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Eltern, Kind und Kinderstube: 22. von 144

Lebensentwürfe

Von Eckehard

Entwerfen wir uns selbst oder hat eine andere Macht ihre Hände im Spiel, nach deren Bild wir werden sollen? – so könnten wir die Überlegungen aus dem vorigen Unterkapitel fortsetzen. Der Philosoph Jean-Paul Sartre war überzeugt, daß jeder den Entwurf für seine Existenz selbst kreiere. Deshalb nannte man ihn wohl auch einen „Existenzialisten“. Außerdem war er Atheist. Er glaubte weder an Gott, noch an Himmel oder Hölle. Die Hölle, ließ er eine Gestalt in einem seiner vielen Theaterstücke frech sagen, „die Hölle: Das sind die Andern!“


An das was du glaubst, ist für dein Kind lebenswichtig. Darüber werden wir (in 77. von 144)[1] noch eindringlicher sprechen. Heute steht im Vordergrund: Was kann ein Kind erreichen und was davon ist sein eigener Entwurf? Frägst du ein Zehnjähriges, dann hat es Mühe sich das vorzustellen. Aber es merkt, daß es da etwas vorzustellen gibt, und bringt als Zukunftsbild für sich selbst einen Berufsumriß[2] heraus, ungefähr so: „Was mit Tieren“ – „Was mit Kindern“ – „Was mit Reisen“ – Was mit was auch immer. Frägst du dagegen ein Vierjähriges, dann weiß das viel sicherer, daß es König, Millionär, Brummifahrer, Lokführer, Doktor, Polizist, Feuerwehrmann, oder dasselbe wie der Vater werden will.

Hüte dich bei Kindern vor Einwänden gegen „unrealistische“ Berufswünsche! Ein kleines Kind ist immer gekränkt, wenn jemand seinen Berufswunsch „König“ mit „Da mußt du königliches Blut haben“ kontert[3]

Andere werden einem Mädchen, das Pilot werden will, erwidern, daß es dazu ein Mann sein müßte. – Das hat die Feministinnen auf den Plan gerufen, die das Verkehrte wacker in die andere Richtung hin übertreiben.

Niemand muß auf einen Beruf verzichten, weil irgendwas mit seinem Blut oder seinem Geschlecht nicht stimmt. Ein Beruf ist immer ein äußeres Bild, eine Verkleidung für eine Art von Butler im Dienst der Gesamtmenschheit. Dieser Diener ist zwar immer von seinem Charakter her männlich, selbst bei einem „Frauenberuf“ wie Hebamme. Weiblich dagegen ist stets seine Funktion, die Hingabe an seine Aufgabe. Deshalb können Jungen auch eine Frauenrolle und Mädchen eine Männerrolle übernehmen. Sie tun das dank der Fähigkeit von Kindern in allen Rollen den Daseinsgehalt auszuprobieren. Sie haben dabei Empfindungen und Gefühle, die ihnen keiner wegnehmen kann. Einsprüche anmelden kann man erst später, wenn mit der Geschlechtsreife auch der Schulabschluß in Aussicht steht.

Entwürfe haben Kinder auch dann im Sinn, wenn sie nicht konkret nach ihren Zielen gefragt werden. Im Gegenteil: In der direkten Befragung haben sie eher Mühe und reagieren oft verdrossen. Deshalb spitz deine Ohren, am besten stets mit Notizbüchlein in der Nähe, und behalt, was so plötzlich aus deinem Kind hervorbricht, bei Tisch, auf Reisen, bei Spaziergängen oder nach Besuchen. Was denkt es über Menschen, über deren Tun? Was will es wissen, was können? Wissen, Können, sein Wollen wie … ist eine der wichtigsten Triebfedern für das „Entwurfswesen Kind“. Warum will es denn wissen? Immer um so zu sein! Anders kommt Wissen überhaupt nicht in der Seele an.

Wissen Anlesen, gibt es erst, wenn abstraktes Denken möglich geworden ist, also bestimmt nicht vor der Pubertät. Wenn du nun ein Kind von überragender Denkfähigkeit hast, nimm dennoch Rücksicht auf sein Drinstecken in allem, was es weiß. Man verletzt es, wenn man mit ihm „diskutiert“. Diskutieren ist lateinisch und heißt „zerschneiden“. Steckt ein Kind mit seiner ganzen Einbildungskraft in seiner Rolle in dem drin, was „diskutiert“ wird, dann wird es „zerschnitten“. Abstrakt denken können dagegen heißt, ohne seelisch hineinschlüpfen zu müssen, bei einer Sache sein. Dazu muß ein Mensch seinen Körper erst ganz in Besitz genommen haben. Dann dringt er auf Gebiete außerhalb seiner selbst vor, entwickelt zugleich Macht-und Verantwortungsvermögen. Jetzt kann abstrakt diskutiert und begonnen werden, die Entwürfe für den Berufsweg konkret auf ihre Machbarkeit hin zu prüfen (und auf die Menschheit loszulassen).

© 1998 und 2019


[1]Siehe später 77. ‚Was glauben Sie? Das Unerhörte‘ In „Abenteuer Erziehung“ (www_eahilf.de) Seite 195: 11. Kommt es unter Überschrift „‘Was spricht die tiefe Mitternacht?‘ Das empörende Ich-Selbst“

[2] „Abenteuer Erziehung“ Seite 277 „Berufswahl“, hier später 109. Von 144: „Zukunft“

[3] Ein Berufswunsch in ganz jungen Jahren ist ein Bild für eine Art von Dienst, den ein Kind der Menschheit, die es aufgenommen hat, angedeihen lassen möchte. Auf diese Art möchte es sich dankbar erweisen.


7 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. Drusius sagt:

    Es gibt Malkurse, da dürfen die Kinder frei malen. Alle Kinder malen auf der ganzen Welt die gleichen Sachen, wenn sie dürfen. Arno Stern hält darüber Vorträge. Wenn Kinder „erzogen“ malen sie die gleichen Bilder aber sie zeigen deformierte Formen.

    Interview Arno Stern: wie man Kinderbilder nicht betrachten soll
    (https://www.youtube.com/watch?v=F52yOX1gOgg)

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  3. Mujo sagt:

    Das Kinder etwas werden wollen ist genau diese Affenfalle in die wir sie als Erwachsene Stecken.
    Als ich das erkannt habe, habe ich meine Kinder nie wieder gefragt was sie werden wollen.

    Kinder sind schon wer, sie müssen es nicht erst werden. Nur ein Verstand und unsere Gesellschaftliche Erziehung glaubt so ein Unsinn das sie etwas werden müssen.

    Etwas anderes ist es wenn sie von sich aus schwärmen dies und jenes einmal für länger zu machen und sie dabei in ihren Interessen zu Unterstützen.
    Solange bis etwas neues interessantes wieder auftaucht. Wenn sich aber manche Dinge wiederholen oder ähnlich sind, bekommt man eine Ahnung wo die Richtung einmal hingehen soll.

    Die allerwenigsten Kinder Wissen mit 4 Jahren falls die Eltern sie nicht darauf getrimmt haben was sie später einmal dauerhaft Ausüben werden.
    Die Wahrscheinlichkeit ist hoch in einer Musiker Familie wo alle Instrumente Spielen werden die Kinder den Beruf später auch ergreifen. Das heißt aber nicht das es auch die wirkliche Berufung dieses Kindes ist.

    Offen sein für alles, und nach möglichkeit vieles Ausprobieren lassen.

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  4. Hilke sagt:

    Der kleine Nachbarsjunge war 4 od.5, als er unbedingt ein Waldhorn haben wollte. Sein Vater, Organist, meinte irgendwann, nagut, kaufen wir ihm ein gebrauchtes u. gucken dann weiter. Fortan weckte er mich, wenn ich am WE dort Babystting machte, morgens mit Horn „Der Mond ist aufgegangen“, weil: „Das ist doch dein Lieblingslied“ 😉 Wer kann da noch böse sein, selbst wenn ich aus dem Bett gesprungen war vor Schreck.
    Tatsächlich war es der eigne Wunsch des Kindes. Heute ist er tatsächlich Berufs-Hornist.

    Aber wie auch ich letztens sagte: Kinder SIND doch schon. Wir Erwachsenen wollen immer „was werden“. Das übertragen wir dann auf die Kinder.
    So gehen sie von der Gegenwart, ihrer vollen Präsenz, in die Zukunft die nicht ist…

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  5. eckehardnyk sagt:

    Am hier noch nicht erschienenen Anfang von diesen Texten, bei 1. von 144, steht: „Wie wird mein Kind ‚pflegeleicht‘ und ‚erfolgreich?
    Wie es das wird? Bedenken Sie – ES ist es schon.“ Dieser Grundsatz zieht sich durch alle Kapitel, dass die Voraussetzungen zum selbstbestimmten Menschsein und allen damit verbundenen Wünschbarkeiten bereits gegeben sind und durch die Pflege beim Heranwachsen frei werden, wenn man sie lässt und ihnen die entsprechende „Nahrung“ im umfassenden Sinne zuführt. Die Kommentare hier machen auf diese Voraussetzungen in immer wieder anderen Worten und durch andere Erfahrungen geprägt aufmerksam. Dadurch wird diesem Text eine dankenswert reichere Vollständigkeit zuteil.

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  6. Hilke sagt:

    Danke Ecki18:37 , hast du (wieder) schön gesagt.

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