bumi bahagia / Glückliche Erde

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Ode an die Faulheit

(Ludwig der Träumer) Mir bleibt auch gar nichts erspart. Zum dreißigsten Mal wurde ich zur Weihnachtsfeier in der Firma eingeladen für die ich als Freelancer regelmäßig arbeitete. Auch nach meiner Kündigung und Ausstieg aus dem Erwerbsleben (was für ein fürchterliches Wort) halten die an dieser Tradition fest. Es müßte eigentlich eine Ehre für mich sein. Warum ich mich inzwischen dagegen sträube und mir geschworen habe, das war das letzte Mal, liegt an der Entwicklung der Weihnachtsfeiern von damals bis heute.

In meiner Einladung stand auch noch, ich soll zum dreißigjährigen Jubiläum eine Rede halten. Da ich mich inzwischen auf Grabreden eingeschossen habe, lag es nahe, hier eine solche zu halten. Sie wäre sicher angebracht aufgrund des halbtoten Miteinanders in dieser Firma, die seltsamerweise nur noch eines kennt – Money Money. Nun ich hatte diese Rede gelassen. Es kommt ohnehin wie es kommt. Die hirnlose Arschkriecherei in den Turbokapitalismus und Puritanismus der Selbstkasteiung braucht keine Grabrede.

Nun zur Rede:

Danke für diese Einladung. Als Verwesungsanwärter kann ich mir inzwischen alles erlauben – sogar die Wahrheit, die mir meine weltlich monetäre Existenz nicht mehr bedroht. Betriebliche Weihnachtsfeiern sind ein Indikator für den Geist einer Firma. Waren sie vor dreißig Jahren noch locker flockig, so sind sie heute geprägt von einem Geist, der an streng geführten Sekten  erinnert. Der Umgang miteinander war damals noch menschlich. Die Kollegen hatten sich gegenseitig gestützt, wenn etwas schief lief. Heute wird beim geringsten Anlaß rausgemobbt. Konnte damals sich ein Kollege hemmungslos vollaufen lassen und dem Chef in die Wade beißen, so war das der lustigen Feier geschuldet. Er wurde danach von den Kollegen liebevoll nach Hause getragen. Auch wenn diese so besoffen waren, daß sie ihn auf dem Nachhauseweg hatten dreimal fallenlassen. Vollgesoffene Liebeserklärungen an die Frau des Chefs hatten kein Nachspiel – kein #meetoo-Aufstand. Es wurde gesungen, gelacht, getratscht und manchmal besoffen gestänkert. Alles kein Problem. Am nächsten Montag waren alle wieder nüchtern und weiter gings mit der Arbeit.

Und heute? Das Protokoll für den Staatsbesuch der Quien ist ein lockeres Treffen gegenüber den heutigen Regeln einer Weihnachtsfeier. Die Weihnachtsfeiern die ich hier in den letzten Jahren erlebte, erinnern eher an eine verkrampfte Trauerfeier als das für sie einst gedacht war.

Keiner traut sich mehr aus sich herauszukommen. Fröhlichkeit wird verlogen vorgespielt. Die Frauenbeauftragte sorgt für gendergerechte Kommunikation. Die Entscheidung, was gesoffen wird, ist vom strengen Blick der mindestens halbmaratonlaufenden voll durchtrainierten karrieregeilen Kollegen*Innen bestimmt. Doch lieber einen linksdrehenden milchsauervergorenen Affenbrottee trinken um nicht in Ungnade zu verfallen. Das hier dem inzwischen artgerecht gehaltenen Hamsterradler empfohlenen Menüs möchte ich eigentlich nicht erwähnen. So was von vegan, das jeden Normalo eher verhungern läßt als da reinreinzubeißen. Alles dem Konsens geschuldet – wir sind fit für die Zukunft. Ganz zu schweigen von Rauchern. Die sind zum Glück von den dieselholokausten Mördern etwas in den Hintergrund gerückt. Aber nur, wenn sie dieser Sucht unwiderruflich abschwören. Wozu gibt es Valium?

So beschränke ich mich auf eine Zeit, die anders hätte verlaufen können. Sie wurde angedacht von Klardenkern, die zwar Anarchisten genannt wurden, aber Schöpfers Gedanke bis heute inne haben. Danke liebe Festbesucher, daß sie mich noch nicht rausgeschmissen haben. Wußte ich doch, daß mein angekündigtes Thema euch brennend interessiert.  Es geht um Faulheit. Ich möchte zwar nicht behaupten, daß Faulheit die Weltenformel schlechthin ist, jedoch ist sie einer der wichtigsten Bausteine dahin.

Ich hatte eine sehr lange Rede angedacht, die dem Thema würdig wäre, mich aber zum Glück auf mein Lebensprinzip besonnen – dem faul Sein. Daher nur eine ganz kurze Rede. Ich würde mir ja sonst selbst widersprechen. Wer mag kann das Thema bei unserem seelenverwandten Paul Lafargue ausführlich studieren.

http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm Das Recht auf Faulheit.

Und wieder geht’s mit neuem Fleiß an den gleichen Scheiß!

Was will uns dieses Sprichwort sagen? Nun – Seht her, was der Fleiß um jeden Preis uns in der Welt gebracht hat. Man stelle sich vor, jedem Menschen wäre eine gesunde Faulheit inne. Hätten wir dann nicht schon längst das Paradies auf Erden?

Möchte meine Rede mit den Worten von Lessing abschließen:

Die Faulheit

Fleiß und Arbeit lob‘ ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob‘ ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
nur nicht faul zu Lieb und Wein,
nur nicht faul zur Faulheit sein.

So, jetzt lassen wirs richtig fleißig krachen – mein letzte Wort, bevor mir die Pressebevollmächtigte empfahl, mich aus dem Staub zu machen. Nix lieber als das.

 

 

 

 


7 Kommentare

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  2. palina sagt:

    wunderbare Rede Ludwig. Und so wahr.
    Habe mich köstlich amüsiert.

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  3. palina sagt:

    auch wenn das ein etwas langer Text ist, füge ich es trotzdem ein.
    Weil es einfach eine klasse Einladung ist.
    Entspricht in etwa dem was Ludwig hier beschreibt:

    Einladung zur Weihnachtsfeier
    1. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

    Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass unsere Firmen-Weihnachtsfeier am 20.12. im Argentina-Steakhouse stattfinden wird. Es wird eine nette Dekoration geben und eine kleine Musikband wird heimelige Weihnachtslieder spielen. Entspannen Sie sich und genießen Sie den Abend… Freuen Sie sich auf unseren Geschäftsführer, der als Weihnachtsmann verkleidet die Christbaumbeleuchtung einschalten wird! Sie können sich untereinander gern Geschenke machen, wobei kein Geschenk einen Wert von 20 EUR übersteigen sollte.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine besinnliche Adventszeit.
    Tina Bartsch-Levin
    Leiterin Personalabteilung
    2. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Auf gar keinen Fall sollte die gestrige Mitteilung unsere muslimischen Kollegen isolieren. Es ist uns bewusst, dass Ihre Feiertage mit den unsrigen nicht ganz konform gehen: Wir werden unser Zusammentreffen daher ab sofort „Jahresendfeier“ nennen. Es wird weder einen Weihnachtsbaum noch Weihnachtslieder geben.
    Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine schöne Zeit.
    Tina Bartsch-Levin
    Leiterin Personalabteilung
    3. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Ich nehme Bezug auf einen diskreten Hinweis eines Mitglieds der Anonymen Alkoholiker, welcher einen „trockenen“ Tisch einfordert. Ich freue mich, diesem Wunsch entsprechen zu können, weise jedoch darauf hin, dass dann die Anonymität nicht mehr gewährleistet sein wird… Ferner teile ich Ihnen mit, dass der Austausch von Geschenken durch die Intervention des Betriebsrats nicht gestattet sein wird:
    20 EUR sei zuviel Geld.
    Tina Bartsch-Levin
    Leiterin Personalforschung
    7. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Es ist mir gelungen, für alle Mitglieder der „Weight-Watchers“ einen Tisch weit entfernt vom Buffet und für alle Schwangeren einen Tisch ganz nah an den Toiletten reservieren zu können.
    Schwule dürfen miteinander sitzen. Lesben müssen nicht mit Schwulen sitzen, sondern haben einen Tisch für sich alleine. Na klar, die Schwulen erhalten ein Blumenarrangement für ihren Tisch.
    Endlich zufrieden?
    Tina Bartsch-Levin
    Leiterin Klappsmühle
    9. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Selbstverständlich werden wir die Nichtraucher vor den Rauchern schützen und einen schweren Vorhang benutzen, der den Festraum trennen kann, bzw. die Raucher vor dem Restaurant in einem Zelt platzieren.
    Tina Bartsch-Levin
    Leiterin Personalvergewaltigung
    10. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Vegetarier! Auf Euch habe ich gewartet! Es ist mir scheißegal, ob´s Euch nun passt oder nicht:
    Wir gehen ins Steakhaus!!! Ihr könnt ja, wenn Ihr wollt, bis auf den Mond fliegen, um am 20.12. möglichst weit entfernt vom „Todesgrill“, wie Ihr es nennt, sitzen zu können. Labt Euch an der Salatbar und fresst rohe Tomaten! Übrigens: Tomaten haben auch Gefühle, sie schreien wenn man sie aufschneidet, ich habe sie schon schreien hören, ätsch ätsch ätsch!
    Ich wünsch Euch allen beschissene Weihnachten, besauft Euch und krepiert!!!!!
    Die Schlampe aus der dritten Etage.
    14. Dezember
    AN: ALLE MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
    Ich kann sicher sagen, dass ich im Namen von uns allen spreche, was die baldigen Genesungswünsche für Frau Bartsch-Levin angeht. Bitte unterstützen Sie mich und schicken Sie reichlich Karten mit Wünschen zur guten Besserung ins Sanatorium. Die Direktion hat inzwischen die Absage unserer Feier am 20.12. beschlossen. Wir geben Ihnen an diesem Nachmittag bezahlte Freizeit.
    Josef Benninger
    Interimsleiter Personalabteilung

    Gefällt 3 Personen

  4. Thom Ram sagt:

    Palina 13:25

    Harharhar!!!

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  5. Bettina sagt:

    Ich würde jetzt gerne die Einladung zur Firmenweihnachstfeier meiner ehemaligen Firma einwerfen, aber ich habe sie leider just Vegan- und Gendergerecht entsorgt!
    Jedes Mal, wenn ich Post von der Firma erhalte, dann schäme ich mich tagelang bis zu den tiefsten holocausttechnischen Gehirnwindungen!

    Danke Ludwig, ganz lieben Dank, du bringst den Irrsinn immer wieder auf den Punkt!

    Gefällt mir

  6. Thom Ram sagt:

    Bettina,
    du enttäuschest mich. So gerne hätte ich mich erbauet ob der von dir sträflich leichtsinnig vernichteten Einladung zum Fest der Liebe.

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  7. Palina, dank dir für den köstlichen Fund – also die Kost die uns künftig vorgesetzt wird. Es ist bereits Realität – keine Satire, was da in den Beschäftigungsstuben abgeht. Ich weiß aus erster Quelle von so einer Schlampe äh Leiterin der Personalvergewaltigung einer Behörde in Nordbaden, daß sie all die Sonderwünsche in einen Hut zu bringen hatte. Sogar diejenigen, die gar nicht zur Weihnachtsfeier eingeladen wurden, aber mitschwätzen wollten. Also solche, die sich durch die fröhliche Ausgelassenheit der Feiernden nach alter Tradition in ihrer wichtigen Aufgabe zur Rettung der Welt diskriminiert fühlen oder in ihrer religiösen Freiheit verletzt sehen. Die Order kam von oben – dem Landrat, der auch den örtlichen Weihnachtsmarkt in das Lichterfest, das Mohamed nicht zürnt, verwandeln wollte. Alte fettgefressene und gut monetär aufgestellte Säcke geben den Takt vor und junge – vor allem??? Mädchen takten ein.
    Es ist keine Satire, was Palina da ausgekramt hat. Genau solche Erlebnisse hatte mir eine alte bodenständige Freundin aus der Verwaltung dieser Tage erzählt. Sie hatte sich am letzten Wochenende die Kanne gegeben und ist seither krankgemeldet. Mein Beitrag war also aktueller Anlaß. Was hier noch hübsch von mir über die heutigen Weihnachtsfeiern gesenft wurde ist längst durch eine andere Realität überholt. Die hirnrissigen Etiketten, die heutige Weihnachtsfeiern zugunsten der Erhaltung der Arbeitskraft sind schon fast überholt. Der Bunzel hat sie bereits inne. Erhaltung der Gesundheit durch Enthaltung aller Freuden des Lebens um die Götter des Mammons nicht zu erzürnen. Da alles im allgemeinen Leben abstumpft – also die Routine, genügt zur maximalen kapitalistischen Ausbeute die bisherige Indoktrinierung nicht mehr. Bunzel hat Schnauze voll. Weiß aber nicht mehr weiter.
    Da kommt dieser wüste Sohn Mohamed gerade recht um neues Bewußtsein ins Leben der verwahrlosten Ungläubigen der wahren Bestimmung des Menschen in die Hirne einzupflanzen. Ein Glücksfall sozusagen. Der hat doch alles drauf, was uns in der westlichen Welt plagt.
    Also rein ins Abenteuer – aber ohne mich. Einen dritten Weltkrieg wird es nicht mehr geben. Den braucht es auch nicht mehr. Es braucht keine Atombomben mehr oder Putin um die Welt in Schutt und Asche zu legen. Ein Mohamed reicht, wenn es so weitergeht in Europa. Und – es geht so weiter.
    Nun – ich bin doch noch zuversichtlich. Auch diese Scheiße der Verirrung werden wir überwinden. Aber erst in meinem nächsten Leben ab 2051. Werde dann in bb fröhlich darüber schreiben. Versprochen.

    Noch zwei dabbische Vids:

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