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…dann sagte ein Pflüger / Von der Arbeit

Dank an Hilke für das Erinnern an diesen Text!

thom ram, 17.09.2014

.

Von der Arbeit

 
Dann sagte ein Pflüger:

Sprich zu uns von der Arbeit.

Und er antwortete und sagte:

 
Ihr arbeitet,um mit der Erde und der Seele

der Erde Schritt halten zu können.

Denn Müßigsein bedeutet,sich den

Jahreszeiten zu entfremden und die

Prozession des Lebens zu verlassen,

das majestätisch und in stolzem

Gehorsam auf die Unendlichkeit zuschreitet.

 
Wenn ihr arbeitet, seid ihr eine Flöte,

durch deren Herz sich das Flüstern

der Stunden in Musik verwandelt.

Wer von euch wäre gern ein Schilfrohr,

stumm und schweigsam,wenn alles

andere im Chor zusammen singt?

 
Von jeher habt ihr gehört,Arbeit sei ein

Fluch und Mühsal ein Unglück.

Ich aber sage euch: Wenn ihr arbeitet,

erfüllt ihr einen Teil des kühnsten Traums

der Erde,der euch anvertraut wurde,

als dieser Traum entstand.

Und indem ihr euch Mühsalen unterzieht,

erweist ihr dem Leben eure Liebe,

und das Leben durch die Arbeit lieben heißt,

mit dessen innerstem Geheimnis eins zu sein.

 
Aber wenn ihr in eurem Schmerz die Geburt

eine Heimsuchung nennt,und die Erhaltung

des Fleisches einen Fluch,der euch auf die

Stirn geschrieben wurde,dann antworte ich,

dass einzig der Schweiß eurer Stirn das,

was geschrieben steht,tilgen wird.

 
Ihr habt auch gehört,das Leben sei Finsternis,

und in eurer Kraftlosigkeit sprecht ihr es

den Kraftlosen nach.

Und ich sage,dass das Leben in der Tat

Finsternis ist,wenn ohne Verlangen,

und alles Verlangen blind,

wenn ohne Wissen,

und alles Wissen eitel,

wenn ohne Arbeit,

und alle Arbeit leer,wenn ohne Liebe.

Und wenn ihr mit Liebe arbeitet,

verbindet ihr euch mit euch selbst

und einander und Gott.

 
Und was bedeutet ,mit Liebe arbeiten?

Es bedeutet,den Stoff aus Fäden zu weben,

die ihr eurem Herzen entspinnt,

gerade so,als wäre der Stoff für euren

Geliebten zum Tragen bestimmt.

Es bedeutet,ein Haus mit Zuneigung

zu bauen,gerade so, als wäre das Haus

für eure Geliebte zum Wohnen bestimmt.

Es bedeutet,die Saat mit Zärtlichkeit zu säen

und den Acker mit Freude abzuernten,

gerade so,als wären die Feldfrüchte

für eure Geliebten zur Speise bestimmt.

Es bedeutet,jedem Ding,das ihr schafft,

etwas von eurem Geist einzuhauchen,

und zu wissen,dass alle seligen Toten

um euch stehen und zuschauen.

 
Oft habe ich euch sagen hören,

als redetet ihr im Schlaf:“ Wer mit Marmor

arbeitet und im Stein die Gestalt seiner

eigenen Seele entdeckt,ist edler als der,

der den Boden pflügt.

Und wer den Regenbogen einfängt und ihn

zum Ebenbild des Menschen auf eine

Leinwand legt,steht höher als der,

der die Sandalen für unsere Füße fertigt.“

Ich aber sage euch-nicht im Schlaf,sondern

in der vollkommenen Wachheit des Mittags-,

dass der Wind zu den riesigen Eichen nicht

lieblicher spricht als zum dürftigsten Grashalm.

Und der allein ist groß,der die Stimme

des Windes in ein Lied verwandelt,das durch

seine Liebe noch lieblicher wird.

 
Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.

 
Und wenn ihr nicht mit Liebe arbeiten könnt,

sondern nur mit Widerwillen,dann ist es

besser,wenn ihr eure Arbeit aufgebt und

euch an das Tempeltor setzt und von

denen Almosen annehmt,

die mit Freude arbeiten.

Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit backt,

backt ihr ein bitteres Brot,das den Hunger

des Menschen nur zur Hälfte stillt.

Und presst ihr widerstrebend die Trauben,

träufelt euer Widerstreben Gift in den Wein.

Und singt ihr wie mit Engelszungen

und liebt doch den Gesang nicht,

so verstopft ihr die Ohren der Menschen

für die Stimmen des Tages

und die Stimmen der Nacht.

*

Khalil Gibran: Der Prophet.

Übersetzung von Ditte und Giovanni Bandini

(c) 2003 Deutscher Taschenbuch Verlag, München

http://www.dtv.de


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