Sehr eindrücklich! Danke, Herr Langemann!
Thom Ram, 05.03.NZ14
Guten Morgen, liebe Leserin.
Guten Morgen, lieber Leser.
Der Abend senkt sich über Dubai mit jener eigentümlichen Sanftheit, die Wüstenstädten eigen ist, wenn die Hitze des Tages langsam aus dem Asphalt weicht und sich die Luft in ein mildes Versprechen verwandelt. Es ist Ramadan. Vom Hotelgelände weht arabische Musik herüber, getragen vom Stimmengewirr des Iftar, des abendlichen Fastenbrechens. Die Poollandschaft schimmert bläulich, beinahe unwirklich ruhig. Nur acht Kilometer entfernt liegt der Flughafen, sichtbar und doch scheint er in eine andere Welt versetzt. Kein Flugzeug hebt ab, keines landet. Ein Himmel, der sonst von Maschinen durchzogen ist, liegt heute still über der Stadt.
Ich hatte Ihnen versprochen, mich gelegentlich zu melden, wenn es die Zeit und die Umstände erlauben. Nun ist die Zeit knapp, die Umstände außergewöhnlich.
Der Tag begann mit einem einfachen Ziel: dieses Land verlassen. Doch wer einmal versucht hat, in einem geopolitischen Ausnahmezustand einen Flug zu buchen, lernt rasch, dass Planung eine fragile Angelegenheit ist. Airline-Hotlines sind rund um die Uhr überlastet. Webseiten laden, brechen zusammen, aktualisieren sich im Sekundentakt. Ein digitales Flugbingo.
Ein Flug nach Riad erscheint auf dem Bildschirm, zwei Plätze frei. Vielleicht von dort weiter? Drei Minuten überlegen. Zu lange. Weg. Also die Malediven. Die Route führt nicht über die arabische Halbinsel, ein Vorteil in diesen Tagen. Malé könnte ein Sprungbrett sein. Anschlußflüge in den nächsten Tagen sind das Problem. Singapur vielleicht, von dort nach Frankfurt. Fünf Minuten nachgedacht. Auch dieser Restplatz verschwunden. Also ein neuer Plan: über Land in den Oman. Von Maskat nach bella Roma. Und von dort weiter Richtung Norden, zurück nach Europa, zurück nach old „Wokistan“.
Warum diese Eile? Der Kongress, neun Monate vorbereitet, mit Sorgfalt geplant, mit Gästen aus mehreren Kontinenten, wird so nicht stattfinden. Die Region steht unter Beschuß, die Lufträume sind unsicher, die Risiken zu groß. Währenddessen wartet bereits die mühsame Rückabwicklung: Verträge, Hotels, Flüge, Lieferanten, Erwartungen.
Da kam eine weitere Meldung hinzu. Am 3. März schlug auf dem Gelände des US-Konsulats in Dubai eine Kamikaze-Drohne ein, und kurz darauf erklärte die Pressesprecherin des Weißen Hauses in Washington, man habe bereits siebzehntausendfünfhundert Amerikaner ausgeflogen. Die übrigen würden persönlich kontaktiert und kostenlos nach Hause gebracht. Am selben Tag wurde ein iranisches Kriegsschiff versenkt. Ereignisse verdichten sich.
Das VAE-Verteidigungsministerium meldet allein gestern wurden 3 ballistische Raketen und 121 Drohnen abgefangen; 78 Verletzte. So geht es hier Tag für Tag.
Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – ist das Leben hier merkwürdig normal. Es gibt gelegentlich Detonationen, ein fernes Grummeln irgendwo am Horizont. Geräusche, die man nicht zuordnen kann und vielleicht auch gar nicht zuordnen möchte. Aber die Restaurants sind geöffnet, die Straßen belebt, die Geschäfte hell erleuchtet. Man sitzt gewissermaßen auf einem Pulverfass und blickt dabei in einen sommerlauen Abend. Die Dissonanz könnte kaum größer sein. Ein Grund dafür ist unsichtbar. Über dieser Region liegt eines der leistungsfähigsten Luftverteidigungssysteme der Welt. Raketen, Drohnen, Flugkörper – vieles wird abgefangen, bevor es überhaupt sichtbar wird. Technik als Schutzschirm. Die Menschen hier scheinen diesem Schutz zu vertrauen. Eine Social-Media-Umfrage, die heute kursierte, spricht von fünfundneunzig Prozent Vertrauen in Staat und Führung, fünf Prozent bleiben skeptisch. Was ich sehe und höre, deckt sich erstaunlich mit dieser Zahl.
Am Nachmittag verbreitete sich ein Video rasend schnell im Netz: Die beiden führenden Scheichs der Emirate gehen durch die Dubai Mall, ohne sichtbare Abschirmung, ohne Panzerglas. Scheich Muhammad bin Zayid Al Nahyan, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, und Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, Vizepräsident und Premierminister. Sie gehen unter den Menschen. Mein innerer Propaganda-Detektor meldet sich natürlich sofort, und doch spürt man: Diese Geste ist bewusst gesetzt. Nähe. Leadership.
Ich stelle mir im gleichen Moment einen deutschen Regierungsvertreter vor, vielleicht an der Wursttheke im KaDeWe. Eine Szene, die man sich kaum vorstellen mag. Auch deshalb, weil mir spontan nicht einmal mehr Namen dieser Minister einfallen. Zu fern, zu austauschbar. Was hier sichtbar wird, ist ein anderes Verständnis von politischer Autorität. Nicht unbedingt demokratischer, aber spürbarer. Es ist die Idee, dass Macht sich zeigen muss, gerade dann, wenn Unsicherheit in der Luft liegt. Dass Führung Präsenz bedeutet, auch intellektuelle. Vielleicht ist es genau dieser Unterschied, der mir das Gefühl gibt, zwischen zwei Welten zu stehen.
Hier die Wüste, der warme Abend, das Fest des Ramadan, eine Gesellschaft, die trotz Bedrohung erstaunlich ruhig bleibt. Und dort Europa, wohin ich bald zurückkehren werde. Ich stelle mir vor, wie ich die Wüste aus meinen Schuhen schüttle, irgendwo im grauen Deutschland aus einem Flugzeug steige und in Gesichter blicke, in denen nicht Glanz, sondern Müdigkeit liegt. Eine andere Art von Unsicherheit. Der Gedanke daran ist beinahe schwerer zu ertragen als das entfernte Grollen, das gelegentlich über den Himmel von Dubai zieht.
Mit herzlichen Grüßen aus dieser sonderbaren Zwischenwelt.
Und einem Dank für Ihre Unterstützung.
Ihr
Markus Langemann