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Die beiden Pole der Familie und ihr Äquator

Bündnis mit Kindern 1.9.5 (Szene 67)

Eckehardnyk, 17. August NZ14

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Wer kennt nicht das Lateinische divide et impera!, „teile und herrsche!“ ? Dieses Teile wird meistens als „spalte“1 oder „zerschneide“2 verstanden, um einen Gegner zu schwächen.

Doch der eigentliche Wert dieser Sentenz besteht darin, die erlangte Herrschaft mit einem Bundesgenossen auszuüben. In der Antike Griechenlands gab es in Sparta jeweils zwei Könige und in Rom zwei Konsuln, die in Friedenszeiten regierten. Es gilt aber auch heute noch, und zwar überall, wo Kinder zu Hause sind

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Ihr als Eltern werdet mit einer selbstbestimmten Entscheidung auch mal in Not geraten. Was nämlich häufig vorkommt, ist Delegation als Spaltung elterlicher Macht. Mutter möchte auch mal frei nehmen und ihre Interessen, ohne über Kinder zu stolpern, wahrnehmen. Sie überträgt ihre mütterliche „Gewalt“ an Vater. Und wie?! Er muss alles so machen, wie sie es gern hätte. Sie schreibt ihm vor (oder auf), was er zu tun und vor allem, zu unterlassen habe.

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Solange sie dann weg ist, ist es für ihn ein Leichtes, sich auf seine Weise daran zu halten. Aber die Kinder passen auf und die sagen etwas wie:Mama hat aber gesagt, wir dürfen das“ Ob das jedes Mal stimmt, ist noch die Frage. Es geht ums Prinzip, dass die Kinder von „gespaltener Macht“ zu profitieren suchen. Man nennt das auch, die Eltern gegeneinander ausspielen.

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Kommt das heute in allen Familien vor? Das kommt in all jenen Familien vor, die von der „Dialogischen“, also von jener Orientierung nichts gehört oder Abstand genommen haben, die wir in Szene 24 besprochen haben. Eine dialogische Einstellung der Eltern verhindert, dass sie infolge freilich berechtigt unterschiedlicher Herangehensweisen an ihre Aufgaben, Bereiche, Gebiete, „Ressorts“ oder „Provinzen“ von ihren Kindern gegeneinander ausgespielt werden. –

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Die beiden, Frau und Mann, Mutter und Vater, sind entgegengesetzte Sphären, in deren Einflussbereich unterschiedliche Bedingungen herrschen. Als Nordpol und Südpol einer rotierenden Kugel sind sie Teile desselben Ganzen. Die Pole bleiben immer getrennt, aber ihre Sphären berühren sich am Äquator, wo in tropischer Schwüle die Gegensätze der Hemisphären ineinander verfließen.

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Das heißt übertragen, „am Äquator“ treten Eltern „feucht“ oder „regennass“ und gemeinsam auf, weiter südlich oder nördlich sind ihre Sphären „trocken“ getrennt und verschieden. Geografisch gesprochen sehen wir im Norden den zunehmenden Mond offen nach links, jenseits des Äquators im Süden offen nach rechts; auf der Nordhalbkugel steht die Sonne mittags im Süden, auf der Südhalbkugel dagegen zu gleicher Zeit im Norden. Beides ist richtig und entspringt natürlichen und damit mathematisch überschaubaren Gesetzen.

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Im praktischen Leben bewirkt diese Einsicht übertragen auf Eltern einen großen Unterschied gegenüber „herkömmlicher“ Elternpräsenz, wobei natürlicherweise die Mutter mehr an Last und Verantwortung trägt. Sind nun die Kinder bei der Mutter, dann gelten ausschließlich ihre Regeln, Anordnungen, Wünsche und Gesetze. Übernimmt zum verabredeten Zeitpunkt der Vater die Kinder, geschieht der gleiche Prozess umgekehrt.

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Sollten sich Mutter und Vater zur selben Zeit zu Hause aufhalten, gilt für den jeweils „beurlaubten“ Elternteil, als wäre er zu Besuch, also außerhalb einer Veranlassung oder Verpflichtung, sich in das Geschehen zwischen Kindern und dem andren „Elter“ einzumischen,3 was zum Beispiel Anordnungen betrifft. Die Weisheit des Zulassens der verschiedenen Sphären – weit über den Alltag hinaus – des ausgleichenden Sowohl-als-auchs – hat Goethe in seiner Autobiographie (Dichtung und Wahrheit) als Vers für uns hinterlassen:

Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen; vom Mütterchen die Frohnatur, die Lust zu fabulieren.4

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Kinder leben mit den Unterschieden viel lieber als mit der Einheitsfront von „um des lieben Friedens willen“ vorgetäuschter oder erzwungener Harmonie. Wesentlich dabei ist die Echtheit von Persönlichkeiten, die in ihrer Verschiedenheit steckt, und in der Zusammenkunft von Eltern in intimster und edelster Weise für aufregende Gefühle von Nähe und Wärme sorgt. Das Vertrauen aufgrund der Liebe der Eltern zueinander erleichtert es, ja macht es überhaupt erst möglich, die Kinder immer wieder dem Andren, also dem anderen „Herrscher“ zu überlassen, zuzu“teilen“.

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Der Dialog eines Elternpaares beflügelt auch dessen Nachwuchs, miteinander in verschiedenen „Sprachen“ zu verkehren. Sie verwenden die Lebensvielfalt in immer lustigeren Kombinationen, obgleich sie im Grunde ihrer Herkunft treu bleiben. – Wir erinnern uns vielleicht, dass schon in Szene 31 ausgeführt wurde, welche Beziehung zwischen Leben und Fehlern bestehe. Das Leben kennt keine. Es ist, wie es ist. Scheitern ist kein Fehler, sondern Grundlage für den nächsten Anlauf. Jeder ist ein Leben für sich; so liegen oder steuern wir richtig und versuchen, unsere Vollständigkeit auf allen Positionen immer wieder zu erreichen und glücklichen Falls zu erweitern. Das gelingt jedem von uns auf seine ganz „lebenswürdige“ Weise.

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Gerade das Hinstreben auf etwas zu Erreichendes beflügelt Kinder, durch ihre Eltern die Welt zu erfahren und eines Tages allein auch ihr eigenes Spiel darin zu beginnen und zu „verantworten“. – Legt in der Familie Wert auf bestmögliche Flexibilität, die euch eure kulturelle Herkunft erlaubt! Beispielsweise sind Calabrien und Zürich voneinander erkennbar verschiedene Welten, mit unterschiedlichen „Ismen“ als religiösem oder traditionellem Hintergrund. Sie wachsen zusammen, wo sie es dürfen, und bilden: Ein Reich, eine neue Kultur – nämlich die eurer aktuellen Familie


1 Lateinisch finde! von findere „spalten“

2 disseca von dissecare „zerschneiden“

3 Außer in Fällen von Misshandlung oder Missbrauch!

4 Das ist auch auf die verschiedenen Charaktere und Herkünfte von Vater und Mutter zu beziehen

(c) eah 2012 Abenteuer Erziehung und dessen 2. Auflage 17.8.2026



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