bumi bahagia / Glückliche Erde

Startseite » AUTOREN » GASTAUTOREN » LUCKYHANS » Luckys Copyleft » Übersetzungen » Der Provinz-Zar – übersetzt

Der Provinz-Zar – übersetzt

Auf Wunsch unseres Stamm-Kommentators Texmex hier die komplette Übersetzung des Artikels, nachdem die Bilder bereits zu bewundern gewesen waren.
Eben auch russische Provinz-Realitäten des heutigen Tages – jeder mag selbst darüber nachsinnen…
Luckyhans, 11.8.004
—————————

Wie ein einfacher Dorfmann sich ein Zarenpalais erschuf

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

Ein Brjansker Meister hat in seinem dörflichen Haus ein Palast-Interieurs erschaffen und diskutiert seine Idee einer Mini-Hermitage mit Piotrowski.

Tatsächlich kann in der am weitesten von (der Bezirksstadt – d.Ü.) Brjansk entfernten Kreisstadt Klimowo, die sich tief in der Birkenprovinz verloren hat, da wo die Flügel des slawischen Dreigestirns – Rußland, Ukraine, Weißrußland – aneinanderstoßen, jeder dem Angereisten das berühmte Akulow-Haus zeigen.

Von weitem lockt es mit himmelsblauer Färbung, ganz voller geschnitzter Ornamente, mit einem die Front entlangspringenden Reh, mit einem Reiter, der auf dem Tor mit dem Drachen kämpft, was bedeutet: hier hat alles Nichtgute keinen Eintritt.
Der Hausherr Wladimir Filippowitsch Akulow ist wohl an das unerwartete Auftauchen von unbekannten Leuten gewohnt und lädt ohne zu fragen in das Haus ein.

Ich will meine Hermitage.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

Man tritt ein und bleibt unwillkürlich stehen – gelangt in eine andere Zeitendimension. Die Innenausstattung ist luxuriös, wie in einem reichen Landhaus des 19. Jahrhunderts.
Nach altertümlichem Muster geschnitzte Stühle, Sessel, ein Sofa, ein „Zarenbett“…

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

All das glänzt golden, weil es mit eine japanischen Potalie – einer Legierung in Form einer dünnen Schicht, in der ein wenig Gold steckt, überzogen ist.
Und was für ein wunderbarer Fußboden im Wohnzimmer! aus Parkett unterschiedlicher Farben ist ein wunderschönes Ornament ausgelegt.
Ebenso ornamentiert ist die Decke, wo in dem Muster vier Ölgemälde prangen.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

– Das ist alles aus Lindenholz gemacht, das ist weiches Holz, läßt sich leicht schnitzen, – erklärt der Hausherr.

Jedes Detail der Ausstattung möchte man lange betrachten: die Türen, die Spiegelrahmen, die Porträts und Gemälde in goldiger Umrandung sehen aus wie hochwertige antike Dinge. Die Ikonen sind in solchen Beschlägen, als ob sie aus einem antiken Ikonostas (einer Heiligenbilder-Wand – d.Ü.) stammen.
Und die Uhr: die hat Filippowitsch aus einem gewöhnlichen Gehäuse herausgeholt und in eine erstaunliche Kaminbank hineinmontiert, die er selbst aus Holz geschnitzt hat. Ich laufe durch die Zimmer wie durch ein Museum.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

– Diese Chiffonniere mit Intarsien, – zeigt der Hausherr, – wollte mir der ehemalige Direktor der Hermitage Boris Borisowitsch Piotrowski abkaufen, obwohl er sie nur auf einem Foto gesehen hatte. Ich habe sie ihm nicht verkauft.
Auf die Frage des Direktors: „Warum?“ habe ich geantwortet: „Ich will in der Brjansker Provinz eine Mini-Hermitage erschaffen.“ Boris Borisowitsch hat meine Idee mit Freuden gutgeheißen.

– Wie konnten Sie, Wladimir Filippowitsch, all dies mit ihren eigenen Händen erschaffen? Woher nehmen Sie die alten Ornamente?

– Hauptsächlich denke ich sie mir selber aus, – sagt er. – Aber wenn ich auf einem Foto in einer Zeitschrift oder in einem historischen Fernsehfilm eine interessantes Möbelstück sehe, dann merke ich es mir auch.

– Natürlich haben Sie irgendeine Spezial-Fachschule abgeschlossen oder bei einem talentierten Meister gelernt?

– Nichts spezielles habe ich nicht abgeschlossen – vier Klassen einer gewöhnlichen Schule. Schon als Jugendlicher mußte ich böttchern – Fässer bauen.
Einmal habe ich in der Mittagspause auf einem Brettchen eine Zeichnung entworfen. Habe gedacht: das kann man auch ausschneiden. Hab es probiert. Die Arbeiter haben gesagt: „das ist gut geworden“.
Dann habe ich mich von komplizierteren Dingen hinreißen lassen. Bin auf alles selbständig gekommen. Habe das notwendige Holz-Schnitz-Werkzeug gekauft…

Unsere Behördlinge mögen keine Schönheit.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

In den goldenen Prunkgemächern Akulows fühlst du dich wie auf einer Ausstellung antiker Kunst: sich in den „Grafen“-Sessel setzen – das geht doch gar nicht. Den will man doch nur anschauen. Ich teile diesen Eindruck dem Hausherrn mit.

– Ach, ich habe mich schon längst daran gewöhnt, mein Eheweib auch, – lächelt der Meister. Und gibt gleich noch eins drauf: – Für mich ist es sehr bitter, daß meine Fähigkeiten niemanden interessieren. Ich bin ja nicht ewig, schon 70. Wenn ich gehe, dann geht das alles mit mir…

– Ja, haben Sie denn keine Schüler?

– Wie soll ich sagen, – seufzt der Meister. – Es sind schon oft welche gekommen, auch aus der Ukraine und aus Weißrußland, ich habe sie gelehrt, ohne dafür etwas zu verlangen.
Wenn sie all das sehen, da leuchten bei den Jungs die Augen, und sie wollen mein Handwerk erlernen, aber nur eine oder zwei Wochen und dann – ab: „Bakse hämmern“ (Baks ist die „russisch-übliche“ Bezeichnung für Dollars, abgeleitet von Greenbacks – d.Ü.), wie sie sagen.
Aber um das zu machen, was ich kann, braucht man mehr Zeit und viel Geduld. Ich hatte hunderte solcher Burschen. Aber sobald sie einigermaßen passabel Rahmen schnitzen können und noch einiges Leichteres, Einfacheres, dann gehen sie leider weg.

– Und wirklich keiner von den Kreisoberen hat ihnen mal gesagt, daß man das Können, solche Schönheit zu erschaffen, unbedingt und in erster Linie an die Landsleute weitergeben soll?

– Unsere Behördlinge, nicht nur die hiesigen, Klimower, sondern auch die Gebietsoberen, mögen keine Schönheit, – sagte der Meister.
– Zu mir waren vor langer Zeit mal Leute aus Deutschland gekommen, haben sich meine Arbeit angesehen und angeboten: „entweder du kommst zu uns, um unsere Burschen zu lehren, oder wir bauen hier in Klimow eine Schule, wo Sie unsere und eure Burschen lehren werden. Wir garantieren die vollständige Versorgung der Schüler, sie werden auch noch ein Stipendium bekommen. Machen Sie einige Jahrgänge, und wir schenken Ihnen persönlich diese Schule.“

– Und, waren Sie einverstanden?

– Natürlich habe ich mich mit der zweiten Variante einverstanden erklärt. In Deutschland wurden dann die Mittel für den Aufbau dieser Schule gesammelt. Das ging sehr schnell. Sie haben in Brjansk angerufen, daß sie kommen, um das alles konkret zu besprechen.
Plötzlich bekam ich aus Brjansk Besuch von einem Haufen Partei-Leute.
Nur den einen Namen hab ich mir gemerkt – Bjeloserow, er war für die Kultur im Gebiet verantwortlich.
Und sie begannen, mich zu peinigen, ich sollte das Angebot der Deutschen ablehnen. Sie haben gesagt, daß sie in Klimow einen Raum für die Schule gefunden haben – im Kulturpalast, und daß sie mich bitten, dort diese zu eröffnen.
Ich habe den Parteibossen nicht geglaubt. Aber sie haben mich direkt „bei der Gurgel gepackt“, ohne Ausweg. Sie haben dann feierlich eröffnet. Mir hat man einige große Räume zugeteilt. Und ich Depp hab mich gefreut…
Die Deutschen sind gekommen, und man hat ihnen in Brjansk gesagt: „ihr seid zu spät dran, meine Herren, die Akulow-Schule ist bereits eröffnet“. Die Deutschen haben mir das sehr übelgenommen. Aber sie hätten es den doppelzüngigen Behördlinge übelnehmen sollen…

– Aber die Schule war doch eröffnet…

– Welche Schule? das war doch nur eine gewöhnliche Schauvorstellung gewesen, – erregte sich der Meister. – Und konnten sie etwa in Klimowo einen privaten Eigentümer einer ganzen Schule dulden?
Danach habe ich in Brjansk den Bjeloserow angerufen. Der Lump nimmt den Hörer und haut mir wie mit einem Hammer auf den Kopf: „eine Schule wolltest du? ja, wir hatten doch gar nicht die Absicht, sowas zu eröffnen. Wir mußten nur die Deutschen rausschmeißen“. Da hab ich ihm auch aus voller Seele geantwortet.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

Wladimir Filippowitsch ist nun schon Rentner, aber der aufmümpfige Geist des Meisters läßt die jetzigen Kreis-Oberen nicht auf den „Lorbeeren“ solcher Umgestaltung ausruhen.

Die Kreis-Behördlinge bleiben dem Meister auch nichts schuldig: wo immer sie können, versuchen sie dazwischenzupfuschen.
Als man ihm anbot, in den Künstlerverband einzutreten, haben die Kreisoberen und auch die Gebietsoberen den Meister kübelweise mit Schmutz begossen. So hat er keinen Mitgliedsausweis für den Künstlerverband bekommen.
Im Dezember vergangenen Jahres haben die Klimower den „Ruhestörer“ als Kandidaten für den Abgeordneten im Kreisrat aufgestellt. Aber die Kreisoberen haben nichtmal mitgeteilt, wieviele Stimmen Wladimir Filippowitsch bekommen hat.

Ja, die Oberen werden kein gutes Wort über den Meister sagen. Sie fürchten ihn stets als Aufdecker. Aber er ist ein guter selbstloser Mensch. Gerade jetzt lehrt er in seiner Werkstatt sechs Schüler an – kostenlos.
Gewundert hat mich auch dieser Fakt: Wladimir Filippowitsch hat auf seinem Hof zehn Hunde und im Haus noch zwei. Er hat Mitgefühl mit heimatlosen Tieren, und er nimmt die Streuner bei sich auf.

Der Meister hat zehn dicke Hefte voll mit Einträgen der Besucher seines Hauses, das ein inoffizielles Museum geworden ist. Hierher kommt man zur Besichtigung, gruppenweise, von weit her.

– Ich lebe ärmlich, – sagt Wladimir Filippowitsch. – Wahrscheinlich werden Sie mir das nicht glauben, aber meine Frau und ich erinnern uns schon nicht mehr daran, wann wir das letzte Mal Wurst, Fleisch und Butter geklauft haben. Wir leben von bescheidenen Renten.

Ich habe die Einträge der Besucher gelesen. Wieviel ehrliche Worte der Bewunderung! Wladimir Filippowitsch ist ein Selbstlern-Meister der Extraklasse. Er malt auch noch Ölgemälde. Und hat drei Novellen geschrieben.
Es bleibt nur zu bedauern, daß sein Talent nicht gefragt ist.

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

Как простой деревенский мужик себе царский дворец сделал

Möge er lange leben!

– – – –

Autor: sepet716 / 2. August 2016, 00:00 / Quelle: http://nnm.me/blogs/sepet716/kak-prostoy-derevenskiy-muzhik-sebe-carskiy-dvorec-sdelal/

 


5 Kommentare

  1. Marietta sagt:

    unglaublich, welch Kunstwerke dieser Mann geschaffen hat…..
    Mir selbst wäre es ein bissl zu überladen, aber es scheint ihnen zu gefallen dort.
    Eigentlich müsste der Ort / der Kreis ihm Geld dafür geben, dass er so schöne Dinge fertigt.
    Es gibt doch sicherlich Menschen denen es auch gefallen würde….

    Ach wie schön wäre es, wenn Anastasia jetzt schon dort vorhanden wäre !

    Gefällt mir

  2. luckyhans sagt:

    @ Marietta:
    Es zeigt, wie weit die meisten Menschen sich schon haben „materialisieren“ lassen, ohne es zu bemerken – sie sind total auf Geld, Macht und Grobstoffliches „abgestellt“ – weder Schönheit noch Natur noch Gemeinsamkeit sind für sie noch ein „Wert an sich“…

    Sehr kennzeichnend ist der Spruch: „was nix kostet, ist nix wert“ – was keinen „Preis“ (in „Geld“) hat, wird nicht als wertvoll angesehen.

    Wenn man sich dann noch verdeutlicht, daß dieses „Geld“, dem alle nachjagen, eine reine Illusion ist, eine Art Vertrauensvorschuß, der nur soviel „wert“ ist, wie alle bereit sind, ihm „Wert“ beizumessen – also in Wahrheit NICHTS, aber auch GAR NICHTS wert ist, dann wird der ganze Widersinn, oder besser Unsinn, dieser Gesellenschaft deutlich.

    Und deshalb sind auch alle Versuche, durch Reformierung einen „schöneren“ Kapitalismus zu gestalten, reiner Betrug – Dummenfang, um die Masse für das nächste Ausbeutungssystem vorzubereiten – egal wer diese „Ideen“ vorbringt – auch Frau Wagenknecht mit ihrem neuen Buch beim Kopp-Verlag tut nichts anderes…

    Gefällt mir

  3. Marietta sagt:

    Ja, das ist vor Allem auch beim Thema Gesundheit so….
    Eine Krankenkassenleistung die „umsonst“ (isse ja nicht, wir bezahlen ja mit unseren Abgaben dafür…) gegeben wird, ist nachweisbar nicht nachhaltig.
    Wüsste die Menschen um den Wert von Medizin und Leistungen, und hätte auch noch die Entscheidungsmöglichkeit sich wirkliche Medizin zukommen zu lassen, dann würde unser Gesundheitswesen etwas anders ausschauen.
    Als Angestellte bin ich verpflichtet mich dem System zu beugen, muss mich KK pflichtversichern, habe aber bei Weitem das System nicht viel in Anspruch genommen, da mir die Alternativen ( die ich selber zahlen musste) wertvoller waren.
    Und nein, ich bin keine reiche Frau, dafür sind oft auch Gespartes und Rückgelegtes für draufgegangen….dafür hab ich weder Haus, Eigentumswohnung oder sonstiges an Materie angehäufelt.
    Mir war halt innere als auch äussere Gesundheit schon immer etwas wert gewesen.

    Wenn ich meine Klienten höre, besonders die der jungen Generation, die dann sagen“ wieso, das zahlt doch die Kasse, das ist erprobt, wissenschaftlich fundiert und getestet, das muss ja gut sein“ und im Gegenzug ihre Aussagen über Naturheilkunde höre wie „das wäre ja schon längst aufgenommen wenn es aussagekräftig wäre oder wirksam“ , dann kann ich oft nur laut innerlich schreien !
    ich lächele dann aber nur und sage „dann machen Sie weiter wie bisher lassen sich für für dumm verkaufen“
    Wobei ich damit schon auf dem Schleudersitz sitze……muss da ganz wohlüberlegt meine Worte wählen.
    Da nützt dann selbst mein Berufsfeld eines Mangelberufes nichts mehr.

    Gefällt 1 Person

  4. luckyhans sagt:

    @ Marietta:
    Alles was ich sage, soll wahr sein; aber nicht alles was wahr ist, kann ich auch jedem sagen – noch ist das so, auch für mich in meinen Tätigkeiten.
    Aber es gibt die wenigen Momente, wo ich eine „lockere“ Frage stelle, ohne auf eine Antwort zu warten oder damit zu rechnen, eine zu bekommen – aber wo ein kurzer verwirrter Blick – „aufgefangen“ – zumindest die Hoffnung aufkommen läßt, daß da vielleicht ein Denkprozeß angestupst wurde.

    Oder die noch selteneren Momente, wo man einem Menschen, der einem am Herzen liegt, ein paar Worte der Wahrheit sagen kann, die ihm weiterhelfen, gerade was seinen Gesundheitszustand betrifft, d.h. seine (angeblich) unheilbare „Krankheit“… ihm Mut machen, seine Heilwerdung (= Ganzwerdung) in die eigenen Hände zu nehmen und nicht von den „Halbgöttern in weiß“ sich „behandeln“ zu lassen…

    Mein „Trost“:
    Wenn du eine einzige Seele auf den richtigen Weg geführt hast (und sei es auch „nur“ deine eigene), dann hast du nicht umsonst gelebt… und jede gute Tat, die du als Einzelner vollbringst, hilft der ganzen Menschheit weiter.
    Liebe Marietta, Freundin im Geiste, laß dich ganz herzlich drücken! 😉

    Gefällt mir

  5. Texmex sagt:

    @Luckyhans

    danke für den Artikel
    Der Mann hat sich SEINEN Traum verwirklicht, das ist zu bewundern und RICHTIG so.
    Viel zu viele Leute lassen sich genau davon abhalten. Leider.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

In diesem Themenkreis am höchsten bewertet

%d Bloggern gefällt das: