Szene 65 (von 144)
Eckehardnyk Mittwoch 29.. April NZ 13
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Mit Bewunderung und Dank für die hier erfolgte Begleitung und Beteiligung zu der noch unter dem Titel „Eltern, Kind und Kinderstube“ heraus gehängten Serie. Die Qualität und von eigenen Erfahrungen belebten Kommentare würden einen Zusatzband ergeben, den ich nach Abschluss der zweiten Auflage von „Abenteuer Erziehung“ (2012), mit Register, Inhaltsverzeichnis und Bildern erweitert und überarbeit als „Das Geschenk – Bündnis mit Kindern“ in diesem Jahr herausgeben möchte. Die Blüte der hier zusammengetragenen Erfahrungen lässt sich kaum noch verbessern oder wiederholen, doch sie sind der eigentliche Mehrwert der jetzt zum zweiten Mal erscheinenden Serie und die damaligen Kommdentare seien euch herzlich zum Nachlesen in den jeweils drei verlinkten Texten empfohlen!
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„Im Grunde seines Herzens war er (oder sie) eine Seele von Mensch“ – Von woher kennen wir solche Aussprüche? Richtig, von Grabreden. Mit noch lebenden Jubilaren allerdings in der Gegenwartsform eher zum Beispiel so: „Wer ihn kennt, weiß, in seiner rauen Schale, wohnt eine Seele von Mensch“
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Ist das wahr? Wenn man bedenkt, dass die Wenigsten, auf die solche Reden gehalten werden, öffentlich zugeben würden, dass sie eine selbständig existierende Seele haben, geschweige denn eine sind, ist solch ein Satz schon eine Zumutung. Aber wo wir schon dabei sind, fragen wir mal, was ist denn im Grunde die Seele?
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Naturforscher, die aus meiner Sicht diesen Namen verdienen, erkennen inzwischen an, dass sie mit den Methoden ihrer experimentellen und messenden Wissenschaft an einen Punkt gekommen sind, wo zuzugeben ist: „So ist es eben, es gibt sie, aber beweisen lässt sich Seele (oder Geist) naturwissenschaftlich nicht.“
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Das Leben ist eben einfach, aber es verheddert sichn, wenn man ihm auf den Nerv geht. – Ein Beispiel dafür ist die Psychoanalyse. Solange man ihre Nomenklatur benutzt, um seelische Vorgänge benennen, mag sie als Wanderkarte1 taugen, die uns irgendwie durch das innere Inferno leitet. Doch überspitzt man sie zum Selbstzweck in hunderten von Sitzungen, dann produziert sie hybride Beispiele von Leben und wird zur Romanwerkstatt. Auch das kann zu (sehr teuer bezahlten) Heilungen führen. Aber obgleich Aufmerksamkeit durch den ihr innewohnenden Wachstumsimpuls überall heilsam wirkt, selbst im Labyrinth emsigen Grübelns über sich selbst, kann Übertreibung hier Malignes hervorbringen.
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Die Seele ist schnell und geschickt, behaupte ich (siehe vorige Szene 64, Ein Fenster zum All, 13. April NZ13), schneller als eine junge Katze, die um sich selbst tanzend ihren Schwanz zu haschen versucht. Dieses idyllische Bild wird entzaubert, wenn wir dahinterkommen, wie schnell die Seele wirklich ist. Sie ist das Allerschnellste, was überhaupt vorstellbar ist. Ein Zyklotron produziert mit seinen hoch beschleunigten Teilchen Bummelzüge dagegen. Das Licht? Millionen Jahre unterwegs von einem Sternchen hierher? Vergessen wir’s! Wenn wir auf den Sirius wollen, bitte schön, mit der Seele sind wir schon da.2
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Wir brauchen uns nur in Gedanken dorthin begeben, vorausgesetzt, wir wissen, was Sirius ist.3 Manche mögen das für Fantasterei halten. Andere, die besser vorbereitet waren, konnten von ihrer Reise mehr mitbringen; doch die behalten es für sich oder schreiben, so Stanislaw Lem, ein Buch wie Solaris – soll man mit Blinden über Farben reden? – Nehmen wir wieder ein Bild; Heraklit von Ephesus sagte:
Niemand springt zweimal in denselben Fluss
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Was machte ich? Ich sprang mit einem Freund, der sich dort auskennt, beim Ettikoner Lauffen (bei Waldshut-Tiengen) in den Rhein. Wir schwimmen zur Schweizer Seite. Nach etwa einem Kilometer haben wir den dort schon mehr als hundert Meter breiten Strom auf einer Diagonalen durchschwommen, während die Strömung uns flussabwärts getrieben hat. Drüben gehen wir die Strecke am Ufer zurück und springen abermals in den Fluss, und schwimmen, bis wir wieder auf der Deutschen Seite ankommen.
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War es jedes Mal derselbe Fluss? Auf der Landkarte ja wohl, aber jedes Mal anderes Wasser, anders erlebte Minuten und Sekunden, andres Schwimmen, andres Atmen, und darüber andere Vögel und Schmetterlinge. Nur geringfügig anders, der Unterschied ist kaum zu bemerken, aber er ist da. Am Ende dieser Erfahrung ist man doch noch derselbe, ich selbst und mein Begleiter. Doch sind wir noch die Gleichen wie vorher? – Etwas wie wohltuende Erschöpfung und tieferer Atem, frischere Haut, begeisterte Stimmung aus einer neuen Erfahrung. Der Körper mag müde sein, aber die Seele – sie fühlt sich stark. Sie ist gewachsen und bleibt dieselbe oder sie selbst.
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Einige Jahrzehnte früher wäre diese sportliche Leibesübung ein Gang auf Leben und Tod gewesen. Wäre man auf Deutscher Seite überhaupt ins Wasser und lebend durch den Strom gelangt, dann hätte auf dem Schweizer Ufer ein Grenzwächter nach Identität und Vermögen gefragt. Wer auf der Grenzwache hätte gesagt, „Was für eine Seele von Mensch!“? Man hätte dort die Fassade der Person als „Identität“ mit ihrem Verputz an potentiell vorhandenem Besitz verglichen, um festzustellen, ob sie samt ihrem Vermögen willkommen genug sei, um ihr Asyl zu gewähren. Man hätte die Landkartenidentität wie beim Rhein auch für die Person angewandt und sich um den Inhalt wenig gekümmert, vorschriftsgemäß.
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Ich möchte auf ein Thema zurückkommen, das uns von In uns die Sintflut (Szene 45) bis Horch, was kommt von Drinnen her (Szene 48) schon beschäftigt hat. – Wissen wir, was ein Fernseher ist?… Beinah richtig, doch ein Teekesselchen, ein Wort mit doppeltem Boden ist auch mit dabei. Inhaltlich
1. ein Mensch, der fernsieht. 2. ein Gerät, das dem Zuerst genannten das Fernsehen ermöglicht.
Würdest du in dem zweiten Fernseher je eine Spur finden, was der erste Fernseher darauf angeschaut hat? – So erging es auch den Forschern, die „das Genie“ in Albert Einsteins präpariertem Gehirn nachweisen wollten. Fehlanzeige! Wir beschäftigen uns also bildlich mit dem Benutzer (von Hirn oder eines Fernsehers) und den von ihm benutzten Programmen, um etwas über die Seele zu erfahren. Denn schließlich gehört auch das zu dem, was ein Kind wissen will:
Auf wen oder was kommt es hier an, auf den Benutzer oder auf das Gehäuse?
1 Oder Wunderkarte ?
2 Erinnert sei an die Fabel vom Hasen mit dem Igel – Der Hase stehe hier für „die Wissenschaft“. Anders in der Quantenphysik: Wo zwei Teilchen mit einander verschränkt sind, können sich ihre Eigenschaften instantan, gleichzeitig, in jeglicher Entfernung voneinander verändern
3 Bei Goldschmieden eine Putz- oder Reinigungslösung
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