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Die Stadt der Sehenden

(Ein Beitrag von Ludwig der Träumer, 04.02.2017 / 04.02.0005) Einen verregneten stürmischen und kalten Sonntag machen die Politiker verantwortlich für die geringe Kommunal-Wahlbeteiligung in einer westlichen Hauptstadt. Dazu noch 70% leer abgegebene Stimmzettel, während in den Landgemeinden keine Auffälligkeiten zu verzeichnen waren. Es kann nicht sein was nicht sein darf. Nur 13% stimmten für Rechts, 9% für die Mitte und 2,5% für Links. Bezogen auf alle Wahlberechtigten erhielten die Politiker nur noch 5% Rückhalt in der Bevölkerung. Es wurde eine Wahlwiederholung beschlossen, die noch erbärmlicher ausfiel.
Der Anteil der leeren (weißen) Stimmzettel hat sich auf 83% erhöht.
Alle Politiker vermuteten eine Verschwörung gegen die Demokratie, schleusten Spitzel und Geheimagenten unters Volk um die Drahtzieher zu entlarven. Es gab jedoch keinerlei Hinweise über Absprachen. Nicht einmal innerhalb Familien, die wahllos abgehorcht wurden. Es schien als hätte jeder diese Entscheidung zum Wahlboykott im Stillen und nur für sich getroffen. Das brachte die Politiker noch mehr in Rage.

Der Premierminister, den eigentlich eine Kommunalwahl nichts angehen dürfte, prangerte das als „brutalen Schlag gegen die demokratische Normalität unseres Lebens und Gemeinwesens“ an.

Anm.: Das Recht, die vordiktierten Politikschranzen nicht zu wählen betrachten diese als brutalen Schlag gegen die Demokratie.

Das Thema wurde zur Chefsache erklärt. Die haben befürchtet, daß die kleinste Abweichung des Wählerverhaltens in einer sonst bedeutungslosen Stadt – also ein Funke zum bundesweiten Brandherd werden und somit deren Existenzberechtigung in Wackeln bringen könnte. Sonst nur in Diktaturen üblich, beschließen die hart durchzugreifen um das Wahlvieh wieder auf Kurs zu bringen. Im Kanzleramt herrscht pure Panik. Die Macht muß zurückerobert werden. Es werden wahllos Bürger mittels Lügendetektoren um ihre Motivation zur Wahlverweigerung befragt – ergebnislos.

Bei den Krisensitzungen im Kabinett kommt langsam Panik auf. Gegenseitige Schuldzuweisungen für diese Misere und Rücktrittsforderungen werden laut um den eigenen Arsch zu retten.

„Ich darf unseren lieben Kollegen und den Ministerrat daran erinnern, sagte der Justizminister, dass die Bürger, die beschlossen haben, weiß zu wählen, nichts andres taten, als ein Recht in Anspruch zu nehmen, das das Gesetz ihnen ausdrücklich einräumt, daher ist es meiner Meinung nach nicht nur eine semantische Unkorrektheit, in einem solchen Fall von Rebellion zu sprechen, man verzeihe mir mein Vordringen auf ein Gebiet, auf dem ich nicht kompetent bin, sondern juristisch gesehen auch kompletter Unsinn, Rechte sind keine Abstraktionen, antwortete der Verteidigungsminister barsch, Rechte verdient man oder man verdient sie nicht, und die haben sie nicht verdient, alles andere ist Spinnerei, Sie haben völlig Recht, sagte der Kulturminister, in der Tat sind Rechte keine Abstraktionen, sie existieren selbst dann, wenn sie nicht respektiert werden, Hört, hört, die Philosophie, Haben Sie etwas gegen die Philosophie, Herr Verteidigungsminister, Die einzige Philosophie, die mich interessiert, ist die militärische, und selbst die nur unter der Bedingung, dass sie uns zum Sieg verhilft, ich bin ein Kasernenpragmatiker, werte Herren, für mich ist Brot Brot und Käse Käse, ob es Ihnen gefällt oder nicht, aber um nicht als minderbemittelt zu gelten, würde ich jetzt, da es ja wohl nicht darum geht zu beweisen, dass ein Kreis in ein Quadrat mit gleicher Fläche umgewandelt werden kann, gerne erfahren, wie ein Recht, das nicht respektiert wird, existieren kann, Ganz einfach, Herr Verteidigungsminister, dieses Recht existiert potentiell in der Forderung, respektiert und eingehalten zu werden, Ich will ja hier niemanden beleidigen, aber mit bürgerrechtlichen Predigen und Demagogie dieser Art kommen wir hier nicht weiter, der Belagerungszustand muß her, und dann werden wir schon sehen, ob es sie trifft oder nicht, Außer der Schuß geht nach hinten los, sagte der Justizminister, Ich wüßte nicht, wie, Ich im Moment auch nicht, aber es gilt abzuwarten, niemand hat je gewagt, sich vorzustellen, dass irgendwo auf der Welt das passieren könnte, was in unserem Land passiert ist, und da ist es nun, wie ein doppelter Knoten, der sich nicht lösen läßt, und wir versammeln uns immer wieder um diesen Tisch, um Entscheidungen zu treffen, die, obwohl sie uns hier als sicheres Mittel zur Krisenbekämpfung präsentiert werden, bisher nichts gebracht haben, warten wir es also ab, bald kennen wir die Reaktionen der Menschen auf den Belagerungszustand, Wenn ich das höre, kann ich unmöglich schweigen, platzte der Innenminister heraus…“

Der Premierminister (so was ähnliches wie die Merkel) wittert staatszersetzende subversive Gruppen, die die freie Stimmabgabe des Volkes bei der Wahl behindert hätten. Der Premier ruft den Belagerungszustand für die Hauptstadt aus und begründet diesen Schritt um die nationale Sicherheit wiederherzustellen.

Der Notstandsparagraph wird aktiviert, die Grundrechte außer Kraft gesetzt, Versammlungen von mehr als drei Personen verboten, und in den Ausfallstraßen fahren Panzer auf. Die Stadt wird vollständig abgeriegelt.  Passierscheine werden nur für Manager und leitende Angestellte ausgestellt, weil diese für den geregelten Ablauf in den Betrieben unerläßlich sind, damit die außerhalbliegenden Profitcenter keinen monetären Schaden nehmen.

Die Bürger interessiert das wenig. Sie gehen auf die Straße und demonstrieren. Die Regierung zieht in eine andere Stadt um und erklärt diese zur Hauptstadt. Nachdem die schwarzen Limousinen, Militärlaster und Polizeijeeps die Stadt verlassen, gehen in den Häusern entlang des Wegs alle Lichter an, aber weder auf der Straße noch an den Fenstern zeigt sich auch nur ein Schaulustiger. Eine gespenstige Szene, bei der denen der Arsch vor Angst auf Grundeis ging. Froh, die auch von ihnen selbst abgeriegelte Stadt endlich verlassen zu haben, wurden sie wieder zu Großmäulern.

Wie der informierte Leser bereits vermutet, gibt es bald einen Terroranschlag, der subversiven Kräfte in die Schuhe geschoben wird.  Der Staat will so wieder als Ordnungsmacht anerkannt werden. Geht aber schief.

Manche Bürger wollen mit dem Notwendigsten aus der Stadt flüchten, da sie Chaos, Gewalt und Plünderungen befürchteten, weil die Ordnungsmächte weg sind. Manche schaffen das durch nicht ganz dichte Kontrollpunkte. Die Staatsmacht in der neu aufblühenden Stadt ist willkommen, da deren Bürger sich einen Aufschwung ihrer erbärmlichen wirtschaftlichen Situation erhofften. Daher war auch der örtliche Baulöwe begeistert von der Idee, eine 40 km lange 8 m hohe Mauer um die abtrünnige Stadt zu bauen.

Wer das Vorgängerbuch „Die Stadt der Blinden“ nicht gelesen hat, wird den weiteren Gedanken des Justizministers jetzt nicht ganz verstehen. Ich habe es bewußt nicht dieser Rezension vorangestellt. Es ist eine andere Liga, die wenig zu diesem Buch beiträgt, aber härtester Tobak über die Abgründe des kleinen Arschlochs, wenn es an seine Substanz geht. Also auch besonders lesenswert. Dazu ein anderes Mal mehr.

„…dass das Weißwählen eine ebenso zerstörerische Erscheinungsform der Blindheit ist wie die andere, Oder der Hellsichtigkeit, sagte der Justizminister, Wie bitte, fragte der Innenminister, der sich verhört zu haben meinte, Ich habe gesagt, das Weißwählen könnte vielleicht von denen, die sich dieses Mittels bedienten, als Ausdruck von Hellsichtigkeit gewertet werden, Wie können Sie es wagen, in diesem Ministerrat eine so antidemokratische Ungeheuerlichkeit auszusprechen, schämen sollten Sie sich, und so etwas will Justizminister sein, platzte der Verteidigungsminister heraus…“

Der Justiz- und der Kulturminister traten zurück. Ihre Ämter werden vom Regierungschef und vom Bauminister zusätzlich übernommen.

Bestrafung durch Abzug der örtlichen Verwaltung und Polizei brachte nichts. Die Bürger organisierten sich selbst und sogar die Kulturminister ging zurück. Die Belagerung der Stadtgrenzen mit Zutrittskontrolle und Aushungern schweißten die Menschen nur noch mehr zusammen. Gelebte Anarchie wurde Wirklichkeit. Die Stadt wurde zur liebevollen Dorfgemeinschaft.

Wie die Staatsmacht dem Einhalt gebot und welche Dramen sich in den Ministerien abspielten, hat José Saramago  in seinem Roman „Die Stadt der Sehenden“ auf bedrückende traurige Weise herausgearbeitet. Wer dieses Meisterwerk gelesen hat, ist einen wesentlichen Schritt weiter bei der Frage: Wie funktioniert Demokratie? Er wird zum Nichtwähler, auch, wenn ihm das einstweilig das Leben kostet. Zumindest kommt er der Anarchie etwas näher.

Ein Kommissar wird von der Regierung beauftragt, Schuldige an dem Wählerverhalten zu finden. Er findet heraus, daß der Wähler selbstbewußter wurde und sich selbst regieren kann. Ein Auftragskiller erschießt den auf einer Anlagenbank im Park sitzenden Kommissar von hinten. Die Regierung veranstaltet eine Trauerfeier zu seinen Ehren, und der Innenminister hebt in einer verlogenen Rede die Verdienste des angeblich von den Verschwörern Ermordeten bei der Aufklärung des Verbrechens hervor.

Die Frau des Augenarztes, die im Vorgängerroman als einzig Sehende in derselben Stadt noch etwas zur Menschlichkeit bewirken konnte, wird als Terroristin ausgemacht und durch einen Profikiller vom benachbarten Wohnungsfenster aus erschossen. Die Staatsmacht hat die Demokratie wieder im Griff.

Gehen sie weiter. Es gibt nichts zu sehen. Erfüllen sie ihre erste Bürgerpflicht und wählen sie uns, dann passiert ihnen nichts – so die Botschaft.

Es ist sicher kein utopischer Roman. Die beschriebenen Mittel und Werkzeuge haben unsere Regierungen seit längerer  Zeit parat, wenn wir nicht weiterhin brav unsere alternativlosen Parteien wählen. Nur so können diese am unteren Ende der Menschlichkeit stehenden Psychopathen ihren Status noch behaupten.

Wie also aus den Zwängen unserer „Dämonkratie“  ohne Lebensgefahr ausscheren, oder in H4 getrieben, fertiggemacht zu werden?

Ist unser jetziges Schicksal also doch alternativlos und systemrelevant? Das bittere Ende in seinem Roman läßt den Schluß zu. Dennoch ein Buch, das Hoffnung macht. Es zeigt schonungslos die Machenschaften und Gefahren unseres politischen Systems und wie wir „Demokraten“ unter- und unten gehalten werden. Wer diese Gefahr kennt, kann eher ausweichen oder neue Wege suchen.

Das Vorgängerbuch „Stadt der Blinden“, auf das in manchen Passagen Bezug genommen wird, ist nicht weniger lesenswert, jedoch für das Verständnis hier nicht unbedingt notwendig. Dennoch empfehle ich es um die Bestie im Menschen zu erkennen, wenn er um seine körperliche Existen bangt.

José Saramago „Die Stadt der Sehenden“
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt; Auflage: 2 (17. März 2006)
ISBN-10: 3498063847

Originaltitel: Ensaio sobre a lucidez


5 Kommentare

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

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  2. luckyhans sagt:

    Lieber Ludwig,
    vielleicht schaust du mal da vorbei: https://dudeweblog.wordpress.com/2017/01/27/wahlen/ – paßt gut zum Thema… 😉

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  3. Vollidiot sagt:

    LdT

    Genau darum sabbelt Gauck und andere Demokraten von wehrhafter Demokratie.
    Hier in der BRD ist schon ebbes anderes am Start – die Wertegemeinschaft der Korruptis, Megalügner, Manipulierer, Kriegsgeilen, Gewaltplaner.
    Wer das nicht sehen will ist, zeitkonform ausgedrückt, ein Leugner dieser Werte……

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  4. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt und kommentierte:
    schau her ….

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  5. […] Selbst bei einer Wahlbeteiligung von 3 % kann eine Regierung gebildet werden. Aber dann schlottern denen die Knie bei jedem Auftritt. Oder auch nicht, wie José Saramago „Die Stadt der Sehenden“ auf dramatische Weise beschrieb. Buchbesprechung hier […]

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