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Mitleid und Mitgefühl / Essay

Viele Menschen meinen, Mitleid sei eine Tugend.

Ist es nicht.

Mitgefühl ist das, was gefragt ist.

Mitleid und Mitgefühl scheinen das Gleiche zu sein, sind sie aber nicht.

Mitleid heisst:

Mein Kind hat sich in den Finger geschnitten. Ich bin ein perfekter Vater, wenn ich des Kindes Schmerz 1:1 mit- erlebe. Konsequenterweise müsste ich mir auch gleich in den Finger schneiden, damit das 1:1 auch wirklich gegeben ist.

Wem hilft es, wenn ich die gleichen Schmerzen erlebe wie mein Kind?

Niemandem hilft es. Es ist sinn- und hirnlos, die Qual einer anderen Kreatur auf sich zu nehmen. Und mit Herzensgüte hat es nichts zu tun. Herzensgüte will GEBEN, will sich nie in eigenem Leiden suhlen!

Mitleid ist noch mehr. Mitleid ist Ausdruck von Arroganz. Ich kann als Vater ja nur so tun, als ob ich des Kindes Schmerz hätte (es sei denn, ich sei so verrückt, mir auch gleich in den Finger zu schneiden). In der Tat bin ich der Unversehrte, bin somit erhaben über das leidende Kind. Ich bin es dann, wenn ich mir des Kindes Schmerz möglichst lebhaft vorstelle. Es ist genau wie das schöne Gruseln bei einer grausamen TV Sendung. Ich hocke geborgen im Sessel und zieh mir möglichst mitleidend die Qual der geplagten Kreatur rein.

Wir tun gut daran, uns Mitleid abzuschminken.

***

Ja, und was ist denn mit Mitgefühl?

Mitgefühl schaut sich den Schmerz des Gegenübers kurz an und geht dann entschlossen aus diesem Schmerz heraus, geht aus ihm heraus und behält sich aber in Erinnerung, dass er da ist.

Mitgefühl orientiert sich nicht am momentanen Schmerz, sondern erfasst die gesamte Situation.

 

Mitleid beliebt, als viele wilde, dissonante Schwingungen aufzuwallen, Mitleid hat etwas mit Soap, hat etwas mit Kitsch, hat etwas mit Scheinheiligkeit gemein.

Mitgefühl ist eine behagliche, zuverlässige Welle. An dieser Welle kann sich die notleidende Kreatur orientieren.

 

Der mitleidende Mensch verstärkt den Schmerz seines Gegenübers, indem er selber in diesen Schmerz gehen will. 

Der mitfühlende Mensch nimmt den Schmerz als Anlass, in freundliche Gelassenheit zu gehen, mit Hilfe derer sein Gegenüber sich beruhigen kann.

 

Ich erinnere, dass Schmerz immer Angst ist, welche wir nicht zulassen.

Es ist nicht von Ungefähr, dass es Menschen gibt, welche sich ohne Schmerz operieren lassen können. Sie können es, weil sie ab- so- lut angstfrei sind. Ich bin davon (noch?) weit entfernt, haha.

 

Wer nun dem Leidenden Mitgefühl entgegenbringt, wer also liebevoll gelassen bleibt, der hilft dem Leidenden, seine Angst zu beruhigen und damit ganz automatisch seinen Schmerz zu lindern.

Klassebeispiel: Das Kind ist böse auf die Nase gefallen. Die Mutter schreit nicht etwa rum (Mitleid!!), sondern sie nimmt das Kind, leise und ruhig zu ihm sprechend auf den Arm und singt ihm leise und ruhig ein kleines Lied.

Das kommt aus Mitgefühl.

 

Hart gefordert bin ich, wenn ich von entzahnten und entkrallten gefesselten Bären lese, auf welchen scharfe Hunde losgelassen werden. Hart gefordert bin ich, wenn ich an Gaza denke. Und es hilft nix. Mitleid hilft nix. Mitleid macht mich selber fertig, und was ich aussende an die betreffenden Orte ist Ausdruck meiner eigenen ANGST – das hilft dort nicht nur nicht, nein, es macht die Panik noch grösser.

An den Bären denken und ihm innerlich ein leises Lied singen, DAS ist es,

an Gaza denken, und innerlich runig zu den Menschen sprechen, DAS ist es.

Und, klar, wenn hier einer mit dem Moped aufn Sack geflogen ist, geh ich auch nicht zeternd zu ihm hin, sondern ruhig, gelassen, freundlich, und tue ruhig, was zu tun ist.

Das ist Mitgefühl.

thomram, 18.08.2014

 

 

 


8 Kommentare

  1. genauso ist,
    der Mitleidende erinnert sich an seine Geschichte, die ihn dann häufig paralysiert und zu einem unfähigen Begleiter macht
    ein Mitfühlender kann trösten und heilend eingreifen, weil er die Notlage klar emotional erkennen kann. Tiere können z.b. mitfühlend reagieren, das alleine zeigt schon, das selbst Wesen ohne unsere Geschichte mitfühlend sein können, weil sie das Leid sehen, ohne das als Spiegel zu erleben.

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  2. ewald1952 sagt:

    Wunderbar Erklärt ! 🙂 Besser geht nicht 🙂

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  3. hier ist ein aktuelles Interview, wie uns Mitgefühl aberzogen wird
    mit Macht . Medien und Manipulation wie aus unseren Kindern nur noch unfähige Konkurrenten erzogen werden sollen, ohne Bindungsfähigkeit fähig gemacht werden sollen die eigene Art zu zerstören- durch sogenannte NAZI-THEORETIKER

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  4. ohnweg sagt:

    Sehr gut zusammengezogen und bildlich erklärt. Kurz und bündig: Mitleid zehrt. Mitgefühl gibt.

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  5. luckyhans sagt:

    Mitleid sieht den anderen leiden. Leiden ist immer passiv, Mitleid somit auch. Passiv verändert nichts.
    Mitgefühl versucht, dem anderen fühlend in einer mißlichen Situation zu helfen – aktiv, verändernd, Beistand gebend.

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  6. ohnweg & luckyhans SEHR PASSEND UND KURZ AUF DEN NENNER GEBRACHT

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  7. Rhodo sagt:

    @ Thomram +…

    ich (etwas provokativ..) am 17/08/2014 um 20:49 im Kommentarstrang „Hundeli zum Dritten“;
    „Ja aber Herr Oberlehrer..; ich fühle mit, kann das Leid mitempfinden, also mitleiden, wenn auch nur subjektiv…
    Mitleid im “wahren” Sinn ist doch nicht arrogant.., es bedeutet doch nur, dass man mitfühlen kann..?!“

    „Kleiner“ feiner Unterschied, von Ihnen hier hervorragend dargelegt, Herr „Oberlehrer“ 😉 (und Mitkommentatoren..) Mitleid erschafft Leid, Mitgefühl erschafft Konstrukives, Positives.., ja?! Was so ein Unterschied im Wort ausmachen kann..!

    Wie gehts den Rackern jetzt?

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  8. thomram sagt:

    @Rhodo

    Auch ich musste erst von einem mir an Einsicht überlegenen Menschen mit meiner Nase auf den Unterschied Mitleid / Mitgefühl gestossen werden.
    Es ist natürlich alles eine Frage der Wortdefinition, doch tun wir gut daran, uns auf Definitionen zu einigen, um nicht dauernd aneinander vorbeizureden.

    „Ego“ ist so ein Wort, welches extrem auf mannigfalitige Weise definiert wird. Und dann rennen sich die Leute die Grinder ein, weil der eine von Äpfeln und der andere von Kartoffeln spricht.

    Bezüglich der Racker schau bitte unter „Hundeli zum Dritten“.

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