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Brief an eine Witwe

Autor: Gabriel Bali

„Liebe …..,

wir kennen uns zwar nicht persönlich, aber vielleicht bist du mir bereits über die eine oder andere Erzählung begegnet. Ich kenne A. als Freund seit fast 50 Jahren. Ich war mit ihm …es folgen gemeinsame Erlebnisse.

Die Nachricht über A.’ Schicksal wurde mir vorgestern von …..übermittelt und sie traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie schwer muss es erst für dich sein, die du ihm so nahe gestanden bist.

Ich schreibe diese Zeilen um halb vier Uhr morgens. Ich schreibe, weil ich in meinen Gedanken bei dir bin.

Die wenigsten Menschen wissen, dass niemand von uns stirbt. Ja, eines Tages verlässt die Seele den Körper, den sie benutzt hat, um diese Welt ein Stück weit zu entdecken und auch zu bereichern. A. hat sehr gut auf seinen Körper geschaut und absolut gar nichts deutete darauf hin, dass er diesen Körper bald zurücklässt. Dies lässt sein Schicksal noch dramatischer erscheinen. A.’ Seele hat allerdings selbst entschieden zu gehen, auch wenn niemand von uns weiß, weshalb. Doch niemand von uns stirbt, auch A. nicht. Dass er in unseren Erinnerungen weiterlebt, mag durchaus stimmen, aber dies deckt nur einen winzigen Teil der Wahrheit ab.

A. lebt; er ist als Seele nach wie vor mitten unter uns. Dass man A. mit dem Auge nicht mehr sehen und ihn nicht mehr anfassen und berühren kann, macht die Sache für uns ganz besonders schwierig. Die meisten unter uns können sich gar nicht vorstellen, dass jemand, der seinen Körper zurückgelassen hat, immer noch da, immer noch unter uns und sogar total präsent sein kann. Aber so ist die Realität, auch wenn sie von vielen nicht wahrgenommen werden kann und oft auch nicht wahrgenommen werden will.

Vielleicht magst du meine Worte ernst nehmen, auch wenn sie dir zur Stunde noch kaum Trost sein können. Vielleicht magst du weiterhin mit A. sprechen, wie du es stets getan hast – jetzt aber vor allem in einem inneren Dialog. Er wird dich hören, jeden deiner Gedanken mitbekommen; er wird stets bei dir sein, und jetzt sogar 24 Stunden, jeden Tag.

A. wird dich nicht nur hören, er wird dir auch antworten. Vielleicht hörst du seine Stimme nicht so klar und deutlich wie gewohnt. Vielleicht antwortet er dir vorerst nur innerhalb deiner Gedanken, was ungewohnt sein mag. Aber dies ist eine bewährte Möglichkeit für Seelen, die uns vorausgegangen sind, uns Antworten und Botschaften zu übermitteln. Achte darauf und beobachte deine Gedanken, wenn du A. ansprichst, wenn du ihm Fragen stellst. Er kann nur zu dir durchdringen, wenn du an diese Möglichkeit auch glaubst und sie nicht leichtfertig als irreal wegwischt.

Je mehr du dich darauf einlässt, desto inniger wird diese neue Art des Kontakts und des Austauschs mit Andreas werden. Es mag etwas Zeit dauern, bis es sich so entwickelt, dass du dir sicher sein kannst, tatsächlich mit A.’ Seele zu kommunizieren. Hab die dafür nötige Geduld, gib dem Ganzen etwas Zeit. Da ist nichts zu verlieren, du kannst in Wahrheit nur gewinnen.

A. braucht dich jetzt, vielleicht sogar mehr, als er dich jemals gebraucht hat. Da, wo seine Seele sich jetzt befindet, ist für A. alles neu und ungewohnt, und es braucht auch für die Seele Zeit, sich an diese „andere Welt“ zu gewöhnen, in der er sich jetzt aufhält. Mit ihm im Dialog zu bleiben, weil du diesen Dialog auch lebendig führst, gibt der heimgegangenen Seele Kraft und hilft, die völlig neue Situation besser zu meistern.

Dass bei den Hinterbliebenen Tränen fließen, ist in der christlichen Welt weitgehend normal und es ist auch völlig in Ordnung, wenn sie fließen. Ja, Tränen dürfen fließen! Doch wenn wir, statt in Trauer und Tränen zu versinken, die Freude und die Dankbarkeit nähren – dafür, dass wir diesem geliebten Menschen begegnen und mit ihm Zeit verbringen durften –, dann wird das Positive bald das Geschehen bestimmen und die Tragik des Erlebten wird schneller verblassen. Je weniger an Tragik und Tränen, je mehr Freude und Dankbarkeit, desto mehr positive Energie wird A. von dir bekommen. Er braucht diese positive Energie, um diesen Übergang leichter zu schaffen, in dem er sich gerade befindet.

Mögen meine Worte euch beiden helfen, dieser schwierigen Zeit wenigstens ein wenig von ihrer Schwere zu nehmen, und dazu beitragen, dass eure Liebesbeziehung auf diese neue Ebene gehoben werden kann, auf der sie bis in alle Ewigkeit weiterbestehen darf!

Lass deinen A. ganz lieb von mir grüßen!“

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2 Kommentare

  1. Avatar von Angela Angela sagt:

    @ GabrielBali

    Sehr schön und tröstlich, Dein Brief!

    Meine Mutter hat mir am 3.Tag nach ihrem Tod einen unglaublich intensiven Traum geschickt, in dem sie eindringlich sagte: “ Ich bin jetzt sehr, sehr glücklich“. Sie sprach noch weiter, aber das Gespräch wurde irgendwie durch eine Art Funkwellen gestört, so dass ich nichts verstehen konnte. Von dem Moment an war meine ÜBERGROßE Trauer wie weggeblasen. Zurück blieb nur das normale Verlustgefühl.

    A n g e l a

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  2. Avatar von Angela Angela sagt:

    Ein Tipp noch für jemanden, der einen Todesfall zu bewältigen hat:

    Thich Nhat Hanh, Wie weiterleben, wenn ein geliebter Mensch stirbt? O.W. Barth Verlag

    Es gibt es auch als Hörbuch, sehr einfühlsam von Herbert Schäfer gesprochen.

    Da wird alles, das, was Gabriel oben anführt, noch intensiver besprochen. Geführte Meditationen sind auch dabei. Ich habe es schon unzählige Male gehört, es ist Weisheit pur.

    A n g e l a

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