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Buchvernichtung in Beerdenien

Wie schon mehrfach, so auch diesmal wird ein „Einwurf“ des Ziegelbrenners übernommen – auch weil hier mit einem wichtigen kulturkritischen „Argument“ gegen den Naso-ismus aufgeräumt wird: in einem Monat Beerdenien werden mehr Bücher vernichtet als in den berüchtigten „Zwölf Jahren“ – was die Nasos nicht entlasten soll, sondern den Blick für „unser“ HEUTE schärfen… 😉
Und auch für die anderen Geh-danken – vielen Dank, Gerald.

Luckyhans, 24. April 2016
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Buch? Handel? Zukunft? – Anmerkungen zur Buchkultur, Teil IV

Geschätzte lesende Menschen,
in loser Folge präsentiere ich meine „Einwürfe“ mit Literatur- und Veranstaltungshinweisen, Betrachtungen zur Medienkultur und zu verschiedenen aktuellen Themen der Zeit. Der letzte Einwurf ist nun schon einige Zeit her – wer etwas häufiger mitbekommen möchte, was Der Ziegelbrenner so für kommentierenswert hält sei auf die Facebook-Seite http://www.facebook.com/ziegelbrenner verwiesen. Wobei durchaus diskussionswert ist, wie sinnvoll es ist, sich dort zu präsentieren – dies sollte allerdings im Kontext einer umfassenderen Technologiekritik geschehen, die hier nicht geleistet werden kann, sicher aber mal an geeigneter Stelle von mir nachgeholt wird.

Vor gut 80 Jahren, am 10. Mai 1933, fand die nationalsozialistische Bücherverbrennung statt. Wobei meine These ist, dass heute jeden Monat im deutschsprachigen Raum mehr Bücher vernichtet werden, als während der gesamten NS-Zeit. So gut wie Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ suggeriert, brennen Bücher jedoch gar nicht – weshalb sie heute eher untergepflügt (wie die DDR-Buchproduktion pauschal nach 1989) oder geschreddert werden. Heute geschieht dies meist aus der Marktlogik heraus („unverkäuflich“, „Überproduktion“, „zu hohe Lagerkosten“).
Mit dem Hinweis auf übervolle Regale werfen Stadt- und Universitätsbibliotheken selten ausgeliehene Bücher – oft unabhängig von möglicher inhaltlicher, wissenschaftlicher Bedeutung – in den Müllcontainer, Und mit dem Argument „zu viele angebotene Bücher drücken die Preise“ lichten Antiquariate ihre Lagerräume. Eine immer höhere „Umschlagsgeschwindigkeit“ wird betriebswirtschaftlich gefordert. Neue Bücher, die nach drei Monaten in den Buchläden nicht mehr „laufen“ gehören zum alten Eisen und werden „makuliert“ (schönschreiberisch für vernichtet).
Der Gründe für die neue Büchervernichtung gibt es indessen viele – manche Autoren, wie Erich Kästner, trifft es gar zum zweiten Mal – die Stadtbücherei Bad Dürrheim etwa sonderte seine Bücher als unerwünscht aus, da manche Ausdrücke in seinen beliebten Kinderbüchern heute nicht mehr „korrekt“ seien.
Doch zurück zur Hauptstadt: in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin droht eine massive Bestandsreduzierung aus Rationalisierungsgründen – es gab dazu schon im letzten Jahr Presseberichte (etwa http://jungle-world.com/artikel/2015/36/52610.html) und eine Petition, doch die Gefahr der Büchervernichtung ist nicht gebannt. Und allein an der Jura-Fakultät der HU Berlin sind in den letzten Jahren 60.000 Bücher verschimmelt – aufgrund von Geld- und Personalmangel: in jener Stadt, in der das NS-Regime seinen Sitz hatte. Am 10. Mai 1933 ging dort die aus heutiger Sicht vergleichsweise geringe Zahl von geschätzten 25.000 Büchern in den Flammen auf.

Wie schon in den letzten Einwürfen betont: totsagen möchte ich das Medium Buch keineswegs. Im Gegenteil gibt es gerade in Zeiten der Digitalisierung wieder eine gewisse Sehnsucht nach dem authentischen, handgemachten Buch – siehe z.B. den Beitrag „Fingerspitzenberührung mit der Ewigkeit“ auf Deutschlandradio Kultur am 2.10.2015.
Gar von einer „Renaissance des Bücherregals“ ist hier und da die Rede. Deutlich wird aber, dass der kommerzielle Buchmarkt in einer tiefen Krise steckt.
Spät, aber vielleicht nicht zu spät macht sich hier & da die Einsicht breit, dass nur eine nicht-gewinnorientierte Struktur in Zukunft noch gedruckte Buchausgaben und spannende lokale Buchorte jenseits des Mainstreams realisieren kann – so sind in den USA schon Independent-Verlag den Weg hin zum Non-Profit-Projekt gegangen. Finanzieren lässt sich derlei durch Vereinsbeiträge, Spenden, Crowdfunding-Kampagnen. Eine Nische, klar, doch vielleicht sind es diese Reservate, die in Zukunft eine lebendige Buchkultur aufrechterhalten.

Amazon jedenfalls will seine Bücher künftig verstärkt mit Drohnen verschicken, um schneller als die Buchläden – die bisher in der Beschaffungsgeschwindigkeit im Zeitvorteil waren – liefern zu können.
Die Marktmacht dieses Konzerns war schon für den Buchhandel verheerend – nun will Amazon auch im großen Stil in den Gemüseversand einsteigen. Die immer häufiger eingesetzten Drohnen aber gefährden schon heute den Flugverkehr – vielleicht ist es künftig sinnvoll, den Blick mal vom Smartphone weg hoch zum Himmel zu richten…

Sind analoge Zeitungsprojekte noch zeitgemäß? Vielleicht nicht unbedingt für die kurzlebigen News, für Hintergrundberichte und Debatten aber allemal. Ein wenig verwundert reibt sich Der Ziegelbrenner dennoch die Augen angesichts der Menge an Titeln, die in den letzten 2, 3 Jahren neu herauskamen. Sie alle zu nennen reicht der Platz hier beim besten Willen nicht. Vielleicht stelle ich aber mal welche an dieser Stelle in einem der nächsten Einwürfe vor.
Der Ziegelbrenner trauert ja immer noch den schon vor rund 15 Jahren eingestellten „Schwarzen Faden“ nach, denn keiner anarchistischen Zeitung gelang diese Mischung aus Gegenwartsthemen und internationalen politischen Bewegungen, Diskussionen und libertärer Kultur so wunderbar– die erschienenen Ausgaben sind nun immerhin im Internet nachzulesen. Doch was ist Eure gegenwärtige Lieblingszeitung?

Zu erinnern ist dieser Tage an den 1. Mai – vor 130 Jahren, am 1.5.1886, begann in Chicago ein mehrtägiger Streik für den 8-Stunden-Tag, der nicht zuletzt von deutschstämmigen Emigranten getragen wurde: ja, in diesem Zusammenhang sei zudem daran erinnert, dass Deutschland einst Auswanderungsland war, und diese Auswandernden in vielen Ländern auch mit offenen Armen empfangen wurden. Jedenfalls solange sie nicht als anarchistische, „umstürzlerische“ AktivistInnen agierten, was vor allem in den USA unerwünscht war.
1886 wurde dann ein Exempel statuiert an 8 Anarchisten, denen vorgeworfen wurden, an einem Bombenwurf auf dem Chicagoer Haymarket am 4.5.1886 beteiligt gewesen zu sein.
Das ist dem Deutschen Gewerkschaftsbund DGB natürlich alles suspekt: kurzerhand verlegte man das Gründungsdatum des 1.Mai als Arbeiterkampftag – oder „Tag der Arbeit“, wie er seit den Nazis heißt – auf 1890, und feierte dementsprechend am 1.5.1990 „100 Jahre 1. Mai“.

„Nicht auf die Revolution warten“ will das Bremer Kollektiv Colectivo, das als „Kollektivwarenhandel für Alltag, Utopie & Widerstand“ Produkte aus kollektiver, ökologischer Herstellung vertreibt – im Internet (http://www.colectivo.org) und in Bremen auch in Kooperation mit einer Abholstation. Der Ziegelbrenner erinnert sich an Ideen, die seinerzeit im Umfeld des Anares-Buchvertriebes in Bremen zu einem „alternativen Amazon“ mit Produkten aus alternativer, genossenschaftlicher Produktion kursierten, jedoch nie realisiert wurden. Den Colectivo-AktivistInnen alles Gute für ihr Projekt!

Am 2.5. findet in Bremen eine Veranstaltung statt, die einen gewissen Bezug zur Anares- und Ziegelbrenner-Geschichte hat: in seinem Buch „Von Marx zum Maulwurf“ berichtet Uwe Sonnenberg über den linken Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren. Die Veranstaltung findet im „Paradox“ (Bernhardstr. 12) ab 19.30 statt (und einen Tag darauf in Hamburg, siehe auch http://www.wallstein-verlag.de/9783835318168-uwe-sonnenberg-von-marx-zum-maulwurf.html). Vielleicht sehen wir uns?

„Wie immer messerscharfe Analysen“ lautete ein Feedback zu meinen letzten Einwürfen. Wer dies ebenso sieht darf mich gerne besuchen, auf meiner Homepage, der Facebook-Seite (siehe oben) oder nach Terminabsprache im Bücherlager in Bremen. Und wie stets freut sich Der Ziegelbrenner auf Euer Feedback zu den Einwürfen!

Es grüßt Der Ziegelbrenner

Jetzt stöbern auf http://www.ziegelbrenner.com!

Der Ziegelbrenner (Inh.: Gerald Grüneklee)
Alter Dorfweg 15, 28259 Bremen


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