das könnte, was du kannst, wäre ich längst Multimillionär.

Mit Religionen, zumal mit den institutionalisierten, konnte ER nach seinem vollendeten Erwachsenwerden nichts Rechtes mehr anfangen. Nachdem das Ortskirchenbüro ihm kundgetan hatte, dass es gedenke, neben der allgemeinen, vom Staat eingezogenen Kirchensteuer die überfällige Ortskirchensteuer beizutreiben, kündigte ER ohne jegliche Furcht vor dem Fegefeuer kurzerhand seine Mitgliedschaft, zu der ER ohnehin – wie viele andere auch – gekommen war wie die Jungfrau Maria zum Kind. Das sollte ein Anhaltspunkt dafür sein, dass ER eine durchaus differenzierte Einstellung zum Steuernentrichten hat. Um die damit frei gewordenen Mittel einigermaßen sinnvoll anlegen zu können, trat ER dem Stifterkreis des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschlands bei und wurde Förderer der NGO Greenpeace, nachdem der französische Staatsprä- sident deren Flaggschiff, die Rainbow Warrior, samt einem Besatzungsmitglied hatte versenken lassen.

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Somit wäre der soziale Stand ausreichend beleuchtet. Bevor jetzt seine politische Gesinnung offenbart wird, sei noch erwähnt, dass ER nicht daran glaubt, dass die Maria Jungfrau war, als sie zum Kind kam. Dafür glaubt ER, dass das Kind, Jesus Christus, genau so Gottes Sohn war, wie du es bist und wie ER es ist. Gleichwohl empfindet ER, auf die Kernwahrheit der Überlieferung vertrauend, eine große Verehrung für jenen herausragenden, charismatischen Philanthropen, der über zwei Jahrtausende nicht in Vergessenheit geraten ist. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass ER ein Antisemit ist und Jesus Christus ein Jude war. Nach Verinnerlichung der Geschichte von Jesus Christus hat ER sich zum Ziel gesetzt, nach Werten zu leben, die dieser vertreten hat und vermutet, dass Jesus angesichts der Männer in den unterschiedlich farbigen Kleidern, die sich über die Jahrtausende bis heute auf ihn berufen, ohne viele Worte zu verlieren, seinen Zeigefinger an die Schläfe führen würde, wenn er noch könnte. Nicht von ungefähr hat den prominenten Christdemokraten Heiner Geißler in einem seiner Bücher die Frage beschäftigt: „Was würde Jesus heute sagen“.

Kurzum, der Freigeistige hier hat keine Affinitäten zu politischen Strömungen, die sich für christlich halten. Nichts, aber auch gar nichts kann ER mit dem etablierten Politikgeschäft insgesamt anfangen. Das etablierte Politikgeschäft drängt ihm den Eindruck auf, ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse zu sein. Die Protagonisten und Statisten im Politikgeschäft arbeiten sicher sehr viel und mit außerordentlichem Einsatz, so wird es jedenfalls aus deren Kreisen verbreitet. Aber ER fragt sich, wie diese „Volksvertreter“ diese ausgesprochen schwere Arbeit Legislaturperiode für Legislaturperiode ertragen können, wenn sie sich am Ende das Ergebnis ihrer Arbeit vor Augen führen. Es müssen Menschen von besonderer Qualität sein, die nicht in Niedergeschlagenheit verfallen, wenn sie nach jahrelanger, harter Arbeit so gut wie nichts bewerkstelligt haben, während die Geschicke der Welt von diffusen Mächte gelenkt wurden, denkt ER. ER hält sich für nicht korrumpierbar und glaubt, dass ER für keinen Preis dieser Welt in diesem Geschäft eine Arbeit annehmen würde. Nur hat ER das Problem, dieses niemals beweisen zu können, denn niemals würde ihm ein Posten in diesem Geschäft angeboten werden. Er ist nämlich für dieses Geschäft grundsätzlich

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ungeeignet. Schon in der Dorfliga der etablierten politischen Parteien würde er nicht einen halben Fuß in die Tür bekommen, nicht einen einzigen. Schon in der ersten Stunde einer Diskussion würde sich jeweils herausstellen, dass der GMV eine unüberwindbare Barriere aufbauen würde. Jede derzeit im Geschäft aktive politische Partei vertritt in ihrer Programmatik im Rahmen jeweils unterschiedlicher Sachthemen Standpunkte, die vor dem Urteil des gesunden Menschenverstandes genau so wenig richtig sind, wie die Gleichung 2+2=5 wahr ist. Die politischen Führer erlauben dem politisch Tätigen oder fordern gar von ihm als Loyalitätsbeweis, dass dieser die Meinung vertritt, die Gleichung 2+2=5 sei wahr. Wenn dann ein Bewerber um politische Mitarbeit seinen GMV bemüht und er sich dann jeweils weigert, solch Widersinniges, das definitiv fundamentale naturgesetzliche Grundsätze missachtet, als Meinung zuzulassen, würde er praktisch aus dem Politikgeschäft ausgeschlossen. Er darf zwar weiter seinen Mitgliedsbeitrag zahlen, gewählt würde er aber nicht einmal auf die Stelle des Kassenwartes, obgleich er dafür besonders geeignet wäre, weil er zwei plus zwei zusammenzählen kann. Seinen Mitgliedsbeitrag nicht mehr bezahlen darf er zum Glück erst dann, wenn er zum Beispiel die bedingungslose, obligato- rische Verantwortung der Deutschen für das Wohlergehen Israels in Frage stellt. Dazu später ein wenig mehr.

Die gesamte Politik ist ideologisch geprägt und damit nicht vom gesunden Menschenverstand geleitet, ganz abgesehen davon, dass sie von vulgären materiellen Interessen einer Minderheit bestimmt wird, die mit dem Gemeinwohl in letzter Konsequenz nicht zu vereinbaren sind. Er als Wähler hat keine wirkliche Wahl, bestenfalls eine zwischen dem größten und dem marginal geringeren Übel.

Alles nur Polemik und Gefühlsduselei und nicht zielführend, hört er die unverdrossenen Schwerstarbeiter in den Fraktionsbüros stereotyp skandieren, einbringen solle er sich, fleißig wie eben sie politische Basisarbeit leisten und sich hocharbeiten. Dann könne er wirklich etwas bewegen und…………….

Sie wissen ja nicht, dass ER die intellektuellen und mentalen Mindestanforderungen, die an einen Politiker gestellt werden, nicht

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erfüllt. Ja, ER nutzt die Polemik zum hehren Zweck und ER wird auch die Metaphorik bemühen, um unmissverständlich deutlich zu machen, dass die gegenwärtige politische Grundausrichtung der Welt einen Weg aus der Gefahr nicht weisen kann. Damit wäre also seine politische Gesinnung beschrieben.

Wenn ER keinen Ausweg sieht, warum und für wen vermittelt ER dann dem Notebook seine Gedanken? Aus reinem Selbstzweck, ist seine Antwort, wie oben schon gesagt, vielleicht für den Enkel, für die Freunde oder eher für die Kinder des Enkels oder die Enkel der Freunde. So möchte ER sicherstellen, dass sich diese ein rechtes Bild von ihm machen können, wenn sie vielleicht einmal auf dem kleinen Schild an einem so genannten Freundschaftsbaum im Friedwald, zu dessen Wurzeln ER sich eines Tages mit neun Freun- den versammeln wird, seinen Namen lesen. ER habe genau gewusst, was da auf all diese Nachkommen zukommt, aber ER habe es nicht gewollt, sollen sie wissen. ER habe alles, ihm Menschenmögliche versucht, es zu vermeiden, aber sein Menschenmögliches war nicht genug. ER konnte nur zu seiner Zeit für sich selbst und seine Schutzbefohlenen einiges abwenden, aber in der Welt nichts zum Besseren bewegen. Ja, das sollen sie wissen. Hinzu kommt, dass im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre immer alle Ereignisse so eingetreten sind, wie ER sie vorausgesehen hatte, oder Entwicklungen noch drastischer vonstattengegangen sind. Und wenn sie ihm das glauben, können sie vielleicht aus seinen Gedankengängen nützliche Schlüsse für sich ziehen. ER sei ein Prophet, konstatierte der liebenswerte, promovierte, katholische Theologe oft nach den Gesprächen, die sie gemeinsam geführt haben, und ein anderer Freund, mit dem ER oft angeregt, gelegentlich auch kontrovers diskutiert, sagte: „Du hast am Ende doch immer wieder Recht behalten.“ Wie sehr hätte ER sich oft gefreut, geirrt zu haben, denn Recht zu behalten, empfand ER nicht als Triumph.

Es ist nicht selbstverständlich, dass ihm ein katholischer Theologe sympathisch ist; aber dieser hier liebt eine Frau, mit der er eine Ehe eingegangen ist, und mit der er die gemeinsamen Kinder großgezogen hat. Aber nicht nur, dass dieser Kinder gezeugt hat – diese Fähigkeit ist ja ganz offensichtlich weiter verbreitet als jede

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andere auf diesem Planeten –, dieser pflegt den GMV. Immer wenn der Theologe in ihm einen Propheten sah, wies ER das weit von sich. Ein Prophet im religiösen Sinne sei doch ein Mensch, dem die „Erkenntnis“ vom Geiste Gottes eingegeben wird. ER jedoch zähle metaphorisch betrachtet nur in jedem Falle einer Voraussage rechtzeitig zwei und zwei zusammen, und das ergäbe bei ihm grundsätzlich nur vier. Der Theologe blieb bei seiner Einschätzung mit der theologischen, mehr philosophischen Begründung, die Fähigkeit, zwei und zwei zusammenzuzählen, sei doch ein Geschenk Gottes und somit auch der Geist Gottes. Unter dieser Betrachtung konnten die zwei sich einigen, bevor ein erbitterter Streit um die einzige Wahrheit sie entzweite.

Ein anderer Beweggrund, seine Gedanken festzuhalten, ist die Erkenntnis, dass wir gerade jetzt am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts eine für die Menschheit ultimative Zeitenwende erleben, derer sich diese sieben Milliarden hoch entwickelter Primaten in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht bewusst sind. Um die Dimension dieser Zeitenwende zu verdeutlichen, schauen wir zweitausend Jahre zurück in den Nahen Osten. In Bethlehem geboren, wuchs zu dieser Zeit ein Mann mit einem ausgeprägten GMV heran. Er wurde Jesus von Nazareth genannt und entwickelte durch seinen GMV und seine Eloquenz ein außergewöhnliches Charisma. Sein GMV gebot ihm zu versuchen, eine bessere Menschengesellschaft auf den Weg zu bringen, aber sein Versuch, die Welt zu verbessern, ist gescheitert wie die gleichen Versuche anderer Menschen auch. Wie schon einmal festgestellt, kann der GMV gefährlich sein für denjenigen, der ihn gebraucht; so endete dieser Jesus von Nazareth angenagelt an einem Holzkreuz, verspottet als König der Juden mit einer Krone aus Dornen auf dem Haupt.

Der Mensch stand ganz im Mittelpunkt seines Denkens, und die Welt hatte für ihn keine erfassbaren Grenzen. Es gab für ihn – wie für alle Menschen dieser Zeit – viele kleine Sterne, die etwas größeren zwei Erscheinungen, den Mond und die Sonne und eine auch taktil erfassbare, unvorstellbar große Erde, um die herum sich scheinbar alles irgendwie bewegte. Wenn diesem Jesus von Nazareth damals die heutige Sicht auf das Universum möglich gewesen wäre,

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hätte er sicher ganz andere Worte gewählt, um zu versuchen, der Menschheit einen Weg in eine gute Zukunft zu weisen. Aber er kannte nur den Töpferofen und den Fischerkahn und nicht das Atomkraftwerk und das Fabrikschiff. Wäre es ihm gelungen mit der Kenntnis um die Werkzeuge, die der Mensch heute zur Verfügung hat, die Menschen zum GMV zurückzubringen, hätte die Erde der Menschheit für eine weitere Million Jahre oder mehr ein gutes Zu- hause sein können. Hätte! Die gegenwärtige Zeitenwende ist nun aber dadurch gekennzeichnet, dass die heutige Menschengesell- schaft, ganz abgesehen von allen anderen noch existierenden Ge- schöpfen, nur noch ganz kurze Zeit ein gutes Zuhause haben wird, weil das Universum unendlich ist, die Sterne unerreichbar sind, die Sonne und der Mond unwirtlich sind und die Erde entgegen aller Wahrnehmung relativ klein ist.

Wo der Freigeistige nun schon einmal ein Prophet ist, muss ER schließlich auch verkünden, auch wenn ER bisher die Erfahrung gemacht hat, dass seine Kunde die Menschen so recht nicht interessiert. Vielleicht hofft ER ja auch entgegen seiner Intuition – ER ist nämlich kein Glücksspieler –, dass seine Gedanken so wirken könnten wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der angeblich mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu zweihunderteinundachtzig Mil- liarden einen Tropensturm auslösen kann. Dafür, denkt ER, lohne sich diese Verlautbarung.

ER wird wie kaum jemand irgendwo vorher einige eklatant herausragende, unbeweisbare Lehren der Politikwissenschaften und der Volksökonomen sowie auch die einiger anderer Fakultäten aufs Korn nehmen und versuchen, sie zu entlarven. Diese unbeweisbaren Lehren, an denen krampfhaft und um jeden Preis festgehalten wird, die sich förmlich von Generation zu Generation weitervererben, sind eine Heimsuchung für die irdische Schöpfung. Als Folge dieser Heimsuchung steht unsere inzwischen globalisierte Welt führungslos am Abgrund. Als Ergebnis des IQs der Akteure globalisiert sind allerdings lediglich die Wirkungsmöglichkeiten des Kapitals, welche inzwischen verheerende Entwicklungen eingeleitet haben. Bei Gebrauch des GMV hätte jedoch einem völlig unkontrollierten Kapitalfluss unbedingt eine politisch geführte, kulturelle und soziale Globalisierung

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vorgeschaltet werden müssen. Eine solche wirkliche Globalisierung wird jetzt aber vor dem endgültigen Zusammenbruch des herrschenden Systems nicht mehr erfolgen können. Der Zusammenbruch wird durch die ständig reparierend agierenden Regierungen, die nur noch Marionetten des Kapitals sind, so weit hinausgezögert, bis eine Neuausrichtung nicht mehr möglich ist, was dann aber mit globalisierten, katastrophalen Folgen für den ganzen Planeten zu bezahlen ist. Da der vorausschauende Freigeistige hier das Kapital im Visier hat, ist ER für den politisch korrekten Betrachter sicher erst einmal ein Kommunist oder zumindest ein unverbesserlicher Sozialist. Dass ER sich bei seinen Überlegungen um sein persönliches Auskommen bzw. Einkommen erst einmal keine Gedanken macht und den Blick hauptsächlich sorgenvoll auf die Situation des ganzen Planeten richtet, nimmt der ihn so abqualifizierende Betrachter nämlich nicht zur Kenntnis. In der politischen Diskussion ist dann derjenige, der anzweifelt, dass das auf wenige Köpfe der Gesellschaft konzentrierte Kapital dem Gemeinwohl förderlich ist, und der Kritik an der Ausgestaltung des gegenwärtigen kapitalistischen Systems übt, nichts weiter als ein Neidhammel. Er übt Sozialneid, wirft man ihm vor. Diese wirkungsvolle Wortschöpfung, hier ins Spiel gebracht, ist eine Wunderwaffe gegen den GMV. Dazu ein wenig mehr im Kapitel fünf: „Angebliche deutsche Eigenschaften“.

Wo liegen die Ursachen für das allgemeine Versagen? Zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte gab es Auflösungen von Gemeinschaften organisierter Menschen. In aller Regel waren diese Auflösungen anthropogen begründet; nur sehr selten haben unvorhersehbare Naturereignisse eine Zivilisation ausgelöscht. Häufig war der exzessive Verbrauch der im Einzugsbereich der jeweiligen Zivilisation erreichbaren Ressourcen die Ursache für den Niedergang. Jedenfalls waren in der Rückschau die das jeweilige Gemeinwesen lenkenden Kräfte nicht fähig, die Entwicklung richtig einzuschätzen oder, aus welchen Gründen auch immer, nicht willens, diese Entwicklung abzuwenden. Das hatte für die betroffenen Menschen in jedem Fall schwerwiegende Folgen in Form von Krankheit, Hunger und Tod. Für die Gesamtökologie der Erde waren die Folgen dagegen vergleichsweise gering und eine baldige Regeneration war möglich. Heute aber leben wir in einer Welt, in der das Versagen der

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sogenannten Eliten global wirkende, irreversible Schäden am Ökosystem der Erde anrichtet. Die Ursache für das Versagen der lenkenden Kräfte in den Zivilisationen liegt sehr wahrscheinlich in den Auswahlkriterien, nach denen sie zu Amt und Würden kommen. Es darf wohl ohne Widerspruch festgestellt werden, dass die Menschen, die in leitenden Positionen agieren, überdurchschnittlich intelligent sind. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die Intelligenz, wie sie nach festgelegten Methoden gemessen und nachgewiesen wird – wir erfassen sie im IQ – das überwiegende Auswahlkriterium darstellt. Zum Leidwesen der Menschheit gibt es aber zwischen IQ und dem GMV keinerlei Beziehung. Um unklug zu handeln, bedarf es ganz offensichtlich nicht eines Mangels an nachweisbarer Intelligenz; oder anders herum: nachgewiesene Intelligenz gibt keine Gewähr für kluges Handeln. Das Gemeinwesen lässt sich ganz augenscheinlich nicht mit nach ihrem IQ präferierten Kräften im Sinne von nachhaltig in eine erfolgreiche Zukunft führen. Dafür benötigte es Akteure mit GMV, für den es durchaus Maßkriterien gäbe. Der GMV wird aber in keiner Weise abgefragt. Nun ist es ein schwieriges Terrain, ohne sich dem Vorwurf der Unsachlichkeit auszusetzen, den Unterschied zwischen IQ und GMV erklären zu wollen. Gleichwohl unternehmen wir den Versuch, indem wir als Kriterium anlegen, dass die einer Prüfung unterliegende Handlung in letzter Konsequenz einen greifbaren Nutzen für das Gemeinwesen abwerfen muss.

Wenn zum Beispiel jemand bis auf fünf Stellen nach dem Komma genau ausrechnet, in welcher Zeit ein Mensch mit Lichtgeschwindigkeit von der Sonne zur Erde reist und unter Zugrundelegung der einsteinschen Relativitätstheorie nachweist, dass dieser Mensch in dieser Zeit um 0 Sekunden älter geworden ist, hat er sicherlich einen hohen IQ. Der vom GMV geleitete Mensch wird aber konstatieren, dass die durchaus richtige Rechnung ohne jeden Nutzen ist, weil der Reisende nach dem Eintreffen auf der Erde so alt aussehen würde, wie er es unter naturgegebenen Voraussetzungen niemals mehr werden könnte. Wer zum Beispiel die Bibel, den Koran oder den Talmud auswendig wiedergeben kann, hat nach den angelegten Prüfkriterien sicherlich einen hohen IQ. Das Auswendiglernen eines dieser Werke lässt aber genauso wenig wie das Schaffen eines solchen zwangsläufig auf einen GMV schließen. Oder aber, wer wird

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bestreiten, dass die an der vorderen Front der „Bemannten Welt- raumfahrt“ Beschäftigten mit einem hohen IQ ausgestattet sind. Am GMV derer, die diese Weltraumfahrt vorantreiben, darf aber gezweifelt werden. Der allgemeine Nutzen ist marginal, oder er ist überhaupt nicht vorhanden. Sie befriedigt unter einem unverantwortlichen Einsatz von wertvollen Ressourcen einen in der Urzeit der Menschheitsgeschichte durchaus nützlichen, heutzutage aber völlig anachronistischen Pioniergeist, der für die Erde und alles, was sie beherbergt, zu keinem erkennbaren Ziel führt. Eingeständnis eines deutschen Astronauten: „Ich war schon immer ein Abenteurer.“ Als Rechtfertigung für die gewaltigen Anstrengungen muss dann seit Jahrzehnten die Teflonbratpfanne herhalten, die angeblich ohne die Weltraumfahrt niemals in Mutters Küche gelangt wäre; und da seien ja noch die Satelliten, ohne die wir heute kaum noch leben könnten, Kommunikation, Navigation und Aufklärung wären einfach nicht möglich. Ohne die Frage zu erörtern, ob wir ohne Satelliten nicht auch gut leben könnten, ist ja gegen eine sinnvolle Nutzung von Satelliten nichts einzuwenden. Aber um diese zu nutzen, bedarf es keiner bemannten Weltraumfahrt, wohin auch immer sie einmal fahren wird. Der Kritiker hier möchte aber nicht aus ideologischen Beweggründen und aus Prinzip Spaßverderber sein. Hätte die Menschheit alle wichtigen Hausaufgaben gemacht und auf Erden gäbe es nichts Wichtiges mehr zu schaffen, sollte sie seinetwegen gerne auch zum Spaß von Abenteurern in den Weltraum fahren. Damit wäre der Vorwurf der ideologischen oder prinzipienreiterischen Meinungsbildung widerlegt und nachgewiesen, dass die Ablehnung allein dem GMV geschuldet ist. Als Fazit darf also festgestellt werden, dass der GMV unter den sogenannten Eliten nicht häufiger anzutreffen ist als im Schnitt einer zivilisierten Bevölkerung. Das Gegenteil könnte eher der Fall sein, denn mit steigendem IQ sinkt nicht selten die Bodenhaftung, die durchaus ein Kriterium für den GMV darstellt.

So haben zum Beispiel die Clan-Mütter der indigenen Völker niemals ihren Häuptling nach dessen potentiellem IQ ausgewählt. Allerdings hatte er zum Qualifikationsnachweis mangels Alphabets und mangels Zahlensystems auch kein Abschlusszeugnis vorzulegen. Ein solcher Häuptling hätte bei einer Eignungsfeststellung nach den heute gültigen Maßstäben einer zivilisierten Gesellschaft einen bemerkenswert

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niedrigen IQ gehabt, denn in unseren „Bildungsgesell- schaften“ ist der Nachweis von Fähigkeiten zu einem großen Anteil vom Vorwissen, also von Erlerntem abhängig. Aber der Kandidat musste einen hervorragenden GMV nachgewiesen haben, um zum Häuptling gewählt werden zu können. Der Sinn für die Beurteilung dieses GMV war sicher zu einem guten Teil evolutionär erworben, denn dieser GMV war für das Überleben und das Wohl des Stammes von fundamentaler Notwendigkeit. Beurteilten sie den GMV richtig, war der Stamm erfolgreich, andernfalls ging er bei den gegebenen Natur- und Kulturvoraussetzungen unter und der Erfolg gab ihnen für lange Zeit Recht. Archäologische und anthropologische Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass die Kultur der indigenen Völker auf dem amerikanischen Kontinent ohne tiefe Brüche zwölf bis fünfzehn Jahrtausende überdauert hat. Dass die Ursache ihres Unterganges ihre anfängliche Freundlichkeit gegenüber dem weißen Mann war, ist daher umso tragischer. Sie hätten ohne große Anstrengungen die in kleinen Gruppen, mit nach heutigen Maßstäben kleinen Schiffen einwandernden europäischen Okkupanten vernichten können. Sie haben es jedoch nicht getan, sondern den Einwanderern geholfen, zu überleben und Fuß zu fassen. Hintergründig betrachtet sind sie damit Opfer einer latenten Ideologie geworden. Sie hegten einen alten Mythos, nach dem ein weißer Mann ihrer Wahrnehmung nach von besonders göttlicher Natur sei. Vermutlich war dieser Glaube nicht aus einem reinen Hirngespinst geboren. Anzunehmen ist, dass es zumindest eine frühere, Generationen davor liegende, freundliche Begegnung mit weißen Seefahrern gegeben hatte, die mit ihren aus Sicht der Indigenen imposanten Schiffen und ihrer magisch anmutenden Ausrüstung aus glänzendem Metall einen bleibenden Eindruck hinterließen. Als Dank für ihre Ergebenheit wurden die Indigenen dann von sehr religiösen Menschen, die sich auf Jesus Christus beriefen, ihrer Schätze, ihres Lebensraumes und ihrer Kultur beraubt und durch eingeschleppte Seuchen, Verdrängung aus ihren Lebensräumen und Tötungshandlungen fast vollständig ausgerottet. Wenn die bei den Indigenen latent vorhandene Ideologie vom göttlichen weißen Mann an dieser Stelle nicht ihren GMV getrübt hätte, wären sie gegenüber den weißen Eindringlingen vorsichtiger gewesen. Allerdings trafen hier zwei Entwicklungsstufen aufeinander, nämlich Zivilisierte auf Naturmenschen. Die Indigenen hätten wahrscheinlich

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dem späterhin andauernden militanten Verdrängungsdruck der europäischen Okkupanten nicht standhalten können, aber sie wären deut-icher einem, der Natur des Menschen entsprechenden Reflex gefolgt und hätten das Fremdartige erst einmal skeptischer betrachtet. Diese Reflexe, die als angeborene, artspezifische Eigenschaften des Menschen angesehen werden müssen, wollen wir später genauer beleuchten, wenn wir uns anschauen, woher der Mensch entwicklungsgeschichtlich kommt.

Die Gefahr für die Menschen im Kollektiv wie im Einzelnen geht also immer von ihren Ideologien aus, niemals aber vom GMV. Zur subjektiv erlebten Gefahr kann der GMV nur für die Ideologen werden, die deshalb auch zu allen Zeiten der Geschichte bis in die heutigen Tage den GMV mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft haben. Wer die Authentizität des Wortes Gottes anzweifel- te, wurde verfolgt. Die Erde war eine Scheibe, und wenn die Sinne Zweifel daran anmeldeten, wurde der von Erkenntnis Heimgesuchte mit dem Tode bedroht. Der GMV wurde und wird weiterhin wieder und wieder mit dem Menetekel belegt, ein Abweichen von der Ideo- logie führe zu Unheil. Nun ist aber die Tragödie der indigenen Völ- ker das ganze Gegenteil als ein Indiz dafür, dass das Regime des GMV die Menschheit ins Verderben führen könnte. Ihr Untergang war eben nicht die Folge des GMV ihrer Häuptlinge. Auch bei ihnen stand am Anfang ihres Untergangs unglücklicherweise, aber be- zeichnenderweise die eigentlich so liebenswürdige Ideologie von der Heilsbringung durch den weißen Mann. Die Indigenen hegten weni- ge Ideologien und schon diese eine wurde ihnen zum Verhängnis. Erst recht wird die bis zum heutigen Zeitpunkt alles dominierende abendländische Gesellschaft, die für diese vorerst größte Barbarei in der Geschichte der Menschheit verantwortlich war, am Ende selbst Opfer ihrer gegenwärtigen ideologischen Ausprägung werden und die nächsten einhundert Jahre nicht überdauern. Sie muss nicht da- rauf warten, dass ihr eine Okkupation durch Fremde die Lebens- grundlagen raubt; sie entledigt sich derer in exponentiell zunehmen- dem Eifer selbst. Was Ideologen umtreibt und warum der Mensch für Ideologien so empfänglich ist, wollen wir versuchen zu ergründen, nicht im Glauben daran, die Menschheit damit besser machen zu

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können oder sie „retten“ zu können, sondern aus Neugier, Interesse und um sich individuell besser davor schützen zu können.

Was ist falsch gelaufen bei der Sozialisation eines Men- schen, der so denkt wie der Freigeistige, wird sich der „normale“ Mensch fragen. Hat ER denn noch nie gehört von der Kraft positiven Denkens? Doch, ER hat gehört. Immer wenn am positivsten gedacht wurde, kam die Katastrophe am heftigsten. Unsinkbar war die Tita- nic, erklärten die Positivdenker. Nur jede einhunderttausend Jahre kann es nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Positivdenker zu einem größten anzunehmenden Unfall in einem Atommeiler kom- men. Innerhalb von dreiunddreißig Jahren kam es inzwischen zu dreien, und zwei weitere verhinderte nur ein unbeschreibliches Glück. Der Positivdenker sieht den Tank halb voll und der Spaßver- derber sagt, der Tank ist halb leer. Man kann leidenschaftlich darüber streiten, welche Sichtweise richtiger oder besser ist. Unbestreitbar aber ist die Tatsache, dass der Positivdenker nicht einen Zentimeter weiter kommt als der Spaßverderber, der sich und anderen eventuell den Spaß nicht gönnt, mitten im Kreisverkehr liegen zu bleiben. Je- denfalls hat die Mehrzahl des deutschen Volkes während der einzi- gen zwölf Jahre des tausendjährigen Reiches wie sein Führer, der „größte Feldherr aller Zeiten“, positiv gedacht. Es sollte nicht der Verdacht aufkommen, dass ER das deutsche Volk für die damalige Wahl seines Führers und das positive Denken verachtet, aber ER macht es zu einem Teil mitverantwortlich für die Folgen. Allein ver- antwortlich macht ER es indes nicht, denn jedem Unglück ist eine Ursache zuzuordnen, und diese Ursachen, die der Zeitgeist erfolg- reich aus dem Blickfeld gedrängt hat, werden hier noch beleuchtet werden.

Nicht von ungefähr hat Lord Arthur George Weidenfeld einmal erklärt:

„Hitler wäre ungeheuer vermeidbar gewesen“.

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Quelle: Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereini- gung. Dokumentation, 43 Minuten, Deutschland, USA, Israel, Eng- land, Österreich, Schweiz, 2010. Buch und Regie: Evi Kurz, Produk- tion: TLF-Timelinefilm GmbH Fürth, Erstsendung: ARD, 29. Sep- tember 2010.

Lord Weidenfeld hat sicher nicht so simpel gedacht, Hitler wäre vermieden worden, wenn das deutsche Volk die NSDAP igno- riert hätte.

Die Folgen dieses Unglücks, welche nicht das deutsche Volk allein trafen – nämlich Hitler war ein Unglück und nicht die Verkör- perung deutschen Wesens – haben die Biografie des Freigeistigen hier ganz maßgeblich beeinflusst und ihn gelehrt, hinter die Kulissen zu schauen und zwischen den Zeilen zu lesen. Es gab viele von die- sem Unglück getroffene, integre Menschen, die ihm Werte vermittelt haben und ihm Vorbilder waren. ER mache sich das Leben unnötig schwer, wurde ihm zuweilen von irgendwelchen sonnigen Gemütern erklärt; aber ER ist so, wie ER ist, und ER macht den Menschen, die ihn geprägt haben, keinen Vorwurf für ihr Einwirken. Von solchen, die stumpf und hohl nur Spaß entwickeln, gibt es nach wie vor ge- nug, und ER mochte nicht mehr dabei sein. Um neu hinzugewonne- nen Bekannten zu erklären, warum ER nicht mehr alles mitmacht und annimmt, was uns unsere Gesellschaft heute bietet, hat ER ein- mal die folgend eingefügte Erklärung verfasst. Wider sein Erwarten sind aus den Bekanntschaften Freundschaften geworden.

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Gesunder Menschenverstand oder Irrsinn?

Hier möchte ich den Versuch unternehmen, unter Einflechtung bildhafter Sprache so kurz gefasst wie möglich darzustellen, wie der sachlich orientierte Denker in mir die Welt und sich selbst wahrnimmt.

Weswegen? Es wird häufig die Situation eintreten, dass ich mich an Populärem nicht beteilige; andererseits werde ich Dinge tun, für die nur die wenigsten Menschen ein Verständnis haben. Ich erin- nere mich in diesem Zusammenhang, dass ich von früher Jugend an so manches Tun und Lassen, einschließlich dessen der Erwachsenenwelt, mit großem Unbehagen registrierte, weil es mir unvernünf- tig, unlogisch oder irrsinnig erschien. Viel zu häufig durfte ich im Nachhinein erleben, dass es am Ende jeweils auch wirklich unvernünftig, unlogisch oder irrsinnig gewesen war. Nur hatte vor fünfzig Jahren der jeweils praktizierte Unfug noch keine ultimative, globale Auswirkung, und es waren die zur Verfügung stehenden Instrumente der Akteure nicht so durchschlagend gefährlich wie heutzutage. Des- halb war ich in jenen Zeiten zwar oft verwundert bis schockiert, aber nicht nachhaltig beängstigt.

Später, so etwa um mein 30. Lebensjahr herum, wurde mein von Kindheit an immer wieder auftretendes körperliches Unbehagen als eine so genannte larvierte Depression diagnostiziert, aber eine wirklich erfolgreiche Therapie ist mir nicht zuteil geworden. In den letzten Jahren kommt, so deute ich das selbst, eine offen erkennbare Depression hinzu, die sich darin äußert, dass ich mich mehr und mehr von der Gesellschaft zurückziehe. Ich finde mich wieder in einer völlig machtlosen – oder besser formuliert – hilflosen Minderheit nicht ganz normaler Menschen.

Tagtäglich begleitet mich die biblische Metapher des Essens vom Baum der Erkenntnis. Ich habe das Gefühl, aus dem Paradies vertrieben zu sein. Ganz schlicht formuliert, erlebe ich meinen Men- schenverstand wie ein endogenes Toxin. Unsere Gesellschaft wird mir sukzessiv fremder. Ein erdrückender Schatz selbst gewonnener

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Erkenntnis steht in einem nahezu unüberbrückbaren Gegensatz zu dem, was ich als kollektiven Irrsinn wahrnehme. Unter Beachtung universaler Gesetze und Regeln sagt mein Verstand mir, dass ich mich bei der Beurteilung dessen, was ich kollektiven Irrsinn nenne, nicht von Gefühlen oder Ideologien leiten lasse. Immer stärker spüre ich, dass ich diesem kollektiven Irrsinn nicht mehr ausweichen kann, und er immer tiefer in mein Refugium eindringt, in dem es sich für einige Zeit ganz gut leben ließ. Die überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaft würde mich bei Verlautbarung meiner Erkenntnisse verachten. In den Zeiten der Inquisition wurde der Dissident wenigstens noch ernst genommen und konnte, wenn er beharrlich genug seine Position vertrat, als Fanal auf dem Scheiterhaufen landen. Heutzutage aber empfinde ich eine Verachtung insbesondere darin, dass der kritisch denkende und handelnde Mensch nicht einmal die Gnade erfahren kann, ein Opfer zu sein. Er wird gnadenlos mittels der kultivierten Ignoranz eliminiert. Ich sehe, wie die moderne Aristokratie, gehegt im globalen System der Oligarchen, offensichtlich so unangreifbar fest im Sattel sitzt, dass sie von keinem Menschen mehr Notiz nehmen muss, solange er sich nicht terroristischer Mittel bedient. Das entspricht für mich der Perversion der demokratischen Gesellschaft.

Eine Minderheit würde meine Sicht auf die Dinge mit mir teilen, aber sie würde sich nicht betroffen fühlen wie ich oder sich wenig interessieren. Einige wenige Menschen sehen die Dinge genau wie ich und arbeiten kraftvoll gegen den Lauf der Dinge an. Was sie von mir unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie nicht wissen und nicht merken, dass sie derzeit gegen den kollektiven Irrsinn machtlos sind. Dann gibt es unter den wenigen einige, wie meine besten Freunde, die genau wie ich wissen, dass wir wenigen, sogar alle gemeinsam, machtlos sind, aber was sie von mir unterscheidet, ist, dass sie nicht das Gefühl haben, diese Erkenntnis mache sie krank. Sie beklagen auch wie ich, dass die Lerche nicht mehr singt, aber sie sind nicht so traurig darüber wie ich. Sie beklagen wie ich, dass unsere Gesellschaft ihre Orientierung auf das Menschsein verliert, aber es deprimiert sie nicht so wie mich. Usw., usw.

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Glaube, Hoffnung und Liebe sollen, so sagt man, die drei tragenden Säulen einer gesunden Seele, eines sonnigen Gemütes sein. In mir ist dieses Gerüst vollkommen aus dem Gleichgewicht geraten. Ich entwickle so unendlich viel Liebe im Einzelnen und im Allgemeinen. Ich liebe diesen Planeten, unsere Erde, als einen Teil der wunderbaren Schöpfung und sehe ihn so sehr bedroht durch den universalen, kollektiven Irrsinn. Aber ich habe keinen Glauben mehr, weil die Erkenntnis mir sagt, dass den Schöpfer mein Wohlergehen und das des betreffenden Planeten nicht interessiert. Seine Allmacht ist groß, aber er kann sich nicht um alles kümmern, denn er schöpft Zeit um Zeit weiter. Uns moderne Menschen hat er schon seit langem in die Selbständigkeit entlassen. Sein Wort: „Seid fruchtbar und mehret euch und machet euch die Erde untertan“ kann nichts anderes meinen als, ihr seid für euch selbst verantwortlich. Ich setze auch keine Hoffnung mehr darauf, dass die Menschheit dieser Verantwor- tung für sich selbst und für die anderen Geschöpfe auch nur ansatzweise gerecht werden wird und sehe damit das „Experiment Menschheit“ der Schöpfung als gescheitert an. Die Schöpfung irritiert das nicht, denn sie schöpft weiter von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das ist keine religiös verklärte Sicht, sondern nichts anderes als eine Erkenntnis wie Einstein und Seinesgleichen sie erlangt haben.

Weswegen habe ich den Glauben an einen universellen gesunden Menschenverstand verloren? Gab es ihn jemals? Hatten die amerikanischen, die südostasiatischen und die australischen Urvölker nur zu wenig Verstand, um den kollektiven Irrsinn zu entwickeln?

Da schießen heute „Wissenschaftler“ kleine Affen gegen eine Betonwand und veröffentlichen als sensationelles Forschungsergebnis, dass die Äffchen umso kaputter sind, je beschleunigter sie an die Wand geschossen wurden. Unser Gemeinwesen fördert diese „Forschung“, indem es Mittel für neue Affen bereitstellt und die „Wissenschaftler“ entlohnt. Dieses groteske Beispiel steht für unzählige andere. Selbstverständlich gibt es auch Forschung seitens Wis- senschaftlern mit gesundem Menschenverstand, aber diese sind auch hier wieder die erfolglose Minderheit, weil ihre Ergebnisse oft nicht opportun, nicht sensationell oder zuweilen gar unbequem sind. Es gibt auch wenige Wirtschaftler mit nicht normalem Menschenver-

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stand, wie zum Beispiel einen Unternehmer, der in seinem erfolgreichen Unternehmen 23000 Mitarbeiter beschäftigt und zu ultimativen Erkenntnissen gelangt ist wie ich. Er stützt dieses Gemeinwesen mit einem Jahresumsatz von mehr als vier Milliarden €, aber auch von ihm würde niemand hören wollen, was er zu sagen hätte. Es ist wohl aussichtslos.

Für mich persönlich kommt erschwerend hinzu, dass seit meinem Heranwachsen fast immer alles so gekommen ist, wie ich es habe kommen sehen. Das gilt noch mehr für die allgemeine Entwicklung als für meine eigene. Nichts hat das mit Hellseherei oder Pro- phezeiung zu tun, sondern immer war die Vision das Ergebnis der Anwendung grundsätzlicher Regeln, Beachtung der Naturgesetze und Würdigung der zehn Gebote als Basis des sozialen Rechts. Und nun erwarte ich nichts Gutes mehr. Alles, was die Menschheit ausmacht, wird mir immer fremder und das Mitmachen fällt mir immer schwerer.

Es ist richtig, Katastrophen haben sich immer ereignet. Da waren die Sintflut, der Turmbau zu Babel oder Sodom und Gomorrha. Das aber waren lokale Ereignisse, und wenn nur Metaphern, wollten sie zeigen, wohin das Wirken von Menschenhand führen kann. Und es bot sich noch die Arche, man konnte Babylon verlassen oder Sodom und Gomorrha den Rücken zukehren, ohne zurückschauen zu müssen. Dagegen, gemessen an der kommenden Sintflut, gemessen am derzeitigen Turmbau zu Babel und gemessen am gegenwärtigen Sodom und Gomorrha, woran die Menschheit in aller Entscheidungsfreiheit so ungehemmt wirkt, werden alle Katastrophen der Vergangenheit wie ein kleines Unglück erscheinen.

Ein schwacher Trost, wenn der 58 jährige Mensch resümiert, dass er das Hauptereignis, mit dem die Menschheit in Agonie fällt, hoffentlich selbst nicht mehr erleben wird. Wenn bei der Sicht auf das, was geschehen wird, Fatalismus angezeigt wäre, wäre es gut zu ertragen. Die Schöpfung jedoch hat nur vorgesehen, dass auch unser Stern, unsere Sonne, irgendwann in ferner Zukunft in die Ewigkeit vergehen muss. Die Gewissheit, dass wir moderne Menschen als Ganzes bis dahin zu jeder Zeit die Wahl hatten, Zukunft zu gestalten

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oder zu verwirken, bedrückt mich zutiefst. Diese Gedanken begleiten mich alltäglich. Ich ziehe bedeutungslos mit inmitten der Masse Mensch und weiß genau, wohin wir gehen müssten, um den Fall in die Hölle abzuwenden, aber die Masse geht zur Hölle auf ihrem vermeintlichen Weg ins Paradies. Ein Trost ist, dass es die Hölle in Wirklichkeit nur auf Erden gibt.

Ich merke immer eindringlicher, ich bin nicht normal. Die Kenntnisnahme, dass es Menschen gibt, die in mir einen wertvollen Menschen sehen, hat mir leider nicht nachhaltig geholfen. Allerdings strebe ich nicht mehr danach, normal zu werden oder die Rolle des Normalen zu spielen, aber das macht einsam. Es gibt zu wenige Menschen, mit denen jemand wie ich über das, was er denkt, sprechen kann, und mit denen er seine Sorge teilen kann. Ja, ich bin aus dem Paradies vertrieben, und ein Weg zurück steht mir nicht zur Verfügung. (Fürchte ich). Auch Jesus, den mir ein lieber Mitmensch empfohlen hat, kann mir einen solchen Weg nicht weisen, sind doch sogar manche Theologen mit mir einig, dass Jesus Christus in etwa so viel Gottes Sohn war, wie Che Guevara, Robin Hood, Peter Pan oder Du und ich. Deshalb möchte ich nach einem Refugium suchen, in dem ich mich für die wenigen Jahre, die ich noch dabei sein darf, einigermaßen wohl fühlen kann. Ich weiß, die Schöpfung würde es mir gönnen, aber bei der Suche selbst kann sie mir nicht unmittelbar helfen. Ich weiß, es wird schwer sein, es zu finden, aber aufgeben möchte ich noch nicht.

Inzwischen fühlt sich der Freigeistige bei seinem Geisteszustand ausgesprochen wohl. Der Psychiater Dr. Manfred Lütz hat ein Werk verfasst, in dem er alle möglichen, beim Menschen zu Tage tretenden Geisteszustände im wahrsten Sinne des Wortes sehr ausgiebig behandelt. Es ist ein sehr seriöses und gleichwohl erheiterndes Buch mit dem Titel: „Irre, wir behandeln die Falschen“. Hier findet ER sich an vielen Stellen wieder und weiß seither, dass er nicht behandelbar ist.

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Kommen wir zurück auf die Frage, wie konnte aus einem Menschen ein solcher Querkopf werden? Mit einigen wenigen Sätzen ist diese Frage nicht zu beantworten. Nur eines sei vorweg verraten: Nichts auf der Welt hat sein Denken und Handeln so tief und nachhaltig beeinflusst, wie die Worte eines Mannes, dem er vor vielen Jahren in der Nähe der Stadt Kamloops in Kanada begegnete. Sie haben sich fest in das Gedächtnis des Freigeistigen eingebrannt und hatten – aus dem Gedächtnis zitiert – etwa folgenden Wortlaut:

Du hast uns in die Berge, in die Reservation vertrieben, weißer Mann.

Aber wir leben, vielleicht mühsamer als Du, doch mit Stolz im Gedenken an unsere Ahnen.

Schau dir den Fluss an, an dem wir lagern, aus dem wir unser Wasser schöpfen.

Schau dir den Fluss an, an dem du dich niedergelassen hast. Und du beklagst dich, das gute Wasser gehe zur Neige?

Schon vor 150 Jahren hat unser großer Häuptling es euch prophezeit:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen,
werdet ihr feststellen,

dass man Geld nicht essen kann!“

Alles, was den Freigeistigen vorher geformt hat, stattete ihn lediglich mit den Rezeptoren aus, an die sich diese Worte so fest binden konnten.

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Woher kommt der Freigeistige?

Wo kommt ER also her? Eigentlich verdankt ER sein Leben einem Pferd. ER verehrt diese Tiere, die durch ihre artspezifischen Eigen- schaften, Gehorsam zu leisten und ihre Kraft zur Verfügung zu stellen, dem Menschen zu seiner Größe verholfen haben. Dass der Mensch mit seiner erlangten Größe nicht umzugehen weiß, liegt jedenfalls nicht in der Verantwortung des Pferdes. Ja, es war ein Pferd, ein ukrainisches Panjepferd, das mit seinem Gehorsam und seiner Menschenfreundlichkeit dazu beigetragen hat, dass es ihn heute gibt. Da war eine ganze Reihe unglaublicher Geschicke, die die Frage seines Seins oder Nichtseins beeinflusst haben, aber die Ge- schichte um dieses Pferd hat sich besonders tief in seine Seele eingegraben. Es liegt ihm fern in der Art eines Groschenromans Kriegsabenteuer erzählen zu wollen, aber die folgenden Schilderungen, die sich ihm nach den Erlebnisberichten seines Vaters eingebrannt haben, gehören einfach zum Bild, das man sich machen muss, um zu verstehen, was ihn unter anderem geprägt hat.

Sein Vater, aufgewachsen im Ort Rohnstock in der Nähe des Riesengebirges, hatte als Soldat den Zweiten Weltkrieg vom Anfang bis zum bitteren Ende miterlebt. Im Jahre 1912 geboren, verlor er schon im Alter von siebzehn Jahren beide Elternteile, erhielt aber seinen Halt in der Familiengemeinschaft dreier älterer Schwestern. Alle sechs Geschwister waren Kriegskinder des Ersten Weltkriegs und hatten Hunger und Not am eigenen Leib verspürt, eine Erfahrung, die die jüngeren Generationen nicht machen mussten. Vieles, was die Geschicke des deutschen Volkes und damit der ganzen Völkergemeinschaft ausmacht, ist mit diesen Erfahrungen untrennbar verbunden. Aber der Zeitgeist blendet diese Zusammenhänge aus und verhindert damit ein wirkliches Lernen aus der Geschichte. Das liegt zu einem Teil daran, dass die Geschichte weitgehend allein von den Siegern aufgeschrieben wird, und daran, dass es Gruppierungen gibt, die aus den Auswirkungen der Geschichte Kapital schlagen.

Der Vater erlernte das Handwerk des Hufbeschlagschmiedes und erfuhr in den Jahren von 1930 an die Not der Arbeitslosigkeit.

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Fortsetzung wird folgen.

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3 Kommentare

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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  2. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  3. Ich glaube da brauch ich ein bissl Zeit für, danke für’s einstellen hier….

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