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132. von 144 – ELTERN, KIND UND KINDERSTUBE – Kindliche Macht

Eckehardnyk, Montag, 23. Mai NZ 10

1.

Bei Jirina Prekop kannst du mal nachlesen, was ein Kind alles mit seinen Eltern veranstaltet, wenn es „Macht“ über sie erlangt. Ihr Buch 1) erzählt skandalöse Beispiele von elterlicher Unterwerfung und nennt Methoden, einen Weg da wieder heraus zu finden. Ich glaube, daß die Autorin eher auf eine Entartung kindlicher Macht aufmerksam gemacht hat; denn der Zauber, den Kinder durch ihr Wesen über uns legen, kann sie nicht zur „Entmachtung“ vorgesehen haben (das zeigt schon der Untertitel, siehe Fußnote).

Denk nur an die beiden Weihnachtsgeschichten in christlichen Evangelien: Hirten werden von ihrer Nachtwache bei den Schafen, und Könige oder Magier aus fernen Ländern herbei gelockt, um einem Neugeborenen zu huldigen. Oder alltäglich zu sehen: Wie viel Anziehungskraft übt ein Baby allein schon durch seine Existenz in einem Kinderwagen oder bei seiner Taufe auf wildfremde Menschen aus?!

2.

Was ist denn Macht? Ein Presslufthammer oder sein weithin Aufmerksamkeit erdonnerndes Gerüttel, das alle Wesen in der Umgebung auf sich hin lenkt? Es obliegt nicht mal dem aufmerksam Machenden selbst, diese Macht in eine Handlung umzusetzen. Das ist, bei berühmten Kindern dann Sache der Eltern, dem allgemein entstandenen Interesse Gewinn bringende Schritte folgen zu lassen. Die kindliche Macht erscheint mir gerade als das Gegenteil von Machtanwendung. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen: Machtbesitz und Machtausübung sind zwei Enden derselben Sache.

Wer Macht besitzt, hat wenig mit ihrer Ausübung zu tun, und wer Macht ausübt, hat, je mehr und blutiger er damit beschäftigt ist, desto weniger mit ihrem tatsächlichen Besitz zu tun. Du wirst einen mittelalterlichen König, der Macht bekam, Urteile zu fällen, in einer höheren Position finden als einen Henker, der es zu vollstrecken hatte.

3.

Zurück zu unseren Kindern dürfen wir annehmen, daß „sicher gebundener“ Nachwuchs unsere volle Aufmerksamkeit und Zufriedenheit besitzt, und damit sehr mächtig ist. Denn er hat uns als seine wichtigsten „Vollstrecker“, wo immer seine Bedürfnisse unseren Einsatz erfordern. Ist aber unsere Zuwendung durch irgendetwas gestört oder unterbrochen, so können die Pflegehandlungen mitunter weniger aufmerksam vollzogen werden oder ganz wegfallen und das Kind fängt an, nach Ersatz zu suchen und ihn möglicherweise zu erzwingen; in den harmlosen Fällen durch Weinen oder Gebrüll.

Doch in nachhaltigen Ausfällen durch andere Auffälligkeiten, wie nämlich; Häufiger als nötig Infekte bekommen oder Symptome produzieren wie ins Bett machen, Haare ausreißen, Nägel beißen, Nahrung verweigern, Schreien nicht enden lassen oder andere Rückfälle auf verlassene Entwicklungsstufen in abartiger Weise. All das dient der Rückgewinnung von ursprünglich selbstverständlichem Ansehen, das ein Kind als „Geburtsrecht“ bei seinen Eltern hatte.

4.

Tyrannische Symptome, die Eltern zur Verzweiflung bringen, sind demnach Zeichen von kindlicher Ohnmacht oder von „ambivalenter“ und „chaotisch unsicherer Bindung“. Sie haben nichts mit kindlicher Macht zu tun. Wer Gewalt anwenden muss, besitzt keine Macht, und umgekehrt: Wer wirkliche Macht innehat, braucht sich um Zwang und Gewalt nicht zu kümmern. So einfach diese Dinge liegen, so schwierig sind sie im akuten Fall einzusehen. Dem schreienden und in verrücktesten Formen um seine Anerkennung kämpfenden Kind werden wir nur dann gerecht, wenn wir ihm seine Souveränität wieder geben und ihm durch eine geradezu andächtige Weise von Hingabe garantieren, die eigentlich bescheidenen Bedürfnisse seiner schwachen Existenz zu erfüllen, die es im Lauf seines Kinderlebens entwickelt.

5.

Eine gute Einrichtung kann dabei für dich und deine Kinderschar sein, wenn du dich vor deinem eigenen Einschlafen des Nachts einen extra Ruhezustand gönnst. Tritt in gedankliche Zwiesprache mit einem jeden von ihnen und versenke dich in die gefühlsmäßige Befindlichkeit eines jeden.2) Du wirst auf Ideen stoßen, die dir am nächsten Tag zu Hilfe eilen. Wenn du solche Eingebungen in einer störungslosen Situation auf dich wirken lässest, wirst du dies als die wirkliche Macht jedes deiner Kinder empfinden, die du ausüben darfst, und daran erkennen mögest, daß wahre Macht selbstlos und ihre Ausübung Dienst ist.

© eah 26. März 1999 und 23. Mai 2022

1) Jirina Prekop, Der kleine Tyrann. Welchen Halt brauchen Kinder? (München: Kösel, 1988) ISBN 3-466-34198-1

2) Diesen Vorschlag machte Rudolf Steiner den ersten Klassenlehrern der neu gegründeten freien Waldorfschule in Stuttgart auf der Uhlandshöhe.


5 Kommentare

  1. Bettina März sagt:

    Werter Eckehardnyk, 23.05.Anno 2022,

    wird ein Kind in eine intakte Famile geboren, was absolut erstrebenswert ist, und nimmt, weil es so hilflos ist, die ganze Liebe auf, wird wohl auf einer Ebene ein gewisses „Recht“ auf das kleine Wesen projeziert. Das „Recht“ über die Erwachsenen zu bestimmen. Das kleine Wesen gewöhnt sich mit der Zeit daran, daß es nur zu „schreien bzw. quengeln“ hat, und die Erwachsenen springen und rennen.

    Was ganz natürlich erst mal ist. Meistens geht das bis zum dritten Lebensjahr.

    Aber dann: Die Ich-Entwicklung; den kleinen Trotzphasen folgend „Erziehung“ usw.. jetzt werden auf einmal „Grenzen gesetzt“, von diesen Erwachsenen, die das kleine Wesen bis dahin wie einen kleinen „Gott“ behandelt haben.

    Plötzlich wendet sich das Blatt. Der kleine König oder Königin (alles bildlich geschrieben) wird nicht mehr so behandelt, wie die ein, zwei, drei Jahre zuvor.

    Ja, jetzt beginnt der „Ernst des Lebens“. Kindergarten!!!!!!?????

    Wenn es für den kleinen Sprößling nicht ganz so gut läuft: Kita. Obwohl es soll auch gute „Kitas“ geben….. So what…

    Und was aus den kleinen Menschlein wird, früher oder später, erntet die „Menschheit“.

    Die wichtigten ersten drei Jahre………………………..

    Und natürlich: War es der Erstgeborene, der Zweite (das Sandwich, wenn ein Dritter kommt?)….oder noch viel mehr Geschwister?????

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  2. palina sagt:

    danke Ecky für diesen Beitrag.
    Klar ist eines, die Kinder-Begleitung hängt von den Eltern ab.
    Diese wiederum bildet eine Gesellschaft.
    Volks-Gemeinschaft.

    Nun hat sich diese Volks-Gemeinschaft so um-programmieren lassen, dass sie nur noch auf die „materiallen Dinge“ schaut.

    Sprich Leistungs-Gesellschaft und Konformitätsdruck.

    Beobachte das schon seint Jahrzehnten. Die Kinder „erziehen“ die Eltern.

    Weil die Erwachsenen ihre Kinder als „Freunde“ ansehen. Und Autorität gesellschaftlich verpönt wurde.

    Gibt es auch vermehrt bei Großeltern.

    Auch die sehen die „Kleinen“ als ihre Freunde an. Immer lieb und nett und alle Wünsche erfüllen.

    Nun, der Vorschlag von Steiner ist mir bekannt.
    Und ich kann dir aus Erfahrung sagen, wenn ich mit einem Kind (Probleme liegen immer bei den Eltern) Konflikte hatte, dann habe ich mich an den Schutzengel dieses Kindes gewendet.
    Und es hat gewirkt.

    Kinder brauchen die Erwachsenen als Vorbild und auch ihre Grenzen.

    Nur leider sind viele der Eltern nicht mehr in der Lage dazu. Weil sie selbst sehr stark verunsichert sind.

    Die Menschenkunde von Rudolf Steiner würde weiterhelfen.

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  3. eckehardnyk sagt:

    Palina: So ist es, die Allgemeine Menschenkunde hat mir den Einstieg nach einem halben Jahr Sturm eine ruhige Klasse mit 12-Jährigen verschafft. Der Machtwechsel, von dem Bettina schrieb, ist natürlich das Eine, klar, doch die Skandale der von Prokop beschriebenen Kinder reichen auch in höhere Altersstufen. Macht ist ein neu zu durchdenkender Begriff, den ich vor einem Vierteljahrhundert präsentiert bekam, als mir so viele Eltern von ihren „Machtkämpfen“ mit ihrem Nachwuchs präsentierten.

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  4. palina sagt:

    @ecky
    und genau diese Menschenkunde verschwindet so langsam an den Waldorfschulen.
    Was ich sehr bedauere.

    „Machtkämpfe“ mit pupertierenden sind normal.

    Wenn im 1. und 2.Jahrsiebt die Grundlagen stimmen, dann geht auch nix mehr schief.

    Eltern müssen dann „Gottvertrauen“ haben.

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  5. Thom Ram sagt:

    Hochwertvolles Kapitel mit äusserst wichtigem Inhalt. Danke, Ecki.

    Kinder werden in den ersten zwei Lebensjahren gestrickt, und mit „stricken“ meine ich „prägen“. Erhalten die Kinder in den ersten zwei Jahren das, was sie brauchen, dann sind später sich anbahnende Konflikte leicht zu lösen. Ohne Gewalt, ohne Übergriffigkeit, weder von elterlicher Seite noch von Seiten des Kindes.
    Ich kann mich nicht erinnern, mit meinen Kindern jemals Machtkämpfe ausgefochten zu haben. Gab es ein Problem, dann betrachteten wir es gemeinsam und suchten und fanden gemeinsam Lösungen.

    Grenzen setzen? Manchmal ist es elterliche Pflicht. Doch immer ist es möglich, dem Kinde Einsicht zu vermitteln, warum da eine Grenze ist. Kinder, welche Vertrauen in ihre Erwachsenen haben, sind überragend einsichtsfähig und -willig.

    Das geht mir auch mit den Kindern hier so.
    Manchmal bedarf es des Aufwandes und der Geduld. Beispiel: Agus begann als knapp 10 jähriger für unser Dafürhalten allzulange auswärts zu weilen, im Dorfe, mit seinen Kameraden. x Male setzten wir uns zusammen und suchten eine Regelung, welche für das Kind passend und für uns erträglich war. Wir schafften das, fanden eine einfache zeitliche und örtliche Regelung. Keine Minute hatten wir deswegen sowas wie Machtkampf.

    Uff, der Umgang mit Kindern, welche im Vertrauen leben ist sowas von schön und erheiternd. Alle, als sie etwa zwei waren, begannen damit, meine Zigischachteln zu untersuchen, wollen sie öffnen und schließen, mit dem Resultat, dass der Deckel zerknautschte. Kein Problem. Gaanz langsam machte ich vor, wie das Öffnen und Schließen vor sich geht. Und gaanz langsam danach ahmten sie es nach. Mit zahnärztlicher Sorgfalt. Erfolg. Strahlen. Lachen.

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