Aus verständlichen Gründen – weil ich’s anders nicht kann – wenden wir uns heute dem Genre „Mär“ (nicht Meer! und auch nicht ‚mehr‘ – he, nun nicht gleich enttäuscht sein) zu. Wie üblich sind jegliche Parallelen zu Personen und/oder Vorgängen in der Wirklichkeit rein zufällig und total unbeabsichtigt… –
LH, 16. August 2026 – – – – – – – – – – – – – – –
Es war einmal ein großes reiches Land, regiert von einem Alleinherrscher, dessen Vorgänger hatten es so eingerichtet, daß die Bewohner des Landes alle paar Jahre die illusorische Möglichkeit bekamen, an einem Plebiszit teilzunehmen, mit welchem sie angeblich Einfluß darauf hatten, wer denn der Thronfolger werden würde.
Freilich war von vornherein klar, daß der Sohn/Neffe/Schwiegersohn des Monarchen den Thron ‚erben‘ würde.
Außerdem gab es in den Plebiszit-Vorschriften genügend Möglichkeiten der – wie sagt man – ’schöpferischen Gestaltung‘ der Ergebnisse, die auch ganz offen benutzt wurden. Vor allem die Schreiber waren angehalten, stets die große Trommel für den Imperator zu rühren, damit auch alles „seinen gewohnten Gang“ ging.
Denn was tut man nicht alles seinen braven Untertanen zuliebe, zumal wenn sie doch dann gegenseitig sich selbst bezichtigen müssen, wenn etwas nicht so läuft, wie sie wollten: „da hast du wohl falsch angekreuzelt…“
Selbige Mechanismen wurden natürlich auch auf die Kolonie übertragen: da diese keinen eigenen Vize-König haben durfte, gab es dort sowas wie Standes-Kohorten, in denen sich die Bäcker, die Fleischer oder auch die Mann-Nager zusammenschlossen, um sich um die (freilich nur scheinbaren) Mitspracherechte in lokalen Kleinigkeiten zu bewerben. Denn das wurde recht gut bezahlt – freilich aus dem Steueraufkommen der Kolonie…
Und auch hier wurden ähnliche Methoden für das Plebiszit angewendet, es wurde sogar den Schreiberlingen die volle Wirkmacht übertragen: sie durften diensteifrige Gruppen aussenden, die an jenen Stimm-Tagen angeblich die Stimmenden befragten, was sie denn bei der ‚geheimen Wahl‘ angekreuzelt hätten.
Wer da antwortete „das sag ich nicht“, der bekam eine rote Schleife ins Haar geflochten.
Aber da in diesen Gruppen stets auch Vertreter der Macht-Kohorte anwesend waren und niemand von den Untertanen sich eine Blöße geben wollte, er würde der Linie des überseeischen Herrschers nicht folgen, entstanden so stets genehme Resultate, die gegebenenfalls nachträglich noch ein wenig geschönt wurden.
Später ließ man nur noch ein paar solcher Frage-Gruppen herumlaufen, in Wirklichkeit waren die Ergebnisse stets schon vorher festgelegt.
So daß stets die vorgesehenen Konfigurationen mit bedingungsloser Treue zum Imperium herauskamen, und man sich den ganzen mühseligen Aufwand der Auszählung sparen konnte…
Denn fleißig waren die Schreiberlinge schon, den kolonialen Untertanen die diktierten Ergebnisse aufzudrängen: sofort nach Schließung der Wahlkneipen wurden die frischgedruckten Zeitungen mit den vorläufigen Resultaten verteilt, die sich nachher „natürlich“ als ‚fast genau stimmend‘ herausstellten…
Freilich war das alles eine Maßnahme „nur für alle Fälle“, denn schon bei der Eroberung der Kolonie war offen dargelegt worden, daß die Kolonie nur einen Weg hat: dem Reich zu folgen, in allem und auf ewig.
So klappte das schon einige Jahrzehnte, und obwohl die Kolonie immer stärker und immer offener ausgesaugt wurde, war das eroberte Völkchen derart fleißig und friedliebend, daß es für den Imperator eine Freude war.
Freilich durfte er das niemals zeigen, im Gegenteil: er bezichtigte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, daß sie nicht untertänig und fleißig genug seien.
Und er trug ihnen auf, die benachbarten Völker, die – wenn auch nicht offiziell kolonisiert – ebenfalls unter seinem Einfluß standen, regelmäßig mit zusätzlichen üppigen Geschenken zu bedenken.
Wie diktatorisch die Anweisungen des Herrschers auch waren, sie wurden in der Kolonie brav und oft mit noch stärkerer Inbrunst durchgesetzt als im Reich selbst.
Wenn zum Beispiel der Imperator befand, daß das Regime in der Kolonie zu sehr für die Menschen eingerichtet war, dann wurden die entsprechenden ‚volksnahen‘ Tribunen „gewählt“, die bereit waren, die Bevölkerung noch stärker mit neuen Abgaben und auspressenden Vorschriften zu drangsalieren, auf daß – wie geschworen – noch mehr Nutzen für das Reich aus diesem Lande floß.
Einst war dem Monarchen von seinen Beratern vorgeschlagen worden, daß man die Untertanen in allen Ländern leichter lenken könne, wenn man sie möglichst weit von ihrer Mutter Natur entfernen würde.
So wurde überall den Fabrikanten und Grundbesitzern freie Hand bei der Ausnutzung der Bodenschätze ohne Rücksicht auf die dabei angerichteten Schäden garantiert.
Das ganze Land – Felder, Wälder, Flüsse, Seen, aber auch Straßen, Brücken, Häfen usw. – im Reich und in den Kolonien wurde in das private Eigentum der herrschenden Sippen überführt und konnte so ganz offen zuschanden gemacht werden – Hauptsache die Kasse klingelte bei den „richtigen“ Leuten.
Als dem Imperator die Macht zu Kopfe stieg und er den Lauf der Sonne bestimmen wollte, fanden seine Berater einen cleveren Ausweg: sie schlugen vor, die Bevölkerung aller beherrschten Länder aus der natürlichen Sonnenzeit herauszulösen.
So wurden zweimal im Jahr überall die Uhren derart umgestellt, daß während des größeren Teils des Jahres die Menschen in einer falschen Zeit, die nicht mit dem Lauf der Sonne und den sonstigen Vorgängen an Himmel und Erde übereinstimmte, leben mußten; von den heftigen Wirkungen dieser Umstellungen ganz abgesehen, war das ein wichtiger zusätzlicher Punkt in der flächendeckenden Beherrschung.
Und wie nicht anders zu erwarten, kam auch der Tag, daß dem dicken Tat Ohr dieser Zwang nicht mehr genug war: er wollte seine Untertanen das ganze Jahr in der falschen Zeit haben.
Oder waren es seine Macht-Profis, die ihm das geraten hatten, damit es noch leichter sei zu herrschen?
Man weiß es nicht…
Jedenfalls warten die Bewohner der Kolonie schon froh, mit gesenktem Kopf, darauf, daß sie nun demnächst das ganze Jahr außerhalb der Natur und ihrer Zeit leben werden…
Und die Moral von der Geschicht:
Laß dich nie kolonisieren nicht,
willst du nicht leben wie ein Wicht.
Oder mit dem Klassiker:
Wer eine Zung‘ hat und spricht nicht,
wer ein Schwert hat und ficht nicht,
was ist der, wenn ein Wicht nicht?